Genmnüeblatt fürdie evangelische Kircbmgememöe Gieszew Nr. 15. Biegen, Sonntag Quasimodogeniti, den 15. April 1917. 6. Jahrgang. lkonsirmandenzeit. Evangelium des Lukas 8, 15. Das aber auf dem guten Lande sind, die das Wort hören und behalten in einem feinen, guten Kerzen und bringen Frucht in Geduld. 3n diesen Frühlingstagen stehen im deutschen Lande hunderttausende von Konfirmanden vor dem Rltar, um ihrem Heiland Liebe und Treue zu geloben und nach altchristlicher Litte gesegnet zu werden. 3n ernster Zeit werden diese Kinder konfirmiert. In vielfacher Form macht sich der Krieg bei uns in der Heimat geltend, manches Kind kommt am Konfirmationstage nur in Begleitung der Mutter zur Kirche, weil der Vater im Felde steht und weil man wegen der Zeitverhältnisse verwandte nicht einladen kann, viele Knaben stehen schon im Leben der Rrbeit, weil der Krieg dazu nötigt. Knaben tun jetzt Männerarbeit, Mädchen gehen in die Munitionsfabriken. Man sollte denken, daß unter diesen Umständen Gottes heilige Gebote sich tiefer in die Kinderherzen einprägen als sonst, daß die Kinder, die jetzt konfirmiert werden, dem guten Lande gleichen, von dem der Heiland in seinem schönen Gleichnisse spricht, daß sie Gottes Wort in einem feinen, guten Herzen behalten und in der Zukunft Frucht bringen in Geduld. Cs ist etwas herzerhebendes, wenn man einen älteren Menschen beobachtet, auf dessen Leben dieses Heilandswort seither gepaßt hat und noch paßt. Rus der großen 5char der Menschen, mit denen ich über ihre Konfirmandenzeit und ihre Konfirmation gesprochen habe, treten vier hervor, in denen die Eindrücke dieser Zeit besonders nachhaltig gewesen sind. Da ist zunächst die 68jährige Frau, die ich während ihres langen, letzten Leidens oft besuchte. Cs wär bei den ersten Besuchen gerade nicht leicht gewesen, mit ihr in das Gespräch und durch das Gespräch in seelische Berührung zu kommen. Der schwere, unförmliche Körper hinderte die alte Frau, ihre Wohnung zu verlassen,' in der Kirche wär sie schon lange nicht mehr gewiesen, vom Bett zum Ltuhl am Fenster und wieder zurück zum Bett, weiter gingen ihre Wege nicht mehr, als ich sie kennen lernte. Ruch die Sprache war schwerfällig, langsam kamen die Worte über die Lippen, das Rsthma machte der Kranken viele Not, die Rugenlider waren dick geschwollen. Rber als ich näher mit der Frau bekannt wurde, fand ich, daß in dem kranken, schwerfälligen Körper eine fromme Seele wohnte. Eines Tages sagte mir die Kranke, stockend und nach Rtem ringend, das Lied ,,Rlle Menschen müssen sterben", Vers für Vers, her und bemerkte, dieses Lied mit seiner herrlichen Zchilderung des Freudenlebens in der Ewigkeit erquicke und stärke sie nun, da sie, mit so schwerer Krankheit ringend, wisse, daß sie ihr irdisches Ziel bald erreicht haben werde. Rls ich verwundert fragte, unter welchen Umständen sie sich das Lied angeeignet habe, da kam es heraus: in der Konfirmandenstunde in Berlin, wo sie geboren war, hatte sie es gelernt. Sie hatte das Lied mit seinen erhebenden Gottesgedanken über ein halbes Jahrhundert in einem feinen, guten Kerzen behalten. viel umgänglicher und beweglicher war der 70jährige Handwerksmann, der aus Thüringen stammte. Eines Tages kam er zu mir und brachte mir ein Blatt Papier, das er mit Bleistift beschrieben hatte, „hier bringe ich Ihnen," so sagte er, „das Lied, das uns Kindern unser Pfarrer einst in der ersten Konfirmandenstunde diktiert hat." Es war ein frommes, etwas gefühlsmäßiges Lied, seinen Inhalt habe ich vergessen, ich kann die Niederschrift auch nicht mehr unter meinen Papieren finden. Rber ich weiß noch, daß dem Manne die Tränen über das Gesicht liefen, als er mir das Lied hersagte. Er dachte dabei seiner Jugend, seiner toten Eltern, seiner Heimatkirche und des Leelforgers, der ihm bei der Konfirmation segnend die Hände aufgelegt hatte. Ein mühseliges Leben hatte die Witwe, die aus einem Dorfe in einem Tale des hessischen Ddenwaldes nach der großen Ltadt gezogen war und sich dort durch redliche Rrbeit als Monatsfrau durchbrachte. Sie hatte es mit dem Manne nicht leicht gehabt, der war streitsüchtig, rechthaberisch und gegen seine Familie ungebärdig gewesen. Der eine Lohn war schwachsinnig; zwar arbeitete er, aber er war schwer zu leiten, zuweilen trank er, war dann gewalttätig und beschimpfte Mutter und Lchwestern. was die Frau unter diesen Umständen aufrecht hielt, waren die Psalmen, die sie in der Konfirmandenstunde auswendig gelernt hatte, der 23., der 73., der 103. Psalm und andere dieser herrlichen Lieder, die von Gottes treuer Hut und seiner gnädigen Bewahrung reden. Sie hatte diese Psalmen bis in ihr Rlter wortgetreu im Gedächtnisse behalten. Endlich denke ich hier an ein junges Mädchen, das ich vor beinahe 20 Jahren zu Grabe gebracht habe. (Dft, wenn i - 58 ich am Sommerabenb nach meiner Wohnung ging, sah ich sie auf der Straße vor dem Hause ihres Bruders stehen, oder sie schaute zum Fenster heraus. Sie war mir aufgefallen durch das zarte Angesicht und das goldig schimmernde haar. Lines Tages kam die Frau des Bruders und sagte mir, die Schwägerin sei krank, ich solle sie besuchen. Ich sah bald ein, daß die Tage des jungen Mädchens gezählt waren. Linen Sommer lang siechte sie dahin; als im September die Bstern blühten, senkten wir sie in das Grab. Buf dem Krankenbette erzählte sie mir ihre kurze Lebensgeschichte. Die war traurig genug. Früh der beiden Lltern beraubt, war das Kinb in einer Waisenanstalt erzogen worden und dann in den Dienst zu fremden Leuten gekommen. Vas ging so lange, bis sie sich matt und elend fühlte, da nahm der Bruder sie in sein Haus auf, und, von der Schwägerin treu gepflegt, starb sie. Ueber ihrem Bette hing ihr Konfirmationsgedenkschein, auf dem stand geschrieben- Psalm 37, 5. Befiehl dem Herrn deine Wege, und hoffe auf ihn, er wirds wohl machen. Bn dieses Wort klammerte sich das arme, verwaiste Menschenkind in seiner letzten Not. „Lr wirds wohl machen/' In dieser seligen Gewißheit schlief das junge Mädchen ein. Ls ist etwas Großes, wenn ein Mensch das, was ihm in der empfänglichen Jugendzeit anvertraut worden ist, in einem feinen, guten Herzen bewahrt. Nur der Unverstand kann das Nuswendiglernen von Bibelsprüchen und Gottesliedern, an denen sich der Glaube hinaufrankt, schelten. Gott allein weiß, was für Segen sich an die Konfirmandenzeit und die Konfirmation anschließt. Ls kommt nur darauf an, daß der junge Mensch ein feines, gutes Herz hat. H-B. Luthers vibeliiberjetzung in ihren Anfängen. „1. © Gott, tzu dpr Hab ich geschrien von den tpffen. o got, erhöre mein geschrep. 2. Bch das deine oren achtnehmen wolten auff das ge- schrep meines bittens. 3. Zzo du will achthaben auff die sunde, D mein got, o gott, wer kan dan besteen? 4. Dan ist doch nur bep dir allein vorgebung, darumb bistu auch allein tzufurchten. 5. Ich Hab gottis gewartet, und mein seel hat gewartet, und auff seyn wort Hab ich gebeptet. 6. Mein seel die ist tzu gott wartend von der morgen wache byß widder zu der morgen wache. 7. Israel der wartet zu gott, dann die barmhertzickeit ist bep Gott und manichfeltig ist bep phm die erloßung. 8. Und er wirt erloßen Israel auß allen seinen sunden." So lautet in Luthers Urschrift ,,Der Zechst pußpsalm". Psalm 130. Line deutsche Buslegung der sieben Bußpsalmen, das war die erste Schrift, du Luther selbst geschrieben und im April 1517 hat drucken lassen. Line Großtat sondergleichen für die Geschichte des deutschen Volkes und seiner Kultur nahm damit ihren Unfang. Denn in dieser Uebersetzung der 7 Psalmen liegt nicht bloß der Urkeim von Luthers späterer, geschlossener Bibelübersetzung, sondern auch der unserer heutigen deutschen Sprache überhaupt. ,,Für meine Deutschen bin ich geboren, ihnen will ich dienen!" schrieb Luther wenige Jahre später von der Wartburg seinem Straßburger Freunde Gerbel. Und in der Tat. In seiner Schriftsprache hat er dem deutschen Volke als Ganzem, gleichgültig, ob wir uns Evangelische oder Katholiken, Juden oder Atheisten nennen, einen seiner köstlichsten Schätze bis auf diesen Tag geschenkt, unsere einheitliche deutsche Sprache, die es vordem nicht gab. Jenes Lrstlingsbüchlein der 7 Bußpsalmen im Frühjahr 1517 Hot den Grund zu diesem nie verkümmernden Geschenk gelegt, wahrlich, Grund genug, daß im Neformationsjubeljahr 1917 alle Deutschen unbeschadet welchen Glaubens ihm danken und seinem Genius huldigen. Denn unsere Sprache ist Luthers Schöpfung. Selbstverständlich ist jede Sprache selbst kein totes Kunstprodukt, sondern spürbarer Niederschlag der unsichtbar-lebendigen Seele eines Volkes. Uber daß die unsrige trotz der gewaltigsten Stammes- und Dialektverschiedenheiten des deutschen Volkes zu einer so wundervollen Einheit sich zusammenschloß, und vor allem, daß darin auch wirklich des Volkes Herzschlag, der Schatz seines Empfindens, seines Erfassens der Dinge, seines Gemütes und auch Humors, pulsiert, das ist Luthers ureigenstes Werk. wie sah's mit unserer Muttersprache vor ihn, aus? Abgesehen von den tausenden von Mundarten fast jedes Dorf hatte seine eigene bestanden zwei große Sprach- gruppen, das Ober(hoch)- und das Nieder-(platt)-deutsche. Jenes wurde in Süd-, dieses in Norddeutschland gesprochen. Die Einheit einer deutschen Schriftsprache fehlte durchaus,- und selbst die kaiserliche Kanzleisprache konnte trotz mancher Fortschritte dem Nebel nicht abhelfen. Luthers feines Sprachgefühl fand nun heraus, daß gerade die Sprache der Kursächsischen Kanzlei jene beiden Gegensätze noch am besten aus- gleiche. Sie war eine Mischung von ©der- und Niederdeutsch - aber selbstverständlich für den Mann aus dem Volke in ihrem echten ,,Kanzleistil" fast immer noch unverdaulich. Nun trug Luther, selbst ,,ein Kind aus dem Volke", in dies starre Gesetz des Kanzlei- das blühende Leben des volksdeutsch hinein, und so schuf er erst diese Kraft, Herzinnigkeit und Schönheit bei allem Negelrechten unseres ,,Deutsch", das ja, sprachlich vom gotischen „diet" abstammend, selbst nichts anderes als „volkstümlich" bedeutet. wie Luther selber unablässig an der Vervollkommnung seiner Sprache arbeitete, kann man schon sehen, wenn man nur diejenige des oben mitgeteilten Bußpsalms von 1517 mit der seiner Bibelübersetzung vom Jahre 1521 vergleicht, viel weniger mag man daran denken, welch Mut für den damaligen jungen Theologen dazu gehörte, überhaupt sie anzuwenden. Denn in seiner Muttersprache zu schreiben, war damals ein verächtlich Ding, verachtet genau so von den Gelehrten der alten Schule, den Scholastikern, wie denen der neuen, den Humanisten. Latein oder griechisch mußte es sein. Um so bewundernswerter ist auch Luthers Sprachreinheit. So manche Fremdwörter seine anderen Schriften aufweisen mögen, in seiner Bibelsprache fand kaum eines Gnade vor seinen Bugen. heute ist schier nicht auszudenken, welche Früchte Luthers Frühlingsgabe vom Jahre 1517 gezeitigt hat. Kaum hatte er seine Sprache in den Sattel gesetzt, da begann nun auch das Volk sich ihrer zu bedienen. So entstand u. a. jene großartige Neihe von Flugblättern, in denen er für es und es für seinen Luther Partei nahm. Dahinter verbirgt sich weit mehr, als man zunächst denken mag. Nicht bloß, daß in ihnen die Geburtsstunde unseres gesamten Presse- und Zeitungswesens schlug, das vordem unbekannt war, nein, es offenbarte sich darin der Segen der Neformation vom allgemeinen priestertun. jedes Thristen. Der Bann des Unterschiedes zwischen Geistlichen- und Laienstand war gebrochen,' auch der schlichte Mann konnte nun denken und schreiben, wie ihm ums Herz war. Nicht minder schlug recht eigentlich die Geburtsstunde unserer geistlichen Liederdichtung. 1523 erschien Luthers 1. Kirchenlied als Flugblatt: „Nun freut euch, lieben Thristen 59 gmein". 1524 entwickelte sich aus ein paar aneinander gehefteten Flugblättern das 1. evangelische Gesangbuch, darunter abermals der 130 Psalm, nun Luthers vielleicht aller- schönstes Lied: „Rus tiefer Not schrei ich zu dir", dem bald das 2. und, von Luther selbst zusammengestellt, das 5. folgte, jetzt gleich, mit vierstimmigen Melodien versehen. 5o ist schwer zu sagen, was alles jenes schlichte Büch- lein von 1517 für unser deutsches Volk bedeutet. Nade hat recht, wenn er 1885 schrieb: „Luther vornehmlich hat es dahin gebracht, daß Nord- und Süddeutschland, die bisher ihre besondere Mundart redeten und also pflegten, daß sie sich gegenseitig nicht verstanden, Line Sprache wenigstens schrieben und je länger je mehr auch, redeten. Dieses Land der Linen Sprache und Linen Schriftstellerei hat festgehalten auch in den schweren Zeiten, wo Deutschlands Linheit sonst völlig in Trümmern lag. Ls hat gehalten und. zusammengehalten bis auf die besseren Zeiten des neuen deutschen Reiches." heute steht dieses Reich vor Sein oder Nichtsein! Rber es wird umschlossen von dem Geist einer Sprache, in der wunderbare Kräfte walten. Und jetzt, in den Stürmen des Weltkrieges, sollten wir Deutsche wohl daran denken, daß diese unsre Sprache herausgeboren ist aus den Lwigkeits- kräften der Religion und des Cvangeliums selber. In Luthers Erklärung zu jenem „Zechst pußpsalm" vom Jahre 1517 aber steht ein Wort von ihm, das wir mitnehmen wollen in die weihe und den Lrnst dieser bewegten Zeit: „Rlß oft ich weniger pn der schrifft dan Lhristum funden Hab, bpn ich nach nie sat wurden; als offt aber ich meer dan Lhristum funden Hab, byn ich nie armer wurden . . . Lhristus ist gottis gnaden, barmhertzickeit, gerechtickeit, warheit, weiß- heit, sterke, trost und selickept, uns von gott gegeben an allen vordinest." _ Silber aus dem hessischen Vorsieben. von R. L- NN. (Fortsetzung.) Lin anderer unter diesen Handelsleuten, den man den „Bäritz" nannte auch er hieß in Wahrheit anders tat sich durch Großspurigkeit hervor. Linst war er mit einem Metzger über Land gegangen, um einen Hammel zu kaufen, den der Metzger schlachten wollte. Rber der Bauer forderte zu viel, und das Geschäft kam nicht zustande. Da stand der Bäritz mit der Miene und Haltung eines Großhändlers auf und sagte: „Komm, Rugust, ob wir morgen 100 oder nur 99 hämmel nach Köln liefern, ist einerlei." Bekanntlich geht es ja bei dergleichen Geschäften so zu, daß der Händler wutentbrannt über den teuern, ihm abgeforderten Preis das Geschäft abbricht und nach einer Viertelstunde mit freundlicher Miene wiederkommt, um von neuem zu handeln. Ich habe es manchmal bei Pferdehändeln gesehen, wie der Handelsmann wütend die Haustür zuschlug und Stein und Bein verschwor, daß er das Haus niemals wieder betreten wolle, daß er lieber Rrm und Bein brechen und nicht mehr gesund zu seiner Frau und seinen Kindern heimkehren wolle, und gleich darauf kam er wieder zur Haustür herein und machte ein neues Rngebot. Der Handel des Bäritz bewegte sich nur in sehr bescheidenen Grenzen, er war ein ehrlicher und nicht gewinnsüchtiger Mann. Lr kaufte Hasenfelle, Ziegen, hämmel, Kälber, ab und zu auch wohl einmal Getreide ein. Ruch er war ein leidenschaftlicher Tabakraucher, und nach der dortigen Sitte stopfte er seine Pfeife gern aus den Beuteln anderer Leute, wie auch er seinen Tabak anderen anbot. Nun erzählte der Bäritz jedem, der es hören wollte, er sei im Juli 1870 auf der Landstraße gegangen, da seien Truppen, die nach Frankreich marschierten, an ihm vorübergekommen, mitten unter ihnen ein hoher Offizier, anscheinend ein General, ein stattlicher, schöner Mann mit blondem Barte, umgeben von einem großen Gefolge, und gleich dem Bäritz die kurze pfeife in der Hand haltend. HIs dieser hohe Herr gesehen habe, daß er, der Bäritz, aus seiner Pfeife Wolken hervorstieß gleich den Wolken, die aus dem Backhause kommen, wenn ein armer Mann backt (der arme Mann verwendet grünes, im Walde aufgelesenes Reisig, daher die Rauchwolken), da habe er den Raucher freundlich herangewinkt und gefragt, ob er nicht einmal mit Bäritz stopfen dürfe. „Gewiß, mein Herr," habe er geantwortet und den Beutel hervorgezogen. Der Herr habe sich freundlich bedankt und sei weitergeritten. Liner aber aus dem Gefolge habe ihm, dem Bäritz, gesagt: „Das war der Kronprinz von Preußen." Diese Geschichte erzählte der Bäritz, wie gesagt, sehr oft, sie war aber erlogen,' denn der Kronprinz ist nie diese Straße gezogen, er hat seinen Einmarsch nach Frankreich auf eine ganz andere weise bewerkstelligt. Das war auch nur gut,' denn der Bäritz rauchte R. B. Rupter. Das war, wie der Name der Firma ausweist, ein aus Holland eingeführtes, scharfes Kraut, von dem man sagte: „R. B. Reiter, drei Züg' do leit er", nämlich der Raucher. Line andere sehr bedenkliche Sorte, die gleichfalls in meiner Heimat viel geraucht wurde, war der „Llephant". Ls heißt von ihm in einem humoristischen Gedichte, das sich mit der Fahrt auf der hessischen Ludwigsbahn befaßt: „Der Nachbar rauchet Llephant, das ist ein Duft gar penetrant." Da ich gerade am Tabak bin, so sei auch folgende Rnekdote mitgeteilt: In einer hessischen Schule prüfte der Kreisschulinspektor einmal in der Geographie und ließ sich die Großen Rntillen nennen. Die Kinder hatten glücklich Tuba, Jamaica und St. Domingo aufge- gezählt, auf die Insel portoriko konnten sie indessen nicht kommen, Da sagte der Inspektor zu einem Jungen, der ihm einen intelligenten Eindruck machte: „Ra, du kennst doch diese Insel, ihr Name steht aus den Tabakpäckchen, die du für deinen Vater im Laden holst." Da gab der Junge zur Rntwort: „Karl Gräsf-Bingen." Das ist eine bekannte Tabakfirma. (Fortsetzung folgt.) Aus der Jugendzeit eines deutschen Mannes. (Fortsetzung.) Ich habe schon erwähnt, daß ich von dem Rektor zu meiner unsäglichen Freude lateinische privatstunden erhielt, wobei mir der früher gelegentlich gesammelte Vorrat von Vokabeln sehr zu statten kam. Zum ersten Male erhielt ich nun einen Begriff von der Grammatik einer Sprache, und da wir zugleich die der deutschen Sprache mit durchnahmen, wurde mir der Unterricht um so lehrreicher. Bald konnten wir zum Uebersetzen schreiten, und ich ging in dem Gedicke- schen Lesebuch rasch vor. Bald kam Cutrop an die Reihe, dann einzelne Stücke des Tornelius Nepos. Da es mir sehr an Büchern fehlte, schenkte mir der Rektor aus seiner Büchersammlung : Selectae e profanis scriptoribus historiae, quibus admista sunt varia honesti vivendi praecepta ex iisdem scriptoribus recensuit J. F. Fischerus, welches mir jedoch vorläufig noch zu schwer war. — 60 Mein Vater hatte mir nach meiner Krankheit auf dem Jahrmärkte eine Pfeife mit sieben Grifflöchern, wie sie die Bärenführer gebrauchen, für ein paar Groschen gekauft. Ich blies fleißig darauf und suchte durch Schließen und Deffnen der Löcher, durch stärkerer und schwächeres Blasen die Töne zu verändern. Zufällig war die Pfeife richtig und rein men- suriert, was sie selten sind. Mein Ghr war durch den Gesang meiner Mutter, wie durch das viele Kirchen- und Schul- singen wenigstens so weit gebildet, daß ich die reinen Töne der Skala sehr wohl von den unreinen unterscheiden konnte. Der mir wohlbekannte Choral: ,,wie schön leucht't uns der Morgenstern", schließt mit einer herabsteigenden Skala, die ich oft gesungen hatte; die aufsteigende wurde mir nicht schwerer. Ich brachte beide Skalen auf meiner Pfeife hervor, und durch stärkeres Blasen um eine Gktave höher. So hatte ich also über Töne im Umfang von zwei Oktaven zu verfügen, und bas reichte aus für die meisten mir bekannten Melodien. Cs versteht sich, daß ich damals diese Betrachtungen nicht anstellte, denn ich wußte weder etwas von einer Skala, noch von einer Gktave. Die Praxis ging wie gewöhnlich der Theorie voraus. Uber in kurzer Zeit blies ich ohne weitere Unweisung nicht bloß alles, was ich singen konnte, oder von Melodien im Kopfe hatte, sondern phantasierte sogar, indem ich mir selber Melodien schuf und sie im Entstehen blies. Cs war besonders die Ubenddämmerung, in welcher ich meine Meisen erschallen ließ, hinter unserer Straße begrenzte Uckerfeld eine große Miese, die sich bis zu einer hohen Clsenallee hinzog. Um Bande dieser Miesenfläche schritt ich auf und ab und blies meine Lieder zum Ergötzen der Bewohner des vierten Teils der Stadt (denn der hohe Flageoletton der Pfeife war weithin zu hören), während rechts von mir das Gezirpe der Heuschrecken aus den Kornfeldern vereint mit dem Schlage der Machte! erschallte. Die Nachbarn sagten meinem Vater über meine Musik vieles, was ihm sehr wohl gefiel und er gern hörte. Das veranlaßte ihn, mir ein halbes Jahr später eine Flöte zu kaufen, die ihm zu billigem Preise angeboten wurde. Meine Freude war groß, aber es dauerte einige Zeit, ehe ich imstande war, einen Ton auf dem Instrumente hervorzubringen. Uls ich das endlich konnte, wurde es mir sehr schwer, die Fingerjtellung für die verschiedenen Töne aufzu- sinden und ich merkte, daß es zu weitläufig sei, alle Kombinationen zu versuchen. Nun lebte im Drte ein junger Mann, namens Krause, der als Supernumerar bei der Bkzise arbeitete und Bruder des Bkzise-Kontrolleurs war, ein stiller, ruhiger Mensch, der recht gut zeichnete und malte und auch, wie ich hörte, die Flöte blies. Er lebte sehr zurückgezogen und mied allen Umgang. Ich ging zu ihm und fragte um Rat. Cr lieh mir eine sogenannte Tabulatur, auf der die Griffe durch offene und ausgefüllte Nullen bezeichnet waren, doch ohne sie mir zu erklären. Buch waren Noten und Takteinteilungen angegeben. Ich schrieb sie mir ab, quälte mich aber einige Tage ganz unnütz damit, indem ich sie mißverstand, und horizontal las, was senkrecht genommen werden mußte. Erst als ich ihm das Blatt wieder zurückbrachte und meim Not klagte, löste er mit wenigen Morten das Mißverständnis, und nun wußte ich, woran ich war. Die Noten und Griffe waren bald gelernt, die Fertigkeit mußte erworben werden, vom Takte hatte ich bis dahin keine Vorstellung gehabt, doch faßte ich die Einteilung bald und benutzte gewissermaßen als Metronom den Perpendikelschlag unserer Uhr; allein Noten fehlten mir ganz, und einstweilen blies ich nach dem Gehör. Zufällig ergab sich, daß der alte Kürschner, von dem ich das Fragment des Orbis pietus erhalten hatte, die Flöte blies. Bn ihn wandte ich mich; er hatte aber lange nicht geblasen und suchte die einzelnen Stücke seiner Flöte mühsam zusammen. Nachdem er sie ins Masser gestellt und völlig naß gemacht hatte, ging es. Da zeigte sich jedoch, daß er nichts weiter blasen konnte, als den Dessauer Marsch, und den haben wir oft zusammen gespielt, indem ich mich bemühte, nach dem Gehöre eine zweite Stimme zu erfinden. Das war dann zwar keine eintönige, aber freilich eine sehr einförmige Musik; immerhin war es Musik. Bus einige falsche Töne durfte man dabei nicht achten; denn die erste Stimme kam nicht selten aus dem Takte und die zweite vergriff sich leicht. (Fortsetzung folgt.) Meine Mitteilungen. Nachdem die Festtage vorüber sind, nehmen die Kriegz- betstunden wieder ihren Fortgang. Die nächste Kriegsbetstunde findet Mittwoch, den 18. Bpril, abends 8 Uhr in der Iohanneskirche statt. Kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 15. Bpril. Ouasimodogeniti. Gottesdienst. In der Stadtkirche. Samstag, den 14. Bpril, nachmittags 2 Uhr: Beichte für die Konfirmanden aus der Matthäusgemeinde und deren Ungehörige. Pfarrer Mahr. Sonntag, den 15. Bpril, vormittags 97 2 Uhr: Konfirmation der Kinder aus der Matthäusgemeinde. Feier des heiligen Bbend- mahls. Pfarrer Mahr. Bbends 6 Uhr: Pfarrer Schwabe. In der Aohanneskirche. Samstag, den 14. Bpril, nachmittags 2 Uhr: Beichte für die Konfirmanden aus der Lukasgemeinde und deren Ungehörige. Pfarrer Be ch tolsHeime r. Sonntag, den 15. Bpril, vormittags 97» Uhr: Konfirmation der Kinder aus der Lukasgemeinde. Feier des heiligen Bbendmahls. Pfarrer B e ch t o l s h e i m e r. Bbends 6 Uhr: Pfarrer Busfeld. Mittwoch, den 18. Bpril, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer Bechtolsheimer. [ Ankündigungen empfehlenswerter Firmen ^ (Earl Loo- Kirchenplah 13 :: Telephon 7t Manufaktur- unb Weißwaren Herren- u. Knabenkleibe ! CARL LUDWIG LEIB j fflt M " j KUNSTHANDLUNG BILDER. | PllU|lrll EINRAHMUNGS.GESCHÄFT j Emst Uh j VERGOLDEREI kirchstr. 2 ANTIQUITÄTEN j «uüa (Italien »stmmenle silier, Ließen Iph's Kschf. Tmrptjon 671 veranlworilich: für den Tertteil Pfarrer vechtolsheimer, für den Anzeigenteil h. Deck: Druck und Verlag der Vrühl'schen Unwersitäts- Buch- und Sleindruckerei R. Lange, sämtlich z», Ließen.