Sonntagsgrusz Gemeinöeblatt fürdte evangelische Kircbengemeinoe Gieszew Nr. 16. Bietzen, Sonntag Miserik. Domini, den 22. April 1917. 6. Jahrgang. verlassen und gehöht. Zesaia 60, 15. Darum, daß du bist die verlassene und Gehaßte gewesen. roiU-^d) dich zur Pracht ewiglich machen und zur Freude für und für. In dem vorangejtellten Prophetenwort liegt die Kennzeichnung einer Lage, aber auch eine Verheißung um eben dieser Lage willen ausgesprochen, die die meisten unwillkürlich an die gegenwärtige Stellung Deutschlands im Weltkrieg erinnern wird. „Darum, daß du bist die verlassene und Gehaßte gewesen, will Ich dich zur Pracht ewiglich machen und zur Freude für und für!" verlassen und gehaßt, das paßt in der Tat auf Deutschland, verlassen, wenn wir daran rein geistigem Gebiete nicht verständlich. Wan wird jetzt oft gedenken, wie ehrlich und aufrichtig es durch Jahrzehnte hindurch zuvor um die Freundschaft und Anerkennung gerade der Mächte, mit denen es jetzt in einen Kampf auf Tod und Leben verwickelt ist, geworben hatte. Und darüber hinaus wollen wir uns nur ruhig eingejtehen, daß wir zurzeit auch das bestgehaßte Volk der Welt sind, wie das möglich ist? wir meinen, daß eine solch schmerzliche Ausnahmestellung allein mit dem wirtschaftlich machtvollen Uufblühen des Deutschen Ueiches nicht erklärt ist, auch nicht mit Fehlern unserer etwa allzu vertrauensseligen Politik. Eine solch tödliche Scheidung der Geister ist ohne allertiefste Vorgänge auf des Wortes Luthers an Zwingli eingedenk: „Ihr habt einen anderen Geist als wir!" Lei Luther handelte es sich damals nur um Klarstellung religiöser Gegensätze trotz mancher innerlichen kirchlichen Verwandtschaft. Uber wenn wir nicht an der Oberfläche der Gegensätze zwischen uns und unsern Feinden haften bleiben, so können wir nicht anders als sagen, daß es sich in diesem Weltkrieg letztlich um den Kampf gegen den deutschen Gesamtgeist handelt, den die anderen Staaten hassen, obwohl sie sich rein äußerlich zumeist auch zu den christlichen rechnen,' nicht so sehr um seiner Kraftentwicklung nach außen hin, sondern wegen seines innersten Wesens und Gehalts. Sie spüren, daß dieser Geist es ist, dem sie sich über kurz oder lang einmal werden beugen müssen, wenn es ihnen nicht gelingt, ihn jetzt noch niederzuringen. Line solche geistige Macht eines ganzen Volkes ist aber unauflöslich verknüpft mit ihrem sittlichen Gehalt, und dieser wiederum mit seiner religiösen Urquelle, wobei wir in diesem Zusammenhang von jeder konfessionellen Unterscheidung durchaus ab- sehen. So lange wir Deutsche kennen also weit hinein in die Zeit vor Christus , waren sie ein Volk, dem die innere Wahrheit über alles ging. Lben um des willen konnten sie auch nie ohne ernstestes Gottsuchen auskommen. Und die Vielgestaltigkeit der religiösen Ueberzeugung im deutschen Volke ist lediglich ein Leweis seiner überquellenden, um Vertiefung ringenden Sehnsucht nach Gottes Wahrheit. Das ist „der andere Geist", den sie haben. Und der stört viele andere Nationen in der Auswirkung ihrer rein selbstsüchtigen und brutal irdijch-herrschsüchtigen Ziele. Ls gibt in der Geschichte vielleicht nur ein Volk noch, in dem der religiöse Hunger nach der Wahrheit und Gerechtigkeit Gottes ähnlich stark austrat: das alte Volk Israel. Daher erlebte es auch solch schmerzliche Vereinsamung unter den Völkern, wie sie Jesaias in dem heut angezogenen Wort schildert. Uber darum erstand doch einzig aus seinem Schoße auch Jesus, der Heiland und Erlöser der Welt, wir glauben, daß das deutsche Volk vor anderen befähigt war und ist, den „Ueich Gottes"-Gedanken Lhristi zu erfassen und, wenn auch noch so langsam, der Verwirklichung näher zu führen. Freilich würde ihm dann auch dereinst besonders die Verheißung gelten, die die Propheten des alten Lundes, ganz besonders aber Jesus und sein Evangelium, der treuen Bewährung gaben. Darum sei treu, deutsches Volk! Dazu gehört aber allerdings auch das Wort des Heilandes: „Fasset eur- Seelen mit Geduld!" oder genauer übersetzt: „Durch Geduld (Ausdauer) werdet ihr eure Seelen gewinnen!" Und was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? . . . war braucht unsre Zeit? was braucht unsre harte Zeit? Schlichte Menschen, wahr und offen, Gegen Lug und Trug gefeit ; Ueich im Lieben, stark im hoffen. Menschen, die im Sturmeswehn Unentwegt im Glauben steh'n. IDas braucht unsre schwere Zeit? Menschen, die nicht murren, Klagen, Die in Demut, leidbereit, Willig ihre Lasten tragen Kerzen, die getrost und still Dulden, warten, wie Gott will. Was braucht unsre große Zeit? Menschen, die sich selbst vergessen Rn der andern Kreuz und Leid,- Und die kleinen Dinge messen In des Lebens Kampf und Streit Rn der großen Ewigkeit. E. R. Zrantsurt a. M im Hungerjahre Wb/jr. Es sind jetzt geräde 100 Jahre her, daß unsere Vorfahren auch eine schlimme Zeit des Nahrungsmangels durchleben mußten. Damals war allerdings die Ursache für die Knappheit eine allgemeine Mißernte, hervorgerufen durch die andauernd nasse Witterung im Frühjahr und Sommer 1816. Ganz besonders hart wurden heimgesucht Süddeutsch- land, die Maingegenden, die Nheinlande und Westfalen,- eine große Sterblichkeit unter dem Vieh kam dazu. U.brigens litt unter den; Mißjahr nicht nur Deutschland allein, es wurde auch Frankreich betroffen, und die Engländer durchstöberten damals alle Märkte der Welt bis Odessa nach Getreide. Ruch Frankfurt sah bang der Zukunft entgegen. Die früher aufgespeicherten Fruchtvorräte waren in der Franzosenzeit mit ihren Durchmärschen und Einquartierungen aufgezehrt worden, und im Jahre 18HT hatte die Stabt ihren letzten Restbestand an Getreide zur Verproviantierung de»- Festunn Mainz hergegeben. Ein für den Fall der Rot au? reichender Vorrat zur Versorgung der Revölkcrung mit Rrot getreue war also nicht vorhanden. Schon im Juli 1816 hatte sich die Erhöhung der Futterpreise bemerkbar gemacht,- allmählich folgte eine Teuerung der meisten Lebensmittel. Wegen des beständig Kühlen und regnerisches. Wetters war an die Ernte erst sehr spät zu denken. Wenn auch der Senat noch hoffte, daß die augenblickliche Rot bald Nachlassen werde, sah er sich doch alsbald zu umfassenden Maßregeln veranlaßt. Rach verschiedenen Vorschlägen und längeren Reratungen wurden Ende Oktober bei den Remtern und milden Stiftungen die den eignen Redarf übersteigenden Reträge an Rrotfrüchten enteignet und auf die Stadtkasse übernommen. Da aber die so gewonnene Vorratsmenge den Redarf der Stadt für den Rotfall durchaus nicht sicherte, wurde weiterhin der Rnkauf eines größeren Retrages an auswärtigem Korn zur Rufspeicherung verfügt. Sodann beschloß man, Kartoffeln auf Vorrat zu beschaffen, um für Redürftige Suppcnspci- sungen oder Raturalspenden im Winter und Frühjahr v.ran- jtalten zu können. Zunächst sollte der von Remtern und Stiftungen an die Stadt gegebene Getreidevorrat zur Unterstützung der ärmeren Revülkerung verbraucht werden. Mit den Räckern wurden Rrotlieferungsverträge aus diesem Getreide abgeschlossen und kurz vor Weihnachten 1816 konnten die wöchentlichen Rrotabgaben beginnen. Rl? Raum für die Rrotausgabc diente die damals gerade I'erstehende Rikolai- kirche, welche 1813 als Magazin benutzt worden war. Das städtische Rrot konnten alle als würdig und bedürftig bezeichnet Personen gegen ein vorher ausgehändigtes ^Zeichen", also unsere heutige Rrotmarke, zu bestimmten Tagesstunden in Empfang nehmen; und zwar wurde der 6pfündige Laib Roggenbrot 4 bis' 6 Kreuzer unter dem amtlichen Taxpreis abgegeben, der damals im Dezember schon auf das Doppelte des ursprünglichen Preises g.stiegen war. Daneben hatte sich gegen die wachsende Rot schon Rnfang Rovember aus mehreren bemittelten Frankfurter Rürgern ein sogenannter ,,Kornverein" gebildet mit der Rbsicht, durch freiwillige Spenden Getreide und billiges Rrot für Unbemittelte zu beschaffen. Für die Rusteilung des Rrotes bestellte dieser Verein eine besondere Kommission, wir würden heute sagen, ' Rrotkommission, die im engen Einvernehmen mit den städtischen Rehörden und unterstützt von mehreren Rürgern als freiwilligen Helfern in jedem Stadtquartier die einlaufenden Gesuche prüfte und die Listen führte. Schon wenige Tage nach dem Reginn der städtischen Rrotausgabe in der Rikolaikirche konnte der Kornverein mit der Verteilung von 5000 Laib Rrot für die Woche den Rnfang machen. Die Verteilung geschah wie bei der Stadt gegen gestempelte Rrotkarten, die wöchentlich von der Rrotkommission ausgegeben wurden. Gegen eine solche Karte konnte man bei sämtlichen Frankfurter Räckern einen 6-pfund-Laib zum gleichen Vorzugspreise erhalten wie bei der Stadt. Der Mehrbetrag gegen die amtliche Taxe wurde den Räckern aus der Vereinskasse vergütet. Die Polizei machte darüber, daß die Räcker auch immer gutes Rrot in hinreichender Menge bereithielten. Da der Mangel jedoch stetig weiter wuchs, beschloß der Senat im Januar 1817, außer der öffentlichen Rb- gabe des wohlfeilen Rrotes bis zur nächsten Ernte die unentgeltliche Verteilung von Kartoffeln vorzunehmen. Jeder Redürftige erhielt wiederum eine Kartoffelkarte, gegen die er wöchentlich eine bestimmte Kartoffelmenge abholen konnte. Rls dann im Frühjahr die Kartoffelbestände zu Ende gingen und die weitere Reschaffung wegen des Mangels und der Kosten schwierig war, wurde Reis angekauft und eb.nfalls gegen Karten ausgeteilt. (Schluß folgt.) vilder aus dem hessischen Vorfleben. von R. L— NN. (Fortsetzung.) Die landwirtschaftlichen Produkte, die in der großen Gemarkung gewonnen wurden, wurden, soweit sie nicht in den Haushaltungen gebraucht wurden, nach den benachbarten Städten gebracht. Es kamen ,,Rufkäufer", die Rutter, Eier, Gemüse und Obst einkauften und mit Gewnrn nach den Städten verkauften. Int Dorfe selbst wohnte ein ,,Rufkäufer", der allwöchentlich zweimal zum Markt nach der Stadt fuhr. Morgens um drei Rhr fuhr der alte Mann mit seiner natürlich auch bejahrten Frau ab. Man sagte, die Pferde hätten den Weg so genau gekannt, daß das alte Ehepaar auf dem Wagen vor sich hinduseln konnte, bis die ersten Däuser der Stadt in Sicht waren. Unter den Geschäftsleuten, die von außen kamen, war einer, dessen wirklichen Ramen ich nie erfahren habe. Tr hieß nur der ,,Lügenpeter" und wurde mit dieser Rezeichnung auch angeredet was er sich ruhig gefallen ließ. Ich erinnere mich, daß er einmal gesagt hat, er habe die Lieferung eines Eisenbahnwagens Zwetschcn nach k)ull in England übernommen, nehme aber an, daß auch diese Mitteilung erlogen war.- denn so weit reichten die geschäftlichen Reziehungen des „Lügenpeters" wohl nicht, daß sie hinüber über das Rermelmeer gingen. Ich hörte übrigens auch einmal von einer Frau, die, als sie noch vom Dorfe Milch nach der Stadt brachte, Kurzweg die „Lügen-Eva", oder, wie es in der dortigen Mundart hieß, die „Lüg-Eb" genannt wurde. 63 Sic heiratete später in der Stadt einen Geschäftsmann und stand einem feinen Hause vor, aber den Namen „Lüg-Eb" behielt sie. Nus meinem heimatdorfe gingen in jeder Woche Marktfrauen nach der benachbarten Stadt. Ls waren meist grauen ,geringer" Leute, die sich auf diese Nrt einen Nebenerwerb verschafften. War diese Frauen leisteten, ist eigentlich erstaunlich. Sie trugen den schweren, mit Lutter, Eiern, Käse und Gemüse gefüllten Nord auf dem Kopfe nach der Stadt, die zwei Stunden entfernt war. Dort standen sie auf dem Markt- Platze, bis sich Käufer fanden, dann gingen sie wohl noch in die Läden, um allerhand einzukaufen, tranken beim Bäcker eine Tasse Kaffee und aßen einen Wasserweck und gingen wieder nach Hause. Nuf dem hin- und Herwege wurden die Dorfneuigkeiten ausgiebig erörtert. (Schluß folgt.) Aus der Jugendzeit eines deutschen Mannes. (Fortsetzung.) Daß ich meine Flöte übrigens schräg in einen Fensterflügel lehnte, verstand sich von selbst; denn das war in kleinen Städten allgemein Sitte. Die Flöte war von außen zu sehen und kündigte jedem vorübergehenden an: hier wohnt ein Liebhaber der schönen Künste,' somit also ein seltener Vogel. Wer da weiß, wie begierig die Menschen nach einer Nuszeichnung Haschen, wird es mir nicht als eine ganz abnorme Eitelkeit anrechnen, wenn ich mich jener Sitte gern fügte. Es schien mir sogar, als ob die Ehre der Stadt dabei interessiert sei, wenn sich möglichst viele Gegenstände der Liebhaberei für Kunst und Wissenschaft an den Fenstern zeigten. Der Mensch ist nie scharfsinniger, als wenn er eine Schwäche vor seinem Gewissen zu rechtfertigen hat. Indessen hatte die Sache doch wirklich ihr Gutes. Es kam ein Seifensieder aus Friedeberg zum Jahrmarkt nach Friedland, meldete seine waren an und erkundigte sich, wem die am Fenster stehende Flöte gehöre. Ich bekannte mich als den Besitzer, und nun gab auch er sich als einen besonderen Liebhaber der Musik und als Flötenbläser zu erkennen. Das war mir eine große Freude,' weil aber die Zeit nicht erlaubte, die Sache unmittelbar weiter zu verhandeln, so lud ihn mein Vater für den Nbend zu uns ein, .und er kam. Wir bliesen abwechselnder war mit mir zufrieden, versprach zum nächsten Jahrmärkte Noten mitzubringen und hielt Wort. Es war ein Luch in Ouer-Gktav, in welchem Tänze, Lieder, Märsche usw. für die Flöte von ihm gesammelt waren. Ueber jedem Stücke war angegeben, aus welcher Tonart das Stück ging. Ich fragte ihn, was das O-dur, ^-moll, O-dur usw. heißen solle? Darauf antwortete er: „Ja, das weiß ich nicht. Vas ist nur für die großen Musikverständigen, darum brauchen wir uns nicht zu bekümmern, die wir nur Kleinigkeiten spielen." Er war übrigens ein sehr gefälliger, dienstwilliger Mann, und manches habe ich doch von ihm gelernt. Das Notenbuch schrieb ich ab. Unter meinen Schul- und Spielkameraden war mir der liebste der Sohn des Nkzise-Einnehmers Schmidt, namens Eduard. Cr hatte mehrere Schwestern, die meist jünger waren als er. Wir spielten viel miteinander,' denn dazu blieb trotz aller Nrbeiten noch Zeit genug übrig, da wir für die Schule zu Hause gar nichts zu tun hatten. Unsere Spiele waren höchst mannigfaltig und oft ziemlich wild. In körperlichen Uebungen war ich jedoch kein Held. Ich war nicht stark und wurde von anderen Knaben meines Nlters leicht niedergeworfen,' ich konnte nur geringe Lasten heben und tragen,' ich lief zwar schnell, aber es gab deren, die ich nicht cin- holen konnte, von Prügeleien hielt ich mich daher, wenn es sein konnte, fern. Nuch im Klettern leistete ich wenig. Es gab nicht viele Läume, die ich besteigen konnte,' vielleicht war geringe Uebung daran schuld, denn ich suchte meine Kleider zu schonen, da ich wußte, daß es meinen Eltern schwer wmde, mir neue anzuschaffen. Dagegen war ich ein guter Loll- spieler geworden,' es versagte mir selten ein Schlag,' ich brachte den Lall dahin, wohin ich ihn haben wollte, und ließ deshalb keinen meiner Mitspieler im Felde ,itzen. Dies Spiel hat mir großes Vergnügen gemacht. Im Winter wurde viel geschlittert,' Schlittschuh kannte man in Friedland nicht, und ich habe daher auch das Schlittschuhlaufen nicht gelernt. Im Sommer waren uns die Fichten der angenehmste Tummelplatz. Nn unseren Spielen nahm oftmals Eduards älteste Schwester, namens Malchen, Teil, ein hübsches blondes Mädchen mit blauen Nugen, mir die liebste meiner Mitschülerinnen. Ihr Sinn war mehr ernst als heiter, und gerade das gefiel mir. Die ersten unschuldigen und unbewußten Legungen der Geschlechtsliebe im Herzen des Knaben, die früheste träumerische Lebensäußerung des verpuppten Schmetterlings, hat ihr Umgang in mir hervorgerufen. Diese Empfindungen äußerten sich in einem stillen und doch recht innigem Wohlwollen. In dem Hause, welches wir früher bewohnt hatten, lebte, nur durch den Hausflur getrennt, ein alter Laron von G. Er war ehemals Offizier gewesen, war hoch in den siebziger Jahren, hatte weiße dünne haare und mußte früher ein stattlicher Mann gewesen sein. Ich habe ihn nie anders gesehen, als in einer weißbaumwollenen Zipfelmütze, grünem, mit dünnem Schafpelz gefütterten Schlafrock und Pantoffeln. Wahrscheinlich besaß er sonst keine Kleidungsstücke,' denn er war überaus arm. Der Laron war ein sanfter, stiller Mann. Seine Frau wenigstens galt sie dafür, obgleich behauptet wurde, es sei eine wilde Ehe besaß solche Eigenschaften keineswegs. Nn ihr war alles in die Breite gezogen, besonders das Gesicht, das die Form eines Eierkuchens hatte,' ihre Züge waren grob, nicht angenehm. Sie schien keine oder eine schlechte Erziehung genossen zu haben, sprach zwar hochdeutsch, aber gemein, schimpfte und fluchte wie ein Grenadier, und machte im Hause mehr Lärm als drei andere Weiber. Der alte Laron war dabei dermaßen unter den Pantoffel geraten, daß er vor ihr zitterte und bebte. Sie stand oft vor ihm und ohrfeigte ihn links und rechts, ohne daß er sich zu rühren wagte,' ja zuweilen, wenn sie in Strümpfen dasaß und wütend wurde, befahl sie ihm, ihr seinen Pantoffel zu bringen, den er gehorsam überlieferte und den sie nun nach Herzenslust benutzte, um ihm ihre Ungnade fühlbar zu machen. Da sie mit uns auf einem Flur wohnten, konnten wir jedes laute Wort so deutlich verstehen, als ob es in unserem Zimmer gesprochen würde, und die Frau Laronin kannte, wenn sie ungnädig war, was ihr täglich mehrmals begegnete, keine Mäßigung und schrie und kommandierte, als ob sie vor der Front eines Bataillons stände. Wie oft haben wir den armen Mann bedauert, wenn das Klatschen der Strafmittel bis in unser Zimmer schallte, begleitet von den wütenden Schimpfworten der Frau Baronin und den furchtsamen Litten des armen Barons. Es war leider nichts zu tun,' denn in das eheliche Verhältnis durfte sich niemand einmischen. Der Laron machte den Winkeladvokaten und führte heimlich für Lauern Prozesse, wovon er allein lebte, wenigstens erinnere ich mich nicht, daß er eine Pension gehabt hätte. Man wußte das, aber schwieg — 64 dazu; denn sonst würde er der Stadt zur Last gefallen sein. Eigentlich aber war es seine Frau, welche die Prozesse führte. Sie nahni die Klagen an, instruierte sich, hetzte die Lauern auf, versprach ihnen unfehlbar den Gewinn des Prozesses und diktierte ihrem Manne die Klagen oder Verteidigungsschriften in die Feder, gewöhnlich mit den gröbsten Ausfällen auf die Gerichte, so daß die Kläger oder verklagten nicht selten wegen Beleidigung der Gerichte in Strafe genommen wurden. Sie geriet bei diesem Diktieren meist dermaßen in Effekt, daß wir in unserm Zimmer jedes Wort verstehen konnten. Wurde sie gar zu derb und fürchtete er unangenehme Folgen, so erlaubte er sich wohl, sie zu unterbrechen. und söhte: „Uber, liebes Kind, das ist eine Znjurie." ,,Nichts da," rief sie, „du schreibst, wie ich es sage; ich will grob sein." Früher hatte er es in solchen Fällen wohl gewagt, statt der diktierten Worte gelindere niederzuschreiben und glaubte dies um so eher wagen zu können, als die Frau Baronin weder lesen noch schreiben konnte. Sie mußte wohl etwas- von diesem Kunstgriff gemerkt haben; denn der Baron mußte ihr jedes Diktat genau vorlesen, und sie hatte ein so vorzügliches Gedächtnis, daß sie jede Silbe wußte, die sie diktiert hatte. Einstens, als sie es gar zu arg getrieben, hatte der Baron mehrere Stellen gemäßigt, weil er sie für zu verletzend hielt, wobei er sich aber die diktierten Uusdrücke möglichst gemerkt hatte, um sie bei dem verlesen statt der von ihm niedergeschriebenen herzulesen. Unglücklicherweise wurde jedoch dem alten Manne sein Gedächtnis untreu und er las, wie er geschrieben hatte. Da gab es so viele Ohrfeigen, daß der Urme geschwollene Backen bekam und mit verbundenem Kopse umhergehen mußte. Schlimmer noch war ein anderer Fall. Es hatten sich zwei gegen einander prozessierende Parteien an unser Ehepaar gewandt, ohne daß eine den Schritt der andern kannte, und die Klagen wurden beide angenommen. Natürlich mußte dies den Parteien verborgen bleiben. Dergleichen mochte wohl öfter geschehen sein; denn dabei war am meisten und am sichersten zu gewinnen, wenigstens in keinem Falle zu verlieren. Der Baron sandte die von ihm gefertigten Eingaben den beiden Parteien zu, denn diese mußten die Eingaben, als von ihnen herrührend, dem Gerichte einreichen. Unglücklicherweise versah er sich beim Udres- sieren, so daß jede Partei die Eingabe der Gegenpartei empfing und beide sich getäuscht sahen. Es gab einen höllischen Lärm, in welchem die Stimme der Baronin keine der schwächsten war, und wie er endigte, kann man denken. Die Uach- wehen waren lange zu bemerken. 3m Frühjahr 1798 verstarb die Baronin plötzlich. Der arme alte Mann stand nun ganz allein. Meine Eltern boten ihm einmal wöchentlich den Mittagstisch an und er äußerte sich dankbar dafür. Er war ausnehmend betrübt und konnte sich über diesen Todesfall gar nicht zufrieden geben; er rühmte seine Frau durch alle Prädikate, und hätte er ihr eine Grabschrift sehen können, so würde die Welt von einem Engel gelesen haben. So viel tut die Macht der Gewohnheit! hier wurde der Spruch zu schänden: Wer Liebe säet, wird Liebe ernten. Dem liebebedürftigen Herzen des alten Mannes aber macht es Ehre, daß selbst eine so schnöd: Behandlung ihn in seiner Liebe nicht irre machen konnte. Er grämte sich derart, daß er acht Tage nach seiner Frau starb. Mir vermachte er zum Undenken das einzige Buch, das er besaß, den ersten Teil von Wolfs „Unfangsgründen der Mathematik", welches für mich sehr bedeutsam wurde und die Ursache ist, daß ich hier dieses Märtyrers des ehelichen (?) Glücks gedacht habe. (Fortsetzung folgt.) Zrühlingseinkehr. Lin Sonnenlächeln in klarer Luft. Lin schüchterner, zarter Blumenduft, Ein lichtfrohes Keimen und bebend' Kegen: Ullaufersteh'n im Lenzessegen. Hanna Krüger 7. Meine Mitteilungen. Um 22. Upril beginnt wieder die Thristenlehre, die bekanntlich mit dem Frühgottesdienste um 8 Uhr verbunden ist. Un dem genannten Tage ist Thristenlehre für die Markus- und Iohannesgemeinde, am darauffolgenden Sonntag, den 29. Upril, für die Matthäus- und Lukasgemeinde. Die Eltern werden gebeten, die neukonfirmierten Kinder zum fleißigen Besuche anzuhalten. Die Konfirmationsgedenkscheine werden diesmal erst im herbst, nach Beendigung der Thristenlehre, den Kindern ausgehändigt werden. ttirchliche Anzeigen. Sonntag, den 22-. Upril. Miserik. Domini. Gottesdienst. 3n der Stadtlirche. vormittags 8 Uhr, verbunden mit Thristenlehre für die Ueukonfirmierten aus der Markusgemeinde. Pfarrer Schwabe, vormittags 9 1 Uhr: Ordination des pfarrassistenten lic. theol. Keuning durch Dekan Gußmann, predigt: pfarrassistent Keuning. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeinde. Mittwoch, den 25. Upril, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer Mahr. 3n der Aohanneslirche. vormittags 8 Uhr: Zugleich Thristenlehre für die Neukonfirmierten der Iohannes- gemeinde. Pfarrer Uusfeld. vormittags 9 l /> Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer. £ Ankündigr mgen empfehlenswerter Firmen j Carl Loos Kirchenplatz 13 Telephon 797 Mg Manufaktur- ^ und Weißwaren Herren- u. Knabenkleider Heinrich Noll usburg Nr. 7 Telephon Nr. 292 jezial-Geschäft für Bureaubedarf • Schreibmaschinen Papierhandlung, Buchbinderei, Gesangbücher. Moderne Kunstarboiten. PhotographischeApparate und Zubehöre f. Störer, Gießen Seltersweg 16 Ähren, Gold- u. Silberwaren Bestecke Reparaturen in eigener Werkstatt prompt und billig verantwortlich: für den Textteil Pfarrer Bechtolsheimer, für den Anzeigenteil h. Seck; Druck und Verlag der vrühl'fchen Univerfttäts- Buch- und Steindruckerei R. Lange, sämtlich zu Gießen