Nr. 24. Gießen, Sonntag 2. nach Trinitatis, den 17. Juni 1917. 6. Jahrgang Luther vor dem Reichstag zu Worms. Apostelgeschichte 5, 38 und 40. Ist der Rat oder das Werk aus den Menschen, so wird es unlergehen, ist es aber aus Gott, so könnt ihr es nicht dämpfen. Km 2. April 1521 brach Luther VON Wittenberg auf, um nach Worms zu ziehen, wenige Freunde begleiteten ihn. Zeine Fahrt durch Thüringen glich einem Triumphzug. Erfurt überbot sich selbst. Der Humanist Toban Hesse pries ihn bei seinem glänzenden Eintritt in einem überströmenden Gedicht. Km 7. hielt er eine ergreifende predigt über das Jesuswort: „Friede sei mit euch". Dann fuhr er am 8. über Gotha nach Eisenach, von vielen Schmerzen geplagt, nach Frankfurt a. M., wo er am 14. eintraf. Im Gasthof zum Ztraußen am Kornmarkt übernachtete er und abends hat er, frohen Gemüts, „hell die Laute geschlagen." Km 15. Kpril stieß Martin Butzer, der spätere Straßburger Keformator, in Oppenheim zu ihm, gesandt von den Getreuen Hutten und Zickingen, ihm Schutz auf der Ebernburg anzubieten. Luther lehnte ab. Dem schlauen päpstlichen Nuntius Glapio, der die Freunde bange gemacht hatte, erwies er den Gefallen nicht, von Worms wegzubleiben. Und dem getreuen Spalatin, der ihm das Schicksal von hus in einem Briefe aus Worms vor Kugen Hielt, schrieb er gleichzeitig das berühmte Wort: ,,Er wolle gen Worms, wenn gleich so viel Teufel drinnen wären, als Ziegeln auf den Dächern,' ob auch hus zu Feuer verbrannt worden, so sei doch die Wahrheit nicht mit verbrannt." Nach kurzer Bast unter der vielgerühmten Ulme zu pfiffligheim hielt Luther am 16. Kpril um die Mittagessenszeit — sie war damals 10 Uhr vormittags — seinen Einzug in Worms — wie ein Fürst, hundert Berittene, darunter zahlreiche Edelleute, gaben das Ehrengeleit, 2000 Menschen folgten ihm zur Herberge im Johanniterhaus. „Gott wird mit mir sein," rief ihnen Luther zu, und sein schwarzes Kuge leuchtete schier überirdisch. Entsetzt schrieb Kleander dem Papst über die Deutschen: „Jetzt weiß ich nicht, wer für uns jsj- — außer dem Kaiser — , sonst ist alle Welt wider uns. Und diese tollen Hunde sind gewappnet mit Wissenschaft und mit Waffen und brüsten sich damit, daß sie nicht mehr Bestien ohne verstand seien wie ihr- Vorfahren: Italien sei nicht mehr das Land der Wissenschaft, der Tiber sei in den Uhein geflossen. Das macht sie noch übermütiger und unverschämter, als sonst ihre Krt war, so daß sie nun tun, was vor Kugen ist." Km Mittwoch, den 17. Kpril, erschien Luther 4 Uhr nachmittags vor einer der glänzendsten Ueichstagsversamm- lungen, die je stattgefunden. In diesem Kreise ungewohntester Pracht ward Luther doch verlegen, vollends, als der Offizial des Trierer Bischofs, der merkwürdiger weise auch Johann Eck hieß, ganz gegen die Kbmachung ihn fragte, ob er die aufgestapelten Bücher verfaßt und ob er sie widerrufen oder darauf beruhen wolle, hieß das, „seiner Lehre und Bücher halben Erkundigung empfahen", wozu er schriftlich geladen war? Luther erbat sich vom Kaiser Bedenkzeit, „damit ich ohne Verletzung des göttlichen Wortes und ohne Gefahr für meine Zeele antworten kann." Und sie ward ihm bis andern Tags nachmittags 4 Uhr. Kber er mußte bis 6 Uhr abends warten, schon zündete man im großen 5aal des Bischofshofes die Fackeln an. Diesmal war von Luther alle Zchüchternheit und Befangenheit gewichen. Erst lateinisch, dann deutsch widerstand er dem Ueichssprecher Johann Eck unter immer gewaltigerer Zpannung der Fürstenversammlung und des hin- zuströmenden Volkes, bis er schließlich auf dessen Frage nach widerruf laut antwortete: „weil denn Ew. Kaiserliche Majestät eine schlichte Kntwort begehren, so will ich eine schlichte Kntwort ohne Hörner und Zähne geben diesermaßen: Es sei denn, daß ich durch Zeugnisse der Zchrift oder durch Helle Gründe überwunden werde — denn ich glaube weder hem Papste, noch den Konzilien allein, dieweil am Tag liegt, daß sie öfters geirrt haben und sich selbst widersprochen — so bin ich überwunden durch die von mir angeführten heiligen Zchriften und mein Gewissen gefangen in Gottes Wort,' widerrufen kann ich nichts und will ich nichts, dieweil wider das Gewissen ni handeln unsicher und gefährlich ist." Der Kaiser traute seinen Ghren nicht, er ließ Luther nochmals fragen, ob er glaube, daß ein Konzil irren könne. Und als Luther jetzt noch „verharrte als ein harter Fels", da erhob sich der 2Ojährige Kaiser, zornig aufgebracht über die unerhörte Bede des Ketzers; die ungeheure Spannung löste sich in noch größere Aufregung auf, ein Unbeschreibliches Getümmel entstand, ulles verließ den Baum. Luther aber jubelte, in seine Herberge — 94 — zurückgekehrt, strahlenden Rngesichts: „Ich bin hindurch! Ich bin hindurch!" Und ob sie noch bis zum 25. Hpril, oft aufrichtigen Willens, ihn zum widerruf bringen wollten, vorweg der gutmeinende Erzbischof Richard von Trier: Luther wußte keine andere Rntwort mehr als bas Wort Gamaliel's: „Isi der Rat oder das Werk aus den Menschen, so wird es Untergehen, ist es aber aus Hott, so könnt ihr es nicht dämpfen!" „hindurch!" wie klingt dies Wort dem deutschen Volke im Jahre 1917 so vertraut! Zu jenem hindurch hat damals der Allmächtige sich bekannt, so daß eine Welt von Feinden Luthern kein haar hat krümmen dürfen! wenn das deutsche Volk von heute sich und seinem Gewissen so treu bleibt, wie einst Martin Luther, so kann es gewiß sein: Vas „hindurch" wird auch für seine Zukunft und die seines Geistes nochmals die heilige Losung Gottes sein. Etwas von den Glocken. von Pfarrer Otto Schulte zu Großen-Linden. (Schluß.) Die dritte Glocke, wie schon erwähnt, Herrenglocke geheißen, dient als Linzelglocke nur bürgerlichen Zwecken. Sie wird als solche auch nicht vom Glöckner, sondern vom polizeidiener gezogen. Die bürgerliche Gemeinde hat das Seil zu stellen, vielleicht ist diese Glocke mit die Ursache, weshalb die Vau- und Unterhaltungspflicht des Turmes, in dem die Glocken hängen, der bürgerlichen Gemeinde, nicht der Kirche, obliegen. Ls mag in alter Zeit als Hauptgrund das dazu gekommen sein, daß von der höhe des Turmes aus, der mit seinen oberen Fenstern nach allen vier Windrichtungen schaut, Wächter in Kriegszeiten nach heranziehenden Heerhaufen und in Friedenszeiten nach aufkommendem Feuer schauten. Sichere Nachrichten darüber liegen allerdings nicht vor. Der Dienst der vierten Glocke, des Vaterunserglöckchens, ist schon besprochen worden. wenn man ruhig über die verschiedenen Glockenzeichen nachdenkt, kann man leicht der Meinung werden, daß hier eine Reform nicht übel angebracht sei. wäs für einen Zweck hat z. 13. heute bei den geänderten Verkehrsverhältnissen das 9-Uhr-Läuten im Winter? Oder würde es ein großer Schaden, sein, wenn das 10-Uhr-Läuten am Vormittage wegfiele? Ls wäre nicht schwer, in anderen Gemeinden Oberhessens Glockenzeichen anzuführen, die ebenso beseitigungswert erscheinen, das 4-Uhr-Läuten am Nachmittag: und andere,' denn die Glockenzeichen, die kirchlichen und unkirchlichen, zeigen eine überaus große Verschiedenheit in den verschiedenen Landesteilen und Orten. Uber die Glocken Haben bisher die Freiheit gehabt, daß sich die in Betracht kommenden Behörden nur insofern um sie gekümmert haben, als sie neue Zeichen geben sollten. Ob die Zeichen aus alter Zeit auch heute noch ihre Berechtigung haben könnten, darnach hat man nicht gefragt. Und die einzelnen Gemeinden selbst haben in ihrem konservativen Sinn sich nicht daran gewagt. Das Wort „es ist immer so gewesen" übt eine ungeheure Gewalt auf die Landbewohner. Ich möchte keinen plan aufstellen von dem, was zu bleiben hätte und was wegfallen könnte. Die örtlichen Verhältnisse verlangen oft besondere Berücksichtigung. Uber es wäre sicher des Dankes wert, wenn sich die maßgebenden unteren und oberen Behörden einmal mit dieser Frage befaßten. Un die eigentlichen Gebetszeichen am Morgen und Übend, wie an das Linläuten des Sonntags möchte ich am allerwenigsten gerührt haben, trotzdem es schwer sein dürfte, sie als Gebetszeichen wieder verstehen zu lehren. Daß die Gemeinden, die nach dem Kriege so wie so sparen müssen, wie es nur geht, oft dabei etwas Erkleckliches erübrigen, sei nur nebenbei erwähnt. Das alles aber schreibe ich unter einer Voraussetzung, unter der nämlich, daß unseren Gemeinden die Glocken erhalten bleiben. Ls schwebt ja auch über ihnen das Damoklesschwert des Krieges. Die Möglichkeit, daß sie im Turm zerschlagen werden und das Lrz in die Kanonengießereien geschafft wird, neue Geschütze zu liefern, ist ja da. Die Behörden werden sorgen, daß in solchem Falle wenigstens die ältesten und kunstgeschichtlich oder historisch wertvollsten bleiben. Uber alle anderen werden bis auf eine genommen werden; die Behörden werden auch dafür sorgen müssen, daß'dann die unbedingt notwendigen kirchlichen und unkirchlichen Glockenzeichen beibehalten werden. Gebe Gott, daß dieser Uugen- blick, da so viele Glocken uns geholt werden, uns erspart bleibt und unsere Gemeinden den Jammer nicht erleben, daß das Zerschlagen der Kirchenglockrn in die Ohren gellt! Lr schenke uns vielmehr die Freude, bald das volle Geläut in feierlichen langen Schwingungen den Frieden verkünden zu hören! Gebet dem Kotfcr, was des Kaisers ist. und Gatt, was Gottes ist. Line Kriegsbetrachtung von Udalbert Bindewald - Gießen. Der Krieg dauert jetzt annähernd drei Jahre. Lr überbietet an Uusdehnung in jeder Richtung die Erwartungen aller Beteiligten. Das gilt auch von seiner moralischen Wirkung. Uuf der einen Seite hat er ein unerhörtes Heldentum gezeitigt, auf der anderen sehen wir die Schwachen zusammenbrechen. Ls ist dies naturgemäß. Den über alles für möglich gehaltene Maß angespannten Rnforderungen an körperliche und seelische Leistungen ist nur ein Teil der Menschen gewachsen. Das drückt sich aus in den Klagen, Verwünschungen, Gleichgültigkeits- oder gar Roheitsäußerungen, die jetzt an unser Ghr treffen. Kommt man in die Gesellschaft solcher moralisch Schwachen oder verbrauchten, so könnte man an dem guten Rusgang des Werkes zweifeln. Dennoch schreitet unsere Verteidigung siegreich und heldenhaft voran, wer bildet nun das Knochengerüst, das die schwächlichen und weichlichen Teile des Volkskörpers trägt und aufrecht hält? Ls sind die Männer der Tat, des Charakters und des Glaubens. Rur wer nach dem Worte des Heilandes es als sittliche Pflicht anerkennt, dem Kaiser und Gott mit gleicher Freudigkeit zu dienen, kann sich die edelste und standhafteste Begeisterung bewahren. Ls ist wohltuend und herzerfrischend, solche Männer der Tat, die Gott sei Dank noch zahlreich in -unserem Volke vorhanden sind, an sich vorüberziehen zu lassen. Lin solcher Mann war, wie ich den „R k a d e m i s ch e n Blättern" entnehme, auf deren Schilderung ich die folgenden Rusführungen stütze, der Hofprediger und Hauptmann Martin Braune, bereits im Jahre 1915 gab er in einer Rede bei der Einweihung des Gemeindehauses in Loesfeld (Westfalen) ein prophetisches Bild des Weltkrieges, von England veranlaßt, werde die ganze Welt bis auf Oesterreich-Ungarn gegen uns sein. Lr griff dann zu der religiösen Rufgabe unseres Volkes über und schloß mit der wuchtigen Rufforderung : Macht die Front breiter! Der Rrtikelschreiber, Divi- 95 jionspfarrer h. Müller-Lmmerich, erzählt von ihm: „Ruf den höhen der Champagne, dem heißumkämpften Boden der immer wiederkehrenden französischen Angriffe sahen wir uns wieder im Frühjahr 1915. Me eine Schlange windet sich die Marschkolonne durch die höhen in das Tal der Dormoise. Regen mit Schnee und Hagel peitscht den Marschierenden ins Gesicht. Der Kreideboden hat sich in zähen Schlamm verwandelt und hängt sich schwer an die Stiefel . . . Den Kampfplatz sieht man dicht vor sich, dichter Rauch bedeckt die ganze Linie. Rn der Seite seiner Kompagnie reitet eine hochgewachsene Gestalt: Oberleutnant Braune. So trafen wir uns zum erstenmale wieder im Feld und gleich in ernster Stunde. Ruf einer Theologen-Konferenz am Rhein lernten wir uns Pfingsten 1913 kennen. Eine flüchtige Begegnung, doch hatten wir uns in Erinnerung behalten. Seitdem war er im Oktober 1914 bei mir gewesen, als es sich darum handelte, auch für die Theologen die Erlaubnis zu erhalten, wenigstens zunächst für die Dauer des Krieges mit der Waffe zu dienen. Ts gelang. wir beide hatten uns zum Dienst mit der Waffe gemeldet. Rber während er als Leutnant an die Westfront kam, wurde ich vom Ersatzbataillon in die Seelsorge zurückgeholt und kam als Pfarrer zu dem gleichen Korps. Rm Tage nach der ersten Begegnung trafen wir uns in dem nun längst verschwundenen Dorfe Ripont, in dem es täglich Granaten gab. Im „Rattenschlößchen" traf ich Braune mit seinem Freunde hennes, der lang ausgestreckt auf dem Boden den Schlaf des übermüdeten Kämpfers schlief, während ich die Freudenkunde von hindenburgs neuestem Sieg an den masurischen Seen mitbrachte. . . . Zwei Tage später war Braune verwundet. Beim Handgranatenangriff stach ihm ein Franzose mit dem Bajonett ins Gesicht. Der Stich ging durch die Backe bis in die Zunge. Ehrend hat der damalige Kommandeur des Regiments der Haltung des Theologen in diesem furchtbaren Handgemenge Erwähnung getan in seiner Schrift: „was ich in mehr als 80 Schlachten und Gefechten erlebte". Die Wunde heilte schnell und nur eine Zertrümmerung des Trommelfells blieb zurück, die eine Versetzung Braunes als Kommandeur eines Landsturmbataillons, das Bahnschutz ausübte, veran- laßte. Lange hielt es ihn hier nicht. „Ich halte es nicht für ehrenhaft, wenn ich als fast ganz gesunder Mann mich im Bahnschutzdienst verwenden lasse," meinte er, als wir darüber sprachen, und meldete sich zur Führung seiner alten Kompagnie an der so schwierigen Thampagnefront zurück. Einige Male hielt er auf mein Bitten Gottesdienst bei Teilen seines Regiments. Die schweren Tagen der herbstschlacht gingen vorüber. Die Division lag vor Soissons. Unvergeßlich wird mir eine Nacht bleiben, die ich dort bei Braune im Dezember 1915 zubrachte. Ruf der Straße wunderten wir auf und ab, und vom Zauber der wunderbaren Mondnacht gefangen, war es 2 Uhr geworden, ehe wir den Schlaf suchten in unserer unterirdischen Behausung. Rm heiligen Rbend hielt Braune auf Bitten seines Regiments eine Weihnachtsfeier für die Reserve, kehrte jedoch sofort in seine Stellung zur Kompagnie zurück. Er wollte ihr an diesem Rbend nicht fehlen, vom Februar 1916 ab war ihm die Führung eines Bataillons übertragen. So oft er in Ruhe lag, ist wohl kein Tag vergangen, an dem wir uns nicht einmal gesehen und gesprochen hätten. So lernten wir uns täglich besser verstehen. Braune hat mir einmal gesagt, durch das Leben im Felde sei sein Glaubensleben nicht inniger geworden als vordem. Cr war und blieb im innersten Herzen der bewußte Christ und Theologe. Im November 1914 als Leutnant ausgezogen, ward er an Kaisers Geburtstag Oberleutnant und bereits ein halbes Jahr später Hauptmann- im Frühjahr 1916 erhielt er das Eiserne Kreuz 1. Klasse und wenig nachher ward er mit der Führung des 2. Bataillons seines Regiments endgültig betraut. - - Lange sollte er nicht an seiner Spitze stehen. Ende Rugust 1916 traf das Regiment der Ruf, südlich der Somme dem Feind gegenüber zu treten. Braune ließ mir sagen, wenn ich ihn noch einmal sehen wolle, müsse ich sofort kommen. Nur kurz saßen wir noch zusammen. Rber unausgesprochen standen noch einmal die Wege vor uns, auf denen wir uns gefunden und die wir zusammen gegangen waren. Der Ernst der Stunde kam uns völlig zum Bewußtsein. Mit einem Leuchten auf den Zügen meinte er von seinem erst kürzlich geborenen einzigen Kinde, das er demnächst zu taufen gedachte: „wenn ich falle, hat meine Frau in dem Kinde einen Lebenszweck." Er nahm als sicher an, daß sein Ende da sei. Mit festem Händedruck schieden wir, ohne daß einer.ein Wort dabei gesprochen hätte, wir wußten, es war zum letzten Mal. Sechs Tage später ist er gefallen. Zusammen mit seinem Rdjutanten, der mir noch vom Pferde herab zugerufen hatte: „Ruf Wiedersehen!" Cr fiel als ein Mann der Pflicht, der sich aus freien Stücken für sein Volk eingesetzt, ohne Rücksicht auf seine Person. Lin Mann des deutschen Idealismus, aufgewachsen im deutschen pfarrhause, festwurzelnd in den Segenskräften des Lhristentums und in der Liebe zu seinem vaterlande, ein Mann, der seiner Kirche noch so viel hätte sein können." Mit stolzer Zuversicht können wir auf diesen „Mann der Tat" verweisen, in dem Bewußtsein, daß er keine Einzelerscheinung in unserem Volk und Heeresist. Ruf solchen Felsen baut sich die Unüberwindbarkeit des deutschen Volkes auf, und auf ihnen ruht die sicherste Gewähr für seinen endgültigen Sieg und seine Zukunft. -4- Geschichten und Anekdoten au; dem Leben Philipps des Grohmütigen. (Schluß.) 8 . Cs läßt sich denken, daß der Landgraf während seiner fünfjährigen Gefangenschaft in der niederländischen Stadt Mecheln an Mittel und Wege dachte, um seine Freiheit wieder zu erlangen. Im Jahre 1550 mißglückte ein Befreiungsversuch. Der Landgraf dachte, daß seine Befreiung von Cassel aus unternommen werden solle, und hatte einige vertraute Männer für seinen plan gewonnen. Cs war dabei sogar von einer Flucht zur See die Rede und von einem Rspl bei dem Könige von Frankreich. In Cassel jedoch erwog man die Flucht zu Lande. Der Zeugmeister Hans Rommel und ein anderer Mann waren indessen der Rnsicht, daß eine Flucht über 50 Meilen, über die Maas und den Rhein untunlich sei, da der jetzt schwer beleibte Fürst nicht so weit in der Eile weiter könne und Gefahr liefe, noch vor dem Rufsteigen ersuchen zu werden. Rommel verlangte außerdem, da er kein Reiter sei, einen Hauptmann zur Leitung des ganzen Unternehmens, er selbst wolle mit seinen Gesellen die Spanier abhalten, die Türen verrammeln und die Flucht decken. Der Landgraf ging zuweilen in einem Garten spazieren, der durch eine Pforte von der Stadt abgesondert war. Mit Hilfe des Pagen, der bei dem Fürsten weilte, hatte nach Wachsabdrücken dieser Pforte — 96 — und der anderen Türen ein geschickter Meister aus Emmenhausen bei Cassel Schlüssel verfertigt. Hans Nommel war dafür, daß die Flucht bei Nacht geschehen müsse, aber Philipp, verwarf diesen plan wegen der scharfen Nachtwachen der Spanier, der verschlossenen Stadttore, der engen Stiegen und der hunbe, die zuviel Lärm machen würden. Die Sache ruhte nun eine Meile, bis Hans Nommel einen in Mecheln geworbenen Kurt Dreidenstein, der als Nntwerpener Kaufmann mit allen Degen bekannt war, dem Landgrafen Dilhelm, dem Sohne Philipps, zuführte. Mit Dreidenstein hatte Philipp die Flucht verabredet, den Mondschein für Nnfang Dezember berechnet und für sich ein besonderes Pferd aus Cassel bestellt. Die Gemahlin Philipps mahnte ab, aber der Landgraf, drängte. So zogen dann Hans Nommel und Kurt Vreiden- jtein Ende Dezember ab. Das Gerücht ihres Unternehmens hatte sich aber in Cassel verbreitet und war sogar nach den Niederlanden gedrungen. Dort hieß es, Landgraf Wilhelm komme, um seinen Vater zu befreien, mit 30 000 Hessen. Man hatte die Pferde, die man zur Flucht des Landgrafen benützen wollte, teils in zu großen Haufen nach Cöln geführt, teils zu früh bestellt, sie standen fast 12 Tage an bestimmten Grten umsonst. In Mecheln traf man alle Vorsichtsmaßregeln, um das geplante Unternehmen zu verhindern. Die Schleusen der Stadt wurden ausgezogen, eine Schleuse führte zwischen dem Stadttor und dem Garten, von dem aus die Flucht erfolgen sollte, vorüber. Außerdem hatte ein starker wind den Zaun neben der Pforte des Gartens und die Planken um- geworfen,' die Folge war, daß viele Arbeiter herbeigeführt wurden und ein Entweichen unmöglich war. Um 22. Dezember, also mitten im Winter, sollte der Anschlag ausgeführt werden. Ein seltsamer Vorgang verriet alles. Landgraf Philipp hatte nach der fürstlichen Gewohnheit seiner Zeit einen Hofnarren, diesen hatte er sogar mit in das Gefängnis genommen. Im allgemeinen waren diese Hofnarren sehr schlaue und geriebene Burschen. Das scheint auf diesen Hofnarren nicht zugetroffen zu haben,- denn er bot in der Herberge ,,Zum Noß", wo Nommel abgestiegen war, dem Hausknechte seine Kleider zum verkaufe an und rief laut, er wolle auch mitreiten. Der Hausknecht, dem die im Stalle stehenden, gesattelten Pferde auffielen, entdeckte den Nnschlag. Als der Zeugmeister Nommel zur rechten Zeit am angegebenen Grte bereit stand, erschien plötzlich ein spanischer Hauptmann mit der wache. Der Hauptmann rief: schut, schut, schut, aber seine Leute vergaßen, in dem entstandenen Tumult zu schießen, und Nommel, von vier Spaniern verfolgt, entkam mit Kurt Dreidenjtein. Zwei ihrer Begleiter wurden erschossen. Philipp, dem nunmehr die deutschen Diener genommen wurden, wurde durch diesen Vorfall so tiefsinnig, daß man für seinen verstand fürchtete. Gewöhnlich kamen Sonntags vor sein Fenster arme Leute, denen er Almosen austeilte. Als sie am nächsten Sonntag kamen, rief er ihnen zu, sie möchten Weggehen, er habe nichts mehr. Nun ließ ihn der Kaiser in eine zehn Schuhe lange Kammer verbringen, deren Fenster zugenagelt waren. Crst am 4. September 1552 ließ sich der Kaiser auf die nachdrückliche Fürsprache der deutschen Fürsten bewegen, ihn freizulassen. Am 10. September kam er in Marburg an, am 12. September in Cassel. Cs war gerade ein Sonntag,- als das Volk von der Freilassung seines Landesfürsten hörte, strömte es in die Martins- Kirche, wo Philipp am Grabmal seiner während seiner Gefangenschaft verstorbenen Gemahlin niederkniete. Obwohl er erst 48 Jahre alt war, war er doch alt und grau geworden. Durch das Leiden gereift, regierte er noch 15 Jahre lang über sein Volk und entschlief am Ostermontag, dem 31. März 1567, mit den Worten: Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist! ttirchliche Anzeigen. Sonntag, den 17. Juni, 2. nachTrinitatis. Gottesdienst. In der Stadtlirche. vormittags 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmierten aus der Markusgemeinde. pfarrassistent Liz. Neuning. vormittags 9V- Uhr: Pfarrer Mahr, vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeinde. Pfarrer Mahr. Mittwoch, den 20. Juni, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer Mahr. In der Johanneslirche. vormittags 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmierten aus der Johannes- gemeinde. Pfarrer Ausfeld. vormittags 9V- Uhr: Pfarrer Dechtolsheimer. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Dechtolsheimer. * * * Wartburg, evangel. Jünglinge und Männer-Verein, Diezstr. 15. Sonntag, den 17. Juni, abends 8 Uhr: Vortrag. Mittwoch, den 20. Juni, abends 87 4 Uhr: Leseabend. Gäste stets willkommen. * * * Vibettränzchen für Schüler höherer Lehranstalten. Jeden Mittwoch von 6—7 Uhr für die jüngere Abteilung. Jeden Samstag von 6—7 Uhr für die ältere Nbteilung im Johannessaal. Vibellränzchen für Mädchen aus der Johannesgemeinde. Jeden Dienstag von 6—7 Uhr im Johannessaal. £ Ankündigungen empfehlenswerter Firmen j Carl Loos Kirchenplatz 13 Telephon 79 Manufaktur- und Weißwaren Herren- u. Knabenkleide Heinrich Noll 7 Mftusburg Nr. 7 Telephon Nr. 292 Spezial-Geschäft für Bureaubedarf * Schreibmaschinen Papierhandlung, Buchbinderei, Gesangbücher. Moderne r Kunstarbeiten. Photographische Apparate und Zubehöre §. Stöver, Gießen Seltersweg 16 Uhren, Gold- u. Silberwaren Destecke Reparaturen in eigener Werkstatt prompt und billig verantwortlich: für den Textteil Pfarrer Bechtolsheim er. für den Anzeigenteil 6- Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Zteindruckerei R. Lange sämtlich zu Gießen.