Gerneinöeblatt süröie evangelische Kirebengememüe Gieszew Nr. 17. Gießen, Sonntag Jubilate, den 29. April 1917. 6. Jahrgang. vom Altwerüen. Psalm 71, 18. 5luch verlaß mich nicht, Gatt, im Klier, wenn ich grau werde. (Es ist eine auffällige Beobachtung, die wir in diesen Kriegsjahren machen: Bekannte, die wir seit einiger Zeit nicht gesehen haben, kommen uns bei einer Begegnung merkwürdig gealtert vor. Vas haar ist mit einem Male grau geworden, die Bewegungen sind müde, viele Zorgenfalten graben sich in das Gesicht ein. Wir altern jetzt viel schneller als früher, in glücklicher, friedlicher Zeit, ein Jahr bringt so viel Veränderungen an uns hervor als sonst fünf Iahre. Jetzt wird es Wahrheit, was der psalmist sagt: Wir fahren schnell dahin, als flögen wir davon. Der Krieg mit seinen Entbehrungen und Zorgen, mit seiner Unruhe und seinem Kummer, mit den ernsten Tagen und den durchwachten Nächten läßt viele alt werden vor der Zeit. Nechte Lebensweisheit ist es, sich mit dem Ultwerden innerlich abzufinden. Vas Ulter kommt nicht über Nacht, es naht langsam, es schickt seine Vorboten voraus. In der herrlichen, weisheitsvollen Bede ,,Ueber das Ulter", die er in seinem 75: Lebensjahre in der Ukademie der Wissenschaften zu Berlin gehalten hat, zitiert Jakob Grimm das Wort Goethes: Das Klter ist ein höflich Mann, Einmal übers andere klopft er an, Kber nun sagt niemand herein, Und vor der Tür will er nicht sein, Da klingt er auf, tritt ein so schnell, Und nun heißt's, er sei ein grober Gesell. Man soll die Vorboten des Ullers, die größere Müdigkeit, das Grauwerden der haare, die sich immer mehr bemerkbar machende Zchwäche des Gedächtnisses nicht übersehen, man soll sich allmählich mit dem Gedanken vertraut machen, daß zu einem gewissen Zeitpunkte für jeden Menschen der Ubstieg in das Tal kommt. Verdichter Ernst Zahn, der neulich seinen 50. Geburtstag gefeiert hat, hat bei diesem Unlasse in einem groß angelegten, formvollendeten Gedichte einen Rückblick auf sein bisheriges Leben geworfen, klar dabei der Tatsache in das Uuge sehend, daß sein weg sich nun herniederneigt. Menschen, die alt geworden sind und dennoch jung bleiben wollen, machen einen sehr unerfreulichen Eindruck. wer hat Gefallen an dem, der das haar färbt, jugendliche Bewegungen macht, die seinem steif und ungelenk gewordenen Körper sehr sauer werden, oder gar sich an Vergnügungen beteiligt, die nur der Jugend Vorbehalten sind? Ulles Ving hat seine Zeit. Nur der wird mit dem Ultwerden innerlich fertig, der mit Gott im Bunde steht und zu ihm die Bitte emporrichtet: Uuch verlaß mich nicht, Gott, in meinem Ulter, wenn ich grau werde! Ein Greisenalter ohne Gott ist schrecklich,' so nahe dem Ubschluß des Lebens und so fern der (Quelle des Lebens und der Unsterblichkeit, das ist wirklich ein Jammer. Ver Heiland selbst ist freilich nie alt gewesen, in jugendlicher Kraft ist er von der Erde geschieden, er hat, was seine menschliche Uatur betrifft, den langsamen Ubstieg in das Tal nicht kennen gelernt, aber er ist der beste Freund des alternden Menschen. Er hebt und trägt mit seiner hirtentreue über die Beschwerden, über die Leiden des Ulters hinaus, wer ihn bittet: Herr, bleibe bei uns,' denn es will Übend werden, und der Tag hat sich geneigt, dem erfüllt er, wie einst den Lmmausjüngern, diese Bitte, zu dem geht er ein, um bei ihm zu bleiben. Mancher, der in jungen Jahren nach ihm nicht fragte, schließt sich, wenn seine Lebenssonne sinkt, eng an ihn an,' denn er empfindet, daß er ihn braucht, daß er ihn nicht lassen kann. Man soll das Rlter ehren. Vas ist ein uraltes Gottesgebot. Uber auch die Ulten müssen wissen, was sie den anderen schuldig sind. 5ie dürfen für die Jüngeren kein schwerer Hemmschuh sein, sie dürfen gereifte Menschen, die ihnen an Einsicht und Tatkraft überlegen sind, nicht kommandieren wollen, wie man Kinder kommandiert. Man darf den Jungen nicht die eigenen, oft schlechten Lebensgewohnheiten aufzwingen wollen und sie nicht als unmündige Zklaven behandeln. warum ist so manche Ehe unglücklich? weil die Eltern des Mannes oder der Frau zwischen d'n beiden Ehegatten stehen und in gewissenloser weise schüren und Hetzen. Es müssen die Ulten auch wissen, wann es Zeit ist. sich zur Feierabendruhe des Lebens zurückzuziehen. Man sieht es zuweilen, wie Männer, die längst arbeits- und dienstuntauglich geworden sind, eine Tätigkeit beibehalten, in einem Umte bleiben wollen, wozu sie gar nicht mehr geeignet sind, vamit verbindet sich oft eine maßlose Eitelkeit,' nur von sich redet der Ulte, sich selbst sieht er als den Mittelpunkt aller vinge i — 66 an. Das ist auch eins der Gebrechen b:s Alters, daß man das hinscheiden der eigenen Kraft nicht wahrnimmt. Nicht das ist das Unheilvollste dabei, daß man den Jüngeren den Platz versperrt, sondern daß die Leistungen allmählich so geringwertig werden, daß der Ulte ein Kinderspott wird. Nuch in dieser Hinsicht Huben alle Nltgewordenen zu beten: Nuch verlaß mich nicht, Gott, wenn ich grau werde! HB. Ewigkeitswerte. Und wenn es das Geringste ist, und du tust es mit Liebe, so wird es ein Großes. Kürzlich las ich folgenden Nusspruch eines Mannes, der es in wunderbarer Weise verstanden hat, in einem Buche seine Leser darauf hinzuweisen, wie wertvoll ihr Leben ist und sein muß, wenn sie sich darüber klar werden, daß es, und zwar das Leben eines jeden einzelnen unter ihnen, ein Teil eines großen Ganzen iftj und daß dieses Ganze geschädigt wird, wenn selbst aus diesem einen kleinen Teil nicht das wird, wozu es bestimmt war. Der Nusspruch lautet: „Ls ist ein hoher, feierlicher, fast sonderlicher Gedanke für jeden einzelnen Menschen, daß ein irdischer Einfluß, der einen Anfang gehabt hat, niemals und wäre er der allergeringste unter uns — durch alle Jahrhunderte hindurch ein Ende haben wird. Was geschehen ist, ist geschehen, es hat sich schon mit dem grenzenlosen, ewig lebenden, ewig tätigen Universum verschmolzen und wirkt hier zum Guten oder zum Schlimmen, öffentlich oder heimlich, durch alle Zeiten hindurch." Kommt uns beim Lesen dieser Worte nicht die ungeheuer große Verantwortung zum Bewußtsein, die wir bei all un- serm Neben und Tun tragen? Jedes Wort, jede Handlung in in unserem täglichen Leben findet einen Widerhall in den Seelen unserer Mitmenschen. Sind wir da wohl immer bedacht, nichts zu tun und zu sagen, was einen schädigenden, irreführenden Einfluß auszuüben imstande wäre? Wie ist es doch dagegen ein so tröstlicher Gedanke, zu wissen, daß wir berufen sind, da, wo wir im Leben von un- serm himmlischen Vater hingestellt sind, zu wirken, treu und still, indem wir uns von ihm führen lassen. Da kann es keinen Mißklang geben, und je mehr wir in diesem Sinne vorangehen, desto mehr werden wir es empfinden, welcher Segen in der Treue im kleinen liegt. Ich glaube, wir überschätzen viel zu sehr im allgemeinen und im einzelnen den äußeren Erfolg im Leben,' wir vergessen dabei die seelischen Werte, die uns der innerlichen Entwicklung näher zu bringen vermögen, durch welche wir so unendlich viel tiefer auf unsere Umwelt einwirken können. Sie hat Ewigkeitswert, während alles Neußerliche irdisch ist und darum vorübergehend. Nber nur in der Stille können solche Werte ausreifen, ebenso wie wir nur in der Stille zu der inneren Erfahrung kommen können, wie wichtig es für unser Leben hier und in der Ewigkeit ist, zu wissen, daß ein jeder von uns einen Gottesgedanken darstellt. Diesen zur Entfaltung zu bringen, indem wir unser Leben so leben, daß es ein Teil dieses großen Ganzen ist, das heißt wohl den tiefen Sinn des obigen Nusspruchs voll und ganz erfaßt haben. Möge er vielen zum Segen sein! Baronin N. Mlder aus dem hessischen Vorsieben. von N. J T—nn. (Schluß.) In alter Zeit, bevor die Bahnen ausgebaut wurden, waren trotz ,,Wandervogels" und Nusflügen an den hohen Festtagen die Menschen viel mehr an das Gehen gewöhnt als jetzt. Männer und Frauen legten, um in die Städte zu kommen, weite Wege zurück. Sie gingen sieben Stunden nach einer großen Stadt und traten an demselben Tage den Nückweg wieder an. Das war die Zeit, da Landleute aus dem vogelsberg, einen mit Butter beladenen Schubkarren vor sich herschiebend, nach Frankfurt und wieder zurück gingen. Botenfrauen vermittelten den Verkehr aus den Dörfern nach den Städten, nahmen Briefe mit und besorgten Waren aus der Stadt. In dieser Zeit blühten noch die Jahrmärkte, die heute ihre Bedeutung verloren haben. Was war das früher ein großes Volksfest, wenn der Jahrmarkt zu T. gefeiert wurde! Zwei große Zeltgassen wurden errichtet. In der einen wurden Getränke und Bratwürste ausgegeben. Die Knaben tranken gern den süßen, noch in der Gährung befindlichen Birnenmost, den ein seit Jahren den Markt besuchender Händler verzapfte. Ich leistete mir auch in der Negel einen Viertelschoppen, der mit Z pfg. bezahlt wurde, und erinnere mich noch genau, welchen grenzenlosen Nespekt ich vor einem mehrere Jahre älteren Jungen empfand, der mit der Haltung eines Erwachsenen einen halben Schoppen von dem süßen Getränke forderte. In der anderen Zeltgasse hatten die Händler ihre Waren ausgebreitet. Einige riefen mit lauter Stimme in das Menschengewühl hinein, daß sie ,,Stück für Stück für zehn Pfennig" verkauften. Die Dienstknechte kauften sich peitschen und knallten damit, daß man es weithin hörte. Die Hausfrauen erhandelten irdenes Geschirr, die kleinen Kinder leckten an sogenannten Zuckerstangen, einem sehr klebrigen Konfekte, mit dem bald das ganze Gesicht bemalt war. Ueber dem Stande des Zuckerwarenhändlers schwebten die Wespen, herumziehende Musikanten spielten auf, (vrgel- männer drehten ihre Instrumente, das ist das Bild des nun untergegangenen Marktes, wie er in meiner Erinnerung weiterlebt. In meiner Kindheit kamen allerlei fahrende, von den Kindern mit lebhafter Freude begrüßte Leute in die hessischen Dörfer, Leute, die man heute nicht mehr sieht. Grgelmänner und Grgelfrauen waren gern gesehene Gäste. Der Mann drehte die Drgel und erklärte ein Bild, das an einer großen Stange befestigt war. Durchweg waren „Moritaten" hier abgebildet, das Bild war in verschiedene Felder eingeteilt, das letzte Feld zeigte immer die Hinrichtung des Bösewichtes, durchweg war dieser ein Massenmörder. Der Grgelmann erzählte die grausige Geschichte, indem er mit einem langen spanischen Nohre auf die einzelnen Felder deutete. War die Erzählung zu Ende, so setzte die Orgel wieder ein, und Mann und Frau schmetterten mit lauter Stimme ein Lied hinaus in die Schar der aufmerksamen Zuhörer. Mit welchem Interesse betrachtete ich damals diese Bilder,' heute erregen sie in mir, wenn ich an sie zurückdenke, nicht nur einen moralischen, sondern auch einen physischen Ekel. Nusgestorben scheinen jetzt auch die Bärenführer zu sein, die mit dem Meister Petz anrückten, auf ein Tambourin los- schlugen, allerhand ungarische oder bosnische Laute dazu sangen und dann den Bären durch Stöße mit einer langen Stange ermunterten, daß er sich aufrichtete und auf den Hinterfüßen „tanzte". 67 Hud] eine Schauspielertruppe weilte einmal längere Zeit in dem Dorfe. 5ie wurde verstärkt durch einheimische junge Burschen. Unbegrenzten Nespekt erregte es auch in mir, als diese freiwilligen Schauspieler, von denen keiner hinterher ein Friedrich, h aase oder Conrad Eckhof geworden ist, in einem Nitterjtücke ihre Schwerter zogen und einen anderen mit Totstechen bedrohten. Mit welcher Spannung verfolgte ich im Ulter von ungefähr sieben Jahren die Vorgänge auf dieser sehr primitiven Bühne. Cinmal war in einem wirtshaussaal eine sogenannte „Weltuhr" aufgestellt. Meine Erinnerung an dieses Schaustück ist sehr schwach, ich weiß nur noch, daß, wenn die Uhr schlug, ein Hahn zum Vorschein kam und die Flügel hob. Buch meine ich, daß die Upostel beim Stundenschlag hervorkamen und vorüberwanderten. wieder ein andermal war ein Zwergehepaar gekommen und ließ sich für Geld sehen. Die beiden kleinen Leute erregten mein Entzücken, wenn sie in allerhand Verkleidungen auf der Bühne erschienen, der Mann mit der langen Pfeife, die Frau mit der Kaffeetasse in der Hand. Glückliche Kindheit, in der die Welt die Tore vor uns aufrcißt und den erstaunten Blicken so viel Interessantes bietet! wie weit liegst du zurück! Hranffurt a. M. im Hungerjahre (Schluß.) Zehr viel zur Verschlimmerung der wirtschaftlichen Verhältnisse vor 100 Jahren trug bei, daß so mancher die allgemeine Notlage zu seinem Vorteil auszunutzen suchte, wie ja leider auch heute in unserer Bedrängnis, vornehmlich trieb damals der Getreidewucher sein Unwesen. Um dem entgegenzuwirken, haben damals die „Frankfurter Nachrichten" die Schrift Martin Luthers vom Jahre 1540 „Un die, so Wucher treiben und doch Christen sein wollen" in ihrem ganzen Umfang zum Ubdruck gebracht, viel genützt hat diese Mahnung aber nicht, und es ist traurig, daß wir auch heute aller eindringlichen Vorstellungen ungeachtet nicht besser dran sind. Im Upril nahm die Nahrungsnot überhand, und das als Notvorrat aufgekaufte Korn mußte angegriffen werden. Zugleich wurden weitere Kornanschaffungen im Uusland gemacht, um den städtischen Vorrat voll zu erhalten und womöglich noch zu vermehren. Dennoch war die Verpflegung der Stadt keineswegs gesichert. Die Uussichten für die neue Ernte waren zwar gut, aber bis dahin war es noch weit. Nun hatte sich das rechtzeitige Eintreffen der von Holland erwarteten Korn- sendungen durch Unschwellen des Nheins sehr unliebsam verzögert- zu Land erwartete Sendungen wurden durch Fehlen von Zugvieh zurückgehalten. Indessen schmolzen die vorhandenen Kornvorräte immer mehr zusammen, so daß Unfang Juni nur noch eine sehr geringe Menge vorhanden war. Drückender Mangel an Brot konnte also schon in den nächsten Wochen eintreten, was zu unberechenbaren Folgen führen mußte. In dieser peinlichen Verlegenheit setzte der Senat alle Hebel in Bewegung, um die Versorgung der Stadt nicht ins Stocken kommen zu lassen. Neue Unkäufe als Er>ah für die ausgebliebenen wurden sofort ins Werk gesetzt. Um das hier gebackene Brot auch wirklich in der Stadt zu behalten, durfte an Auswärtige kein Brot mehr verkauft werden, außer, wenn sie hier zu arbeiten hatten, und auch dann nur je ein Laib. Un den Toren der Stadt war Polizei ausgestellt, welche Fremde mit größeren Mengen Brot nicht hinauslassen durste. Sodann wurde die Beschlagnahme aller auf den Höfen und Dorfschaften des ganzen Stadtgebietes befindlichen Vorräte an Korn, Weizen, Hafer und Gerste verfügt, sowie deren un- verweilte Bestandsaufnahme vorgenommen. Das Ergebnis war niederschmetternd. Manche Pächter besaßen nicht einmal mehr ihren eigenen Bedarf. Mehrere Gemeinden, wie Bornheim, Meder- und Gberrad hatten nicht mehr für 14 Tage den nötigen Unterhalt; die Bornheimer Bäcker zeigten an, daß noch in der laufenden Woche ihr Vorrat für die Bevölkerung zu Ende gehe. Die anderen Ortschaften hatten nur das Notwendigste bei völligem Mangel an Kartoffeln, Gbst usw. Die wetterau, wo die Stadt Frankfurt von alters her ihren Bedarf an Getreide gedeckt hatte, befand sich selbst in den größten Verpflegungsschwierigkeiten. Immerhin wurde eine Bitte des Senats um Uushilfe an das Staatsminijterium in Darmstadt durch den Großherzog von Hessen genehmigt und der Stadt mehrere 100 Malter Korn aus der Provinz Gbcrhessen wenigstens leihweise überlassen. Buch die bayerische Negierung stellte die erleichterte Uusfuhr eines größeren Getreidebetrages in Nussicht. So hatte man wenigstens die Sicherheit, über die nächste Zeit hinweg zu kommen. Der Juni ist der schlimmste Monat gewesen. Der Preis für das 6-Pfund-Brot war damals auf mehr als das Zweieinhalbfache gestiegen. In Württemberg kostete er allerdings mehr als einen Gulden. Glücklicherweise trat bald der Umschwung ein. Mit der Monatswende kamen die sehnlich erwarteten Zufuhren aus Holland an - «unter der günstigen Witterung war eine reiche Ernte geraten. Festlich geschmückt wurde Unfang Juli der erste Erntewagen feierlich eingebracht, wozu der betreffende Besitzer selbst die Unregung gegeben hatte. Und nun kam nach und nach alles wieder in seinen gewohnten Gang. wenn wir uns so die Zeit vor 100 Jahren vergegenwärtigen oder gar noch schwerere Zeiten, wie die des ZOjäh- rigen Krieges, wo sich die Menschen sogar auf dem Schindacker Nahrung suchten, dann vermag uns, den in schwerer Gegenwart Lebenden, ein solcher Nückblick in die Geschichten einen Trost wenigstens zu geben, daß auch die schlimmsten Zeiten vorübergegangen sind, und wir gewinnen Stärkung, gleich unseren Vorfahren auszuharrcn. Ed. L. Aus der Jugendzeit eines deutschen Mannes. (Fortsetzung.) Um 16. November 1797 starb König Friedrich Wilhelm II. und sein Nachfolger bestieg als König Friedrich Wilhelm III. den Thron. Man trug sich wie gewöhnlich bei einer Negierungsveränderung mit vielen Unekdoten vom neuen Könige, von welchen die wenigsten wahr sein mochten. Meine Mutter kam zu Unfang des Jahres 1798 in die Wochen und wurde von einem Sohne entbunden, der den Namen Ferdinand erhielt, wir Kinder waren jetzt unserer vier. Um diese Zeit kam ein Taschenspieler nach Friedland, ein Jude, mit einem Hanswurst. Ich hatte schon früher solche Darstellungen von einer Frau gesehen, allein die jetzigen waren viel besser, mannigfaltiger und wurden mit größerem Geschick ausgeführt. Mich beschäftigten die gesehenen Kunststücke gar sehr, und ich gab mir viele Mühe, dahinter zu kommen, wie sie ausgeführt würden - aber nur bei wenigen gelang es mir, sie zu enträtseln oder gar sie nachzumachen. Indessen war es immer eine Uebung des Verstandes. Bald nachher kam ein Mjann und kündigte an, er wolle mit seinen beiden Töchtern von 10 und 12 Jahren im Gasthofe eine 68 - Komödie aufführen, und zwar „die beiden Billetts" oon Rnton Moll. Ich hatte noch nie eine Komödie gesehen und hielt dies für ein sehr glückliches Ereignis, weshalb ich meine Eltern so lange bat, bis sie mir das geringe Eintrittsgeld gaben. Ls hatte sich nur ein kleines Publikum eingefundsn. So wenig nun auch der bejahrte Vater als Liebhaber zu den noch sehr jung erscheinenden Kindern patzte, machte mir die Zache doch grotzes Vergnügen, und besonders erschien mir die eine Tochter ungemein liebenswürdig. Es war der erste Einblick in die theatralische Melt und noch dazu ohne Vorhang und Kulissen. Er gab mir aber doch schon eine Ahnung davon, wie sehr solche Darstellungen imstande sind, uns zu ergreifen und zu fesseln. Ich hatte bis dahin mich um Mathematik noch gar nicht gekümmert, weil sie mir zu schwer erschien und niemand da war, der mir einen Fingerzeig hätte geben können. Jk^t fing ich an, das von dem alten Baron empfangene Buch zu studieren, und wunderte mich, daß ich den Anfang verstand, ja, bald zog mich die wunderbare Konsequenz und der strenge Zusammenhang der Lehrsätze im höchsten Grade an. Dennoch war ich vielfach genötigt, von vorn anzufangen, bis mir die Zätze geläufiger geworden waren,' und auch dann noch fanden sich im weiteren Fortschreiten Zteine des Anstoßes und Schwierigkeiten genug, die ich nicht zu überwinden wußte. Ich fragte meinen Bektor um Bat, der aber gestand mir, daß er von der Mathematik nichts verstehe und mir nicht helfen könne, lobte jedoch, daß ich mich daran gemacht hätte, denn es sei schlimm, wenn einem diese Seite des Wissens verschlossen bliebe, und er bedauere, daß sie es ihm sei. Er lieh mir indessen Wolfs Buszug aus den Anfangsgründen der Mathematik, mit dem ich ziemlich gut fertig wurde und der mir zugleich eine Ueber- sicht des Gebietes der Mathematik gewährte, wie sie dem Anfänger genügen konnte. Ich überschlug für jetzt die optischen Wissenschaften und wandte mich zu einem Gebiete, das mich mehr anzog, nämlich zu den Anfangsgründen der Astronomie, der mathematischen Erdbeschreibung, Gnomonik und Ehronologie. Zwar blieb mir noch vieles unverständlich; aber ich ward zugleich inne, daß ich ohne die Bechenkunst, Geometrie und Trigonometrie nicht in die übrigen Lehren ein- dringen könne, und wandte daher auf diese um so mehr Fleiß. Im Bechnen ging mir ein neues Licht auf,' denn was ich bisher nur mechanisch betrieben hatte, erhielt jetzt Begründung und Zusammenhang. Die treffliche Einrichtung des dekadischen Zahlensystems riß mich zur staunenden Bewunderung hin und diese veranlaßte mich, einen Aufsatz über das Numerieren zu schreiben. Ich legte ihn dem Bektor vor, der sehr damit zufrieden war und ihn mir lobend mit der Aeußerung zurückgab: es sei jammerschade, daß ich nicht studieren könne, denn der Aufsatz zeige, daß ich eine ganz andere Schule besuchen müsse. Neben meinen mathematischen Studien versäumte ich doch nicht das Latein und übersetzte teils den Tornelius Nepos, teils das Leben Alexanders des Großen von Tsuintus Turtius. Allein die Mathematik ließ mir nicht Bast noch Buhe. Durch oftmaliges wiederholen drang ich immer besser in das Verständnis ein, und namentlich war es die Geometrie, in welcher ich immer größere Fortschritte machte. Da ich kein Beißzeug hatte, kaufte ich mir einen kleinen eisernen Zirkel, natürlich ohne Einsatz, wie ihn so viele Handwerker gebrauchen, und zeichnete mir einen Transporteur, den ich auf Pappe klebte, hiermit und mit einem Lineale und einer Bleifeder führte ich die im Buche gestellten Aufgaben aus. (Fortsetzung folgt.) ttirchliche Anzeigen. Sonntag, den 2 9. April. Jubilate. Gottesdienst. In der Stadttirche. vormittags 8 Uhr, zugleich Thristen- lehre für die Beukonfirmierten aus der Matthäusgemeinde. Pfarrer Mahr, vormittags 9 7.- Uhr: Pfarrer Schwabe, vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde. Pfarrer Schwabe. In der Johannestirche. vormittags 8 Uhr, zugleich Thristenlehre für die Beukonfirmierten aus der Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer. vormittags 9 Vs Uhr: Professor D. S ch i a n. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Iohannesgemeinde. Pfarrer Ausfeld. Mittwoch, den 2. Mai, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer A u s - feld. * * * Wartburg, evangel. Jünglings- und Männer-Verein, Diezstr. 15. Sonntag, den 29. April, abends 8 Uhr: Vortrag. Gäste stets willkommen. £ Ankündit jungen empfehlenswert! ?r Firmen j Carl Loos ttirchenplatz 13 Telephon 79*7 Manufaktur- unb Weihwaren Herren- u. Knabenkleider mm »_■ _ ■ mm ii Hos-Möbel-Fabrik Th. Brück Gießen, Ecke Schlotzgasse- :: Kanzleiberg-Brandplatz:: Ältestes u. größtes Möbel- Fabriklager Oberhessens Gegründet 1858 :: Mehrfach ausgezeichnet Vorhänge ' Teppiche . Linoleum Spez.: Schlafzimmer-Einrichtungen mit patentamtlich gefch. Matratzen D. G. M Nr. 420 684 85 Allgemeine Rabatt-Spar-Marken Heinrich Noll Mäusburg Nr. 7 Telephon Nr. 292 Spezial-Geschäft für Bureaubedarf * Schreibmaschinen Papierhandlung, Buchbinderei, Gesangbücher. Moderne Kunstarbeiten. Photographische Apparate und Zubehöre imuftfalien lHWkmsttumelilk läuft llhallier, Liehen Audolph g flladif. Iflrurnrort* U TTrlrphon 571 1 CARL LUDWIG LEIB ! KUNSTHANDLUNG BILDER. EINRAHMUNGS. GESCHÄFT VERGOLDEREI kirchstr.2 ANTIQUITÄTEN verantwortlich: für den Textteil Pfarrer L e ch t o ls h eim er, für den Anzeigenteil h. 6eck; Druck und Verlag der Brühl'schen Universität; Bud|> und Steindruckerei R. Lange, sämtlich zu Dießen