Nr- 20. Gießen, Sonntag Exaudi, den 20. Mai 1917. 6. Jahrgang. Lrdensrühling und Lwigkeitshoffnung. Evangelium des Johannes 16, 22. Ihr habt auch nun Traurigkeit; aber ich will euch Wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen. Es ist Sonntag nachmittag, weit hinter mir sind die Häuser der Stadt zurückgeblieben. Ich liege am Bande des grünen Waldes im weichen Gras, umsummt von Insekten, und die Gedanken ziehen hin und her, kommen aus weit entlegener Ferne, haften dann wieder am nächsten, werden schließlich ganz zunichte, und stilles Träumen umfängt mir den Sinn. Da erschallt nicht allzuweit von dem Orte, da ich liege, Gesang. Ls sind Mädchenstimmen, die herüberklingen, und ich sehe die junge Schar, wie sie unter Blütenbäumen durch das grüne Feld wandert. Sie singen das alte schöne Wallfahrerlied, in dem es heißt: „Schön sind die Wälder, noch schöner sind die Felder in der schönen Frühlingszeit, Jesus ist schöner, Jesus ist reiner, der unser traurig Herz erfreut." Wunderbar innig ist das Lied, ein Volkslied ohnegleichen, eins von den Liedern, deren Verfasser man nicht kennt, deren Tiefe man jedoch nie ausschöpft. Wie paßt dieses Lied in die gegenwärtige Jahreszeit. Linde Lüfte wehen durch das Land, Blumenduft streift über Berg und Tal, ein Meer von Blüten wogt uns entgegen, das Lied der kleinen Vögel dringt uns, wenn der Morgen graut, und wir noch im halbschlafe liegen, tief ins Herz hinein. Sonnenleuchten auf der Flur, Leben allüberall, ja „schön sind die Wälder, noch schöner sind die Felder in der schönen Frühlingszeit", und unsere Seele möchte gern jubeln in all der schönen Frühlingspracht. Sie kann es diesmal nicht. Im Weitergehen singen die Mädchen: „Schön sind die Blumen, noch schöner sind die Menschen in der frischen Jugendzeit, sie müssen sterben, müssen verderben, nur Jesus lebt in Ewigkeit." Sie müssen sterben, müssen verderben. Darüber bricht jetzt so vielen das Herz. Bus der lieben Heimat gehen in diesen Tagen unsere Gedanken nach Brras, St. Ouentin, Tambrai und Keims. Dort stehen die Unseren in Kampf und Sturm, dort schreiten sie durchs ein Meer von Feuer und Eisen hindurch. Opfer werden dort abermals von uns gefordert, heilig und groß. wer nennt die Namen aller derer, die dort gefallen sind, wer zählt die Tränen, die um sie geweint werden, wer ermißt den Gram, den ihr hinscheiden erregt? Es ist eine arme Welt, die Welt, in der wir leben. Wenn auch der Frühling noch so schön blüht und Blumen sich um unser Fenster ranken, wenn auch, die Nachtigall im Busche singt und der Mond in der milden Nacht hoch am Himmel steht, unsere Seelen sind doch unsagbar traurig. Über, gottlob, so hat die wandernde, hoffnungsvolle Schar gesungen, „Jesus ist schöner, Jesus ist reiner, der unser traurig Herz erfreut, und: „Jesus lebt in Ewigkeit." So wunderbare, trostreiche Worte hat der Heiland gesprochen, als er noch auf Erden lebte. Ich bin die Buferstehung und das Leben,- wer an mich glaubt, der wirb leben, ob er gleich stürbe, und wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben. Selig sind die da leidtragen,' denn sie sollen getröstet werden. Ihr habt nun Traurigkeit, aber ich will euch Wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen. Er selbst ist durch das Kreuz zur Herrlichkeit hindurchgedrungen, hat den Tod besiegt durch seine glorreiche Buferstehung, sitzt seit seiner Himmelfahrt zur Rechten des Vaters und ist bei uns alle Tage bis an der Welt Ende. Bn ihn halten wir uns in der Traurigkeit, im Sturm und vielfältigen Untergang dieser Tage, und von ihm bekennen wir mit dem alten Liede: ,,Keiner auf Erden lieber kann werden als der allerschönste Jesus mein." Etwas von den Glocken. von Pfarrer Otto Schulte zu Großen-Linden. Es gibt wenig Dinge auf Erden, die sich so laut und oft bemerklich machen und von denen doch so wenig gesprochen und geschrieben wird, als die Glocken. Jeden Tag erklingt ihre Stimme mehrmals, und trotzdem hängen sie jahraus, jahrein einsam in ihrem Glockenstuhl. Nur die Käuzchen fliegen manchmal zu ihnen, und zuweilen steigt auch der Kirchendiener die steile Treppe, die zu ihnen emporführt, hinan, ein neues Seil zu befestigen oder etwas am Hammer der Kirchenuhr nachzusehen. Und doch ist's schön da oben. von den Fenstern hat man eine weitreichende Bussicht über den Ort und die Gemarkung. Die Ulenschen erscheinen so klein, der Lärm der Straße ist dort oben verhallt, man fteljt über dem (Betriebe der Wett. 3cf] bin schon vielmals bei den Glocken gewesen, und immer habe ich mir etwas wie ein Vorgefühl des Friedens geholt, der Über der weit in der Ewigkeit selbst liegt. I. Aber noch bemerkenswerter sind die Glocken selbst, wir haben in unserm Kirchturm in Großen-Linden deren vier, drei große und eine kleine. Weithin rühmt man das prächtige Geläut. Aber den schönsten Ton hat doch die größte, die, einer alten Volksüberlieferung nach, die wehlarer Bürger um ihrer stimme willen für ihren vom haben wollten. Über obgleich sie versprachen, das Innere der Glocke mit Geld bis an den Band zu füllen, haben sie sie doch nicht gekriegt. Sie hat viele Inschriften. Da lesen wir zuerst: Die Schlafenden weck' ich, die Sünder schreck' ich, die Toten bewein' ich, des jüngsten Gerichts erinnere ich dich. Schiller hat seinem Liede von der Glocke eine ähnliche Ueberschrift vorangestellt: Vivos voco, Mortuos plango, Fulgura frango, z. D. die Lebenden rufe ich, die Toten beklage ich, die Blitze zerbreche ich. Unsere Glocke ist weit älter als Schillers Lied. Ts steht aus ihr geschrieben: „Ich bin mit Gottes hülfe in diese Form geflossen, „Da Dilman Schmid von Uslar mich gegossen, „Fünfzehn Tag hernach in solchem Mond und Jahr, „Als Kaiser Karl der Sechst' durch Wahl bestimmet war." Ihr Geburtsjahr ist also das Jahr 1711. Aber sie hat noch mehr Inschriften. Sie trägt auch die Namen der damaligen Grotzen-Lindener Pfarrer und dazu die der damaligen Katsschöffen mit Tinschluß des Schultheißen und Bürgermeisters, 13 an der Zahl, wenn man sie aufmerksam liest, dann entdeckt man, daß mancher Name von den 13 auch heute noch unter denen der jetzigen Kirchenvorsteher und Gemeinderäte wiederkehrt, vielleicht sind es Ururururenkel. Auch einen Bibelspruch trägt die Glocke. Aber bei dem Zusammenstellen der Buchstaben ist dem Gießer absichtlich oder unabsichtlich ein Fehler untergelaufen, und so heißt der Spruch: „Mles, was Kbam Matt „Odem") hat, lobe den Herrn." Gußfehler an Glocken sind verhältnismäßig häufig. Line Unzahl von Ubbildungen ist außerdem noch nach vier Zeiten hin angebracht, Man sieht ein Wappenschild mit Lindenblatt, und die drei Upostel Johannes, Petrus und Philippus, den letzteren seltsamerweise gekreuzigt und zwar mit übergelegten armen, wie sonst der Schächer am Kreuz abgebildet ist. 2 . Neben der größten Glocke hängt die älteste,' sie stammt aus dem Iahre 1476. Sie trägt einen Namen, sie heißt „Maria". In katholischer Zeit wurden die Glocken getauft und bekamen, wie Kinder, ihren Namen. Jedenfalls ist sie der Gottesmutter zu Ehren so geheißen worden. Man liestj auf ihr: Maria hepssen ich, alle bese weder verdreiben ich. Das erinnert an den Glauben, der noch h^ute in entlegenen Gegenden herrscht, daß man bei aufziehendem Gewitter ein Hagelwetter dadurch fernhalten kann, daß man die Glocke läutet. So wird heute noch in Tirol bei drohendem schlimmen Wetter die Glocke gezogen, aehnliches gibt der Satz Schillers: Fulgura frango, d. i.: „Die blitze zerbreche ich", wieder. Zwar glaube ich nicht, daß man in alter c)eit sich vorgestellt hat, als ob die stark erregten Luftwellen die bösen Wetter forttreiben. Das ist jedenfalls eine rationalistische 78 — Umdeutung des alten Volksglaubens, vielmehr sah man in den Glocken etwas heiliges, Gottgeweihtes, und schrieb dem, ähnlich, wie ben Kruzifixen, die Macht zu, das .böse fernzuhalten. Der Name des Gießers der Glocke ist gleichfalls noch verzeichnet. Tplman von hachenbergk (= Hachenburg auf dem Wejterwalde) hat sie gegossen. 3 . Nuch die dritte Glocke hat einen Namen. Uber diesen Namen hat ihr nicht die Kirche gegeben, sondern das Volk. Man heißt sie: Herrenglocke, und wohl deshalb, weil sie in alter Zeit die „Herren", das sind die Katsschöffen, zur Sitzung unter die Linde oder im Natshause rief. So ist es ja, wenn ich recht berichtet bin, noch bis in die jüngste