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Am Jahre 1876 waren hier die Mitprediger Drescher und Mitzenius angestellt. Das heutige Polizeigebäude in der Weidengasse war damals Schule für die höhere Mädchenschule, es können in diesem Gebäude jedoch nicht alle Klassen untergebracht gewesen sein. Dieses Schulgebäude war im Zentrum der Stadt gelegen, auch außerhalb der Schulstunden sammelten sich dort die Kinder. Deren Betragen wird in einem „an löblichen Schulvorstand" gerichteten „Eingesandt" des „Gießener Anzeigers" vom 2. Mai 1876 mit folgenden entrüsteten Worten geschildert: „Wir erlauben uns, auf einen Unfug hinzuweisen, dessen Beseitigung ohne Schwierigkeiten möglich ist. Iw dem Hofe der höheren Mädchenschule in der Weidengasse pflegt sich nach Schluß der Schulen die Elite der Neuenweger und Neuenbäuer Straßenjugend zu versammeln. Kinder haben bekanntlich die nichts weniger als angenehme Eigenschaft, daß sie bei ihrem Spielen nicht sprechen, sondern schreien, nicht rufen, sondern brüllen. Auch die Belustigungen der genannten Gesellschaft, die oft über 30 Köpfe beträgt, werden unter obligatem Gebrüll ausgeführt. Denkt man sich dazu das widerliche Gekeife zankender Dienstboten und das Jammern der Säuglinge, die das Unglück haben, jenen anvertraut zu sein, so kann man sich eine Vorstellung von dem Lärme bilden, der in dem genannten Hofe tagtäglich herrscht. Und dieser Höllenspektakel dauert, bis die Sonne sinkt. Wir verzichten darauf, die Lage der unglücklichen Nachbarschaft zu schildern, die zum stundenlangen Anhören dieses Getöses verurteilt ist: sie protestiert entschieden dagegen, noch länger einem derartigen Attentate auf die Nerven nusgesetzt zu sein. Man würde aber irren, wenn man glaubte, die kleinen Unholde beschieden sich bei der bloßen Erprobung ihrer Lungen. Im Gegenteil entwik- leln die jungen Bürger Gießens auch im Demolieren der Geländer, Spaliere, Mauern eine beneidenswerte Geschicklichkeit. Noch iüngst wurde eine Schulbank, die im Hofe stand, zerschlagen und in zwei Teile zerbrochen Angesichts dieser Zustände richteu wir an die betr. Behörde die dringende Bitte, den Schuldiener zu ermächtigen, durch Schließen des Tores den Zutritt unmöglich zu machen, eventl. jeden, der sich unbefugt im Hofe aufhält, hinauszuweisen." Man sieht: schon damals bewährte sich das Sprichwort, daß Jugend keine Tugend bat. An Privatschulen gab es damals eine Lehranstalt, die von Dr. Dieckmann, der vor mehreren Jahren als Pfarrer in Rodheim vor der Höhe gestorben ist, geleitet wurde. Eine zweite Privatschule besteht heute noch und wird wie damals von Herrn Dr. Kübel geleitet. Frau Witwe Diehm und Fräulein Lina Rahn hatten Schulen für Mädchen eingerichtet. Auch gab es damals schon einen Kindergarten, den ein Fräulein Hulda Fritsch leitete. Ganz altertümlich und unmodern mutet uns die Anzeige an, die dieses Fräulein bei Eröffnung ihres Kindergartens in die Zeitung gebracht hat, sie lautet: „Aus warmer Hingabe für meinen Beruf der Erziehung fühle ich Mich veranlaßt, hier in Gießen die Lücke einer notwendigen Erziehungsanstalt auszufüllen durch die Gründung des Fröbelschen Kindergartens, der sich ja nunmehr weit und breit Raum verschaffte und auch hier nicht verfehlen wird, genügende Anerkennung zu erlangen. Sollten Eltern dennoch Anstand nehmen, mir als total Fremden ihre Lieblinge anzuvertrauen, so ist dies leicht verzeihlich, doch ich hoffe, diese Zweifel bald in den Hintergrund zu drängen, wenn man mich als wirkliche Vertreterin der güten Sache der Anstalt vorstehen sieht." 3. Das kirchliche Leben. Das kirchliche Leben der evangelischen Gemeinde Gießen bewegte sich in den 70 er Jahren noch in den Bahnen, die es schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts eingeschlagen hatte. Die großen Neuordnungen kamen hier erst in den 80 er und 90 er Jahren. Noch war die Kirchen gemeinde, die allerdings kaum ll OOO Seelen umfaßte, noch ungeteilt. Sie besaß nur ein Gotteshaus, die Stadtkirche, die allerdings damals mehr Besucher faßte als heute, da über der jetzigen Empore noch eine zweite Empore angebracht war. Es gab damals in unserer Stadt nur zwei definitiv angestellte Pfarrer, das waren zu Beginn des Jahres 1875 Pfarrer lind Dekan Gustav Landmann und Pfarrer Dr. Wilhelm Seel. Landmann wohnte in dein jetzigen Pfarrhause der Matthäusgemeinde, Seel in dem der Johannesgemeinde, die bei den übrigen Pfarrhäuser sind erst vor ungefähr 12 Jahren erbaut worden. Landmann ist am 7. August 1875 im Alter von 57 Jahren gestorben, Seel trat im Jahre 1879 in den Ruhestand, nachdem er schon einige Jahre zuvor anscheinend infolge von Kränklichkeit nur einen Teil seiner Amtsobliegenheiten verrichtet hatte. In den Jahren 1875 bis 1880 lag die Versetzung des kirchlichen Dienstes wesentlich in den Händen zweier jungen Geistlichen, des Pfarroerwal- ters Schlosser und des Pfarrvikars Schöner. Daneben waren, wie schon oben bemerkt ist, die beiden Mitprediger niit kirchlichen Funktionen betraut. Auch Stamm und Buchhold unterstützten die Geistlichen im Predigen. Sonntäglich fanden zwei Gottesdienste statt: die Stunden werden in den kirchlichen Nach- > oiUarrtx? x-Z) luuuuojjq hi j itj® pjajeiqiu upponni luUaG.xba xaqaaht Cpiv.i 33 P a ' "- X3 Q mir 'iioqotf; IDQ ir/u crun pnonvij .u/;x / un(t$" .talnncfxv i(ß SVQ Quu iuGoji.ua qjolj .in? lpi jjSjxit fi jnuuj; .uiinat jcjjiu' o jiiuj.iv / jwcjjjoijiv.'rg) ' .uq uixrvf eirx? vovai ol luloai Quit" 'jaget!iio ipi icn.t luirCj-g itoa GuirjQiitH/ bß ßijlpiluio iuq.ioq.nf; jiq lu.ivtff. -q.it.ij f-r.t — - 119 - richten nicht angegeben, es war aber der Vor-! mittagsgottesdienst um i^lO, der Nackmit- > tagsgottesdienst um 2 Uhr. Da die heutige! Einteilung in vier Kirchengemeinden, von denen jede, ihren Pfarrer besitzt, der in die- j sein Bezirke alle Amtshandlungen verrichtet, i erst im Jahre 1892 verwirklicht worden ist.! so hatten die Geistlichen abwechselnd ihre „Woche", in der ihnen alle Amtshandlungen | zufielen. In früheren Jahren mußten von den Gemeindegliedern für die Verrichtung von Taufen, Trauungen und Beerdigungen Gebühren bezahlt werden. Eine Bekanntmachung des Kirchenvorstandes vom 5. Aug. 1876 teilt mit, daß vom 6. August 1876 an alle Amtshandlungen völlig gebühren- und kostenfrei würden vollzogen werden. Tie Konfirmationsfeiern fanden regel-! mäßig am 2. Pfingsttage für die Knaben, am > Trinitatissonntage für die Mädchen statt, es waren jedesmal die Kinder der ganzen Stadt I vereinigt. In der Ankündigung der Konfir-! mationsfeier wurde gebeten, die zehn vorderen Bänke für die Angehörigen der Kinder j frei zu lassen. (Fortsetzung folgt.) Aus der Jugendzeit eines deutschen Mannes. (Fortsetzung.) Ich durfte des Abends kein Licht auf den Boden nehmen, sondern mußte mich im Finstern aus- und antleiden. Das hätte wenig geschadet, aber ich schlief nicht viel besser, als im Freien. Wenn es schneite, mußte ich den Schnee von Kopfkissen und Deckbette abschütteln: bei starker Kälte fror das Bette vor meinem Munde steif. Das Schlimmste aber waren die Zeiten, wo der ganze Boden voll nasser Wäsche hing, durch welche ich mich im Finstern oft kaum lsindurchfinden konnte und dann während des Schlafes von ihr rings umher dicht umgeben war. Bei nasser Witterung hing die Wäsche oft wochenlang, ehe sie trocknete, und so lange hatte! ich die Pein, so zu schlafen. Dieser schrecklichen Schlafstelle schreibe ich es zu, daß ich damals und noch lange nachher im Winter den Schnupfen nie losgeworden, und so lange eine blasse Gesichtsfarbe hatte: ja, unmöglich wäre es nicht, daß viele spätere chronische Katarrhe, an denen ich zu leiden hatte, nur eine Folge jener wahrhaft empörenden Behandlung waren, die völlig geeignet gewesen wäre, lebensgefährlich für Mich« zu werden. Zu alledem kam ein neues Nebel. Ich hatte sehr viel zu vergolden: dabei mußte ich nicht allein die giftigen Quecksilberdämpfe einschlucken, weil nicht die geringste Veranstaltung getroffen war. mich dagegen zu sickern, sondern ich mußte auch die Hände, die eben im Feuer gewesen waren, mit den vergoldete Sachen in kalre Bierneigen bringen und sie dann, ohne sie vollständig trocknen zu können, der lalten Luft und daran, wieder dem Feuer aussetzen. Diese stete 9(b Wechselung von Hitze, Kälte, Trockenheit und Nässe war nicht zu vermeiden. Schon im November liatte ich an beiden Händen all- Finger, mit Ausschluß der beiden Daumen, erfroren. Ich versuchte Mittel dagegen an zuwenden: sie lxllfen nicht und konnten nicht lselfen, da ich die Finger nicht schonen durfte und dieselben Ursachen dieselben Uebel wieder erzeugten. Alle Finger brachen auf und sin gen unter luftigen Schmerzen an zu eitern. Zwar band ich! Lappen UM, allein täglich mußte ich sie wieder lösen, weil ich! ebmso arbeiten müßte, als hätte ich' die gesundeste,'. Finger von der Welt. Auch nicht eine Spur des Mitleidens oder Mitgefühls äußerte sick. wohl aber Unwillen über- meinen Zustand und Aeußerungen des Ekels. Um aber das Maß des Leidens voll zu machen, bekam ich auch noch einen Kops ausschlag, eine Krankheit, welche ehedem' viel häufiger war >als jetzt und an welcher ich schon früher mehrfach gelitten hatte. Es war dies ebenfalls ein höchst lästiges und wider ivärtiges Uebel, sowohl an sich, als auch in bezug auf die damit verbundenen Folgen. Vier Jahre lang habe ich alle Winter- erfrorene und aufgebrochene Finger gehabt, wie ich sie nie wieder gesehen, und habe viel dabei gelitten. An Mitteln dagegen ließ ich es nicht fehlen: welches von ihnen eigentlich geholfen hat, ist schwer zu entscheiden. Im November waren meine Stiefel in so kläglicher Verfassung und die Sohlen so durchlöchert, daß sie den flüssigen Straßen müder ohne Schwierigkeit hindurchließen. Ick besaß nicht die Mittel, dem abzuhelfen. Besonders an den finsteren Abenden, an we! chen ich die Großmütter von weit entfernten Punkten abholen und nach Hause begleiten müßte durch die sehr schlecht beleuchteten und noch Mit keinem Trottoir verseigenen Stra ßen, war dieser Umstand überaus lästig. M'an wird mir nach alledem wohl glauben, daß ich die Herbigkeit des Winters in ihrer ganzen Schwere und mehr, als man sich vor stellen kann, schmecken mußte. Wie wenig weiß der Reiche und Wohlhabende in seiner mit allem Komfort ausgestatteten Wohnung von den schrecklichen Plagen, Mit welchen der grausame Winter so viele Tausende von Armen ünd noch dazu solche,, die nicht einmal dafür gelten, heimsucht! Wird man es mir ' verdenken, daß mir noch jetzt, wenn ich im Herbste an die herannahende Wiederkehr de-o Winters denke, jedesmal unbehaglich zu Mute wird und mir der Winter sehr verhaßt ist? Wer ihn mit Freuden erwartet, der kennt ikln wahrlich nicht. Ich wurde des Sonntags nachmittags zuweilen veranlaßt, mit der Familie auszu- geben. Lieber aber blieb ich zu Hause, denn bei den Spaziergängen konnte ich mich büch stens mit den Kindern beschäftigen, von YUY YYXX Y;\Y\qyv^ 'X ^\uuy WYYYUUVP *Ä5. V«\Yim^ YS<; YY\ W»\ YVW^ ^CI. V^v-, .>\\UVVyy^P<1T>^CCs *'9 '5 UU ' >X ';,nA \ -\T>5\5, 3.YQ • YYUY\VX>YYYYtfik^Ö V-YKJ * Y\Ä\\Up<2) OY-^VS. 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Um alle diese Uebelstände zu beseitigen, entwarf man den Plan 1. zur Schleifung der Stadt, 2. zur Entsumpfung der Stadt und 3. zur Anlage einer Straße über den Seltersberg. Diese Pläne wurden in einem Zeitraum von fünf Jahren (1816—1821' ausgeführt. Bei Ausführung der Straße über den Seltersberg wurde die sogenannte kleine Mühle, welche sich am Einflüsse der Wieseck in die Lahn befand, angekauft und das Wehr abgebrochen. Die Wieseck konnte nun tiefer gelegt und in ihr jetziges Bett geleitet werden. Dieses bewerkstelligte die Entsumpfung der Stadt außerhalb im Wiesecktale. Die Entsumpfung im Innern der Stadt wurde durch die Anlegung des Stadtgrabens und Regulierung der sogenannten Bach herbeigeführt. * Am Samstag, dem 21. Juli, wurden aus unseren beiden Kirchen je die kleinste Glocke herabgenommen und an die Militärbehörde nbgeliefert. Man hat das Fehlen dieser Glocken an dem Geläute nicht weiter wahrgenommen. Wir wollen froh sein, wenn es bei dieser Beschlagnahme bleibt und wir die übrigen Glocken behalten können. Die beschlagnahmten Glocken lassen sich nach dem Kriege wieder leicht ersetzen. Am Montag, dem 23. Juli, wurden aus beiden Kirchen auch die Pfeifen am Prospekte (der Vorderansicht) der Orgel entfernt und abgeliefert. Die Orgeln bieten infolgedessen keinen schönen Anblick, doch hoffen wir, daß das Orgelspiel, wenn auch mit gewissen Einschränkungen, weiterhin den Gottesdienst feierlich gestalten kann. _ kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 29. Juli. 8. Nach Trinitatis. G o t t e s d i e n st. In der Ztadtkirche. Vormittags 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmierten aus der Markusgemeinde Pfarrer Schwabe. — Vormittags 9y 2 Uhr: Pfarrer Mähr. — Mittwoch, den 1. August, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer Mahr. In der Iohannerkirche. Vormittags 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmierten aus der Johannesgemeinde Pfarrassistent Lic. Reuning. — Vormittags 9h4 Uhr: Pfarrer Bechtolsheim er. — Abends 8 Uhr: Bibelbesprechung im Johannessaal. Verantwortlich- Pfarrer Bechtolsheim er. Druck und Verlag der Driihl'schen Universitäls-Vuch- und Steindruckerei R. Lange. Bietzen.