r -~r- Nr. 27. Gemeinöeblatt süröie evangelische Kirebengememüe Gieszew Gießen, Sonntag 5. nach Trinitatis, den 8. Juli 1917. 6. Jahrgang Deutsches Volk, verzage nicht! Psalm 27, 1 u. 3. Der Herr ist mein Licht und mein heil: vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft: vor wem sollte mir grauen? Wenn sich schon ein Heer wieder mich legt, so fürchtet sich dennoch mein Herz nicht: wenn sich Krieg wider mich erhebt, so verlasse ich mich auf ihn. wir senken in all den schrecken und Stürmen des tobenden Krieges zuweilen zurück an das Schicksal, das unser Vaterland im Dreißigjährigen Kriege betroffen hat, das die Feinde unserem Volke jetzt wieder bereiten möchten. Da waren die deutschen Gaue eine öde Wüste, viele Dörfer verschwanden vom Erdboden und versanken in Bsche und Staub. Das werk des deutschen Helden von Wittenberg schien dem sicheren Untergange geweiht zu sein. 3m Jahre 1629 forderte der Kaiser Ferdinand II. in dem berüchtigten Be- stitutionsedikt von den Protestanten die Rückgabe aller seit dem passauer Vertrag von 1552 in ihren Besitz gekommenen Güter an die katholische Kirche. Die Durchführung des Ediktes wurde sofort unternommen, und die Sache der Evangelischen schien verloren. Immer mehr schmolz die Zahl der Bekenner des reformatorischen Glaubens zusammen. Zuletzt war nur noch ein kleines Häuflein übrig. Und doch: ,»Verzage nicht, du Häuflein klein!" So hat der Pfarrer Blten- burg in seinem bekannten Siede, das auch in unserem Gesangbuch zu finden ist, gerufen. Er spricht der stark bedrohten evangelischen Kirche Mut zu. Es ist ja Gottes Sache, für die sie kämpft, und „er wird durch einen Gideon, den er wohl weiß/dir helfen schon, dich und dein Wort erhalten." Diese Verse schrieb der Dichter, wie aus neueren Forschungen hervorgeht, im Jahre 1629, als die evangelische Sache tatsächlich verloren schien. Und ein Jahr später hat Gott den Gideon gesandt, den Schwedenkönig Gustav Bdolf, einen frommen Protestanten, der seinen schwerbedrängten deutschen Glaubensbrüdern zu Hilfe eilte und sie vor dem sicheren verderben rettete. Können wir diese Verse nicht auch auf die Gegenwart anwendea? Kuch unser deutsche- Volk mit seinen wenigen Bundesgenossen ist ein kleines Häuflein gegenüber der Welt, die gegen uns steht, wir wollen es uns nicht verbergen, es ist doch eine sehr schwere Lage, in der wir uns befinden. Buch unsere Zeinde sind willens, uns gänzlich zu zerstören, und suchen unfern Untergang, ,,sie suchen" unser Vaterland ZU zerstückeln, wenn wir daran denken, was alles gegen uns aufgeboten wird, wie unsere Feinde weder Gut noch Blut scheuen, um ihre Vernichtungspläne zu verwirklichen, so kann uns wohl angst und bange werden, auch wenn wir keine verzagten Gemüter sind. Bber doch gilt es für unser deutsches Volk heute: verzage nicht! Gott hat es oft schon wunderbar erwiesen, daß er helfen kann. Er hat es erwiesen auch im Dreißigjährigen Krieg, wo schließlich die Sache Luthers doch zum Siege gelangt ist' er hat es auch erwiesen im Siebenjährigen Krieg, in der Zeit der tiefsten Erniedrigung des deutschen Volkes durch die drückende Fremdherrschaft des korsischen Gewalthabers und im Jahre 1870. Buch jetzt wird er uns den Gideon senden, der uns aus der schweren Lage befreit, vielleicht eher, als es menschlichem Ermessen nach den Bnschein hat, jedenfalls aber zur rechten Zeit. Er weiß es am besten, wann der Bugenblick gekommen ist, dem Tode Einhalt zu gebieten, der schon seit drei Jahren auf den Schlachtfeldern in Ost und wes^Glutige Ernte hält. Noch in einem anderen Sinne gilt uns der Nuf des Dichters Bltenburg. wir stehen im Neformationsjubeljahr 1917. Bllerorten rüstet der evangelische Teil unseres Volkes trotz des Ernstes der Zeit zu einer würdigen Feier. Bber wenn wir auf den Glaubensstand der Glieder unserer evangelischen Kirche auch in vielen Städten und Landgemeinden blicken, so scheint uns oft recht wenig erhalten zu sein von dem großen Gut, das Luther und die anderen Großen uns geschenkt haben. Ueberblicken wir die Zahl unserer sonntäglichen Gotteshausbesucher, das ist wahrlich oft nur ein kleines Häuflein. Die Feinde sind auch hier am Werk, das große Gut der Reformation zu zerstören. Doch verzage nicht, du Häuflein klein! welch unendliche Kraft haben die Keformatoren durch ihren starken Glauben gehabt ! wie hat Luther tapfer standgehalten in Worms vor Kaiser und Reich ! Da ist der Geist seines Schutz- und Trutzliedes zum Busdruck gekommen: „Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen." Darum laßt uns treu festhalten an dem großen Erbe der Väter und dann ist Gott auch unsere feste Burg, dann verzagen wir nicht. Dann ist Gott mit uns und wir sind mit Gott. Dann erlangen wir den Sieg, vor allem über den — 106 — inneren Feind des deutschen Volkes, und können darum auch unseren äußeren Gegnern gerüstet entgegentreten. Das ist der Geist, den unser Volk in dieser doppelten Reziehung braucht im Jahre 1917, der Geist des echten Soldatenliedes: verzage nicht, du Häuflein klein, dieses kurzen, mutigen Schlachtgesanges. Gott schenke und erhalte uns diesen Geist, diese feste Zuversicht! £ic. Reuning. A- Aus einem alten Gießener ttirchenbuche. «Schluß., Mancherlei, das zeitgeschichtlich und kulturgeschichtlich interessant ist, ist in unserem Kirchenbuche zu lesen. Rm 17. Oktober 1693 wurde zu Grabe getragen ,,Katharina, hanß Melchiors Dappers, Rürgers und Schneiders zu Rraun- felß Tochter (die sich bep dem Scharfrichter allhier wollte kurieren lassen), alt 16 Jahr." Rach dieser Notiz hat sich der Scharfrichter im Rebenamte, da er im Hauptamte glücklicherweise nur selten etwas zu tun hatte, mit Kurpfuscherei abgegeben. hat doch das Volk in alter Zeit den Scharfrichtern geheimnisvolle Kräfte und allerhand Zauberwirkungen zugetraut. Mit welchem Erfolge in diesem Falle der Scharf- richter kuriert hat, geht aus unserer Notiz hervor. Mitunter wird auch die Krankheit mitgeteilt, der die verstorbenen erlegen sind. 3n dem nämlichen Jahre, da dem Gießener Scharfrichter die Heilung des Rraunfelser Mädchens mißglückte, starb ,,des Soldatens Stolhenhagens Frau, welcher das Krebs das Gesicht verzehrt", viele Jahre später, nämlich 1755, starb die 50jährige Tochter eines Musketiers, ,-welche in die elf Jahre die fallende Zucht gehabt, und da sie schon einmal unter einem paroxpsmo (Rnfall, in den Mallgraben gefallen, aber glücklich wieder daraus gerettet worden, so ist sie am achten Tag dieses Monats (Rpril,, da sie Violen brechen wollte, abermal hineingesunken und also elendiglich ertrunken." von einigen sehr alt gewordenen Leuten berichtet das Kirchenbuch. Rm 28. Februar 1752 wurde ,,Jungfrau Maria Margarethe Guthin, Tochter des weiland Kriegskommissars Guth" beerdigt, hinter der Rngabe ihrer Personalien findet sich die Remerkung: ,,Da die Kirchen-Rücher ihres Geburtsortes den entstandenem Rrand umkamen, so kann man um deswillen und in Ermangelung naher Rnverwandten von ihrem genauen determinierten Rlter nichts Zuverlässiges melden. So viel aber weiß man, daß sie nach der Russage ihrer längst verstorbenen Geschwister anno 1600 und etlicher 40 gebohren worden, mithin ihr Rlter gebracht hat auf ohngefähr 105 Jahr." Fünf Jahr später wird der Kriegskassediener Johann Peter Nonberger aus Kurbapern im Rlter von 94 Jahren und 4 Machen zu Grabe getragen, von ihm heißt es: ,,Dieser verstorbene Mitchrist war zwar in der römisch- katholischen Religion gebohren und erzogen, aber nach seinem Rekenntniß auf seinem Sterbebette hat er sich zu den Grundsätzen unseres lutherischen Glaubens gekehret, das Verdienst guter Merke und die Vorbitte (Fürbitte, der heiligen und dergleichen mehr widerrufen." von diesem im hohen Greisen- alter in das Grab gesunkenen Manne heißt es, daß er schon im Jahre 1685 unter einem kurbaperischen General bei der Entietzung von Mien und der Relagerung von Relgrad zugegen gerne,en sei. Mie in diesem Falle, so wird noch öfters von verstorbenen erwähnt, baß sie sich noch auf dem Sterbebett dem lutherischen Glauben zugewandt haben. Rus dem Jahre 1727 wird gemeldet, daß ein Soldat aus Okriftel sich noch vor seinem Ende „aus eigener Rewegnuß von der papistischen zur evangelischen Religion bekannt" habe. Rn diesen Re- kehrungen auf dem Sterbebette, in denen sich das damalige Luthertum gefallen zu haben scheint, wird niemand Gefallen finden. Man hatte es, wie es scheint, im 17. und im 18. Jahrhundert von der katholischen Kirche gelernt, Menschen, die nicht mehr ihre volle Entschließungsfreiheit hatten, für die lutherische Kirche zu „retten". Daß der 94jährige Greis das Verdienst der guten Merke und die Fürbitte der heiligen widerrufen habe, ist mehr als merkwürdig, vermutlich hat er zu dem, was ihm vorgesprochen wurde, nur ja gesagt. Rn der Rrt dieser Remerkungen über den Glaubenswechsel sterbender Menschen erkennt man leider eine große Intoleranz. Diese Intoleranz erreicht ihren Gipfel in einem Einträge des Sterberegisters der Stadtkirche aus dem Jahre 1665. Da wird am 4. Rpril als beerdigt angeführt „Felix Schmidt, Ruchdruckers Gesell, bürtig aus Zürich im Schweitzer Land, war der reformirten Religion zugetan, hat sich aber vor seinem Ende bekehret und sich zu unserer allein Seeligmachenden Religion begeben." In dieser Remerkung ist noch eine Nachwirkung des Trotzes zu spüren, den Luther 1529 auf dem Religionsgespräche zu Marburg dem Züricher Reformator Zwingli entgegensetzte, als er ihm sagte: Ihr habt einen anderen Geist! Sind doch in vielen deutschen Landesteilen, namentlich auch in der Pfalz, die Streitigkeiten zwischen Lutheranern und Reformierten viel heftiger gewesen als die Streitigkeiten zwischen Lutheranern und Katholiken. Es war keine Ruhmestat der Gießener Geistlichkeit, den kranken Ruchdrucker aus der Schweiz noch auf seinem Sterbebette „bekehrt" zu haben. Zweimal hatte Gießen im 18. Jahrhundert unter der Einwirkung kriegerischer Ereignisse zu leiden. Das geschah erstmalig während des Siebenjährigen Krieges, vom 11. bis 27. Dezember 1759 wurde die Stadt durch englische und deutsche Truppen blockiert, vorher hatten die Franzosen 15 Wochen lang in Gießen gelegen, sie zogen sich nun nach Rutzbach zurück. Rm 28. Dezember kamen sie wieder, und die Rlliierten rückten nach Marburg ab. Die Stadt Gießen wurde bis Ende Januar 1760 eingeschlossen. Da heißt es nun im Sterberegister: „In währender Rloquade wurden die mit einem roten Sternlein in diesem Ruche bezeichneten verstorbenen in der Stadt beerdigt, und zwar hinter der Rurgkirche in einem engen Raum, der nicht wol dazu gelegen war. Dieses habe in memoriam posteritatis (zur Erinnerung für die Nachwelt) aufzeichnen wollen." Diese Remerkung trägt die Unterschrift: „Joh. Ehristian Dietz, Pfarrer an der Rurgkirche." Es waren im ganzen 11 Personen, die damals niemand nach dem jetzigen Rlten Friedhöfe zu bringen wagte. Im Jahre 1759 wurde in Gießen der Soldat eines französischen Regiments beerdigt, „welches dermalen wegen des im Teutschen Reich entstandenen Krieges in unserer vestung einquartiert lag." Dieser französische Soldat war eigentümlicherweise aus Danzig gebürtig. Im September 1796 lagen die Franzosen wieder vor der Stadt, und Sibylla Rreidenstein, die Witwe eines Professors, fand ihre Ruhestätte in (das soll wohl heißen neben, der Rurgkirche. von einem bedauerlichen Unfall berichtet ein Eintrag aus dem Jahre 1786. Es starben die beiden Soldaten, der Musketier Johann Ferdinand Stöhr und der Konstabler Johann Henrich pimber. Es heißt da: „Reibe wurden den 2. Januar bei der Durchreise der Landgräfin von Hessen- Darmstadt von einer Kanone zerschmettert. Sie hatten eine Ladung Pulver hineingebracht, als sich dieses entzündete und sie vermittelst der in Händen habenden Schaufel an Rrmen, 107 — Beinen, Brust und Gesicht auf das erbärmlichste zerschlug und mit Pulver verbrannte/' Die beiden unglücklichen Männer lebten noch einige stunden. Mancherlei Berufsarten werden in dem Kirchenbuche erwähnt, die man heute entweder gar nicht mehr hat oder unter einer anderen Bezeichnung kennt. 1707 starb „Peter Gardl), Universitäts-Tantzmeister, papistischer Beligion aus Bar sur Bube in der Champagne". Bus dem Jahre 1722 wird ein „Steckenknecht" erwähnt. Vas war ein Bufseher aus dem Stockhause, dem damaligen Gießener Gefängnisse. Noch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gab es hier Steckenknechte. 3m Jahre 1728 wird ein „Stück- und Glockengießergesell" beerdigt und 1710 „Maria Margaretha, die alte Fechtmeisterin genannt". 1703 starb ein „Feldscherer" (Miiltärwundarzt), der erst 17^ Jahre alt war. Sjeht man so die Verzeichnisse der m alter Zeit in Gießen!zu Grabe Gebrachten durch, deren Gräber man heute nicht mehr kennt, so wird man an die schönen Morte des 90. psalmes erinnert: „Der du die Menschen lässest sterben und sprichst: kommet wieder, Menschenkinder. Du lässest sie dahinfahren wie einen Strom, und sind wie ein Schlaf,' gleichwie ein Gras, das doch bald welk wird, das da frühe blühet und bald welk wird und des Bbends abgehauen wird und verdorret." h. B^ Aus der Jugendzeit eines deutschen Mannes. (Fortsetzung.) Sollte ich meinerMutter neue Sorge, neuenKummer machen, ihr, die dessen schon so viel hatte, bloß, weil sich mein Ehrgefühl gekränkt fühlte, oder weil ich nicht Resignation genug besaß, mich in das Unvermeidliche zu fügen, vielleicht gar, weil es mir an Arbeitslust fehlte? würde ich meine Mutter haben überreden können, daß mir Unbilliges angemutet wurde? Gewiß nicht; denn sie liebte und achtete ihren Bruder viel zu hoch, um ihm das zuzutrauen. Und was hätte ich Besseres vorschlagen können? Uch, ich wußte es wohl: Lin Gymnasium beziehen und studieren! — Ullein, man hätte mich ausgelacht, wäre ich mit diesem Wunsche hervorgetreten: denn ich hätte eine Unmöglichkeit verlangt. Ls gab demnach für mich keine Wahl: ich steckte in einer argen Ulemme, die ich nicht zu öffnen vermochte. Da sagte ich mir: ,,Uicht d u hast dir diese Ulemme geschaffen: es ist die Gewalt der Umstände, die von einer höheren lfand regiert werden; es ist Gottes Wille, und er hat es so geordnet: sein Wille geschehe! Ich will Goldarbeiter werden." - Ich sagte zu. - Mein ivheim eröffnete mir, der Goldarbeiter habe eigentlich fünf Jahre lang zu lernen; er wolle mir aber ein halbes Jahr schenken und mich daher zu Neujahr 1802 als Lehrling bei dem Umte der Goldarbeiter und Juweliere einschreiben lassen. Damit war die Sache abgemacht. Lrst nachher habe ich erfahren, daß diejenigen,^ welche Lehrgeld zahlten, nur vier Jahre und selbst weniger zu lernen brauchten. Die anscheinende Großmut war daher nur unbedeutend oder reduziert« sich auf nichts; denn es war schon damals sehr gewöhnlich, daß auch, diejenigen, welche kein Lehrgeld zahlten, nur fünftehalb Jahre lernten. Buch wurden sie wohl früher eingeschrieben, ehe sie eintraten, wenn der Vater es verstand, seinem Sohne «inen Vorteil zu sichern: während ich erst ein halb Jahr nach dem Eintritt eingeschrieben wurde. Bei mir hätte der Dheim die Stelle des Vaters vertreten und mein Bestes wahrnehmen sollen: aber der Lehrherr waltete vor, und wahrscheinlich haben die Tante und ihre Mutter, die mir oft „wie der Teufel und seine Großmutter" erschienen, diesen sonst gutmütigen, wenn auch engherzigen Mann dazu vermocht. Mir sind die schönsten Jahre meiner Jugend durch diese Weiber grausam verbittert worden. Buch jetzt noch saß ich des Sonntags nachmittags meist zu Hause, freute mich über das Schieferdach der Petrikirche mit ihrem zierlichen Laternenturme, blies die Flöte, trieb Französisch und las nachher. Unter den Büchern meines Gheims fand ich die Uebersetzung Bouterwecks von Lockes Vorlesungen über den Nil. Mir gefiel das Buch überaus,' ich studierte jede Zeile, las es wieder und prägte mir die Sätze möglichst ein, die ich dann anzuwenden suchte. Nächstdem studierte ich Bussels Geschichte von Europa, übersetzt von Zöllner, die mir großen Genuß gewährte. Sonntags vormittags besuchte ich die Kirche, und zwar ging ich am liebsten zu Zöllner in die Nikolaikirche. Zu meinem Beichtvater hatte ich mir auf den Bat meiner Mutter den Prediger Jak. Clias Croschel erwählt, von dem sie eingesegnet worden war und der jetzt an der Petrikirche stand. Zu Dstern 1802 verzog mein Gheim nach der Scharrn- straße zwei Treppen hoch. Ich wurde auf den Hausboden placiert, der groß und geräumig war, aber keine Fenster, sondern nur Luken hatte, die durch hölzerne, schlecht passende Läden geschlossen wurden. Mein Bett wurde in die Mitte neben den dort aufsteigenden Schornstein gesetzt,' meine Kiste mit weniger Wäsche und ein Schemel ohne Lehne vollendeten meine armselige Einrichtung. Die eine Seite des Baumes enthielt unsern Wintervorrat an Torf. Bußerdem war der Boden, der hinten und vorn Luken hatte, leer, diente aber zum Wäschetrocknen. Die Wohnung bestand aus einer Stube vorn heraus, in welcher gearbeitet wurde und welche zugleich Wohnzimmer der Familie war, und einer Stube nachdem Hofe, in der die Großmutter wohnte. Zwischen beiden lag die kleine Küche, welche ihr Licht mittels eines Zwischenfensters aus dem Zimmer der Großmutter empfing, und daher sehr dunkel war, zumal der Bauch die Fensterscheiben weit öfter trübte, als sie gereinigt wurden. Dicht unter jenem Zwischenfenster stand der große Bmboß And an der Seite die Ziehbank. Der Tür gegenüber lag der Feuerherd, gänzlich im Finstern. Da nun beinahe täglich Gold oder Silber geschmolzen und zu Blech oder Draht gehämmert und gezogen wurde, und da viel vergoldet werden mußte, Geschäfte, die sämtlich mir oblagen, so brannte meist auf dem Herde Kohlenfeuer oder auch die daneben hängende Lötlampe, und neben dem Kohlenfeuer Holz und Torf zur Bereitung der Speisen. Bei dem Lichte dieser Feuer mußten die Brbeiten verrichtet werden, was in dem Bauche und der nie weichenden Dämmerung oft kaum möglich war. Meine Tante, die gern unbeschäftigt saß und sich ihren Träumen und Phantasien von Bällen, Schauspielen, Lustbarkeiten und Vergnügungen überließ, kam nach und nach auf den Einfall, mich zu beauftragen, da ich doch einmal am Feuer stehe, zugleich die Sorge zu übernehmen, die Kasserolle abzuwarten, in welcher das Mittagessen brodelte,' es sei wenig mehr nötig, als das Ueberlaufen, das Bnbrennen und das Busgehen des Feuers zu verhüten. Vas Fleisch kochte in einem Topf daneben. Erst würden die Gemüse im Wasser gekocht, dann, wann sie weich geworden, würden sie abgegossen, nun würde das Fleisch und die Brühe dazu getan, Salz und etwas Gewürz nach Erfordern, auch wohl einiges Grüne; das würde mir keine Mühe machen, und könnte ich nebenher sehr wohl abwarten, ohne meine Brbeit zu unterbrechen. So wurde ich nun auch noch Koch, ich wußte nicht — 108 — wie, und jahrelang habe ich auf diese Weise das Mittagessen besorgen müssen. Nur wenn es einmal Braten oder sonst etwas Besonderes gab, legte meine Tante die Hand an. Ich ahnte nicht, daß mir die Zache nachteilig werden konnte, und doch wurde sie's. Ich mußte natürlich die Speisen kosten, und da ich während meiner Lehrjahre einen sehr gesegneten Appetit hatte und nur schmale Bissen erhielt, so vermochte ich dem junger nicht zu widerstehen und gewöhnte mir unvermerkt das Naschen an. Dies hat mich oft sehr betrübt gemacht ; ich ärgerte mich über mich selbst und versuchte, fest zu bleiben,' aber das notwendige Kosten erneuerte täglich die Versuchung, und ich fand sie stärker, als meinen willen. Ts gehört wirklich ein satter Mensch zum Kosten der Speisen! Uber auch anderweitig äußerte sich dieser Hang zur Genäschig- keit. Ts gab jetzt nach kein Gbst, das ich sehr gern aß und das im herbst die Stelle aller Näschereien bei mir vertrat,' auf der Langen Brücke jedoch saß täglich eine alte Frau mit frischen Pfannkuchen, das Stück zu einem Dreier. Diese fand ich ungemein schmackhaft, machte es mir jedoch zum Gesetz, wöchentlich nur einen zu kaufen. Uber lebhaft erwachte der Wunsch, es so iweit zu bringen, daß ich täglich einen Pfannkuchen essen könnte. Ueberall gelang es mir, die Zufriedenheit der Personen zu. erringen, die mir vorgeordnet waren, nur nicht im Hause meines Oheims, hier wurde es immer schlimmer. Die Küchen- und Hausdienste nahmen gar kein Tnde. Die alte Großmama saß den größeren Teil des vormittags in ihrer Stube, wo Jettchen, wenn sie nicht in der Schule war, ihr Gesellschaft leisten mußte und gänzlich von ihr verzogen wurde. Ich konnte von der Küche aus bei der Arbeit beide gut beobachten, iumgekehrt war dies nur möglich, wenn das Feuer hell brannte. Die Ulte saß dann und horchte sehr aufmerksam, ob ich auch fleißig sei, polterte und mich rührte. Sie konnte dies um so leichter, da ich 'nie gesehen habe, daß sie das Geringste tat, außer stetem Tadeln und Besserwissen. Ihre Bugen waren nicht so blöde, daß sie in der Nähe nicht gesehen hätte. Uber nie nahm sie ein Strickzeug oder irgendeine andere Arbeit in die Hand. Meine Tante hatte diesen Widerwillen gegen alle Arbeit offenbar von ihr geerbt. In welch einem Kontrast standen beide mit meiner Mutter,' und doch bildeten sich diese hochmütigen Weiber ein, sie ständen weit über ihr! - Ls sei natürlich, meinte die Großmutter eines Tages^ daß meine Mutter viel arbeiten müsse,' denn in dem Stande, in welchem sie lebe, sei das nicht anders! welche Empfindungen sich bei solchen Ueußerungen in meiner Seele regten, wird man sich leichter denken, als ich es beschreiben kann. _«Fortsetzung folgt.) Kleine Mitteilungen. Der Gießener Evangelische Kirchengesangverein beabsichtigt, das Ueformations-Jubiläum durch Ueformatians- lieder und durch Darbietung einer größeren Bachschen Kantate auszuzeichnen, hierzu ist eine erhebliche Verstärkung des Ehores nötig. Stimmbegabte Frauen und Männer der evangelischen Gemeinde Gießen werden deshalb gebeten, zu diesem Zwecke dery Verein zu unterstützen. Die Proben werden Anfang September beginnen. Um aber jetzt schon einen Ueberblick über die Stärke des Thors zu bekommen, wird gebeten, die Anmeldungen bis zum 10. Juli an den Vorsitzenden des Vereins, Herrn Professor Dr. Weimar, Ost- Unlage 40, gelangen zu lassen. * * • Großherzogliches Oberkonsistorium hat bezüglich der Vierhundertjahrfeier des Ueformationsfestes bestimmt, daß am ZK Oktober — dieser Tag ist ein Mittwoch — in allen evangelischen Kirchen unseres Landes Festgottesdienst statt- finden soll Der Sonntag darnach, an dem sonst das Uefor- mationsfest gefeiert wurde, dient in diesem Jahre der Nachfeier und ist namentlich für die sonst am Neformationsfeste übliche Ubendmahlsfeier in Aussicht genommen. Großherzogl. Ministerium des Innern, Abteilung für Schulangelegenheiten, hat angeordnet, daß am ZI. Oktober der Unterricht für die evangelischen Lehrer und Schüler ausfällt und daß da, wo die Naumverhältnisse eine Beteiligung der Schulen am Festgottesdienste nicht zulassen, am 1. November eine besondere Schulfeier stattfindet. * * Die Kinder Kirche der Lukasgemeinde macht nächsten Sonntag, den 8. Juli, ihren gewohnten Spaziergang. Zusammenkunft um Z Uhr an der Johanneskirche. Kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 8. Juli, 5. nach Trinitatis. Gottesdienst. In der Stadttirche. vormittags 8 Uhr, zugleich Thristen- lehre für die Ueukonfirmierten aus der Matthäusgemeinde. Pfarrer Mahr. — Vormittags 9y 2 Uhr: Pfarrassijtent Lic. Ueuning. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde, pfarrassistent Lic. Ueuning. In der Johanneslirche. vormittags 8 Uhr, zugleich Thristenlehre für die Neukonfirmierten aus der Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer. vormittags 9 1 •> Uhr: Pfarrei Uusfeld. Beichte und heiliges Abendmahl für Lukas- und Johannesgemeinde. Unmeldungen werden vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. — vormittags 11 Uhr. Kinderkirche für die Johannesgemeinde. Pfarrer Uusfeld. — Mittwoch, den 11. Juli, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer Uusfeld. r A nkündü zungen empfehlenswert' rr Firn len 2 Carl Loos Kirchenplatz 13 :: Telephon 19T Manufaktur- unb Weißwaren Herren- u. Knabenkletdei CARL LUDWIG LEIB KUNSTHANDLUNG BILDER- EINRAHMUNGS • GESCHÄFT VERGOLDEREI kirchsth.2 ANTIQUITÄTEN Musikslien Mulikinstrumenle Erlist Itiallier, Arsten Kudolph's fiadjf. Hrurnwrg 9 Lrlrphon S?l Buch- und Zteindruckerei R. Lange, sämtlich zu Drehen.