1 r Äonntagsgr usz Gemeinöeblatt süröie evangelische Kirebengememüe Gieszerr Nr. 19. Bietzen, Sonntag Nogate, den 13. Mai 1917. 6. Jahrgang. Liebet eure geinöc!? Evangelium des Matthäus 5, 44. Liebet eure Feinde. Kn Landesfeinde ist gedacht, an solche von der besonderen Krt, wie wir Deutsche und unsre Bundesgenossen sie in diesem furchtbaren Ringen haben. Kn Feinde wie die kulturbringenden Russen, die ritterlichen Franzosen, die kirchlichen Engländer. Kn Feinde, die uns überfielen und die uns in die Nacht der Schande und der staatlichen Ohnmacht stoßen wollten. Kn Feinde, an deren Spitze der Erz- und Todfeind England steht. Sollen wir die wirklich lieben? Man würde keinen Kugenblick zögern, diese Frage mit einem scharfen Nein zu beantworten, wenn uns nicht von Kindheit an das Gebot der Feindesliebe eingeprägt wäre. Da verschlägt es nichts, daß ja England und sein Knhang durchaus auf unsre Siebe verzichtet, wenn es nur Land und Leute und Geld von uns erhält. Kuch der Zusammenbruch der christlichen Völkergemeinschaft berechtigt noch nicht, die Forderungen des Christentums ebenfalls als erledigt anzusehen. Gerade ein zartes Gewissen gleicht da der Magnetnadel, die zitternd sich nach der polrichtung sehnt. Die Bergpredigt, in der sich die Forderung, die Feinde zu lieben, findet, ist ihrem nächsten geschichtlichen Knlaß nach eine Dienstanweisung für die Jünger für den Kufbau des Himmelreiches auf Erben. Es sei dahingestellt, ob schon das aramäische Wort, das Jesus gesprochen und das im griechischen Neuen Testament als „Echthros" erscheint, überhaupt „Landesfeind" bedeutet hat, und nicht vielmehr den persönlichen Gegner des einzelnen auf seiner Lebensreise. Kn welche Lanbesfeinde hätte denn Jesus überhaupt denken sollen? Kn die Römer? Kber er hat deren Obrigkeit grundsätzlich anerkannt. Cr hat seine Jünger angehalten, Steuern zu zahlen; ein Beweis, daß er nicht auf der Seite der Römerhasser stand, freilich auch nicht auf der Seite derer, die den Römern freundlich gesinnt waren, denn Steuerzahlen wird bis auf den heutigen Tag nicht als ein zarter Zug unserer Liebe zur Obrigkeit von dieser empfunden. Kls Landesfeinde in der damals fast völlig unter Roms eisernem Zepter geeinten Welt konnten höchstens die Germanen im hohen Norden und die parther im fernen Osten in Frage kommen. Kber um deretwillen brauchte Jesus seinen Jüngern nicht einzuschärfen, daß sie einen Landesfeind, der die Waffen zum blutigen Kampf ergriffen, lieben sollten, was gingen ihn überhaupt die Reiche dieser Welt an? Ihren Bestand ließ er gelten, ihre Form und ihre Mittel wies er für das Himmelreich ab. Es ist in diesem Falle nicht zulässig zu sagen, daß Jesus ja nicht Gesetze für einzelne Fälle, sondern Grundsätze aufgestellt habe, und daß schließlich in der Fortentwicklung der Liebe zum feindlichen Bruder in der Heimat auch die Liebe zum Feinde des Landes läge, wenn sein Vaterland von Senegalnegern, Gurkhas, Russen und ähnlichen Vorkämpfern für die Freiheit der Menschheit überfallen worden wäre, wer glaubt dann, daß Jesus von seinen Landsleuten gefordert hätte: die sollt ihr lieben? Zum mindesten hätte er die Dinge dieser Welt gehen lassen, wie sie gingen. wie sollen wir uns zu den Landesfeinden stellen? von anderen abgesehen, ein Wort Jesu gibt einen Wink, vor Pilatus bezeugt er es: „wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darob Kämpfen." Klso für die Reiche der Welt, und auch Deutschland ist ein solches, sieht er den Kampf als berechtigt an, als doppelt berechtigt, wenn ein Land überfallen wird, wie er selbst ja durch einen verräterischen Ueberfall in die Hände der Feinde geriet, wie ist denn aber ein Kämpfen, namentlich in unserer bitterernsten Lage möglich, wenn nicht starke Empfindungen von uns zu Hilfe gerufen werden? Und eine solche starke, heiße Empfindung, die sich für starke, heiße Zeiten gebührt, ist der haß. Man schrecke nicht vor dem Wort zurück. Cs kann ebenso wie das Wort Liebe etwas unsagbar Gemeines und etwas unaussprechlich herrliches bedeuten. Kuch Christus spricht: wer zu mir kommet, und hasset nicht Vater und Mutter usw., Luk. 14, 26. Ls gibt einen feigen, kleinlichen, satanischen haß, den weisen wir ab, auch gegenüber der Gehässigkeit unserer Feinde. Kber es gibt auch einen heiligen haß, der nichts anderes ist als ein fortgesetzter heiliger Zorn. Und heiliger Zorn ist schließlich wieder nichts anderes als die zuckende Spitze der Liebe, die unter allen Umständen das Beste des andern will, sei es auch mit sehr schmerzhaften Mitteln. Cs gibt einen haß, der nur die andere Seite der glühenden Liebe zum eigenen Volkstum, zum Vaterland, zu Heimat und Herd ist, alles doch Güter, uns von Gott dargetan, daß wir daran unsere edelsten Kräfte üben, wir haben das gute Recht und 74 haben dabei ein gutes christliches Gewissen, wenn wir wünschen: Möchten die Schläge auf unsere Feinde wie Geißelhiebe fallen, damit sie endlich zur Besinnung kommen, und daß nach all dem Grauenhaften das Licht des Friedens und der Völkerverständigung wieder aufleuchte! Ist das geschehen, dann mag auch der haß wider den Landesfeind, - und auf jeden Fall bleibt der haß ein zweischneidiges Schwert wieder in die Scheide gesteckt werben. Daß der wehrlos gewordene Landesfeind in dem gleichen Augenblick aufhört, in irgend welchem Sinne von uns als Feind angesehen zu werden, sogar nach dem Vorbild des barmherzigen Samariters unser Nächster werden kann, ist selbstverständlich, für einen deutschen Christen breifach selbstverständlich. Schlaflose Nächte. Wer kennt wohl nicht die endlos langen Stunden schlafloser Nächte? Wer sie oftmals verbracht hat, der hat sich sicher schon die Frage gestellt, was zu tun sei, um die Nacht abzukürzen, die langen Stunden schneller vergehen zu machen. Das ist eine schwer zu beantwortende Frage! Medizinische Hilfsmittel helfen nicht immer, und Ratschläge wie z. B. bis hundert zählen, sind wohl gut gemeint, doch glaube ich nicht, daß sie dem Nebel abzuhelfen vermögen. Denn ein Nebel ist es, das kann niemand bestreiten. Da ist der Schreiberin dieses, die der Not schlafloser Nächte nicht fremd gegenübersteht, der Wunsch gekommen, Leidensgefährten zu helfen, die Schwere solcher Stunden leichter zu tragen. Mir erscheinen sie oft als die Stille, die unsere Seelen bedürfen und die uns das Tagesleben mit seinen Rnfor- derungen nicht gewähren kann. Da gilt es zunächst,den Tag mit Dank zu beschließen und sich zu bemühen, das äußere, Leben mit seiner Unruhe nach Möglichkeit auszuschalten. Die Gedanken finden'dann leichter den Weg zu dem Endziel, dem unser Leben und Streben auch in unserer Rrbeit zugewendet sein sollte, und ein großer Friede kommt dann über uns,' die Unruhe schwindet, die es bewirkte, daß wir auf die Geräusche der Nacht lauschten, auf das Schlagen der Uhren warteten. Ja, es kann ein großes Glücksgefühl in uns erstehen, wenn wir z. B. nach vielen in Schmerzen verbrachten Nächten nun wieder schmerzfrei sind. Nur vor Ungeduld müssen wir uns hüten, wenngleich die Geduldsprobe eine recht schwere ist. haben wir erst gelernt, diesen Sieg über uns zu gewinnen, so wird ein stilles Rbwarten uns leichter werden, und wir können danken lernen auch für schlaflose Stunden der Nacht. Oft bringen sie uns die besten Gedanken, und manche Schwierigkeiten des Alltags lösen sich beim nächtlichen Nachdenken. Lasset uns lernen, auch in unseren schlaflosen Nächten einen Segen für uns zu finden, und geben wir uns doch ganz in des himmlischen Vaters Schutz! Da kommt dann auch der ersehnte Schlaf, den wir alle so nötig haben und den wir durchaus nicht missen wollen. Innerliche Sammlung und Stille! Wir wollen es versuchen, uns auch schlaflose Nächte dienstbar zu machen, um Jesu näher zu kommen. Wenn es uns auch schwer ankommt, es hat das, was wir uns mit Ueberwindung unseres Selbst errungen haben, einen dauernden Segen für uns bereit! Mußt du unterm Kreuze gehn, Wags, auf Christi Kreuz zu sehn,' Venn bedenk, wie kurz die Frist Deinem Leid bemessen ist. Frage dich, ob flücht'ges Leid Wert ist ew'ger Herrlichkeit. Lostarika. Prophezeiung eines alten Mannes. „Wer sagt mir, wo CostariKa liegt, soll sein ein kleines Stäätchen?" - Und das hat ausgerechnet gerade jetzt als dreizehnter Feind dem deutschen Volk den Krieg erklärt. Trema Germania! (Zittere Deutschland!) Und das ging so zu : Weil der deutsche Michel ein so gesundes Gedeihen zeigt, daß sein Schatten bald bis in das ausgebreitete englische Würz- gärtlein fallen könnte, hatte der gelehrte Erzbischof von Canterburp sich überzeugt, daß die Schaffung eines solchen Konkurrenten geradezu als ein Mißgriff des Schöpfers anzusehen sei, weshalb man solches durch hinauswerfen desselben schleunigst wieder gut machen müsse, selbst unter willkommener Beihilfe eines Baralong und King Stephen. Weil aber solch vornehmen mit für Gentlemens lästigen Umständen verknüpft sein könnte, und solches auch eher zu den Beschäftigungen der Hausknechte gehört, so verlegte man sich darauf - man hat'z ja dazu — nach und nach in Gst und West, Nord und Süd, bis zu zehn dieser Horden in Dienst und Brot zu nehmen. Weil aber der elfte seine Knochen dazu nicht hergeben wollte, so hat man denselben in englisch-christlicher Liebe mit Weib und Kind zum Hungertod verurteilt, zum warnenden Beispiel für uns. Weil es aber seither ging, wie es in dem Liedchen heißt vom Iokel, der die Birnen nicht schüttelte, weshalb sie auch nicht halten, so hat man sich wieder der verwandten jenseits des Atlantischen Ozeans erinnert, mit denen man zwar wiederholt, wie das wohl unter verwandten vorkommt, in Unfrieden auseinander gekommen war, zuletzt noch wegen des eifrigen Blockadebrechens während des Sezessionskrieges. Uber das bleibt dann doch in der Verwandtschaft. Und so hat denn jetzt die „nordamerikanische Nation" plötzlich ihren Beruf erkannt, nämlich die stammverwandten Inselbewohner in ihrer Ulleinherrschaft über die Meere zu schützen. Uber was heißt man da Nation? Etwa der ungeheure Müllhaufen, der sich im Verlauf von 200 Jahren aus dem Abhub aller Länder dort angesammelt hat, allein nur als gemeinsames Band das Business und das Jagen nach dem Dollar? Ein Zusammenlauf vom unbefriedigten hochtorp zum gierigen Manchestermann bis herab zum schwärzesten Nigger, mit dem die andern nicht am gleichen Tisch sitzen und im selben Tram fahren wollen. Wenn aber jetzt so ein schwarzer Schutzengel samt der Ladung von Stinkbomben und anderen Mordwerkzeugen, gegen uns Deutsche bestimmt, in die Tiefe fährt, dann fühlt man die heilige Pflicht, die beleidigte Nationalehre zu rächen. Da glaubt man sich denn berufen, gemeinsam mit der einstigen Verbrecherkolonie Botanp-Bap, als englischer Hausknecht die deutsche Nation zu vernichten auf ihrer Heimaterde „von der Maas bis an. den Memel, von den Alpen bis zum Belt", auf der sie seit Jahrtausenden festgewurzelt lebt. Und ihr Präsident, der gelehrte Professor, der nur englisch kann und nur nach dem Motgeber seines englischen Schwiegersohnes schaut, der uns jetzt mit dem hauch seines großen M—undes vernichten will, weiß der nicht, daß die Deutschen nicht nur das Buchdrucken, sondern auch das Pulver erfunden haben? Dieser Herr Woodrow verleugnet auch darin nicht seine englische Abstammung, mit der er die Vorsicht als der Tapferkeit besten Teil erkennt, und so hat er sich gleich um Rückversicherung umgetan und auch solche gefunden bei CostariKa und den brasilianischen Kaffee-Ba- Baronin N. 75 ronen, und selbst um ein paar chinesische Zöpfe wird gefeilscht, um solche in den Strick mit einzuflechten, der uns erwürgen soll. Der Uftergott Mäusin, sonst auch Masematte genannt, herrscht auch heute noch auf Erden zum Unheil der Menschheit, wenn auch unter anderem Namen: als Pfund, als Dollar oder als Gold- oder Silber-Uubel. Dem gescheiten Professor dort drüben aber, der sich im Größenwahn berufen wähnt, als anderer Moses oder Mahomed der Menschheit in neue Dahnen zu zwingen, und denen, die ihm da nachblöken, mochte ich ein Dichterwort ins Gedächtnis rufen: ,,Der erste König war ein tapferer Soldat, „Den letzten fraß das Proletariat) „Und dieses frißt die eignen Glieder, „Dann kommt der König wieder." So geschah es zu Alexanders, Täsars und Napoleons Zeiten, wenn aber der jetzt kommende Morgan und von Dollars Gnaden heißt, dann wird der seine Unbeter mit Skorpionen regieren. Einstweilen aber mochte ich dem Männlein in Steifleinen, das da drüben am Wasser steht und die Welt mit großen Worten erfüllt, falls es wissen will, wie das noch weiter geht, raten, einmal nachzulesen, was der Prophet Daniel, dieser größte Staatsmann des alten Dundes, vor Jahrtausenden in seinem 12. Kapitel für uns aufgeschrieben hat, wo es im 12. Ders heißt: wohl dem, der da wartet und erreicht tausend dreihundert und fünfunddreißig Tag?) Dr. Kappesser. *) wohl vom 1. 8. 1914 an gerechnet. Aus der Jugendzeit eines deutschen Mannes. (Fortsetzung.) Gänzlich unbekannt mit fast allen Lebensverhältnissen, abgeschnitten von jeder Gelegenheit, andere Berufsarten kennen zu lernen, und von den meisten Laufbahnen durch meine Urmut ausgeschlossen, ergab sich nach vielem Ueberlegen, daß es am besten sein und sich am leichtesten ausführen lassen würde, wenn ich nach Berlin ginge, um bei meiner Mutter Druder, dem Goldschmied willmanns, die Goldarbeiter-Pro- fession zu erlernen. Gb mir das Geschäft gefallen würde, konnte ich im voraus nicht bestimmen. Neigung fühlte ich nicht dazu) denn mir erschienen diese Arbeiten wenig nutzend und uninteressant) aber ich vermochte auch nichts besseres vorzuschlagen. Zum Kaufmannsstande hatte ich keine Lust) kannte ich doch nur die jüdischen Kaufleute, und diese gefielen mir nicht, von den in Friedland ausgeübten Handwerken gefiel mir auch keines) andere waren mir unbekannt, und wie man es anzufangen habe, Maler, Kupferstecher oder Bildhauer zu werden, wußte mH niemand zu sagen. Der Vorschlag meiner Mutter blieb also als der allein zu verwirklichende übrig. Während der letzten Jahre hatte ich den Konfirmanden- Unterricht des Inspektors genossen und die Einsegnung rückte heran. Ich hatte durch den Unterricht jedoch keinen erheblichen Zuwachs im wissen gewonnen. Der Inspektor war ein wackerer trefflicher Mann, aber seine Lehrart Öde und trocken, und sie konnte durch das zugrunde gelegte, überaus dürre Lehrbuch nichst an Leben und Wärme gewinnen. Er ging die heilslehre genau nach den Ubschnitten des Buches durch, ohne viel hinzuzusetzen oder etwas zu verändern, und sie wurde uns weder anziehend noch eindringlich"und belebend. Lin trockenes: „So ist es", — „So heißt es", — „Du sollst, Du sollst nicht", — „Weil da geschrieben stehet so und so", — verleidete uns diese Lehren mehr, als es sie uns lieb machte. Ls ist wirklich sehr zu bedauern, daß so wenige Geistliche weder die Dogmen noch die Pflichtenlehre anders, als in der angegebenen Weise vorzutragen wissen. Die Ueligion wird dadurch zu einem bloß äußerlichen Wissen, zu einem Gedächtniswerke ; sie wird einem Kleide gleich, das man, wie die Umstände es verlangen, bald an-, bald auszieht. Und doch muß die Ueligion ein Innerliches sein, ja von dem Innern aus den ganzen Menschen durchdringen und heiligen, wenn sie wirklich ihr Werk erfüllen soll. Dis dahin hatte mich auch kein Zweifel gestört. So viel hatte ich wohl schon gelernt, um einzusehen, daß wir das Wesen der Gottheit nie ergründen und begreifen, sondern dasselbe nur im innersten Herzen empfinden und seine Eigenschaften erkennen könnten, die zu allen Zeiten von denen, welche sie am tiefsten empfanden und lebendig von ihnen durchdrungen waren, ausgesprochen wurden, soweit der Ausdruck menschlicher Sprache es irgend gestattete. Daran hielt ich mich. Das übrige tat die feste Ueberzeugung meines hochgeachteten Lehrers von der Wahrheit der christlichen Ueligion, die er als über allen Zweifel erhaben darstellte, sodann die Vorstellung von der großen Schar frommer und erleuchteter Lhristen, welche in diesem Glauben Trost, Beruhigung und Seligkeit im Leben und im Sterben gefunden hatten. Unser Inspektor verstand es, die Einsegnungsfeier als eine überaus würdige und ergreifende zu gestalten, und wir waren dazu gehörig vorbereitet. Der 25. Mai 1800 war der Tag meiner Einsegnung. Was mich ganz besonders feierlich stimmte, war folgendes: Um frühen Morgen überreichte mir meine gute Mutter auf einem Blatt Papier folgende Worte, die ich in dankbarem Undenken an diese treffliche Frau hier mitteile: „Lieber, guter Sohn! Ich möchte Dir gern an dem heute für Dich so feierlichen Tage meine Wünsche zu erkennen geben) ich könnte dieses persönlich tun. Uber teils bin ich zu gerührt, teils wünschte ich auch, daß es bleibenden Eindruck auf Dein Herz machen möchte. Ich glaube nicht nötig zu haben, Dir die Wichtigkeit desselben vorzustellen ; aber das wünschte ich, daß das, was Du heute Gott in Gegenwart einer ganzen Gemeinde zusagjt, nicht wieder in Deinem Herzen verlöschen möchte. Ich bitte Dich also, guter Karl, fasse Deinen Vorsatz so fest, daß ihn nichts wanken machen kann, und wenn Dich künftig böse Menschen oder Dein Herz vom Wege des Guten abführen wollen, so denke an diesen Tag und an die Bitten Deiner Mutter zurück, und der Gedanke: der Unwissende siehet mich, wird Dich vor Sünden bewahren. Uuch Du wirst oft Versuchungen ausgesetzt sein, und was ist auch Tugend ohne Prüfung ? Gott hat es so geordnet. Uber wenn Du unwandelbar unter allen Umständen die Wege des rechtschaffenen Mannes gehen wirst, dann wirst Du mich für alle mütterliche Sorgfalt, womit ich Dich bisher erzog, belohnen, und ich werde dann Gott, wenn er uns alle aus der Prüfungswelt gerufen, und mich mit denen wieder vereinigt, die er mir durch den Tod entriß, danken, daß er mir auch Dich ge- geschenkt. Lr stärke Dich mit seinem Beistände; darum wird ihn bitten Deine treue Mütter. Märkisch-Zriedland, den 25. Mai 1800." Ja wohl, eine treue Mutter! — Ich fiel ihr tief gerührt um den hals unb versprach ihr, mich zu bemühen, ihren edlen wünschen nach besten Kräften nachzukommen. - Ich war neu gekleidet. Wir pflückten uns nach alter Gewohnheit - 76 — im Garten unsere Zonntagssträuße und wandelten zur Kirche. Ruch mein Vater war sehr ergriffen. Die Einsegnung war schön und machte einen tiefen Eindruck; nie im Leben bin ich wieder so feierlich bewegt gewesen. Mit dem Denkspruche des psalmisten: „Wie wird ein Jüngling seinen Weg unsträflich gehen? Wenn er sich hält nach deinem Worte!" wurde ich eiagesegnet und in den Bund der Ehristen ausgenommen. Nachmittags hatte sich der größte Teil der Lingesegneten bei den Eltern eines der eingesegneten Mädchen zum Kaffee vereinigt. wir verlebten heitere Stunden in Ernst und Scherz und gingen sehr befriedigt auseinander. Trotz langen Wartens hatte sich mir keine andere Aussicht für meine künftige Lebensbestimmung eröffnet, als die angedeutete, Goldarbeiter zu werden. Mit meinem Oheim, der in Berlin Goldschmied war, war die Sache ins reine gebracht, und er hatte sich bereit erklärt, mich anzunehmen. Ich wurde notdürftig mit Wäsche und Kleidung versehen, eine Rusgabe, die meinen Eltern recht schwer fiel. Meine M!utter versprach mir, von Zeit zu Zeit etwas Geld zu schicken, und erlaubte mir, vierteljährlich einmal ins Theater auf die Galerie zu gehen, was mir als ein Lichtpunkt in meinem künftigen Leben erschien. Fortsetzung folgt.) «leine Mitteilungen. Die Versetzung des evangelischen pfarrdienstes wird sich in Zukunft in Deutschland recht schwierig gestalten. Rugen- blicklich stehen viele jüngere Pfarrer als Feldprediger an der Front, die Pfarramtskandidaten und Studenten der Theologie gehören fast ausnahmslos dem Heere an. von den letzteren sind ungefähr 12% gefallen, so daß die Theologen, was die verlujtziffern betrifft, den Studenten der übrigen Fakultäten vorausgehen. Immerhin konnten im Bezirke des Dekanates Gießen vor kurzem zwei Pfarramtskandidaten zur Verwendung kommen. Km 22. Rpril wurde Pfarrassi- stent Liz. Neuning aus Friedberg für die Gemeinde Gießen, am 29. Rpril pfarrassistent Cidenmüller für die Gemeinde Klein-Linden ordiniert. * * * In Zy rien und palästina ist durch die französischen Klosterschulen eine Beeinflussung des Volkes seit Jahrzehnten in deutschfeindlichem Sinne betrieben worben. Daher hegen die eingeborenen Ehristen vielfach eine entscheidende Rbneigung gegen alles, was deutsch ist. Der deutsche Kaufmann ist freilich wegen seiner geschäftlichen Tüchtigkeit, wegen seines Ernstes und seiner Zuverlässigkeit überall am meisten geschätzt. Rber die französische Republik hat in kluger Weise alljährlich fast eine Million für französische Klosterschulen aufgewandt und es verstanden, diese kirchlichen Rn- stalten für ihre politischen Zwecke auszunutzen. Rlle Schulbücher sind in französischem Geiste geschrieben und impfen den jungen Bewohnern der Levante den haß gegen Deutschland von frühester Jugend ein. Und bis zum Kriege war über die ganze Türkei ein ganzes Netz solcher französischer Klosterschulen ausgespannt, während die deutschen Schulen nur spärlich vertreten waren. Rlle jungen Leute, die ein höheres Studium erstrebten, hatten keine andre Wahl, als nach Frankreich zu gehen, da sie ja alle Französisch gelernt hatten und daher leicht dem Universitätsunterricht in Paris folgen konnten. Tine deutsche Universität konnten sie nicht besuchen, weil sie dann erst hätten Deutsch lernen müssen. Daher gibt es in der Türkei so viele Männer, die fließend französisch sprechen und fast gar kein Deutsch verstehen. Daher lesen diese Männer nur französische Zeitungen, und das ist ein Umstand von unberechenbarer Wichtigkeit. Jeder Postdampfer brachte ihnen fast nur französische Zeitungen und Zeitschriften,' während nur die geborenen Deutschen deutsche Zeitungen lesen. Das einzige deutsche Gegengewicht befand sich im Syrischen Waisenhause in Jerusalem, hier lernte jeder Zögling neben seiner arabischen Muttersprache auch deutsch in Schrift und Wort. Rus „Ruf der Warte". kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 13. Mai. Nogate. Kollekte für die Evangelischen im Rusland. Gottesdienst. In der Sladttirche. vormittags 8 Uhr, zugleich Ehristen- lehre für die Neukonfirmierten aus der Matthäusgemeinde. Pfarrer Mahr, vormittags 97s Uhr: pfarrassistent Lic. Neuning. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde. Pfarrer Schwabe. — Donnerstag, den 17. Mai (himmelfahrtstag), vormittags 97 2 Uhr: Pfarrer Schwabe. — Nachmittags 2 Uhr, in der alten Friedhofskapelle: Pfarrer Mahr. In der Johanneslirche. vormittags 8 Uhr, zugleich Thristenlehre für die Neukonfirmierten aus der Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer. vormittags 9Vs Uhr: Pfarrer R u s f e l d. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Johannesgemeinde. Pfarrer R u s f e l d. — Donnerstag, den 17. Mai (himmelfahrtstag), vormittags 97 2 Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. * * * Wartburg, evangel. Jünglings- und Männer-Verein, Diezstr. 15. Sonntag, den 15. Mai, abends 8 Uhr: Vortrag. Dienstag, den 15. Mai, abends 87» Uhr: Bibelstunde. Mittwoch, den 16. Mai, abends 874 Uhr: Leseabend. Gäste stets willkommen. £ Ankündigungen empfehlenswerter Firmen j Carl £oos Mirchenplatz 13 Telephon 7£ Manufaktur- unb Weißwaren Herren- u. Knabenkleibe > i CARL LUDWIG LEIB j JÄ 1 ™,. 17 i KUNSTHANDLUNG BILDER. i jlIIU|IrlU| 11UIII1 11 IlT | EINRAHMUNGS.GESCHÄFT j f rn fi Ehalljtt, fließen • VERGOLDEREI kirchstr.2 ANTIQUITÄTEN j Kudolph's lflschl. verantwortlich: für den Textteil Pfarrer Bechtolsheimer, für den Anzeigenteil 6- ^eck; Druck und Verlag der Brühl'fchen Unwerütäls- Buch- und Steindruckerei R. Lange, sämtlich zu Giehen.