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Die Menschen der Gegenwart sind genau noch so geartet, wie ihre Vorfahren vor drei oder sechs Jahrhunderten,- deren seltsam geformte Kleider wir heute in Museen staunend betrachten, und Bußprediger haben zu allen Zeiten Anlaß gehabt, gegen die Modesucht zu eifern. Kein Einsichtiger wird es tadeln, wenn jemand bestrebt ist, sich gefällig und gut zu kleiden. Unsere aus Polen und Galizien beimkehrenden Krieger wissen das am besten zu würdigen: denn die Menschen, wie sie dort sehen, starren vor SchiNutz und sind in Lumpen gekleidet. Es ist sogar die Pflicht eines jeden Menschen, aus seine äußere Erscheinung Wert ?n legen. Wer achtet Frauen und Mädchen, die liederlich angezogen und un- j gekämmt über die Straße gehen, wer möchte I mit Männern und Jünglingen zu tun haben, ! die wenig oder gar keine Seife verbrauchen? Friedrich Rückert sagt: „Kind, die äußere I Reinlichkeit ist der innern Unterpfand!" Aber bedenke doch jeder, daß die Kleider wahrlich nicht einmal die äußere Schönheit zu schaffen vermögen. Wie oft sieht uns aus kostbarer Umhüllung heraus ein kranker Mensch, ein geistloses Gesicht, ein stumpfer Sinn an! Schönheit im Sinne des .Künstlers ist ganz wo anders zu finden. Schön ist das Schulkind, das im einfachen Kleide, über das die blonden Zöpfe hängen, munter dahinschreitet, schön der Soldat, den das ständige Verweilen unter freiem .Himmel braunrot gefärbt hat, der am selbstgeschnitzten Wanderstabe, beladen mit seinem (Gepäck, seiner Heimat zuschreitet, schön die alte Frau im schneeweißen Haare, aus deren Angesicht uns Milde und Güte entgegensehen. Nimmermehr aber inachen die Pelze, der Goldschmuck, die rauschenden Stoffe die Menschen schön. Kleider gehen einmal in Fetzen und vermodern schließlich. Motten und Rost treiben nach des .Heilands Wort an Schmuck- gegenständen ihr Zerstörungswerk. Ich stand vor kurzem in der Grabkapelle, die^ sich an eine herrliche gotische Kirche anschließr. Tort hat vor beinahe 350 Jahren ein deutsches Herzogspaar seine Ruhestätte gefunden. Ter .Herzog und seine Gemahlin sind ans dem Grabdenkmal in betender Stellung,' die Augen aufwärts zu Gott richtend, dargestellt. Daneben ans einem Tische sind in einem Kästchen, unter Glas und Rahmen, Reste von den Kleidern der Toten zu sehen, einige Stückchen vergilbten Stoffes, Spangen und dergleichen mebr, Dinge, die man bei Erösf- nnng der Gruft gesunden bat. alles Zeichen längst verschwundener 'Herrlichkeit. Darum hat Petrus recht, wenn er den Frauen und damit auch den Männern den Rat gibt: „Ihr Schmuck soll nicht auswendig sein mit .Haarflechten und Goldumhän- gen oder Kleideranlegen, sondern der verborgene Mensch des Herzens, unverrückt mit sanftem und stillem Geist: das ist köstlich vor Gott." Der verborgene Mensch des Her- -ens, das ist der gläubige Mensch, der mit Gott innig vereinigt ist und durch Jesus selig werden will. Er besitzt einen Reichtum, der über alle Güter der Erde geht. Unver- i rückt durch Leid und Freud gebt er seinen t-* il. '^ .'7 1 7X ** ’.y ^naööQr>4uuo miUJm - 150 - Weg. Er weiß, daß Gott ihn führt und nie die Hand von ihm läßt: mit sanftem und stillem Geist begegnet er den Menschen und tut er sein Dagewerk. Der Gottesmensch dieser Art sieht daraus, daß sein Aeußeres immer in Ordnung ist, er gestaltet sein Heini traulich und wohnlich, aber er richtet sich stets nach den Worten Terfteegens: „Schmückt euer Herz aufs beste, Und mehr als Leib und Haus: Wir sind hier fremde Gäste Und ziehen bald hinaus. Wir gehen ins Ewge ein: Mit Gott muß unser Handel Im .Himmel unser Wandel Und Herz und alles sein. H. B. Das Giehener Keformationsfeft des Jahres 1817 In Nr. 1b des „Sonntagsgrußes" vonc Jahre 1010 habe ich einen Artikel veröffentlicht „Das Resormationsfest zu Gießen in den Jahren 1617 und 1717." Am Schlüsse hatte ich auch einige Mitteilungen über das dreihundertjährige Resormationsfest vom Jahre 1817 gebracht, allerdings vorausschicken müssen: „Ueber das Resormationsfest des Jahres 1817 ist uns vvrläusig nichts Näheres bekannt, wir hoffen jedoch, darüber noch etwas in Erfahrung zu bringen." Dieser Wunsch, unseren Lesern gerade jetzt, da das vierhundertjährige Reformationsfest vor der Tür steht, etivas Näheres darüber Mitteilen zu können, ivie ihre Urgroßväter das Fest vor ländert Jahren gefeiert haben, ist unerwartet in Erfüllung gegangen. Herr K o m m e r z i e n r a t Schaffstädt hat nämlich die Güte gehabt, mir Auszeichnungen seines Urgroßvaters, Ioha n n Heinrich S cha f f st ä dt , über dieses Fest zur Verfügung zu stellen. Johann Heinrich Schaffstädt, geboren imJalre 1751, gestorben am l5. Februar 1823, war ein sehr intelligenter, vaterländisch gesinnter Mann, der das Leben seiner Zeit mit regem Interesse verfolgt hat. Da seine Aufzeichnungen nur. für seine Nachkommen und ursprünglich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren, so sind sie stellenweise sehr kurz gehalten. Zum besseren Verständnisse für die Leser unseres Blattes labe icfi einige wenige Worte in den Text eingeschoben, diese Worte aber in Klammern gesetzt. Gleichfalls des besseren Verständnisses halber habe ich die Rechtschreibung der Zeit vor hundert Jahren der heutigen angepaßt. Johann Heinrich (früher schrieb man immer Henrich! Schaffstädt schreibt: „1817, den 31. Oktober, ist allhier so wie in allen -evangelischen Landen das dreihun- dertjährige Reformationsfest drei Tage gefeiert (worden! von wegen unserem Religionsstifter Doktor Martin Luther, da derselbe 1517, den 31. Oktober, aufgetreten ist, -er) hat das Helle Licht des Evangeliums wieder auf den Leuchter der Wahrheit Gottes gesetzt. Hat also das Dunkel und die Jrr- tümer der Pfaffen und Priester, womit sie die Menschheit der damaligen Zeit verführt, (erlMllt). Hat der Mann Luther als Werkzeug Gottes sein Glaubensbekenntnis in Worms öffentlich vor der ganzen Welt abgelegt und zu Gottes El>r bestanden. Dieses Fest, welches wir gefeiert, fiel also der 31. Oktober auf einen Freitag, wo Tags zuvor mit Lautung aller Glocken eine ganze Stunde von 5 bis 6 Uhr der feierliche Tag war angezeigt. Der erste Tag war ein heiliger Tag jedem evangelischen Clwisten, auch wurde das heilige Abendmahl gehalten, der zweite Tag war ein festlicher Tag unserer Schulkinder beiderlei Geschlechtes. Tie Mägdlein alle weiß gekleidet mit grünen Kränzen auf den Köpfen, die jungen Knaben alle Zweige auf den Hüten oder Kappen. Ter Zug der Schillkinder geschah von allhiesigem Rathaus mit ihren Lehrern. Darnach kam unsere Geistlichkeit mit Kirchen- und Schulrat, nach denselben kamen unsere Ratsschöffen nebst Stadtovrstand, auch war unsere ganze Landwehr in Gala und begleitete den Zug mit Gewehr und Waffen. Oben auf dem Trieb mar ein Platz zurecht gemacht, allwo eine junge Eiche gesetzt wurde, welche von den Kindern begrüßt und von Herrn Doktor und Professor Diefenbach den Namen bekommen Luthers Eiche. Von mehreren Herren Geistlichen schöne Reden gehalten dem großen Mann Luther (zu Ehren). Darnach geschah der Zug wieder zurück nach dem Rathaus. Da bekam ein jedes Kind eine große Butterbretzel, waren über 500 Kinder. Des Nachmittags um 3 Uhr war Katechismus lehre in der Kirche. Des Abends ivurde das Rathaus beleuchtet, welches mit schönem Eichenlaubwerk schon etliche TageVzuvor war geziert worden. Ter dritte Tag war Sonntag. Derselbe wurde wie gewöhnlich gefeiert. Und da ich solches niederschreibe, stehe ich in meinem 66. Lebensjahr, um meine Kinder und deren Kinder und Nachkommenschaft von Luthers Fest zu belehren, wenn es in hundert Jahren wieder gefeiert wird, welches geschieht 1917, den 31. Oktober, wer solches erlebt. Noch muß ich meiner Nachkommenschaft melden, daß auf nämlichen Tag viel Gutes und.Hochlöbliches in beiden Religio ns verwandten (heißt so viel als in beiden Religionsgemeinschaften) zugetragen. In den preußischen ganzen Lander: haben die Reformierten und Lutheraner zu einer Neligionspartei sich begeben, welches in mehreren Ländern auch geschehen." Wir haben hier die Beschreibung des Reformationsfestes des Jahres 1817 von einem Gießener Bürger, der augenscheinlich mit innerer Anteilnahme und großem Verständnisse das Fest mitgefeiert hat. Ausführlich schildert Schaffstädt namentlich das Jugend- sest am! zweiten Festtage. Jedenfalls haben es die Vorfällen verstanden, das seltene Fest 0 m « ... n , ^±>v)jiiu:i oci jsqvjjc? ■•) I ita-qupifjaqjuut jiq .lajunjiiu ipuv 3 jJ*tuii(pj • ~ •-* ’* 3 .jt°JJ[CF *T uolrrS uoc> rna , 1JCJ 1 ‘? llo( Pj ( pnv ^ taqiti 3 iu 3 ßu 3 ip - ii } S ‘ -MIQ 33.13 }n IT -• - ^ it3iancu ' - - - . --v . i ‘im of jjvj xo qun i laßurrjffnu aaqv 113.11*01 31 1 01 q qitij. Ol 'uoljTtiu / 'u?j{pi-iiri{nv uen. Tee Zug der mit grünem Laubwerte geschmückten Kinder ist gewiß eindrucksvoll gewesen. Der Herbst 1817 18 stand noch unter den Nachwehen des vorausgegangenen Hungerjahres 1816 17, aber man konnte doch jeden: Kinde aus Kosten der Stadt eine große Butterbretzel schenken, was uns in diesem Jahre nicht möglich i>t. Die Frage erhebt sich, ob wir nicht auch in diesem Jahre, einem schönen alten Brauch folgend, einen Lutherbaum pflanzen sollen, wie das 1817 allerwärts, so auch in Großen- Linden geschehen ist. Die hier erivahnte Gie- ßener Landwelw war 1814 nach preußischem Muster auch in Hessen begründet worden. Es handelte sich in Hessen jedoch nicht um eine Feldtruppe, sondern zunächst nur um eine Art Bürgerwehr. Wenige Jahre nach ihrer Begründung ist die hessische Landwehr wieder ausgelöst worden. Interessant ift der Ausblick Johann Heinrich Schasfstädts, der für seine Nachkommen schreibt, auf das Jalr 11)17 Daß damals allgemein die Union, die Vereinigung der Lutheraner und Reformierten zu einer Kirche, freudig begrüßt wurde, geht aus der Schlußbemerkung hervor. Diejenigen, die das Elend der religiösen Zersplitterung der Evangelischen gefühlt hatten, waren froh, als nach laugen Vorbereitungen das Einigungswerk gelungen war. _ _ Line späte Erkenntnis. In seiner neuesten Schrift „Freie Religion", Vorschläge zur Weitersührung des Reformationsgedankens, kommt Artur Drews, der bekannte Karlsruher Professor, der nachzuweisen gesucht hat, daß Jesus nie gelebt habe ( !), zu der Erkenntnis, daß in den freireligiösen Gemeinden unhaltbare Zustände herrschen, ein Durcheinander der verschiedensten Anschauungen von der schwärmerischsten Mystik bis zur völligen Verneinung aller Religion. Tie „Freie Religion" ist nach seinen eigenen Worten bisher „ein ziemlich unklares' und verschwommenes Gemisch aller möglichen Ideen" gewesen. Jetzt dämmert auch bei Drews die Erkenntnis, daß „religiöse Gemeinschaften dauernd nur durch gemeinsame Ueberzeugungen und grrmdsätzliche Uebereinstimmung in den letzten Fragen, das heißt durch bestimmte Richtlinien ihres Glau * bens, zusammengehalten werden". „Nur eins kann helfen, das Bekenntnis zu bestimmten klaren und verläßlichen Richtlinien des Glaubens". Wie lautet nun das endlich gefundene ,Dogma" der Freireligion? Wir setzen das '.Bekenntnis" vollständig hierher, weil es sich selbst am besten das Urteil spricht: „Ich glaube an Gott, den Träger der Weltordnung und Begründer der- Weltzwecke, den unbedingten allwissenden und allmäch- tigen. in seinem Wesen über Raum und Zeit, in seinem Wirken über die Schranken des Bewußtseins und der Persönlichkeit erhabenen absoluten Geist, das Wissende in allem Wissen, das Wirkende in allem Wirken, das als Wesen aller Wirklichkeit zugrunde liegt. Ich glaube, daß die Well die Erscheinung Gottes ist, die in Raum und» Zeit hiuaus- strahlte, im Lichte des Bewußtseins offenbar werdende Fülle seiner Gedankeii und Kräfte, durch welche Gott im Menschen zum Bewußtsein seiner selbst gelangt, um vermittelst seiner seine Zwecke zu verwirklichen. Ich glaube, daß der Mensch, als bewußtgeistige Persönlichkeit, die Kraft besitzt auf Grund seiner wesenlMften Einheit mit Gott, sich selbst von den Schranken der Endlichkeit, der Schuld und den: Uebel, zu erlösen, durch die hiermit vollzogene Willenseinheit mit Gott an der Verwirklichung der göttlichen Zwecke teilzuuehmen und dadurch zum Frieden zil gelangen, der als solcher Gottes Friede ist." Dunkel ist der Rede Sinn, — so schreibt hierzu die „Evangelische Volkskorrespondenz" — wie ein lebloser Schatten aus der Stu- dierstube eines Philosophen, so mutet dieses Glaubensbekenntnis an. Denken wir nur einmal dagegen an das wuchtige, kraftvolle Glaubensbekenntnis unserer Kirche, das Leben atmet und Leben spendet, dann wird uns der Unterschied so recht klar zwischen einer auf Menschenlehre aufgebauten „Religion" lind der aus Gottes Kraft geborenen Religion des Lebens. _ Aus der Jugendzeit eines deutschen Mannes. (Fortsetzung.) , Wir wohnten noch nicht lange daselbU, so suchte einer der Leute des Pfefserküchler- meisters, besonders wenn ich des Abends wegging, mich anzusprechen und eine Unterhaltung anzuknüpfen. Ich hielt ihn anfangs für einen Gesellen, da er stark und voll aussah, und zwanzig und einige Jahre zählte; es ergab sich aber, daß er noch Lehrling war, der indessen bald ausgelernt hatte. Er hieß Friedrich) Kasimir uiid war aus dem Dorfe Rosengarten bei Frankfurt an der Oder gebürtig, wo sein Vater ein armer Landmann war. Er hatte die Bäckerprofession in Berlin gelernt, war Geselle geworden, hatte aber an der Bäckerei keinen Gefallen gefunden und sich deshalb entschlossen, Pfefserküchler zu werden, weshalb er als Lehrling bei Mühke eingetreten war. Er besaß sehr dürftige Schulkenntnisse, wie sie seine Dorfschule gewährt. Aber er hatte eine natürliche Beredsamkeit und einen gesunden Verstand, der freilich durch eine unendlich lebhafte Einbildungskraft weit überwogen wurde Dabei war er gutwillig, dienstfertig, oft bis zum Exzeß, lebhaft entbrannt für alles Edle, Schöne'und Gute, das er gar zu gern in der We't verwir'licht. wie das Schlecht- und Böse abgestellt gesehen hätte. Mit seiner über- 'Aw ■uovvxvh. xxi ^auvusww 'Vovw n \ V \>o2v' V • \'VuoVv»äia^ JM«n oi.91 K^wa« u.n\M~ «,nvvvvvU«^.>A x.wj ?tt« X ^' '\)aS- mi HSSSSq ''^oV puU — L*\ - - 152 - kräftigen Phantasie vereinigt, trieben ihn diese an sich lobenswerten Eigenschaften gar- leicht bis zur DonguixoterW. Durch daS Lesen vieler guten Schriften hatte er sich treffliche Grundsätze angeeignet, hatte ein reines Gemüt, und die Lektüre eines guten Buches gewährte ihm einen Gen uh, den er jedem anderen vorzog. Vorzugsweise war es die schöne Literatur, die ihn fesselte; wissenschaftliche Bücher interessierten ihn nicht; von i den Sprachen wußte er nichts: und selbst das Deutsche richtig sprechen oder schreiben zu lernen, war ihn: mühsam, und grainma tikalische Begriffe wollten nicht in feinen Kopf. Tie Dichter aber galten ihm unendlich viel. Seine guten Eigenschaften führten mich ihm näher. Wir kamen oft zusammen und sprachen über vielerlei, am liebftcn aherüber Geistesprodukte unserer großen Poeten und Prosaisten, von welchen er bereits sehr viele kannte, und aus welchen er mit einem überaus treuen Gedächtnisse lange Abschnitte mit flammender Begeisterung deklamierte, stets mit richtiger Betonung und guter Mimik, da er viel Schauspieler-Talent besaß. Mit einen: Enthusiasmus sondergleichen hing er an dem auch von mir sehr hoch- geschätzten Propst Haustein. Jü jeder seiner Predigten nahm er ihm gleichsam das Wort von der Lippe, und wenn er nach .Hause kam, wußte er die ganze Predigt selbst mit den eigentümlichen Redewendungen und Ausdrücken wiederzugeben. Kasimir zeigte zugleich eine so reine Gesinnung, so treffliche sittliche Grundsätze, die er besonders aus dem Studium der Gellertschen Schriften geschöpft hatte, ihn widerte alles Gemeine und Un- z edle so sehr an, daß man ihn liebgewinnen j mußte und bedauerte, daß ein solcher Edel- I stein im Kehrichthaufen lag; denn seine ganze > Umgebung, mit welcher er den Tag über umgehen mußte, war die Gemeinheit selbst. Bei den Gesellen galt er deshalb für einen Narren, und von ihrem Standpunkte aus gesehen, hatten sie recht. Als der Sommer gekommen war, gab es wenige Abende, wo wir nicht'in der Dämmerung' oder nach dem Feierabend auf dem Flure unter der Treppe saßen und uns unsere Ansichten und Lebenserfahrungen mitteilten oder das Werk irgendeines Heroen unserer Literatur zum Gegenstände unserer Betrachtungen machten. Wir redeten uns oft förmlich in die Begeisterung hinein und verlebten auf diese Weise viele erhebende und genußreiche Stunden. Des Sonntags machten wir gemeinschaftliche Spaziergänge, doch nicht gerade um Menschen zu sehen, und bald waren wir die innigsten Freunde, die jeden Genuß miteinander teilen mußten. So besaß ich denn, was ich lange gesucht hatte, einen Freund ? — Wenn dadurch von der einen Seite ein heiterer Lichtblick in mein Leben schien, so fiel von der anderen ein tief dunkler Schatten hinein. Meine arme Mutter ging sehr bösen Tagen entgegen: sie war an einem Krebsleiden erkrankt und mußte operiert werden. In der zweiten Hälfte des September fand die Operation statt, der ich beiwohnte. Ich beschreibe sie nicht, denn noch immer tut mir das .Herz weh, wenn ich daran deüke. Nie in meinem Leben ist niir so furchtbar zu Mute gewesen. Es wurde mir schwarz« vor den Augen; das Zimmer drehte sich mit mir, und ich war im Begriffe umzusinken, als einer der jüngeren Assistenten, deren mehrere dabei waren, hinzusprang und mir ein Glas Wein einflößte. (Fortsetzung folgt/' Uleine Mitteilungen. Unter den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges hatte auch das Städtchen Meisenheim am Glan, unweit der jetzigen rheinpreußischen und rheinbayerischen Grenze gelegen, zu leiden. Die Sitzungsprotokolle des dortigen Presbyteriums (Kirchenvorstandes) geben davon Kunde. Rührend und wie eine schmerzliche Klage lautet folgende Stelle aus dem Protokoll' vom 6. Februar 1642: „Ist auch von den Censoren (Kirchenvorstehern) vor gut angesehen mtb nach Beredung beschlossen worden, daß hinfüro in den gewöhnlichen Betstunden, sonderlich nach dem Gebet, jedesmal ein Gesetz (Vers) aus dem Gesongk: „„Gieb Fried zu unserer Zeit, o Hem!"" gesungen werde." Wie entspricht die Bitte „Gib Fried zu unserer Zeit, o Herr!" jetzt auch unserer Gemütsverfassung ! _ Kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 23. September. 16. nach Trinitatis. G o t t e s d i e n st. In der Ztadtkirche. Vormittags 8 Uhr,. zugleich Christenlehre für die Neukonfirmierten aus der Markusgemeinde Pfarrer Schwabe. — Vormittags 9y 2 Uhr: Pfarrer Mahr. — Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeinde. Pfarrer Mahr. In der Johanneskirche. Vormittags 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmier- l ten aus der Johannesgemeinde. Pfarrer i Ausfeld. — Vormittags 9y' 2 Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. — Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde Pfarrer ! Bechtolsheimer. — Nachmittags 2 Uhr: Im ; K o n f i r m a n d e n s a a l (Liebigstraße 56) Taubstummengottesdienst. Pfarrer Bechtolsheim er — Abends 8 Uhr: Bibelbesprechung im Johann es aal. — Mittwoch, den 26. September, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. ! Pfarrer Bechtolsheimer. Der.'ntwortNch : ae. Giehen.