Nr. 18. Gießen, Sonntag Kantate, den 6. Mai 1917. 6. Jahrgang. Gott in der Geschichte. Psalm 33, 13-16. ver Herr schauet vom Himmel und siehet aller Menschen Kinder. Er lenkt ihnen allen das Herz; er merkt auf alle ihre Werke. Einem Könige hilft nicht seine große Macht; ein Riese wird nicht errettet durch seine große Kraft. Rosse helfen auch nicht, und ihre große Stärke errettet nicht. Sn den deutschen Schulen wird ein gründlicher Geschichtsunterricht erteilt, von den Geschicken, die im Lauf der Jahrtausende über die Völker der Erde gekommen sind, von den großen Weltbegebenheiten haben wir schon in früher Jugend Kunde bekommen. Mit wachsendem Interesse sind wir hier den großen Zusammenhängen gefolgt, von dem Heldenkampf der Griechen an dem Engpaß der Thermopylen haben wir gehört und von hannibal, dem grimmigen Feinde der Römer. Regypter, Perser, Juden und Babylonier sind in unseren Gesichtskreis getreten, am liebsten aber haben wir uns in der Schule aus der deutschen Geschichte erzählen lassen. Hermann, der Cherusker, ist uns vertraut und bekannt, als ob er unser Zeitgenosse wäre. Die Berichte über Karls des Großen Siege und Kulturwerke haben uns entzückt, mit den Hohenstaufen sind wir nach Italien und nach Jerusalem gezogen, Luthers Lebensgang ist deutschen Schulkindern so genau bekannt, daß sie ihn fast Jahr für Jahr verfolgen können, hundert Geschichten und Rnekboten erzählt sich das deutsche Volk vom alten Fritz. Der Sturm und Strom der Befreiungskriege hat an unser aller Herzen gerührt, die glorreichen Jahre 1870/71 haben die Riten unter uns erlebt, die Jungen haben davon am warmen Ofen in der Winterszeit und im Sommer an vaterländischen Gedenktagen gehört. Tausendfach wird uns deutsche Geschichte nahe gebracht durch die Bilder, die in den Schulzimmern hängen, früher sogar durch die Umschläge unserer Schulhefte, auf denen deutsche Helden abgebildet waren, durch volkstümliche Darstellungen, durch Vorträge und Sammlungen. Lin deutscher Geschichtsforscher hat mir einmal Bilder aus Rlt-Wimpfen gezeigt und dabei gesagt: In diesen engen Gassen und alten Gebäuden greift man deutsche Geschichte mit der Hand. Dieses Wort gilt von zahllosen Städten, Burgen und Rnsiedlungen im deutschen Lande. Ruch von solchen in unserer näheren Umgebung. Im Gasthaus zum „Linhorn" zu Ließen, das nach seinem Umbau leider seinen althistorischen Namen verloren hat, wohmte 1813 Blücher. Die Gebäude auf dem Schiffenberg sind die vorzüglich erhaltenen Rnlagen eines mittelalterlichen Klosters. 1641, also im Dreißigjährigen Kriege wurde die Burg Stauffenberg in die Luft gesprengt, 1646 wurde die Burg Gleiberg ausgebrannt. Die Elisabethenkirche in Marburg erinnert an Elisabeth von Thüringen, jene seltsame Frau mit ihrem seltsamen Frömmigkeitsideale. Das Marburger Schloß ruft die Erinnerung an Luther, Zwingli und Philipp den Großmütigen wach. Wetzlar bietet in seinen alten Teilen das typische Bild einer alten deutschen Reichsstadt, erinnert an Goethe und das Reichskammergericht. Die Ruine Greifenstein auf einem vor- bergc des rauhen Westerwaldes hat den Truppen des französischen Königs Ludwig XIV. erfolgreich getrotzt. So ragen Denkmäler deutscher Geschichte rings um uns her auf. Seither haben wir deutsche Geschichte gelernt, jetzt erleben wir deutsche Geschichte, was sich in diesen Wochen auf der langen Schlachtfront von Rrras bis Reims zuträgt, ist mehr als Hermann, der Cherusker, mehr auch als Friedrich der Große. Um das Schicksal unseres Volkes für die kommenden Jahrhunderte wird jetzt gekämpft, wer sich darüber nicht im klaren ist, an dem gleiten die Ereignisse vorüber wie die Dörfer an dem Manne, der auf der Lisenbahnfahrt in tiefen Schlaf gesunken ist. heiß geht es jetzt her. und dem Verlauf der Gegenwartsgeschichte sehen wir mit Herzklopfen zu. In dieser Sorge und Unruhe tröstet uns der Gedanke, daß Gott nicht nur der Herr in der Natur, sondern auch der Herr in der Geschichte ist. Cr schaut vom Himmel und sieht aller Menschen Kinder, er lenkt allen das Herz. Ver russische Riese liegt, jetzt am Boden, dem König Mammon, der in England regiert, hat seither seine große Macht nicht geholfen, auch die Dollars der Rmerikaner, ihre Getreide- und Mu- nitionslieferungen werden unsere Gegner nicht erretten. Unser Volk wird dann den Sieg davontragen, wenn es in Gottes wegen geht. Bleiben Gotiesfurcht, Redlichkeit, Opfermut und Demut unter uns, so wird sich auch diesmal an uns das Wort des psalmisten erfüllen, das man oft auf unser Volk angewandt hat: Sie haben mich oft gebränget von meiner Jugend auf, aber sie haben mich nicht Übermacht. h. B. 70 — Luthers Kleiner Kötedjismus. erfahrungen heraus — im Rpril 1529 den „Deutschen Ka= Die geistige Reformation durch Luther war bis etwa ^techismus" (den „großen"), dem er unmittelbar danach den zum Jahre 1525 vollzogen. Rber nun galt es, auch die praktischen Folgerungen daraus zu ziehen. Kirche und Volk befanden sich vergleichsweise im Stande der stärksten Gärung jungen Ldelmostes. Run hieß es zugrcifen, daß auch ein goldklarer Feuerwein daraus werde. Die Schwärmer von Zwickau, Wittenberg und Thüringen, die bitterbösen Dauernwirren vom Dodensee bis zum harz waren ein warnendes Menetekel. Ordnung, vor allem auch im Kirchenwesen und der Jugenderziehung, mußte werden. Da das Reich sich ihrer nicht annahm, mußten die Städte und Fürstentümer vorangehen. So geschah es vorweg in Nürnberg, Magdeburg, Erfurt, Straßburg, ebenso in Hessen und dem Herzogtum Preußen. Das Muster für alle abzugeben war aber Kursachsen berufen, denn hier konnten Luther und die Wittenberger Theologen selber die Maßstäbe finden. So traten die Landeskirchen ins Leben. Luther hat sie stets nur als „Rotkirchen" und die Landesherren als „Rotbischöfe" bezeichnet, aber um so ernster ihre Rrbeit betrieben. Zn Kursachsen bekam er durch den Tod Friedrichs des Weisen freie Hand. Es will uns fast unbegreiflich dünken, daß dieser edle Fürst, ohne den Luther sein Werk kaum je hätte durchsetzen können, doch sein Lebtag es streng gemieden hat, je mit ihm persönlich zusammenzutreffen. Friedrich ist sogar in evangelischem Glauben am 5. Mai 1525 verschieden, aber im Verkehr mit Luther hat er sich stets nur seines Geheimschreibers und Beichtvaters Spalatin als Vermittler bedient. Er wägte allezeit mehr, als er wagte. Rnders sein nun zur Regierung kommender Bruder Johann, der voll Eifers, Entschiedenheit und Beständigkeit für die evangelische Sache war. Luther war es vor allem darum zu tun, eine Volkskirche zu schaffen. Rls erstes Glied derselben erschien am 29. Oktober 1525 die neue Gottesdienstordnung, entworfen von Bugenhagen, Jonas und ihm. Ihr schloß sich 1528 die um Ostern von Melanchthon verfaßte Visitationsordnung an, die am 26. September die kurfürstliche Genehmigung erhielt. Schon 5 Jahre zuvor hatte sie zuerst der Zwickauer Pfarrer Hausmann, dann Luther angeregt. Denn es sah böse aus in Pfarrerstand und Jugenderziehung. Luther forderte vor allem Rufrichtung und Sicherstellung der Pfarreien, dann aber auch Sichtung und Prüfung der Geistlichen unter Russcheidung der untauglichen Elemente. Die nun einsetzenden Visitationen, an denen sich zum Teil Luther selbst beteiligte, offenbarten an vielen Orten geradezu schauderhafte Dinge. Rade erzählt darüber u.a.: „hier gebrauchte man noch das Weihwasser, dort feierte man noch die Messe,' manche Geistliche, die zwei Kirchen zu besorgen hatten, hielten je nach Wunsch in der einen das Rmt auf römische, in der andern auf evangelische Weise. Manche trieben lieber das Waidwerk als das Predigtamt,' andere ernährten sich durch ein bürgerliches Gewerbe, etwa durch Schankwirtschaften, viele waren verkommen in Trunksucht. Etliche hatten geheiratet ; aber nicht wenige zogen es vor, nach der alten W.ise in wilder Ehe zu leben. Schulen gab es auf dem Lande fast garnicht." Kein Wunder, daß die Visitatoren mit eisernem Desen all diese schweren, aus dem Schlendrian der alten Kirche entstandenen Mißstände ausfegten. Luther selbst bedrückte aber mehr als alles, daß viele Geistliche, vollends der schlichte Mann aus dem Volk und die Jugend, nicht einmal in den entscheidendsten Grundlagen des christlichen Glaubens Descheid wußten. Manche waren unwissender als kleine Kinder. Da ging er hin und schrieb unmittelbar aus den visitations- " „kleinen" folgen ließ. Deide Schriften sind Taten Luthers, die unbeschreiblichen Segen gestiftet haben. Rn ihnen er- - füllte sich sein eigenes Wort: „Es stehet in Düchern genug geschrieben,' ja, es ist aber noch nicht alles in die Herzen getrieben." So legte er seine Katechismen in Frage und Rnt- wort an, als einen wundervollen „Unterricht für Kinder und Einfältige", den er gleichwohl auch den Geistlichen und Hausvätern widmete. Er sagte davon: „Der Katechismus ist die rechte Laienbibel, darinnen der ganze Inhalt der christlichen Lehre begriffen ist, so einem jeden Thristen zur Seligkeit zu wissen vonnöten." - Und über den „Kleinen Katechismus" hat kein Geringerer als der große Geschichtsschreiber Leopold von Ranke geurteilt: „Er ist ebenso kindlich wie tiefsinnig, so faßlich wie unergründlich, einfach und erhaben. Glückselig, wer seine Seele damit nährte, wer daran festhält. Er besitzt einen unvergänglichen Trost in jedem Momente, hinter einer leichten hülle den Kern der Wahrheit, der dem Weisesten der Weisen genug ist." Gewaltig ist die Wirkung der Katechismen denn auch seinerzeit gewesen, besonders auf das Heranwachsende Geschlecht, auf das Luther seine Hoffnung setzte,' also, daß er ein Jahr später schon seinem Kurfürsten einmal jubelnd schreiben konnte: „Ls wüchset jetzt daher die zarte Jugend von Knäblein und Maidlein, mit dem Katechismo oder Schrift so gut zugericht, daß mir's in meinem Herzen sanft tut, daß ich sehen mag, wie jetzt junge Knäblein und Maidlein mehr beten, glauben und reden können von Gott, von Thristh, denn vorhin, und noch alle Stifter, Klöster und Schulen Le- konnt haben und noch können." - Durch unser deutsches Volk geht während des jetzigen grimmen Weltkrieges daheim eine stetig wachsende Sorge: die um unsere Heranwachsende Jugend. Man gebe ihr wieder Luthers „Kleinen Katechismus" mehr in die Hand! Wir Riten aber, damit wir sie recht „unterweisen" können, täten gut, wieder mehr zum „Großen" zu greifen. Rber man tue es auch im Geiste Luthers, der im Großen Katechismus einmal schreibt: „Darum darfst du hier kein Gesetz stellen, wie der Papst. Streich nur wohl heraus den Rutz und Schaden, Rot und Frommen, Gefahr und heil in diesem Sakrament, so werden sie wohl kommen ohne dein Zwingen. Kommen sie aber nicht, so laß sie fahren und sage ihnen, daß sie des Teufels sind, die ihre große Rot und Gottes gnädige Hilfe nicht achten noch fühlen. Wenn du aber solches nicht treibest oder machest ein Gesetz und Gift daraus, so ist es deine Schuld, daß sie das Sakrament verachten. Wie sollten sie nicht faul sein, wenn du schläfst und schweigest?" - Ja, wache auf, deutsches Thristenvolk, im großen Lntscheidungsjahr 1917! ^Sin Eichener Kaufvertrag aus dem Zahre N85. Das im Rachfolgenden abgedruckte, interessante Schriftstück ist mir vor einiger Zeit von einem aus einer alten alten Gießener Familie stammenden Gemeindegliede geschenkt worden. Tin großer Teil des Textes ist vorgedruckt, ihn kenntlich zu machen, ging nicht gut an. Wie jedoch der kundige Leser leicht merkt, so sind die allgemeinen Bestim- mungen vorgedruckt,' Ramen, Bezeichnung des Geländes sowie der Kaufpreis sind selbstverständlich mit der Feder eingetragen. Die durch .... bezeichnete Stelle fehlt in dem Schriftstück, das Papier war hier gefaltet und ist etwas ausgerissen, so daß ein oder zwei Worte ausgefallen sind. — 71 Der Kaufvertrag hat folgenden Wortlaut: Ich, Nnna Maria, wegland Zacharias Ripperts, gewesenen Burgers und Goldschmidts nachgelassene Wittib, all- hier in Giesen, und ich, Johannetta Maria Tarolina Rippertin, deren Tochter, urkunden und bekennen hiermit vor uns, unsere Erben und Lrbnehmern, daß wir zu mehrerer Beförderung unseres Nutzens an Herrn Johann Wilhelm hast, Fürstlich hessischen Zollbereuther allhier und Johannetta Maria, dessen Lhe- frau, wohlbedächtlich und aufrichtig auch unwiderruflich verkaufet haben unsere erkaufte und respec. ererbte zwei) Wiesen in der Stephans-Mark, so aneinander stoßen, als 137 Ruthen 5 Schu zwischen Jacob Ludwig Mosenbach und Georg Henrich Vogt gelegen, mit der darzu gehörigten, ausgesteinten Fahrt von dem Selzers Thor her, sodann 51 Ruthen 7 Schu neben Herrn Stadt Hauptmann Busch gelegen, so begde Zehnden frey jedoch Tontributabel sind, zusammen vor und um 460 schreibe vierhundert sechzig Gulden im 24 Gulden- Fuß, den Gulden zu sechzig Kreutzer gerechnet, welcher Kaufschilling uns auch sogleich baar bezahlet worden, deshalb wir darüber forderfamst mit Verzicht der Nusrede nicht baar empfangen oder in unsern Nutzen verwendeten Geldes bestermaßen hiermit quittiern, anbeg denen Käufern den Besitz und völliges Eigentum derer verkauften zweg Wiesen abtretten und überlassen, dergestalten und also, daß Sic hinsühro damit, wie mit anderen ihren eigenthümlichen Gütern schalten und walten mögen, die darauf kommende Beschwerden aber besonders sogleich übernehmen und entrichten sollen. Da wir dann übrigens nicht nur Ihnen dieses Kaufs halber behörige Wehrschaft zu leisten versprechen sondern auch allen und jeden sonst zugelassenen Rechts-Wohlthaten, Einwendungen und Nusflüchten als: anderst vorgegangenen und verstandener Dinge, Furcht, Irrthums, Zwangs, dringender Noth listiger Ueberredung, und anderen Betrugs, Wiederherstellung vorigen Standes, Verkürzung im wahren Werth, oder wie die sonst Namen haben und erdacht werden mögen, vornehmlich . I. . . Negul, daß gemeiner Verzicht ohne vorherigen besonderen nicht binde, wissentlich und wohlbedächtlich in bester Form Rechtens entsagen. Nlles getreulich sonder Nrgelist und Gefährde. Dessen allen zu wahrer Urkund haben wir diesen Kaufbrief behörig ausfertigen lassen, eigenhändig unterschrieben und Herren Bürgermeister und Rath allhier in Giesen um dessen richterliche Bestätigung ersuchet. So geschehen Giesen, den 14. Npril 1785. I. ITt. Rippertin. vorstehend von ver- und käuffern nach beschehenen Vorhalt genehmigter Kaufbrief wird hiermit durch Stadtraths Siegelung und Unterschrift bestätigt. Giesen, den 15. Npril 1785. Bürgermeister und Rath daselbst Joh. Philipp Magnus Ober-Bürgermeister. (Siegel, nicht mehr kenntlich.) * * Man sieht aus diesem Schriftstücke, daß die Nltvorderen sehr vorsichtige Leute waren,' sie sicherten sich, wenn sie einen Kaufvertrag schlossen, gegen Nusflüchte jeder Nrt, als da sind Furcht, Irrtum, Zwang, listige Ueberredung. Der jedenfalls von einem Juristen entworfene Vertrag ist ein Muster in seiner Nrt. Die Stephansmark, von der hier die Rede ist, ist das heutige Stadtgebiet, das von der Südanlage und Stephanstraße einerseits, von dem unteren Teile der Frankfurter Straße und dem Schiffenberger Weg andererseits begrenzt wird. Wo die zwei damals von Nnna Maria Rippertin an Herrn Johann Wilhelm hast verkauften wiesen lagen, stehen heute die Häuser Bleichstraße 13—16. Interessant ist, aus diesem Schriftstück zu entnehmen, daß damals schon vom Selterstor bis zur heutigen Bleichstraße ein ausgesteinter Fahrweg führte. Bebaut wurde dieses Gebiet erst später. H.B. Aus der Jugendzeit eines deutschen Mannes. (Fortsetzung.) Daneben aber zeichnete ich noch in alter Weise fleißig Städte und Landschaften. Sie blieben schlecht, und Tiere wollten mir gar nicht gelingen. Ich hörte, daß der Gerichlsdiener sehr schöne Vögel male und sie an die Bauern verkaufe, welche sie an die Stubentüren klebten. Er war als holländischer Soldat in Ostindien gewesen. Ich besuchte ihn und fand ihn mit Malen beschäftigt,' auch hatte er eine Nnzahl Vögel fertig. Ieder Vogel nahm einen Bogen ein,' Gestalt und Stellung waren bei allen gleich und nur die Färbung unterschied die einzelnen: der eine hatte einen roten Kopf und blaue Flügel, der andere umgekehrt usw. Er wußte mir von den Vögeln nichts weiter zu sagen, als daß es „indianische Kuckucks" seien. Nuch in Märkisch-Friedland wurde die Kirche sehr regelmäßig besucht. Wir Schüler saßen auf dem Grgelchor, um den Gesang zu leiten, während der Rektor neben uns die Orgel spielte, die in trauriger Verfassung war. Einzelne klaves blieben, wenn sie berührt worden, niedergedrückt liegen, pfiffen unausgesetzt und waren erst mittelst wiederholten Draufschlagens zu erheben. Ueberhaupt bildete die Klaviatur Berg und Tal, und einzelne Töne gaben gar nicht an. Wir hatten außer bei dem Gottesdienste auch bei jeder Leiche und öfters auch bei Trauungen zu singen, in welchem Falle dann die Schule nachmittags ausgesetzt wurde. Nußer- dem lag uns auch noch ein vierteljährlicher Umgang ob: das sogenannte Ouartalsingen. Der Gebrauch verlangte nämlich, daß der Rektor wenigstens mit einem Dutzend Schülern vor jedes Bürgerhaus zog, dort einige Verse eines geistlichen Liedes mit ihnen sang und dann ins Haus trat, wo ihm eine kleine Gabe gereicht wurde. Dies war dem Rektor natürlich sehr zuwider, überdies schien es ihm eine profanation des Gesanges, denn keiner von uns dachte an den Inhalt des Liedes. Und wie roh benahmen sich die spendenden Hörer! Ein Färber riß jedesmal, wenn wir im Sommer sangen, die Fenster weit auf, stellte sich in Hemdsärmeln, die Nrme in die Seite gestemmt, breitbeinig auf, ließ uns ein ganzes Lied singen und reichte dann dem Rektor sechs Pfennige heraus. Gegen meinen Vater behauptete der Mann, mehr gebühre dem Rektor nicht,' er verlange, daß jeder seine Schuldigkeit tue, und er tue sie auch,' aber mehr wolle er nicht tun. vor der Stadt in nicht geringer Entfernung lag ein einzeln stehendes Haus, welches ein Töpfer bewohnte, weiterhin die Schäferei,' diese zu besingen überließ der Rektor uns Schülern allein. Es gingen dann nachmittags unser sechs hinaus. Ich führte es ein, im Töpferhause das Lied zu singen: „Meine Hoffnung stehet feste." In diesem kommt eine Stelle vor, wo von Gott gesagt wird: „Der uns wie ein freier Töpfer hat gemacht aus Erd' und Ton." Das hörte der Töpfer gern und seitdem erhielten wir von ihm zwei Groschen, 72 — früher nur die Hälfte. Bei eben diesem Töpfer habe ich einige Tage lang zum Vergnügen bei der Hrbeit geholfen und Teller und Schüsseln mit Blumen bemalt. Wie es zuging, daß die Farben nach dem Brennen sich so auffallend veränderten, konnte ich mir damals nicht erklären, und der Meister wußte es ebensowenig, von der Töpferei zogen wir nach der Schä- ferei, wo wir für unsern Gesang eine Schüssel Schafmilch erhielten, die wir im Garten verzehrten, von all diesem Singen war das „Leichensingen" das beschwerlichste, weil wir dabei jedem Wetter ausgesetzt waren und Nässe wie Kälte des Winters oft kaum ertragen konnten. Dabei war es bei uns ein Threnpunkt, nicht sowohl zu singen, als vielmehr aus Leibeskräften zu schreien, und wen man am weitesten hören konnte, der wurde von den andern bewundert. Nur die wirklich Kranken wurden auf so lange, als sie krank waren, von diesem Singen entbunden. Nlle übrigen mußten singen, selbst während der Mutation der Stimme, und ich habe keine nachteiligen Folgen davon bemerkt. Setzt werden die Schüler der leichtesten Veranlassungen wegen vom Singen dispensiert, und noch dazu vom Singen im Zimmer, das denn doch mit dem Singen oder vielmehr Schreien in freier Luft, beim Gehen in Sturm, Negen, Wind und Kälte gar nicht zu vergleichen ist. Sch war allmählich 14 Jahre alt geworden, und es entstand die schwer zu beantwortende Frage: Welchem Berufe ich mich bestimmen wollte? Meine Neigung war entschieden auf das Studieren gerichtet, und am liebsten hätte ich die Theologie gewählt, nicht etwa aus besonderer Vorliebe, sondern weil mir Medizin und Jurisprudenz nicht gefielen und ich von einer philosophischen Fakultät nichts wußte,' sonst hätte ich änich unbedingt für Mathematik, Nstronomie, Physik, Themie, Geographie, überhaupt für die naturwissenschaftlichen Disziplinen entschieden. Diese aber faßte ich gar nicht ins Buge,' denn was man werden könne, wenn man diese Fächer studiert habe, war mir ganz unbekannt. Daß ich an das Studieren nicht denken dürfe, sah ich aber nur zu wohl ein. Mein Vater besaß nicht die Mittel, um mich auf einem Gymnasium und nachher auf der Universität zu erhalten, von Stipendien hatte ich nie gehört. Den Lieblingswunsch meiner Seele mußte ich unterdrücken, obgleich alle meine Seelenkräfte auf seine Erfüllung hinarbeiteten,' ich scheute mich selbst, ihn laut werden zu lassen,' denn die Unmöglichkeit, ihm zu willfahren, lag auf der Hand. Wenn es nun hiernach äußerlich ganz zwecklos schien, in meinen so eifrig betriebenen Studien ohne irgend ein Ziel fortzufahren, so schreckte mich dies doch nicht ab. Das Lernen gewährte mir an und für sich zu viele Freude, als daß ich es hätte aufgeben können. Sch gewöhnte mich daran, nicht mehr zu fragen, ob mir dies oder jenes, was ich lernte, etwas nützen könne; förderte es nur mein Wissen nach irgend einer Seite und ging es in ein Können aus, so war mir dies genügend, und eine brennende Begierde, mich zu vervollkommnen, trieb mich unaufhaltsam vorwärts, ließ mich jeden, auch den unbedeutendsten Umstand benutzen, der dazu beitragen konnte. (Fortsetzung folgt.) Frieden. Gottselige Menschen haben auch selbst Frieden im Umfrieden und Liebe im Leiden, und ihnen schmeckt der Wille Gottes in allen Dingen. Darum kann ihnen ihren Frieden alle diese Welt auch nicht nehmen, und hätten gleich alle Menschen und alle Teufel geschworen, sie könnten ihnen ihren Frieden nicht nehmen. Denselben Menschen schmeckt allein Gott und niemand und nichts anderes, und die ewige Wahrheit erfüllt und erleuchtet sie. Du darfst ihn nicht weit suchen, den barmherzigen und milden Herrn. Tr ist nicht ferner denn vor der Türe, da stehet er und wartet, wen er wohl bereit fände, der ihm auftue und ihn einlasse? Nicht von ferne brauchst und darfst du ihn her-, rufen, er mag es kaum erwarten, daß du ihm auftuest, ihm ist es um tausendmal tausend begehrlicher und verlangender danach denn dir! Ts ist beides nur ein und derselbe Nugen- blick: das Nuftun und das Eingehen. Johann Tauler (gest. 1361). ttirchliche Anzeigen. Sonntag, den 6. Mai. Kantate. Gottesdienst. Sn der Stadttirche. vormittags 8 Uhr, zugleich Thristen- lehre für die Neukonfirmierten aus der Markusgemeinde. Pfarrer Schwabe, vormittags 9 1 /- Uhr: Pfarrer Mahr, vormittags 11 Uhr: Militärgottesdienst. Pfarrer Schwabe. Nachmittags 2 Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeinde. Pfarrer Mahr. Mittwoch, den 9. Mai, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer Schwabe. Sn der Johannesiirche. vormittags 8 Uhr, zugleich Ehristenlehre für die Neukonfirmierten aus der Johannesgemeinde. Pfarrer Nusfeld, vormittags 97. Uhr: Pfarrer B e ch t o l she i me r. Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer. Nbends 8 Uhr: Bibelbesprechstunde im Johannessaal. * * * Wartburg, evangel. Jünglings- und Männer-Verein, Diezstr. 15. Sonntag, den 6. Mai, abends 8 Uhr: Vortrag. Gäste stets willkommen. £ Ankündigungen empfehlenswerter Firmen } Carl Loos Kirchenplatz 13 Telephon 797 Mä Manufaktur- $p und Weißwaren Herren- u. Knabenkleider Heinrich Nol jsburg Nr. 7 Telepho ezial-Geschäft für Bureaubedarf • Schreihma Papierhandlung, Buchbinderei, Gesangbücher. Mo Kunstarbeiten. Photographische Apparate und Zub | E. Stöver, Gießen Seltersweg 16 " m Uhren, Gold- u. Silberwarcn schmen - ' Zwecke ßeparaturen in iigenrr Werkstatt ehore prompt und billig verantwortlich: für den Textteil Pfarrer Bechtolsheim er, für den Anzeigenteil 6- Leck; Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei N. Lange, sämtlich zu Gießen