Nr. 26. Metzen, Sonntag 4. nach Trinitatis, den 1. Juli 1917. 6. Jahrgang Erneuerungsglaube. Evangelium des Matthäus 9, 12. Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Von einer Erneuerung des Dolksgeijtes ist namentlich am Anfang des Krieges viel geredet worden. Wenn man sich die Stimmen von dazumal in die Erinnerung zurückruft, so wundert man sich über den fast kindlichen Glauben, mit dem Unzählige eine durchgreifende Erneuerung der Zinnesweise als das sicherste Ergebnis der augenblicklichen Leidenszeit ansahen. Das optimistische Gerede ist im Laufe der Zeit verstummt, und viele von denen, die sich zu seinem Sprachrohr machten, werden wohl in das gerade Gegenteil verfallen sein. Fast nur noch als schwaches Säuseln macht sich der Lrneue- rungsglaube als Nachhall des ehemaligen gewaltigen Windes in den parteiblättern und -Programmen bemerkbar, indem er hier als Lockruf an die Allgemeinheit gebraucht wird, sich der jeweils vertretenen Ansicht anzuschließen. Die Erneuerung wird nur «als auf dem Boden gerade dieses Programms erreichbar hingestellt, während alle anderen politischen Lehren schnurstracks dem Abgrund entgegenführen. Bei denen, die also gesinnt sind, muß ein Wort, wie wir es an die Spitze unserer Betrachtung gestellt haben, wie eine kalte Dusche wirken. Denn >alle, die eine in Paragraphen wohlverfaßte Heilmethode für die öffentlichen Schäden auf Lager haben, halten sich für die Gesunden und Starken, während die anderen die bemitleidenswerten Kranken sind. Der Erneuerungsglaube dessen, der obige Worte geredet hat, war ein anderer, als der im vorstehenden kurz gekennzeichnete. Der war weitherziger, nachsichtiger, duldsamer. Gleichzeitig war er aber auch wärmer und hoffnungssreu- diger. Cr machte aus seinem wollen und Streben keine Parteisache, es war ihm in erster Linie Herzenssache. Auf diejenigen, die „eines guten Willens" sind, richtete er sein Augenmerk. Auch wir fassen die Erneuerungsfrage als Schicksalsfrage' anders kann sie gar nicht gefaßt werden. Aber eben darum dürfen wir sie auch nicht als Menschensache ansehen, sondern sie muß uns mehr noch, ja am allermeisten als Gottessache erscheinen, weil Gott so wenig zu Bäte gezogen wurde, darum ist der Erneuerungsglaube der ersten Kriegsbegeisterung so schnell verflogen und hat fast nur ein Gefühl der Mißstimmung hinterlassen. Folgen wir dem Fingerzeig, den die Ziffer des Jahres gibt, das wir gerade schreiben. Die bringt uns eine Erneuerung in die Erinnerung, die schon einmal über Deutschland gekommen ist als das Werk eines demütigen, gottgläubigen Mönches. Der hat dem Schicksal in das Auge gesehen und sich von diesem belehren lassen: so geht es nicht weiter. Dann aber hat er die Hand Gottes gefaßt und gesagt: führe du mich! Und siehe, er hat Deutschland auf den rechten weg verholfen. B. G. Die Zrau. wohl noch nie, solange die Erde steht, sind Anforderungen an die Frauenwelt in so dringender und zwingender weise ergangen, wie dies nunmehr seit Beginn dieses Krieges in stets fortsteigendem Maße geschieht, Ansprüche an die Körperkräfte nicht nur, sondern auch hauptsächlich an die Seele fast jeder einzelnen Frau. Dabei müssen wir uns sagen, daß die allerwenigsten der Frauen für die großen Aufgaben, vor die sie sich plötzlich gestellt sahen, vorbereitet waren. Um so ehrenvoller ist es für die einzelne, wenn das Gebot der Zeit, wenn die Bot Gaben und Kräfte bei ihr zur Entfaltung brachte, die sonst wohl für immer nutzlos geschlummert, nie einem Menschen einen Nutzen gebracht hätten. Nun wir aber sehen, wessen eine tüchtige Frauenseele fähig ist, wollen wir da nicht anfangen, uns in ernste Zucht zu nehmen, damit das Große, das diese Zeit in uns geweckt hat, nicht mehr verloren geht, damit wir nicht wieder in Torheit und kleinliche Lebensauffassung zurückfallen, wenn erst der eiserne Zwang schwerer Zeit von uns genommen sein wird? Eine Dichterin hat es so schön und treffend zum Ausdruck gebracht, wie die Frau von heute beschaffen sein muß, wenn sie in Wahrheit ihre große Mission erfüllen, vorbildlich leben und vorbildlich wirken will, wenn je, so ist jetzt die Zeit, die Augen offen zu halten und sich für ein Leben zu. schulen, dessen Inhalt Ewigkeitswert hat. wie wunderbar herrlich müßte es dann einst sein, wenn wir,'vor den Pforten der Ewigkeit stehend, uns sagen können: wir Haben versucht, den Gottesgedanken in uns auszuleben, und der barm- 102 herzige Vater im Himmel hat uns beigestanden, so daß wir hoffen dürfen, nicht ganz umsonst gelebt zu haben. Das Gedicht, dessen ich erwähnte, folgt hier. B axonin R. Luch Frauen! Deutschland braucht Männer, braucht deutsche Männer, ein starkes Heer! Rber Deutschland, soll jetzt es gesunden, braucht mehr! Zollen Gärten noch einmal da blühen und Lichter dort stehen, Uns die Wege erhellend, wo heute nur tastend wir gehen Ueber Oedland im Dunkeln, - ja, sollen in Lonne wir bauen, Braucht Deutschland Frauen! Nicht Frauen, die müde sich weinten am eigenen Leid, Ihren Rlltag Hintreiben vors Rntlitz der großen Zeit, Die im Fluten gewalt'gen Geschehens sind enge geblieben, heimatlos, haltlos, von allen Minden werden getrieben, heute in tändelnde Lust und morgen in zitterndes Grauen, Nicht solche Frauen,! Frauen, die stille und stark sind und mutig bereit, Ihrem Volke den Legen zu heben aus dieser Zeit,' Die aus eigenem Borne des Leids und der Freude geben, Rn der Ewigkeit messen ihr Tun, ihr Mollen und Leben. Deutschland — soll ets auf eine Zukunft voll Lonne jetzt trauen — Braucht solche Frauen! Rus M. Feesche „von Krieg, Sieg und Legen". Ulrich von Hutten und Martin Luther. Menn wir an das Zeitalter der Reformation zurückdenken, so hat Luthers Gestalt in einem solchen Maße die aller anderen seiner Zeitgenossen verdunkelt, daß eigentlich nur noch seine Persönlichkeit und sein Merk der Gegenstand der allgemeinen Teilnahme wie auch der gelehrten Forschung ist. Das will um so mehr bedeuten, als das angehende 16. Jahrhundert einen geistigen und kulturellen Hochstand unseres Volkes bedeutete, wie er selbst heute noch nicht in jeder Beziehung wieder erreicht worden ist. Man denke an die Blüte der Rrchitektur, Plastik und Malerei, an die sehr bedeutende Literatur jener Tage. Unter den damaligen Ltürmern und Drängern ist nun Ulrich von Hutten eigentlich der, welcher noch am stärksten auf die kommenden Jahrhunderte eingewirkt hat. Im Jahre 1517, also im Geburtsjahre der Reformation, erschien der zweite Teil der „epistolae virorum obscurorum", der Dunkelmännerbriefe, an denen Hutten beteiligt war, eine köstliche Latire auf die zahllosen Mißstände der Kirche und Klerisei,' mit ihnen wurde Hutten als einer der stärksten Vorkämpfer für freiheitliche Ideen in den deutschen Landen bekannt. Hutten war 1488 auf Lchloß Lteckelberg in Franken als Lprößling eines verarmten Rittergeschlechtes geboren, er war für das Kloster bestimmt, hielt es aber dort nicht aus und begann nun ein unstetes Manderleben in Deutschland, Oesterreich und Italien, heimatlos und doch von glühender Liebe zum deutschen vaterlande erfüllt. Tr ist, ähnlich wie Luther, von Freund und Feind sehr verschieden beurteilt worden, beide gleichen einander in dem Uebermaß von Liebe und haß, beide waren bis zum letzten Rtemzuge grimmige Feinde des päpstlichen Rom, das sie mit den gleichen Massen, der Feder, schonungslos bekämpften. Mährend aber Luther niemals den festen Boden unter den Füßen verlor, ist Hutten ein irrender und armer Ritter geblieben, dem es nicht vergönnt war, aus dem Brausen der Jugend in die ruhigeren Mannesjahre überzugehen, denn Hutten starb schon, nach schwerem Kranksein, 1525 einsam und verlassen auf der Insel Ufenau im Zürichsee. Zwischen Hutten und den Reformatoren in Mittenberg bestanden freundschaftliche Verbindungen, die sich in ihren Briefen kund taten. 1520 war Hutten bei Lickingen auf Landstuhl, und durch seine Fürsprache bot Lickingen Luther Schutz und Hilfe an und lud ihn auf seine Lchlösser ein. Hutten schrieb an Melanchthon: Luther möge sich gleich auf den Meg machen und könne unterwegs mit ihm Zusammentreffen. Luther solle über Fulda reisen, dort werde er beim Mirte zum Bären erfahren können, ob Hutten daheim sei,' er habe dann nur wenige Meilen bis Lteckelberg. Treffe ihn Luther hier, so wolle er ihm auch ein Reisegeld schenken, wenn er es bedürfen sollte. Mie bekannt ist, hat Luther diese Reise nicht gemacht, und so ist es gekommen, daß sich die beiden Männer nicht persönlich kennen gelernt haben, die einander in mancher Beziehung eigenartig ergänzten, der religiöse Erneuerer Deutschlands und der Patriot und Politiker, der freilich bei den trostlos verfahrenen Verhältnissen seinerseits keine bleibenden Erfolge erringen konnte. Aus einem alten Gietzener Kirchenbuchs. Kirchenbücher, also die Bücher, in die die Geistlichen Einträge über die stattgehabten Taufen, Konfirmationen, Trauungen und Beerdigungen machen, sind im allgemeinen keine interessante Lektüre. Lie enthalten zumeist Namen und Daten. Oft aber, namentlich in alter Zeit, haben die Pfarrer zwischen diese trockenen Rngaben allerhand Notizen eingestreut, die geschichtlich interessant sind, und wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht, der findet auch in den Listen, die die Kirchenbücher enthalten, mancherlei, was für die Nachwelt wissenswert ist. Im nachstehenden teile ich einiges mit, das ich dem Lterbeprotokolle der Gießener Burgkirche für die Jahre 1689 — 1807 entnehme. Bekanntlich stand die Burgkirche an der Stelle, wo heute der Botanische Garten an die hofreite des Herrn Spediteurs Rdam angrenzt. Ueber ihre Entstehung habe ich im Jahrgang 1915 des „Lonntags- grußes" Mitteilungen gemacht. Die Kirche wurde im Jahre 1824 wegen Baufälligkeit abgebrochen, nachdem man schon im Jahre 1809 gefürchtet hatte, daß sie über Nacht ein- stürzen werde. In der Burgkirche wurde Gottesdienst für die Gieße aer Garnison abgehalten, zur Burgkirchengemeinde gehörten somit alle Militärpersonen. Diese Militärgemeinde ist in alter Zeit recht groß gewesen, da Gießen Festung war und eine starke Besatzung hatte. Dazu kam, daß die meisten Soldaten Söldner waren, die bis zum völligen Rbnehmen ihrer Kräfte dienten, und zumeist Familien hatten, deren Glieder man auch zur Militärgemeinde rechnete. Ruch die alten, ausgedienten Soldaten, „Gnadensöldner" genannt, zählten zur Burgkirche. Lelbstverständlich war die Ltadtgemeinde weit größer, in ihr pulsierte das eigentliche kirchliche und religiöse Leben. Das kann man von einer Gemeinde nicht sagen, deren Glieder, wie das heute noch mit den Militärgemeinden geschieht, zum Gottesdienste kommandiert werden. Gefters gab es bei den Pfarrern Meinungsverschiedenheiten über die Frage, wer zur Ltadt- und wer zur Burggemeinde gehöre, die Grenzlinien waren nicht fest bestimmt. Namentlich war nicht genau festgelegt, zu welcher Gemeinde Militärbediente (Militärbeamte), ob sie nun Gießener Bürger waren oder nicht, gehörten. Das gleiche galt von den Konstablern (Polizisten) und den „Frepleuten", also den ausgedienten — 103 Soldaten. Hud) beanspruchten die Pfarrer der Stadtkirche die Soldatenfrauen und Soldatenkinder für ihre Gemeinde. (Es fehlt im Kirchenbuche nicht an spitzen Bemerkungen, die die Burgpfarrer über ihre Kollegen an der Stadtkirche machten, wenn diese angeblich in den Bezirk der Vurgkirche eingegriffen hatten. So schreibt der Professor und Burgpfarrer Gernand 1699, der Pfarrer an der Stadtkirche Schenck habe eine Beerdigung, die ihm zustand, „unrechtmäßig angenommen ohne mein vorbewußt". Das Kirchenbuch, dem ich dies alles entnehme, trägt auf seinem Titelblatte die Aufschrift: „Kirchen-Buch bep der Gießischen Burg-Kirche, darinn die verstorbenen, so zu dieser Kirche gehören, eingeschrieben sind und zwar nicht nur diejenigen, so so von denen ehemaligen pfarrherren bep solcher Kirche v. Gebhardten, Prof. Gernandten und Prof. Uüdi- gern notiert wurden, sondern auch die, welche, so Pfarrer; Schilling und Pfarrer Eberwein an besagter Kirche das Amt geführet aus dieser Zeitlichkeit gegangen sind und noch ferner, so lange dieses Buches Blätter reichen, von hinnen gehen werden." Darunter stehen einige Bibelsprüche, die sich auf das Sterben beziehen, nämlich Jef. 40, 6 u. 8, Evang. Joch. 11, 25 u. 26 und ps. 90, 12. Die meisten Einträge des Buches sind sehr kurz gehalten. Daß es damals in Gießen sehr viele alte Soldaten gab, die mitunter Haus und Hof hatten und in allen Fällen eine bürgerliche Hantierung, geht aus mehreren Einträgen hervor. 3m Jahre 1689 wird als beerdigt (in den alten Kirchenbüchern ist nicht der Todestag, sondern nur der Tag des Begräbnisses angegeben) genannt: „Anna Katharina, Georg heintzens, Soldaten gewesenes Eheweib, ihres Alters 58 Jahr." Ein anderer Eintrag aus demselben Jahre lautet: „Andreas Walther, gewesener Soldat allhier, 74 Jahr alt." Ein Kon- stabler wird als Bürger und Kothgießer bezeichnet. HUc militärischen Bang stufen sind in diesem Buche vertreten, wir hören von Soldaten, Musketieren, Gnadensoldaten, Trommelschlägern, Gerichtswebeln, Korporalen, Fechtmeistern, Hauptleuten, Kriegskommissaren, Generalmajoren und Festungskommandanten. Die Begräbnisse scheinen in verschiedener Form stattgefunden zu haben. Manchmal heißt es ganz kurz: „des Morgens beerdigt",' ein andermal lesen wir: „Lolemnitutibus eonsuetis" (mit gewohnter Feierlichkeit). 3m Jahre 1705 fand eine Beerdigung statt „mit Gesäng und Geläut", von einem Hauptmannskinde heißt es: „des Morgens in einer Kutsche hinausgeführt und beerdigt". Cs war damals die Zeit, da man sehr viel auf Bang und Stand gab, noch im Tode wurden hier Unterschiede gemacht. Das merkt man an den Einträgen der alten Kirchenbücher, von einer Frau, die augenscheinlich, wie es oft in Luthers Bibelübersetzung lautet, kein „gutes Gerücht" hatte, heißt es — es war dies im Jahre 1705: „eine Frau, die Mombauerin genannt, nur mit einem Buß-Gebeth zur Erde bestattet." Dagegen steht vom 1. November 1707 verzeichnet: „Der hochwohlgeborene Herr, h. Johann henrilch Lckbrecht von Türckheim, Fürst!, hiessen- Darmst. gewesener General-Major, und Tommandant bey allhiesiger Stadt und vestung, seines Alters im 72. Jahre wurde Abends in der Burgkirche beygesetzt und dabei ein Leichen-Sermon gehalten von Pfarrer Schilling." Drei Jahre später wurde ein Student zu Grabe getragen, der genannt wird „Adolf Besserer von Thalfingen, gewesener vornehmer patricius der berühmten Kaiserlichen freyen Keichs-Stadt Ulm und der Uechten allhier Beflissener." Der junge Mann wurde „Abends mit Fackeln zur Erde bestattet". Oft waren die Personalien der Beerdigten nicht bekannt, wir lesen aus dem Jahre 1689: „ein Soldate und Italiener, so von einem anderen Soldaten erstochen worden, ist ohne Ablesung einiger Personalien des Morgens beerdigt." Bus dieser Notiz geht hervor, daß man damals auch in Gießen, wie das jetzt noch in Landgemeinden üblich ist, am Grabe einen kurzen, vom Pfarrer verfaßten Lebenslauf des verstorbenen verlesen hat. Ein andermal in dem schon genannten Jahre heißt es: „ein 15jähriger, lahmer Sohn eines Soldaten". 1693 wird notiert „Soldat allhier, der Schambersin ihr zweiter Mann", weitere Einträge aus demselben Jahre lauten: „Friederich, vulgo der lahme Fritz" — „Johann Boß, der Schweitzer genanndt, gewesener Soldat, 95 Jahre alt." 1707 wird zu Grabe gebracht „ein einfältiger (geisteskranker) Junge, dessen Vater Soldat gewesen." Einige der vorstorbe- nen werden, wie das Beispiel des „Schweitzers" schon gezeigt hat, mit ihrem Kamen, aber auch mit ihrem Beinamen genannt. 1706 starben „Margarethe, vulgo die alte Kellerin, eine Soldatenwittib" und „Unna Gertraud, vulgo die Böhmin." Schluß folgt. Aus der Jugendzeit eines deutschen Mannes. (Fortsetzung.) Der ganze Umfang meiner Küchengeschäfte war mir im ersten halben Jahre noch nicht klar geworden. Man ließ es facht angehen und steigerte allmählich, und wirklich waren sie durch das vorher Ungegebene noch nicht erschöpft. Ich gestehe, daß mich diese Geschäfte frappierten,' denn daß sie nicht zu meinem Berufe gehörten, den ich in Berlin erlernen sollte, lag zu nahe, um darüber ungewiß zu bleiben. Ullein, wie viel man von mir fordern könnte, war mir unbekannt, und wen sollte ich danach fragen, da ich in Berlin außer meinem Gheim und dessen Bruder keinen einzigen Bekannten hatte? Beide hatten in ihren Lehrjahren sehr vieles von dem eben Gesagten tun müssen, das wußte ich aus den Erzählungen meiner Mutter, was durfte man nun einem Lehrburschen anmuten und was nicht? Ob darüber irgend eine Vorschrift bestände, wußte ich nicht, und wer sollte sich meiner annehmen? Gab es Vorschriften, so mußten die Grenzen sehr weit gesteckt sein,' denn überall, besonders in den kleineren Werk, stätten, wurden die Lehrburschen zu allem Möglichen gebraucht, und ich wußte, daß sie eigentlich nur die europäischen Sklaven waren. Ich hatte mich gegen meine Eltern beklagt. Sie ermahnten mich zur Geduld und zum Ausharren. Sollte ich das schon so schwer bedrückte Herz meiner Mutter betrüben und sie in neue Sorgen, neue Verlegenheiten stürzen? was mich aber besonders kränkte, war die Bemerkung, daß ich gar nicht als verwandter in Betracht kam. Alle weiblichen Wesen der Familie sprachen von mir nie anders als von dem „Barschen". Auf Rechnung der Verwandtschaft kamen, wie ich späterhin sah, alle Küchendienste, die ich zu leisten hatte; aber anerkannt wurde ich darum doch nicht als Vetter. Und auf solchem Wege bildete man sich hochmütig ein, einen „Künstler" zu ziehen! — Mein Herz war mir schwer; ich konnte es niemandem ausschütten,' denn ich stand ganz allein. Zwar hatte ich noch einen zweiten Gheim in Berlin, denselben, der uns ftüher in Preußisch-Friedland besucht hatte und der jetzt Kompagnon in einer Glashandlung zu Berlin geworden war,' allein ich wußte, daß er mir nicht helfen könne, wenn er es auch vielleicht gewollt hätte. Daß er sich meinetwegen nicht mit seinem Bruder und dessen Fa- mtltc Überwerfen würde, war vorauszusehen, und ich hätte das nicht einmal veranlassen mögen. Ich hatte von der brüderlichen und von der Verwandtenliebe einen so hohen Begriff, daß ich mich sogar gewaltig wunderte, als ich bemerkte, mein Oheim lasse sich von seinem Bruder für ihm gelieferte Arbeiten bezahlen. Mein Herz war weit, und hier war alles so übermäßig engherzig; alles unterlag der Berechnung; alles war kleinlich und gedrückt. Ls war eine traurige Existenz. Gearbeitet wurde im Sommer von des Morgens 6 Uhr bis abends um 7 Uhr, im Winter von des Morgens um 7 Uhr bis abends 8 Uhr, also 13 Stunden ohne Unterbrechung. Des Morgens erhielt ich zwei Lassen Baffee, mittags um 12 Uhr wurde ein Gericht, meistens mit etwas Fleisch, genossen,' doch öfters mußte ich. mir, um satt zu werden, noch ein Stück Brot erbitten, das mir sehr unwillig und meist mit spitzen Bemerkungen über meinen guten Bppetit gereicht wurde. Um 4 Uhr durfte ich mir zur Vesper ein Stück Brot abschneiden und Salz darauf streuen. Um 8 Uhr wurde zu Übend gegessen, zwei „Stullen" (Schwarzbrot) mit wenig Butter oder „Pellkartoffeln" mit einer Probe von Butter und Salz. Nur beim Mittag- und Bbendbrot saß ich am Tisch, doch nicht früher, als bis das Essen darauf stand, und sobald der letzte Bissen genommen war, ging es wieder an den Werktisch. Frühstück und Vesper wurde an dem Werktische verzehrt, ohne die Brbeit zu unterbrechen, war viel zu tun, so wurde in die Nacht hinein, nicht selten auch des Sonntags gearbeitet. In der Begel aber war der Sonntag ffei, und bei schönem Wetter wurde eine Landpartie auf einen ganzen oder halben Tag gemacht, wobei ich mit hinzugezogen wurde, nicht meiner Person wegen, sondern weil ich den Korb mit Lebensmitteln tragen mußte. Eine genaue Einteilung und schmale Bissen waren im Hause meines Oheims aller^ngs notwendig,' denn er brachte seine reine Iahreseinnahme selten auf 400 Taler, von denen 90 Taler allein für Miete abgingen. Ich sehnte mich nach einem Freunde, doch wo sollte ich ihn in dem weiten Berlin sinden? Hlle Menschen sahen mich so fremd an; ich las auf keinem Gesichte Teilnahme und war dabei so arm, daß ich mich nicht getraute, das Geld für ein Glas Bier auszugeben. Da kaufte ich mir wohl für einen Groschen Gbst und wunderte zum Tore hinaus, um die einsamsten Gegenden, die Jungfernheide, den Wald gegenüber von Treptow, den Busch vor dem Schlesischen Tore aufzusuchen, wo ich nicht auf Menschen stieß. Ich war nahe daran, ein Menschenhasser zu werden und in völlige Schwermut zu verfallen. Die Tage wurden unffeundlicher und kürzer,' ich saß des Sonntags zu Hause, betrachtete nachmittags aus der Hinterstube meiner hohen Wohnung über dem rauschenden Wasser das blitzende Schieferdach der damaligen Petrikirche, blies die Flöte oder las. In den Büchern fand ich eine Welt, die mir zusagte,' die wirkliche stieß mich ab oder ließ mich kalt. Ein Buch über Logik, ein anderes über deutschen Stil zogen mich sehr an. Meine Tante sagte: sie begriffe mich nicht. Bndere junge Menschen gingen doch des Sonntags aus, suchten sich Bekannte, tränken Bier und machten sich mit ihnen lustig,' ich aber säße immer zu Hause und über den Büchern. Buch mein Gnkel meinte: das könne mir zu nichts helfen, ich würde doch im Leben kein Gelehrter werden,' ich sollte lieber zeichnen. Meine Tante fügte hinzu: sie würde es für viel klüger halten, wenn ich statt dessen Französisch triebe; denn bas könnte mir doch einmal etwas helfen. Dieser letztere Bat schien mir gar nicht unrecht. Ich ging noch in derselben Woche hin und kaufte mir die damals allgemein beliebte Meidingersche Grammatik der französischen Sprache. Mein Oheim legte mir vor Weihnachten die Frage vor: ob mir das Geschäft gefiele, ob ich mich entschließen wolle, auszulernen, oder ob ich etwas anderes werden möchte? Jetzt könne ich mich noch darüber entscheiden. - Die Frage überraschte mich, denn er wußte recht wohl, daß ich keine Wahl hatte. — was sollte ich wählen? — hatte ich doch nichts anderes kennen gelernt, und es ist kaum möglich, zwischen dem Bekannten, auch wenn es schlecht ist, und dem Unbekannten eine Wahl vorzunehmen,' man wird gezwungen, das erstere zu wählen. Zudem sagte ich mir, daß es meine Mutter kränken würde, wenn ich den Platz bei ihrem Bruder aufgäbe, bei welchem sie mich am besten aufgehoben glaubte, nicht zu gedenken, daß jede andere Wahl neue Bosten veranlassen mußte, die vielleicht für meine Eltern unerschwinglich wären' wußte ich doch nur zu wohl, daß sie sich jeden Pfennig, den sie mir schickten, vom Munde abdarbten. (Fortsetzung folgt.) ttirchliche Anzeigen. Sonntag, den 1.Juli, 3. nach Trinitatis. Gottesdienst. In der Ztadtlirche. vormittags 8 Uhr, zugleich Thristen- lehre für die Ueukonfirmierten aus der Markusgemeinde, pfarrassistent Liz. Be uning. vormittags 9'/. Uhr: Pfarrer Mahr, vormittags 11 Uhr: Binderkirche für die Matthäusgemeinde. Pfarrer Mahr. — Mittwoch, den 4. Juli, abends 8 Uhr: Briegsbetstunde. Pfarrer Mahr. In der Johanneskirche. vormittags 8 Uhr, zugleich Ehristenlehre für die Neukonfirmierten aus der Johannesgemeinde. Pfarrer Busfeld, vormittags 9V2 Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. vormittags 11 Uhr: Binderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer. Bbends 8 Uhr: Bibelbesprechung im Johannessaal. I Ankündigungen empfehlenswerter Firmen ] Carl Loos Kirchenplatz 13 :: Telephon 797 Manufaktur- unb Weißwaren Herren- u. Knabenkleiber Heinrich Noll Mäusburg Nr. 7 Telephon Nr. 292 Spezial-Geschäft fUr Bureaubedarf • Schreibmaschinen Papierhandlung, Buchbinderei, Gesangbücher. Moderne Kunstarbeiten. Photographische Apparate und Zubehöre Stöver, Gießen Zeltersweg 16 P«tt, Hold- u. 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