NW1 a>oui Gießen. Nr. 8. ßyronik. Ter Friede, den die Mittelmächte am 0. Februar mit der Ukraine geschlossen haben, hatte die großrussischen Machthaber veranlaßt, ohne ausdrücklichen Friedensschluß tun Krugszustaud mit Deutschland formell für beendigt zu erklären. Tatsächlich sollte ihnen die Beendigung des Kriegszustandes die Möglichkeit geben, ihre Herrschaft über alle Gebiete Rußlands auszudehnen und überall mit brutaler Gewalt den sozialistischen Staat, wie sie ihn denken, zur Durchführung zu bringen. Es find denn auch immer größere bolschewistische Truppenmafsen in der Ukraine eingefallen und haben sich sogar des ukrainischen Regierungssitzes Kiew bemächtigt, während gleichzeitig bolschewistische Truppen, die sogenannte Rote Garde, in Esthland und Livland, sowie in Finnland sengend und brennend, und die sich ihnen nicht fügenden Einwohner ermordend, vordrangen. In dieser Sachlage konnten die Mittelmächte nicht untätige Zuschauer bleiben. Ter Friede mit der Ukraine sollte im Ausgleich mit der Freigabe des ukrainischen Gebietes uns den Getreide- Überschuß des Landes zugänglich machen. Wir konnten dieses Ergebnis des Friedensschlusies nicht dadurch vernichten lasten, daß wir die ukrainische Republik selber von den Roten Garden der Bolschewisten zerstören und die Getreidevorräte des Landes unbrauchbar machen ließen. Infolgedessen sind die deutschen Truppen der Heeresgruppe Lin sin gen in die Ukraine einmarschiert, um sie rn Zusammenarbeit mit ukrainischen Truppen von den Zerstörerbandrn der Bolschewisten zu befreien. Am 20. Februar wurde die große weißrustische Stadt Minsk besetzt. Am 22. Februar haben die deutschen Truppen Schitomir und Berditscheff besetzt. Zugleich sind die deutschen Truppen der Heeresgruppe Eichhorn über die Tüna vorgedruogen und haben bis zum 20. »Februar Livland bis zum Peipussee mit den Städten Wenden, Walk und Dorpat besetzt, andere Truppen rückten über das Eis des Rigaischen Meerbusens in Esthland ein, besten großer Krieg^hafcn Reval am 20. Februar eingenommen wurde. Ueberall wurden die deutschen Truppen von der eingeborenen Bevölkerung als' Befreier begrüßt. Die demoralisierte russische Armee hat nur an wenigen Stellen Waffenwiderstand geleistet. Die Folge des deutschen Vorgehens im Osten wardiebedingungslose Unterwerfung der bolschewistischen Regierung. Durch Funkspruch vom 21. Februar erklärten sich die Bolschewisten bereit, die deutschen Friedensbedingungen anzunehmcn. Diese Bedingungen, die nunmehr'von der deutschen Regierung formuliert wurden, fordern die vollkommene Freigabe der von den Weltmächten besetzten Randgebiete. ferner Livlands, Esthlands und Finnlands seitens der ruffischen Regierung, außerdem dre Erklärung ihrer Nichteinmischung in der Ukraine. Am 24. Februar hat die bolschewistische Regierung sich diesen Bedingungen unterworfen. Es sind nunmehr Vertreter zum Abschluß des Friedens nach Brest Litowsk obgesandt worden. Auch die rumänische Regierung hat sich genötigt gesehen, in Friedensverhandlungen einzutreten, die in Bukarest geführt werden. Der deutsche Staatssekretär des Auswärtigen. Herr v. Kühlmann, und der österreichische Ministerpräsident des Auswärtigen. Graf C z e rn i n. find nach Bukarest gereist. um mit dem rumänischen Ministerpräsidenten A v e r e s c u die Bedingungen des Friedens zu vereinbaren. Kommt nun auch noch der Friedensschluß mit Rumänien zu stände, was allerdings noch nicht völlig sicher ist. so ist an unserer Ostfront von der Ostsee bis zum Kaukasus der Friede hergestellt. Die Türkei ist bereits im Begriff, die von den Russen geräumten Gebiete wieder zu nehmen. Auf der Seite der Entente zeigt sich nach wie vor der entschiedene Wille, den Krieg fortzusetzen. Am 23. ruar hat Sonnino in einer Rede der italienischen Kammer von neuem die annerionistischen Kriegsziele der italienischen Kriegshetzer proklamiert. Zn der denkwürdigen Reichstagssitzung vom 25. Februar hat Graf Hertling noch einmal den deutschen Willen zu einem Verständigungsfrieden erklärt, indem er in eingehender Besprechung auf die von Wilson ausgestellten Friedensgrundlagen einging. Vor allem hat er erklärt, daß Deutschland nicht die Absicht habe, in irgend einer Form Belgien zu behalten. Sollte diese neue Erklärung der .Friedensbereitschaft wiederum ohne entscheidende Antwort von der Seite der Entente bleiben, so müßte allerdings auch im Westen die Gewalt der Waffen entscheiden, wie sie im Osten entschieden hat. Was immer im Westen geschehen wird, das deutsche Gewiffen ist frei von jeder Blutschuld. Am 23. Februar kehrte S. M. S. .Wolf' nach Ibmonatlicher Fahrt zurück. Der Erfolg dieses Schiffes ist eine hervorragende Leistung. S. M. S. ,W o l f" hat 210 000 Brutto-Registertonnen versenkt und kehrte mit einer Beute von Rohstoffen und Nahrungsmitteln im Werte l»on vielen Millionen Mark zurück. Tie Ianuar-Tauchbootbeute beträgt 632000 Tonnen versenkten Schiffsraums. Als erstes Iahres- ergebnis des uneingeschränkten Tauchbootkrieges wurden 9 590000 Tonnen versenkt. Der alte Glöckner Von W. Kor ölen ko.*) Es dunkelte. Das kleine Dorf lag still versteckt im Schatten des Tannenwaldes am User des still hinfließenden Flüßchens in der sternklaren Frühlingsnacht. Hin und wieder treten Gestalten einsamer Wanderer aus dem Dunkel des Waldes hervor, es zeigt sich ein Reiter, ein Bauernwagen fährt mit knarrenden Rädern vorbei: das sind alles Bewohner des Dorfes, die zur Kirche eilen, um dort den anbrechenden Feiertag würdig zu beginnen. Mitten im Dorfe erhebt sich aus einsamem Hügel das Kirchlein, hell blinken die Fenster und hoch oben im Nebel versinkt das altersgraue Türmlein. ES knirscht die morsche Treppe. Der alte Glöckner besteigt sie mit unsicheren Schritten, und nach kurzer Zeit versendet ein neuer Stern in der Höhe sein Licht — die Laterne in der Hand des Glöckners. Schwer wird es dem Greise, die steile Treppe hinaufzuklimmen. Die alten Füße wollen nicht mehr gehorchen, stark hat ihn das Leben mitgenommen, die Augen blicken auch nur noch schwach . . . Zeit ist es für den Alten zur ewigen Ruhe zu gehen — doch der Tod kommt nicht! Die Söhne, die Enkel sah er dahinsinken. Alte und Junge hat er zu Grabe geläutet, ihn schien der Tod vergessen zu haben; doch wird ihm das Leben nicht leicht. Oft hat er schon Ostern eingeläutet, er weiß auch nicht mehr, wie oft er die bestimmte Stunde hier oben auf dem Glockenturme erwartet hat. Und nun, heute soll es wieder geschehen, so Gott will. Mit schweren Schritten nähert sich der Alte dem gebrechlichen Geländer des TurmeS und lehnt sich an. Ringsum im Schatten erblickt er nur mühsam die Gräber des Friedhofs. Die schwarzen Kreuze mit ihren ausgebreiteteu Armen scheinen wie Wächter ihre Toten zu wahren. Hie und da bewegen sich auch noch unbelaubte Birken mit ihren glänzend weißen Stämmen. Von unten steigt wie warmes Frühlingswehen der erfrischende Geruch junger Sprossen der Bäume und der stille Friedenshauch des Kirchhofs herauf zum alten Makar . . . Was wird ihm wohl dies neue Jahr bringen? Wird er wohl heute übers Jahr wie sonst Ostern mit feierlichem Glockenschlage begrüßen, oder aber wird er da unten . . . dort fern in jener Ecke des Friedbofs schlafen, und wirdauch seinen Hügel ein Kreuz schmücken? Wie Gott will . . . Er ist bereit; doch jetzt muß er wieder den hehren Feiertag verkünden. .Gott sei Ehre und Dank!" flüstern seine Lippen; er blickt nach oben zum Himmel, wo Millionen von Sternen blinken; er bekreuzt sich ... * * * *) Ter Frieden mit der Ukraine hat aus dem Feind einen Verbündeten gemacht. Es wird daher intereffieren, etwas von Leben und Denken des ukrainischen Volkes zu hören. Wir bringen eine Skizze des ukrainischen Dichters K o r o l e n k o zum Abdruck, die in ihrer Innigkeit und Gemütstiese an manche deutsche Schöpfung erinnert — man denkt an Rethels Holzschnitt ..Ter Tod als Freund" mit dem alten Glöckner, der im Turme entschlafen ist, während der Tod den Glockenstrang zieht. Himmel und Erde, und die weiße Wolke, die dort im Raume langsam dahinschwebt, und der dunkle Tannenwald, der unten rauschend sich bewegt. und das Plätscherndes unsichtbaren Flüßchens, — alles das ist ihm alt und lieb und bekannt. Ein ganzes Leben hängt daran. Längst Vergangenes steigt vor ihm auf: wie er mit seinem Vater » DszNvVkk IlViLung. Zum ersten Mal auf diesen Glockenturm gestiegen war . . . Lieber Gott, wie lang ist dies schon her . . . und doch wie kurz! Er sieht sich selbst als Knabe mit seinem blonden Lockenkopfe, mit glänzenden Augen, wie der Wind — nicht der, welcher den Straßenstaub auswirbelt, nein, ein besonderer, weit oben wehender — seine Locken spielend verwirrt. — Tief, tief unten sieht er viele kleine Leute, und die Hütten des Dorfes erscheinen ihm auch so winzig, und der Wald steht so fern, und der runde, freie Platz, auf dem das Dorf steht, scheint so groß, so unendlich groß. .Da ist es ja so nah", lächelt der greise Glöckner und zeigt auf das Dorf hinunter. So auch das Leben! Solange man jung ist, scheint es so unendlich zu sein; da liegt es vor ihm^ als wär' es auf der Hand, von der Geburt bis fast zum Grabe, das er sich dort in jener Ecke des Kirchhofs bestimmt hat . . . Nun, Gott sei Dank, Zeit ist's, zu ruhen! Ehrlich ist er den schweren Gang durchs Leben gegangen, die feuchte Erde ist lhm Mutter. Bald, so Gott will, ruht er in ihrem Schoße. * Doch es ist Zeit I Noch einmal blickt Micheitsch hinauf zu den Sternen, entblößt sein Haupt, bekreuzt sich und ergreift die Schnüre der Glocken . Da ertönt schon durch die Lust ein greller Glocken- schlag . . . Da, ein zweiter, dritter, vierter . . einer nach dem anderen, und durch die festliche Nacht ergießen sich dieseziehenden.schwellenden.bald grellen, bald leisen Töne im harmonischen Glockenspiel' Die Glocken verstummen, es beginnt der Gottesdienst. In früheren Jahren stieg Micheitsch auch die Treppen hinab und stellte sich in die Ecke an die Tür, um dem Gottesdienste zuzuhören und zu beten. Jetzt bleibt er oben, schwer trägt er die Jahre des Alters. Besonders heute fühlt er eine eigentümliche Schwere in den Gliedern. Er läßt sich aus eine Bank nieder und während er dem ersterbenden Ton der Glocken zuhört, überläßt er sich seinen Gedanken. Woran? Er könnte selbst kaum darauf antworten. Der Glockenturm wird kaum erhellt von seiner Laterne. Die Glocken selbst sieht man kaum jn der herrschenden Dunkelheit, von unten aus der Kirche hört man gedämpft nur den Gesang der Gemeinde, und der Wind fährt leise durch die Schnüre, die an den eisernen Glockenschlägern befestigt sind. Der Greis läßt sein Haupt auf die Biust niedersinken, indem unzusammenhängende Bilder eines vergangenen Lebens einander abwcchseln Man singt . . . denkt er und sieht sich in der Kirche. Auf dem Altar ertönen die Stimmen singender Kinder, der alte Priester, der selige Pater Raum läßt laut seine Stimme ertönen. Hunderte von Bauern senken und heben ihre Häupter und be- kreuzigen sich . . . Alles bekannte Gesichter, und alle tot! ... Da das strenge Anllitz des Vaters neben dem sich eifrig der ältere Bruder bekreuzt und seufzt, da steht er selbst, blühend an Gesundheit. Jugend und Kraft, voll unbewußtem Anspruch und Hoffnung auf Glück und Freude und Zukunft. Und wo ist es, dieses Glück? Die Gedanken des Greises flammen hell auf. wie ein ersterbendes Feuer und beleuchten alle geheimen Winkel und Ecken eines vergangenen Libens. Unmäßige Mühe Leid und Sorge ... Wo ist es, dies erwartete und erhoffte Glück? Ein schweres Los furchte das junge Gesicht, beugte den kräftigen geraden Rücken lehrte so seufzen, wie der ältere Bruder geseufzt Unb da, links, mitten unter den Frauen des Dorfes, steht auch die seine, andächtig betend das Haupt gebeugt. Sie war ihm ein gutes, ein treues Weib, Gott habe sie selig. Und auch sie hatte nicht wenig zu sorgen. Mühe und Arbeit und hartes Frauenlos machten sie schnell altern. Ihre früher hellen glänzenden Augen verloren ihren Glanz und der Ausdruck der Furcht und des Schreckens vor den unerwarteten Schlägen des Schicksals trat an die Stelle des frühern Selbstbewußtseins und Stolzes des jungen schönen Weibes . . . pnd ihr Glück, wo war es? Ein Sohn war ihnen geblieben, die Freude und Hoffnung des Alters, und auch den bezwang die Lüge der Menschen I Und dort steht der reiche Dorswucherer, und beugt seinen Körper bis zum Boden; eifrig küßt er ihn und schlägt ein Kreuz, um die Tränen beraubter Waisen durch ein gleißnerisches Gebet zu trocknen, und wie den Menschen, so auch Gott zu lügen . . . Es kochte das Herz des alten Micheitsch. ernst und zürnend blicken die Gottesbilder von den Wänden hinab auf menschliches Elend und menschliche Lüge — alles dies blieb hinter ihm weit weit zurück . . . Jetzt besteht seine Welt nur noch im dunklen Glockenturme hier hoch oben, wo der Wind heult und durch die Glockenschnüre fegt. .Gott wird richten, sein ist die Rache!' flüstert der Greis, und still fließen die Tränen über die gefurchten Wangen des Glöckners . . . * _ * * Noch nie hatte der alte Glöckner seine Glocken so wundervoll spielen lassen. Sein übervolles Herz schien Leben dem kalten Metall eingehaucht zu haben, und dieses schien zu singen und in Lust und Freude zu lachen und zu weinen; zum Himmel steigen di- lebendigen Töne, empor zu den glänzenden S'ernen . . . heller erglänzen diese, während sich die Töne von neuem und neuem ergießen und von der Erde zum Himmel widerhallen in Liebe und Lust und Wonnegefühl . . . Dumpf ertönt der tiefe Baß und mächtig steigen seine Töne hinauf und lassen Himmel und Erde wiedertönen im Gesang: .Christ ist erstanden!' Das alte Herz vergißt sein Leid, ein Leben voller Sorge und Mühe . . . Vergessen hat der alte Glöckner, daß sein Leben und Hoffen auf Glück nichts als ein leerer Traum war. daß er aus der Welt allein steht ... Er hört die Töne, die singen und weinen, sich erheben durch den dunklen Raum zum sternenbesäeten Himmel und niedersinken zur armseligen Erde, er sieht sich von Söhnen und Enkeln umgeben, hört ihre freudigen Stimmen die Stimmen der Großen und Kleinen, sich zusam- menergießen in einen Chor und singen ihm von Glück und Freude, wovon ihm das lange, dunkle Leben nichts geboten hat . . . Es zieht die Glockenschnur der, alle Glöckner. Tränen fließen über sein gefurchtes Antlitz, mächtig schägt sein Herz im erdachten Glückestaumel ... * Unten stehen die Leute und sprechen zu einander, so herrlich habe noch nie der alte Glöckner geläutet . . . Plötzlich erdröhnt die erhabene Glocke in mächtigem Schlage — und schweigt. Die kleinen Glöckchen, bestürzt, beenden ihr Spiel mit einem schrillen Mißton. als wollten sie schweigend dem verklingenden Tone der mächtigen Schwester zu- hören, der noch immer hallt und erzittert und weint und allmählich im Raume erstirbt ... Kraftlos sinkt der Greis auf die Bank und zwei letzte Zähren fließen leise und leiser über die blassen erkaltenden Wangen . . . Laßt abtreten der alte Glöckner hat ausgeläutet ... bis sie im Jahre 1654 nach dem Chmelniskyschen Aufstand sich in die Arme Rußlands warf und von dem russischen Zaren Alexej Michailowitsch seinem Reiche einverleibt wurde. Hier begann die neue Geschichte des ukrainischen Volkes, dessen Zusammengehörigkeit mit Rußland es Peter dem Großen ermöglichte, sein Reich zur Weltmacht zu gestalten. Roch trat eine Krisis ein. als Karl XU. von Schweden in Verbindung mit dem Hetmann Mazeppa den Zaren angriff; er wurde aber im Jahre 1709 bei Poltawa aufs Haupt geschlagen, und nun begann die Zeit der schweren Unterdrückung, aus der sich die Ukrainer seit Beginn des Weltkrieges herauszuraffen suchten. Die ukrainischen höheren Klaffen waren bei Kriegsbeginn denationalisiert, während die Volksmasse in dem innersten Winkel der Seele die ßr- innerung an die Vergangenheit, an die einstigen politischen und sozialen Bestrebungen aufbewahrt hatte. Treulich pflegte man das Andenken an den ukrainischen Dichter Schewtschenko, der mit dazu beitrug, daß sich die ukrainische Literatur erhalten und die Sprache weiterbilden konnte. Der Gedanke der Loslösung d-r Ukraine von Rußland und der Zusammenhalt der Stämme war so stark, daß bei Zertrümmerung des russischen Reiches die Bildung eines ukrainischen Staates sich von selbst ergab. Der Friedensschluß der Mittelmächte mit der Ukraine ist eine welthistorisch- Tat. Schon die wirtschaftlichen Folgen sind sehr groß; denn die Ukraine ist die Kornkammer Rußlands, sie ist außerdem reich an sonstigen landwirtschaftlichen Produkten und birgt auch Kohlen und Eisenerze. Was dies für uns in dem jetzigen Stadium des Krieges bedeutet, bedarf keiner Erwähnung; aber auch für die Zukunst liegt hier eine Ansammlung von Kräften, die den beiderseitigen Kulturintereffen dienen können. Doch di- Wirkung des Vertrages ist außerdem eine ungeheuer politische; es ist ein gewaltiger Schritt geschehen zur Zertrümmerung der einheitlich russischen Macht, die wie ein Alp auf uns drückte Die schwere Gefahr des Ostens ist beseitigt, das Reich Peters des Großen wird uns nicht mehr überrennen. Wenn sich auch späterhin aus den einzelnen Teilstaaten eine Art von Staatenbund bildet, lo wird er nie mehr die zusammengeballte tyrannische Gewalt des russischen Reiches in sich fassen. Rach Osten hin ist die erlösende Macht der Weltgeschichte uns zu Hilfe gekommen; was wir kaum zu ahnen vermochten, ist eingetreten; unsere Kultur braucht nicht mehr zu zittern, wie in den September- und Oktobertogen des Jahres 1914, in jenen Schicksalstagen, als Deutschland und die deutsche Kultur in die furchtbarste Krisis gestellt war. Der Kriede mit der Ukraine. Aon G-heimrat Prof. Tr. Josef Köhler, Berlin. Die Wenigsten wissen, daß die Ukraine der eigentliche Herd der russischen Kultur gewesen ist. Hier gab im 10. und 11. Jahrhundert Wladimir, der Apostelgleiche, sein Rechtsbuch heraus, welches die fürstliche Macht begründete und späterhin im Ill.Jahr- hundert unter den Söhnen Jaroslaws erweitert wurde. Die Macht Kiews erstreckte sich weit nach Norden; neben Kiew war Perejaslaw die Haupt- stätt- der Kultur, bis im 13. Jahrhundert durch den Einfall der Tataren eine ungeheure Verwüstung eintrat, Kiew zerstört und die Bevölkerung nach Westen gedrängt wurde. Sie kam dann unter die litauische und später unter die polnische Herrschaft, Der Friedensvertrag grenzt die Ukraine gegen die österreichisch-ungarische Monarchie und gegen Litauen und Polen ab; das österreichische Ostga- lizien wird vollkommen wiederhergestellt, das vielumstrittene Cholm der Ukraine zugewiesen, seine Grenze scharf bis in die Nähe von Lublin nach Westen geschoben, die Grenze gegen Rumänien noch Vorbehalten. Viele Einzelheiten des Friedcnsoerkehrs müssen noch festgcstellt werden. Jn dieser Beziehung ist rein rechtlich zu bemerken: Es ist unmöglich, in einem Friedensvertrag sofort alle oft sehr verwickelten Fragen zu erledigen, und politisch verkehrt wäre es. den Vertrag bis zu der Zeit auszuschieben, in welcher über alle Punkte Einigkeit erzielt werden kann. Darum gilt. das völkerrechtliche Prinzip, daß, wenn aber di- grundlegenden Punkte Einverständnis erzielt ist (sog. Präliminarfrieden), dadurch bereits eine feste Vertcagsbindung besteht. Einen Hauptbestandteil des Friedensvertrages bilden die wirtschaftlichen Bestimmungen. Hier handelt es sich zunächst um vorübergehende Maßnahmen, sodann um dauernde Verhältnisse. In erster Beziehung sind die vorhandenen Ueberschüsse der landwirtschaftlichen und Jndustrieprodukte der Ukraine zu verstaatlichen und den Mittelmächten zu einem entsprechenden, nötigenfalls durch eine Kommission festzusetzenden Preis zu überantworten. Das Nähere über die Menge und Art der Produkte soll durch eben diese Kommission festgestellt werden. Der ukrainische Staat übernimmt also die völkerrechtliche Verpflichtung, diese Ueberschüsse zu sammeln und an uns und keine andere Macht zu überlassen. ES laitteff! Zeitung. ist eine völkerrechtliche Abrede, die allerdings in die Form eines bürgerlichen Kaufvertrages gekleidet ist, da hier nicht etwa eine einseitige Warenlieferung, sondern eine Lieferung gegen Gegenleistung zugesagt wird. Im übrigen wurde, was Deutschland betrifft, der deutsch-russische Vertrag von 1894 mit den Abänderungen von 1904 zu Grunde gelegt. Seine Einzelheiten können hier nicht näher entwickelt werden; der Vertrag ist gebaut auf die Idee, daß die Staatsangehörigen gegenseitig alle regelmäßigen wirschaft- lichen und Verkehrsrechte genießen wie die Inländer; er ist ferner gebaut auf den Gedanken der Meistbegünstigung. Die Meistbegünstigung war im Vertrag von 1904 neu geregelt worden. Der jetzige Vertrag bestimmt darüber einiges weitere. In dieser Beziehung ist zu bemerken: Die neueren Forschungen des Völkerrechts haben festgesetzt, daß ein Meistbegünstigungsoertrag nicht in absoluter Weise verstanden werden kann, daß beispielsweise Begünstigungen, welche die Staaten sich an der Grenze gewähren, und ferner Begünstigungen unter Staaten m't Zollvereinigungen, sowie Begünstigungen von Staaten, die im Verhältnis von Mutterstaat und Schutzstaat usw. stehen, nicht unbedingt kraft der Meistbegünstigungsklausel in Anspruch genommen werden können. Um Mißverständnisse zu vermeiden, werden darum in den neueren Handelsverträgen meist nähere Ausführungen gegeben; in dem jetzigen Vertrag mußten insbesondere bestimmte Vorbehalte gemacht werden mit Rücksicht auf die Zollbündnisse, die zwischen Deutschland, Oesterreich und Ungarn vorbereitet werden. Ein dem Hauptoertrag beigegebener Zusatzvertrag gibt einige Ergänzungen, aus denen folgendes hervorzuheben ist: Die im Kriege vernichteten Zivil- rechte der Privatpersonen werden wiederhergestellt, Eigentum und Forderungen neu belebt. Für die Staatsschulden ist das völkerrechtliche Prinzip zur Geltung gekommen, daß die Ukraine für die speziell für dieses Land eingegangenen oder in ihm hypothekarisch festgelegten Staatsschulden völlig/ für die übrigen russischen Staatsschulden nach entsprechendem Verhältnisse hasten soll, welches Verhältnis noch näher auszumessen ist. Der Austausch von Kriegsgefangenen ist wenigstens insoweit in die Bahn geleitet, als zunächst die Dienstuntauglichen ausge- wechselr werden sollen, die Auswechselung der übrigen wird nach den Bestimmungen einer zu bildenden Kommission statlfinden. Von den Schiffen gilt der Grundsatz, daß, soweit ein beschlagnahmtes Schiff dem feindlichen Staat bereits durch das Prisengericht zugesprochen ist. die Sache ihr Bewenden behält, während sonst die Schiffe zurückgegeben, eventuell Ersatz zu leisten ist. Natürlich enthält auch dieser Zusatzvertrag nicht eine Regelung aller Verhältnisse; noch ist manches den endgültigen Friedensoereinbarungen Vorbehalten. Immerhin bedeutet er einen Fortschritt in der Technik, die dahin strebt, einen verwickelten Kriegszustand zu lösen und gedeihliche Friedensver- hältnisse anzubahnen. Nicht genug zu rühmen ist. daß der neugewordene ukrainische Staat sofort die Vernunft der Sache ergriffen und sich mit uns in Frieden gesetzt hat. Wir haben gegen Osten hin einen folgenreichen Fortschritt erzielt. D. K- W. Wichtige Krankenüalsenfragen. Welche Ansprüche habe ich an meine Krankenkasse? Aus Grund der Krankenversicherung kommt für die Lazarettinsassen möglicherweise Anspruch auf Krankengeld in Frage. Voraussetzung ist, daß der Kriegsteilnehmer noch zur Zeit der Erkrankung oder Verwundung Mitglied einer Krankenkasse (Land-, Orts-, Jnnungs-, Betriebskrankenkasse usw.) ist. Zü den Betriebs- krankenkassen gehören z. B. auch die Postkranken- kassen und Fabrikkrankenkassen. Die Mitgliedschaft wird ohne weiteres mit dem Eintritt in die versicherungspflichtige Beschäftigung erworben, sie begeht aber auch nur während der Tauer der Beschäftigung; sie hört also mit der Einberufung zum Heeresdienst auf. Die Mitgliedschaft kann jedoch von dem Einberufenen freiwillig fortgesetzt werden; diese Fortsetzung ist davon abhängig, daß der ins Militärverhältnis Uebertretende vor seinem Ausscheiden aus dem Arbeitsverhältnis während 12 Monaten insgesamt 26 Wochen oder unmittelbar vor dem Ausscheiden mindestens ununterbrochen sechs Wochen Pflichtwitglied einer oder mehrerer Krankenkassen war. Vielfach ist sie von der Firma der Versicherten, in größeren Städten auch auf Antrag von der privaten Kriegssürsorge fortgesetzt worden. Ist dies der Fall und sind auch während des Militärdienstes die Beiträge zur Krankenkasse fortentrichtet, so hat der Erkrankte .oder Verwundete Anspruch aus Krankengeld, wenn er für seinen früheren bürgerlichen Beruf arbeitsunfähig wäre. Nicht jeder Lazarettaufenthalt bedingt also an sich Arbeitsunfähigkeit. Auch ohne Fortsetzung dxr ' Mitgliedschaft während des Militärdienstes ist Krankengeld dann zu zahlen, wenn das frühere Mitglied bereits innerhalb von drei Wochen nach dem Ausscheiden aus der versicherungspflichtigen Beschäftigung erkrankt oder verwundet wird und vorhergehend 26 bezw. sechs Wochen Mitgliedschaft bestanden hat. In der Regel ist Voraussetzung, daß der Versicherte mehr als drei Tage arbeitsunfähig ist. Er hat in einem solchen Fall für die Dauer seiner Arbeitsunfähigkeit Anspruch auf Krankengeld, aber nicht über 26 Wochen, also y 2 Jahr hinaus. Da ihm die Militärbehörden ihrer Verpflichtung gemäß Lazarettbehandlung zuteil werden lassen, ift' der Anspruch, den der Kranke an die Kasse hat, auf das Krankengeld beschränkt. Anspruch auf ärztliche Behandlung und Arznei steht ihm nicht zu, auch nicht eine besondere bare Entschädigung für den Wegfall dieses Anspruchs. Es muß ihm aber das volle Krankengeld gezahlt werden, gleichviel, ob er Angehörige hat, die er von seinem Arbeitsverdienst unterhielt oder nicht. Es haben also alle den gleichen Anspruch. Gleichgültig ist, ob die Erkrankung im Jnlande oder im Auslande eintrat. Der Anspruch ist bei der Krankenkasse unter Vorlegung eines ärztlichen Zeugnisses, aus welchem sich die Ursache und die Dauer der Arbeitsunfähigkeit ergibt, binnen zwei Jahren geltend zu machen. Als Beweis für die Arbeitsunfähigkeit genügt die mit dem Dienstsiegel versehene Bescheinigung -eines Lazarettarztes. Diese Zeugnisse sind von den Lazarettärzten nach einer Verfügung des Kriegsministeriums unentgeltlich auszustellen. Zu beachten ist auch, daß die Ansprüche an die Krankenkasse erst nach zwei Jahren, vom Tage der Erkrankung bezw. vom Ablauf jeder Woche nach der Erkrankung bezw. nach Eintritt der Arbeitsunfähigkeit an gerechnet, verjähren. Es werden daher sehr viele Anträge noch nachträglich gestellt werden können. Kann ich, auch wenn ich nicht aus dem Ssttx enttasseu werde» wieder freiwilliges Mitglied meiner Krankenkasse werdend Diese Frage hat das Reichsversicherungsamt bejaht. Wer in die Heimat zurückkehrt, kann sich im allgemeinen wieder versichern. Das Reichsversicherungsamt hat in einer Entscheidung ausgesührt. daß unter Rückkehr in die Heimat nicht nur die endgültige Entlassung vom Heeresdienst zu verstehen sei, sondern auch ein längerer Urlaub. Ein längerer Urlaub muß es aber sein. Ein zeitlich engbegrenzter Urlaub, der sich nur auf ein paar Wochen erstreckt, wie er z. B. zur Erholung oder zur raschen Abwicklung unbedingt notwendiger Geschäfte gegeben wird, zählt nicht. Es muß schon ein Urlaub sein, durch den der Betreffende dem bürgerlichen, wirtschaftlichen Leben zurückgegeben wird, ohne daß damit eine Entlassung aus dem Heeresdienst verbunden ist. Diese Urlauber können sich innerhalb sechs Wochen bei der Krankenkasse als freiwilliges Mitglied melden. Es empfiehlt sich dringend, dies zu tun. Nicht nur sichern sie sich dadurch die Leistungen der Krankenkasse, so lange sie auf Urlaub sind, sondern sie haben auch Ansprüche, wenn sie nach ihrem erneuten Eintritt beim Militärdienst erkranken oder verwundet werden. Dabei ist allerdings Voraussetzung, daß sie die Versicherung durch Weiterzahlung der Beiträge fortsetzen oder daß die Erkrankung innerhalb drei Wochen nach Ablauf des Urlaubs eingetreten ist. Wer während des Urlaubs eine an sich oer- sicherungspflichtige Beschäftigung aufnimmt, wird ohne weiteres Pflichtmitglied. Wie sind meine Dersicherungsverhättnisse, wenn ich vom Lazarett aus zur ArSeit öeurtauöt oder kommandiert werde? Die Frage, ob man auch schon während des Lazarettausenthalts Pflichtmilglied einer Krankenkasse werden kann, ist dann zu bejahen, wenn der Kriegsteilnehmer aus dem Lazarett zur Arbeitsleistung bei Unternehmern beurlaubt wird, auch wenn er jeden Abend wieder in das Lazarett zurückkehren muß. Voraussetzung ist jedoch, daß eS sich um die Leistung wirklich nutzbringender Arbeit gegen angemessenen Lohn handelt und die Arbeit durch Vereinbarung mit dem Unternehmer nicht von vornherein aus einen Zeitraum von weniger als einer Woche beschränkt ist; dagegen bedingt ein lediglich mißglückter Arbeitsversuch keine Kcankenversicherungs- Pflicht. (Geschieht die Beschäftigung »n einem der reichsgesetzlichen Unfallversicherung unterliegenden Betriebe, jo sind die Kriegsbeschädrgten auch gegen Unfälle in solchen Betrieben oder Tätigkeiten versichert und haben Anspruch gegen die Berussgenos- senschaft, zu welcher der betreffende Betrieb gehört, auf die gesetzlichen Unfallentschädigungen.) Werden die Kriegsbeschädigten dagegen zur Arbeitsleistung in Betrieben kommandiert, z. B. aus Gründen der Heilbehandlung oder im öffentlichen bezw. vaterländischen Jntecesfe, so findet weder eine Versicherung bei den Krankenkassen, noch bei den Berufsgenossenschaften statt, vielmehr haben die Kriegsbeschädigten bei Kcankheiten und Unfällen nur Ansprüche gegen die Militärverwaltung. Die Invalidenrente wird vorläufig weiter bezahlt, bis die Landesoersicherungsanftalt die Einstellung der Rentenzahlung auf Grund neuer ärztlicher Untersuchung verfügt. Ein mißglückter ArbeitS- oersuch' kann also den Lazarettinsassen in seinem Rentenbezug nicht schädigen. Jnvalidenmarken sind von den nicht aus dem Heer Entlassenen nur zu kleben, wenn sie während des Urlaubs eine versicherungspflichtige Beschäftigung gegen Entgelt ausüben und nicht invalide sind. Kommandierte haben keine Beiträge zu entrichten. Kleine Mitteilungen. Versorgung ehemaliger Militärpersonen. Die Notwendigkeit durchgreifender Aenderungen hat sich auch auf dem Gebiete des Militär-Versorgungswesens gezeigt, da das Mannschafts-Ver- sorgungsgesetz vom 31. Mai 1906 unter den jetzigen Verhältnissen unzureichend ist. Die Militärverwaltung will deshalb die erforderlichen Aendrrungen aus dem Wege der Gesetzgebung durchführen. Inzwischen sollen durch Hilfsmaßnahmen die Lücken des Gesetzes nach Möglichkeit ausgefüllt werden. U. a. sind folgende Maßnahmen getroffen worden: Der Kreis derjenigen, die Anspruch auf Verstümmelungszulagen haben, ist weiter gezogen worden. Eine Verstümmelungszulage kann auch gewährt werden: a) bei Störungen der Bewegungs- und Gebrauchtzfähigkeit beider Hände, Arme, Füße oder Beine, wenn sie in ihrer Gesamtwirkung so hochgradig sind, daß sie dem Verlust einer Hand, eines Armes, eines Fußes oder eines Beines gleichzuachten sind, b) bei gleichzeitiger Halbblindheit, wenn aus dem einen halbblinden Auge die Sehschärfe weniger als die Hälfte der normalen beträgt, c) bei schweren Gesundheitsstörungen, die in Bezug aus Schonungs- oler Hilfsbedürftigkeit dem Zustande des Pflegebedürfnisses nahestehen. Die bei Geisteskrankheit zuständige Verstümmelungszulage kann bis zum Betrage von 54 Mk. monatlich erhöht werden, wenn der Betreffende verheiratet ist oder sonst Angehörige hat, zu deren Lebensunterhalt er wesentlich beigetragen hatte. Auch bei anderen Geisteskranken ist diese Erhöhung zulässig, aber nur insoweit, als die gesamten Versorgungsgebührnisse den Betrag der Anstalts- usw. kosten nicht erreichen.. Wichtigste Voraussetzung für den Anspruch auf Rente ist das Vorliegen einer Dienstbeschädigung bezw. Kriegsdienstbeschädigung. Bei dieser Entscheidung soll mit dem größten Wohlwollen verfahren werden. Muß die Frage verneint werden, so wird geprüft, ob die Gewährung einer bedingten Rente in Frage kommt, bei dringender Bedürftigkeit bis zu 50 Proz. der Vollrente. Für die weitere finanzielle Hilfe würde an Stelle der Miliärver- waltung die zuständige Stelle der Kriegswohlfahrts- pflege zu treten haben. Den mit Rente und Kriegszulage versorgten Personen, denen es nicht gelingt, ihr früheresArbeis- einkommen wieder zu erreichen, wird der erlittene Schaden zum Teil aus besonderen Reichsmitteln durch Gewährung sogenannter Zusatzrenten zu den sonst zuständigen Versorgungkgebührnissen ersetzt. In allen Fällen, in denen entlassene Mannschaften trotz der Versorgungsgebührnisse in eine bedrängte wirtschaftliche Lage geraten, wird auf Antrag durch Gewährung einmaliger oder auch laufender Unterstützungen geholfen und zwar unter wohlwollendster Berücksichtigung der häuslichen Der- hältnisse. Anträge in dieser Beziehung sind beim zuständigen Bezirksseldwebel anzubringen. Kaöe ich Ansprüche auf Krsaß im Dienste abhanden gekommenen Eigentums? Ansprüche bestehen nicht; jedoch kann bei unverschuldetem Verlust selbstbeschaffter notwendiger Bekleidungs- und Ausrüstungsstücke eine Unterstützung gewährt werden. Das Gesuch ist durch das Lazarett an den zuständigen Truppenteil zu richten. Der Kommandeur der Division, zu der der Truppenteil des Mannes zur Zeit des Verlustes gehört hat, bei den in keinem Divisions-- verband stehenden Truppen die im Range eines Divisionskommandeurs stehende Vorgesetzte Dienststelle, hat zugleich darüber zu entscheiden, ob die abhanden gekommenen Gegenstände als notwendige Sachen zu bezeichnen find. Gegen diese Entschei- a düng gibt es keinen Einspruch. In Ausnahme-' fällen kann auch bei Verlust von „nicht notwendig" bezeichneten Gegenständen, falls die Vermögensverhältnisse es rechtfertigen, eine Unterstützung von dem stellvertretenden Generalkommando, zu dessen Bezirk der Ersatztruppenteil gehört,- aus den aus der Kriegsspendensammlung vom Kriegsministerium zur Verfügung gestellten Mitteln bewilligt werden. Auch bei Verlust von Uhr und Geld kann unter Umständen die Unterstützung gewährt werden. Bücherschau Alämische Liederdichtung atter und neuer Zeit. Eine Auswahl in deutschen Nachbildungen von Heinrich Brühl. Herausgegeben von der Deutsch- Flämischen Gesellschaft. Volksvereivs-Verlag G. m. b. H., M. Gladbach 1918. 8° (245). Geb 4.80 Mk. Tie flämische Dichtung zeigt ein ausgesprochenes flämisches Gepräge. Sie ist Volksdichtung in des Sinnes vollster Bedeutung. In der Auswahl, die Heinrich Brühl in deutschen Nachbildungen von ihm selbst für die Deutsch-Flämische Gesellschaft veranstaltet, sind 70 Dichter vertreten, angefangen von Hendrik van Veldeke aus dem 12. Jahrhundert bis auf die Kriegslieder des Marcel Romeo Brehne in unfern Tagen. DaS Werk ist durch eine Charakteristik der Eigentümlichkeiten der flämischen Dichtung eingeleitet und wird von sachlichen Anmerkungen und den zugehörigen Registern beschlossen. Tie Nachbildungen Heinrich Brühls lesen sich wie deutsche Dichtungen, sodaß dieser flämische Liederschatz willige Aufnahme überall bei uns finden dürfe. Lazarett-Beratung. Die Zentralstelle der Lazarett-Beratung des Roten Kreuzes Frankfurt will dem Interesse der Verwundeten «nd Kranken im Bezirk der Lazarett-Zeitung dienen. Jede, möge die Fragen, die er auf dem Herzen hat. seien fik wirtschaftlicher Natur, rechtlicher Natur oder wie immer, schriftlich an die Lazarett-Beratung richten. Es soll auf jede Frage brieflich Antwort gegeben und die Möglichkeit ge- sucht werden. Rat und Beistand zu schaffen. Ant- Worten von allgemeinem Intereffe werden ohne Namensnennung in der Lazarett - Zeitung veröffentlicht. Vertrauliche Behandlung wird zugeftchert. daher anonyme TnrAVeLL-AKirung Anfragen verbeten. Die Zuschriften sind zu richten: An die Lazarett-Beratung, Frankfurt a. M., Kriegsfürforge, Theaterplatz 14. Beifügung von Rückporto ist nicht erforderlich. Die Zentralstelle der Lazarett-Beratung steht auch täglich von 1—5 Uhr den Verwundeten für persönliche Anfragen zur Verfügung. Gefreiter K. Frage: Ich wurde am 13. September 1917 verwundet. Löhnung habe ich bis zum 11. September 1917 erhalten. Nun ist mir bis heute die Dekade vom 11. bis 21. September 1917 noch nicht ausgezahlt, indem der Feldwebel mir auf meine Beschwerde schrieb, die Auszahlung sei Sache des Reservelazarettes, während daS Reservelazarett wiederum behauptet, die Löhnung sei mir vom Feldtruppenteil auszuzahlen. Wie komme ich zu meinem Recht? — Antwort: Löhnungsrückstände, die sich aus dem Soldbuch einwandfrei ergeben, müssen bestimmungsgemäß vom Reservelazarett ausgezahlt werden. Beantragen Sie Entscheidung bei der stellvertretenden Intendantur und Sie werden alsdann zu ihrem Rechte kommen. Landwehrmaun K. W. Frage: Als Landwehrmann stand ich in Straßburg aus einem Fort, Posten. In einer dunklen Nacht stürzte ich bei einem Rundgang einen 4 Meter hohen Abhang hinab, wobei mein Gewehr - losging und ich neben einer Schußverletzung am linken Fuß noch eine Rückgratverletzung davontrug. Ich wurde mit Rente, jedoch ohne Kriegszulage entlassen. Da ich während meiner Dienstzeit Kriegslöhnung empfing und im Operationsgebiet tätig war, so glanbe ich bestimmt Anspruch auf Kriegszulage erheben zu können? — Antwort: Die Frage, ob Ihnen Kriegszulage zusteht, hängt davon ab. ob Kriegsdienstbeschädigung vorliegt oder nicht. Kriegsdienstbeschädigung liegt nicht schon dann vor, wenn ein Soldat Kriegslöhnung empfangen hat. Die Entscheidung richtet sich vielmehr lediglich danach, ob die Beschädigung durch die besonderen Verhältnisse entstanden ist. die gerade der Krieg mit sich bringt. Ob dies bei Ihnen der Fall ist, kann nicht ohne weiteres entschieden werden. Melden Sie Ihren Anspruch beim Bezirkskommando an. Musketier W. K. Frage: Neben anderen Verwundungen wurde mir der linke Oberschenkel durch Gewehrschuß zerschmettert. Infolgedessen ist das Bein jetzt 4 cm verkürzt. Muß ich mich jetzt nochmals einer Operation an diesem Bein unterziehen, wie die Arrzte dies für wünschenswert halten? — Antwort: Behufs Herstellung der Kriegsverwendungsfähigkeit muß sich der Soldat jeder Operation unterziehen, die ohne allgemeine Narkose vorgenommen werden kann. Handelt es sich nicht um Herstellung der Kriegsverwendungs- fähigkeit, sondern lediglich um die Erzielung eines höheren Grades von Arbeitsfähigkeit, so kann die Weigerung eines Mannes, sich einer Operation zu unterziehen, unter Umständen die Kürzung der Militärrente zur Folge haben v Mt (cf. Silbenrätsel. Aus den 'Silben: ar— band—bei —bei-bei — ber — ber—berg- bern—ci — de - de-de— de — del—den—den—di — dew — dros—du—dü — e—e—e — e — eh—eif—ent—er—fei—feu—fisch — für—gen-ger—gon—grau—hard—hei - ho —ho—i — ka — ken—kraut—le—lo— man — me —mi—mit—na—na—na—nach —ne—ne—ne— ni—nitz—or—pe—pen — ra—ran —räu—ren— ro — rol —sack—se—sei—sei—sen—sen—sin—ste— stel—sten—tag—tel —ten—ten—ti—ti - ti—tin —tro—ul—wal—wil—wol—za—zie sind Wörter folgender Bedeutung zu bilden: 1. Stadt in Rußland. 2. Mädchenname. 3. Bekleidungsstück. 4. Vogel. 5. Arzneimittel. 6. Deutscher Fluß. 7. Kraut. 8. Männliches Tier. 9. Kreis in Pommern. 10. Bekannter preußischer General. 11. Stadt in der Provinz Brandenburg. 12. Männlicher Name. 13. Englischer Orden. 14. Tuchart. 15. Stadt in China. 16. Fluß in Rußland. 17. Militärische Auszeichnung. 18. Frucht. 19. Kriegslist. 20. Baum. 21. Land in Europa. 22. Stadt im Elsaß. 23. WildeS Tier. 24. Unkraut. 25. Berühmter Ingenieur. 26. Tierkrankhrit. 27. Musikinstrument. 28. Pflanze. 29. Nahrungsmittel. 30. Männlicher Name. 31. Römischer Kaiser. 32. Tageszeit. 33. Berg in Tirol. 34. Frucht. 35. Werkzeug. 36. Fisch. 37. Landwirtschaftliches Gerät. Die Anfangsbuchstaben von oben nach unten gelesen ergeben ein bekanntes. Sprichwort. Einsender: Kriegsfreiwilliger Jaspis, Hofgeismar. Rätsel. Du lebst in ihr und siehst sie nicht. Doch kannst du ohne sie nicht leben. Denn selber farblos, scheint sie nicht. Doch kann sie uns ein Schauspiel geben Von wunderbarer Farbenpracht, Wenn wir die Augen in sie heben Am Morgen, Abend, und der Nacht, Wenn Phantasien in uns leben. Die schönsten Bilder kann sie malen. Durchdringen sie die hellen Strahlen Von einer andern fernen Welt, Die unser Weltgebild erhellt. Jetzt kannst du mir die Lösung nennen. Du fühlst sie stets, du mußt sie kennen. Einsender: Fr. M. Roeber. Konstanz, Mirrwar. Es ist zu bilden aus: r n v o i Mädchenname - z h c 1 e e e i Prophet 1 a 1 k e e f i d r Speise a a i h n p s Stadt v k t t d e e i Organ der öffentlichem Sicherheit d i s e o 1 Mädchenname h c r 1 e e Vogel csseniihghfärr Seeberuf. Sind die Wörter richtig gefunden, so ergeben die Anfangs- und Endbuchstaben abwechselnd von oben nach unten gelesen einen bekannten Ausspruch. Die Lösungen haben nur Gültigkeit, wenn sie vollständig sind. Die Lösungen sind mit genauer Adresse der Einsender bis 15. März einzusenden an die Lazarett- Zeitung, Frankfurt a. M., Theaterplatz 14. Auf dem Briefumschlag soll das Wort „Rätsellösung" stehen. (Innerhalb des Postbezirks Frankfurt a. M. ist die Zusendung als Feldpostbrief nicht zulässig.) Auflösungen zu den Rätseln der vorigen Nummer. Wortlpiekrätsek: .Ludendorff'. Sitöenrätset: .Wer zuletzt lacht, lacht am besten.' AStsekfrage: .1691.- Preise zu den Auslösungen der vorletzten Nummer: Sitöenrätset : .Lieb Vaterland kannst ruhig sein' — 36 richtige Lösungen. Jahtenrätset: „Frieden' — 38 richtige Lösungen. Aätset: „Weltfrieden" — 33 richtige Lösungen. Folgende 33 Einsender haben alle Aufgaben richtig gelöst und erhielten Preise: Gefr. Zimmermann, Wiesbaden; Gefr. Rapp, Frankfurt a. M.; Vizewachtm. Metsch, Idstein; Landsturm. Nebelung, Mainz; Untoffz. Groß. Niederlahnftein; Untoffz. Duck. Frankfurt a. M.; Kan. Sayn, Frankfurt a. M.; . Landsturm. Muttergroß, Ruppertshain; Gefr Dörsam. Mainz; Kan. Kirsch. Darmstadt; Untoffz. Jost. Reichelsheim; Gefr. Albach, Darmftadt; Res. Sattler, Darmftadt; Serg. Loren- zrn. Ostheim; Musk. Zimmermann. Homburg; San.-Untoffz. Anselmann, Homburg; Gefr. Flank. Rappenau; Musk. Falkenstein, Frankfurt a. M ; Musk. Deublin, Frankfurt a. M.; Ers.-Res. Suckow, Frankfurt a. M.; Untoffz. Lipp, Frankfurt a. M.; Krankenw. Eisenberger. Auerbach; Landsturm. Bettenhausen, Cassel; Untoffz. Kluth, Worms; Musk. Hom- berger, Frankfurt a. M.; Schütze Laußer Darmstadt; Landsturm. Herr, Frankfurt a. M.; Ers.-Res.^Dirksen, Gießen; Landsturm. Löwe, Freiburg; Untoffz. Robbertz. Mannheim; Landsturm. Aron, Frankfurt a. M.; Musk. Lippold, Frank- furt a. M.; Serg. Malchus, Uesküb. Die Lazarett-Zeitung erscheint zweimal monatlich. Den Verwundeten, Kranken und Genesenden im Bezirk de- XI., XIV. und XVIII. Armeekorps steht sie im Lazarett unentgeltlich zur Vrrsügung. Zuschriften find zu adressieren: Lazarett-Zeitung. Frankfurt a. M.. Dheatervlatz 14. B-rantvortlichr Echrtftleitung ehrenamtlich vr. Earl Gebhardt in Frankfurt «. M. Druck von Löber t Co., Frankfurt a. M., Llbeflraße LS. Nummer 8. Veilnqe. I.März 1918. DaS Schicksal bricht drn Menschen nicht, Ter Alltag ist es, der ihn bricht. Den Alltag wollen wir verjagen, Das Schicksal laßt uns freudig tragen! A Geiger. Keilige Hrdnung. Mit gutem Grunde preist Schiller die „heilige Ordnung, die segensreiche Himmelstochler". Ihre Bedeutung reicht in der Tat viel weiter, als der Durchschnittsmensch sich klar -u machen pflegt. Sie ist das Fundament aller dauernden Erfolge. Daher da» grohe Gewicht, das aus sie in der Armee gelegt wird, und von dem Beispiel der Armee haben alle anderen Großbetriebe darin zu lernen. Die deutsche Industrie — man hat mit Recht oft daraus hingewiesen, — verdankt ihr schnelles und doch gesichertes Ewporkommen vor allem der militärischen Erziehung unseres Volkes zur Ordnung. Wir gebrauchen gern da« Fremdwort .Disziplin*. Wa8 wir mit ihm meinen, ist in Wirklichkeit nichts anderes, als was das deutsche Wort Ordnung sagt. Das deutsche Wort ist nur noch umsassenderund gehaltvoller. Disziplin kann zu leicht miboerstanden werden, der böswillige Beurteiler deutet sie leicht als blinden Sklavengehorsam, als einseitige Unterordnung der Persönlichkeit unter Zwecke, die ihr wesensfremd sind. Recht verstanden dagegen ist Disziplin Einsügung in eine .Ordnung*. Sie muß sreilich manchmal btinb sein, diese Einsügung, sofern nämlich das Verständnis für den Zweck der Ordnung fehlt. DaS ideale, und erstrebenswerte Verhältnis aber wird immer sein, daß derjenige, der sich zu fügen hat, auch zugleich wifle, zu welchem Zweck er es tue. Es ist der beste Gehorsam und die wünschenswerteste Disziplin, wo freudiger Wille, eigenes Sachintereffe dem übergeordneten Willen entgegenkommt. So aufgefaßt ist die Disziplin der untergeordnete, Ordnung der übergeordnete Begriff. Woraus e8 ankommt ist, ein .Reich der Zwecke* zu schaffen, um einen Kantischen Begriff zu gebrauchen. Ein solches Reich der Zwecke ist jeder große Apparat: die Armee, eine Industrie, ein Ministerium — schließlich das ganze Staatswesen. Tausend kleinere Zwecke müffen erreicht werden, um aus ihnen den letzten großen Zweck auszubauen. In Kleinigkeiten muß der Soldat zur Pünktlichkeit erzogen werden, damit er'S auch in der furchtbaren Stunde, wo es um Tod und Leben geht, wo er das Schicksal seines Vaterlandes mitzubestimmen hat. gar nicht anders weiß und sühlt, als daß er unbedingt und rücksichtslos dem einen anbefohlenen Zweck zu dienen habe. Roch mehr: Die Pünktlichkeit im kleinen ist nicht etwa nur eine moralische Vorbereitung für die Pünktlichkeit im großen: sie hat vielmehr schon ihren eigenen Zweck, sie ist selbst schon ein Teil des großen Gesamtzwecks. Eine Armee soll aufmarschieren, zur festgesetzten Stunde soll alles zum großen Schlage bereit sein. Ein einfaches Bild, da8 sich dem Beschauer bietet. Die Hunderttausende treten an und schlagen los. Sie haben Munition genug, um tagelang zu kämpfen. Sie haben Ersatz, um ihre Lücken zu füllen. Für die Verwundeten, für die Verpflegung wird gesorgt. Dem Laien alles Selbstverständlichkeiten! Und doch, was muß vorher alles bis in die kleinsten Kleinigkeiten hinein durchdacht und vorbereitet werden, damit der Riesenapparat wirklich ohne Reibung zur > rechten Zeit richtig funktioniert. Zwei Armeekorps, die einander die Straße kreuzen, ein zur Unzeit durch Fuhrparkkolonnen verstopfter Weg, das Ausbleiben irgend eines unentbehrlichen BedariSartikelS. oder was nur sonst an Zufällen die Ordnung deS Aufmarsches stören kann, vermag daS ganze System in Verwirrung zu bringen. Auf der Ordnung beruht der Sieg. Deshalb ist die Erziehung zu ihr die Grundlage aller militärischen Erziehung. Jeder einzelne Mann muß sich selbst in Ordnung halten, denn nur so kann er sich als ordentlich funktionierendes Glied in die Gesamtordnung einfügen. Aus lauter wohlgeordneten kleinen Zellen, die möglichst regelmäßig aneinander anschließen müssen, setzt sich der Bienenstock des Ganzen zusammen. Was im Bienenstock der Instinkt, muß im System menschlicher Zwecke die Vernunft besorgen. Aber das Heer ist auch wieder nur Teil einer höheren Ordnung. Wir sprechen auch von .Staatsordnung*, und eS liegt mehr Philosophie in diesem Wort, als man gewöhnlich bei ihm denkt. Wir sprechen von .Lebensordnung* und erinnern damit daran, wie auch jedes einzelne Menschenleben aus klarer Unterlage und nach klarer Gruppierung aller einzelnen verschiedenen Lebenszwecke ausgebaut werden muß. wenn's wohl geraten soll. Heilige Ordnung, segensreiche Himmelstochter! Reinhart Strecker. Isländern und die Ikamen. , 1. Geographisch-politisch es. Rach dem engeren geographischen Begriff versteht man unter Flandern die beiden westlich der Schelde nach dem Meere zu gelegenen Provinzen Ostflandern (Hauptstadt Gent), Westflandern (Hauptstadt Brügge) und einen Teil der Nordwestecke Frankreichs (Hauptort Dünkirchen). Im 19. Jahrhundert ist dann der weitere politische Begriff in Ausnahme gekommen, nach dem unter Flandern und Flamen (abgesehen von Fran- zösisch-Flandern) alle flämisch sprechenden Teile des belgischen Staates zusammengefaßt werden, d. h. außer dem eigentlichen Flandern die Provinzen Antwerpen, Limburg und der größere Teil der Provinz Brabant (mit Brüssel). Den Rest des belgischen Staates bildet mit den Provinzen, Lüttich, Ramur, Hennegau und Luxemburg die Wallonei, die von den Wallonen, einem germanisch-französischen Mischvolk, bewohnt wird. Die Wallonen sprachen von Hause aus eine eigene, vom Französischen verschiedene romanische Sprache, die aber ganz vom Französischen verdrängt ist. Die Flamen dagegen sind ein rein germanischer Stamm von niedersränkischer Herkunft, gemischt mit niedersüchsischen und friesischen Bestandteilen. Ihre Sprache ist mit einigen mundartlichen Abweichungen das Niederländische. Die Flamen bilden heute mit rund 4% Millionen Seelen unter den etwa 7 % Millionen Einwohnern des 1830 gegründeten Königreichs Belgien die zahlenmäßige Mehrheit. 2. Geschichtliches. Nach dem Tode Karls des Großen kamen die flämischen Lande östlich der Schelde an daS Deutsche Reich, während das eigentliche Flandern dem Namen nach ein Lehen der französischen Könige wurde. Doch sind gerade die eigentlichen Flamen mit der Macht ihres sreien Bürgertums das ganze Mittel- alter hindurch ein Bollwerk niederdeutschen Wesens gegen das Romanentum geblieben. Unter den Kaisern Maximilian und Karl V. sind alle flämischen Lande mit dem Deutschen Reich verbunden gewesen. Mit Philipp II., dem Sohne Karls V., kamen sie unter spanische, dann (anfangs des 18. Jahrhunderts) unter österreichische Herrschaft, die am Ende des 18. Jahrhunderts durch die der französischen Revolution und Napoleons abgelöst wurde. Nach der Schlacht bei Waterloo wurden Flamen und Wallonen für eine kurze Zeit mit Holland vereinigt. Die hauptsächlich durch französische Umtriebe angezettelte Revolution von 1830 trennte im wesentlichen aus Betreiben Englands und Frankreichs die südlichen Niederlande wieder von Holland ab und schuf den Zwitterstaat Belgien unter der Herrschaft der Koburger. 3. Kulturgeschichtliches. Im Mittelalter blühte bei den Flamen eine hohe Kultur. Sie waren mit den großartigen Handels- und Industriestädten Upern, Brügge, Gent, Antwerpen und Brüssel eine Zeitlang daS führende Volk Europas. Auch in Kunst, Literatur und Musik haben sie in früheren Jahrhunderten eine große Rolle gespielt. Seit der spanischen Herrschaft gerieten sie in Verfall; und erst seit knapp hundert Jahren ist ein Teil des flämischen Volkes durch die sogenannte flämische Bewegung zu neuem geistigen Leben erwacht. 4. Die Sprache der Flamen. Wer vom Niederrhein oder aus dem Belgischen Land stammt, hat sich zu seiner freudigen Ueber- raschung tadellos mit den Flamen verständigen können, wenn er in seinem heimischen Platt mit ihnen .kallte*. Ost genug hat man die Versicherung hören können, daß die Sprache der Flamen für uns Deutsche aus der Nordwestecke deS Reiches weit leichter verständlich sei, als etwa der bayrische Dialekt. Jedenfalls hat diese Verwandtschaft unserer niederdeutschen, der sogen, plattdeutschen Sprache mit der flämischen in uns die Empfindung der Stammesverwandtschaft und daS Gefühl der inneren Zusammengehörigkeit wachgerufen. Einige Wörter, die übereinstimmend im Plattdeutschen und Flämischen gebraucht werden, mögen uns die Verwandtschaft der beiden Sprachen vor Augen führen: Aermel ---- Mouv, auswecken = tröffet maken, bewilligen = toestahn, Dachziegel = Dackpann, Fensterscheibe — Ruit, essen --- eten, heute = van daag, neun = negen, gelb = geel, heraus — naar booen, Herr, Meister = BaaS, spät --- lat. 5. Ortsnamen in Flandern. Wer es liebt, mit forschenden Augen eine Landschaft zu durchwandern, der hat's in Flandern leichter als in Frankreich. Des Studiums einer fremden Sprache bedarf eS nicht, um das Volk hier zu verstehen- wenn wir uns nur recht aus unser Plattdeutsch.besinnen, kommen wir schon weit. Der alte flämische Bauer, bei dem ich in der gsergegend lange in Quartier lag, erzählte mir mit Behagen, eS sei am Meer eine lange Dünen- bank gewesen, an deren einem Ende habe Julius Cäsar Ostende, am andern Westende und in der Mitte Middelkerke angelegt. Daß Cäsar seinen Göttern wohl nicht gut eine Kerke bauen konnte, störte ihn dabei nicht. So bequem wie bei diesen Namen, die unS ja ohne Erklärung verständlich sind, haben wir eS nun leider doch nicht immer. DaS alte Wort lar, soviel wie Ort, in Deutschland in Wetzlar, Goslar, Kevelaer, hierzulande in Roeselare (die Flamen sprechen oe wie wir u, also Ruselahre) und Kouke- lare vertreten, ist in unserer Sprache lange verklungen. DaS deutsche heim (RüdeSheim, Hildesheim) hat hier seine Verwandten in Isegem, Merkem, Gotthem, Beythem. Das uns aus Gemarkung- und Ortsnamen wie Bismarck (auS Bischossmark )bekannte alte Wort für Fel) finden wir hier in Langemark und Kortemark wieder, Feld selber in Lichteroelde (Groß Lichterselde bei Berlin gilt als eine Anlage flämischer Siedler, die an der großen Besiedlung des deutschen Ostens starken Anteil hatten, eS ist möglicherweise eine Tochtergründung von Lichtervelde) Dal und hooge kennzeichnen die hierzulande ja geringen Höhenunterschiede, berg ist ziemlich selten. In Frezenberg haben wir wohl eine alte friesische Siedlung. Für Waldungen gibt eS ein ganze Reihe von Bezeichnungen: bosch (Busch), woud (Wald, das flämische ou wird wie deutsch oh gesprochen), hout sHolz), loo, Eckloo und Waterloo sind ohne weiteres deutlich. Neben dem starken Baumwuchs — heute allerdings mehr Baumreihen alS Wald — ist ja daS dichte Netz von Gräben Dazarekk-Zeikuiig. (grachten) und Kanälen (vaarten) für das flandrische Landschaftsbild charakteristich; Driegrachten liegt an einem Schnittpunkt dreier Wasferläufe. Beck klingt jedem Plattdeutschen schier heimatlich, Mühlbach (Meulebeke), Sonnbach (Zonnebeke) und Sillbach (Zillebeke) sind auch Hochdeutschen nicht fremd, desgleichen Steinbach (Steenbeek) und Hahnbach (Haanebeek). Wie Brügge zu einem Stadtnamen werden konnte wird leicht begreiflich, denkt man an Innsbruck oder Saarbrücken. Flußübergänge waren stets wichtige Plätze, darum früh für Siedlungen benutzt. Zeebrügge sollte das neue Brügge an der See werden. Ehe man Brücken zu bauen wußte, mußte man Furten suchen, davon zeugt Zandvoorde (Sandfurt). Allzeit galt Flandern als sehr kirchlich, die gewaltige Menge der Namen mit kerke und kapelle bestätigen daS. Dazu die vielen nach Heiligen (Sint Julien. Sint Elooi- Eligius — bekehrte das dickköpfige Volk der flandrischen Küste zum Christentum —). Daß Mühlen (molen) und Türme (toren) eine Rolle spielen, ist natürlich. Eine Besonderheit der flandrischen Dorf, anlage spiegelt sich wieder. Um die meist stadtartig dicht zusammengebauten Hauptdörfer liegen weitum auf die Feldmark verstreute Häusergruppen, die hoeken (Huken) oder wijken (Wecken) — mit Dorfwinkel hat man die Namen im Deutschen wiederzugeben versucht. Neben so eintönigen Namen wie Oasthoek, Kerkhoek, Klostehoek, stehen so vielsagende wie Waterdamhoek, Droogenbroodhoek. Solch seltsame Benennungsart treibt wahre Blüten in den Namen der hierzulande ja verhängnisvoll zahlreichen Herbergen und Schenken. Da8 Tierreich ist ausgiebig vertreten: in den Konten öS (zum bunten Ochsen), in de konije (zum Kaninchen), in't zwart zwijntje (zum schwarzen Schweinchen, mag'S auch der Fabelwelt angehören: in het vlie- ende peerd. Auch die Pflanzenkunde muß hergeben, was sie hat: in de linde, in de olasbloem (Zur FlachSblume). in den gouden (sprich choden, d. h. goldnen) appel. Eigne und fremde Orte finden sich in buntem Durcheinander: in Amerika, in de stad Brussel, in den Transvaalschen boer, in Seba- stopol, in de Blaamsche leeuw. Ulk hat die Namen in de eenwige dorst (Zum ewigen Durst) und in den laatsten stuiver (Zum letzten Heller) geschaffen. Eine Reihe dieser HerbergSnamen ist dann zur Bezeichnung der ganzen hoek, in der die Schenke liegt, geworden, so sind wohl Wieltje (Rädchen), Meiboom (Maibauw), de Ruyter (gesprochen Reuter, d. h. Reiter), Draaibank (Drehbank) aufzufaffen. Wenn bei uns noch vielfach das fcanzöselnde Roulers für das echte Roeselar, Courtrai für Kortrijk, la Panne für de Panne (die Pfanne, das Tälchen) gebraucht wird, so ist das genau so geistund geschmackvoll, als wollten wir Köln Cologne, Aachen Aix-la-Chapelle, Freiburg Fribourg nennen. Ortsnamen find manchmal doch mehr als Schall und Rauch, sie sind geschichtliche Denkmale. Ltnt. d. R. Philipsen f. Werwunbeten-Anterrichk Unterricht in der Heweröeschule Girchstraße 16 ). Bauzeichnen, j Fachzeichnen, \ Dienstag, Mittwoch, Donnerstag u. Samstag Freihandzeichnen, j von ^9 — 12 Uhr. Deutsch, Mittwoch und Donnerstag von 2—4 Uhr. Buchführung, ' .. Montag und Mittwoch von 2 — 6 Uhr. Rechnen, Montag von 2-5 Uhr. Projektionszeichnen, Mittwoch von 2—5 Uhr. // ' * '*? Der Unterricht wird erteilt von den Herren Appel, Bert. Klein. Fritzel. Haag en- müller, Prof. Dr. Krausmüller und 2 Architekten. ^ Meldungen werden bei der Schulleitung der Gewerbeschule, abends von 5—6 Uhr, entaeaen- genommen. Der Unterricht ist unentgeltlich. 9 entgegen Wechsellehre, praktische Arbeiten in den Lehrwerkstätten. Schreinerei, Schlosserei, Schuhmacherei Schmiede, täglich 8 Korbflechten, täglich von 9—12 und 2—6 Uhr. Maschinenschreiben, täglich von 8—12 und 2—6 Uhr. — 12 und 2—6 Uhr ]9f II. Mnterricht in Lazaretten und im Soldatenheim. Stenographie (Gabelsberger System). Polizeit.-Aspirant Karnbach. Versicherung8- und Fürsorgewesen. Dienstag und Freitag 2)$— 3 % Uhr Beratung der Kriegsteilnehmer über alle Fragen der Kranken-, Invaliden- und Hinterbliebenenver- sicherung, Kriegsoersorgung usw. Im Soldatenheim. Bürobeamter Kirchner. Schnitz-, Flecht- undPapparbeiten. Vormittags und nachmittags; in den Räumen des Roten Kreuzes und in den Lazaretten. 58>2. Bild)- und Uerlagshandlurg ein Ausläufer. 5912. Gas- und Wasserwerk benachbarter Stadt einige Leute zum Ablesen für Gas- und Wassermesser. 6012. Magistrat, Stadt im Regierungsbezirk Wiesbaden, em Krankenwärter. Sanitätsunteroffizier bevor- zugt. Nebenbeschäftigung im Obst- und Gemüsegarten erwünscht. 61 2. näbrmittelfabrik ein Portier. 62 2. Posthalterei, Stadt an der Ruhr, zwei Postillone. 63 Jandesausfchuh für Kriegsbeschädigten. Fürsorge im Keg.-Be?irk Wiesbaden. Geschäftsstelle: Frankfurt«. M., Blkichstr.18.pt. Sprechstunde 8 — 3 Uhr. Fernruf Amt Hansa 7396 und 7397. Bewerber für unten ausgeschrieben Stellen wenden sich an die Geschäftsstelle des Landesausschusses für Kriegsbeschä- digten-Fürsorge. Ebendaselbst wird auch unentgeltlich Auskunft in allen Rentensragen erteilt. wird gebeten, bei etwaigen Rückfragen die Tagebuchnummer mitanzugeben. Gesucht werden für: 1112. Gemeinnütziges Institut verschiedene Bürstenmacher. hauptsächlich Zieher und Pecher. 15|2. Elektrische Spezialfabrik ein Tiefbauzeichner für Planzeichnungen. 11511. Neu gegründete Molkerei mit Meierei, Nahe einer Stadt am Rhein, ein tüchtiger Meiereifachmann zur selbständigen Leitung und Mitarbeit. m i ^ . yr _ _ •—_- • # m P 2 . Geschäftshaus in Trankfurt a. M. ein geeig- neter Portier. / 64|2. Anatomisches Institut einer Universität ein Anatomiediener. 6512 Bedeutende Spezialfabrik ein jungir Portier Gutes Aussehen, eventl. Einarmiger. 6612. Speditionsgeschäft ein Bürodiener, wird auch mit kleineren schriftlichen Arbeiten beschäftigt. 67>2. Sanatorium im Bezirk ßassel ein Elektrotechniker oder Schlosser, eventl. gegen freie Kur und Behandlung per April. 68>2. städt. Rrankenhausverwaltung ein Jnstalla- teur 69 70 wacher. 2. Cebensmittelgrosshandlung ein Lagerarbeiter. 2. Kriegsindustriellen Betrieb ein Werkzeug 54 55 arbeiter. 56 57 57 2. Mittleres Gasthaus ein kräftiger Portier. 2. Chemisches Industriewerk einige Lager- 2. Schlosserei ein junger Mechaniker. 2. Brauerei zwei Fahrburschen. 2a Desgleichen ein Brauer. Das Hießener Soldatenßeiur Im früheren Kaffeehaus Ebel, Burggraben 9, Eingang von der Markt st raße aus, nahe am Markt. Zeitungen. Zeitschriften, Kriegskarten, Bücher und Gesellschaftsspiele stehen zur Verfügung, ebenso ein gutes Klavier sowie Schreibtische mit Briefpapier. Einfache Erfrischungen werden zum Selbstkostenpreise gereicht. Für den Aufenthalt im Freien bietet der hübsche Hausgarten Gelegenheit. Auch eine Kegelbahn ist für die Besucher neu hergerichtet. Bis aus weiteres sollen an jedem Mittwoch nachmitttags von 3—5 Uhr Konzerte der Kapelle des Ersatz-Bataillons des Infanterie-Regiments 116 stattfinden. Die Räume sind täglich von 10 Uhr vormittags bis 9 Uhr abends geöffnet. Kreis- und Ortsausschuß, Hießen, für die Kriegsöefchädigteu-Wrforge. Geschäftsstelle: Gewerbehaus, Kirchstr. 16 (Fernsprecher 535). Geöffnet täglich, außer Sonntag und SamStagnachmittag, von 8 — 12 und 2—5 Uhr. Werkstät te. Gewerbehaus, Erdgeschoß. Geöffnet täglich, außer SamStag und Sonntag von 8 — 12 und 2—6 Uhr. Unterrichtsräume: GewerbehauS, 1. und 2. Obergeschoß. Geöffnet täglich, außer SamStag und Sonntag von 8—12 Uhr. Berufsberatung: GewerbehauS, Erdgeschoß. Sprechstunde Mittwoch von 5—6 Uhr. Stellenvermittelung: GewerbehauS, Erdgeschoß. Sprechstunde: Täglich von 8—12 und 2-6 Uhr. Ausstestung von Arbeite« Kriegsbeschädigter, Hewerbeyaus, Kirchstr. 16 geSffnkt: Werktags von 8-12 und 3-6 Uhr. Zutritt unentgeltlich. Kinder sind nicht zugelassen. Kreis- und Ortsausschutz Gietzen für die Kriegsbeschädigten-Fürsorge. Der Vorsitzende: Keller, Oberbürgermeister. Schriftlettung der Gietzener Beilage: Geh. Hofrat Dr. H. Haupt, Gießen, Keplerstraße 1, und Profeffor Dr. Karl Helm, Ließen, Stefanstraße 7.