Dummer 218 Einzelpreis d,° St" Dienstag, den 17. September 1918 11. Iaiirgang. Die ..Neue Tageszeitung'' erscheint jeden Werktag. Regelmäßige Beilagen „Der Kauer aus Helfen", „Die Zpinnstube". Zezugsprsis: Bei den Postanstalten vierteljährlich Mt. 2.40 hinzu tritt noch das 53cfteIXgc1b; bei den Agenten monatlich 90 Pjg. einschließlich Trägerlohn. Anzeigen: Grundzeile 25 Pfg.» lokale 20Pjg^ Anzeigen von auswärts werden durch Posinachnahm* erhoben. Erfüllungsort Friedberg. tzchriftleitung und Derlag Friedberg (Hessen), Hanauerstraße 12, Fernsprecher 48. Postscheck-Tonto Nr. 4859, Amt Frankfurt a. M. Wo Krlehensbemetzlmg. Angriffe des Feindes zmilchen Ailette und Aisne gescheitert. — Daris mit 22000 Kilogramm Domden demorfen. — 24 Fingrenge und 15 Fesselballons abgejchosteu. Der deutsche Generalstad meldet: W. T. S. Großes HarrpSittt^rtiev, der- 16. Soptembev Amtlich. Westlicher Kriegsschauplatz. Heeresgruppen Kronprinz Rupprecht und B o e h n. ^ In der Lys-Riederung und südlich vom La Bassöe-Kanal führten wir erfolgreiche Unternehmungen durch. Zwischen Havrincourt und Epehy am frühen Morgen heftiger Artilleriekampf, dem bei und südlich von Havrincourt feindliche Teilangriffe folgten. Der Feind wurde abgewiesen. Tagsüber blieb die Gefechtstätigkeit in mäßigen Grenzen. Nordöstlich von Bermand. am Holnon-Walde und bei Efsigny-le- Graird Infanteriegefcchte. Heeresgruppe Deutscher Kronprinz. Heftige Teilkämpfe zwischen Ailette und Aisne. Nach vergeblichen Vorstößen am frühen Morgen brach der Feind am Abend erneut zum Angriff vor. Im allgemeinen wurde er abgewiesen. Er hat die Einbruchstelle aus den Kämpfen der Vortage etwas erweitert und faßte im Cüdteile von Vailly Fuß. Zwischen Aisne und Vesle blieb feindliche Infanterie untätig. Wir säuberten die aus den Kämpfen vom 14. 9. zurückgebliebenen kleinen Franzosennester. Heeresgruppe Gollwitz. Von der Cotes Lorraine bis zur Mosel lebte der Artilleriekampf am Abend zeitweilig auf. Vor unserer neuen Stellung entwickelten sich mehrfach heftige Infant?riegefechte, in denen wir Gefangene machten. Am Abend stand der Feind etwa in Linie Fresnes—St. Hillaire—Haumont—Rembercourt und im Walde von Rappes. Heeresgruppe Herzog Albrecht. . Vorstöße des Feindes an der lothringischen Front wurden abgewiesen. Als Vergeltung für das fortgesetzte Bewerfen deutscher Städte wurden auf Paris in vergangener Nacht durch die Bombengeschwader 22000 Kg. Bomben abgeworfen. Wir schossen gestern 24 feindliche Flugzeuge und 15 Fesselballone ab. Mazedonische Front: Im oberen Skumbi-Tal zerstreuten unsere Posten feindliche Erkundungsabteilungen. Auf der ganzen Front vom Prefpe-See bis zum Wardar erhöhte Feuertätigkeit. Westlich und nördlich Vitolia wurden mehrere feindliche Kompagnien die sich "*' r - Gräben nach heftiger Artillerievorbereitung zu nähe ..chten, durch Feuer zerstreut. Im Cernabogen beiderseits ycftiges Ari'illeriefeuer. Südöstlich Gra- deschnitza und um Dobropolje griff der Feind nach langer Artillerievorbereitung zweimal mit beträchtlichen Kräften unsere rorgeschobenen Gräben an, wurde aber blutig zurückgewiesen. Von Huma bis Eewgheli längerer Feuerwirbel der Artillerie auf beiden Seiten. Oestlich des Wardar und am Doiranfee wurden englische Sturmabteilungen durch Feuer zerstreut. || Das türkische Hauptquartier 1:=:=^ meldet: =^==® Konstantinopel, 14. Sept. (WB.) Generalstabsbericht. Palästinafront: Vereinzelte Artilleriekämpfe. Feindliche Aufklärungsabteilungen, die an mehreren Stellen der Front vorfühlten, wurden überall abgewiesen. In der Gegend von Dafile endete ein Patrouillengefecht mit der verlustreichen Flucht der Rebellen. Ostfront: Unsere vorrückenden Truppen warfen den Gegner aus einer Stellung am Kefla-Paß, acht Kilometer südöstlich von Mijane. Don deir übrigen Fronten nichts Neues. Konstantinopel, 15. Sept. (WB.) Generalstabsbericht. Palästinafront: Im Küstenabschnitt geringe Artillerie- lätigkeit. Feindliche Erkundungsvorstöße wurden von uns abgewiesen. Beiderseits der Straße Jerusalems-Nablus gesteigerte Eefechistätigkeit Unsere Stellungen östlich der Straße lagen unter starkem Artilleriefeuer. Wir bekämpften feindliche Batterien bei Et-Tell und vertrieben vorfühlende Aufklärungsabteilungen des Gegners. Im Iordantale Artilleriekämpfe bei reger FliegertLtigkeit. Aftikafront: In den letzten Augusttagen scheiterten wiederholte Ausfallversuche der Italiener aus den Küstenplätzen Tripolis und Homs. Erfolgreiche Patrouillenunternehmungen führten uns bis in die feindlichen Stellungen. In Tunis überfielen wir eine Kamelkolonne, eroberten dabei hundert Kamele, einige Pferde und Waffen. An den übrigen Fronten keine Ereignisse von Bedeutung. Der erste Eeneralquartiermeister: Ludendorff. Abeudberlcht. Berlin, 16. Sept., abends. (WB. Amtlich.) Erneute Angriffe des Feindes zwischen Ailette und Aisne sind im Großen gescheitert. Von den anderen Kampffronten nichts Neues. Der österreichische Generalstab ========= meldet: ——Tr-rrm~:i Wien, 16. Sept. (WV.) Amtlich wird verlautbart: Bei Mori und auf dem Monte Limone wurden feindliche Patrouillen abgewiesen. An den Sieben Gemeinden scheiterten mehrere italienische Vorstöße. Im Brenta-Tal drückte der Feind unsere Feldwachenlinien etwas zurück. Im albanischen Küstengebiet versuchten die Italiener vergeblich, uns den Raumgewinn der letzten Tage wieder zu entreißen. Der Ehcf dcö GknernlstabeS. Der bulgarische Generalftab === meldet: a Sofia, 13. Sept. (WB.) Cencralstabsberichte vom 13. und 14. September. Mazedonische Front: Südwestlich von der Skumbiquelle warfen unsere Vorposten feindliche Abteilungen zurück. Im Tscheruabogen und beiderseits des Dobropolje heftige Feuerangriffe auf beiden Seiten. Bei Kufuruz und östlich des War- dar versuchten feindliche Sturmabteilungen sich unseren Posten zu nähern, wurden aber durch Feuer zerstreut. Im Strumatal Patrouillengefechte auf dein Vorgelände der Tscherna, Vize- feldwebel Fiezeler errs»g seinen 15. Luftsieg. ^ie Schlacht im Westen. Berlin, 10. Sept. (WV.) An der Cambraifront setzte der Engländer seine Angriffe fort. Allerdings hat es den Anschein, als ob die Stoßkraft ftiner Truppen durch die acht Tage hindurch fast ununterbrochen fortgesetzten Anstürme bereits gelitten hat. In dem durch den täglichen Granat- Hagel zerrissenen, durch Regengüsse aufgeweichten versumpften Gelände gleiten seine Tanks ans und werden unverwendbar während seine Infanterie knietief im Schlamm versinkend sicki gegen die deutschen Stellungen vorzuarbeiten sucht. Die Angriffe, die der Engländer am 15. ansetzte, zersplitterten zwischen Havrincourt und Gouzeaucourt im deutschen Vernichtungsfeuer zu Teilstößen und brächen trotz dem Einsatz zahlreicher, tief fliegender Schlachtflieger zusanrmen. In dem nach Süden anschließenden Abschnitt von Gouzeau- wurt bis Epehy kamen sie im deutschen Abwehrfeuer nicht zur Entwicklung. Mit gleicher Zähigkeit griffen die Franzosen zwischen Ailette und Aisne weiter an. Am Vormittag des 15. versuchten sie südlich der Straße Soissons-Laon vergeblich vor- zirgehen. Am Abend folgte dann nach mehrstündigem heftigsten Artilleriefeuer ein geschlossener Angriff. In dem zerklüfteten waldigen Hügelgelände wurde erbittert gerungen und die Franzosen von der Höhe östlich Vauxaillon wieder heruntergeworfen. Rücksichtslos setzt Foch hier an dem Angelpunkt des Chemin des Dames seine Divisionen ein. um in den Ailette-Grund einzubrechen. Die französischen Verluste sind demgernäß schwer. Das gleiche trifft laut übereinstimmenden Truppenmeldnngen und Gefangenenaussagen aus die französischen Angriffe zwischen Aisne und Vesle zu. Hier wurden außerdem 200 Gefangene von drei verschiedenen französischen Divisionen gemacht und 24 Maschinengewehre eingebracht. Das Dorf Glennes, das die Senegalesen am 12. hatten erobern können^ wurde ihnen am 15. wieder entnssen^ ' * Zwischen der Cote Lorraine und der Mosel füllen Franzosen und Amerikaner gegen die neue deutsche Stellung vorsichtig vor. Den Mißerfolg, den die geplante Abschnürung der deutschen Divisionen im St. Mihiel-Bogen erlitten hat, suchen die Amerikaner durch täglich sich steigende, maßlos übertriebene Gefangenen- und Beuteziffern zu verwi scheu. Die Tanchboatmeldnng. Berlin, 15. Sept. (WB. Amtlich.) Auf dem nördlichem Seekrisgsschauplatz verlor der Feind durch.die Tätigkeit unserer U-Boote weitere 8000 Brt. Schiffsraum?.'' Der Chef des Admiralstabcs der Marine. 0 London, 15. Sept. (WB.) Reuter meldet: Der Dampfer „Galvay Eastle" mit 7988 Brt., der der Union-Castle-Linie gehört und am Dienstag von England nach Südafrika abgefahren war, ist am Donnerstag morgen torpsdiert worden. 34 Mann der Besatzung und 120 Paffagiere werden vermißt. Der südafrikanische Eisenbahnminister Burton wurde gerettet. Hunderte von Personen wurden durch Rettungsboote bei stürmischer See gelandet Versenkte Schiffe. Berlin, 15. Sept. In der letzten Zeit, abgesehen von v», neulich gemeldeten französischen Truppentransportdampfcr .B 1. kan", find die Verluste folgender bemerkenswerter Schiffe bekannt geworden: Der amerikanische Tankdampfer „Frederic Kolleg" (7127 Brt.), der amerikanische Dampfer „Montanan" (6759 Brt.), ferner „Euboro" (7300 Brt.), „Ecays Harbour" (2373 Brt.), der Segler „Dorothy Darrett" (2088 Brt.), der englische Tankdampfer „Lale Monitoba" (9674 Brt.), die englischen Dampfer „Winrmera" (3022 Brt.), „Penistone" (4139 Brt.), „Princetz Maud" (1655 Brt.), der englische Mnnitionsdampfer ..Marie Suzanne" (3106 Brt.), der japanische Dampfer „To- kuyama Maru" (7029 Brt.), der französische Dampfer „Pampa" (4471 Brt.). Schließlich wurde der amerikanische Transportdampfer „Mount Vernon" (ftüher „Kronprinzessin Cecilie") mit 19,503 Brt. torpediert und schwer beschädigt. Ferner wurden noch die amerikanischen Dampfer „Lake Edon" und „Lake Owena" als versenkt gemeldet. Da die Schiffsliften über sie keine Angaben enthalten, dürfte es sich um ganz neue Schiffe handeln. Der erst im Jahre 1917 gebaute Tankdampfer „Frederic Kollog" war voll beladen von Tampico nach dem Osten unterwegs ; fein Wert einschließlich der Ladung wird mit 10 Millionen Mark nicht zu hoch geschätzt sein. — Die Tonnage der mit Rauminhalt genannten versenkten Schiffe betrug 58,643 Brt. Sie hätten voll beladen rund 90.000 Gewichtstonnen befördern können. Um dieselbe Gewichtsmenge über Land zu befördern, würden 6000 Güterwagen von je 15,000 Tonnen Ladefähigkeit nötig fein. Das sind 160 normale Eäiterzüge zu je 40 Wagen. Ein Bild von der Bedeutung der Versenkung können wir uns machen, wenn wir uns vorstellen, daß unter Zugrundelegung unserer Brotration von 1850 Gramm wöchentlich, 150 solcher Güterzüge nötig sind, um eine Stadt von rund einer Million Einwohner 40 Wochen, also beinahe ein Jahr, mit Getreide z« versorgen. Dit FckimÄNRWg. Prestestimmen zu dem österreichischen Friedensangebot. Mit einer seltenen Einmütigkeit kommt die Presse Tri Deutschland, selbst die ganz links gerichtete, zu dem Schluß, daß das neueste Friedensangebot uns den Frieden nicht näher bringe, im Gegenteil, der Weg dahin werde erst recht versperrt werden. Zwar wird die gute Absicht nicht verkannt, aber bei dem bösen Willen unserer Feinde, der gerade in der Gegenwart durch Waffenerfolge verstärkt werde, sei auf einen Erfolg kaum zu hoffen. So schreibt die „Kreuz-Zeitung" (kons.ft „Wir sind völlig davon überzeugt, daß Graf Burian aus der spezifisch österreichischen Persp^tive heraus von der Mög. lichkeit fest durchdrungen ist, es werde auf diesem Wege gelingen, der Welt den ersehnten Frieden zu bringen und daß das Deutsche Reich dem verbündeten Staatsmann dabei keine Schwierigkeiten in den Weg legen wird, versteht sich von selbst. Deutschland war und wird niemals ei» Hindernis, für dey Frieden sein. Andererseits können wir uns jedoch lower der Befürchtung nicht entziehen, daß nach den bisherigen Kundgebungen der feindlichen Regierungen auch die Note der Grafen Durian wirkungslos und ergebnislos verklingen, daß sie vielleicht sogar zu einem entgegengesetzten Erfolg führen wird." Die „Deutsche Zeitung" sagt kurz: „Die bisherige« Erfolge unserer Friedensangebote ermutigen uns nicht» von dem Schritt des Grafen Vurian eine Förderung des Friedensgedankens zu erhoffen. Das wird freilich die deutsche Regie» rung nicht hindern dürfen, die österreichisch-ungarische Note eingehend und wohlwollend zu prüfen." Die „Kölnische Zeitung" (nat.-lib.) meint: „Darüber, daß Aussicht besteht, daß der Zweck der Note auch erreicht wird, kann man verschiedener Meinung sein. Was der Reichskanzler am 12. Juli im Hauptausschuß über unsere Bereitschaft, auf jede ernste Friedensneigung der Gegner einzugehen, erklärt und was unsere Staatsmänner in diesen Tagen gesagt haben, was der Kaiser zu den Arbeitern gesprochen hat. zeigt für alle Welt aufs deutlichste, daß die Friedensbereitschaft Deutschlands nicht zu übertreffen ist. Daß der Schritt der verbündeten Regierung in Deutschland und gewiß auch in Oesterreich-Ungarn von vielen - Leuten mit Skepsis ausgenommen wird, ist die Folge der bisherigen Erfahrungen, die mit allen ähnlichen Kundgebnngen der Mittelmächte gemacht wurden und gerade jetzt wohl zu erwarten sind." Die „K ö l n i s ch e V o l k s z e i t u n g" (Ztr.) erklärt: „Die Note ist eines der wichtigsten und bedeutungsvollsten Ereignisse der Kriegsjahre. Sie ist ein Friedensangebot, an dessen Ernst und Auftichtigkeit auch von den Feinden nicht mehr gezweifelt und gedeutelt werden kann. Graf Durian hat im Wesentlichen das verwirklicht, was Graf Hertling im Hauptausschuß angekündigt hat. Durian will, wie Hertling, den Weg zum Frieden bereiten. Graf Durian verläßt den Boden der offenen Aussprache von Land zu Land und betritt den Weg, der in der Vergangenheit den Krieg zum Frieden zu bringen pflegte und der vielleicht auch in der Gegenwart aussichtsreicher ist. Immerhin möchten wir vor übertriebenen Hoffnungen von Anfang an warnen. Dem Gedankengang unserer Feinde folgend, stände Deutschland jetzt nichSMehr als unbestrittener Sieger vor der Welt. Sollten unsere Feinde nach ihrer Meinung siegend eher bereit sein, als unbestritten besiegt, dann gibt ihnen das Friedensangebot Durians Gelegenheit zum entgegenkommenden Friedensschritt. Wenn unsere Feinde auch diesen Schritt aus- fchlagen, dann würde im deutschen Volke keiner mehr sein können, der daran zweifelte, daß unsere Feinde Deutschland vernichten und das deutsche Volk in Knechtschaft bringen wollen. Dann werden die nächsten Friedensoffensiven der deutschen Armeen und der Truppen unserer Verbündeten unter dem Genius unserer großen Heerführer die Feinde schließlich auf die Bahn des Friedens bringen." Selbst die „Frankfurter Zeitung" warnt vor über, triebener Hoffnung, indem sie schreibt: „Mer wäre so roh und unempfindlich gegen das Leid, das feil vier Jahren «ff der Menschheit lastet, daß er nicht dem Versuche des Grafen Vurian, das Unglück abzukürzen, ein ganzes und rasches Gelingen wünschen möchte? Es ist kaum jemand in der gesamten Kulturwelt, jedenfalls nicht in den Landern Mitteleuropas, der nicht mit hellem Jubel die Nachricht begrüßen würde, daß man auf dem Wege zu Friedensverhand- lungen fei: wenn einmal Besprechungen über den Frieden beginnen, so wird es für die Teilnehmer daran fast unmöglich sein, unverrichteter Sache wieder heimzukehren. Insofern wäre der Beginn von Besprechungen schon ein merklicher Fortschritt auf der Bahn Aber wir möchten doch vor allzu großer Hoffnungsfreudigkett warnen. Mas wir aus den feindlichen Ländern boren, klingt nicht so, als ob man dort jetzt schon zu einem ehrlichen Verstandigungssrieden innerlich bereit wäre. Der österreichische Vorschlag klingt nach der letzten Rede von Lloyd George etwas paradox und wie eine Herausforderung. Bisweilen geschieht ja aber gerade das Unerwartete, und wir möchten wünschen, daß es hier der Fall wäre. Doch möchten wir nicht verschweigen, daß wir den jetzigen Zeitpunkt nicht für gut gewählt halten. Wir fürchten, das Hineintreffen in eine lichterloh brennende Siegesstimmung könnte die Motive dieses Frie. densschrittes sehr nachteiligen Mißdeutungen ans'chen und auf der anderen Seite die ohnehin vorhandenen Illusionen von einem vollen Siegfrieden in einer Meise steigern. daß das Gegenteil erreicht und auf lange hinaus der Weg zu einem Verständigungsfrieden erst recht verbaut wird." Zum Schluß noch die Stimme des „Vorwärts" sfoz.): j „Durch die Schuld von beiden Seiten sind die Fried:nshinder- nisse bergehoch gehäuft. So lange man nicht auf deutscher Seite begreift, daß ein militärisch nicht bis zum Sieg durchge- führier Krieg den Zwang zum Verzicht auf jede Machkerwei'te- runa in West und Ost in sich schließt, und solange man nicht auf der Gegenseite anerkannt hat, daß die von ihr errungenen neuesten Waffenerfolge weder entscheidend, noch beliebig fortsetzbar sind, bleiben sie unüberwindlich. Niemand weiß heute," so schliefst der ..Vorwärts", „wie weit noch der Weg zum Frieden ist, aber jeder weiß, daß dieser Weg nicht über den Zusammenbruch Deutschlands ffihren darf. Ihn zu verhindern, hat das deutsche Volk die höchsten Opfer gebracht und bringt sie noch alltäglich. Auf der anderen Seite sagt die gebieterische Pflicht der Negierung, alles zu tun, um dem Volke die Elendstrecke ab- zukürzen. und dazu gehört jetzt vor allem, daß sie den österreichischen Schritt mit Entschiedenheit unterstützt." * Die Aufnahme in Frankreich. Schweizer Grenze, 16. Sept. Der Pariser Sonderkorrespondent der „Basler Nachr." drahtet' ,Zn Paris faßt man die lssote Vurians sowie Payers Rede und Burians Auslassungen als den erwarteten Beginn der Friedensoffensive der Mittelmächte auf. Dre gesamte französische Presse lehnt die Einladung ab, auf Friedensverhandlungen einzugehen. Man weiß hier sowohl wie anderwärts, daß die Welt den Frieden wünscht, und daß sie ihn notig hat, aber man ist der Ansicht, daß der Friede, den die Mittelmächte wollen, nicht der ist, dessen die Welt bedarf. Die Entente ist überzeugt, daß demokratische Grundsätze die Welt regieren müssen und daß nur ein vo« ihr diktierter Friede der Welt endgültig Ruhe schaffe« Knne." Genf, 16 . Sept. Soweit bis jetzt Telegramme aus Paris vorliegen, war bis dahin die österreichisch-ungarische Note noch nicht der Oeffentlichkett bekant gegeben worden. Die bisherige Praxis des Verhaltens Elemenxeaus laßt jedoch erwarten, daß die Note ohne Kürzung von der offiziellen Agentur veröffentlicht werden wird. Basel, 16. Sept. Nach Pariser Meldungen kommt am 26. September und die folgenden Tage die große Friedensresolution der Sozialdemokraten in der Kammer zur Besprechung. Vor Dekanntwerden des österreichisch-ungarischen Friedensangebotes äußerten die Pariser Blätter ihre Meinung dahin, daß die Besprechung der Resolution bis Mitte, bezw. Ende Oktober vertagt wurde. Die durch die österreichisch-ungarische Regierung veränderte Lage läßt schweizerischen Blättern zufolge nunmehr erwarten, daß Clemenceau am 26. September über Frankreichs Stellungnahme zu dem österreichischen Angebot sprechen wird. Gin Friedensschritt der Neutralen? Zürich. 16. Sept. Berner Meldungen vom Samstag, vor dein Dekanntwerden der Burianschen Note, sprechen von einem gemeinschaftlichen Friedensschritt der neutralen Regierungen. Im Berner Vundeshause wird die Meldung weder bestätigt, noch bestritten. Die Schweizer Blätter vom Freitag berichten ebenfalls von einem neuen Schritt der Neuttalen und des Papstes. Die Führer der Mehrl * Sm Knmler. Serlin, 16. Sept. Der Reickskan^— empfing gestern mittag die Führer der Mehrheitsparteien. um mit ihnen, wie schon am Samstag abend Staatssekretär von Hintze, bei dem sich übrigens auch die Abgeordneten Graf Westarp, Stresemann und Haase einfanden, die durch den Friedensschritt der österreichisch- ungarischen Negierung geschaffenen Lage zu besprechen. Die Konferenz dauerte von 10 bis VA Uhr. Auch die Staatssekretäre von Hintze und Wallraf beteiligten sich an der Aussprache. Aus Rußland. Die Zarin nicht ermordet. Kopenhagen, 13. Sept. (WB.) Nach einer Blättermeldung aus Stockholm meldet das dortige Volfchewikiblatt „Fol- kets Dagblad", daß dr Volkskommissär für die auswärtigen Angelegenheiten Tfchiffcherin die Meldungen über die Ermordung der Zarin und der Töchter der Zarin sowie die Gerüchte über Massenmorde an Unschuldigen dementiert. Der Terror in Moskau. Moskau, 12. Sept. Das Wiener K. K. Telegraphen-Kor- refpondenzbureau meldet: Die Erschießungen dauern in etwas vermindertem Maße an. Auch viele Frauen werden als Geiseln verhaftet. Zahlreiche wohlhabende Leute werden ausgewiesen: ihre Möbel und Hausgerät werden als Staatsgut erklärt und unter das Proletariat verteilt. Die Partei der internationalen Sozialisten, die mit den Bolschewisten stets gemeinsame Sache machte, protestierte bei dem Zentralkomitee gegen den Terror. Der schweizerische Konsul erhob beim Kommissariat für die auswärtigen Angelegenheiten wogen der Erschießung von Geiseln Vorstellungen. Er erhielt nur vage Versprechungen. Es wurde beschlossen, die Miliz wieder zu uniformieren und Ordensauszeichnungen und Medaillen für die Note Armee einzuführen. Moskau, 13 . Sept. (WB.) Nach einer Meldung der Zeitung „Mir" ist das Schicffal des verhafteten englischen Konsuls Lockhart und seiner zum diplomatischen Korps gehörenden Helfershelfer noch nicht entschieden. In Nätekreisen spreche man von einer unter den verbündeten Diplomaten herrschenden Verwirrung über eine gewisse Bereitwilligkeit der Entente, der Räteregierung Konzessionen zu machen. Bis zur Klärung der Frage bleibt Lockhart in Haft. Die Lage in Chiwa und Turkestan. Moskau. 13. Sept. (WB.) Die „Jswestija" bringt Pressestimmen aus Taschkent, wonach das ehemals reiche Chiwa durch Räuberbanden völlig zerstört sei. Viele Flüchtlinge befänden sich in Petro-Alexandrowsk. An den Ereignissen in Aschabad feien Truppen des Khans von Chiwa und des fumidifchen Khans beteiligt. Das Proletariat in Chiwa erwarte das Eintreffen von Rätetruppen, um sich der Rätegewalt anzufchlietzeu. Ueber die Lage in Turkestan erfährt die Zeitung, daß Kerw von Rätetruppen besetzt sei. Bei Samarkant, dem Hauptsitz der Engländer und der Weißgardisten, finden Kämpfe statt. Bei Aschabad haben die Engländer 15 000 Mann stehen, meist Se- poys aus Indien, die über Persien und Afghanistan herange- zcgen worden seien. Die Truppen seien aber der Agitation zugänglich. In Turkestan sei die Bevölkerung vollständig auf der Seite der Rätegewalt. Selbst der Emir von Buchara unterstütze die Bolschewiki, deren Gesandter einen großen Einfluß auf ihn habe. Der Emir sei auf die Orientierung mit der Rätegewalt angewiesen, da die Beys ihm nicht mehr gehorchtem Die Verpflegung in Turkestan sei glänzend. Es fei zwar viel Land unbestellt geblieben, infolge des günstigen Wetters aber sei die Ernte sehr gut. Die Baumwolle reiche für zwei Jahrs. Die Engländer führen ihrerseits aus den besetzten Gebieten Getreide und Baumwolle nach Persien und Afghanistan aus. Der Bergbau entwickle sich gut. Im Falle der Möglichkeit eines Warenaustausches mit Rußland sei die Lage Turkestans vorzüglich. Eine neue Verschwörung der Entente. Petersburg, 12. Sept. (WB.) Nach Pressemeldungen wurde in dem Bereich der vierten Armee eine große Verschwörung aufgedeckt. Der Führer der der vierten Armee unterstellten Uraldivision, Stroinbach, bekam ein Augebot von der Entente, die vierte Armee zu verkaufen. Strombach weigerte sich, dies zu tun, und brachte die ganze Angelegenheit zur Meldung. Moskau, 14. Sept. (WB.) Auf die Protestnote M diplomatischen Korps in Petersburg vom 5. September be- züglich des Roten Terrors veröffentlicht die „Jswestija" Nr. 191 eine ausführliche, sehr scharfe Antwortnote Tschit» scherins, welche mit den Worten schließt: „Wir lehnen auf das enffchiedenste jede Einmischung neutraler kapitalistischer Mächte zu Gunsten der russischen Bougeoisie ab und erklären, daß wir jeden Versuch der Vertreter dieser Mächte, die Grenzen des gesetzlichen Schuhes der Interessen ihrer Landsleute zu überschreiten, als Versuch zur Unterstützung der ruft sischeu Gegenrevolution betrachten." Moskau, 14. Sept. (WB.) „Prawda" vom 14. September veröffentlicht folgenden Befehl Trotzkis: In Kasan haben Weißgardisten und Tschccho-Slowakcn sich eines Teils des Goldes welches Eigentum der Note- republik ist, bemächtigt. Dieses geschah auf Befehl franzö- sischer, englischer, japanischer und amerikanischer Kapitalisten Das russische Volk weigerte sich nach der Oktoberrevolution, den ausländischen Wuchern für die vom Zaren abgeschlossenen Anleiben Zinsen zu zahlen. Um den russischen Arbeitern und Bauern ihre Gewinne zu entreißen, habe» sich ausländische Räuber durch die in ihrem Solde stehenden Tscheche-Slowaken und Weißgardisten eines Teiles des Goft des benrächtigt. Jetzt versuchen diese Räuber, das erbeutete Gold über Sibirien und Japan nach Amerika oder über Ar-, changelsk nach Frankreich und England zu schaffen. Dieses muß um jeden Preis verhindert werden. Das dem russischen Volke gestohlene Geld muß unversehrt zurückgegeben werden. Der Schutz dieses Goldes im Gebiet des Tscheche Slowaken- und Weißgardisten-Aufstandes wird allen ehrlichen Arbeitern und Bauern anvertraut. Nach Säuberung der Wolga, des Urals und Sibiriens von den Weißgardisten und Ti'checho-SIowaken werden alle Schuldigen am Raube des Goldvorrates festgestellt werden. Ihr Eigentum wird konfis' v sie selbst den schwersten Strafen einschließlich Erschießung unterzogen werden. Wien, 15. Sept. (WB.) Dem Wiener Telegraphen- Korrespondenzbureau wird aus Moskau gemeldet: Heute nachmittag führte eine bewaffnete Bande einen Bombenüberfall ans einen Konsuinverein ans. Die Räuber, die 300 000 Rubel erbeuteten sind entkommen. Kiew, 13. Sept. (WB.) Laut Ukrainischer Telegraphen- agentur sind die Bolschewiki westlich Zaritzyn bis an den Don vorgedrungen. Bei Nichnetscherskaja gingen die Kosaken auf das rechte Donufer zurück. Kiew, 13. Sept. (WB.) Der Don-Ataman ernannte laut Zeitungsmeldungen zum ständigen Gesandten in der Ukraine General Tscheretschukin und zum Gesandten im Kubangebiet General Aschirww. * Die Friedensderhandlnngen mit der Ukraine. Moskau, 13. Sept. (WB.) Nach der „Prawda" hat das Präsidium des obersten Volkswirtschaftsrates beschlossen. Larin zur Teilnahme an den Friedensverhandlungen mit der Ukraine nach Kiew zu entsenden. Larin erhielt den Auftrag, die russisch-ukrainischen Fricdensdelegation mit den Arbeitsergebnissen der wirtschaftlichen Kommission in Berlin bekannt zu machen. Dis Kampfs in Albanien. Wie», 15. Sept. (WB.) Die in Albanien unter dem Oberbefehl des Generalobersten Freiherrn von Pflanzer-Baltin kämpfenden Streitkräfte haben neue wichtige Erfolge erzielt. In dem zu einer Höhe von 2400 Metern ausragenden Tomor- gebirge zum Angriff übergehend, gelang es den Truppen sich der beherrschenden Stellungen auf diesem Gebirgszuge zu bemächtigen. Die Eroberung der wichtigen und dominierenden Höhen sichert uns den Besitz der Linie Fieri-Berat. Im Anschluß an unser Vordringen im Hochgebirge gingen auch unsere, zwischen Fieri und dem Meere kämpfenden Truppen zum Angriff über und erzielten gleichfalls beträchtliche Fortschritte. Einige vom Feinde bis zum Aeußersten verteidigte Gehöfte bei Pojani — im Küstengebiet westlich von Fieri — wurden er* 1 stürmt. Bet den zu ihrer Wiodereroberung unternommenen Gegenangrfffen führte der Feind auf dem albanischen Kriegsschauplätze zum ersten Mal Panzerwagen ins Gefecht, sie konnten aber das Scheitern des italienischen Ansturmes nicht verhindern. Amerikaniicher K um birg Zürich. 15. Sept. Die „Zürcher Post" bringt aus dem Haag folgende groteske Meldung: „Das Schwurgericht von Mississippi zitiert den Deutschen Kaiser durch einstimmigen Beschluß vor seine Schranken. Er hat sich zu verantworten darüber, daß er aus Ehrgeiz die Zivilisation in den furchtbaren Krieg getrieben habe. Persönlich wird er der Brutalität, der Gewalttat, der List gegenüber Wehrlosen bezichtigt. Als Zeugen werden in dem Prozeß Belgien, Frankreich, England, Amerika, Italien und ihre Verbündeten genannt. General Pershing wurde mit der Ausführung der Zitation betraut. Eventuell sei der Kaiser mit Gewalt vorzuführen." (?) Der Humor muß, so bemerkt dazu die „Zürcher Post", auch in dieser tragisch-ernsten Zeit zu seiner Geltung kommen. Der Luftangriff auf Daris. Genf, 16. Sept. Havas. Heute nacht steuerten mehrere mehrere feindliche FlugZeuggeschwader auf die Pariser Gegend zu. Sie wurden unterwegs gemeldet und durch unsere Wachtposten mit einem besonders heftigen Sperrfeuer verfolgt. Auch die übrigen Verteidigungsmittel wurden in Tätigkeit gesetzt. Man meldet mehrere Bombenabwürfe, einig« Opfer und Sachschaden. Der erste Alarm dauerte von 1.25 Uhr bis 2 Uhr morgens, der zweite von 4.15 Uhr bis 4.50 UHr morgens. Vergeblicher Fliegerangriff auf Frankfurt. Frankfurt a. M.. 16. Sept. Sonntag Abend gegen MI llhr wurde die Stadt durch Signalraketen von dem Anflug feindlicher Flieger in Kenntnis gesetzt. Die Abwehrgeschütze traten in Tätigkeit, doch haben die Flieger das Weichbild der Stadt nicht erreicht. Die wahllos abgeworfenen Bomben haben keinerlei Schaden verursacht. Fliegerangriffe ans Main; nnl» Stuttgart. Mainz. 16. Sept. (WB.) Zn der letzten Nacht fand ein Fliegerangriff auf die Stadt Mainz statt. Nach den bisherigen Feststellungen wurden etwa 13 Bomben auf die Stadt abgcworfen. Es entstand Sachschaden an Häusern; auch eine Kirche wurde nicht unerheblich beschädigt. Personen wurden nicht verletzt. Des weiteren wird gemeldet, daß in Eaualges- h e i m elf Bomben in freies Gelände abgeworfen wurden, ohne irgend welchen Schaden anzurichten. Stuttgart. 16. Sept. Heute vormittag griffen seitliche Flieger rechtzeitig gemeldet, Stuttgart und Vororte mit Bomben an. Militärischer Sachschaden ist nicht entstanden, dagegen wurde ein Privathaus zerstört, wobei 2 Kinder, 1 Knabe im Alter von 8 Zähren und ein Mädchen im Alter von 3 Jahren, den Tod fanden und eine Anzahl Personen verletzt wurden. Die übrigen Bomben fielen auf Plätze und freies Feld. Fliegerangriffe anfKarlsrnhe und f.aüerölotifmt Karlsruhe, 16. Sept. Vergangene Nacht wurde Karlsruhe von einer Anzahl feindlicher Flugzeuge angegriffen. Die abgeworfenen Bomben fielen bis auf eine auf freies Feld. Eine Person wurde schwer, drei leicht verletzt. Ein in der Nacht vom 14. September zwischen 10 und 11 Uhr erfolgter Angriff eines feindlichen Flugzeuges auf die offene Stadt Kaiserslautern, wobei einige Bomben abgeworfen wurden, verursachte einigen Gebäudeschaden. Leider wurden zwei Personen getötet, eine Person schwer und drei Personen leicht verletzt. Auch in der näheren und weitern Um- j gebung Kaiserslauterns wurden Bomben abgeworfen, die teils, \ ohne Schaden anzurichten, auf freies Feld fielen, teils geringen ° Sachschaden in Ortschaften verursachten. Auch hier wurde eine ' Person getötet und einige leicht verletzt. „Ehrenwerte Gegner." England hat neuerdings Pech mit seinen Diplomaten. Zwar erfüllen sie noch brav ihre Weisungen, aber das Geschick ihrer Vorgänger vergangener Jahrzehnte, einen undurchdringlichen Schleier über ihre geheimsten Missionen zu ziehen, den auch die gcwistenhafteste geschichtliche Forschung off nur unvollkommen zu lüften imstande war, bleibt ihnen versagt. Der sehr ehremverte Herr Lockhart in Petersburg ist ungeschickt genug gewesen. gewisse Papiere in die Hände der Räteregierung fallen zu lassen, aus denen hervorgeht, daß England die Millionen nicht sparte, ran die russischen Truppen und ihre Führer zur Rebellion im englischen Interesse zu veranlassen und weiter, daß England Lenin und Trotzkij auf die Liste der Kandidaten gefetzt hatte, für die die Herren an der Themse Beileidskund- gebungen gewechselt zu sehen wünschten. Bei Lenin ist es in dieser Beziehung ja bei einem mißglückten Versuch geblieben, aber die Reihe der Todesopfer der englischen diplomatischen Tätigkeit ist um den Namen U r i tz k i vermehrt worden. Die verbrecksrisch-bluttgen Umtriebe der englischen Agenten, die unter dem Schutze der diplonratischen Immunität Mörder dingen, ist damit wieder in den Vordergrund der Auffnerksam- j keit getreten. Der Tod des deutschen Gesandten v. Mirbach! und das Ende des Generals Eichhorn und seines 2ldjutan- len sind ja gleichfalls auf das britische Konto zu setzen. In- ! wieweit Herr Lockhart die sozialrevolutionären Mordbuben gelenkt hat, denen Eichhorn und Mirbach zum Opfer fielen, oder ob noch andere britische Agenten ihre Hände im Spiel hatten, wird sich ja wohl noch Herausstellen. Ist es doch alter Brauch der englischen Diplomatie, die Mörder an den ihnen unbegue. men Persönlichkeiten unter den Angehörigen fremder Völker zu werben, um so zugleich noch eine dritte Macht in das Verbrechen zu verwickeln. Bei den Umtrieben in Rußland erscheint das schon deshalb geboten, um das leidliche Verhältnis des Deutschen Reiches mit der Räleregierung zu zerreißen, damit im Osten eine neue Front gegen Deutschland erstehen kann. Aus diesem Grunde arbeitete England bedenkenlos an dem Sturz des ihm einst verbündeten Zaren Nikolaus II., desien Tod somit ebenfalls eine direkte Folge der englischen Politik ist. Englands Geschichte, ob sie nun die der engeren Heimat oder die des Größer-Britanniens bettifft, trieft von Blut, von feigem MeuchelmoÄ», da, wo nicht Englands Waffenmacht oder die seiner Vasallenstaaten ausreichte, um die gesteckten Ziele zu erreichen. Rußland hat das schon wiederholt erfahren, so, als Zar Paul sich mit Napolon I. ausgesöhnt hatte und beide den Zug nach Indien planten. In den von Heinrich Conradt herausgegebenen Lebenserinnerungen des Korsen heißt es darüber: „Englischer Botschafter am Petersburger Hof war Lord Whitworth: er war eng befreundet mit dem Grafen Pahlen, dem General Bennigsen, den Subows, Orlows und anderen Personen, die ohne jeden Zweifel Urheber und Mitwirkende der entsetzlichen Bluttat waren. Der Herrscher hatte durch seinen reizbaren und sehr empfindlichen Charakter einen Teil des russischen Adels gegen sich aufgebracht. Haß gegen die französische Revolutton war das kennzeichnende Merkmal seiner Regierung gewesen. Seitdem sich dem Ersten Konsul genähert hatte, war er von diesen >cen zum Teil zurückgekommen. Die igländer waren unzufrieden, ja geradezu wütend über die Veränderung, die seit einem Jahre mit dem Zaren vorgegangen war; sie unterließen daher nichts, um feine Feinde im Innern aufzustacheln. Es gelang ihnen, überall die Meinung zu bestärken, daß er wahnsinnig sei: endlich schmiedete« fie efts Komplott, um ihm das Loben zu nehme». Diese Ansicht wird allgemein geteilt. Wenn Kaffer Paul nicht ermordet worden wäre, hätte« die Engländer In. dien verloren.* \ Napoleon der die Engländer und ihr« Politik gut kannte, glaubte fest cm den englischen Einfluß, der zum Morde an Kaiser Paul I. führte und der Glaube wird nicht haltlos gewesen sein. Der Mord ist der britischen Politik ein durchaus geläufiges Mittel, sie begünstigt ihn, wie die schreckensvolle Tat von Serajewo beweist, und übt ihn durch ihre Sendlings, ob sie nun Lockhart oder Findlay heißen, der bekanntlich einen norwegischen Diener zum Morde an den Jrenführer Sir Roger Casement anreizte. Durch die ganze Geschichte des Krieges ziHI sich eine Reihe von Meuchelmorden, die fast alle mit unfehlbarer Sicherheit auf England als Urheber und Begünstigter himvoffen. Rcffpu- tin, des Zaren Ratgeber, von England als Friedensdränger bezeichnet, fiel von Mörderhand, Jaures, desien Friedensgeneigtheit dem Vielverband hätte eines Tages leicht Unbequemlichkeiten schaffen können, wurde gemeuchelt. Mit Mord begonnen, setzt die Entente den Krieg mit Mord fort. Und ist England unschuldig am Morde des französischen Sozialistenführers, so lastet die Blutschuld doppelt auf der französischen Regierung, die noch immer den Mörder vor der Strafe schützt. Frankreich hat sich mit der Befolgung der englischen Meuchelmordpolitik seinem Bundesgenosien gleichgestellt und es steht ihnen wohl an, heuchlerisch von deutschen Greueln zu reden. Aber auch die verlogenste Phantasie der feindlichen Ereuelfabrikanten reicht nicht enffernt an die verbrecherische Tätigkeit des Vielverbaheran und die salbungsvollsten Phrasen der Herren Wilson, Valfour und Elemenceau vom Kampf und Kultur kön. nen die analo-sramöffsche Meuchlervolitik und die amerikanischen Lynckmorde nicht aus der Welt schaffen. Meuchler und Lyncher? Wie sagte Friedrich der Große?: „Mit solchem Pack muß man sich schlagen?" Bingenheim. Dem Musketier Wilhelm Schwab, Sohn des Landwirts und Geflügelhändlecs Friedrich Schwab dahier, wurde das Eiserne Kreuz zweiter Klasse verliehen. Schwab ist erst seit Februar im Felde. Wir gratulieren! Ober-Eschbach. .Der Sohn des Landwirts Karl Heftrich II., Sergeant im Jnf.-Regt. 115, seit Kriegs«nfany im Felde, erhielt das Eiserne Kreuz erster Klasie und wurde zum Vizefeldwebel befördert. Das Eiserne Kreuz zweiter Klasie, die Hessische Tapferkeitsmedaille und das Verdienftkreuz hat er schon, Sififittfnlfilrn kr Pralrfipramirn. Die für besonders frühzeitig zur Ablieferung gebrachtes Korn «nm .setzten Frühdruschprän-ien. die von den Parteien der Linken meistens als eine besondere Liebesgabe, als eine Extrazulage für die Landwirte, besonders die Großgrundbesitzer, hin- gestellt werden, sind von den Landwirten selber niemals gern gesehen worden. In ihrer jetzigen schablonenmäßigen Festsetzung dienen sie nur dazu, Neid und Unfrieden zwischen den Landwirten selber zu schüren, weil sie auch beim besten Willen nicht allen Landwirten gleichmäßig zugute kommen können. Die Landwirte des Ostens (dott sitzen doch die meisten Eroßgruno- tesitzer, wenn man nur die Ackerfläche als Unterscheidungsmerkmal nimmt), die Landwirte in höher gelegenen Land- fttichen und auf von Natur kälteren Böden können gar nicht so früh ernten und dreschen, nie ihre Berufsgenoffen im Westen und auf wärmeren Böden in der Ebene. Sie sind ohne ihr Verschulden von den höchsten Prämiensätzen ausyeschlosien, ebenso kann das durch die in der Landwirffchafi so verschiedenartigen Detriebsverhältnisie bei vielen Landwirten der Fall sein. Aber auch für diejenigen Landwirte, die es möglich machen können, sich in den Genuß der höheren Druschprämie zu setzen, erweist sich diese Prämie häufig als Danaergeschenk. Daffir liefert die Zuschrift eines ostpreußischen Besit.s an unser dortiges Dundesblatt ein treffliches Beispiel. D' v>err hatte am 14. August geschäftlich auf einem größeren Cv; . zu tun, das für den im Felde stehenden Besitzer von einem älteren Verwalter bewirtschaftet wurde. Dieser teilte unserem Gewährsmann stolz nnt. daß er schon 800 Zentner Roggen gedroschen und abgelie- fert und seine Bettiebseinnahme damit um 4 mal 800 gleich 3200 Mark verbessert habe. Nun lagen aber aus demselben Gute noch 100 Borgen Roggen gemäht an der Erde und weitere 100 Morgen standen noch auf dem Halm, weil der betreffende Wirtschaftsleiter die spärlichen Schömvettertage zum Ausdrusch und zur Ablieferung des in Schober gesetzten Roggens benutzt hatte, statt sie zur Bergung der übrigen Ernte auszunutzen. Den geldlichen Schaden, den der durch die lockende Frühdruschprämie mißleitete Wirtschafter dem von ihm vertretenen Besitzer dabei zugefügt hatte, berechnet der sachverständige Berichterstatter nun wie folgt: Der auf dem Schwaden liegende Roggen hatte durch Auswuchs mindestens 30 Prozent an Gewicht eingebüßt, er dürfte statt des sonst zu erwartenden Ernteertrages von 800 nur noch 500 Zentner liefern. Bei dem auf dem Halm stehenden, überreif gewordenen Roggen dürfte der Ausfall mindestens 20 Prozent betragen, also von 800 ein Verlust von 100 Zentner. Die Gesamteinbuße würde danach 240+100=400 Ztr. und in Geld an den Körnern allein 6000 Mk. betragen, der nur ein Druschprämiengewinn von 3200 Mark aus der anderen Seite gegenübersteht. Unserer Volksernährung aber wären auf diesem einen Gut 400 Ztr. Vrottorn verloren gegangen. Wie hoch, so fragt der sachverständige Berichterstatter, mögen sich wohl diese Verluste in ganz Deuffchland stellen, weil sich Wirtschaftsleiter durch die Drrvschprämienlockung (und ergänzende kurzfristige Zwangs- Ausdvuschverordnungen) auch zum vorzeitigen Dreschen unter' Hintansetzung der Erntearbeiten verleiten ließen. Diese Prämien müßten, wenn man sie aus Rücksicht aus frühzeitige Brot- kornlieferung für die Volksernährung nicht entbehren zu können glaubt, nicht allgemein für ganz Deuffchland, sondern de« so verschickren liegenden Erntezeiten angepaßt festgesetzt werde«. Dann würden solche Fehlgriffe in der Wirffchaftsleitung bet dem Streben nach den höchsten Druschprämien und die damtß verknüpften Verluste wenigstens viel seltener heraufbeschworer werden. Ans der Heimat. Friedberg, 18. Sept. Heute feiern unsere Mitbürger, Herr Musikdirektor Friedrich Schmidt und Frau Gemahlin, das Fest ihrer Goldenen Hochzeit. Unsere herzlichsten Glück- untz Segenswünsche begleiten das allverehrte Paar! Aus Oberhesien, 15. Sept. Der Verhaftung entzogen haben sich am Freitag zwei Schleichhändler, anscheinend auch Schwarzschlächter auf einer Oberhessischen Bahnstation. Sie brachten zwei schwere Kisten, die verschlosien waren, aus den Bahnhof, um mit dem nächsten Zuge weiterzureisen. Der anwesende Feldgendarm verlangte aber die Oeffnung der Kisten, woraus der eine der Männer rasch erklärte, er habe ja den Schlüssel ver« geffen, forteilte, ivährend der Andere zuriickblieb. Als nun der Erste zurückblieb, erttärte -dieser: wahrscheinlich wiffe der Andere nicht, wo er den Schlüsiel hingehängt habe, er wolle doch rasch einmal Nachsehen. Er eilte fort und war und blieb verschwunden, mehrere Zentner Fleisch in den Händen des Gen- darmen zurücklassend. Frankfurt a. M., 15. Sept. Auf eine Anzeige hin sollte in einem Hause der Homburgerstraße bei einem dort wohnenden Maler und angeblichen Kriegsinvaliden Erich Buchholz eine Haussuchung stattfinden. Als die Beamten in die Wohnung eindrangen, fanden sie dort Buchholz, einen gewissen Heckmann aus Rödelheim, einen dritten Mann und eine Frauensperfo« vor. Im Troppenhaufe kam es zwischen Buchholz, Heckmann und den Beamten zu einem Kampf, in dessen Verlauf Vuchholz einen Schuß in die Brust erhielt. Die entstandene Verwirrung benützte Heckmann, \m nach Rödelheim zu fliehen, wo er später nach auftegender Jagd verhaftet wurde. Buchholz mußte in fast hoffnungslosem Zustande dom Krankenhause zugeführt werden. Die in der Wohnung verbliebenen Personen wurden darauf verhaftet. Die Haussuchung förderte ein riesiges Lager zutage, das aus Einbrüchen, die in der letzten Zeit unter anderem auch in Höchst a. M. begangen wurden, herrührte. Im Zusammen- hang mit diesen Verhaftungen wurde auch ein gewisser Kienzl in der Markgrafenstraße verhaftet. Haussuchungen bei Kienzl wie auch bei Heckmann förderten ebenfalls überraschend große Verrate an Diebsgut zutage. Die Seele der Einbrüche war Buchholz. Weitere Verhaftungen dürften bevorstehen. Bruchköbel, 15. Sept. Auf Anordnung des Wirffchaftsver- bandes Hanau-Stckot unb Land ist die Mühle des Konrad Baumann für die Ernte 1918 geschlosien worden. Die Oeffnung des geschloffenen Mühlenbetriebes zur Vermahlung des während der Schließungszeit wirtschaftlich unbedingt benöttgten Mahlgutes wird im Jntereffe der Selbstversorger unter ständiger polizeilicher Ueberwachung erfolgen. Eine Aenderung kn der Zwangs- Verwaltung tritt also nur der Form nach ein. Aus Starkcnbnrg. Darmstadt, 15. Sept. Der große Diebstahl von Uhren um, Eoldwaren aller Art, der dieser Tage hier ausgeführt wurde, scheint seine Aufllärung zu ftnden. In Offenbach wurde ein Bursche festgenommen, der neue Uhren und Goldwaren im Besitz hatte, die anscheinend von dem fraglichen Diebstahl herrühren. Darmstadt, 15. Sept. Durch die Darmstädter Kriminalpolizei wurden auf Grund vorheriger Benachrichtigung gestern früh am hiesigen Hauptbcchnhof drei Schleichhändler aus Hemsbach i. Baden festgenommen, welche in fünf Körben etwa 130 Pfund Schweinefleisch und 184 Pfund Rindfleisch frisch geschlachtet mit sich führten und nach Frankfurt a. M. bringen wollten. Es ftnb anscheinend Geschäftsleute, die bei ihrer Vernehmung zugaben, ein Rind und ein Schwein heimlich erworben und geschlachtet zu haben. Sie wurden durch das Amtsgericht zunächst wieder fteigelaffen. Anscheinend ist aber ein Teil des Fleisches der Beschlagnahme entgangen und einen an, deren Weg gewandelt. Aus Hcssen.Raffa^ Höchst a. M„ 15. Sept. Auf seltsame Art kam der 40jährige Schreiner Theodor Zingraf zu Tode. Bei Schreinerarbeiten in der Waschküche des Möbelfabrikanten Heist wurde er von epileptischen Anfällen überrascht, stürzte mit dem Gesicht in eine Wasch, Lütte und ertrarrk. Kirchliche Nachrichten. Gottesdienst in der Stadtkirche. Mittwoch, 18. Sept., abends 8*4 Uhr: Kriegsandacht. Herr Pfarrer D i e h l. Offene Stellrnr 2 Monteure für Dieselmotors. 1 Heizer, 2 Schuhmacher, 13 Knechte, 1 Hofmeister, 18 Tagelöhner. 2 Verwalter, 1 Schäferfamilie, 1 Kutscher. 2 Knechtefamilien, 12 Dienstmägde, 8 Hausmädchen, 2 Haushälterinnen (Landwirtschaft). Für besetztes Gebiet: Männliche und weibliche Personen aller Berufe, außer Silfsdienftpflichtigen im wehrpflichtigen Alter. Männliche Jugendliche bis zu 1» Jahre« können in Frage kommen. Stellensuchender Mehrere Melkerfamilien und ledige Melker, 1 Dürofräulet«, 1 Haushälterin mit 5 jährigem Kind. 1 Ordonnanz. Verantwortlich für den politischen und lokalen Teil: Otto Hirsche!, Friedberg; für den Anzeigenteil: R. Heyn er. Friedberg. Druck und Verlag der „Neuen Tageszeitung", A> G., Friedberg i. H. Uerftmt. Roman vonAnny Woth t. 61) Nachdruck verboten. 22 . Kapitel. «Ich bedauere sehr," unterbrach Aga endlich, sich mühsam Zusammensassend, die Stille, „daß Sie es hier so sehr unwirtlich finden." Eine heiße Blutw-elle schoß in Holgers Antlitz: „Lassen wir doch die Komödie," brauste er auf. „Ich bin wahrhaftig nicht 5 u Ihnen gekommen, um Rodensarten mit Ihnen zu tauschen, si nd er n meine Freundschaft hat mich zu Ihnen getrieben, meine ehrliche Freundschaft. Sie brauchen mir ja nur zu sagen, ob Ihnen dieselbe gleichgültig geworden ist oder nicht. Es scheint mir so, als ob ich in Ihren Augen das Recht verwirkt habe, Ihr Freund zu sein, denn sonst würden Sie doch gewiß nicht Veranlassung nehmen, mich so wenig freundschaftlich zu behandeln. Aga," fuhr er fast leidenschaftlich fort, „ist es denn so schlimm, was ich getan, daß ich dadurch alles verwirkt habe, was Sie einst an mich gefesselt hat? Sie wissen ja, daß ich mich nie besser gemacht habe, als ich bin, daß ich nicht fest war, wo ich cs vielleicht hätte sein müssen, ist eine elende Feichheit, die ein besonderes Privilegium der Männer zu sein scheint. Ist es aber notwendig, daß Sie mich darum verachten, daß Sie mir stets und immer zeigen, ich will keine Gemeinsamkeit mehr mit dir? Ach. Aga, diese Gemeinsamkeit war jedoch das Köstlichste, das Schönste, das wir hatten, und das soll nun alles ausgelöscht sein? Nein, das ist nicht möglich. Eine Freundschaft, wie die unsere war. kann nicht sterben, die bleibt ewig." Ein bitteres Lächeln huschte um Agas Lippen. „Alles stirbt, lieber Holger," sagte sie weit über ihn hin- wegstarrcnd „selbst die Liebe. Ske haben aber reichen Ersatz in der Liebe gefunden, was kann Sie da meine Freundschaft kümmern?" Einen Augenblick glomm es leuchtend in Holgers Augen auf. Klang das nicht wie nur mühsam beherrschte Eifersucht? * . Nein, wie töricht! Dieses Mädchen hatte ihn nie geliebt. Wie hätte es sonst Jahr um Jahr so ruhig, so seelenheiter an seiner Seite dahinleben können, ohne einen Gedanken des Begehrens? „Sie schweigen," fuhr Aga leise fort, „das sagt mir, daß ich recht habe. Mo zwei sich lieben, da ist der dritte überflüssig, überhaupt wenn der eine Mirena ist, die nicht einen Gedanken neben sich duldet, viel weniger eine Person. Ich kenne meine Pflegeschwester. In ihren Kreis gchöre ich nicht." „Sie sind hart, grausam hart, Aga. Me nun, wenn ich alles bereute, wenn ich einsähe, daß ich wohl ohne Mirenas Zur Führung eines kleinen Haushaltes eine ältere zuverlässige abkömmliche Frau gesucht, welche alle Arbeiten verrichten kann. Angebote unter Nr. 1736 an die Geschäftsstelle der „Neuen Tageszeitung". Liebe, aber nicht ohne Ihre Freundschaft leben kann? Würden Eie, wenn ich wich frei mache von dieser Fessel, mir wieder Ihre Freundschaft schenken? Könnte es nicht wieder so sein wie einst. Aga, so still, so friedlich? Ein glückseliges Dämmerdasein, eins im andern lebend? Kann es nicht sein, Aga?" „Nein, niemals," entgegnete das erregte Mädchen heftig aufspringend, „niemals! Das wäre Verrat! Nicht nur an Mirena, sondern auch an uns selber. Für die Wandelbarkeit Ihrer Gefühle, Holger, müssen Sie selbst leiden, nicht andere. Mirena vertraut Ihnen, sie hofft von Ihnen alles Glück der Welt, das sie in ihrer unglücklichen Ehe nicht gefunden. Machen Sie Mirena glücklich, und ich will wieder an Sie glauben lernen." „Aga!" Holger ergriff die sonst so kühle und jetzt so heiße Hand des lieben Mädchens und preßte sie an seine Lippen, „machen Sie mir doch nicht alles so schwer. Soll ich Ihnen denn noch klar^. sagen, daß ich Mirena nicht liebe, daß ich sie nie geliebt habe, und daß ich der Stunde fluche, die mich in ihre Arme trieb?" Agas Auge wurde dunkel und tränenschwer. „Armer Freund," sagte sie langsam, ihre Hand aus der seinen ziehend, „ich ahnte es längst, daß Ihre Seele keinen Anteil an dieser Liebe hatte, aber um so größer ist für Sie die Pflicht. Mirena hat nur Sie allein. Sie baut auf Sie. Sie sind gewissermaßen ihre Hilfe, ihre Zukunft, ihr Alles." Holger schüttelte den ausdrucksvollen Kopf. „Nein, nein, Aga, so ist es nicht. Darf ich offen zu Ihnen fein, darf ich noch einmal so reden, wie in alten Zeiten, darf ich Aga?" Sie nickte leise und müde und ließ sich langsam auf dem römischen Lager nieder, der Stelle, wo sie so oft ftüher gesessen, wenn er ihr vorlas. Und Holger schob sich ein Polster heran, und ließ sich ihr zu Füßen nieder, auch so wie ftüher. Nur, daß er dieses Mal seinen blonden Kopf leise gegen ihre bebenden Kniee lehnte, und die Augen schloß, während ihre Hand sich wie beruhigend auf sein Haupt legte. Eine Weile saßen sie so schweigend. Schatten, tiefe dunkle Schatten schwebten durch den weiten Raum, und dann begann Holder zu erzählen, leise, in halbem Dämmerton, als wenn man einem Kinde Märchen erzählt, von dem großen stattlichen Hof im hohen Norden. Von der tiefen Einsanrkeit und von der stillen Sehnsucht nach der Heimat. Von seiner Kindheit sprach er auch und von Jen, dem Gefährten, und von dem Glücksverlangen in der Vrust, das ihn znm Dichter machte. Die Sehnsucht halte ihn hinausgetrieben ins Leben. Ruhelos hatte sie ihn verfolgt, mir in ihrer, in Agas Nahe hatte sie geschlafen. Ihr zu Füßen war er sttlle geworden, ganz sttlle. Kein rastloses Wünschen und Begehren, sondern ein tiefes inneres Genügen war über ihn gekommen, und daneben dis Freude am Schaffen, die Kraft zum Streben. Und in dieses freundlich sttlle Glücksdasein war es plötzlich wie ein Feuerbrand gebrochen, und hatte alle seine Sinn« mnloht. Mirenas Nähe hatte ihn unfähig gemacht zum Denken. Mit elementarer Kraft war es plötzlich über ihn gekommen, daß er genießen wollte, daß er Durst hatte nach dem feurigen Trunk der Liebe, den ihm Mirena in so verschwenderischer Fülle kredenzte. Und er hatte den Becher geleert in einem Zuge, wie ein Wahnsinniger war er darauf losgeftürmt, und nun ekelte ihm vor dem Bodensatz, vor sich selber. Aga hatte zitternd zugehört. Sie wußte ja aqes, was Holger da sagte, aber es war so süß, seiner leidenschaftlichen Sprache zu lauschen, die ein tausendfaches Echo in ihrem Herzen fand. Jetzt hob Holger das energische, kühne Antlitz zu ihr empor und ihr frei in die Augen sehend, sagte er: „So, Aga, nun sollen Sie auch noch das Letzte wissen: Alles das, was Mirena in mir zu hellen Flammen brachte, hatten Sie entzündet. Die Glut, die ich über Mirena ausströmte, gehörte Ihnen. Sie hatten sie jahrelang weise gehütet und gepflegt, kein Funke durfte verloren gehen. Die Flamme aber, heilig und groß geworden, wollte sich nicht mehr zügeln lassen und sprang über, dorthin, wo sie so überraschende und zündende Nahrung fand. Das ist meine Beichte, Aga. Seit heute weiß ich's, daß es so ist. Nur dich, Aga, liebe ich, nur dich habe ich geliebt, und ich habe uns alle elend gemacht, grenzenlos elend." Aufstöhnend barg er sein Antlitz in Agas Schoß. Sie wehrte ihm nicht. Sie saß stumm, wie erstarrt, die weißen Hände über seinem Haspte gefaltet, während eine schwere Trane nach der andern langsam aus ihrem Auge herniederglitt. Holger schluchzte unter dieser scheuen und zarten Liebkosung leidenschaftlich auf, und leise durchzog es seine Seele: „Schließe mir die Augen beide Mit den lieben Händen zu, Geht doch alles, was ich leide, Unter deiner Hand zur Ruh." So faßen sie lange. Es war fast ganz dunkel im Atelier. Ein jeder lauschte auf den Herzschlag des andern. Endlich erhob sich Holger, und stolz, wie befreit das Haupt erhebend, ftagte er: „Du zürnst nicht. Aga?" Sie lächelte wie sterbende Kinder lächeln und schüttelte das Haupt. „Nein, Holger, denn ich liebe dich?" Fortsetzung folgt Für IWjches Wchen roll, dauernder Inlenihalt auf dem Lande in Pfarrer- oder Lehreffamilie gesucht zum 1. Oktober 1f. Is. Ausführliche Offerten mit Pensionspreis unter 8 . LT. an die Geschäftsstelle der „Neuen Tageszeitung". Ein guter «jiffr», WmA, |fi|irn, Inrtf», Ackk, Pichl, nirgends besser, nirgends billiger wie bei Adolf teil als Hofhund hat zu verkaufen Julius liatfner, _ _ Södel. 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