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Am Spalier hängen reife Trauben, rotbackige Aepfel grüßen von den Bäumen, ein Duft von Reise und Fruchtbarkeit streicht von den gesegneten Feldern herüber. 'Ich weiß, daß viele Menschen diese Landschaft reizlos finden. Sie ist eben und flach, und der Durchschnittsdeutsche der Gegenwart sieht ebenes Gelände, namentlich« wenn es Ackergelände ist, nicht als schön an. Er preist die Berge, die sich dicht zusammendrängen, auch wenn ihre Hänge noch so kahl sind. Er ist entzückt über das tiefe, nur mit Moos und Farnkraut überdeckte Tal, im besten Falle preist er noch« die Heide, die im Sommer so wundervoll blüht. Unsere Vorfahren hatten eine ganz andere Naturanschauung. Tie Gebirge waren ihnen unwirtliche Gegenden, aber die Ebene, die sich« meilenweit ausdehnt, fanden sie schön. Luther nennt auf seiner Romreise die oberitalienische Tiefebene ein „gut, lustig" d. h. fruchtbares,' schönes Land. Vielleicht ändert dieser Krieg unsere Naturanschauung, daß wir die Ebene mit Kartoffeläckern und Obstbäumen wieder mit anderen Augen ansehen. Ist sie auch aller Romantik bar, fehlt ihr auch das Schroffe, Wilde, wie Künstler und Kunstkenner sagen, das Pittoreske, so beruht ihr Reiz in ihrer Fruchtbarkeit. Von den schroffen Höhen können wir kein Brot nehmen. Langsam in weitem Bogen fährt der Zug Iwcan, grauen Qualm stößt die Lokomotive aus. Mlmählich« geht es aufwärts. Weinberge und Ackerland gleiten an meinen Blicken vorüber, dann kommt dei grüne Wald. Wiesen in satter, grüner Farbe liegen dazwischen, rechts ragt «eine Höhe auf, und eine alte Burg wird sichtbar. Das Fauchen der Lokomotive verstärkt sich, die Fahrt verlang, amt sich, inan merkt, daß die Dampfkraft ihre Arbeit hat, die Wagenreihe bergaufwärts zu bringen. So geht es drei Stunden lang, dem höchsten Punkte des Gebirges zu. Wald wechselt mit Ackerland, aber der Wald überwiegt, über Viadukte donnert der Zug, Und der Blick fällt in tief eingeschnittene Schluaiteil, hernieder auf dunkle Tannen. Auch da, wo Ackerland zwischen den Wäldern liegt, ist die Landschaft doch anders als im Tale. Es fehlt die Mannigfaltigkeit der Farben, Baum gruppen sind nicht mehr zu sehen, nur ganz vereinzelt stehen die Bäume «auf dem Felde, und man sieht es an der Bewegung «der Zweige, daß der Wind weht. Auch die Dörfer haben ein anderes Aussehen. In der Ebene herrscht die geschlossene Bauart vor, jedes Dorf ist wie eine Festung, «auf der Höhe sind die Häuser einzeln hin gestellt, wie Kinderspielzeug nehmen sie sich« vom Eisenbahnabteil aus. Ich meine aber, daß auch die Menschen anders werden, je mehr der Zug bergaufwärts klimmt. Die Trachten werden altmodischer, die Mienen strenger, die Mitreisenden «wortkarger, schweigsamer. Unverständlicher wird die Mundart, sie ist rauh! wie der Bergwind. Nur die Viehhändler, die im Zuge sind, sind redselig, sie kennen alle Mitreisenden, reden die meisten darunter mit dem Vornamen an, -erkundigen sich nach H andelsgelegen heit. Männer mit langen Patri- archenbärten, Frauen mit Kiepen steigen ein. Ter Zug hält, und ich gehe der höchsten Erhebung des Gebirges zu. Es geht über Schneisen, ungefüllt mit Nässe und Feuchtigkeit. Schnurgerade stehen die Tannen und hindern vorläufig jede Fernsicht. Am Waldsaume stehen Rehe, lugen nach mir herüber und verschwinden, wie ich näher komme. Mitunter geht mein Weg über ab geholzte Flächen, wo glatt abgesägte Baumstrünke zum Niedersitzen «einladen, mitunter geht es über Steingerölle, aber immer ist es ein scharfes Steigen. Endlich! flattert aus Bäumwipfeln eine Faihne hervor, und wie der Weg eine Biegung Macht, liegt der Aussichtsturm, auf dem die Flagge weht, vor meinen Blicken. Rasch steige ich die Stufen im Innern hinan, und nun bin ich auf der Plattform. Der Ausblick ist zunächst ganz überwältigend. Der Gipfel, den ich« erstiegen habe, liegt 816 Nieter hoch. Rundum ein Panorama, wie- es großartiger nicht gedacht werden kann. Ein Höhenzug hinter dem andern, bis dahin, wo in blauer - 182 - Ferne das Gebirge verdämmert, terrassenförmig sind die Berge cmfgeschichtet, der Zug der Täler ist.deutlich zu erkennen. Auf unzählige Tannenwipfü schaue ich herab, ein grünes, >auf «und nieder wogendes Meer; denn .der Bergjwind ist erwacht und weht so heftig, das; ich den Mantelkragen in die Höhe schlage. Wo der Blick in weite Entfernung geht, da ist das Meier ganz dunkel, es sind Inseln darin, hell von der Sonne bestrahlt, das sind die dazwischen liegenden Feldmarken, in denen Dörfer liegen, so zahlreich, das; ich sie ziffernmäßig nicht festhalten kann. Damit auch der Ernst der Zeit in die Welt der Berge hineinrage, hört man von Südwesten her ein dumpfes Grollen und Rollen. Wie fernes Gewitter, wie eine Erschütterung tief nnten im Erdreich hört es sich an. Manchmal hört es auf, dann schwillt es wieder an: es ist der Donnerton von der Westfront. Auf hochragendein Bergesgipfel, in: Anschauen der Wunderwerke der Schöpfung muß man.an den denken, der die Berge und die Erde und die Welt gemacht hat. Niemals habe ich das Psalmwort: „Die .Höhen der Berge sind auch sein" so gut verstanden, wie auf jenem Aussichtsturn: am sonnenhellen Septembertage. Auf den Bergen versteht man auch, daß die Völker in der alten Zeit den lebendigen Gott vorzugsweise auf den Höhen gesucht habeil. Die Germanen suchten Odin auf den Bergesgipfeln des Odenwaldes und Thor oder Donar auf dem breiten Höhenrücken des Donnersberges. Tie Samariter beteten auf dem Berge Garizim, die «Juden suchten Gott auf Zion und sangen, wenn sie, im Pilgerzuge einherschreitend, die Zinnen des Tempels erglänzen sahen: „Ich hebe meine klugen auf zu den Bergen, voll welchen mir Hilfe kommt. Meine Hilfe komwt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat." Den Christen hat ihr Herr und Meister gesagt: „Es kommt die Zeit, daß'ihr weder auf diesen: Berge noch zu Jerusalem werdet den Vater anrufen. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten." Das Trachten nach dem, das droben ist, das Aufheben der Augen zu den 'Bergen, von welchen uns Hilfe kommt — das Ewige steht hier hochragend hinter bildlicher Redeweise — wird bis in alle Zeit Lebensäußerung wahren Christenlebens sein. H. B. Lin Qttherfest in Gietzen vor 34 Jahren. Eine große Lutherfeier fand in Gießen am 10. November 1883, einem Samstag, am 400. Geburtstag des Reformators statt. Damals in friedlicher, glücklicher^ Zeit konnte man leichter eine Feier im großen Stile abhalten, als das uns bei dem 400. Reformationsjubiläum möglich war. Von dieser Feier sei heute nur erwähnt, daß man auf dem Ludwigsplatze eine Lutherlinde pflanzte. Es wurde dabei ein Festzug veranstaltet, der sich auf Oswaldsgartcn aufstellte und sich dann nach dem Ludwigsplatze bewegte. Sänger, Turner, Krieger, Schützen und die Mitglieder der Feuerwehr bildeten den Festzug, in dem auch viele Gemeindeglieder einhergingen. Die Feier war rein religiös geartet. Bevor sich der Festzug* auf Oswaldsgarten in Bewegung fetzte, sang die Versammlung das Lied „Allein Gott in der Höh' sei Ehr". Auf dem Ludwigsplatze wurde zuerst das Lutherlied „Ein feste Burg ist unser Gott" angestimmt, dann hielt Pfarrer Dr. Naumann die Festrede. Er erinnerte daran, daß die Väter im Jahre 1817 auf dem Trieb eine Luthereiche gepflanzt hätten, und pries die Linde als deutschen Baum, der mit der altgermanischen Götter- und Menschensage, mit der deutschen Kriegs- Und Friedensgeschichte auf das innigste verwachsen sei. Die Linde fei „der Baum, der, in gute Erde gesetzt, unter des Himmels Sonnenschein und . Regen für sich allein gedeiht und heute noch in so mancher Stadt und manchem Dorf hochragend über Straße und Haus die Menschen in feinem Schatten zu Lust und Klage, zu ernsten: und heiterem Rat versammelt." Dann verglich der Redner das Wachsen einer Linde mit den: Werden und Wachsen Martin Luthers Und schloß mit den eindrucksvollen Worte::: „Vor einigen Tagen wurde ich gefragt: „Bilden Sie sich denn ein, daß die Lutherlinde hier in Gießen unverletzt stehen bleibt?" Ich antwortete und rufe es auch heute an dieser Stätte aus: Ja, das bilde ich mir ein: das glaube und hoffe ich fest! Denn es wäre eine Beleidigung gegen die katholische Gemeinde unserer Stadt, zu denken, daß auch nur ein Glied derselben fähig wäre, die Hand frevelnd an diese Lutherlinde zu legen. Und es wäre eine Schande für uns Protestanten, wenn auch nur einer unter uns sich fände, der mit rohem Sinn wider diese Lutherlinde die Hand erhebt. Unsre Luther- linde steht hier unter Gottes freiem Himmel, der mit Sonnen-, Mond- und Sternmaugen schirmend und bewahrend aus sie niederblicken möge! Sie steht im Schutz der biederen Einwohnerschaft dieser Stadt und in der Obhut ihres hochachtbaren Stadtrats: ja, sic steht hier buchstäblich unter den Augen des erwählten Hauptes der Stadt, Unseres allverehrten Bürgermeisters: auch das möge ihr ein guter Schutz und Schirm werden! Was aber auch im Lauf der Zeiten Sturm und Weiter oder Menschenhand an diesem Baum schädigen oder veroerben mögen: eines wissen und bekennen wir heute an Luthers 400. Geburtstag: Die. Lutherlinde kann zugrunde gehen, aber Luther und sein Werk, deß zum Gedächtnis wir die Linde pflanzten, wird dadurch nicht zu Grunde gehen. Gottes Wort und Luthers Lehre vergehen nun und nimmermehr." Hiernach! wurde die Linde in das Erdreich gesenkt, und die Versammlung sang das Lied „Nun danket alle Gott". 'nsßwixq ■Jlltiuiu J101 V3lj lU g v:l r>3tf. UV X3 11U3CU I ‘Cp U V1 Xtx^ pxy%t\% 'QmwouQS WD^p^an \ xio^axß \raQ <5xnr '«SmVU«; ' ' " ^ 1 G L\ - — 184 - an denen eine Kompagnie Soldaten genug gehabt hätte. Dm Gästen, die von außerhalb kamen, wurde noch! eine ansehnliche Portion in ein Weißes Tuch! eingebunden und beim Abschied mitgegeben. Tempi passati! hat einst bei einer gewissen Gelegenheit ein italienischer Diplomat gesagt, das heißt auf deutsch: Zeiten, die vergangen sind! Kam im November der erste Frost, so wurden im Dorfe die ersten Schweine geschlachtet. Frühmorgens drang der durchdringende Schrei der Tiere, die abgestochen wurden, über die Straßen. Jede .Hausschlachtung brachte reges Treiben in das Haus. Die Frauen sorgten für kochendes Wasser zum Abbrühen des Schweines, die Männer halfen im Hofe dem Metzger. Sehr .wspannt erwartete mau das Resultat des Wiegens. Wer das schwerste Schwein schlachtete, dessen Name wurde einen Winter hindurch mit Ehren, vielleicht auch mit Neid, genannt. Es war recht ärgerlich, wenn ein Schwein während der Mästung nicht mehr fressen wollte. Auch der Häfner, von dem ich schon berichtet habe, trachtete darnach, recht viel einzuschlachten, aber er selbst verstand nicht mit der Wage umzugebeu. Da halfen ihm die Nachbarn und, da sie Spaßvögel waren, gaben sie ihm ein bedeutend höheres Gewicht an, als es der Wirklichkeit entsprach. Stolz erhob der gefoppte Mann dann allemale das Hanpt. Um die Mittagszeit wurde das für die Wurst bestimmt,e Fleisch zerkleinert, die Handbeile hämmerten! auf dem Hackklötze, ein Duft von frisch« gekochtem Fleisch, von Pfeffer, Majoran und anderen Gewürzen zog durchs das Haus. Gegen abend kamen die ersten Würste aus dem Kessel, der Tag endete mit der Metzelsuppe. Auch wenn man dabei nicht Uhlands Metzelsuppenlied anstimmte, so war es doch! eine feierliche, oft recht ausgedehnte Mahlzeit, bei der alle Sorten der neu her gestellten Wurst mit Ausnahme des Schwartemagens auf den Tisch kamen und mit Sauerkraut und Salat verzehrt wurden. Bei diesen Vketzelsuppen ivurde übrigens recht viel Interessantes erzählt, namentlich dann, wenn das Essen vorüber war und die Männer die lange Pfeife angezündet hatten. Mit Spannung lauschte man, wenn der Metzger von seinen Erlebnissen tm Mainfeldzuge des Jahres 1866 erzählte.. Er hatte die Schlacht bei Laufach als hessischer Soldat mitgemacht, wo die Preußen durchs die Ueberlegenheit ihres Zündnadelgewehres rasch den Sieg davongetragen hatten. Man war bewegt, wenn man hörte, daß da ein verwundeter, aber später geheilter hessischer Soldat gerufen hatte: Ach, meine alte Mutter! Man sah dieses Gefecht als gewaltig an: denn der Erzähler berichtete, er habe jedesmal, wenn die Kugeln der Preußen über ihn dahinpfif- sen, den Gedanken gehabt: Jetzt nimmt es dich mit! In diesem Weltkriege sind wir an anderes gewöhnt worden, so daß wir den Krieg vor 51 Jahren, der einen sehr raschen Verlauf nalM, mit dem Kriege dieser Jahre gar nicht vergleichen wollen. Der Erzähler, von dem kty hier wiederum erzähle, wurde dann im Gefechte gefangen. Bei dem Rückzüge der Hessen hatte er sich« in ein einzeln gelegenes Gehöft begeben, in dem eine Bierbrauerei betrieben wurde. Die Frau des .Hauses, geängstigt durch den in nächster Nähe sich labspielenden Kampf, bot ihm Kleider eines ihrer. Brauburschen an, wohl in der Meinung, die Preußen würden den hessischen Soldaten auf der Stelle erschießen. Dieser aber lehnte lab. Das Hoftor wurde verschlossen. %acö' einer Weile hörte man draußen Schritte, es wurde etwas unsanft gegen das Tor geklopft, und eine energische Stimme rief: „Sind Oesterreicher oder H essen-Darm- städter da?" Aengstlich zögerte die Frau mit der Antwort, da sagte der hessische Soldat: „Ja, einer ist ba /J und schob den Riegel zurück. Die Preußen — es waren Westfalen — traten ein und nahwen den Hessen gefangen, natürlich!, ohne ihm im geringsten, etwas zuleide zu tun. (Fortsetzung folgt.) kirchliche Anzeigen. Sonntag den 18. November. 2 4. nach Tri nitatis. Gottes di en st. In der Ztadtkirche. Vormittags 9V-> Uhr: Pfarrer Schwabe. — Vormittags 11 Uhr: Militärgottesdienst. Pfarrer Schwabe. — Nachmittags 2 Uhr: Kinderkirche für die M!arkusgemeinde. Pfarrer Schwabe. — Abends 8 Uhr: Pfarrer Mahr. — Abends 8 Uhr: Versammlung der Ortsgruppe des Evangelischen Bundes. Borttag von Pfarrer D. Waitz aus Darmstadt: „Luthers Fortleben im deutschen Volk". — Dienstag den 20. November, nachmittags 4 Uhr: Frauen- mrssronsverein. — Abends 8 Uhr: Vereini- >gung der konfirmierten weiblichen Jugend der Markusgemeinde. — Mittwoch den 21 November, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer Schwabe. In der Iohanneskirche. Vormittags 9Vs Uhr: Pfarrer Ausfeld. — Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Johannes gem einde. Pfarrer Ausfeld. — Abends 5 Uhr: Pfarrer Bechtolsl/eimer. — Mends 8 Uhr: Bibelbesprechung im Johannessaal. — Abends V 28 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Lukasgemeinde. — Freitag den 23. November, abends V 26 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Jo Hannes gemeinde. Verantwortlich : Pfarrer Bechtolsheirner. Druck und Verlag der Drühl'schen Universitäts-Duch-und Steindrucks <- N. Lange. Gießen.