Konntagsgruß ( Gemeindeblatt für die evangelische Rirchengemeinde Gießen 31 Gießen, 10. Sonntag n. Trinitatis, den t. August 1918 7. Iahrg. Goldene Umgangsregeln. Evangelium des Vfatthäus 7, 12. Alles nun, Mas ihr wollt, daß euch die Leute run sollen, das tut auch ihr ihnen ebenso. Tie moderne Kultur hat nicht vergessen, ihren Trägern unterschiedliche Bücher an die Hand zu geben, daraus sie rechten Anstand und Sitte im Verkehr mit ihren Nächsten lernen mögen. Es ist mehr als ein Knigge vorhanden, der uns den „guten Ton" im „Umgang mit Menschen" beibringen will. Aber, bei nahem besehen, gibt cs ans der weiten Welt doch nur eine, wahrhaft goldene Unterweisung hierüber, die nun freilich nicht bloß an der äußeren „Politur" hängen bleibt, sondern bis tief ins Leben innerster Gemeinschaft hineinsührt. Matthäus hat sie im Kapitel 7, Vers 1—12 gegen Ausgang der Bergpredigt an der Hand von Jesus- whrten gegeben, deren eigentlicher Zusammenhang ja vielleicht besser aus Lukas 6, 20—49 ersehen werden mag, die aber in der Art der Gruppierung den feinen Psychologen und Herzenskenner verrät. Matthäus ging bekanntlich in seinem Evangelium überhaupt darauf aus, Worte und Gedanken seines Meisters weniger in ihrer zeitlichen Reihenfolge zu übermitteln, sondern sie unter ganz bestimmten Gesichtspunkten, an deren methodischer Darstellung ihm lag, zusammenzustellen. Betrachtet man die obenerwähnten 12 Verse von hier aus, so -ergibt sich, obwohl verschiedene Gedankengänge etwas unvermittelt aneinandergereiht erscheinen, ein tieferfaßter innerer Zusammenhang. Obenan steht die goldene Regel, nicht lieblos zu richten, wie sie besonders der scheinheiligen Gerechtigkeitsübung der Pharisäer nahe lag. Sie verführt gleichzeitig zu einem völlig verkehrten Besserungseifer, der an anderen sich sittlich erregen und sie dadurch zur Erkenntnis ihrer Fehler bringen will, während die scharfen Sittenrichter noch in sich selbst keineswegs Ordnung geschasst haben. Das Gleichnis vom Splitter und Balken wird für alle Zeit eine der eindringlichsten und überzeugendsten Mahnungen bleiben, denn es deckt die überaus gefährliche Heuchelei auf, die sich dahinter verbirgt und die immer wieder zu den schwersten Zer- würinissen der Menschen untereinander führt. Nur die unmittelbare Wirkung einer innerlich selbst geläuterten Persönlichkeit kann hier helfend und zugleich versöhnend sich- geltend machen, nur -ein Mensch, in dem höchste Liebe zu höchster Wahrheit geworden ist, kann hier den andern, ohne wehe zu tun, auf den rechten Weg führen. „Eine heilige Diätetik oder Gesundheitslehre der Seele" — sagt Zundel seinerseits zu jenem Bild — „ist damit zugleich gegeben. .Bekehre dich, dann hast du am besten für Gottes Reich gesorgt? ,Nimm dich nur in -acht: — Willst du auf solche, Gott mißfällige Weise Seelen retten, so gehst du am Ende selbst zugrunde'." Von hier aus -ergibt sich auch der feine innere Zusammenhang dieses Gleichnisses mit dem unmittelbar daraus,'etwas überraschend folgenden, das Heilige nicht den Hunden zu geben und die Perlen nicht vor die Säue zu werfen. Tenn um wirklich helfen zu können und^zu- gleich zu einer innerm Gemeinschaft der Seelen zu kommen, dazu, muß auch die Empfänglichkeit beim andern vorhanden sein, sonst werden sie den, der in bester Absicht ethisch läutern will, selbst moralisch zerreißen. Wer denen, die keinen Sinn für Heiliges haben, und Wertvollstes für das Wertloseste erachten, die Wahrheit bringen will, sieht sie von ihnen nur entweiht und mit der Gabe sich selbst, den Geber, aufs bitterste befehdet. So sollte man jene Blinden für immer sich selbst überlassen? Mit Nichten! Es bleibt uns noch das Gebet, das heiße Ringen vor Gott, daß er sie empfänglich mache. Was aber in Menschenmacht allein liegt, nicht nur äußeren Wohlverkehr, sondern -auch! innere Soelengemeinschaft zu wecken, besagt ein für allemal die -/große, goldene Schlußregel: „Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, das tut auch- ihr ihnen, ebenso!" Das ist der gute Ton im Reiche Gottes auf Erden. Die Belagerung der 5tadt Gietzen im Jahre *327. -+ Wegen einiger Gebietsteile, die er für sich beanspruchte, fing der Erzbischof Matthias von Mainz im Jahre 1327 mit Hessen Krieg an. Er zog mit dem Erzbischof Balduin von Trier und den Grafen Johannes und Heinrich von Solms vor die Stadt und Festung- Gießen. Tie Umgebung wurde verwüstet, und einem jeden, der dem Lande Hessen Schaden tun würde, Ablaß versprochen. Ueber diese Belagerung unserer Stadt findet sich im Jahrgang 1817 des „Gießener An- zeigungsblättchcns" eine interessante Schilderung, die wir hier wiedergeben. Tie Darlegung der hier in Frage kommenden geschich-t- 122 lichen Vorgänge ist Aar und anschaulich. Ter nicht mit seinem Namen genannte Verfasser schreibt folgendes: Tie Stadt Gießen war damals weit kleiner, als sie heutzutage ist. Tie Ringmauer der alten Stadt begriff den kleinen Raum zwischen den vier Toren, dem Burgtor, das noch heutzutage d^r Ausgang des Kanzleihofes ist, der Selzerpforte (an der Ecke zwischen Mäusburg und Kreuz), der noch vorhandenen Stadtpforte an der Neustadt und der Waldpforte oder Wallpforte. Straßen außerhalb der Stadtmauer oder Vorstädte waren die Straße vor dem Walltor, die Neustadt, der Selzersweg, der Sand^ oder Reichensand und die Mühlgasse. Tie Stadtmauer war 5 bis 6 Schuh dick, hatte eine beträchtliche Höhe, mit Türken zu ihrer Verteidigung. Noch^ jefet sieht man die Ueberreste dieser starken, hohen Mauer, welche 1530 abgebrochen wurde, zu beiden Seiten der Stadtpforte, besonders nach den alten Ställen zu. Auch in der Stadt waren noch besondere Kastelle, nämlich das Schloß oder die alte Burg (jejjt Kanzleigebäude), die Burg der Burgmannen, deren Platz durch den Namen „auf dem Burggraben" augedeutet wird, und die Mäusburg oder Müseöurg, welches Wort nach! seiner ursprünglichen Bedeutung Vorratshaus bedeutet. Schon hatte die Belagerung sechs Wochen gedauert, ohne daß die Belagerten zum Ziele gelangen konnten, ein Beweis der Ausdauer !und Erbitterung beider Parteien und der heldenmütigen Verteidigung der Belagerten. Es ist wahrscheinlich, daß die Vorstädte Neustadt, Seltersweg und Wallpförter Straße bald überwältigt wurden. Auch ist es nicht zu bezweifeln, daß die Belagerer in dem Dorfe Selters auf dem Seltersberg mit seiner alten Pfarrkirche St. Peters, welche nicht weit von der nachmaligen Schneidemühle stand, einen festen Punkt faßten. Tic Belagerer ließen ihre Wurfmaschinen spielen, sie fetzten Sturmleitern an, aber ihre Bemühungen wurden durch den Mut und die Tapferkeit der kriegerischen Gießener vereitelt. Tiefe fochten von der Mauer und ihren Türmen h>erab mit Pfeilen, Wurfbihelu und großen Mauerschwertern, schleuderten Steine herab und beunruhigten den Feind durch Ausfälle. Es geschahen damals Heldentaten, Würdig, von der Nachwelt gefeiert zu werden. Aber ihr Gedächtnis ist verschwunden; denn es war kein Geschichtsschreiber und kein Dichter vorhanden, welche sie den Nachkommen überliefert hätten. Die Mainzischen Krieger mit ihren Bundesgenossen, den Ziegenhainern, Fuldern, Wittgensteinern, Solmsern verzweifelten bereits, daß sie die Feste zu überwältigen vermöchten. Man stand überhaupt in jenem Zeitalter in der Kunst der Belagerung der Städte weit zurück. Da erschien Erzbischof Balduin von Trier, ein geborener Graf von Luxemburg, Bruder des heldenmütigen Kaisers Heinrich VII., bei dessen Feldzügen, besonders in Italien, er sich als einen erfahrenen Feldherrn gezeigt hatte. Er brachte ein auserlesenes Heer alter Soldaten mit, ließ aufs neue und wiederholt stürmen und war so glücklich, die Mauer zu ersteigen. Den Belagerten, nachdem sie sahen, daß aller Widerstand umsonst sei, blieb nichts übrig, als sich in die Gnade und den Gehorsam der Sieger zu ergeben. Matthias zwang die Bewohner der eroberten Stadt, ihm zu huldigen, belegte sie mit einer Besatzung und eilte mit seinem Bundesgenossen, dem Erzbischof Balduin, die Stadt Boppard, welche sich wi- der die Trierische Herrschaft aufgelehnt hatte, zum Gehorsam zu bringen. Tie Mainzische Besatzung betrug sich k der Stadt mit vielem Uebermut und erlaubte sich Ausschweifungen mancher Art. Tie Bedrängnisse, welche die Einwohner von Gießen durch den Uebermut der M ainzischen Soldaten zu erdulden hatten, brachten in ihnen einen heldenmütigen Entschluß zur Reife. Im Gefühle ihrer Kraft verbanden sie sich insgeheim, lieber einen ehrenvollen Tod zu suchen als das Joch eines Eroberers länger zu ertragen. Schon hatte die Besatzung beinahe sechs Wochen gewährt. Sie schickten insgeheim eine Botschaft an den Landgrafen nach Marburg, taten ihm ihren Entschluß kund und baten, daß er an dem bestimmten Tage mit einer hinreicheirden Mannschaft in ihrer Nähe erscheinen möchte. An dem verabredeten Tage überfielen sämtliche waffenfähige Bewohner von Gießen die Mainzische Besatzring und schlugen sie aus ihren Toren hinaus. Die Feinde wurden hieraus auch laus der ganzen umliegenden Gegend vertrieben. Ter Landgraf legte noch mehrere wehrhafte Männer in die Stadt, nahm noch einige neue Burgmannen auf und ließ die beschädigten Festungswerke ausbessern und die Tore verwahren. Ter Tag, an welchem die Bewohner von Gießen die Befreiung von ihren übermütigen Feinden durch ihre Tapferkeit errungen, ist nicht bekannt, ob er gleich verdient hätte, als ein Volksfest von der Nachwelt gefeiert zu werden. Er fiel in die letzten Tage des Septembers. Es ist möglich, daß die sogenannte Kirmes, welche von unseren Vorfahren auf den Barthvlomäusmarkt Ende August gefeiert wurde und deren Gedächtnis beinahe ganz erloschen ist, auf dieses Ereignis eine Deutung hat. Während dieser Ereignisse staird Gießen unter dem Landgrafen Otto. Dieser starb am 17. Januar 1328. Sein Nachfolger war der Erbprinz Heinrich der Eiserne. Der Haß des Erzbisch!vfs Matthias gegen den Vater erbte sich auf den Sohn fort. Er betrachtete die Bewohner Hessens, hauptsächlich Gießens, als Rebellen und traf furchtbare Anstalten, sie in einem neuen Feldzüge zu züchtigen. Er verband sich enger mit den beiden Grafen Johann und Heinrich von Solms 0 t und zog auch den kriegerischen Grafen Johann von Nassau-Tillenburg in sein Interesse. Dieser wurde zum Oberbefehlshaber ernannt. Das Heer dieser Verbündeten versammelte sich bei Aßlar, und der Zug derselben sollte Gießen gelten. Landgraf Heinrich rückte mit seinem Heer von Gießen in die Gegend von Wetzlar. In der Ebene zwischen Wetzlar und Hermannstein trafen beide Heere in der Gegend des sogenannten Linsen- berges zusammen, in derselben Gegend, in welcher 1796 die Oesterreicher unter Erzherzog Karl über die Franzosen einen glorreichen Sieg erfochten. Es kam zu einem höchst erbitterten Kampfe. Der Verlust der Hessen war der größere, der Tod ihres kriegerischen Anführers, des Grafen Johann von Nassau, WM für die andere Partei der empfindlichere. Die Hessische Reimchronik enthält über dieses Treffen folgendes: Bey Wetzlar war ein großer Streit, Tarinn blieb tobt auf zu bey der Seit Manch Ritter gut und Graf Johann, Gefangen ward mancher Edelmann, Ter größte Schade aber zwar Dem Landgrafen von Hessen war. Ter Schade, meint so gestehn Zweymal hundert tausend Floren (Gulden). In dieser für jene Zeiten ungeheuren Summe ist auch das Lösegeld Inbegriffen, mit welchem sich die Gefangenen lösen mußten. Ter Erzbischof Matthias überlebte die Botschaft des Sieges, welche man ihm überbrachte, nur kurze Zeit, er starb den 2(1 August 1328. Sein Nachfolger Erzbischof Balduin von Trier, der die Verwaltung des Erzbistums erhielt, hatte keinen persönlichen Haß gegen den Fürsten von Hessen und zeigte ebensowenig Verlangen, den Streit fortzusehen. Man kam überein, Botschafter von den streitenden Parteien nach Manzenberg zu senden. Hier wurden die Streitigkeiten vertragen, der erlittene Schaden verglichen, und Hessen gelangte zum ungestörten Besitz der Mainzischcn Lehensstücke. — So weit der Verfasser des oben näher bezeichneten Aussatzes. Seine Schilderung des damaligen Umsangs der Stadt Gießen ist nicht ohne nähere Erklärung verständlich. Es war ein sehr mg begrenzter Raum, auf welchen: sich im 14. Jahrhundert die Stadt erhob. Professor Tr. Karl Ebel sagt hierüber in seiner Schrift „Geschichte der Stadt Gießen" (Wegweiser durch die Universitätsstadt Gießen.und ihre Umgebung, Verlag Emil Roth): „Dieses Tor (das Waldtor, nicht Walltor, wie man heute sagt), lag am Eingang znm Lindenplatz, etwa in der Nähe des Gasthauses zum Einhorn oder des Lindenhofs. Ihm entsprach im Süden das Sel- tcrstor, vermutlich an der Mündung der Rittergasse in die Mäusburg gelegm. Tie Ausdehnung von Westen Osten begrenzen die Häuser hinter der Kirche und die Mfündung der Schloßgasse in den Brand. Um diese vier Punkte zog die Stadtmauer, 123 - deren Richtung heute noch durch dm Lauf des Stadtgrabens annähernd gekennzeichnet wird. Das sogenannte alte Schloß am Brand lag außerhalb dieser Anlage, ein Beweis, daß es jünger ist als sie. Später wurde es in den Bereich der Stadtbefestigung einbezogen." Tie Stadtpforte stand da, _ wo Marktstraße unv Neustadl zujammentreffen, sie wurde erst 1837 abgebrochen. Interessant ist in dem von uns wiedergegebenen ArUkel die Erklärung des Namens „Mäusburg". Diese Straße war mithin so wenig eine Burg, in der die Mäuse unbestritten ihr Quartier aufgcschlagen hatten, wie der Mäuseturm bei Bingen trotz der Sage vom Bischof H>atto von Mainz mit dem lästigen Ungeziefer etwas zu tun hatte. Bekanntlich rührt dieser Name daher, daß der alte, mitten im Rheinstronr aufragende Turm der Mautturm, d. h. der Zollturm, war, an dem die Rheinschiffer den Zoll entrichten mußten. „psychologische Mhigkeitsprüsung". Ein bekanntes Schlagwort unserer Tage ist das Wort „Freie Bahn für alle Tüchtigen". Der frühere Reichskanzler v. Beth- mann Hollweg, von dem dieses Wort stammt, mag mit ihm einen guten Gedanken verbunden haben, aber !vie es mit allen Worteni geht, die zu Schlagworten werden, so wird auch mit diesem jetzt großer Mißbrauch getrieben. Viele Mmschen verstehen dieses Wort in dem Sinne, daß man unter den Schulkindern durch besondere Prüfungen die aussuchen solle, die höheren Schulen zr.zu- führen seien. Sicher denkt man auch daran, daß diese „auserwählte Schar" besondere Vergünstigungen genießen solle, während die Kinder, die die Prüfung nicht bestehen, allerhand Hemmungen in ihrem Lernen unterworfen sein sollen. Als ob der Tüchtige sich im Leben nicht selbst die freie Bahn schaffen werde und als ob man durch Prüfungen, die im zarten Kindesalter angestellt werden, feststellen könne, ob ein Mensch im späteren Leben brauchbar oder unbrauchbar sein werde! Sehr vielen hervorragenden Männern, denen Deutschland viel verdankt, wäre, wenn man schon früher diese Methode der Intelligenz- Prüfung angewandt hätte, nie die Möglichkeit geboten ivvrden, ihre geistigen Fähigkeiten auszubilden. Manches frühreife Wunderkind, das im Kreise der Tanten große Sensation erregt, versagt im späteren Leben vollständig, und solche, die mau, wenn ste zehn Jahre alt sind, für dmntn ansreht, ragen später durch geistige Energie hervor, ^n Berlin hat man bereits eine „Begabten- schule" begründet. Was von solchen schulen und der Art, wie man für sie die Schüler auswählt, zu halten ist, hat Pfarrer II theol. Emil Fuchs in Eisenach (früher rn Ruffels- Heim) in meinem geistvollen Artikel, der in der Zeitschrift „Tie Tat" (früher „Kunstwart") erschienen ist, scharf und klar herausgestellt. Fuchs schreibt: „Meine kleine Freundin ist mit ihren zehn Jahren eine der besten Schülerinnen ihrer Klasse. Rasch und zn- verlässig lernt sie. Wenn aber im Leben etwas Großes geschieht, wenn eine Freundin wegzieht und Abschied nimmt, eine liebe Lehrerin wechselt, eine Verwandte zu Besuch kommt, dann hat ihr Gemüt so viel zu arbeiten, daß alle ihre Teilnahme von der Schularbeit wegsliegt, ja daß auch ihre Nerven bis zu völliger Unfähigkeit geistiger Sammlung versagen. Sa kann es auch gehen. wenn ein Buch ihre Einbildungskraft erregt und fesselt. Was ist da alles zu erforschen und in inneren Bildern zu schauen von den Vorgängen, die dort erzählt werden! So schreibt man denn eine glatte 5 im Französischen, und das Rechnen, das man sonst sd gut kann, geht gar nicht mehr. . . Tie Berliner Begabtenschule stellt die psycholo- lgische Fähigkeitsprüfung in ihren Dienst. Mit ihrer Hilfe wählt sie die aus, die als wirklich Begabte in Betracht kommen... Es wird die Konzentrationsfähigkeit geprüft, indem gleichzeitig gerechnet und eine Geschichte erzählt wird. Sehr richtig. Mer sind das die wertvollsten M enschen, die mit 15 Jahren schon die Fähigkeit haben, sich so wenig von der erzählten Geschichte innerlich beherrschen zu lassen, daß sie gleichzeitig dabei rechnen können? .. Und sind die Kinder, die bei einer solchen Prüfung gut abschneiden, auch jene Zarten und- Feinen, die allem Neuen und Neuerlebten mit dem Erstaunen ünd der Ehrfurcht gegenüberstehen, die allein ein eigenes und ein tiefes Verhältnis z!n ihnen verheißt? Ach nein. Es sind die Schnellfertigen und Kecken. Tie Tiefen und Eigenwüchsigen sind mit 13 Jahren noch in der Dumpfheit und Unbehilflichkeit linneren Ringens und der Scheu vor dem noch nicht Durchschauten darin, und sie werden einer solchen Prüfung erliegen." — Man treibt in unseren Tagen Bevölkerungspolitik, d. h., man will dafür sorgen, daß die deutschen Familien möglichst viele Kinder aufziehen und zu tüchtigen Menschen erziehen, die später dem Volkstum nützlich sind. Es ist Ku fürchten, daß alle diese Bestrebungen nicht den geringsten Erfolg haben werden; denn in unseren Tagen wird von Menschen, die sich ihrer Verantwortung nicht bewußt sind, so viel in die Wege geleitet, das die Eltern in der Erziehung ihrer Kinder beschränkt, hemmt und mit Unnützen Sorgen belastet. Viele Ehegatten werden denken: wenn über die Zukunft unseres Kindes in seiner frühen Jugend durch fremde, gleichgültige Menschen, durch eine sogenannte „psychologische Fähigkeitsprüfung" entschieden werden soll, so wollen wir lieber keine Kinder haben. Nur Leute, die keine Kinder haben, können übrigens solche Vorschläge machen. Laßt den Eltern und den Kindern, - 124 - wie es in den Jahren war, da Deutschland groß geworden ist, ihre Freiheit, und ihr wterdet ein tüchtiges, wehrhaftes Geschlecht heranziehen! H. B. Meine Mitteilungen. Es ist -ein feststehender Grundsatz des Gustav-Adolf-Vereins, allen Evangelischen der verschiedensten Staaten- und Volksgemeinschaften seine fördersame Unterstützung zuteil werden zu lassen. Was das bedeutet, beweist allein die Tatsache, daß vom Gründungsjahre 1832 bis Ende 1916 von dem Verein nicht weniger als 64 Millionen Mark für evangelische Unterstützungszwecke ausgegeben worden sind. Davon sind fast 25 Mill. Mark für nicht reichsdeutsche Staaten verwandt worden . Dieser ausländischen Tätigkeit hat der Krieg so große Hindernisse bereitet, daß sie fast nur noch auf -Oesterreich, Belgien und einige Gebiete des früheren Rußlands beschränkt ist. Nach einer neueren Zusammenstellung hat der Gustav-Adolf- Verein im Jahre 1916 für die evangelischen Gemeinden in Deutschland 720 713 Mk., für Oesterreich-Ungarn 477 290 Mk.. und für sonstige 86 auslärrdische Gemeinden 223 560 Mark verausgabt. Tie reichsdeutsche und fremde Unterstützungssumme ist also ziemlich igleich hoch gewesen. An der letzteren haben die besetzten Gebiete in Belgien und den baltischen Provinzen den größten Anteil gehabt. In Leipzig starb 75jährig der bekannte Glockengießer Adolf Janck. Er war ein Meister seiner Kunst, der noch bis kurz vor seinem Tode manches gewichtige Wort bei den Glockenbeschlagnahmekommissionen mitzureden hatte und mit Erfolg bemüht war, besonders wertvollle Glocken der Nachwelt zu erhalten. kirchliche Anzeigen. Sonntag den 4. August (10. nach Trinitatis). Kollekte zum Besten des hessischen Landesvereins vom Roten Kreuz. Gottesdienst. In der tztadtkirche. Vormittags 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmier- ten aus der Matthäus gemeinde. Pfarrer Mahr. — Vormittags 9Vs Uhr: Pfarrer Schwabe. Beichte und Feier des heiligen Abendmahls für Matthäus- und Markusgemeinde. Anmeldungen werden vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. — Kinderkirche fällt aus. 3n der Zohannerkirche. Vormittags 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmierten aus der Lukasgemeinde. Pfarrer Bech- tolsheimer. — Vormittags 9*4 Uhr: Pfarr- assistent Liz. Reuning. — Kinderkirche fällt aus. — Abends 8 Uhr: Bibelbesprechung im Johannessaal. — Mittwoch den 7. August, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer Ausfeld. D-rantwortUch : Pfarrer Dechtolrhe im er. Druck und Verlag der Brühl'lchen Univ-rfitLt-.Vuch. und Steindruckerei N. Lange, Gießen.