GLeßen. Nr. 6. 1. Februar 1918. Chronik. Die Ereignisse deS Januars zeigen ein deutliches Steigen der FriedenSaussichten. Trotzdem die Friedensverhandlungen zu Brest-Litowsk noch zu keinem Abschluß geführt haben, haben die Verhältnisse des Ostens eine Gestalt an- genommen, die ein Wiederaufleben des Krieges als vollkommen ausgeschlossen erscheinen läßt. Nachdem am 4. Januar die Verhandlungen in Brest-Litowsk begonnen hatten, stellte es sich heraus, daß der nunmehrige Leiter der russischen Delegation, zugleich der Leiter der auswärtigen Politik der sozialistischen Petersburger Republik. Trotzky, nicht in erster Linie einen Frieden herbeiführen wollte, sondern daß ihm die Verhandlungen nur ein Mittel bieten sollten, den allgemeinen Umsturz, wie er in Rußland stattgefunden hatte, auch auf das übrige Europa zu übertragen. Er stellte zu diesem Zweck die vollkommen unannehmbare Forderung, daß vor weiteren Friedensverhandlungen die Zentralmächte zunächst ihre Truppen aus den besetzten Gebieten des ehemaligen Zartums Rußland zurückziehen und eine Volksabstimmung über die zukünftige Staatszugehörigkeit und Staatsform stattfinden lassen sollen. Ein Eingehen auf diese Forderung war vollkommen unmöglich, weil dadurch nicht der wirkliche Wille der besetzten Gebiete zum Ausdruck gekommen wäre, sondern nur die revolutionäre Bewegung der Petersburger Bolschcwiki bis an die Grenzen von Deutschland und Oesterreich getragen worden wäre. Wie wenig das Verlangen Trotzkys aus einem wirklichen Respekt vor dem Eelbstbcftimmungsrecht der Nationen hervorgeht, hat sich alsbald aus der inneren Politik der sozialistischen Petersburger Regierung mit Deutlichkeit ergeben. Ueber- all wo sich Körperschaften bildeten, die nicht im Geiste der Maximalisten arbeiteten, wurden diese mit Waffengewalt auseinandergetrieben. Als die Wahlen zum russischen Reichstag, der Sobranje zu Ende geführt waren und es sich dabei ergeben hatte, daß die Marimallsten nicht, wie sie gehofft hatten, die Mehrheit erhalten hatten, lösten sie die Sobranje sogleich rach der ersten Sitzung wieder auf und unterdrückten jede Gegendemonstration mit Maschinengewehren. So ist Rußland heute, soweit es der Gewalt der Marimalisten untersteht, eine absolutistische Republik, die genau mit denselben Methoden arbeitet, mit denen seinerzeit in Rußland die absolutistische Monarchie gearbeitet hat. Die brutale Gewaltpolitik der Petersburger Marimalisten zeigt am deutlichsten. wie wenig sie vor dem Rechte der anderen Achtung haben, und wie wenig sie daher berufen find, eine solche Achtung von anderen zu fordern. Wenn daher die Verhandlungen von Brest-Litowsk nicht sofort zu dem gewünschten Frieden geführt haben, so trifft die Schuld nicht die Unterhändler der Mittelmächte, die im Geiste eines ehrlichen Friedenswillens handelten, indem sie erklärten, auf gewaltsame Annexionen im Osten zu verzichten, vielmehr trifft die Schuld ausschließlich die russischen Unterhändler, die den von berufenen Vertretern klar ausgesprochenen Willen zur Selbstständigkeit in Polen. Litauen. Kurland und Livland nicht als unbeeinflußt gelten lassen wollen. Weit günstiger find die Aussichten auf rasche Verständigung bei den Verhandlungen mit der neugebildeten großen südruffischen Republik, der Ukraine Diese Republik, die über eine aus Bürgern. Bauern und Arbeitervertretern gebildete Regierung verfügt, hat sich mit den Verhandlungsgrundsätzen der Mittelmächte zufrieden erklärt. Ter sofortige Frieden mit der Ukraine dürfte von besonderer Wichtigkeit für uns werden, weil die Ukraine dasjenige Gebiet Rußlands ist. das für die Ausfuhr, namentlich von Getreide, Leder, Fett und Petroleum, in erster Linie in Frage kommt. Der Handelsverkehr der Ukraine mit der Türkei über Odessa scheint inzwischen schon ausgenommen zu sein. Die Verhältnisse im Innern Rußlands lassen sich noch nicht völlig klar überschauen, da jede Partei die Lage in einem für sie günstigen Lichte darzustellen versucht. Die Lage der Maximalisten hat sich offenbar erheblich, ver- schlechtert, weil sie infolge der Quertreibereien Trotzkys bisher nicht den Frieden zu stände gebracht haben, für den ihnen eigentlich vom Volke die Macht in die Hand gegeben war. Immer mehr und mehr scheint sich-ihre Gewalt im Staate statt auf die Zustimmung des Volkes bloß auf die lieber- redungskunst der Maschinengewehre zu stützen. Da die Ukraine dasjenige russische Gebiet ist, das das große Reich in erster Linie mit Nahrungsmitteln zu versehen hat. ist die materielle Lage des nördlichen Teiles von Rußland eine sehr ungünstige und in Petersburg scheint Hunger und Typhus um sich zu greifen. Die russische Front ist, nachdem der größte Teil der Offiziere abgesetzt, geflohen und ermordet ist. in voller Auflösung begriffen, und das Land wird von marodierenden Soldatenbanden durchzogen; die Transport' mittel sind in völliger Zerrüttung. Die Ukraine, die inzwischen ihre vollkommene Unabhängigkeit und Selbständigkeit proklamiert hat, ist aber auch nicht von Kämpfen verschont. Tie Maximalisten haben auch dorthin den Bürgerkrieg getragen und gegen die ukrainische Regierung, die Zentral- Rada, die ihren Sitz in Kiew hat, steht eine maximalistische Regierung mit dem Sitz in Charkow. Zu Kämpfen scheint es schon hier und da gekommen zu sein ohne ersichtliches Ueberwiegen der einen oder anderen Partei. Wie sehr es den Maximalisten nur darum zu tun ist. Unruhe und Umsturz zu stiften und nicht de» Völkern ihr Selbstbestimmungsrecht zu erwirken, zeigt das Beispiel Finnlands, wo die kaum erst gebildete und von vielen Mächten, auch von der russischen Regiernng selbst anerkannte Regierung der Republik Finnland von finnischen Marimalisten mit Unterstützung russischer Marimalisten am JfO. Januar gewaltsam gestürzt worden ist. Tie Lage Rumäniens ist zwischen den Mittelmächten und dem vom Bürgerkriege zerfleischten Rußland eine sehr schwierige. Tie Marimalisten haben versucht, gegen die rumänische Regierung und das rumänische Heer vorzugehen, haben aber damit anscheinend keinen Erfolg gehabt, da das an Organisation den russischen Kräften immerhin noch überlegene rumänische Heer sich seiner Haut zu wehren verstand; mußten doch selbst dort ruffische Truppen sich vor den Rumänen zu den Truppen der Mittelmächte flüchten. Es scheint, daß Rumänien versucht, Beffarobien. das von Rumänen bewohnt ist und 1878 dem Königreich Rumänien von Rußland entriffen wurde, in seine Hand zu bekommen. Auch bereitet sich offenbar eine Umbildung der rumänischen Regierung im Sinne.einer Annäherung an die Mittelmächte vor. Bei der Entente wächst die Friedensstimmung. Die Reden der Entente-Staatsmänner, wenn sie auch noch für uns vollkommen unannehmbare Forderungen enthalten, sind sehr viel gemäßigter. Es hat sich ein in voller Oeffentlichkeit geführtes diplomatisches Zwiegespräch zwischen den leitenden Staatsmännern der Entente und der Mittelmächte ent- sponnen. in dem die möglichen Friedensbedingungen erörtert werden. Am 7. Januar hat Wilson in einer Rede die Bedingungen der Entente dargelegt. Am 8. und 10. Januar haben Reden von Lloyd George und Balfour, den Leitern der englischen Politik, den Standpunkt der Entente näher präzisiert und am 24. Januar hat der Reichskanzler Graf Hertling und der österreichische Minister des Auswärtigen Graf Czernin in der Erwiderung dieser Reden den deutschen Standpunkt dargelegt. Es zeigt sich auf der Seite der Mittelmächte der deutliche Wille zu einem an- nerionslosen Frieden, selbstverständlich unter völliger Wiederherstellung des deutschen Kolonialbesitzes und unter Behauptung des deutschen Stammlandes Elsaß-Lothringen. Die Bedingungen der Entente sind verschiedener Auslegung fähig, doch besteht offenbar die Absicht, von der Türket bedeutende Teile abzutrennen, die Ansprüche Italiens auf Teile des österreichischen Gebietes werden noch aufrecht erhalten. Auch hinsichtlich Elsaß-Lothringens wird eine Neuordnung noch gefordert, und hierbei kann, selbst wenn England und Amerika zu größerem Entgegenkommen bereit wären, nicht übersehen werden, daß die jetzige französische Regierung noch an der Rückgabe Elsaß-Lothringens an Frankreich festhält. An Frankreich selber spitzt sich der Konflikt zwischen Clemenceau und dem früheren Ministerpräsidenten Coillaux immer mehr zu. Caillaur wurde am 14. Januar verhaftet und soll als Verräter vor ein Kriegsgericht gestellt werden. Clemenceau glaubt .damit der Partei des Ver- ständigungtzfriedens in Frankreich einen vernichtenden Schlag zu versetzen. Doch haben die fadenscheinigen Anschuldigungen gegen Caillaux in der öffentlichen Meinung Frankreichs kernen guten Eiudruck hinterlassen. So ckange aber noch Clemenceau die Regierung führt, ist mit einer Verständigungs- obsicht Frankreichs vicht zu rechnen, und wenn nicht das Volk selbst in Frankreich eine Aenderung der Politikerzwingt, wird ein solcher Zwang von der Gewalt der deutschen Waffen ausgeübt werden müssen. Kriegerische Ereignisse von Bedeutung haben sich in der letzlen Zeit nicht abgespielt, nur im Gebiet der venrtianischen Alpen haben seit dem 2tt. Januar die Italiener heftige Angriffe begonnen in der Absicht, ihre Flanke vom Drucke der österreichischen Truppen zu befreien. Tie Oefterreicher haben aber ihre Stellung bis auf zwei Berggipfel zu halten gewußt. Tie politische Lage ist günstig und sichert einen ehrenvollen Verständigungsfrieden. Tie Voraussetzung zur Verständigung bleibt freilich, daß wir nach wie vor fest bleiben, und weiter unsere Pflicht für den Krieg und die Kriegsarbeit tun. Unsere Regierung kämpft für den Frieden der Verständigung mit ehrlichem Friedenswillen und fern von jedem Siegerhochmut. Wer ihr in den Rücken fällt und Schwierigkeiten bereitet, arbeitet für einen Frieden der Niederlage, für einen Frieden, den der Feind dem schwach gewordenen und uneinigen Deutschland diktieren wird. Davor aber wird uns der gesunde Sinn unseres Volkes bewahren. Tie Dezember-Beute der U-Boote beträgt 702000 Tonnen, sodaß bisher seit Beginn des uneingeschränkten U-Boot- Kriegs im ganzen 8 958000 Tonnen versenkt wurden. Zn England hat man jetzt dazu übergehen müffen, die Lebensmittel zu rationieren. LaMrklts Neikung« An die Kameraden in den Lazaretten! Friede, Friede um jeden Preis! Kameraden! Wem ist dieser Gedanke nicht schon einmal durch den Kopf gegangen, oder wer hat bei Unterhaltungen nicht schon einmal die Meinung zum Ausdruck gebracht wie: .Der Krieg hat lange genug gedauert, es hat Opfer genug gekostet, wir wollen, wir müssen Frieden haben, Frieden um jeden Preis." Ich verstehe diese Gedankengänge und kann es nachsühlen, was Euch bewegt. Habt Ihr aber auch einmal darüber nachgedacht, was eS bedeutet: Frieden um jeden Preis? Friede können wir haben. Werden'unserer Regierung die Mittel vorenthalten, die zur Fortsetzung des Krieges notwendig sind, so ist sie gezwungen Friede zu schließen. Aber was für einen Frieden? Einen Frieden, der uns, unsere Kinder und Kindeskinder zu Knechten und Sklaven anderer Völker verurteilen würde. Wollt Ihr etwas derartiges noch ertragen, nachdem Ihr Gut und Blut geopfert? Wollt Ihr Euch als freie deutsche Männer neben der Knechtschaft noch die ins Ungeheure gewachsenen Milliarden Kriegskosten unserer Feinde aufbürden lassen? Wollt Ihr einen Frieden, dessen ungeheure Lasten nicht nur die Reichen und Vornehmen, das gesamte deutsche Volk und Euch treffen, den kleinen Bauern sowshl wie den Großgrundbesitzer, den Taglöhner wie den Kapitalisten, den Fabrikarbeiter wie den Fabrikbesitzer? Nun und nimmermehr können und dürfen wir etwas derartiges wollen, denn ein solcher Friede würde nichts weniger bedeuten als den vollständigen Ruin unseres Vaterlandes. . Unsere Kameraden in den Schützengräben, unsere dereinst wiederkehrenden, seit Jahren in Gefangenschaft schmachtenden Kameraden, unsere Frauen und Kinder würden uns verachten und verfluchen. Alles das, was Ihr mit ihnen bis heute getan geschafft, entbehrt und gelitten habt, wäre umsonst gewesen, jeder Tropfen Blut ist unnütz vergossen, wenn wir jetzt versagen und nicht das letzte noch aufbleten würden. Nun und nimmermehr können und dürfen wir emen solchen Frieden wollen, jetzt erst recht mcht mehr, wo Rußlands Schlagkraft gelähmt 'st- jetzt, wo Englands Hilfe durch die täglich wachsenden Erfolge unserer heldenhaften U-Boot- leute zu versagen droht, wo Amerika nichts mehr ändert und der Weg zum Frieden frei ist. Kameraden! Es geht der Entscheidung entgegen. Nur ein Gedanke darf und soll uns heute noch beherrschen: durchhalten und siegen! Das deutsche Volk, und Ihr mit ihm, habt in den vergangenen drei Jahren bewiesen, daß es kann, wenn er. will — und es will. Bald bricht ern neuer Morgen an, an dem unsere Feinde rufen müssen: .Wir können nicht mehr." Haltet durch, wir können es. Wenn auch die Kost schmal ist, so haben wir doch gelernt uns einzu- und Gold und Eisen hoben wir noch, schmiedet Waffen daraus. Wir wollen und müssen uns den Frieden er- Blut und Schweiß, mit Hammer und Schwert, m.t der letzten Mark und dem eisernen Willen. Durchhalten und siegen! G-fr. Schöfer. z. Zt. Res.-Laz,, Gieß en Wie Aöelsöerg bekehrt worden ist. Von Peter Rosegger. Sie ist ja allbekannt, die Predigt von Pater Abraham a Santa Clara, in welcher er von der Sünderin Magdalena sprach. .Und auch unter meinen Zuhörern sitzt eine solche Magdalena! Wollt ihr's wissen, welche? Dort! Paßt auf. ich werfe dieses mein Buch nach dem Haupte der Sünderin1* Er hob zum Wurfe aus; alle weiblichen Zuhörer, alle duckten die Käpfe. — .Was?" rief der Prediger, .ich Hab' geglaubt, es wäre nur eine da!" Und ein andermal: .Die Jungfraueu der Wienerstadt all: auf einem Schubkarren getraue ich mir sie hinauszufahren!* Das war denn doch etwas zu viel für die hohen Herrschaften der kaiserlichen Residenz. Der Pater wurde aufgefordert, sein Wort öffentlich zu widerrufen. .Ich widerrufe gar nichts,' sagte er bei seiner nächsten Predigt. .wie gesagt, auf einem Schubkarren! Ich Hab' ja nicht angegeben, wie oftmals ich fahren will!" Der gute Pater Abraham freilich, der konnte es tun und konnte stets entschlüpfen, wie es nicht jeder kann, der es will. Auch der Herr Seelsorger von Ober-Abelsberg wollte ein Pattr Abraham sein, denn Abelsberg war euch mitunter schon gar ein liederlich Nest. — „Bei uns dahier," rief er ir^einer seiner Predigten, „bei uns dahier liegen die Junggesellen und Jungfrauen alle noch in der Wiegen! Auf allen Gassen und Straßen, beim Aufstehen und Wirtshausgehen, bei btr Arbeit und bei der Schüssel, beim Rosenkranz bis zum Amen sind Männlein und Weiblein beisammen. Ein wildes Ehebett ist die ganze Gemein', na, da möchr' der Teufel euer Pfarrer sein!" Reckten sich bei dieser Predigt in den Kirchenstühlen einige Köpfe höher. Der Richter macht schon den Mund auf. - ,.Ah na," denkt er. „in der KIrch' heb' ich keinen Unfried an," und duckt wieder zusammen und läßt das Hochgewitier von der Kanzel ruhig über sich ergehen und murmelt: „Schrei' du nur zu da oben und hau' die Faust nur rechtschaffen in die Kanzel 'nein: morgen wirst heiser sein." Und als der Seelsorger oben besagtermaßen genugsamlich Scheiter in die Hölle getragen hatte, zündete er den Haufen an, will sagen: machte seinen Zuhörern durch eine schauderliche Darstellung des ewigen Feuers die Hölle heiß. Ein ordentlicher Schwefelgeruch war in der Kirche schon zu verspüren, manches alte Männlein vergoß Angstschweiß und manches alte Weiblein zog seine Beine ein, weil es an den Zehen schon die ewigen Flammen zu spüren vermeinte. Und das junge Volk, dem zu Ehren die Predigt eigentlich gehalten wurde, m die Fäuste kicherte es hinein und unter den Bänken trat es sich einander mit den Schuhspitzen. Der Herr Pfarrer hatte sich für den selbigen Mittag einen prächtigen Appetit herausgepredigt. Und — ganz wie der Richter berechnet hatte — am andern Tag war der Herr Pfarrer so heiser, als wäre seine Luftröhre über und über mit Bärenpelz ausgefüttert. Wurde an diesen Tagen einmal ganz besonders höflich an die Tür geklopft. — „Sicherlich wieder so eine verdächtige Kindstaus'I" murmelt der Psarrer und reißt, weil er zu einem derben „Wer ist's?" keine Stimme hat, die Tür auf. Wird aber sofort gelassene,!. als er im Vorhause eine große Zahl von Männern aus seiner Gemeinde erblickt. Alle haben, wie der Herr Pfarrer erschienen, die Hüte eilig vom Kopf gerissen, sind sich mit der flachen Hand mehrmals über das Haupt gefahren, um die allweg widerspenstigen Locken zu glätten; treten hierauf ins Zimmer, und der Aeltesten einer hebt an so zu reden: „Wir haben schon die Grobheit. Hochwürden, daß wir gleich so uneben ins Haus hereinkrachen. Küssen die Hand!.— Und was wir halt saaen wollten —" „Setzt euch, liebe Leute, so viel Sessel zur Versagung stehen." lud der Pfarrer leutselig ein. „Bedanken uns; mögen schon auch stehen. Und daß wir gleich gradweg reden — der Sonntagspredigt wegen täten wir halt da sein. Gottswahr- haflig. Hochwürden, das ist mal ein wahres Wort gewesen, so recht ein Pfarrhcrrnwort; sakra 'nein, das hat uns an'griffm. — 's ist wohl richtig, unsere Gemein' ist hundsschlecht über und über, muß eine Veränderung nehmen — wohl, wohl' Hochwürden!' ’' Der Pfarrer lächelte wehmütig und flüsterte salbungsvoll: „Gott walt's!" - "®“ ä ift ^wiß!" sagte der Sprecher, „und wir Männer sind zusamm'gestanden und haben ge^gt: Und wollt' sich einer schon vor der Höllen scheuen, so kunnt's doch 'leicht zeitlich einen schlechten Schick haben. Wissen uns eh schon nicht mehr aus mit den ledigen Kindern, die der Gemein' heut in der Schüssel liegen und in Alterstagen wieder in. der Schüssel liegen werden. Und ein Spott ist's auch. Desweg, 's muß eine Veränderung nehmen. - Jetzt, was mich angeht, mich selber, wie ich dasteh', ich verbleib', wie ich bin- tat s mt mehr ,m stand sein, daß ich in meinen alten Tagen noch ein' Unehr' wollt' aufheben — Und so" — er wendete sich zu seinen Mitmännern — „redet ihr eure Sach'." '^-^mmiger Bursch trat hervor: „Ich dank' mem Madel ab, muß eh zu den Soldaten." _ Ein rotbärtiger Geselle: „Mein'Dirn, die lass' ich mtl Aber die Gemein', die duldet uns nit, und wir wandern aus." Ein behäbiger Bauer stellte sich vor den Pfarrer: „Ich Heirat' die weine gleich auf- der Stell'!" und trat zurück. ' ©in anderer: „Tät meinen Schatz auch heiraten , kriegen aber nicht die Erlaubnis dazu' untreu werden will ich nicht, jetzt, was sang' ich an?" ,Wie der Will'," belehrte der Seelsorger, „mußt sie aufgeben, die schlechte Bekanntschaft, mußt schön in Ehrsamkeit leben." „Werd's halt einmal probieren," versetzte der andere und trat zurück. Ein schwarzer und wildnarbiger Kohlenbrenner schritt herfür: „Rechtschaffen bedanken muß ich mich für die scharf Predigt, hätt' sie eh schon lang' gern verjagt, meine Liebste; glaubt Ihr, es wär' gegangen, das Beest? Jetzt aber kann icij ihr bei; dem hochwürdizen Herrn seine Sonntagspredigt halt ich ihr vor — da läuft sie zuweilest davon." Ein Holzhauer sagte: „Ganz lassen werd' ich halt meine Kathel nicht könnest; 's ist ein blut- arm' Ding; daß ich ihr des Sonntags ein Seidel zahl', beim Kirchenwirt, ich sag', 's selb kann mir die christlich' Nächstenlieb' nit wehren." „Gewiß nicht," antwortete der Pfarrer, „wenn's beim Seidel nur auch bleibt!" „Und wär's letzlich eine Halbe, weil ich auch mittrink'?" „Ja, ja, aus der Halben wird eine Ganze!" rief der Pfarrer, „bete mein Sohn, nach des Herrn Wort: Führ' uns nicht in Versuchung!" „Wohl, wohl," sagte der Holzhauer, „will schon fleißig beien." Ein Bauernknecht schlich heran, walkte den Hut mit beiden Händen und flüsterte: „Wenn's darauf ankommt, Hochwürden, so brauch' ich gar keine, aber zum Waschen und Flicken muß einer wen haben. Und halt auch, daß einer, der kein' Vater und kein' Mutter und kein' Geschwister nit hat, daß er immer einmal doch gern ein Eichtel plaudern wollt' mit einem Menschen und gern wen mögen wollt', der ihn ein bissel lieb tät haben." Ein alter Bartstrupp humpelte vor: „Und ich auch. Hochwürden, möcht' mich halt bessern. Meine Liebschaft ist auch nichts nutz." Ihr seid ja verheiratet." sagte der Pfarrer. .Das wohl, aber meine Alte, die ist euch häßlich wie die Nacht und bös wie eine wilde n Lazarett Nettung. Katz', und Branntwein saufen tut sie wie ein Loch, und fluchen tut sie wie ein Husar. Mit so einer zu leben, daS wird sicherlich eine Todsünd' sein." „Geht mir weg, Ihr seid ein Lästerer!" ries der Seelsorger. Torkelte der Alte gegen die Türe. Ein anderer trat hervor: „Ich h«b' zwei, aber ich bring sie nit weg. ehvor ich sie nicht bezahlt Hab', was ihnen gebührt. Aber . . ." weil der Pfarrer eine gar finstere Miene machte, „ich nehm' 's Geld schon zu leih'n." „Ich Hab' meiner Tag keine Weibsleut mögen!" krähte ein gelbes Runzelgesicht aus der Menge hervor, „aber weil ich jetzt hör', dah die Sach' gar so groß Sünd' ist, so kunnt eins schier neugierig werden." „Na, na, unser Herr Pfarrer hat Recht, es mutz eine Veränderung geschehen", sagten mehrere. „Ist brav, ist brav," versetzte der Seelsorger und reichte ihnen die Hände, „und das ist mir der schönste Tag in meinem Seelsorgerleben. Wie werde ich glücklich sein, einst mit meiner lieben Gemeinde im Unschulds- oder Bußkleide vor Gottes Thron erscheinen zu können!'* Einige wollten sich schon zum Gehen wenden, da trat der erste Sprecher noch einmal hervor und sagte mit fast schüchterner Höflichkeit: „Hätten, wir halt zuletzt eine recht schöne Bitt', hochwürdiger Herr Pfarrer." „Nur frisch damit heraus, liebe Kinder, wenn'S in meiner Macht steht, von Herzen gern." „'8 ist halt der Gemeinde wegen," fuhr der Redner beklommen fort, „und daß mit Gottes Hilf' ein anderer Geist in die Leut' tät kommen. Daheim im Pfarrhos, selb wollen wir nicht reden, selb ist der Herr Pfarrer sein eigener Herr, aber halt «us der Gasse und beim Spaziergang im Wald, so beim Predigtstudieren — da täten wir halt wohl schön bitten, dah der hochwürdige Herr Pfarrer die Frau Haushälterin nit wollt' mitnehmen." Hab'früher zu sagen vergessen, daß der Pfarrer von Ober-AbelSberg ein leidenschaftlicher Schnupfer war; er z,g jetzt die Dose hervor und nahm drei, vier Prisen hart hintereinander und bot hierauf jedem die offene Dose hin. Und jeder tunkte höflich seine Finger ein und schnupfte, und jetzt brach ein Niesen loS von allen Seiten. „Helf Gott! Helf Gott!" riesen sie einander zu. Und der Pfarrer sagte: „Helf' uns Gott allen miteinander!" Mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers entnehmen wir diese kleine Erzählung der .Abelsberger Chronik* von Peter Rosegger. Leipzig. Verlag A. Staackmann. Wechtsschuh im Prozeß. Wer die Kosten eines Prozesses nicht bestreiten kann, hat Anspruch auf Erteilung des Armenrechts. Die Erteilung mutz unter Vorlage eines von der Heimatsbehörde, des Antragstellers ausgestellten Armutszeugnisses beim Prozehgericht beantragt werden. Sie hat die einstweilige Befreiung von den Gerichtskosten zur Folge. Außerdem wird dem Antragsteller in Landgerichtsprozessen ein Rechtsanwalt zur unentgeltlichen Vertretung beigeordnet; es kann dies auch in anderen Prozessen geschehen, falls die Partei zur Wahrnehmung ihrer Rechte nicht im stände ist. Die Erteilung des Armenrechts hat mit der öffentlichen Armenunterstützung nicht das geringste zu tun. Die Zustellung einer Klage an einen Soldaten oder Unteroffizier muh an den Chef der Kompagnie, Batterie usw. erfolgen. Zustellung an die Ehefrau oder einen Familienangehörigen ist ungültig. Der Sold und die Jnoalidenpension der Unteroffiziere und Soldaten ist unpsändbar. Gehört der Schuldner zu den mobilen oder gegen den Feind verwendeten Teilen der Landoder Seemacht oder zur Besatzung einer armierten Festung, so kann ein Prozeß gegen ihn nicht geführt werden. Nur wenn die Nichtführung des Prozesses mit einer offenbaren Unbilligkeit gegenüber dem Gläubiger verknüpft ist, kann auf Antrag des Gläubigers dem Schuldner ein Vertreter bestellt werden, damit der Rechtsstreit weitergesührt werden kann. Durch die Verbringung eines verwundeten oder kranken Kriegsteilnehmers in ein Heimatslazarett oder durch Beurlaubung eines mobilen Kriegsteil nehmers wird seine Zugehörigkeit zu einem mobilen Truppenteil nicht aufgehoben. Bewegliches Eigentum (z. B. Möbel, Vieh) des Schuldners kann zwar gepfändet, aber nicht versteigert werden. Eine dem Schuldner gehörige Forderung kann vom Gläubiger gepfändet und von diesem auch eingezogen werden, soweit sie nicht der Pfändung überhaupt entzogen ist, wie z. B. der Sold und die Jnoalidenpension der Soldaten und der Unteroffiziere. Die Zwangsversteigerung von Grundstücken, die dem Kriegsteilnehmer gehören, ist im allgemeinen unzulässig. Da ein Prozeß gegen den Kriegsteilnehmer nicht geführt werden kann, ist die Verjährung der Forderung des Gläubigers gehemmt. Gehört der Schuldner zu einem immobilen Truppenteil, so hat auf seinen Antrag das Gericht, außer bei offenbarer Unbilligkeit, die Aussetzung des Prozeßverfahrens anzuordnen, wenn der Kriegsteilnehmer infolge Zugehörigkeit zur bewaffneten Macht an der Wahrnehmung seiner Rechte behindert ist. In Bezug aus die Zwangsvollstreckung genießt der immobile Kriegsteilnehmer keinen Schutz. Dr. G. Wichtige Kragen für Kriegsteilnehmer. Kaöe ich Ansprüche aus Ersatz im Dienste abhanden gekommenen Eigentums? Ansprüche bestehen nicht; jedoch kann bei unverschuldetem Verlust selbstbeschaffter notwendiger Bekleidungs- und Ausrüstungsstücke eine Unterstützung gewährt werden. Das Gesuch ist durch das Lazarett an den zuständigen Truppenteil zu richten. Der Kommandeur der Division, zu der der Truppenteil des Mannes zur Zeit des Verlustes gehört hat, bei den in keinem Divistonsoerband stehenden Truppen die im Range eines Divisionskommandeurs stehende Vorgesetzte Dienststelle, hat zugleich darüber zu entscheiden, ob die abhanden gekommenen Gegenstände als notwendige Sachen zu bezeichnen sind. Gegen diese Entscheidung gibt es keinen Einspruch. In Ausnahmefällen kann auch bei Verlust von als .nicht notwendig* bezeichneten Gegenständen, falls die Vermögensoerhältnisse es rechtfertigen, eine Unterstützung von dem stellvertretenden Generalkommando, zu dessen Bezirk der Ersatztruppenteil gehört, aus den aus der Kriegsspendensammlung vom Kriegsministerium zur Verfügung gestellten Mitteln bewilligt werden. Auch bei Verlust von Uhr und Geld kann unter Umständen die Unterstützung gewährt werden. Welche besondere Zlnterstützung kann meine Iran während des Wochenbettes beanspruchen? Wenn die Frau eines Kriegsteilnehmers geboren hat. so stehen ihr folgende Bezüge der Reichs- wochevHilfe zu: 1. ein einmaliger Beitrag zu den Kosten der Entbindung in Höhe von 25 Mk., 2. ein Wochengeld von 1.60 Mk. täglich, einschließlich der Sonn- und Feiertage, für acht Wochen, von denen mindestens sechs in die Zeit nach der Niederkunft fallen müssen,. 3. eine Beihilfe bis zum Betrage von 10 Mk. für Hebammendienste und ärzliche Behandlung, falls solche bei Schwangerschaftsbeschwerden erforderlich werden, 4. für Wöchnerinnen, solange sie ihre Neugeborenen stillen, ein Stillgeld in Höhe von % Mk. täglich, einschließlich der Sonn- und Feiertage, bis zum Ablauf der zwölften Woche nach der Niederkunft, für jedes Kind. Der Antrag auf Reichswochenhilfe ist, wenn die Frau eines Kriegsteilnehmers Mitglied einer Krankenkasse ist, bei dieser zu stellen, andernfalls bei der Kasse, welcher der Kriegsteilnehmer vor seinem Eintritt in die Kriegsdienste zuletzt angehört hat; in allen übrigen Fällen beim Lieferungsoerband, d. h. bei der Stelle, bei der die Frau des Kriegsteilnehmers -die öffentliche Unterstützung erhebt (Bürgermeisterei usw.). Voraussetzung für die Gewährung der Reichswochenhilse durch die Lieferungsverbände ist jedoch ebenso wie für die Kriegs- unterstützung, daß der Fall der Bedürftigkeit vor- liegt. Bei den Krankenkassenmitgliedern wird dagegen das Vorliegen der Bedürftigkeit nicht gefordert. Falls nun öffentliche Kriegsunterstatzung gegeben wird, so wird die Bedürftigkeit als gegeben betrachtet: ist dies nicht der Fall, so wird noch Reichswochenhilfe gewählt, wenn 1. ihres Ehemanns und ihr Gesamteinkommen tn dem Jahr oder Steuerjahr vor dem Diensteintritt den Betrag von 2500 Mk. nicht überstiegen hat, oder 2. das ihr nach dem Diensteintritt des Ehemanns verbliebene Gesamteinkommen höchstens 1500 Mk. und für jedes schon vorhandene Kind unter 15 Jahren höchstens weitere 250 Mk. beträgt. Auch die Ehefrauen aktiver Unteroffiziere können die Reichswochenhilfe erhalten. Außerdem kann ein Unterstützungsgesuch gerichtet werden an die Privatkanzlei der Frau Kronprinzessin, Potsdam, Neuer Garten, mit der Bezeichnung .Kriegskinderspende*. In diesem Gesuche ist anzugeben der Tag des Eintritts zum Militärdienst, der Geburtstag und der Namen des Kindes, sowie die Anzahl schon vorhandener Kinder. Das Gesuch sollte nur im Fall besonderer Bedürftigkeit gestellt werden. Die Zentralstelle der Lazarett-Beratung deS Roten Kreuzes Frankfurt will dem Interesse der Verwundeten >nd Kranken tm Bezirk der Lazarett-Zeitung dienen. Jede, «öge die Fragen, die er auf dem Herzen hat, feien fie wirtschaftlicher Natur, rechtlicher Natur oder wie immer, schriftlich an die Lazarett-Beratung richten. Es soll auf jede Frage brieflich Antwort gegeben und die Möglichkeit gesucht werden, Rat und Beistand zu schaffen. Antworten von allgemeinem Interesse werden ohne Namensnennung in der Lazarett - Zeitung veröffentlicht. Vertrauliche Behandlung wird zugestchert, daher anonyme Anfragen verbeten. Die Zuschriften sind zu richten: An die Lazarett-Beratung, Frankfurt a. M., Kriegsfürsorge, Lheaterplatz 14. Beifügung von Rückporto ist nicht erforderlich. Die Zentralstelle der Lazarett-Beratung steht auch täglich von 4—5 Uhr den Verwundeten für persönliche Anfragen zur Verfügung. Unteroffizier A. Frage: Ich bin volle öy 2 Jahre Soldat, seit Anfang August 1917 Unteroffizier. Habe ich Ansprüche aus Sergeantenlöhnung mit oder ohne Beförderung? Auf welchem Wege kann ich dieselbe erlangen? — Antwort: Ein Anspruch aus Beförderung zum Sergeanten nach 5 y t jähriger Dienstzeit besteht nicht, die Beförderung hängt von dem Ermessen des zuständigen Vorgesetzten ab; sie kann nur erfolgen, wenn Sie sich in einer planmäßigen Stelle befinden. Die Sergeantenlöhnung ist dagegen nach 5% Dienstjahren im allgemeinen auch dann zu zahlen, wenn eine Beförderung nicht erfolgt ist. Jedoch ist auch hierfür erforderlich, daß Sie sich in einer planmäßigen Stelle befinden. Gemäß der Verfügung im Armeeverordnungsblatt 1916 S. 258 Ziffer 6 gelten im Sinne des § 3 der Kriegsbesoldungsvorschrift als in planmäßigen Stellen befindlich, außer den Unteroffizieren, die die in den Stärkenachweisungen vorgesehenen Stellen einnehmen, ferner a) verwundet oder krank im Lazarett befindliche Unteroffiziere, b) überplanmäßige Unteroffiziere. Auch die Auszahlung der Löhnung ist von einem Befehl des zur Beförderung zuständigen Vorgesetzten iTafauett)^*ttung abhängig. Sie werden gut tun, bei Ihrem derzeitigen Vorgesetzten die Zubilligung der Sergeantenlöhnung -u beantragen. Kanonier K. L. Frage: Haben Lazarettin- safsen, die Samstag Nachmittag bis Sonntag Abend beurlaubt waren, das Recht, bei ihrer Rückkehr in das Lazarett Beköstigung zu verlangen? — Antwort: lieber die Frage der Verpflegung bei Sonntagurlaub entscheidet § 16 der Kriegsverpfle- gungSvorschrist. Hiernach kommt es daraus an, wann der Beurlaubte sich bei seinem Truppenteil bezw. beim Reservelazarett beim Antritt des Urlaubs abzumelden, sowie bei Beendigung desselben anzumelden hat. Bei einem am Samstag Nachmittag beginnenden und sich über den Sonntag erstreckenden Urlaub wird der Beurlaubte sich am SamStag ab- ^umelden und um Montag Morgen anzumelden haben. Somit stünde ihm für Sonntag die Verpflegung nicht zu. VII.PttiSlNlsslhttjbkn der lazarett Zkitung. „Im vierten Kriegsjayr" ist das Thema des Preisausschreibens der Lazarett- Zeitung, das hiermit nochmals gestellt wird. Wir legen keinen Wert auf gebildeten Ausdruck und lassen den Umkreis ganz weit, daß jeder die Sache herausnehmen kann, die für ihn die stärkste Bedeutung hat. Ein Erlebnis aus den Jahren des Krieges, vielleicht bedeutungslos für die anderen, aber von einem mit Bedeutung erlebt; von der Front oder der Heimat, eine Begegnung mit Menschen, Freund oder Feind; eine menschliche Erfahrung, oder ein Erlebnis in der Natur; fremde Länder und Vorstellungen, Gedanken, Träume, Enttäuschungen, Wünsche, was immer in dem Zeitraum des Krieges steht oder was vom Frieden erwartet wird, kann herausgenommenund erzählt werden in ganz schlichtem Wort. . Was im vierten Kriegtzjahr noch als wichtig empfunden wird von dem, waS der Krieg brachte, davon wollen wir erfahren. Die öesten Arbeiten werden in der Lazarett- Zeitung veröffentlicht. Es ist ausgescht: ein Preis im Werte von 40 Mk.. zwei im Werte von 25 Mk. und fünf im Werte von 10 Mk. (nach Wahl in Geld oder Büchern). Außerdem dreißig Preise in Büchern, deren Gebiet bestimmt werden kann. Der Einsendungstermin ist bis.zum 15. Februar 1918 verlängert. Die Sendungen sind zu adressieren: Lazarett- Zeitung. Frankfurt a. M.. Theaterplatz 14. Zivilberuf ist anzugeben. Auf dem Briefumschlag das Wort: Preisausschreiben. Unterhaltung im Lazarett Anleitung zur I»ffege des Kumors. Ganz miserabel sind die Zeiten! DoS können höchstens die bestreiten. Bei denen schnöde Kriegsgewinne Vergiftet haben Herz und Sinne.- Gar vieles müssen wir entbehren WaS wir sonst mit Genuß verzehren. Kakao, Tee und Schokolade Sind ganz verschwunden, es ist schade! Doch manches, was weit nötiger. Vermissen leider wir noch mehr. Da doch, um sich darnach zu strecken, Es vielfach fehlt sogar an Decken. Doch alles dies läßt sich ertragen, Wir wollen klagen nicht und zagen; Denn: Eins besitzen wir zum Glücke, Das raubt uns keines Feindes Tücke, Das hilft uns. tapfer durchzuhalten, Stets neue Kräfte zu entfalten. Dies Kleinod, köstlich und unschützbar Und durch nichts Anderes ersetzbar. Hellstrahlend wie ein Meteor, ö as ist: Der goldene Humor! Er hilft uns alle Sorgen tragen. Voll Kraft zu schaffen, kühn zu wagen; Er bannet fiastere Gewalten Und streicht uns von der Stirn die Falten. Trum lasset uns ihn treulich hegen, Sorglich behüten ihn und pflegen! Doch nicht allein, indem wir lachen. Wenn andre lust'ge Scherze machen; O nein, wir selber müssen streben Und den Humor stets neu beleben, Indem wir ihn als Sport betreiben. Wie man das macht, will ich beschreiben. Wer kennte nicht die .Schüttelreime"? Sie folgen uns oft in die Träume. Wenn wir. trotz noch so heft'gem Rütteln Nichts Richtiges zusammenschütteln. Doch um so größer ist die Wonne Für den, dem des Erfolges Sonne Bestrahlet seinen Tatendrang. Indem ein „Schüttelreim" gelang. (Zum Beispiel: „daß den Geber liebt Der. dem er eine Leber giebt.') Doch wenn auch nichts dabei herauskommt — Das Schütteln zweifellos durchaus frommt. Da es uns Heit'res zwingt zu denken. Den Sinn von Trübem abzulenken. Drum, lieber Leser, schütt'le munter! Vielleicht füllt was Gescheit's herunter. Ein zweiter Sport sei jetzt genannt, Der vielen sicherlich bekannt: ..Die ka tegor'schen Imperative"! Die macht, was ich hiermit verbriefe, Ein jeder manchmal unwillkürlich; Doch find sie häufig recht pläfierltch. (Nehmt „Goethe—denk—mal" nur zum Beispiel, Und „Bahn—ge — leise) — daß derlei viel Recht Witziges ist aufzufinden, DaS werdet Ihr alsbald ergründen. Mit Freuden werdet Ihr dann sehen Wie rasch die Stunden Euch vergehen. Die Ihr mit Sorgen sonst und Bangen Oft hingebracht, und Grillen fargeo. Ein dritter Sport, ich sag' es ehrlich. Ist wiederum etwas beschwerlich. Es handelt sich dabei um Worte Von einer ganz besondern Sorte, Die einerseits man deklinieren Und andrerseits kann konjugieren. (Dem Leser helfend auf die Spur. Nenn' ich das Wort .Hausmädchen' nur.) Als vierten Sport will ich noch nennen Was, glaub' ich, nicht so viele kennen: Das .Parad oxe suchen" nämlich! . Die find ja eigentlich recht dämlich, . Da sie die Logik frech durchbrechen Und ständig selbst sich widersprechen. (So: .Wenn die Kuh stiert an den Ochsen' Ist eins von diesen Paradoxen.) Nun. lieber Leser, suche, suche! Und sammle fein in einem Buche Was irgend du gefunden Gutes. Und — wenn du wenig fand'st — was tut es? Der Zweck der Uebung ist erreicht, Wenn heiter dir die Zeit verstreicht! Xaver Lieck. Wem solches nun durch Suchen glückt Und wer's Ergebnis an uns schickt, Erhält zum Lohn für seinen Fleiß Ein schönes Buch als Ehrenpreis. Die Redaktion der Lazarett-Zeitung. Scherz und Rätsel. Der Schüttelreimer als Selbstversorger Ich nehm' als Schüttelreimer Eis Und schüttle: Dal ein Eimer Reis! Drauf schüttl' ich meinen kleinen Mops, Der gibt zum Reis mir weinen Klops! Macht mir im Reim ein schweres Wort Pein, Ich schüttle kräftig: Schönster Portwein! Ich schüttle an der kalten Nase, Was riech' ich? Aah, 'n alten Käse! Ich schüttle deine Bruderpfote — Hurra! Ein ganzes Fuder Brote! Das sei, zum Neide böser Leute, Nun meiner lieben Leser Beute. Aus dem .Ulk'. Silbenrätsel. Aus folgenden 36 Silben: am — U8—di—boss — bur—da—dar—dig—don — e—en — ey — is—ki —kle—lau —lin—li - li—Ion- ne —nel —nu—nus — o—pa — pich —put — reu—sehe—tep—ter—ti —tra—-ve- wols sind 14 Wörter zu bilden, deren Anfangsbuchstaben und die Endbuchstaben von unten nach oben gelesen eine Liedzeile ergeben. Die Wörter bezeichnen: 1. Stadt in England, 2. Staatsmann, 3. Baum, 4. Gewandung, 5. Stadt in Italien, 6. Wein, 7. Einrichtungsgegenstand, 8. Stadt in Deutschland, 9. Dichter, 10. Zwergstamm, 1U Schmiedewerkzeug, 12. Land in Afrika, 13. Meerenge, 14. ägyptische Königin. Jahlenrütsel. 6, 3, 1, 5, 1, 7 = eine Krankheit, 7, 3, 2, 4, 8, 7, 9 — männlicher Vorname 3. 10, 12. 3, 11 = Raubtier. 1, 4, 7, 1. 13, 5, 7, 1, 3, 12, 11, 12, 1, 3, 12- = Festung. 9, 14, 15, 12, 14, 7 = Titel. 1, 11, 1, 10 = Lasttier, 13, 8, 16, 17, 7 = Festung. ®ie Anfangsbuchstaben der Lösungen ergeben die Erfüllung eines Wunsches. Einsender: Gefr. Lücke, Darmstadt. Rätsel. Die erste Silbe ist ein Wort, Das Waffen starrt an jedem Ort. Vom zweiten wird jetzt viel gehört. Im ersten, das so arg bitölt. Das zweite untergraben hat. Da« ganze ist. mein Kamerad, Nach dem sich alle Menschen sehnen, Als Tilger der vergoss'nen Tränen. Einsender: S. M. Roeber, Konstanz. Die Lösungen haben nur Gültigkeit, wenn ste vollständig sind. Die Lösungen sind mit genauer Adresse der Ein- sender bis 15. Februar einzusenden an die Lazarett- Zeitung, Frankfurt a. M.. Theaterplatz 14. Aus dem Briefumschlag soll das Wort . Rätsellösung' stehen. (Innerhalb des Postbezirks Frankfurt a. M. ist die Zusendung als Feldpostbrief nicht zulässig.) Auflösungen ru den Rätseln der vorigen Uummer. t Silöenrätsek: .Sei nicht Amboß deinem Leid, nein, sei deinem Leide Hammer'. Aiitset: .Lampe'. Scherzfrage.- .Zar und Zimmermann'. Vrelse ;u den Auflösungen der vorletzten Uummer. Aälsek: .Ahorn' — 25 richtige Lösungen. Stköenrätfet: „Allen Lesern ein kräftiges Prost Neujahr" ^ 25 richtige Lösungen. ZSirrrvar. .Lazarettberatung' — 29 richtige Lösungen. 23 Einsender haben alle Rätsel richtig geraten. Durchs Los erhielten Hauptpreise: Schütze Erich Hublik, Niederlahnstein; Gefr. Stückrath, Biebrich; San.-Untoffz. Malchus, Uesküb. Trostpreise erhielten: Untoffz Robbertz, Mannheim; Militärkrankenwärter Lang. Nauheim; Untoffz. Beyer, Bensheim; Gren. Terborg, Nauheim; Gefr. Bäuchle, Frankfurt a. M.; Gefr. Dörsam, Mainz; Gefr. Krüger, Bingen; Vizefeldw. Pflug. Frankfurt a. M.; Militärkrankenwärter Schäfer, Gießen; Musk. Lippold, Frankfurt a. M ; Res. Sattler, Darmstadt; Untoffz. Lipp, Frankfurt a. M.; Musk. Deublin, Frankfurt a. M.; Krankenwärter Klix. Mainz; Schütze Kreutle, Frankfurt a. M.; Sergeant Kiesel, Wiesbaden; Ldstm. Bettenhausen, Caffel; Untoffz. Rätz, Heidelberg; San.-Untoffz. Fechtig. Heuberg; Kan. Hirsch, Darm- ftadt. Wegen verspäteter Papierlieferung mußte die Nummer in kleinerer Auftage hergeftellt werden. Die Lazarett-Zeitung erscheint zweimal monatlich. Den Verwundeten, Kranken und Genesenden im Bezirk der XI., XIV. und XVHi. Armeekorps steht sie im Lazarett unentgeltlich zur Verfügung. Zuschriften sind zu adresiieren: Lazarett-Zeitung, Frank» fort a. Dl., Theaterplatz 14. _ Verantwortliche Schriftlettung ehrenamtlich Dr. Lall Gebhardt in Frankfurt » Dt. Druck von Löber * So., Frankfurt a. Dt., Llbestraße 29. Nummer 6. Beilage 1. Februar 1918. An die Mütter! Mütter, die ihr euch erquickt an der Kinder teuren Zügen und in ihnen mit Vergnügen vieles Künft'ge drin erblickt: Schaut einmal recht tief hinein, und verschafft uns sichre Kunde: Wird der Väter Kampf und Wunde in den Kindern fruchtbar sein? Ludwig Uhland. Ss gilt. Die Völkerschlacht bei Leipzig war geschlagen- aber nicht der Besiegte, Napoleon, bat um Frieden- Das gehört nun einmal zu der Art unserer Feinde- daß man sich dort nichts merken läßt, auch wenn man am Abgrund steht. Nein, mir, die Sieger boten Napoleon den Frieden an. Am 15 November erhielt dieser durch Metternich einen Friedens- entwurs. Napoleon aber nahm ihn gar nicht ernst. Er benutzte die Zeit, um sein Heer wieder herzu- stellen und seine Truppen gegen den Feind zu führen. Im deutschen Hauptquartier wartete man und wartete. Endlich gewann der Mut des Kaisers Alexander und die Ehrenhaftigkeit der preußischen Patrioten die Oberhand. Am 1. Dezember rückten sie zum Einmarsch nach Frankreich vor. Trotzdem hat man Napoleon immer wieder den Frieden angeboren, feine Antwort war nur erneuter Angriff. Erst am 20. März 1814 brach man die Friedens- Verhandlungen endgültig ab. In dem .Vaterländischen Ehrenbuchs lesen wir d,e Worte: .Eß gab nicht wenige, die damals einen Frieden wünschten, den jeder Vaterlandssreund nur fürchten konnte * Die Geschichte ist dazu da. daß man aus ihr lerne! Jedermann in Deutschland wünscht ehrlich den Frieden. Nur ein paar Dutzende wollen den Frieden um jeden Preis erzwingen. Das sind dieselben, welche die Kriegskredite verweigern und so den deutschen Soldaten vor dem Feind keine Kanonen und keine Granaten zur Hilfe stellen. Man braucht sie gar nicht aus der Reihe deS Volkes herauszu- stellen; sie haben sich selbst in dieser Notzeit aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossen. Alle anderen zu Hause und draußen kämpfen um einen ehrenvollen Frieden. Auch die« Wort ist sehr dehnbar. Je feiner die Empfindung und je klarer die Erkenntnis für die Ehre und die Zukunft unseres deutschen Volkes ist. desto starker fühlt man die Verartwortung vor Kind und Kmdeskind. Wir wollen nicht zanken, wir wollen sammeln. Unsere verschiedenen Friedensangebote sind schmählich und höhnisch abgewiefev. Das ist der Ausgangspunkt für jedes ernstliche politische Handeln. Darum sollen wir heute nicht mehr träumen, sondern fest aus dem Boden stehen und nach Hindenburgs Worten stahlhart werden, damit wir siegen. Wahngedanken gehen durch unser Volk. Ein Franzose selbst. Lrunay. hat berechnet, daß die deutsch-lothringischen Erzlager in Lothringen in 40 Jahren erschöpft sind. Er schreibt: .Der Besitz der französischen Erzlager in Lothringen ist dann für Deutschland eine Frage von Leben und Tod, weil Deutschland wemg Erze besitzt.* Die Deutschen aber, welche darum für den Erwerb des lothringischen Erzgebiets eintrelen, werden verdächtigt, als wären sie .von der Schwerindustrie gekauft/ Wir alle wollen wieder .unversehrte" Grenzen. Gerade dieser Krieg hat uns aber gezeigt, daß unsere Landesgrenzen uns keine genügende Sicherheit vor feindlicher Gefahr gewähren. Wir haben keinen Sieg und keine Sicherheit für unsere Kinder und Kindeskinder erfochten, wenn wir nur keinen Meter Scholle unseres jetzigen Bodens verlieren. Die Welt wird zwar in Sage und Lied die Tapferkeit derer preisen, die einer Welt standgehalten haben. Aber wir leben künftig nicht von Liedern, sondern von unerschütterlicher Grenzsicherheit. Die wirkliche Sicherung unserer Grenzen verlangt Ausdehnung. Man redet vom Tausch unserer Kolonien gegen Belgien wie von einer selbstverständlichen Sache. Meint wirklich ein ernster Mann oder eine ernste Frau, daß England irgend etwas an -Land oder Rohstoffen herausgebe, wozu es nicht gezwungen wird? Wo bat England bisher seine Bereitwilligkeit gezeigt? Ehe England gezwungen wird, wird es uns keinen Strohhalm von seiner Beute überlasten. Mir dem russischen Reich, sagt man, sollen wir künftig in möglichster Eintracht leben. Wir wollten das schon immer mit jedem Volk und haben keinen Anlaß zum Krieg gegeben. Wenn aber Rußland in vierzig Jahren 250 Millionen Menschen haben wird, wird eS dann nicht ganz von selbst die Scharte des Weltkrieges wieder auswetzen wollen? Der deutsche Staatsmann würde gewissenlos handeln, der solche Zukunft nicht von vornherein inS Auge faßte. Also müssen wir Ostpreußen sichern und unserer Brüder im .Ostland" denken. Fichte hat einstens dem deutschen Volk ins Stammbuch geschrieben. .Ein Staat, der sagt: .ich will nichts weiter haben", spricht eigentlich: .ich will auch nicht existieren". Man muß stets in der Lage bleiben, Treue' und Glauben erzwingen zu können. Jedes feige Nachgeben rettet dich nicht vom Untergang/ sonderndes gibt/dir nur eine kurze Frist schmählicher und ehrloser Existenz, bis du von selbst absüllft wie eine überreife Frucht. So entstehen solche .ehrenvollen" Frieden, die nicht einmal den Frieden gaben, weil sie dem Feind die völlige Gewalt lasten, unmittelbar nach geschlossenem Frieden seine Pläne da sortzusetzen, wo er sie vor dem Kriege fallen ließ. ES ist dem Fürsten nicht erlaubt zu sagen: .Ich habe an Menschheit, ich habe an Treue und Redlichkeit geglaubt". So mag der Privatmann sagen. Geht er darüber zu Grunde, so geht er sich zu Grunde. Aber der Fürst geht nicht allein zu Grunde, sondern die Nation mit ihm. Glaubt er an Menschheit in leinen Prioatangrlegen- heilen und irrt er sich, so ist der Schade sein; aber er wage nicht aus diesen Glauben hin die Nation; denn eS ist nicht recht, daß diese und mit ihr vielleicht andere Völker und mit ihnen die edelsten Besitztümer in den Kot getreten werden". So redet heute Fichte aus dem Grabe seinem lieben deutschen Volk ins Gewisten! Wer Ohren hat zu hören, der höre l Verträge oder Annexionen? Einem .Annexion' überschriebenen Aufsatz von AmtSgerickrtSrat Ritz in der .Europäischen Staats- und Wirtschaftszeitung" vom 14. Juli * entnehmen wir die folgenden Cchlu^aus- führungen: An sich ist eine Annexion so wenig ein Unrecht gegen die davon betroffene Bevölkerung wie der Wechsel der Regierungssorm in Sinem Staate. Auch diese kann, gleichviel nach welcher Richtung sie sich bewegt, gegen den Willen eines großen Teils, ja sogar der Mehrheit der Bevölkerung eintreten; die Errichtung der Republik in Portugal ist ein schlagendes Beispiel dasür. Zum Unrecht werden diese Maßnahmen erst durch die Art ihrer Ausführung, insbesondere dann, wenn dabei die verständige Schonung der bestehenden Verhältnisse außer Acht gelasten wird. Eme Maßnahme, die kein Unrecht darstellt, kann aber gleichwohl unrichtig sein; und unrichtig ist eine Annexion schon dann, wenn der Zweck, dem sie dienen soll, auch auf einfachere Weise zu erreichen ist. . . . Unter allen Umständen bleibt eine Annexion eine gewaltsame und darum aus die Fälle dringender Notwendigkeit "zu beschränkende Masiregel. Vor allem können wirtschaftliche Ziele häufig durch Verträge ebensogut sicher- gestellt werden wie durch Annexionen. Daß der deutsche Handel über Antwerpen ohne Hemmung das offene Meer erreiche, ist ein wohlbegründeter Wunsch; ein Zollbündnis, vielleicht auch schon ein entsprechender Handelsvertrag mit Belgien genügt zu seiner Erfüllung. Aber auch die anderen Ziele, die mit einer Annexion verfolgt werden können, sind wenigsten-, teilweise einer solchen Regelung zugänglich Verträge zum Schutze nationaler oder religiöser Jateresten sind zahlreich geschlossen worden; wenn in jüngster Zeit, zumal bei unS, mehr Zurückhaltung in dieser Hinsicht geübt wurde, so j besteht doch die Möglichkeit, das frühere Verfahren I wieder aufzunehmen. Der Fortbestand der flämischen | Hochschule in Gent und der jetzt durchgesührten Verwaltungsteilung deS belgischen Landes kann ebensogut Gegenstand eine« Vertrages sein, wie die ungehinderte Ausübung des lutherischen Glaubensbekenntnisses in Rußland. Wir haben bisher durch unsere Zurückhaltung die Entstehung von Reibungsflächen vermeiden zu können geglaubt, hoffentlich haben wir auch diese Sentimentalität überwunden. Unsere Gegner haben sich durch solche Bedenken niemals irre machen lassen; zumal England ist ein wohl kaum erreichbares Vorbild, wie man durch Verträge sich die gleichen Ersolge sichern I kann, die eine Annexion mit sich brächte. Man braucht die Unehrlichkeit, die in der Aufstellung oder in der Belastung von Schattenherrschern liegt, ! keineswegs nachzuahmen; aber so schüchtern wie bisher werden wir auf diesem Gebiete künftig wohl nicht mehr sein. Es ist uns im Kriege trefflich zu statten gekommen, daß die Bahnen in Luxemburg unter preußischer Verwaltung stehen; ist eS undenkbar. auch das öffentliche Verkehrswesen in Belgien unter die gleiche Kontrolle zu bringen? Und wenn das zu unserer Sicherheit gegen einen Ueber- fall im Westen nicht ausreichte, wäre eS dann ohne Beispiel in der Geschichte, daß ein Recht des Durchmarsches und der Festungsbesetzung in einem fremden Land eingerüLMt würde? Selbst aus der am weitesten links stehenden Partei deS Reichstags sind Stimmen laut geworden, daß die Grenzpfähle nicyt ewig auf der Stelle stehen müssen, die längst verstorbene Diplomaten ihnen angewiesen haben. Das besagt, daß eine Annexion unter gewisten Voraussetzungen auch von dieser Richtung nicht völlig abgelehnt wird. Vielleicht kommt man sich noch näher, wenn man sich gegenseitig darüber verständigt, was eine Annexion bedeutet und wie weit grundsätzliche Bedenken gegen die einzelnen Maßnahmen obwalten, die in diesem Begriffe zusammengesaßt sind. ES wäre nicht das erste Mal, daß sich zeigte, daß man zwar über die Begriffe sehr weit im Zwiespalt ist, weniger aber über das Wesen der Sache. Don der Itamen Art. Ein sonderbares Völkchen ist's, in dessen Mitte wir jetzt Hauken. Ueber alle Maßen lebensfreudig ist es und findet sich doch wunderlich gut in den Krieg. Oft genug hat es ihn im Wandel der Jahrhunderte schmecken wüsten. Es ist kein Zufall, daß hier, wo schon im Mittelalter der Handel Reichtümer anhäuste, wie damals sonst nirgends in Nordeuropa, daß hier auch einer der wichtigsten alten Kampfplätze j ist. Aus der Straße des Handels bewegten sich oäch die Heere. Und dazu war auch das reiche Land selber ein lockender Kampfpreis. Der Krieg hat den flämischen Volksstamm geschaffen. Niedersranken, wie wir sie in Deutschland um Köln und Aachen herum haben, brachen bei der Völkerwanderung von Osten ber vor, sie verschmolzen sich mit den spärlichen Resten der alten keltischen Bevölkerung und mit den Friesen und Niedersachsen, die übers Meer an die flandrische Küste gekommen waren. Seine niederdeutsche Sprache hat sich dieser flämische Stamm zäh bewahrt. Und immer hat er kirchlichen Sinn betätigt, der sich merkwürdig gut mit einer derben, prunkliebenden Lebenslust verträgt. Bunte Prozessionen liebt das Volk außerordentlich und die Kirmessen wurden mit ausgelassener Lustigkeit und heiterer Schwelgerei gefeiert. Dieses Gefallen an bunter Pracht ist wohl ein Ausdruck der stärksten Kraft flämischen WesenS, der hervorragenden künstlerischen Begabung, welche diesen kStamm auszeichnet. Prächtige Bauwerke zeigt fast jede flämische Stadt, besonders die spitzen- seine Spätgotik hat'lhier köstliches geschaffen. Den klarsten, reinsten Ausdruck aber findet das Ftamen- tum noch in der Malerei; leuchtende Meisterwerke entstanden hier zu Zeiten, wo noch da8 übrige Nordeuropa im Banne der engen mittelalterlichen ITafaecff-Bcifuttiv Kunst lag. Und bis auf den heutigen Tag ist diese Kraft nickt erstorben. In der Musik haben die Flamen lange die Führung in Händen gehabt. Unser Beethoven stammt aus flämischem Blut, und es stimmt wohl, wenn man sagt, daß in seinem Werk flämisches Wesen widerklingt. Lange Zeit hindurch ist daS Volk durch eine französisch gesinnte Regierung sich selbst entfremdet. Aber gegenwärtig darf es zu kräftigem Selbstbe- wußtsein erwachen. Eigensinniger Freiheitsstolz ist ihm stets eigen gewesen. Jetzt sind ihm hohe Ziele gewiesen. Wir können froh zuschauen, wie dieser uns so nah verwandte Stamm seine Freiheit erstreitet. Ltnt. Phil ips en f. Derwundeien-Hlnierriclit. Kandesausschuß für Uriegsbeschädigten- Iiirsorge im Reg.-Be?irk Wiesbaden. Geschäftsstelle: Frankfurt a. M., Bleichstr 18 Pt. Sprechstunde 8—3 Uhr. Fernruf Amt Hansa 7396 und 7397. Bewerber für unten ausgeschrieben Stellen wenden sich an die Geschäftsstelle des Landesausschusses sür Kriegsbeschä- digten-Fürsorge. Ebendaselbst wird auch unentgeltlich Auskunft in allen Rentenfragen erteilt. Es wird gebeten, bei etwaigen Rückfragen die Tagebuchnummer mitanzugeben. Gesucht werden für: * 77J 1 . Roblenbandlung ein Mann zum Holzsägen. 79s1. Bedeutendes Jlusstattungsgescbäft ein Registrator, welcher Maschinenschreiben kann. 801. Ztädt.lffankendaurabteiluag ein Laboratoriumsdiener,^welcher radfahren kann. 8111. Oberledergrossbandiung ein Packer. 82|1. Portcfeuillefabrik ein Aufseher für die Stepperei (Schneider). 8311. Burgverwaitung am Rhein ein verheirateter Kriegsbeschädigter als Hausmann und Fremdenführer. Frau mltdrtätlgend. 84J1. Dergl. ein Wirt zur Verwaltung der Burgschenke. 8511. ludkgesedäft ein Fuhrmann für leichteres Fuhrwerk. 8611. Munitionsfabrik ein vertrauenswürdiger Nachtwächter. 8711. Gärtnerei ein Gartenarbeiter. 88/1. RÜCbenverwaltung ein Buchhalter. 8911. Druckerei in Frankfurt a. M. ein Buchbinder. 90>1. Bueb- und Steindruckerei in Duisburg eine Anzahl Steindrucker. Buchdrucker und Schweizerdegen. 9111. Bekanntes UJelngrossbaus in Mainr ein Aufseher. 92)1. Desgl. ein Packmeister. 93> 1 . Privatbaus bei Breisstadt am Rhein ein Hausgärtner für Obst und Gemüse. 941. Bedeutendes Restaurant ein Spülmann für die Küche. 95|1. Oelgrossbandlung ein Bürodiener. \ 96|l. fluto- und Jabrradwerke ein Portier. 9711. gemeinnütriges Beim ein Wärter. 9811. Bürgermeisterei auf dem Westerwald ein Polizeibeamter, welcher gleichzeitig die Flurhüterstelle mit begleitet. 99| 1. Erstklassiges Bankbaus ein Heizer für Zentralwasserheizung. 10011. Rrtegsindustriellen Betrieb eine Anzahl Werkzeugschlosser, und Leute zum Anlernen als Schleifer. 101/1. Maschinenfabrik sofort ein Pförtner. I. Anterricht in der Heweröeschule (Kirchstraße 16 ). Dienstag, Mittwoch, Donnerstag u. Samstag von %9 —12 Uhr. B a uzeich ne n , Fachzeichnen, Freihandzeichnen, Deutsch, Mittwoch und Donnerstag von 2—4 Uhr. Buchführung, | Wechsellehre, f Montag und Mittwoch von 2—5 Uhr. Rechnen, Montag von 2—5 Uhr. Projektionszeichnen, Mittwoch von 2—5 Uhr. Der Unterricht wird erteilt von den Herren Appel, Bert, Klein, Fritzel, Hagg en müller, Pros. Dr. Krausmüller und 2 Architekten. Meldungen werden bei der Schulleitung der Gewerbeschule, abends von 5—6 Uhr, entgegen- genommen. Der Unterricht ist unentgeltlich. - praktische Arbeiten in den Lehrwerkstätten. Schreinerei, Schlosserei, Schuhmacherei Schmiede, täglich 8 Korbflechten, täglich von 9—12 und 2-6 Uhr. Maschinenschreiben, täglich von 8—12 und 2—6 Uhr. -12 und 2—6 Uhr II. Anterrichl in Lazaretten und im Soldatenlieim. Stenographie (Gabelsberger System). Polizeil.-Aspirant Karnbach. Versicherungs- und Fürsorgewesen. Dienstag und Freitag 2 J 4 — 3% Uhr Beratung der Kriegsteilnehmer über alle Fragen der Kranken-, Invaliden- und Hinterbliebenenversicherung, Kriegsoersorgung usw. Im Soldatenheim. Bürobeamter Kirchner. Schnitz-, Flecht- und Papparbeiten. Vormittags und nachmittags; in den Räumen des Roten Kreuzes und in den Lazaretten. Aas Kießener Soldatenheim. Im früheren Kaffeehaus Ebel, Burggraben 9, Eingang von der Markt st ratze aus, nahe am Markt. Zeitungen. Zeitschriften, Kriegskarten. Bücher und Gesellschaftsspiele stehen zur Verfügung, ebenso ein gutes Klavier sowie Schreibtische mit Briefpapier. Einfache Erfrischungen werden zum Selbstkostenpreise gereicht. Für den Aufenthalt im Freien bietet der hübsche Hausgarten Gelegenheit. Auch eine Kegelbahn ist für die Besucher neu hergerichtet. Bis aus weiteres sollen an jedem Mittwoch nachmitttags von 3 —5 Uhr Konzerte der Kapelle des Ersatz-Bataillons des Infanterie-Regiments 116 stattfinden. Die Räume sind täglich von 10 Uhr vormittags bis 9 Uhr abends geöffnet. Werwundete und erkrankte Kriegsteilnehmer verlieren oft ihre Ansprüche besonders aus der Kranken- und Invalidenversicherung. weil sie über die in Frage kommenden Bestimmungen nicht genügend informiert sind. Es kann deshalb allen Kriegsteilnehmern oder sonstigen Heecesangehörigen, die aus dem Gebiete der Kranken- und Invalidenversicherung. Familienunterstützung, Kciegswochen- hilse usw. über irgend eine Frage im Unklaren sind, nur empfohlen werden, sich von der seit einem Jahre bestehenden Verwundetenberatungsstelle (Sprechstunden Dienstag und Freitag von 2y 2 bis 3% Uhr im Soldatenheim) beraten zu lassen, woselbst auch alle erforderlichen Schriftstücke unentgeltlich angesectigt werden. Soweit die Ratsuchenden nicht ausgehen können, wollen sich dieselben schriftlich an den Leiter der Beratungsstelle. Bureaubeamten H. Kirchner, Gietz-n, Schiffenberger Wrg 16, wenden, der auf Wunsch bereit ist, die Ratsuchenden in den Lazaretten zu besuchen. Pie Veraurnbelen-ZLeratungsstelle. Hreis- und Hrtsausfchutz, Kietzen, für die Kriegsbeschädigtea-Aiirforge. Geschäftsstelle: Gewerbehaus, Kirchstr. 16 (Fernsprecher 535). Geöffnet täglich, autzer Sonntag und Samstagnachmittag, von 8—12 und 2 — 5 Uhr. Werkstüt te. Gewerbehaus. Erdgeschoß. Geöffnet täglich, außer Samstag und Sonntag von 8-12 und 2-6 Uhr. U nterrich tsräume: Gewerbehaus. 1. und 2. Obergeschoß. Geöffnet täglich, außer Samstag und Sonntag von 8 — 12 Uhr. Berufsberatung: Gewerbehaus, Erdgeschoß. Sprechstunde Mittwoch von 5—6 Uhr. Stellenvermittelung: Gewerbehaus. Erdgeschoß. Sprechstunde: Täglich von 8—12 und 2-6 Uhr. Kusltcssang von Arbeiten Kriegs- befchädigter, Kewecbeöaus, Kirchstr. 16 geöffnet: Werktags von 8—12 und 3—6 Uhr. Zutritt unentgeltlich. Kinder sind nicht zugelassen. Kreis- und Ortsausschutz Gietzen für die Kriegsbeschädigten-Fürsorge. Der Vorsitzende: Keller,- Oberbürgermeister. Schriftleitung der Gießener Beilage: Geh. Hofrat Dr. H. Haupt, Gießen. Keplerstraße 1. und Professor Dr. Karl Hel m, Gießen, Stefanslraße 7.