Hf- 37 Gießen, 16. Sonntag n. Trmicaris, den J 5. ©eptember 1918 7-Iahrg Lin getreues Herz. Psalm 62, 9. Hoffet aus ihn, lieben Leute, schüttet euer Herz vor ihm ans. Glücklich ist der zu nennen, der schon hier auf Erden ein getreues Herz weiß, zu dem er fliehen kann mit allem Leid und aller Freud, die das Leben ihm bringt. Aber wollten wir uns auf menschliche Treue allein verlassen, dann wäre unser Leben doch schließlich haltlos, denn auch das getreueste Herz kann brechen und kalt werden gegen alles, was uns bewegt. Und wie oft werden Menschen, auf die wir bauten, vor denen wir unser Herz ausschütteten, uns enttäuschen. Das will uns dann bitter machen, itnS das rechte Vertrauen zu allen Menschen nehmen. Wir meinen überhaupt auf keinen Menschen mehr rechnen zu können und ziehen uns zurück und wähnen uns gar in der Einsamkeit glücklich und merken nicht, daß wir immer mehr in eine Eiswüste geraten, wo wir verbittert und kalt werden gegen unsere Mitmenschen. Fritz Reuter erzählt einmal von einer vornehmen, unglücklichen Dame, die in dunkler Nacht von ihrer getreuen Tienst- niagd geführt wird und imincr seufzt: Ein Herz, nur ein Herz! Sie erkennt nicht das treue Herz, das neben ihr schlägt, sie ist blind geworden gegen menschliche Treue. Nein, alle Enttäuschungen, die Menschen uns bringen, sollen uns nicht innerlich erstarren lassen. Hat nicht unser Herr Und Heiland die größten Enttäuschungen mit trotzigen und verzagten.Menschenherzen erlebt? Mer et wurde nie verbittert, weil er die Liebe war, die alles trägt und alles duldlei. Und wenn dich, alle Menschen enttäuscht hätten und du wirklich kein Herz auf Erden wüßtest, au fcem du ausruhen könntest, du brauchst doch nicht einsam und verbittert durchs Leben zU gehen. Mn Herz schlägt für dich — das Heilands herz, es versteht dich und kennt dich und liebt dich, darum schütte du dein Herz vor ihm aus und hoffe auf ihn. Dü wirst es erfahren: Jesus ent- täuschl nicht, er kann trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Die Stadt Gietzen in den Jahren 1861 bis My. | (Fortsetzung.) 1865. Am 20. September wurde die Wahl der fünf unständigen Mitglieder des Kirchenvorstandes vvrgenommen und folgende Herren gewählt: 1. Ferdinand Gail, Tabakiabrikant; 2. Karl Dornseiff, Hofgerichtsadvokat; 3. Karl Ludwig Kirsch!, Kupferschmied: 4. Johann Philipp Möhl, Metzger; 5. Georg Reiber, Oekonom und früher Bürgermeister. Früher waren Mitglieder des Kirchenvorstandes gewesen und zwar von 1846 an Hofgerichtsadvokat Bansa, Kaufmann Ludwig Münch, Bäckermeister Christian Löber, Trechflermeister Georg Schaffstädt, Posthalter Friedrich Kempff, von 1856 an der schon genannte Christian Löber, Georg Reiber und Philipp Möhl, außerdem Metzgermeister Balthasar Vogt und Christian Busch, Wirt im Darmstädter Haus. Bei der Neuwahl im Jahre 1865 waren Christian Busch und Christian Löber nicht wiedergewählt worden. Tas war für den letzteren schmerzlich, weil er 25 Jahre lang Kirchenvorsteher gewesen w!ar. Er wurde deshallb zum Ehrenkirchenvorsteher ohne Stimme, aber mit Beibehaltung seines Platzes im Kirchenvorstandsstuhle bestimmt. Bemerkt sei hier, daß man früher allgemein in ganz Hessen die Kirchenbänke als Kirchenstühle bezeichnete. Nach vielen und langen Verhandlungen wNrde endlich im Nachsommer und Herbst dieses Jahres die Stadtkirche heizbar gemacht. Tie Feuerungsapparate wurden unter die Sakristei gelegt, deren Boden dadurch uni 8 — 6 Fuß erhöht werden mußte, so daß nun zwei Treppen an den beiden Türen nötig wurden. Tie Tür ans der Kirche in die Sakristei wurde um einige Fuß nach rechts verlegt. tleber diese Heizungsanlage bemerkte der Chronist: Tie durch Steinkohlenfener hervorgebrachte heiße und mit verdampftem Wasser vermischte Luft strömt ans der Oesf- nung neben der Sakristeitür, steigt nach oben, drückt die kalte Luft nach Unten, welche durch die zweite Oefsnnng im Fußboden vor dem Altar durch den damit zusammenhängenden Kanal abzieht. Während der Heizung entsteht daher ein gewisser Luftzug in der Kirche, den man am besten gewahrt, wenn man über die Oeffnung am Altäre entweder die flache Hand hält oder ein brennendes Licht bringt. Tie obere Fläche der Hand wird sehr kalt angeweht, und die Lichtflamme brennt nach unten. Ter Luftzug wird beim Gottesdienst dadurch beseitigt/daß die Oeffnung für die ausströmende, warme Luft und der Kanal geschlossen werden. Tie Heizung für einen Sonntag beginnt morgens um 4 Uhr und währt bis 8 oder 9 Uhr, sie erfordert gewöhnlich 6 Zentner Kohlen. Zwischen den Gottesdiensten werden die Kanäle wieder geöffnet. Die Feuerung hat sich bis jetzt sehr gut bewährt. Der einzige Uebelstand besteht darin. 146 daß die Wärme zu viel nach oben steigt und auf den obersten Bühnen fast unerträglich wird, wenn sie unten in den Frauenstühlen zur eichen soll. Die neue Gerichtsverfassung, wonach das bisherige Provinzialstrafgericht aufgehoben und an seiner Stelle drei Bezirksstrafgerichte in Oberhessen, darunter eins in Gießen, errichtet wurden, war mit dem 1. Oktober in das Leben getreten. Deshalb war vorher eine zremlich umfangreiche Versetzung des Gerichtspersonals vorgenommen worden. Von den im Jahre 1865 Verstorbenen verdient besonders hervorgehoben zu werden der am 30. August verstorbene und am 2. September beerdigte Senior des Gießener Geschäftsstandles Georg Philipp Gail, Bürger und Tabakfabrikant und Mitglied des Gemeinderates. Er war in Dillenburg am 7. Dezember 1785 geboren lind hatte in Elberfeld das Kaufmannsgeschäst gelernt. Am 27. Januar 1812 war er als junger Mann in unsere Stadt gekommen mit großem Eifer und germgen Mitteln, und hatte einen Tabakhandel mit Tabakschnitt in einer engen Behausung in der Sonne angefangen, nachdem er trt die damals noch bestehende Krä- m-erzunft ausgenommen worden war. Am 8. Julr 1812 verheiratete er sich mit Susanne Johannette Marre Busch. Aus dieser Ehe gangen 10 Kinder, 5 Söhne und 5 Töchter, hervor. Bon diesen lebten bei seinem Tode noch 3 Söhne und 4 Töchter, außerdem hatte er bei seinem Abscheiden 31 Enkel und 7 Urenkel. Nach dem Tode seiner ersten Frau, der am 14. September 1841 erfolgte, heiratete er genau ein Jahr später, am 14. September 1842, deren Schwester Marie Busch. Diese Ehe blieb ohne Kinder. Tie zweite Ehegattin starb im Jahre 1862 gerade «am Tage vorher, als die 50jährige Jubiläumsfeier des Geschäftes begangen werden sollte. Dieses Fest wurde nun erst 1863 in «großem Stile gefeiert« Georg Philipp Gail hatte sein Geschäft zu großem Aufschwung gebracht, das Haus in der Neustadt erworben, mehrere Fabriken angelegt, darunter eine in Baltimore, die vielleicht die größte Zigarrenfabrik in Amerika ist. Er war der erste Bürgermeister in Gießen seit 1822, gehörte auch einmal dem Landtag an. Für Gießen war er ein Mann von großer Bedeutung, der Tausende von Menschen von hier und .au§ der Umgegend beschäftigte. Eine große Anzahl von jungen Kaufleuten hatte er herangebildet, dem ganzen Gießener Geschäftsstande hatte er kräftige Anregungen gegeben. (Mit Recht ist nach diesem Mvnne heute eine Straße' benannt.) 1866. Nach« der Zählung vom 3. Dezember 1864 waren in Gießen 2255 Haushaltungen und 9412 Einwohner, darunter 3 Blinde, 8 Taubstumme, 3 Blödsinnige und Geistesschwäche und 4 Irrsinnige. Bei den Schwurgerichtsverhandlungen, welche vom 8.—23. Januar stattfaudcn, wurden zwei besonders wichtige Fälle abgeurteilt, zunächst der Fall H., der im Obrigen schon erwähnt ist, sodann der Prozeß gegen den Pfandhausdiener Philipp S. und seinen Sohn Louis, die der Veruntreuring ange, klagt waren. Diese Veruntreuungen wurden dadurch entdeckt, daß im Oktober 1865 ein Einwohner aus Großen-Buseck wegen eines bedeutenden Uhrendiebstahles bei dem Uhrmacher Zitzmann in Frankfurt a. M. von der Polizer verfolgt urrd aufgegriffen wurde. Weil nicht alle Sachen bei ihm gefurrden wurden, so wurde ivegen der noch fehlenden bei dem hiesigen Pfaudhause Nachforschung angestellt. Dabei wurden aud} die versetzten Uhren einer Untersuchung unterworfen. Es zeigte sich sogleich, daß die versetzten Uhren rricht alle vorhanden waren, es fehlten 500 Uhren. (Das Pfandhaus scheint damals geblüht zu haben.) Der Diener wurde verhaftet, eine geirane Untersuchung wurde angestellt. Da zeigte sich, daß 2112 Uhren, 1407 Oberröcke, 923 Hosen und 91 andere Kleidungsstücke fehlten, zusammen 4584 Pfänder, auf welche 19 302 Gulden dargeliehen waren und daß 825 Gulden Zinsen von diesem Darlehnskapital rückständig waren. Wie war das zugegangen? Philipp S., früher Schneider, auch Tanz- meistcr, von 1841—1852 Laternenwärter, war von 1852 an alsMachsolger feines V ters Armenkommissions- und Pfandhausdicner; als solcher auch beauftragt, unter der Aufsicht der beiden Pfandhausbeamten die Aufbewahrung und Herausgabe der Pfänder zu besorgen, also die Pfänder nach der geschehenen Taxation mit Marken zu versehen, in die Lagerzimmer zn bringen und geordnet aufzubewahren und dann, wenn sie ausgelöst wurden, anfzusuchen und den Leuten einzuhändigen. Er hatte sich hierin eine gewisse Gewandtheit angeeignct, und die Vorgesetzten Beamten sowie der Taxator verließen sich auf ihn in der Meinung, es mit einen, wenn auch nicht gerade treuen, so doch «ungefährlichen, geistig beschränkten «und sich vor ihrer Aufsicht «und Buchführung scheuenden Menschen zu tun zu haben. Trotz wiederholter Vernntreuungen wurde S., nachdem er Verweise und Drohungen über sich hatte «ergehen lassen, in Gnaden beibchalten, dadurch aber nur in seinen Diebereien bestärkt. Diese Diebereien trieb er von Anfang an zuerst im kleinen «mtfc allein, dann unter der Beihilfe seines Sohnes Louis und seiner Tochter Johannette sowie einiger Weibspersonen, in einer wahrhaft großartigen und geschäftsmäßigen Weise. Er nahm Pfänder, die >er auslösen sollte, heraus und steckte das Geld ein, die Pfandscheine bewahrte er otti* und prolongierte sie von Zeit zu Zeit. Seine silberne Uhr ließ er durch Dritte versetzen, erhielt das Geld, nahm sie wieder vom Lager zu sich, prolongierte den Schein und versetzte die Uhr immer wieder, ini ganzen 64 mal. Später schaffte er sich zu diesem Geschäft noch vier Uhren an. Sie wurden nicht - 147 - in das Lager gelegt, sondern nur scheinbar hingetragen und in die Tasche gesteckt; Uhr und Geld wurden mit nach Hause genommen. Dasselbe Spiel trieb er mit seinen Kleidungsstücken unzähligemal und erhielt so eine ganze Menge von Pfandscheinen, über deren Prolongierung er ein Register führen mußte. Bei der Haussuchung in seiner Wohnung wurden 2500 und spater noch 1693 Pfandscheine gefunden. In den Pfandbüchcrn stand ackes richtig, aber die mit der Aussicht Beauftragten hatten sich nie oder nur sehr selten um das Lager bekümmert. Tic Stadt geriet in große Aufregung, die Pfandhans- beamten wurden ihres Tienstes enltassen, sie hatten zu vertrauensselig dem Manne, der ihnen ungefährlich erschien, alles überlassen. Am 16. Juni wurde Philipp S. von dem Schwurgerichte zu 8 Jahren,..Zuchthaus verurteilt, sein Sohn L. bekam ö Jahre Zuchthaus, seine Tochter 3 Monate Gefängnis, das Pfandhaus wurde vorläufig aufgehoben. Turch Allerhöchste Verfügung vom 16. Februar wurde die Aufhebung der Zünfte vollzogen. (Tie Zünfte hatten zuletzt nur noch ein Scheindasein gefikhrt.) Nach einem gelinden, fast ganz schneelosen Winter war die Witterung im Frühjahr vorherrschend trocken und sehr rauh, die Folge war -eine Menge von Lungen- und Halskrankheiten, auch von Sterbefällen. Am 30. Mai starb drei Tage nach dem Tode seiner Frau der eben erst zum Mitglied des Staatsrates ernannte Provinzialdirektor und Kreisrat Friedrich August Küchler, lvährend eine seiner Töchter fast hoffnungslos darniederlag. Seiner Beerdigung wohnten viele Bürger, Beamte, Geistliche, Lehrer aus der! Stadt und Umgebung bei. llnter der Schar, der Teilnehmer befand sich der damals hier j studierende Prinz Wilhelm von Hessen. Schwere Wetterwolken zogen im Mai dieses Jahres am politischen Hjmmel herauf. Preußen und Oesterreich konnten sich über Schleswig-Holstein nicht einigen, Sachsen, Hessen, Hannover, Kurlstssen und Nassau und die süddeutschen Staaten traten bekanntlich auf die Seite Oesterreichs, und so ^rat es, daß sich das Großherzogtum Hessen aus einmal im Kriegszustände mit Preußen befand. Taß das für die Stadt Gießen, die unmittelbar an den preußischen Kreis Wetzlar! angrenzt und nur eine Stunde von der Grenze entfernt liegt, besonders bedrohlich! war, liegt auf der Hand; Angst und Aufreihung griffen deshalb schon im Mai in unserer Stadt um sich!.) (Fortsetzung folgt.) Der Nrieg und die deutsche Sprache. Taß die Sprache der Ausdruck unseres Denkens ist, ist jedem unter uns geläufig. Je edler die Sprache ist, um so mehr bewegt sich auch das T!enken in geordneten Bahnen, und unedle, unfeine Sprache ist nicht das Zeichen einieg reinen und reichen Geisteslebens. Selbstverständlich verstehen wir unter einer edlen Sprache nicht das affektierte, gekünstelte Sprechen, das man an eitlen Menschen wahrnimmt, die Häufung von Fremdwörtern und blumenreichen Wendungen, die geschraubte Satzkonstruktion, die Art, die bei der Besprechung einfacher Vorkommnisse des täglichen Lebens den Stil einer Thronrede oder einer anderen feierlichen Proklamation anwendet. Der klar denkende, über eine gute Schulbildung verfügende! Deutsche wird sich! auch in klarer, einfacher Weise ausdrücken, wird die Sprache sprechen, die vor ihm Luther, Lessing, Goethe, Schiller und die anderen Großen im Reiche des deutschen Geistes gesprochen haben. Ten Don der Gasse anzuwenden, dazu wird ein solcher Mensch sich zu gut halten. Nun gibt es ja viele Kreise in unserem Volke, die sich in mancherlei Beziehung v!vn der Schriftsprache losgemacht haben und ihre eigene Sprache reden. Bekannt ist das Roth- welsch der Gauner; hierüber hat Professor Dr. Günther in Gießen interessante Untersuchungen angestellt und seine Ergebnisse in den „Hessischen Blättern für Volkskunde" veröffentlicht. Auch! ehrliche Leute, so die oberhessischen Maurer, sprechen, Wenn sie sich unter Berufsgenossen befinden, ihre eigene Sprache. Auch! hierüber gibt uns die genannte Zeitschrift aus der Feder des Lehrers Heinrich Weber in Reuters sachkundige Aufklärung. Vor allen Dingen ist es die Jugend, die sich mitunter eine besondere Art der Rede gestaltet. Wir denken da vornehmlich an die Studenten- und Soldatensprache. T>er Student hat kein Zimmer, sondern eine Bude, er wohnt nicht bei einem Bürger, sondern bei einem Philister, er macht nicht sein Examen, sondern er baut es, er nennt seinen Vater seinen alten Herrn, Aehnlich steht es mit der Soldatensprache.' Infanterist trägt keinen Tornister, sondern einen Affen auf dem Rücken. Das Gewehr nennt er die Knarre, den Helm die Tunstkiepe. Dm Verwalter des Militärarresthauses in Mainz nannten die Soldaten früher in pietätvoller Weise den Vater Philipp. Ter Rekrut ist der Hammel, der im zweiten oder drittes Jahre dienende trägt den Ehrentitel eines alten Knochens. Wird ein Kamerad gefangen genommen, so heißt es: die Franzosen haben ihn geschnappt. Alles hat seine Zeit, auch die Art, sich! in jugendlicher Weise auszudrückcu, aber es darf ein ganzes Volk, zumal in ernster, schwerer Zeit, seine Sprache nicht unedel werden lassen. Wir sind jetzt auf dem besten Wiege hierzu. Wir brauchen zunächst jetzt Worte, die früher unserem Sprachschätze nie angehört haben. Tausendmal gebrauchen wir das Wort „durchhalten". Wenn auch Goethe, wie Jakob Grimm in seinem berühmten Wörterbuche nachweist, dieses Wort zweimal angewendet hat, so ist es doch! nicht zu -einem Worte geworden, das sich in der deutschen Sprache Daseinsberechtigung erworben hat, es ist vielmehr ein spezifisch Berliner Ausdruck. Man mag die Vorzüge des Berliner - 148 - Wesens anerkennen, aber zu unseren Lehr, meistern auf dem ©ebiete der deutschen Sprache können und dürfen wir die Ber liner nimmermehr machen. Wie viel schöner, edler und sprachlich richtiger als „durchhal ten" ist doch „aushalten" oder „ausharren" und „beharren"! Tie letztgenannten beiden Worte finden wir doch auch in der Luther bibel. Luther, der Schöpfer der neuen denk scheu Sprache, ist auch heute noch, der beste deutsche Sprachmeister. Von den Berlinern haben wir Mitteldeutsche gelernt, in völlig unkorrekter Weise von den „JungiPrs'^ M reden. Lernen wir in dieser Beziehung weiter, so werden wir auch bald sagen: die „Ta mens". Anstatt das; wir ein Bild für künstlerisch vollendet „halten", „finden" wir es vortrefflich. Erregt eine Sache unsere Heiterkeit, so sagen ivir: das ist zum Schießen Schrecklich ist mitunter das Kaufmanns- und Behördendeutsch. Wer hat in Geschäftsbrie- sen nicht schon die Wendung gelesen: „ich. komme mit nächstem nach dorten" oder „Ohne mehr für heute zeichne hochachtungsvoll"? Auf den Schreibstuben unserer Behörden läßt man nicht davon, das „diesseitige" Schreiben zu erwähnen. Viel einfacher und richtiger 'wäre doch zu sagen: Unser Schreiben. Drei Worte, die entschieden unedler und unschöner Art sind, hat der Krieg leider ztim Gemeingut Unseres Volkes gemacht. Das ist zunächst das Wort „Hamsterer". Woher es stammt, weiß ich nicht, unschön aber ist es auf alle Falle: denn es will beschimpfen und herabsetzen. Sehr übler Natur sind die Worte „Flaumacher" und „Mießmacher", man versteht darunter Menschen, die, ohne Grund dazu z>u haben, die militärische nnd wirtschaftliche Lage unseres Volkes als schwierig ansehen und in diesem Sinne auch auf andere einwirken. Diese beiden Worte stammen ans der Berliner Börsensprache. Daß man aber an der Börse im Geschäftsdrang und in d^er Aufregung über das Steigen und Fallen der K'urse gerade das beste Deutsch spricht, wird niemand, behaupten. Es wäre erfreulich, wenn jeder unter uns sich vornehmen würde, diese drei im Krieg Gemeingut gewordenen Worte nicht mehr zu gebrauchen. Menschen, die den Mut verlieren, kann man — auch wieder mit dev Lutherbibel — viel besser bezeichnen als Kleinmütige, Verzagte, Schwache. Wir leben in einer ernsten, aber immerhin großen 'Zeit. W.enn ein Volk mit Aufbietung aller Kräfte um die Erhaltung seiner heiligsten! Güter ringt, so ist das eine große Zeit. Tie große Zeit darf keine kleine, unedle Sprache find en. H . B. Unglaublicher Leichtsinn. Dem Organ des Deutschen Evangelischen Volksbnndes „Kvejuz und Kraft" entnehmen wir folgende Schilderung unerhörter Vorgänge bei einer Aufführung zum Besten der Lndendorsfspende in Düsseldorf: „Die Masken", .eine vom Düsseldorfer Schauspielhaus herausgegebene Zeitschrift, schreiben: „Tie stärkste nnd die darum gefährdendste Macht, die sich das Theater dienstbar zu machen sucht, ist.der rigorose, Urteilssälschmde Nationalismus, der sich seit dem Kriege auf nahezu allen Gebieteit breit macht." Tas „Düsseldorfer Sonntagsblatt" bemerkt dazu: „Von Nationalismus war auch nicht der Letzte Rest zu spüren, als man zu Ehren der Gefallenen, zur Bekämpfung bitterer Not in den Häusern der Trauernden einen Schwank-, Tanz- und Possen-Abend in der städtischen Tonhalle veranstaltete. Das Unerhörte geschah: Man führte, nachdem man die Anwesenden gebeten, recht lustig zü sein, „Ton JÄn in der Falle" ans. Dann geleitete man das Volk in die anarchistische Verbrecherwelt unserer Erbfeinde im Westen hinab, .als ob, mitten im Kriege, eine engere, internationale Verbrüderung mit dem Äns- wnrf der Menschheit erwünscht wäre. Dem einleitenden Hallunkcntniff entsprach die Ans- führung. Tie Ernsteren unter den Hörern packte ein Granen, Jubel und Juchhe herrschte bei den anderen. Ter brauseirdje Beifallssturm hieß, in Worte gekleidet § „Heil dem Gemeinen, Tod dem Edlen und Reinen." Das war der Schrei zu Ehren der Gefallenen, die Geleitworte bei der Spende für ihre Witwen und Waisen." Hat denn niemand den Mut, gegen derartige himmelschreiende Zustände anfzu- treten? Wenn wir alle den festen Willen haben, uns derartiges nicht bieten zu lassen, nnd dagegen Front machen, dann könnten wir wenigstens derartige schlimmste Ausschreitungen vermeiden. Kirchliche Anzeigen. Sonntag den 15. September (16. n. Trin.). Gottesdienst. Zn der Stadtkirche. Vormittags 8 Uhr, zugleich Christeitlehre für die Neukonfirmiev- ten ans der Matthäusgemeinde. Pfarrer Mahr. — Vormittags 9y 8 Uhr: Pfarrer Schwabe. — Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde. Pfarrer chwabe. In der Zohannerkirchc. Vormittags 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neutonfirmier- ten ans der Lntasgemeinde. Pfarrer Bech- tolsheimcr. — Vormittags sthz Uhr: Pfarrer Ansfeld. —_ Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Johannesgemeinde. Pfarrer Ausfeld. — Abends 8 Uhr: Bibelbesprechnng im Johannessaal. — Mittwoch, den 18. September, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer Bechtolsheimer. Verantwortlich : Pfarrer B-»t°I-h°im-r, Drucknnd Verlag der Vrühl's chen Unwersi.ät-.Buch- nnü St-indrucker-i R. Lauge. Gießen.