Nummer 147 _ WMmoch. den 36. Juni 1918 11 . Jahrgang Di- -rlch-int jeden Werktaz. Regelmatzige Beilagen „Nrr Sauer aus Lessen". „Die Spinnstube». Kenigspreis: Bei den Pdstanjtalten oieneljährlich Ml 2 4L hinzu iritt noch das Bestellgeld: be, den Agenten monatlich 8S Pjg. einschließlich TrLgerloün. Ani-lg-»: Lrundzsile 2b Pjg.. lokale 20 '45t fc Anzeigen von auswar,s werden durch Postnachnahme erhoben. Eifiillungsort ^riedberg. Kchrlftleituna und hlerla , ^risdberg (hsffsnj, > 5 ,anauerstrage 12. ^ern>orschsr 48. Posti Heck-Tonta Nr. 48Z1. Amt ^ranliuri a NI. Die Steilung des Herrn v. Kühlmunn. — Heftige Kämpfe in Italien. — Gejarrchulst der gefangenen Italiener: 50000. — 17 500 Tannen versenkt. Der deutsche Generalslav meldet: ==: M. T. K. Großes ZanptqrraeUer. den 2S. Juni. Amtlich. Westlicher Kriegsschauplatz. Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht. Das tagsüber mäßige Artilleriefeuer wurde am Abend in einzelnen Abschnitten lebhafter. Die Erkundungstätigkeit blieb rege. Südlich der Scarpe und auf dem westlichen Avre-Ufer machten wir Gefangene. Heeresgruppe Deutscher Kronprinz. Nach starker Feuerwirkung griff der Feind mit mehreren Kompagnien auf dem Nordufer der .Aisue an. Im Gegenstoß wurde der Angriff abgewiesen. H e e r es g r u pp e H e r z o g A l b r e cht. /*> Die Zahl der gestrn früh von brandenburgifcher und thüringischer Landwehr östlich von Badonvillers einge- brachten gefangenen Amerikaner und Franzosen hat sich auf mehr als 60 erhöht. * j_ Leutnant 58 1 IItf errang seinen 20. Luststeg, Der Erste General«,,«artier»ieister: Ludendorff. Adendliericht. BerNn, 26. Fun!, abends. MDB. Amtlich.) Von den Kampffronten nichts Neues. Der österreichische Generalstad -—= meldet: Ueber 50 000 Gefangene. Wien, 25. Juni, veilautbart: (WTB. Nichtamtlich.)' Amtlich wird Gestern war die Gebirgsfrant zwischen Astago und der Piave wieder der Schauplatz heftiger Kämpfe. Der Feind bot alles auf, um die am 15. Juni verlorenen Höhenstellungen zurückzuerobern. Auf dem Monte de Val Bella, Col del Roffo, Asolowe, Srlarolo und Monte Pertien wurde den größten Teil -es Tages erbittert gerungen. Die Italiener wurden überall, an mehreren Stellen durch Gegenstöße zurückgeworfen. Die vorliegenden Meldungen schildern das über alles Lob erhabene Verhalten der an den Kämpfen beteiligten Infanterie und Artillerie und erwähnen besonders die Jnfanteriereg imenter 9 (Galizisches), 53 (Kroaten), 11-1 (Ober- und Niederösterreicher), 120 (Schlesien) und das 4. Bcsnisch-Herzegowinische. Im Mon- tellogebiet und südlich davon fiel der Feind mit Patrouillen gegen die Piave vor. Im Raume von San Dona hatten die den Uferwechsel unserer Divisionen sichernden Deckungsgruppen in den letzten Tagen starke Angriffe abzuwehren. Unsere Bewegungen vermochten auch hier planmäßig und ohne Verlust an Kriegsgerät durchgeführt zu werden. Seit dem-15. Juni büßte der Italiner über 50,000 Mann an Gefangenen, darunter etwa 1100 Offiziere ein. Die Gefamtvorluste des Feindes sind bei strengster Schätzung auf 150.000 Mann zu berechnen. • Der Chef des Gencralstabes. Das türkische Hauptquartier ß meldet: J Sonjtnntinopcl, 24. Juni. (WB. Nichtamtlich.) Genera stabsbericht. Palästinafront'. Bon der Küste bis zum Jordan stelle meist lebhafte Artilleriekämpfe. Feindliche Lager und B wegungen im Jordan-Becken und bei Jericho wurden von u serer Artillerie mit beobachteter guter Wirkung beschossen. D rege Fliegertütigkeit hält an. Die Rebellen, welche die He fchasbahn nördlich von Kalats el Hefa angriffen, wurden dur unseren Gegenstoß zurückgeworfen. Osten: Bilman am Urmia-See wurde von uns in eine Kampf mit Banden, die von unseren Feinden unterstützt wn , efetzl. Auf den übrigen Fronten ikt die Lage unveränder 17 500 Tonnen versenkt. Berlin, 24. Juni. (WTB. Amtlich.) Unsere U-Boote haben auf dem nördlichen Kriegsschauplätze vorwiegend im Kanal wiederum 17,500 Bruttoregifterionnktt feindlichen HandelsschiffranmeZ versenkt. Der Chef des Admirnlstnbes der Marine. Rußland. Eine Bewegung gegen Lenin. Haag, 25 .Juni. Holländische Blätter erfahren aus London: Nach Meldungen au's Newyork scheint Lenin vor dern Sturz zu stehen. Man fürchtet sogar sein Leben. Es hat sich eine starke Bewegung aus antibolschewistischen und sonstigen Elementen gebildet, die auf den Sturz der maxi- malistischen Regierung hirnarbeitet. Die Moskauer Arbeiter haben vor einigen Tagen eine Entschließung angenommen, worin sie einer Entschließung der Petersburger Arbeiter beitreten, die den sofortigen Rücktritt der Sowjet- regierung und die unmittelbare Einberufung der Konstituante fordert. ' Die Tscheche-Slowaken in Jekaterinbnrg. Moskau, 25. Juni. (WB.) Nach einer Meldung her Presst sollen die tschecho-slowakischen Truppen in Jekaterinburg eingedrungen sein. In der Stadt sollen schwere Kämpfe entbrannt sein. Ermordung eines russtichen Ministers« Haag, 25. Juni. Aus Moskau wird gemeldet: Ser bolschewistische Minister für Presse-Angelegenheiten Bois- darski ist in Petersburg auf der Straße getötet worden. * Die Flucht des Großfürsten Michael. Zunehmende Unruhen. Moskan, 23. Juni. (WB.) Die hiesige Presse meldet: Die Flucht des Großfürsten Michael aus Perm erfolgte am 15. Juni nachts. Eine Abteilung, angeblicher Roter Gardisten entführte den Großfürsten in einem Kraftwagen unter Vorzeigung eines gefälschten Sowjet-Befehls, wonach er nach Moskau übergeführt werden sollte. Infolge der zunehmenden gegenrevolutionären Um- tnebe und Hungerrevolten wurde der Kriegszustand über Krestzy im Gouvernement Nowgorod, über das Gebiet von Perm und über Stadt und Gouvernement Ufa verhängt. Der Belagerungszustand wurde über Nowgorod erklärt. Die Lage im Gouvernenient Saratow ist besorgniserregend. Schnellste und ernste Maßnahmen zur Organisation des Selbstschutzes sind erforderlich. Die energische Beschleunigung der Bewaffnung und der militärischen Ausbildung der arbeitenden Klassen wird dem Exekutivkomitee des Sara- tower Gouvernements auferlegt. Ein Dienst-Telegramm von der Murmau-Bahn meldet, daß 60 Prozent der Bahnbeamten wegen des Nahrungsmangels an Typhus und Skorbut erkrankt seien. Moskau sei von jeder Verbindung mit Turkestan abgeschnitten. Nur auf Urnwegen kämen Nachrichten über die Bewegung für die Abtrennung von Rußland und über, die Autonomst. In Omsk soll Großfürst Michael an der Spitze des Gegenrevolutioänre ein Manifest an das russische Volk erlassen haben, worin er bei seiner Abdankung beharrt und dem einzuberufenden Semskij Sobor die Entscheidung über dst Regierungsgewalt überläßt. Japans Eingreifen in Sibirien. Haag, 25. Juni. Aus London meldet Hollandsch Nieuwsbureau: Aus Tientsin wird gemeldet: Nachrichten aus Peking bestätigen, daß das japanische Parlament wahrscheinlich demnächst zu einer Sondersitzung zusammentreten soll, zpecks Verhandlung der Frage der Ausschickung eines ExpeditionsheereZ nach Sibirien. Ciömenceaus Schreckensherrschaft „Droit du Peuple" vom 29. Mai bringt folgenden interessanten Bericht Ehastanets über den Kampf gegen den Defaitismus in Frankreich. „Hört, liebe Leser — es ist kein Märchen' ein flcrotn« Darredeau, Ehauffe-m ln Paris, rief vor einem Haus, des durch ein deutsches Geschoß zerstört war: „Diese Schäden sind schrecklich." Wegen Defaitismus angezeigt, wurde er zu zwei Wochen Gefängnis verurteilt. — Der Badergehilfe Ehcroelain kam beim Einsei fer; seiner Kunden auf die Politik zu sprechen. Eines Tages behauptete er, der Prozeß Eaillau; sei ein politischer Prozeß? Folge: der Badergehilfe Ehavelain kam vor ein Kriegsgericht, das ihn zu einem Jahr Gefängnis und 1000 Frank Buße verurteilte. Auch das ist kein Märchen .... Wenn man sagt: ..Das geht nicht," riskiert man einge. - sperrt zu werden, denn es kann sich auf das Wohl des Lander l und die Kriegoperationen beziehen. Wer beim Kogelspiel oder Kartenspiel sagt' „Wir sind verratzt", läuft Gefahr, denn e» kann ein Urteil über die Kriegslage sein. Wenn dir einer keir Geld leihen will, und du nennst ihn ganz einfach ein Schwein so gehts dir an den Kragen: denn nichts leichter als anzuneh. men, daß ein General oder Minister damit gemeint ist. Aber nichts zu sagen, kann dir auch gefährlich werden. Er sagt nichts) Das ist ein Boche, ein Spion, ein Schuft!" „Ein wies. sMänditts JftoiOfnt“. Brüssel, 23. Juni. Das zentralvlämische Pressebureau verbreitet in den vlämischen Blättern folgende Mitteilung: Ter Rat von Flandern hat in seiner Vollversammlung vom 20. Juni 1918 einstimmig eine Kundgebung beschlossen und beauftragt seine Bevollmächtigten, sst dem Generale gouverneur zu übermitteln: Seit dem 3. März 1917, dem Tage, an dem der Kanzler des Deutschen Reiches unseren Abgesandten die feierliche Erklärung abgab, die deni vlämischen Brudervolk Deutschlands starken und dauernden Schutz auch nach dem Friedens- schlrrß verhieß, ist mehr als ein Jahr vergangen. Geftiitzt auf die starke Entwicklung, die die Idee eines freien selb- ständigen Flanderns feit jener Erklärung des deutschen Kanzlers bei uns genommen hat, hat am 22. Dezember 1917 der Rat von Flandern die Selbständigkeit Flanderns beschlossen und damit das alte Ziel der vlämischen Bewegung erneut in feierlicher Form verbündet. Wessen Auge den Charakter unseres Vplkes zu erkennen vermag, wessen Ohr seine Stimme kennt, der sieht jetzt das Wesen unseres Volkes wieder sich durchringen, ein jubelndes Durchbrechen neu- bewußter Volkskraft. Tausende haben in den Versammlungen zur Neuwahl des Rats von Flandern das Recht ihres Stammes und ihrer Freiheit gefordert, viele Tausende mehr müssen noch schweigend ihre Hoffnung in sich bergen, weil die Zukunft unsicher vor ihnen liegt. In Notwehr hat das deutsche Heer den Boden unseres Landes als Feind betreten, im Lause des Krieges aber haben die Vlamen trotz der Härten, die dieser den Bewohnern des besetzten Gebietes auferlegt, erkannt, daß nicht das Deutsche Reich ihr wahrer Feind r,p, sond-ern die belgische Regierung. Trotz der schwierigen Verhältnisse, in denen die besetzende Macht sich befindet, hat die deutsche Venoaltnng den Vlamen die Venvirklichung eines großes Teiles ihrer Wünsche aus dem Gebiet der Sprache, Schule und Verwaltung gebracht. Die belgische Regierung dagegen hat für alle Wünsche des vlämischen Volkes stets nur ein hochmütiges „Nein" gehabb Wir alle wissen, daß eine in die alte Machtstellung zurück- kehrende belgische Regierung, mag sie auch am Friedenstische dem deustchen Protektor Flanderns goldene Brücken schöner Versprechungen für die Vlamen gebaut haben, für uns Vlamen doch nur den belgischen Haß, für unsere Kultur französischen Spott, für unser staatliches Leben englisch« Vormundschaft, und für unsere Wirtschaft amerikanisches Kapital mit arnerikanischen Gläubigern bringen wird Preisgegeben an Frankreich, an England und an Amerika würde unser Volk zerfallen, seine Art verderben, seine Ge« schichte erlöschen. In dieser tiefernsten Stunde vertrauet wir, ein Volk, das unabhängig sein will, aus Gottes Hilfe^ auf unsere unbeugsame Entschlossenheit und mrf Deutsch lands starken Willen und klaren Zukunftssinn. Wirtschaft« lich, politisch und strategisch an der Schwelle Deutschlands gelegen, weiß Flandern, daß seine Selbständigkeit eine reale Sicherung Deutschlands ist, aber auch nicht ohne Deutschlands Hilfe zustande kommen kann. Diese Selbständigkeit ist nur dann eine sichere und für alle Zukunft unangreifbare Grundlage unseres Volkstums, wenn sie eine politische Selbständigkeit ist, welche eigene gesetzgebende Körperschaften eigene Regierung und eigene richteriche Gewalt besitzt mrd uns ermöglicht, unsere politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Belange jo zu gestalten. wie die .natürliche Be- « ftimmurtg unseres Landes und Dolles es fordert. In vollem Bewußtsein der Verantwortung vor unserem Volke glauben wir daher, daß Flanderns Befreiung von jeder verwelschen- den Macht auch Deutschlands Befreiung von feindlicher Be- drohung im Westen bedeutet. Stammesgemeinschast, Geschichte und Selbsterhaltung weisen Deutschland und Flandern das gleiche Ziel zu: „Ein freies selbständiges Flandern." Das englische Gefangenenlager Dattishall. Vor einiger Zeit gingen Nachrichten über die unwürdige Behandlung der deutschen Kriegsgefangenen in dem englischen Gefangenenlager Brocton durch die deutsche und neutrale Presse. In folgendem sei auf ein anderes englisches Gefangenenlager, das Lager Pattishall, hingewiesen. Während in Brocton die deutschen Kriegsgefangenen besonders unter der Rohheit der Lagerkommandanten und des Bewachungspersonals zu leiden hatten, boten in Pattishall die Unterkunstsverhältnisse selbst Anlaß zu berechtigter Klage. Die Gefangenen waren dort, wie ein deutscher Sani- tätsunteroffizier K., der im Jahre 1917 längere Zeit in diesemLager verbringen mußte, berichtet, zu je zweihundert Mann in engen Baracken zusammengepfercht. Die Dächer waren schadhaft, die Bretter an den Wänden, die nicht mit Dachpappe bekleidet waren, geschwunden. Vergebens versuchten die Gefangenen, die Risse mit Papier zu verstopfen. Wind, Regen und Schnee drangen unbehindert in die Baracken hinein. Wenn die Gefangenen des Morgens aufwachten, waren ihre Schlafdecken oft mit Schnee bedeckt. Da nur eine ganze geringe Menge Kohlen geliefert wurde, konnten die Räume fast gar nicht geheizt werden. Die Folge davon war, daß vielen Gefangenen Hände und Füße erfroren. So erging es K. Als er sich deshalb an den Arzt wandte, erklärte ihm dieser, er könne nichts dagegen tun. Mit den Worten: „Lassen Sie sich doch eine Salbe aus Deutschland kommen!" überließ er ihn seinen qualvollen Schmerzen. So verfährt man mit den deutschen Kriegsgefangenen ,in dem englischen Gefangenenlager Pattishall, das in der mit englischem Golde gekauften Hetzpresse Englands und der neutralen Länder stets als eines von denjenigen Lagern geschildert wird, in denen England den deutschen Kriegsgefangenen das „Paradies auf Erden" bietet. stanMche Sßlkffn über die Hilfe Amoks. Eine Anzahl französischer Offiziere und Soldaten, die unlängst am Kemmel in Gefangenschaft gerieten, äußern sich, wie ihre Kameraden es jetzt fast durchweg^tun, ungeschminkt über die Sttmmung im sranzösisc^n Heere. Allgemein sei Kriegsmüdigkeit bei den Truppen zu finden, — im Gegensatz zu den Hoffnungen der Bevölkerung! Denn „diese ließe sich durch die heuchlerischen Zeitungen beeinflussen und richte sich an dieser oder jener rosig gefärbten Havas- oder Reuter-Meldung leichter wieder auf, da sie nicht unmittelbar Zeuge des wahren Kriegs- elendes ist." lieber „die Hilfe Amerikas," meinen sie, „wenn sie uns auch immer wieder als letzte Rettung gepriesen wird, kann unter keinen Umständen eine günstige Wendung des Schicksals Frankreich mehr herbeiführen. Weder jetzt noch etwa im nächsten oder gar im übernächsten Jahre!" Das eine sei jedenfalls sicher, daß die Regierung in Paris, namentlich Cl6menceau, sich in den Augen der Soldaten lächerlich mache und verhaßt sei, wozu die fortwährenden Hinweise auf die erwartende Hilfe Amerikas nicht unerheblich beittügen. Deutscher Reichstag. 180. Sitzung vom 23. Juni. Reichskanzler Gras o. Hertling erklärte Heim Beginn der heutigen Sitzung des Reichstags, er habe ursprünglich nicht das Wert nehmen wollen. Die Erfahrungen lehrten ja, daß das Reden zwecklos Seine grundsätzliche Zustimmung zu Wilson habe er seinerzeit erklärt, und weitere Auslastungen hätten keinen Zweck. Die Kundgebungen gerade aus Amerika zeigten ja, daß der Völkerbund, den man plane, nur Deutschland wirtschaftlich isolieren solle. (Lebhafte Zustimmung.) Der Staatssekretär v. Kühlmann habe in seinem Aufträge über die Ostfragen Mitteilungen gemacht und er habe sich dieser Aufgabe ja auch mit Sachkenntnis entledigt. Seine weiteren Ausführungen hätten zu seinem lebhaften Bedauern unliebsame Aufnahme gefunden. (Sehr richtig!) Die, Schuldfrage aw Kriege könne man getrost der Geschichte überlasten. Es stehe fest, daß Deutschland die Schuld nicht trage. Der übrige Teil der Ausführungen Kühlmanns begegne einem Mißverständnis. Die Tendenz dieser Ausführungen sei lediglich, die Verantwottung für die Fortsetzung und unabsehbare Verlängerung des entsetzlichen Krieges den feindlichen Mach, ten zuzuschieben, wie er selbst es getan habe. Von einer Läh- n.ung unseres energischen Willens und unserer unerschütterlichen Siegeszuversicht könne selbstverständlich nicht die Rede sein. (Lebhaftes Bravo.) Die verbündeten Fürsten und ihre Völker ständen einträchtig zusammen in diesem Kampfe, in festem Vertrauen auf unsere unvergleichlichen Truppen (lebhafte Zustimmung) und auf das einträchtige Zusammenstehen des Volkes, das bisher eine bewundernswerte Haltung bewiesen habe. (Erneute Zustimmung.) Er hoffe, daß Gott, der uns bisher von Sieg zu Sieg geführt habe, uns dafür auch belohnen werde. (Stürmische Zustimmung.) Darauf nahm Staatssekretär v. Kühlmanu das Wort, um durch Verlesung seiner gestrigen Ausführungen der Erwiderung des Grafe« Westarv iektruLtellen. daß nie» mand die Berechtigung habe, aus seinen Motten herauszulesen, als habe er an der Siegeszuversicht irgendwie gezweifelt Er habe auch nicht an den guten Willen unserer Feinde appelliert, das zeige der klare Wortlaut seiner Rede, an besten Sinn, wie er auf Zwischenrufe von rechts her bemerkte, nichts geändert fei. Der Sieg auf dem Schlachffeld sei die Voraussetzung für eine diplomatische Aktion. Die diplomatische Aktton selbst sei das Sekundäre. Er habe in seiner gestrigen Rede feststellen wollen, daß die Erörterungen von Parlament zu Parlament, von Tribüne zu Tribüne unter den heutigen Voraussetzungen zu keinem Ziele mehr führten, sondern daß unter diesen Umstanden nichts weiter übrig bleibe, nachdem die militättschen Voraussetzungen vorlägen, als die diplomatische Fühlungnahme. Diese diplomatische Fühlungnahme werde aber sofott verrammelt, wenn man den Fühlungsuchenden von vornherein mala fides unterstelle. Dadurch würde der Weg vollkommen verrammelt, und das sei bis jetzr von unseren Feinden geschehen. Der Abgeordnete Graf Westarp habe auch gestern selbst erklärt, er könne sich nicht denken, daß der Staatssekretär an unseren Sieg nicht glaube Das könne er voll unterschreiben. Die mi. litärischen Siege lägen vor uns, und er hoffe und die Feiirde fürchteten es, daß sich weitere Siege daran reihen würden. Aber er habe den Gegnern gestern zu Gemüte fuhren wollen, daß es vielleicht für sie richtiger wäre, nachdenklich zu werden. Auf die unvergleichliche Tapferkeit unserer Truppen und auf den festen Willen unseres Volkes vertraue er ebenso wie jeder andere. Nach dieser Rede betritt der Allerweltsphraseur Naumann die Bühne, dem übrigens das Unglück geschieht, im Bericht des „Frkf. Gen.-Anz." Baumann genannt und dem Zentrum zugeteilt zu werden. Ganze Ströme voll Redensarten schüttet er aus seiner Phrasengießkanne über den Reichstag. Er zitierte Stimmen aus dem dreißigjährigen Krieg und erzählte, daß beim Friedensschluß neben den Waffen auch das große Spiel der G e i st e r leben müsse, wobei er bei den Geistern ganz offenbar an sich gedacht chat. Als sich der Reichstag einigermaßen von dieser Rede erholt hatte, nahm S t r e s e m a n n (nat. lib.) das Wort, der sich mit bemerkenswerter Deutlichkeit gegen Kühlmann wandte. Er erklärte, daß die Rede des Staatssekretärs auf feine politischen Freunde geradezu niederschmetternd und niederdrückend gewirkt hat. (Stürnrische Rufe: Sehr richtig! bei den Nationalliberalen.) Wir bedauern auf das allertteffte, daß der Satz ausgesprochen werden konnte: Wer- machte den Ostfrieden? Das war Ludendorffs Hammer (Stürmischer Beifall), wie es Lloyd George nannte. Das Land muß fragen, ist denn etwas eingetreten, was zu Zweifeln Anlaß gibt? Wir sind aus dem Stellungskriege heraus. Paris ist wieder in dem Bereich der deutschen Kanonen, da sollte man alles vermeiden,was die Siegeszuversicht des Volkes vermindern kann. Warum müssen wir in der Frage der Schuld an denr Kriege eine Entlastungsoffensive für England unternehmen, wie es gestern der Staatssekretär tat? (Sehr richtig.) Die ganze englische Politik in der letzten Zeit war nichts anderes als die Vorbereitung des Krieges gegen Deutschland. Wenn der Sieg unser ist, müssen wir ihn benutzen, um die nöttgen realen Sicherungen zu erreichen. DAS Verlangen des Rates von Flandern findet hoffenllich die nötige Berücksichtigung bei unserer Regierung. Die harte Kriegsnotwendigkeit, die besetzten Gebiete zu den Lasten des Krieges heranzuziehen, wird jede Verwaltting in Mißkredit bringen. Eine Nadelspitzenpolittk darf man nicht treiben. Die deutsche Hilfeleistung für Oesterreich- Ungarn findet bei uns volles Verständnis. Gegen die austro-polnische Lösung baben jetzt auch die Deutschen in Oesterreich severe Sedenken. Deshalb tut man gut, sich in der polnischen Frage nicht allzu schnell zu binden. Seit Jahren hört man nichts von einer Reform des Auswärtigen Amtes. Eine solche fordert ganz besonders unser auswärtiger Handel, der unter dem Versagen unserer Diplomaten so schwer gelitten hat. Nicht die Personen haben versagt, sondern das System. Wie war es möglich, daß ein Fürst Lichnowöky Botschafter in London werden konnte? (Sehr richtig.) Wir protestieren dagegen, daß das-Bürgertum ganz voir den besseren diplomatischen Stellungen ausgeschlossen ist. Um auch Unbemittelten die Laufbahn zu ermöglichen, müssen die Posten dementsprechend besser bezahlt werden. Deshalb ist es nötig, daß unser dementsprechender Antrag angenonnnen wird. Abg. Gröber (Zentr.) beantragt, den Antrag dev Nationalliberalen dem Hauptansschuß zu überweisen. Das Haus beschließt demgemäß. Der Unabhängige H a a s e weinte, dem Herrn v. Kühlmann sei die seidene Schnur überreicht worden, er habe es aber nicht verstanden, in Schönhett zu sterben. Die Konservativen haben es lange auf seinen Sturz abgesehen, er brachte ihnen seine Entschuldigung vor, hat aber keine Gnade gefunden. Bezeichnend ist, daß Graf Hertling konservativ geblieben ist. Kein Wort von der Rede des Grafen Westarp hat er heute zurückgewiesen. Graf Westarp hat klar und deutlich das ausgesprochen, was die Militärpattei will, und bei uns herrscht die Militär- Partei. Es wäre überaus ersteulich, wenn die unklare Situa- tton endlich einmal voll geklärt würde, wenn endlich General Ludendorff auf den Reichskanzle rpwtz käme. Er fing dann an zu schimpfen und nannte die fläu Bewegung einen Schwindel. Abg. Werner-Gießen (Deutsche Fr.): Herr v. Kühlmann sieht die Friedensaktion noch immer gls ein Dogma an. Es ist doch unleugbar, daß die geographischen Grenzen für das deutsche Volk bei seinem Wachstum unzulänglich sind. Der Führer eines Volkes hat die Pflicht, die großen Taten des Heeres auszunützen, und darf nicht die Sttmmung herabmindern, und unseren Diplomaten muß der englische Geist mit eisernem Besen ausgekehrt werden Unsere Diplomaten müsien deutsche Gemüter haben. Die russische Gefahr ist für uns noch bnnes. wegs behoben. Di« Entwicklung der Dinge in Polen gibt a* frohen Bedenken Anlaß. Durch all unser Entgegenkommen haben wir di« polnische Sympathie uns nicht erwerben können. Die Polen verlangen nach wie vor ein großes Reich mit Danzi, und Litauen. Die austropolnische Lösung wäre der erste Nagel zum Sarge des deutkch-österretchischen Vündnisies. Ein Sonder, Herzogtum Litauen muß abgelehnt und die Personalunion an- gesttebt werden. Das Selbstbestimmungsrecht des deutschen Vol» kes muß in den Vordergrund geschoben werden. Wir hob«, überall nur zu fragen, ob deutsche Interessen in Frag« kommen. Der Friede mit Rußland hat uns eine große Einwanderung von Ostjuden gebracht. Die Flamen dürfen ihrem Schicksal nicht überlasten werden. Das Ausländertum darf sich in Zukunft nicht mehr auf unseren Hochschulen breitmachen. Dem national- liberalen Antrag stimmen wir zu. England gibt seinen Der- nicytungswillen nicht auf, bevor es nicht am Boden liegt. Herr von Kühlmamr. Die vorgestrige Rede des Herrn v. Kühlmann war e'm politischer Skandal. In dem Augenblick, wo die englischen Staatsmänner Bonar Law und Balfour ihre Reden ge- halten haben, die abermals den Kampf bis auf's Messer verkündeten, in dem Augenblick, wo die deutschen Heers dem Feinde die blutigsten Niederlagen beigebracht hatten, stellt sich dieser „deutsche" Staatsmann hin und winselt den Engländern vor. daß nicht sie, sondern Rußland der Urheber des großen Kriegs gewesen sei und daß die Waffen den Krieg nicht entscheiden würden. Herr v. Kühlmann hat seine Aufgabe nicht verstanden zu einer Zeit, wo es gilt, dem Volke das Rückgrat zu steifen und ihm die Wege zu einem ehrenvollen Frieden zu weifen, hat er sich als Mies- und Flaumacher erwiesen. Es ist bezeichnend, daß nach dieser Leistung selbst sein« Freunde von ihm abgerückt sind und daß seine Rede eigentlich nirgends Beifall ge- funden hat. Mit Ausnahme des sog. deutschen ReicMags rratürlich. In dieser Körperschaft, bei deren Mehrheit ja jedes nationale Denken abhanden gekommen ist und einzig und allein die Frage der Parteiherrfchaft alles entscheidet, haben Linke und Zentrum dem Mann ihres Herzens zu- gejubelt und die Erzbergerei hat abermals den Beweis ge- liefert, daß sie sich mit dem demokratischen Liberalismus aus Gedeih und Verderb verbunden hat. Im Lande draußen aber ist die Stimmung doch anders und die „Franks. Ztg.", der kühlmann'sche Moniteur, muß zugeben, daß sich seine Rede bester lieft, als angehört habe und selbst frei- sinnige Blätter, wie die „Voff. Ztg." meinen, seine Rede werde Kopffchütteln erregen. Viel schärfer urteilen die Zeitungen nationaler Richtung. Heute hat der Reichskanzler, Graf Hertling, im Reichstag di« Darlegungen feines Staatssekretärs richtig stellen und erklären zu müssen geglaubt. Es ist ein mißliches Ding, wenn ein Vorgesetzter für seinen Untergebenen einspttngen und ihn entschuldigen mutz. Auch Kühlmann glaubte sich berichtigen zr» müssen, der Erfolg war matt und nur Zentrum und Linke spendeten pflichtschuldigst Beifall. Und so steht denn zu hoffen, daß mich dieser unglückselige Staatsmann, der in englischen Anschauungen groß geworden, der von jeher der deutschen Volksseele fremd gegenüber gestanden hat, gleich seinem Genossen Bethmann-Hollweg, in der Versenkung verschwinde. Die „Franks. Ztg." übt bereits den Schwanengesang ein und es gernahnt an das Bild der klagenden Juden an den Gewässern Babylons, wenn sie heute schreibt: „dann kommt man allerdings zu der Ueberzeugung, daß die offene Sprache, die der Staatssekretär gestern gesührt hat, unmittelbare Folgen für seine Stellung haben kann." — Hoffentlich wird's wahr, das wäre so viel wett, wie ein* gewonnene Schlacht. Zchaknks C5f!üdjtfr bei kn Sgzialkmkalen verzeichnet der Reichstagsbericht der Reichstagssitzung vom 24. Juni (f. „Franks. Ztg.", Nr. 174) von einer Stelle der Rebe des kenservatioen Grafen Westarp. Es dürfte doch am Platz« sein, festzustellen, welche Stelle in dieser Rede die schallend« Heiterkeit der Ecnosten hervorgerufen hat. Nach dem ange» zogencm Reichstagsbericht hat der Graf Westarp gesagt: „Der Kampf mit England muß bis zum bitteren Ende des Seins oder Nichtseins durchgefochten werben. Es handelt sich um de« Kampf der Weltanschauungen dabei, um einen Kampf gegen den Götzendienst des Geldes." Das ist beinahe wörtlich der Ausspruch, den der Kaiser erst kürzlich. gelegentlich seines 30- jährigen Negierungsjubiläums gebraucht hat und diese Wort« rufen bei. den roten Eenosien schallendes Gelächter hervor. Dieses Gelächter verdient für alle Zeiten festgcI>aUen und ge. brandmarkt zu werden. Wir haben ja von den Sozialdemokraten niemals etwas anderes gehalten als daß ihre führenden Geister, mit wenigen Ausnahmen, die bewußten Zutreiber des raffenden international. Großkapitals sin>. Hier haben wir wieder den Beweis: Der Ausspruch unseres Kaisers, daß unser Kampf gelte dem Götzendienst des Geldes ruft bei den roten Genosien hervor: Schallendes Gelächter ! Und da gibt es noch. Leute, di« da glauben, dir Sozialdemokratie habe sich gemausett! ^rMiränfemiö kt liitHlidjfn JJortofrfiljnt. Nach einer Meldung des „Tag" haben sich die Der» bündeten Regierungen enffchlossen, den im Reichstag mehr- fach, noch zuletzt bei der Beratung der Steuervorlage rm Hauptausschuß geäußerten Wünschen zu entsprechen und di« noch bestehende Portofreiheit von Angehörigen der deutsche» Mirstenhäuser weiter einzuschränken. Pin Gesetzentwurf hierüber befindet sich in der Ausarbeitung. Es ist aber itr.‘ gewiß, ob er noch in diesem Tagungsahschnitt fcttl Reichs tag Angehen wich ZMMMlWW-KMroiie in Stadt nnd Land. Die „Deutsche Tageszeitung" schreibt Jnurrer lauter und erregter werden die Klagen der Landwirte darüber, in welcher unerhörten Weise die Revisionen gehandhabt werden. Nickst nur Scheunen und M-Lschastsräume, Wagenremisen und Keller, sondern auch Schlaf- und Wohnzimmer werden durchsucht, Kisten und Kasten, Sckränke, Betten, Waschkörbe usw. durckIvühlt, selbst die Brutstätten vom Federvieh und die Holzstapel, deren Wiederaufbau dann tagelange Arbeit erfordert. Sogar die Kornfelder werden durchstreift, wodurch natürlich großer Schaden'angerichtet wird. Ohne Rücksicht darauf, ob auch nur irgendwelche Verdachts gründe vorliegen, werden die Landwirte wie Spitzbuben und Verbrecher behandelt; ist es doch vorgekommen, daß ein Landwirt aufgefordert wurde, sich völlig zu entkleiden! Dabei klagt ein liberales Oldenburger Blatt, daß die Produzenten immer auf das lichiste geschont werden. Und wie steht es mit d-er Kontrolle in der Stadt? Wieviel wird da durch den Schleichhandel und die Schleich- verjorgung rechtswidrig der Allgemeinheit entzogen? Der Staatssekretär dels Kriegsernährungsamtes hat in einer Antwort an den Metallarbeiterverband betreffend der Schleichversorgung erklärt, es ergebe sich durch jie eine Inanspruchnahme von so großen Vorräten jeder Art, daß dadurch die allgemeinen Rationen auf das empfindlichste herabgemindert werden müssen. Wieviel verdirbt ferner infolge unserer bureaukratisch gehandhabten Zwangswirtschaft, wenn maßgebende Stellen es auch abzuleugnen suchen. Und das ist am Ende des vierten Kriegsjahres nicht besser, nein eher schlimmer als früher. Wir lesen im „Berliner- Tageblatt" (Nr. 300 vom 14. Juni d. I.), daß bei der Ein- kaufsgesellschaft Ostsachsen 30 000 Eier verdarben und zu Schmierseife verarbeitet wurden; aber der Antrag Noesicke auf Freilaffung der Eier wird bekämpft. Wir lesen int „Vorwärts" (Nr. 46 vom 13. Juni d. I.), daß Berge ver- dorbener Kartoffeln auf dem Tempelhofer Felde aufgetürmt sind, welche von der staatlichen Verteilungsstelle Groß-Berlin herrühren sollen. Was geschieht, um solche Vorkommnisse zu verhindern? Wo bleibt die Kontrolle in der Stadt? Dieses häufige Verderben von Lebensmitteln in großen Mengen ist eine der vielen schädlick)en Begleiterscheinungen der Zwangswirtschaft. Das „Berliner Tageblatt" (Nr. 305 vom ,17. Juni d. I.) weist in einem Arttkel über die Hamburger Kundgebung (Los von der Berliner Zwangswirtschaft) darauf hin, daß Adolf Wagner, der eigentliche Schöpfer des modernen staatssozialisttschen Gedankens, an einer gewissen Grenze Halt macht, weil er von einer weitgehenden staatlichen Bindung des Wirtschaftslebens, einer gar zu großen Beschränkung der Einzelpersönlichkeit katastrophale Wirkungen befürchtet. Eben dies« „katastrophalen Wir-k»ngen" befürchtet auch mit Recht Dr. Roesicke bei einem uneinge. schränkten Weiterbestehen der Zwangswirtschaft, deshalb sein Antrag! Und dieser Antrag ist dadurch, daß er im Ausschuß abgelehnt wurde, nicht tot, nein, die Erkenntnis dessen, daß er begründet ist, zieht immer weitere Kreise und stiehlt sich selbst in die Spalten linksliberaler Zeitungen. Das „Berliner Tageblatt" benutzt seinen erwähnten Artikel zwar noch zu einer Anrempelung des Bundes der Landwirte, in dem es die würdige Gemessenheit der Hamburger Kaufleute in Gegensatz bringt zu den bei der Gründerversammlung des Bundes gefallenen „saftigen Kraftausdrücken". Es schreibt dann aber: „Jahrelang hat der deutsche Handel, haben viele Industriezweige diese völlige Kaltstellung ertragen, weil sie sich in das, was während des Krieges im Interesse aller notwendig erschien, willig gefügt haben... nun aber wächst der Widerstand der Interessenten." Gilt das nicht auch für die Landwirtschaft? Schon lesen wir in der gewiß nicht agrarischen „Freisinnigen Zeitung" (9kr. 141 v. 19. 8. 18): „Immer dringender ist das Verlangen des Fabrikanten, des Kaufmannes, des Gewerbetteibenden des Landwirts geworden, tunlichst schnell aus den Fesseln befreit zu werden, die die Kriegswirtschaft ihnen auf- rrlegt." Und in derselben Nummer findet sich sogar ein Aussatz s„Keine Eier — kein Zucker"), welcher den Perleberger Landrat, v. Graevenitz, scharf bekämpft, weil dieser den Landwirten, deren Hühner wegen ungenügenden Futters cruch ungenügend Eier liefern, den Zucker vorenthält, den doch auch die am mangelhaften Eierlegen gewiß unschuldigen Kinder brauchen. Ebenso bekämpft das Blatt aber den Marburger Landrat von Löwenstein, der umgekehrt Zuckerprämien für reichliche Eierablieferung gibt. Aber womit schließt der Arttkel? „Es wird wohl auch noch andere Mittel geben, um böswillige Hühnerhalter zur Erfüllung ihrer Pflichten zu veranlassen!" Wie immer wird auch hier von linksliberaler Seite nur an die stärkere Erfassung gedacht, nicht an die viel wichtigere stärkere Erzeugung. Wie wäre es mit der Verwirklichimg des Anttages Roesicke bezüglich des einen Punttes: der Eier? Hier Bestrafung der Landwirte, die durch die schärfsten Maßregeln verärgert und verbittert werden, dort (in Dresden z. B.) die Vergeudung von 30 000 Eiern durch schlechte Bewirtschaftung und ungenügende Kontrolle. Wie wäre es mtt einer Kontrolle der Städte — städttschen Behörden und Kriegswirtschaften — durch sachverständige Landwirte, wie sie z. B. der Oberpräsident der Provinz Hessen bezüglich der Kartosselaufbewahrung in Kasiel angeordnet haben soll? „Gleiches Recht für alle" ist ein Wahlspruch, der den. links- liberalen Blättern doch lieblich klingen müßte. Ein Staat, der die Gottesgebote nicht zn schützen vermag. iS «ich! wert, weiter;n bestehen! Seit Jckhr und Tag ist von einem Theaterstück „Der Weibr- teufol" viel di« Rede. Es rft ein modernes Stück, das dem Zug der Neuzeit entsprechend, anstatt den Menschen zu heben, ihn in die Tiefe herab zieht. Die „Damen", die sich das Stück anfehen, haben eben den ganzen Tag nichts zu tun, der Mann macht in Kriegsgewinnen und so regt man sich am Abend angenehm auf, wenn man in den „Weibsteufel" geht. Dieser Tage ist trotz heftiger Gegenwehr der katholischen Geistlichkeit dieses Produkt moderner Kunst auch in München aufgeführt worden. Zur gleichen Stunde, da die Aufführung stattfand, erhob der Erzbischof von München, Dr- v. Faulhaber, von der Kanzel des Domes herab in einer Predigt vor dichtgedrängter Zuhörerschaft Einspruch gegen diese Aufführung, die den Sittengesetzen widerspreche und in dieser Zeit des Blutvergießens und Kriegselends doppelt verwerflich sei. Er berief sich dabei auf sein im Konkordat ihm zugestandenes Recht der Wahrung der Sittlichkett und sagte, ein Staat, der di-e Gottesgebote nicht zu schützen vermöge, sei nicht wert, weiter zu bestehen. Das ist schön und gut. Aber, so sagen wir, wer sind denn die Bundesgenossen derer, die das Stück auf die Bühne zerren? Freisinnige und Sozial- d e m o k r a te n , ,.F r a n k su r t e r Z e i t un g" und „Vorwärts^' sind die geistigen Helfer dieses Schauspiels, sie sind es, die über Vergewaltigung schreien, wenn auf irgend einer Bühne das Schauspiel nicht zur Aufführung kommen darf. Mit den Freisinnigen und Sozialdemokraten hat sich aber das Zentrum im Reichstag zu einer Mehrheit zufammengetan und die Erzberger und Genossen jubeln, wenn die Vertreter dieser modernen schnoddrigen Weltanschauung, die Naumann und die um ihn sind, ihre Rede halten. Weltanschauung, Gottesgebote, Wahrung dev Sittlichkeit, auf die sich der Erzbischof von München berufen hat, spielen da keine Rolle mehr. Einzig darauf kommt es an, daß einzelne Parlamentarier, Erzberger, Fehrenbach usw., die von einer g-zrasführ- ten Wählerschaft an die Oberfläche geschwemmt worden sind, eine einflußreiche Rolle spielen dürfen. Hoffentlich tragen die schöne Worte des Erzbischofs von München dazu bei, daß auch dem deutschen kotholischen Volke einmal die Augen aufgehen, wohin die Reise geht. Ans der Heimat. Außerkurssetzung der Zweimarkstücke. Es wirb nochmals ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, daß die Frist zur Einlösung der Zweimarkstücke am 1. Juli d. Js. abläuft. FO. Bad-Rauhen», 23. Juni. Einen eigenartigen Erfolg hat di« hier angeordnete polizeiliche Durchsuchung der Post, pakete gezeitigt. Statt, daß die Kurgäste ihre mit gehamsterten Lebensmittel vollgepfropften Pakete dem hiesigen Postamt übergeben, gehen diese seit einigen Tagen nach Friedberg. Dott kommen Pakete aus Bad-Nauheim in solchen Mengen zur Aufgabe, daß das dortige Postamt alle Hände voll zu tun hat, um den von hier kommenden Segen zu bergen. Dem Unfug soll, wie die „Bad-Nauheimer Zeitung" erfährt, gesteuert werden. Beienheim. Der Hassiabezirk Friedberg hielt letzten Sonntag bei Gastwirt Stein seinen zweiten Bezirk tag für 1918 ab. Es wurden zunächst geschäftliche Angelegeichetten erledigt und recht ansehnliche Beträge als Unterstützungsgelder ausbezahlt. Den wichttgsten Punkt der Tagesordnung bildete der Bericht über den Hassiatag in Darmstadt mit einen: anschließenden Vorttage über die Zukunftsairsgaben der Kriegervereine. Einem geschichtlichen Rückblick über die Entwicklung und die seitherige Tätigkeit der Kriegervereine folgte eine eingehende Behandlung der Bedürfnisse und berechtigten Anspriiche der leider allzugroßen Schar von Kriegsbeschädigten aus dem jetzigen Kriege. Die Bewegung der besonderen Kriegsbeschädigtenverbände fand sachliche Würdigung und Be- leuchtting. Zum näheren Vergleiche hierzu wurden die von den deutschen Kriegervereinsorganifattonen in Aussicht ge- nommenen und bereits begonnenen Maßnahmen zur Förderung der Interessen der Kriegsbeschädigten besprochen. Es konnte mit Genugtuung festgestellt werden, daß das Ar- beitsprogramm der Kriegewereine den Leitsätzen jener Son- dcrgründungen von Kriegsbeschädigten durchaus gleichwertig zu setzen ist. Die alten Vereine haben--dazu den großen Vorzug, daß sie, gestützt auf feste Organisation und reichliche Mittel, zu bedeutend geringeren Beitragssätzen Mitglieder aufnehmen können. Die bestehenden Kriegervereine sind nicht nur gern bereit, Kriegsteilnehmer und -Beschädigte aus dem großen Völkerringen in sich aufzunehmen, sondern sie legen sogar Wert darauf, solche in leitenden Stellen im Dereinswesen zur Mitarbeit begrüßen zu können. Die aus hartem Ringen um den Bestand des Vaterlandes heimkehrenden Streiter sollen in diesen Vereinen eine Schar kameradschaftlich fühlender Männer treffen An ihrer Seite werden die Beschädigten Helfer und Förderer in Not und Beschwerden und die Gesunden Freunde der Arbeit in neuem vaterländischen Geiste finden. Die in solchen Rahmen geleistete Arbett wird eine Quelle des Segens werden. Sie kann viele Wunden heilen, Gefühle der Freude und des Glückes wecken und unserem Volke nach Tagen des Schmerzes und der Entbehrung eine bessere Zu. kunft bauen helfen. Frankfurt a. M., 24. Juni. Heute hielt der evangelische Pfarrverein im Eroßherzogtum Hessen hier seine Hauptversammlung ab. Dieselbe war angesichts der schwierigen Vor-- kehrsverhältnisse gut besucht. Der 81jährige Vorsitzende Geh. . Kirchenrat Schcimpf erstattete den Jahresbericht. Deo • Verein bat auch in den letzten Jahren erfolgreich gearbeitet und zugenommen. Da der Vorsitzende fein Amt niederlegt«!, ward ihm wärmster Dank und Anerkennung des Vereins in Wort, Geschenk und Ernennung zum Ehren-Vo flitzenden zu Teil. Der Rechner des Vereins. Dekan Röschen- Freienseen und der Schriftleiter des Kirchenblatts Pfarrer Fritsch- Ruppertsburg, legten Rechnuwgsablage und Berichte ab. Da sie seit 25 Jahren mit Erfolg ihre Aemter verwalteten, feierte sie der Verein in Dankesworten und mit einem Ehrengeschenk. Bei nachfolgender Wahl wird der seitherige Stellvertteter des Vorsitzenden, Dekan I a u d t - Planig, zum Vorsitzenden, und Pfarrer Inspektor Weimar- Nieder-Namstadl zum Stellve-r- tteter gewählt. Pfarrer B e r ck - Mombach hielt einen Vor- ttag über ..Notwendigkeit von Gehaltserhöhung und Teuerungszulagen gleich den Staatsbeamten" Die Versammlung trat seinem Antrag bei, billigte sehr ausdrücklich die einleitenden Schritte, welche Geh. Kirchenrat Schrimpf in dieser Sach« seither getan und wünscht, daß sie weiter ausgeführt, guten Erfolg haben. Fr. FC, Ufingen, 23. Juni. Die Stadtverordneten bewilligten! sämtlichen Lehrern an der vereinigten Real- und Volksschule dahier, einschließlich des -Rektors, eine Ottszulage von jährlich 100—200 Mark, für Lehrerinnen je nach dem Dienstalter di« Hälfte, rückwirkend vom 1. April d. I. ab Aus Starkenburg. Darmstadt, 24. Juni. Unter der großen Ausrrahl der Gefangenen auf dem Griesheimer GcfanMrenlager sind seit einiger Zeit auch Australier, Senegalneger und andere schwarze Gesellen mit verschnittenen und verunzierten Gesichtern einge- troffen. Dieser Tage kam nun auch ein spanischer Häuptling» der auf einer Ozeaninsel aufgegriffen, die unter spanischer Oberhoheit steht, hier an, der unter irgend einer Ausrede, auch zum Kampf gegen Deutschland veranlaßt wurde. FC. Eberstadt, 23. Juni. Der Gemeinderat beschloß aus Ncrddeutschland 100 magere Gänse zur Mästung zu beziehen. FC. Vensheim, 23. Juni. Die Eheleute Josef Adler dahier begingen gestern ihr gokdenes Hochzeitsfest. Aus dem Ried, 23. Juni. Schweres Sturm-wetter, verbunden mit Hagel überzog heute Nacht, wie auch heute Mittag 1 Uhr unsere Residenz und die Umgebung. Voraussichtlich ist auch einiger Schaden angerichtet worden. Di« Witterung hah sich merklich abgekühlt. Ans Rheinhesien. FC. Worms, 23. Juni. Die Feier des 60 jährigen Bestehens des Lutherdenkmals wird am 26. Jrmi festlich begangen. Stadtpfarrer Klein von Mannheim hält die Fest' rede. FC. Worms, 23.^ Juni. Am Hellen Tage wurden dahier aus zwei Uhrenläden drei Taschenuhren und sechs Damenringe gestohlen, aus der Brauerei Jean Rühl Ledertreibriemen im Werte von 600 Dkark, Wetter aus einer chemische« Waschanstall 26 wollene Decken, Uniformstücke und30Paa^ Strümpfe. FC.Worms, 23. Juni. Der 72 jährige Landwirt un8 Winzer Heinrich Hanewald aus Leistadt stürzte beim! Kirschenbrechen von der Leiter und erlitt so schwere Verletzungen, daß er kurz darauf verstarb. FC. Geisenheim, 23. Juni. Unter bedeutender Rauchentwicklung entstand auf der Schönborner Aue ein Brand, der reiche Nahrung an den auf den Wiesen liegenden Futtermengen fand. Das Feuer wurde eingedämmt, doch haben verschiede^ Pächter großen Schaden erlitten. FC. Aus Rheiuhesseu, 23. Juni. In der Gemarkung Bretzenheim wurde in einem Heuhaufen von einem Landwirt ein von Nierftein durchglchrannter Russe, sowie ein dortiges Dienstmädchen aufgestöbert. Beide trieben sich schon eine Woche lang im Felde herum. Sie wurden nach denH Bretzenheimer Arrestlokal gebracht. Aus Hessen.Nassau. . FC. Aus dem Rhein-Maingebiet, 23. Juni. Die Johannisbeeren gehen ihrer Reife entgegen. In günstigen Lage» kennten bereits rote Beeren geerntet werden. Weiße und schwarze Jchannistrauben find noch um acht Tagen zurück. Die Beerenernte fällt durchweg recht reichlich aus. FC. Wcilbach, 23. Juni. In den Anlagen zu Vad-Weil- bach werden in letzter Zeit Beschädigungen an Bäumen und Sträuchern verübt, die strengste Strafe verdienen. Vor einige» Tagen wurde auch eine große Anzahl Fensteffcheiben an de« Schwefelquelle demoliert und dort eine Flaschenkorkmafchins unbrauchbar gemacht. FC. Bom Westerwald, 23. Juni. Der Konttollgendarm Unteroffizier Kurz, der vor kurzem auf der Statton Seifen unter die Räder eines fahrenden Zuges kam, ist jetzt diesen Verletzungen im Krankenhaus in Dierdorf erlegen. FC. Nastätten, 23. Juni. Der Reichskanzler hat die Liquidation das dem englischen Staatsangehöttgen Isidor Hennig gehörigen, im hiesigen Grundbuch eingettagenen Grundbesitzes, Hof Schwall, angeordnet und den Kaufmcnm Luis Schmidt dahier zum Liquidator bestellt. Aus Kurhesseu. FC. Aus der Rhön, 23. Juni. (Nachahmenswert.)' In Vieselbach hat der Gemeindeoofltand gegen Preistreibereien beim Obftverkauf folgendes Mittel gefunden: Alle Kirschbaum« der Gemeinde werden, nachdem Kenner den Wert des Behangs abaeschätzt, mit Nummern versehen. Wer Kirschen haben will, zieht ein Los und zahlt dann den festgesetzten Preiq des Baumes an die Gemeindekassa. Kirchliche Nachrichten. Gottesdienst im Stadtteil! Fauerbach, Mittwoch. 26. Juni, abends 9 Uhr: Kriegsandacht. Verantwortlich für den polittschen und lokalen Teil: Otttj Hirsche!, Friedberg; für den Anzeigenteil: R. Heyner. Friedberg. Druck und Verlag der „Neuen TaaeLLeitunaH A. <&. Friedberg Ufr, Mm nie durch fick Leid geschah. Roman von Courthö-Mahler. 41) Nachdruck verboten. „Was ist dir, Urselchen?" Bist du nicht wohl? Du stehst so blaß aus." Ursula wehrte hastig ab „Ich Hab nur greuliches Kopfweh, Hans Ullrich — nichts weiter." Dieser sah forschend von feiner Schwester zu Graf Joachim. In dessen Augen lag ein seltsames Leuchten und ein eigenartig dringlicher Ausdruck. Ursula hing sich an ihres Bruders Arm und trat so mit ihm den Rückweg an. Das mißfiel der Baronesse ebenso wie Graf Joachim, sie folgten beiden den Geschwistern. Und die Baronesse kokettierte wieder heftig mit dem jungen Offizier. Ursula lauschte mit beklommenem Gefühl zurück. Sollte Graf Joachim die Baronesse meinen? Hatte er an diese sein Herz verloren? Sie seufzte tief auf. „Ach du ^lieber Gott, — das wäre doch viel schlimmer, als » wenn Hans Ullrich sie geheiratet hätte! Sie wird Graf Joachim genau so unglücklich machen, wie sie es mit Hans Ullrich getan hätte. Lieber Vater im Himmel — wenn er mal schon unbedingt heiraten will, dann füg; es doch wenigstens, daß er eine Frau bekommt, die ihn glücklich macht. An mich will ich ja gar nicht denken. Nur er soll nicht unglücklich werden!" So dachte sie bekümmert. Und als sie an diesem Abend zur Ruhe ging, betete sie für sein Glück. Und vor dem Einschlafen dachte sie: Was wollte er nur mit dem Iasminzweig? Herr von Birkenheim saß in seinem Arbeitszimmer seinem Freunde, Graf Rudolf Steinau, gegenüber. Die beiden Herren plauderten von allem, was sie seit ihrer Trennung erlebt hatten, und was ihre Herzen bewegte. Ein selten schönes Freundschaftsverhältnis verband sie feit ihren Knabenjahren, und einer wußte in der Seele des anderen zu lesen. Herr von Virkenheim hatte freilich wenig zu berichten. Sein Leben spielte sich still und einförmig ab. Aber Graf Rudolf, der im Winter in dem großzügigen Berlin lebte und in seinem Amt die meisten europäischen Höfe besuchte, wußte viel zu erzählen. Er sprach dem Freund auch seine, ernsten Vesorgniffe aus, daß es zwischen D-mtschland und verschiedenen anderen Staaten zu ernsten Differenzen zu kommen drohte. Er sprach die Meinung aus, daß sich ein Krieg auf die Dauer nicht würde vermeiden lasten. Dann kamen die Herren aber auf ein persönliches Thema. Rach einer kleinen Pause sagte Graf Rudblf: „Ich möchte dich etwas fragen, mein lieber Heinz, was all die Jahre nicht mehr zwischen uns berührt wurde. Streife ich damit eine alte Wunde in deinem Herzen, so verzeihe mir. Du hast mir stets in allen Dingen de.in Vertrauen geschenkt, wie ich dir das mein- und ich habe den Schmerz, der dein Leben vergiftete, mit dir gefühlt." Heinz von Virkenheim hob den Kopf und atmete tief auf. „Du willst mit mir von Maria sprechen?" Graf Steinau nickte und fuhr mit der Hand-über das glattrasierte Kinn. »Ja, Heinz. Dieser Name ist lange Jahre zwischen uns totgeschwiegen worden. Da du Hn jetzt selbst cmsspttchst, darf kh wohl annehmen, daß die Wunde vernarbt ist." Heinz von Btrkerrhetm strich sich Wer die Stirn. „Vernarbt, ja — ste ist vernarbt. Aber solche vernarbten Wunden behalten im me r eine erhöhte Empfindlichkeit. Ganz ruhig kann ich Marias Namen auch heute noch nicht anssprechen und cnchövon. Ich habe sie zu sehr geliebt und ihre Untreue hat mich zirm einsamen Mann gemacht. Ich hätte keine andere Frau am meiner Sette stellen mögen, denn ich gehöre zu den Menschen, die min einmal und mit aller Ausschließlichkeit lie. den können." Graf Steinau sah den Freund forschend an, als er langsam fragte: „Hast du wirklich nie mehr etwas von ihr gehört, nie eine Nachricht von ihr erhalten?" „Nein. Seit sie damals Birkenheim verlasten hatte, bekam ich nur noch die Kunde von ihrer Vermählung mit dem Freiherrn v. Platen. Seither habe ich nichts mehr von ihr gehört. Ich habe auch nichts hören wollen, habe nie nach ihr geforscht und gefragt. Die ersten Jahre, das weißt du, war ich der Verzweiflung nahe über ihren Verlust, und als ich mich mühsam gefaßt hatte, wollte ich an sie nur wie an eine Verstorbene denken. Denn mir war sie gestorben. Ihr Name ist nie mehr in meinem Hause genannt worden. Man wußte, daß ich es nicht ertragen konnte. Jetzt bin ich ruhiger. Zweiundzwanzig Jahre sind vergangen, feit sie mich verließ, und mein Schmerz ist zu einem wehmütigen. Erinnern abgeblaßt. Das habe ich hauptsächlich in den letzten Wochen empfunden — ttotzdem ich gerade jetzt oft an sie erinnert werde." Graf Seeinau horchte auf. „Wodurch wirst du an sie erinnert?^ Heinz vcn Virkenheim lächelte wie über seine eigene Torheit. „Du wirst den Kopf schütteln. Rudolf, auch ich bilde mir ein. daß meine junge Sekretärin, Fräulein Hcllmut eine ge- wiste Dehnlichkeit mit Maria hat. Sie hat entschieden Marias eigenartig schönen Mund, der so entzückend lachen konnte, hat sogar dasselbe Lächeln. Und noch mehr erinnert mich der Klang ihrer Stimme — dieser dunkle, weiche Klang — an Maria. Wenn Fräulein Hellmut zu mir spricht oder mir vorlieft, dann brauche ich nur die Augen zu schließen und kann mir einbllden, daß ich Maria höre. Deshalb ist mir Fräulein Hellmut so sympatisch. Ich hoffe, du lachst mich nicht aus. Graf Rudolf schüttelte langsam den Kopf mrd sah den Freund mit einem seltsamen Ausdruck an. „Nein, Heinz, ich lache nicht darüber. Vielleicht liegt dieser Aehnlichkeit nur eine Sinnestäuschung zugrunde. Man dentt oft, daß sich zwei Menschen ähnlich sehen, und sieht man sie dann beisammen, verfliegt diese Aehnlichkeit. So lange ist es her, daß du Maria das letztemal gesehen. In deiner Ertw nerung hat sich wohl mancher Zug verändert." Heinz von Birkenheim erhob sich, ttat an den Schreibtisch und nahm aus dem kleinen Fach die Photographie Maria von Platens. „Da, sich und urteile selbst. Dies Bild wird dir Marias Erscheinung zurückrufen. Sieh dir den Mund an. und du wirst mir recht geben müsien. Ich habe in der letzten Zet off. wenn Fräul?in Hellmut mir vorlas. fttll dies Bild aus meinem Schreibttfch genommen und es mit der jurrgen Dame verglichen. Betreffend: Unfälle auf Bahnübergängen. Kekamitimichnng. Auf den Uebergängen der Staats- und Privatbahnen sind im Jahre 1917 8 Fuhrwerke überfahren worden. Die meinen dieser Unfälle sind auf Unachtsamkeit und Fahrlässigkeit des Geschirrlenkers zurückzuführen. Wir machen hiermit erneut auf die Gefahren, die durch Unachtsamkeit beim Befahren von.Eiienbahnübergänaen entstehen, aufmerksam und weiien auf die möglichen strafrechtlichen Folgen hin. Friedberg. den. 13. Juni 1918. Erohherzogliches Kreisamt Friedberg. __ Frhr. Gdjencf. Mcklm-MchmW. Freitag, den 28. 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