Gemeinüeblatt süröie evangelische Kirchengemkinüe Gieszew Nr. 21. Bietzen, Sonntag Pfingsten, den 27 . Mai 1917. 6. Jahrgang Pfingsten Brief des Apostels Paulus an die Römer 8, 14. Welche der Geist Gattes treibt die sind Gottes Rinder. von Generalsuperintendent v. K l ing e m an n - Toblenz. Der Geist ist es, der da lebendig macht, vom Geist einer Zeit, eines Volkes zu reden, ist unser liecht,' ja, aus dem Geist, den sie offenbart, will jede große Zeitbewegung verstanden, beurteilt sein, wir durften mit Ehrfurcht das wehen eines großen, starken Geistes empfinden, als unser Volk zur Abwehr furchtbarer Angriffe sich erhob. Und was auch von anfänglicher Begeisterung sich verflüchtigt haben mag, was auch des Krieges und der Mühsal lange Dauer von Kleingeist und Kleinmut wieder an den Tag bringen mußte, so bleibt uns der freudige Stolz auf jenen Geist der Einmütigkeit und Besonnenheit, der Tatkraft und der Gpferwilligkeit, in dem unser Volk seiner Feinde sich erwehrt und in hartem Kampf wider eine beispiellose Uebermacht sich sieghaft behauptet, wir lernen den wert geistiger Kräfte und Mächte in dieser Zeit neu verstehen, wir dürfen es erleben, wie über allen meßbaren Kräften die unsichtbaren sittlichen Mächte sich auswirken, an denen doch die Entscheidung haftet. Und bei aller Nüchternheit des Urteils über unsres Volkes Schwächen und Fehler rühmen wir dankbar den guten Geist, den in einer Fülle von großen Erscheinungen die harte Zeit an das Licht gebracht hat. heilig ist uns unsrer Streiter Heldenmut, heilig unsres Volkes Gpfersinn, heilig der Ernst der Trauer, der unsre Häuser und Herzen durchzieht. Uber der heilige Geist ist mehr als ein heiliger Geist, mehr als eine große, menschlicher Bewunderung werte Geistes- bewegung. Zst cs unser Uecht, in dem allen, was menschlich groß und rein ist, göttliche Wirkungen und Ausstrahlungen zu erkennen, jo wird doch der heilige Geist, der Geist aus Gott erst daran uns offenbar, daß er uns zu Gott führt. ,,welche der Geist Gottes treibet, die sind Gottes Kinder." ,,Niemand kann Jesum einen Herrn heißen ohne durch den heiligen Geist." Das ist des heiligen Geistes Merkmal, daß er uns Gottes als unseres Vaters, daß er uns Zesu als unseres h.^rrn gewiß macht. Des Geistes entscheidende Wirkung ist der Glaube, und dieser Glaube ist Ueberzeugung von Gottes Dieb' vertrauen auf Gottes walten, befreiende Kraft, Kraft der Tat und des Lebens. Bus Jesu Fülle schafft uns der Geist neuen Lebensinhalt, er gibt unsrem Denken und wollen Uich- tung und Ziel. So ist uns des Geistes Besitz persönliches Gut, so prägt der Geist der Persönlichkeit neues Wesen, neuen Gehalt auf,' er zerstört nicht die anerschaffene Eigenart, aber er stellt alle ihre Gaben und Kräfte in Gottes Dienst. Den wert der aus Gottes Geist geborenen Persönlichkeit lehrt uns die Geschichte verstehen. Die Menschen, die einer Zeit zum Segen gewirkt haben, die ihrem Geschlecht den weg zu Gott neu erschlossen haben, sind uns Offenbarungen, Verkörperungen des heiligen Geistes. Und wenn wir heute ein gewaltiges Stück Geschichte erleben dürfen, so hängt der Segen dieser Zeit für unsres Volkes heil vom wirken geift- erfüllter Persönlichkeiten ab. wo Uot und Gefahr uns nahe treten, wo wir um unsres Volkes Dasein und Zukunft ringen, bedürfen wir der Führung. Und nur die können uns die rechten Führer sein, welche der Geist Gottes treibet. Darin wurzelt unser starkes vertrauen, daß wir an unsres Volkes und Heeres Spitze Männer wissen, die, vom Geist Gottes getrieben, der Pflicht gehorchen, den Ernst der Verantwortlichkeit in sich tragen. Bus dem Geist allein, der Gottes gewiß ist, wird die Kraft zum Entschluß, zur wagenden Tat geboren. Uber solche Wirkungen des Geistes dürfen nicht auf die Führer im engeren Sinne beschränkt bleiben. Um Leben unsres Volkes sind wir alle beteiligt, dem Leben unsres Volkes sind wir alle uns selbst, unsre Kraft und Mitarbeit schuldig. Das Fest des Lebens ist Pfingsten, und wie wir in diesen Tagen neuen Blühens und Werdens gern in all dem Sprießen und Keimen um uns her das Bild neuen geistlichen Lebens sehen, so suchen wir die Hoffnung auf neues Leben in Volk und Kirche, gesegneter Zukunft Entfaltung. Und wie di? pfingstgabe uns allen verheißen ist, so soll es uns pfingsttrost sein, daß dabei uns allen bis zu dem Kleinsten und Geringsten unsere Aufgabe geworden ist. Zn all seinen Schichten und Kreisen bedarf unser Volk der Männer und Frauen, der Väter und Mütter, der Lehrer und Erzieher, die, vom Geist getrieben, den Kreis bescheidener Pflichten nicht als zu eng ansehen und dennoch über sich selbst und den eigenen Lebenskreis Hinausblicken. Mit der großen Zeit darf die groß? Kraftanspannung nicht ihr Ende finden, und wenn das All tagsleben wieder in sein Uecht tritt, wird es in neuer wei'- t iBV — 82 — die Kräfte fordern, die zu stiller geduldiger Krbeit bereit sind. Jene Gleichheit vor der Pflicht, die uns der Krieg gelehrt, ist unentbehrliche Bedingung zukünftigen Gemeinschaftslebens, wo es gelten wird, unsres Volkes Wunden zu heilen, alle Keime neuer, gesunder Entwicklung zu pflegen. Etwas van den Glocken. von Pfarrer Otto Zchulte zu Großen-Linden. (Fortsetzung.) Line Beschreibung von Glocken ist verhältnismäßig oft in Büchern zu finden, viel seltener dagegen ist der Dienst geschildert, den sie tun. Kn gelegentlichen Bemerkungen über die Zeichen der Betglocke fehlt es freilich nicht, wir werden später auf sie einzugehen haben. Kber auf das volle, zusammenklingende Geläute ist man, soviel ich sehe, nirgends eingegangen, trotzdem es der Untersuchung wohl wert wäre. wir hören das volle Geläute in allen deutschen Gemeinden schon am Zamstag, nachmittags oder abends. Die Ztunden sind verschieden, zuweilen 2 Uhr, wie in Großen- Linden, oft abends, wie in Gießen. Klter Ordnung nach fängt eine bestimmte Glocke den Thorgesang an, eine zweite, bestimmte fällt ein, dann tritt die dritte hinzu. In Großen- Linden wird am Zamstag vor dem 1. Kdvent, 1. Lhristtag, 1. Gstertag und 1. pfingsttag das Vaterunserglöckchen noch als anfangendes hinzugenommen. Die Töne des Geläutes in Großen-Linden sind 6, 6, gi8, h; die. größte Glocke hat den tiefsten, die kleinste den höchsten Ton. wir deuten das Läuten am Zamstag allgemein als das Zeichen, dem arbeitenden Menschen die Freudenbotschaft zu bringen: ,Morgen ist Feiertag, da kannst du ruhen!" Und eine Lrklärungsweise, die lediglich aus eignem wissen heraus so gern sich geltend macht, erinnert wohl noch daran, daß in den allerältesten Zeiten, als die Deutschen eben erst Lhristen geworden waren, ein Zeichen nötig gewesen ist, sie auf den Zonntag als Feiertag hinzuweisen. Kber das alles ist Umdeutung. Die Volkskunde sagt uns, daß früher der Zonntag nicht in der Mitternacht zwischen Zamstag und Zonntag begann, sondern Zams- tag abend. Das war der „helg' Gwet". Da fing die Kühe des Zonntags an. Zchon da ruhten Pflug und Zense, Zpinnrad und Webstuhl, da wurde in den Dörfern keine Zpinnstube gehalten, da saß die Familie still um den Tisch. Man unterhielt sich miteinander, man las. Der volle Thor der Glocken läutete tatsächlich den Feiertag ein, er gebot Uuhe. Ls ist eine Bestätigung dieser Knschauung, daß heute noch nicht nur in Großen-Linden am Zonnabend abend, wie sonst am Werktag, zu Nacht geläutet wird. Vas Gebets- zeichen ist da überflüssig, das Linläuten des Zonntags hat es ersetzt, wenn aber auf den vielen Ortschaften am Zams- tag bald um 2, bald um 4 Uhr der Zonntag eingeläutet wird, so liegen da Verlegungen vor, deren Gründe ich nicht im einzelnen kenne und die noch aufzuklären sind. Die alte Zeit wird der Eintritt der Dunkelheit gewesen sein. Km Zonntag früh um 7 Uhr läßt in Großen-Linden die größte Glocke ihre Ztimme hören, wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir darin ursprünglich einen Uuf zum Gebete hören, heute deutet man es so um, daß man sagt, sie wolle zum Kirchgänge mahnen. Mit mehr Uecht kann man das sagen, wenn die zweitgrößte Glocke um halb 9 Uhr läutet. Unsre Gemeindeglieder hören diesen Uuf so: „Zieh' dich an zum Gottesdienste, mach dich fertig!" Es scheint, als ob in Kirchdörfern mit Filialen der Uuf früher kommt, als in Ortschaften ohne solche. Der weitere Kirchgang macht das notwendig. In Großen-Linden, in dessen Kirche früher Hörnsheim und Klein-Linden Zitze hatten, liegt eine und eine halbe Ztunde zwischen diesem Glockenzeichen und dem Kn- fang des Gottesdienstes. In Klein-Linden, das heute eine eigne Kirche hat, beträgt die Zwischenzeit nur eine halbe Ztunde. In den allermeisten deutschen Kirchen läuten dann die Glocken um 10 Uhr zum Gottesdienst. Es ist ein eigenes wandeln, wenn man unter ihrem Zchall zur Kirche geht. Wan kann es mit dem Marsch, der Zoldaten unter dem Klang der Musik oder dem Gang der Teilnehmer eines Leichenzuges, während die Kapelle einen Trauermarsch spielt, vergleichen. Nur hat dieser Gang zur Kirche etwas Feierliches, etwas Ernstes in sich. Das Herz wird vorgestimmt zu dem, was seiner wartet. Das Läuten der Glocken bedeutet in sich schon den Knfang des Gottesdienstes. Einen vollkommenen Eindruck dieses Knfangs des Gottesdienstes bekommt man, wenn man auf einem Kirchdorfe mit Filialdörfern von dem hochgelegenen Kirchhofe aus auf die Ztraßen niederschaut, auf denen die Gottesdienstbesucher Herzuströmen. Ueberall, außer dem Glockenschalle, tiefe Stille, kein wagen, kein Vieh, kein Uad, kein Kuto zu sehen, auch kein Mensch, der die Ztraßen in entgegengesetzter Uichtung zieht! Die Frauen und jungen Mädchen tragen die Gesangbücher über den zusammengelegten Händen, im Zommer sehr oft dazu noch irgendeine Blume, die Männer gehen würdig und ernst, selbst die Kinder springen und tollen nicht. So ziehen sie in das Gotteshaus ein, in dem alter Sitte nach unten die Frauen und Mädchen jedes Dorfes bestimmte Bänke und oben ebenso die Männer und Burschen ihre Zitze haben. Etwa 8—10 Minuten dauert das Läuten, dann beginnt die Grgel. Der Dienst einer Glocke hebt erst wieder mit dem Vaterunser an. Zie begleitet das Gebet. Zie ist für alle diejenigen in der Gemeinde, die dem Gottesdienste nicht beiwohnen, ein Zeichen, daß auch sie die Hände falten und das Gebet des Herrn mitbeten sollen. Gewiß viele, viele tun es nicht. Kber doch legt noch manche Hausfrau, die in der Küche am Herd steht, für einen Kugenblick den Löffel hin und betet, und mancher Kranke faltet die Hände, das Gebet der Gemeinde zu verstärken. Großen-Linden hat, soweit die Glocken in Betracht kommen, für den Uachmittagsgottesdienst denselben Gang. Nach Zchluß der Vormittagskirche läutet eine Glocke das erste Zeichen (entsprechend der Glocke um 7 Uhr) und um halb 1 Uhr gibt eine andere das zweite zu der um 1 Uhr beginnenden Kirche. Man erkennt aus dem Gesagten sofort, wie sinnvoll das Geläute geordnet ist. (Schluß folgt.) Der Sperling. Ein Zperling sitzt im Zonnenschatten. Ich kann ihn durch das offene Fenster beobachten. Da hockt er aufgeplustert unter einem Khornblatt mit dem braunen Brüstchen und ebensolchem Köpfchen. Er sitzt stille, der sonst so unruhige kleine Geselle. Uur das Köpfchen dreht sich zuweilen, und dazu tönt es „Zitt, zitt" so munter und herzlich aus dem Blätterhäuschen des pfingstfröhlichen, sich seines Lebens freuenden Burschen. Eine goldene Tonleiter wie die der Nachtigall ist dies ,,Zitt, zitt" ja nicht. Kuch mit dem Jubilieren der Lerche oder mit dem perlenden, entzückenden Lied Meister Zinks ist es nicht zu vergleichen. Und doch gefällt mir dies „Zitt, zitt" ohne Kunst und Zierat, gerade in seiner einfachen, ungekünstelten Neinheit und Frische, wie es mir und aller Welt in Herz und Gemüt ruft: „wie glücklich ich bin. — 83 - und wie zufrieden! Ich freue mich der Sonne und des Grüns, der warmen Lüfte und vor allem der Liebe meines Schöpfers, ich geringer Spatz." List du gar nicht, mochte ich ihm am liebsten zurufen. Du besitzt ein ganzes Teil Innerlichkeit und Poesie, gerade wie ein Mensch, der äußerlich unansehnlich ist und vielleicht auch des öfteren abstößt durch sein Wesen in Gesellschaft. Triffst du ihn allein und beobachtest ihn unbemerkt in seinem Schulten und Walten, bist du, glaube es mir, nicht selten wunderbar überrascht: ,,Welch ein köstliches Menschenkind, ich ahnte das nicht, und es selbst ahnte es nicht in seinem reizend anspruchlosen und — das ist es — in der Einsamkeit allein glücklichen und sich natürlich erschließenden Sein." So spricht es lebhaft auf dich ein. Ich aber schweige, reden heißt hier erschrecken, stören. Ich bewahre mir den prächtigen Eindruck wie einen Schatz, still-verschwiegen, verständnisvoll. „Zitt, zitt" jubelt mein kleiner Freund. Vas ist Frühlingsmusik, Sänger Spatz. Kennst du Mendelssohns Lieder ohne Worte? Deines ist fast eins, nur mit dem Unterschied, daß es nur zwei Noten hat, zwei famose Noten: Froh, froh! Ja, das bist du, kleiner Kerl! Treffe ich dich lärmend und tollend mit deiner ganzen Sippe am Rlltag an, dann erinnere ich mich gern an dein „Zitt, zitt", froh - froh, im Rhorn- baum am pfingstmorgen. Pfingsten 1916. ^anna Krüger f. Geschichten und Anekdoten aus dem Leben Philipps des Grohmütigen. Landgraf Philipp der Großmütige von Hessen (1504 bis 1567), der 1526 in seinem ganzen Lande, somit auch in Gießen, die Reformation eingeführt hat, war ein sehr populärer Fürst. Nicht Klein ist deshalb auch die Zahl der Geschichten Und RneKdoten, die man sich über ihn in seinem Lande erzählte. Einige davon, wie sie sich in alten Urkunden und Büchern finden, seien hier wiedergegeben. Der Leser wird bald merken, daß man im 16. Jahrhundert in Deutschland wesentlich derber war als heutzutage. Diese Derbheit darf aber nicht als Roheit angesehen werden. Rohe Gesinnung kann sich unter sehr gefälligen Manieren -verbergen, während mit der Derbheit in Worten und Manieren, wie man sie in alter Zeit findet, sich oft wahrhaft fromme Gesinnung und sittlicher Ernst zusammenfanden. 1 . Der Landgraf war, wie die weitaus meisten seiner Ztandesgenossen, ein eifriger Iäger. Einmal hat er einen großen Bären erlegt, wo dieses Untier hauste, wird uns nicht gesagt. Lin Marburger Gelehrter hat über dieses von dem Landesherrn erlebte Iagdabenteuer nicht weniger als vier lateinische Epigramme geschrieben. Um Marburger Schlosse fand sich die Inschrift: Da noch regieret das Hessenland Landgraf Philipp mit seiner Hand, hat er einen Bären selbst gefällt, Der edle Fürst und treue Held. von des Fürsten Iagdleidenschaft in jungen Iahren erzählt ein Thronist folgende Begebenheiten: „Zuvor ehe er die Kirchen reformierte, trug er große Lust zum Iagen, wie er denn alle morgen, des Nachts umb ein Uhr mit seinen Iägern und Reutern, welche das gantze Iagen umbhero beneben dem Reuter haubtmann musten bewachen, uff wahr, daß er in der Kühlung jagen mochte, damit die Hunde desto freudiger undt auch die Unterthanen desto zeitlicher wieder zu Haus kommen möchten, hatt er darnach, nach gehaltener kalten Küchen ein stundt oder etlich geruhet, oder sonsten Kurtzweil gehabt mit seinen Iunkern. Wann er denn also früh auf wahr, halt er zuvor den Pfaffen (dieses Wort wurde früher nicht irr verächtlichem Sinne gebraucht, es bedeutete so viel wie Pfarrer) eine Meß lassen lesen undt unterdessen sich anziehen lassen und zum Pfaffen je bisweilen gesagt: Botz Märter (potz Martin), scheer dich fort mit dem Grempelwerk, auch wohl davon geritten und den Pfaffen allein Meß halten lassen. Er führet auch bei sich etliche englische Hund: als Ball, Türk, Rnhalt und den jungen Weckuff, welcher ihm sehr beliebet, muste bei ihm im Gemach sein, war schloßweiß und hatte einen roten Flecken am Ghr, wahr ein untreuer Hund,' war es er fast (faßte), das hielt er." Der Iagdleidenschaft ist Philipp bis in sein Rlter ergeben gewesen. Im Iahre 1599 schreibt er in einem Brief an einen Standesgenossen: „In dieser Schweinehetz haben wir mit unseren jungen Hunden, die hübsch und wie selbst gezogen, gute Lust gehabt und über 1120 Säue gefangen, wie denn Euer Liebden aus bepverwahrtem verzeichniß zu sehen finden. Ruch mögen wir Euer Liebden mit Wahrheit und wollen wenig sagen, daß wir noch 60 Jagden, so wir gewollt, zu thun gehabt hätten. Weil wir aber befunden, daß die Säue mager gewesen, haben wir nicht fleißiger jagen wollen. Doch sind die Säule dieses Iahr im Reinhardswald uni Spangenberg und um Melsungen her feist gewesen." Ein Iahr zuvor hatte Philipp einen befreundeten Fürsten um ein gutes, zaumrichtiges Pferd zur Schweinehetz gebeten, weil er jetzt ein schwerer Reiter sei und sich in den Wäldern vor dem Fallen fürchte. 1560 schrieb er, er habe auf einer Iagd 154 Hirsche gefangen, ob er schon noch im Solingswald, in den Wildfuhren um Spangenberg, Lich- tenau, Melsungen, Reinhardswald, Habichtswald und um Kassel gar kein Jagen gehalten. (Fortsetzung folgt.) Aus der Zugendzeit eines deuischen Mannes. (Fortsetzung.) Rls wir dies Dorf verließen, bemerkten wir, daß ein Gewitter aufstieg. Kaum waren wir eine halbe Meile gefahren, so ereilte es uns in seiner vollsten Heftigkeit mit einem furchtbaren Regen- und Schloßenwetter. Die Schloßen waren so groß wie Haselnüsse und schlugen, getrieben von einem heftigen Sturm, so schmerzhaft auf, daß sie blaue Flecken verursachten und wir in dem offenen Wagen nicht bleiben konnten. Wir stiegen ab und suchten uns unter und hinter dem Wagen zu schützen. Rber die Schloßen wurden vom Sturme fast horizontal getrieben, und die Pferde, schmerzhaft getroffen, waren nicht zum Stillstehen zu bringen. Schon nach wenigen Minuten hatten wir keinen trocknen Faden auf dem Leibe,' der Donner rollte unaufhörlich fort' die Blitze umzuckten uns, kurz, es war ein Wetter, als solle die Welt untergehen. Rlles nimmt indessen ein Ende, auch unser Gewitter. Wir gossen die Stiefeln aus und muhten das weitere Trocknen der Luft und dem Winde überlassen, wobei ein starkes Frösteln trotz der vorausgegangenen Hitze nicht zu vermeiden war,' in meiner ledernen Brieftasche waren die innersten pergamentblätter erweicht. Wir kamen nach Tankow, einem netten Dorfe, und erst nach Sonnenuntergang (denn das Gewitter hatte uns aufgehalten und die Pferde angegriffen) — nach Zanzhausen, wo ein Eisenhammer ist. hier hatten die Rrbeiter Feierabend gemacht und standen, die Rbendluft genießend, mit den Wei- — 84 — berrt an den Häusern langhin aufgereiht, Frauen und Mädchen sahen rehr rein und sauber aus und trugen viel Weiß, auch gab es recht hübsche Gesichter und Figuren. Das Ganze war ein sehr freundliches Bild-, so daß es mir leid tat, nicht zu den Bewohnern des Grtes zu gehören. Es war ein so stiller Friede über diese Zzene gebreitet, der das Herz ergriff. Mir aber mußten weiter und kamen erst, als es bereits Uacht war, nach dem Bmte himmelstädt, wo wir übernachteten. Früh wurde wieder aufgebrochen, wir fuhren durch Zanzin, Marwitz und Liebenow. hier wurde Mittag gemacht, wir aßen im Freien,' es war aber wieder spärlich, vor uns saßen Zimmerleute bei ihrem Mittagbrote auf den Balken zu einem Gebäude. Ich näherte mich ihnen und hörte den einen sagen: „Ja, dahin mochte ich es wohl im Leben bringen, daß ich wenigstens wöchentlich einmal Fleisch essen könnte", und die andern stimmten bei. Ziehe da, dachte ich, da sind noch mehr Leute, die kärglich essen, du kannst dich also noch nicht beklagen. Unser weg führte nachmittags durch Diedersdorf und Vietze nach dem hübschen Dorfe Tamsel, wo der Gutsherr seinem Erzieher, den die Bussen nach der Zchlacht von Zorndorf ermordet hatten, ein Monument im Garten errichtet hat. Bbends kamen wir nach der Festung Küstrin. hier übernachteten wir besser als in den vorigen Nächten. Um andern Morgen fuhren wir weiter. Marcus hatte mir den Bat gegeben, im Dorfe Kliestow, eine halbe Meile vor Frankfurt im Kruge zu bleiben, weil ich da wohlfeiler wegkäme,' denn in Frankfurt sei es zur Meßzeit in den Gasthöfen teuer, wir kamen nachmittags in Kliestow an, ich wurde abgesetzt und nahm von den Neisegefährten bewegten Bbschied. waren sie doch das Letzte, was mir noch von Friedland her bekannt war. Es mutete mich an, als ob der letzte Ztern an meinem Himmel untergegangen wäre, von jetzt an war alles fremd und dunkel. Ich trat in die Wirtsstube und übergab schüchtern meine Zachen; denn jene unselige Verlegenheit hatte mich noch nicht verlassen, ja, sie ist mir eigentlich, wenngleich mit der Zeit vermindert, lebenslang verblieben. Dann ließ ich mir ein Butterbrot geben und ging nach Frankfurt, wohin vom Dorfe eine nicht mehr vorhandene schöne Bllee von Maulbeerbäumen führte, die eben reife Früchte trugen. Im Tore wunderte ich mich über die Keule mit der Inschrift: ,,wer seinen Kindern gibt das Brot und leidet selber Not, den soll man schlagen mit dieser Keulen tot." Jetzt ist auch dieses Wahrzeichen verschwunden. Die Justiz hat übrigens diese in mehreren Ztädten sich wiederholende Vorschrift nie respektiert und andere durften es nicht. — Nun geriet ich ins Meßgewühl ; ich hatte jedoch keinen Zinn dafür und wußte nicht, wie ich es anfangen sollte, eine Gelegenheit nach Berlin zu finden, denn die Post war mir zu teuer. In einigen Gasthöfen, wo ich nachfragte, war erst in drei bis vier Tagen auf eine Gelegenheit zu rechnen. Ich kaufte mir einen aus Bast geflochtenen Kober, um Lebensmittel hinein zu packen, weil ich dergleichen auf der bisherigen Beise vermißt, und wan- derte betrübten Zinnes wieder nach Kliestow zurück. Unterwegs kam ich mir überaus einsam und verlassen vor. Die Welt war so groß und so weit und ich ein so kleiner Punkt darin; ich verlor mich in ih-r, und die mich etwa vermißt hätten, waren so fern! Ich fing an, mich förmlich in der Welt zu graulen und weinte bitterlich. Bis ich dem Dorfe näher kam, wurde ich ruhiger,' es sah doch einigermaßen bekannt aus; aber ich trieb mich noch einige Zeit umher, um meine verweinten Bugen erst wieder zu trocknen, trat dann in den Krug, trank ein Glas Bier und legte mich zur Buhe. (Fortsetzung folgt.) kirchliche Anzeigen. Zonntag, den 27. Mai. 1. p fi n g st fe i e r t a g. Kollekte für die hessische Lutherstistung. Gottesdienst. In der Ztadtlirche. vormittags 8 Uhr: Pfarrer Mahr, vormittags 9 7s Uhr: Pfarrer Z ch w a b e. Beichte und Feier des heiligen Bbendmahls für Matthäus- und Markusgemeinde. Bnmeldungen werden vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten, vormittags 117* Uhr: Kinderkirche für Matthäus- und Markusgemeinde gemeinsam. Pfarrer Zchwabe. Montag, den 28. Mai, 2. Pfingstfeiertag. vormittags 9 Vs Uhr: Pfarrer Mahr. In der )ohanneskirche. vormittags 8 Uhr: Pfarrer Bechtholsheimer. vormittags 9'/>Uhr: Pfarrer Bus- feld. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Johannes- gemeinde. Pfarrer Busfeld. — Montag, den 28.Mai, 2. pfingstfeiertag. vormittags 8 Uhr: Pfarrer Busfeld, vormittags 972 Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. Beichte und Feier des heiligen Bbendmahls für Lukas- und Io- hannesgemeinde. Bnmeldungen werden vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten, vormittags 11 7* Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer. Carl Loos Kirchenplatz 13 Telephon 797 Manufaktur- und Weißwaren Herren- u. Knabenkleider Wlikslien miufifinfltumentt Ernst Ehallier, Siesten kudolph's Mchl. | jftfUfnmrg 9 Leikphon L7I . . . 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