Nr. 14. Bietzen, Sonntag Ostern, den 8. April 1917. 6. Jahrgang. Gslern. Evangelium des Lukas 24, 5. was suchet ihr den Lebendigen bei den Toten? Die Menschen, die ohne Gsterglauben sind und der Lotschaft, daß es ein ewiges Leben gibt, ein kurzes Nein entgegenstellen, haben es, wie es auf den ersten blick scheint, sehr leicht mit ihrer Beweisführung und brauchen weder viel Zeit noch viele Worte, um ihre Ansicht zu begründen. Erde wird Erde, mit seinem Kbsterben sinkt jedes Wesen zurück in das Nichts, die moderne Astronomie hat keinen Kaum mehr für einen Himmel im Zinne der Gläubigen gelassen, darum ist eine beherzigenswerte Maxime das Wort, das in den 70er Jahren an dem Portale des Friedhofes einer berliner freireligiösen Gemeinde geschrieben stand: „Macht hier das Leben gut und schön, kein Jenseits gibt's, kein Wiedersehen!" bei näherem Nachdenken findet man jedoch, daß das nicht nur eine sehr trostlose Weisheit ist, sondern auch eine Weisheit, die dem eingehenden Denken nicht standhält. Die Menschen, die nicht den Glauben an eine ewige Welt haben, werden, wenn die Jugendzeit mit ihrer Freude und die Zeit der noch aufstrebenden Kraft vorbei ist, leicht von lähmender Mutlosigkeit befallen. Klles ist eitel, das ist der Inhalt ihrer Lebenserfahrung. Das Leben gleitet an ihnen vorüber wie ein Schattenspiel an der wand. Dor ihnen ist es dunkel und hinter ihnen ist es dunkel. Klle Nrbeit ist ein mühsames Ningen, das für die Dauer keinen bestand hat. Nuch die Völker tauchen auf, streben empor und sinken zurück in die Nacht. Um mit Eduard von Hartmann zu reden, so wäre es das beste, wenn dieser Weltlauf sich wieder in das Nichts zurückbilden würde. Gegen diese pessimistische Weltanschauung hat sich kein Geringerer als Moltke aufgelehnt. In seinen hinterlassenen Papieren fanden sich die Sätze: „Unmöglich kann dieses Crdenleben ein letzter Zweck sein. Eine höhere Bestimmung müssen wir haben, als etwa den Kreislauf dieses traurigen Daseins immer wieder zu erneuern. Sollen die uns rings umgebenden Nätsel sich niemals klären, an deren Lösung die besten der Menschheit ihr Leben hindurch geforscht haben? wozu die tausend Fäden von Liebe und Freundschaft, die uns mit Gegenwart und Vergangenheit verbinden, wenn es keine Zukunft gibt, wenn alles mit dem Tode aus ist?" - Jesu Auferstehung, sein Sieg über Welt und Tod ist die sicherste Garantie für das Vorhandensein einer Welt, die mit irdischen Sinnen nicht zu erfassen ist. Man darf seine Auferstehung freilich nicht isolieren, sondern muß stets sein ganzes Leben zur Beweisführung heranziehen. Jesu ganzes wirken, feine Worte, seine Persönlichkeit verbürgen uns, daß es einen lebendigen, persönlichen Gott gibt, der die Liebe ist und der mit dem Menschen, der seine Hand erfaßt, sich in inniger Gemeinschaft verbinden will. Unfaßbar aber ist, daß dieser Gott die Menschen, denen er so Großes zuwendet, nur zu kurzem Lintagsdasein geschaffen habe, die notwendige Folge dieser Erwägung ist vielmehr, daß die Verbindung, die Gott mit ihnen eingeht, in einem höheren Dasein, über dessen Art wir freilich! nichts genaues wissen, das aber ungeahnte Entwicklungsmöglichkeiten in sich birgt, fortbesteht. Dieser Gedanke vermag auch Trost an den Gräbern zu geben. Ohne die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung mit unseren Lieben, die uns der Tod geraubt hat, wären wir die ärmsten Geschöpfe unter dem Himmel. Tausendfach kommt diese Hoffnung auf den Grabinschriften, vor allem der deutschen Friedhöfe, zur Geltung. Auf einem Soldatengrabe, das auf der höhe des Spicherer Berges liegt, steht die Inschrift: „hier ruht bei seinen treuen Kameraden unser vielgeliebter Sohn, bruder und Neffe Johann Peter Pütz von Biebelhausen, Kreis Saarburg, Gefreiter bei der 9. Kompagnie hohenzollernschen Füsilierregiments Nr. 40. Er starb hier den Heldentod am 6. Nuguft 1870. Sanft ruhe seine hülle in der Totenstille und wartend einer fröhlichen Auf- erstehung am jüngsten Tage." Diese schlichte Inschrift gibt davon Kund?, daß eine innere Stimme vielen in unserem Volke sagt, daß es ein ewiges Leben und ein Wiedersehen nach dem Tode gibt. Nicht aber von einem Theologen oder einem strenggläubigen Manne aus dem Volke, sondern von Schiller, der mehr in der Kantischen Philosophie und im klassischen Altertume wurzelte als in der geoffenbarten Ne- ligion, rührt das Wort her: „Und was die innere Stimme spricht, das täuscht die hoffende Seele nicht." h.b. — 54 — Zu Zwinglis Gedächtnis. Das Jubeljahr der Reformation lenkt die Blicke aller, der Freunde wie der Gegner, auf diesen Markstein in der europäischen Religions- und Geistesgeschichte. Ruch der Nebensonne Luthers, des Schweizer Reformators Zwingli, gedenkt man wieder mit Dankbarkeit und Bewunderung. Gr, der nur wenige Monate jünger war als Luther er war am 1. Januar 1484 zu Wildhaus bei Toggenburg geboren war doch im wesentlichen von Luther abhängig, als er sich von der katholischen Rirche trennte, auch ist sein Wirkungskreis ein viel kleinerer geblieben. Rber sein Name wird für immer mit der Reformation der Schweiz verbunden bleiben und gibt der Schweizerischen Reformation sein von der deutschen stark abweichendes Gepräge. Rls er heranwuchs, stand die Eidgenossenschaft nach den Rriegen des ausgehenden 15. Jahrhunderts auf Oer höhe ihrer Macht und war, wenn auch nicht dem Buchstaben, so doch den Tatsachen nach, frei und unabhängig von Raiser und Reich geworden: schon das sicherte auch der Reformations-Bewegung in der Schweiz im Unterschied zur deutschen, die im ständigen Gegensatz zur Reichsgewalt ihren Weg suchen mußte, eine eigene Bahn zu. Noch mehr aber macht sich in ihr das geltend, daß die innere Entwicklung Zwinglis so durchaus verschieden war von den schweren Rümpfen, die Luther im Rloster um seine heilz- gewißheit auszufechten hatte. Zein Weg auf den Schulen zu Weesen, Basel und Bern und auf der Wiener Hochschule ging durch den Humanismus. Er blieb wie sein Meister Erasmus bei allem Tadel, allem Spott gegen kirchliche Mißbräuche doch innerhalb der Rirche. Zwingli hat als Pfarrer in Glarus und Einsiedeln den Solddienst der Schweizer im Rusland und das damit verbundene Pensions-Unwesen auf das schärfste bekämpft, ja er und seine Freunde wandten sich in Wort und Schrift in einer Weise gegen den Rrieg überhaupt, die stark an die heutige Friedensbewegung erinnert. Rls sich Zwingli 1518 in Einsiedeln gegen den Rblaß- prediger Samson wandte, ja wenn er einige kirchliche Neuerungen einführte, so war er doch noch kein Reformator zu nennen. Den Rampf gegen den Rblaß-Unfug führte er im Einverständnis mit seinen kirchlichen Dbern. Er bezog vom Papste ein Iahrgeld, stand mit hohen geistlichen Würdenträgern, insbesondere mit dem Rardinal Matthäus Schinner in freundschaftlichem Verkehr. Erst unter dem starken Einfluß der Schriften Luthers, die er seit 1519 zu lesen begann, auch wohl unter den Eindrücken einer langen Rrankheit, hat sich in ihm die Wandlung vollzogen, die ihn zum Bruch mit der alten Rirche und mit seinem bisherigen Meister Erasmus trieb. Mit dem Verständnis, das ihm Luther eröffnet hatte, erkannte er die Unausführbarkeit des göttlichen Gesetzes für unsere natürliche, menschliche Schwachheit und warf sich in die Rrme der in Thristo geoffenbarten Gnade Gottes, die erst durch den Glauben dem erneuerten Menschen Rraft und Freudigkeit zum Tun des Willen Gottes schenkt. Schritt für Schritt ging er weiter und begann mit dem Rbbruch des bisherigen Rirchenwesens und dem Neubau der Züricher Landeskirche. Der Zerstörung der Bilder, der Rbschaffung der Blesse, der Rufhebung der Rlöster, der Verdrängung des Rirchen- gesanges und der Grgel entsprach eine völlige Neuordnung des Gottesdienstes. Er führte die Priesterehe ein und verheiratete sich 1522 mit Rnna Reinhard. Zwingli übertrug alle Rechte des bisherigen Rirchen- regiments auf den Staat. Er unterschied stets scharf zwischen der Gerechtigkeit von Gott, die nur durch die gläubige Zuversicht auf die Gnade zu erlangen ist, und der armseligen äußeren Menschengerechtigkeit, die aufrecht zu erhalten die Sache des Staates sei. Zwinglis Rbweichung von Luthers Rnschauung in der Rbendmahlsfrage, die zur Spaltung des Protestantismus führte, wird verständlich, wenn wir ins Rüge fassen, daß es sich beim Marburger Gespräch 1529 durchaus nicht bloß um eine verschiedene Ruslegung der Einsetzungs-Worte handelte, sondern um eine in der Rrt und inneren Entwicklung Luthers und Zwinglis begründete Verschiedenheit der religiösen Welt dieser beiden Männer. Zwinglis Glaube an Gottes Rllwirksamkeit trieb ihn in die großzügige Politik seiner letzten Jahre und damit in sein tragisches Ende auf dem Schlachtfeld zu Rappel. Die feste Zuversicht auf die sich im ganzen Leben, auch in seinen dunkelsten Wegen auswirkendc Macht Gottes, die Zwinglis Frömmigkeit besonders kennzeichnet, hat gerade für unsere Zeit mit ihren großen Nöten ihre Bedeutung. Bilder aus dem hessischen vorsleden. von R. L—nn. * (Fortsetzung.) 3n diese Reihe darf wohl auch der Zinngießer gerechnet werden, der von Grt zu Grt zog, vor irgend einem Hoftor seine Werkstatt aufschlug und arbeitete. Die Leute aus dem Dorfe brachten ihm ihre Zinnteller und andere Geräte, aus dem er Söffet fertigte. Rus meiner frühesten Kindheit erinnere ich mich noch, daß man in vielen Häusern von Zinntellern aß, später kamen allgemein die Porzellanteller auf. Ruch die Scherenschleifer und Bürstenbinder zogen von Grt zu Grt. Die Bürstenbinder müssen früher keinen guten Ruf gehabt haben,' denn wenn jemand durch seine Zungenfertigkeit berüchtigt war, so sagte man: Cr hat ein Mundwerk wie ein Bürstenbinder. Ruch hieß es: Er hat ein Mundwerk wie ein Zigeuner oder wie ein Schwert. Ferner sagte man: Er trinkt wie ein Bürstenbinder. Zahlreich waren die fahrenden Leute, die mit dem Wohnwagen anrückten und vor dem Dorfe ihr Lager aufschlugen. Zu ihnen gehörten die Siebmacher. Sie zogen durch das Dorf und fragten nach Rrbeit, unterdessen wurde neben dem Wagen ein Feuer angezündet, und der rußige Ressel, in dem die Mahlzeit gekocht wurde, über das Feuer gehängt. Geschirrkrämer und Rrugbäcker aus dem Westerwalde waren auch oft gesehene Gäste. Rber auch aus der Nachbarschaft kamen die Handelsleute, die meisten davon waren jüdischer Konfession. Sie handelten mit Ellenwaren, Getreide und Vieh. Rlle wurden mit irgend einem hebräischen Namen genannt, der mit ihrem eigentlichen Familiennamen nichts zu tun hatte. So hieß einer von ihnen kurzweg ,,der Kalme", und weil er klein von Gestalt und sehr mager war, nannte man ihn ,,das Ralmche". Einst stellte der dicke Schmied M. auf der Ge- rneindcwage das Gewicht des Ralmche fest. Er soll mit dem Ellenmaß das gab er nicht aus der Hand 86 Pfund gewogen haben. Der „Stzik" verkaufte Land, Zwirn und Knöpfe und schlug sich mühsam durch das Leben. Er trug seinen pack mit untergelegtem Ellenmaß auf der Schulter. Große Eile hatte er bei seinen Geschäften gerade nicht, er war in allen Häusern bekannt und wußte viel von der Nachbarschaft zu erzählen. Da er witzig war, so hörte man ihm gern zu, besonders seine eigenen Stammesgenossen und ihre Eigentümlickkeiten schilderte der Itzik in witziger Redeweise. — 55 Cr war ein starker Tabakraucher, dabei hatte er die Schwäche, daß er seine Pfeife gern aus anderer Leute Tabaksbeutel stopfte. Jeden Freitag kam er in mein Elternhaus. Mitten im Gespräch ging er, als ob sich das von selbst verstünde, an den Tisch, wo mein Vater seinen Tabak aufzubewahren pflegte, und stopfte, ohne dazu aufgefordert zu sein, seine Pfeife. Vas dauerte so lange, bis mein kleiner, damals vierjähriger Bruder ihm dies Vergnügen verdarb. Cr fragte jeden Morgen: „was ist heute für ein Tag?" und wenn es hieß: ,,es ist Freitag", so ging er hin und versteckte des Vaters Tabak, und der Itzik mußte seine pfeife kalt rauchen. Itzik war übrigens ein guter Familienvater und Ehemann, wie das die jüdischen Männer meist sind. Man wird selten unter ihnen einen Trinker finden. Die Frau des Handelsmannes war alt und hinfällig, ba tat der Mann allein die Hausarbeit. Tagsüber ging er mit seinem pack, angetan mit dem blauen Kittel, durch die Dörfer, abends besorgte er das Hauswesen, kochte und wusch die Zimmer auf. Gb er gerade diese Arbeit mit besonderer Gründlichkeit ausgeführt hat, wollen wir dahingestellt sein lassen. Cr lebte streng nach dem jüdischen Ritualgesetze, aß also nur, was ,,koscher" war. Nur während seiner Soldatenzeit er hatte als hessischer Soldat 1849 den Feldzug gegen die badische Revolution mitgemacht hat er gegessen, was ,,treife" war, was aber für Kriegszeiten nach dem jüdischen Gesetze erlaubt ist. (Fortsetzung folgt.» Aus der Jugendzeit eines deutschen Mannes. (Fortsetzung.» Im Sommer war der greise Kantor Schuster gestorben. Zu Michaelis wurde seine Stelle wieder besetzt durch einen Kandidaten der Theologie, namens pax, einen Mann, dem ich viel verdanke und der in meinem Leben eine wichtige Holle spielt. Cs war ein kleiner, korpulenter Mann mit rundem Gesicht und empfehlendem Reußeren. vis dahin hatte er als Hauslehrer auf einem adligen Gute fungiert und sich dort, wie es so oft geschieht, mit der Kammerjungfer in ein Liebesverhältnis eingelassen. Dies hatte sichtbare Folgen gehabt und der Mann war dadurch um jede Aussicht gebracht, eine Pfarre zu erhalten, so daß ihm kaum etwas anderes übrig blieb, als die sehr schlechte Rektorstelle in Märkisch- Friedland, mit der zugleich die Grganistenstelle verbunden war,, zu übernehmen. Sein Kind, ein Mädchen, hatte er bei einem befreundeten Landprediger untergebracht. Die Mutter war im Wochenbette gestorben und wurde von ihm innig betrauert. pax war ein Mann von Kenntnissen, die sich freilich meist nur in den Grenzen des theologischen Wissens hielten; auch spielte er ziemlich gut Klavier. Das Schulhaus war ein plumper, massiver Steinkasten; unten befand sich die Schulstube, oben im zweiten Geschoß die Wohnung des Vektors. Cs gab nur eine Klasse, in welcher Knaben und Mädchen beisammen saßen, und die Lehrgegenstände waren auch hier die uns schon bekannten: Religion und Katechismus, vibellesen, Schreiben und Rechnen. Ich war dem Rektor durch meinen Vater sogleich zugeführt worden und erhielt außer dem gewöhnlichen Unterrichte nebst einigen anderen Schülern noch Privatunterricht im Lateinischen, der sehr wohlfeil war. Die Rektorstelle war so überaus dürftig dotiert, daß auch ein einzelner Mann von ihr nicht leben konnte, wie allgemein zugestanden wurde. Deshalb entschlossen sich mehrere Honoratioren der Stadt: Kreisrichter, Bürgermeister, Rkzise- Cinnehmer und Inspektor, dem Rektor der Reihe nach wöchentlich einen Freitisch zu gewähren; nur so konnte er, ohne zu hungern, existieren. Dies war sehr wohl gemeint, wurde auch von pax recht dankbar angenommen, führte aber doch für beide Teile so viel Unbequemes mit sich, daß es nach einiger Zeit aufgegeben werden mußte. Eine Rufwartefrau kam des Morgens eine Stunde lang, um dem Rektor das Frühstück zu bereiten, das Bett zu machen und die Zimmer zu reinigen. Rlles übrige, was er sonst noch bedurfte, mußte er sich selber besorgen, oder, was am gewöhnlichsten geschah, darauf verzichten. Gar bald gewann ich das Wohlwollen des Rektors. Schon nach einigen Wochen war ich Primus der Schule und bin es von da ab immer geblieben. Cs war doch ein anderes Lernen bei ihm als bei meinen bisherigen Lehrern. Cr erklärte, verdeutlichte, ließ Rnwendungen machen, wies die Ursachen und Gründe nach, soweit wir sie verstehen konnten, kurz, er weckte das Nachdenken und bildete den verstand, indem er auf Einsicht drang. Davon war bisher nicht die Rede gewesen. Rektor pax besaß eine kleine Büchersammlung, und gern lieh er mir daraus, was ihm für mich passend schien. Zuerst erhielt ich hoffmanns „Unterricht von natürlichen Dingen". Dies Buch gefiel mir außerordentlich, und ich ruhte nicht eher, als bis ich jeden Satz begriffen zu haben glaubte. Die Leichtigkeit, mit der mir das glückte, freute mich nicht bloß, sondern prickelte auch meine Eitelkeit. Ich schrieb an den Rektor und bat ihn, mir zu erlauben, daß ich mir den Rb- schnitt des Buchs, der von der Bewegung der Crde handelte, abschreiben dürfe. Cs war kindisch; denn es war ja nicht verboten, und hielt ich es dafür, so hätte eine mündliche Frage die Sache auch erledigt. Ich kam mir aber ziemlich bedeutend aor, als ich in einer wissenschaftlichen Rngelegenheit an einen Rektor schrieb. Demnächst kam Rasfs „Naturgeschichte" an die Reihe. Die Methode, von den Tieren selbst ihre Geschichte erzählen zu hören, kam mir zwar seltsam vor, mein großer Respekt vor allem Gedruckten hielt mich jedoch fern von jedem Tadel. Cin Rutor zu sein, schien mir etwas so überaus großes, daß ich mir nichts mehr wünschte, als einen Mann zu sehen, der ein Buch hätte drucken lassen. Cr trat meiner Rnsicht nach damit ganz aus dem Kreise der übrigen Menschheit heraus und gehörte einer höheren Gattung an. Unser geistlicher Inspektor kam mir viel ehrwürdiger vor, seit er durch die Zeitungen einen Rufruf zur Unterstützung für die Rbgebrannten in Friedland hatte ergehen und drucken lassen, und dennoch war dies noch lange kein Buch. Die Kupfer aus Raffs Naturgeschichte zeichnete ich mir möglichst treu ab und malte sie nach den Beschreibungen aus, wodurch sie freilich nichts gewannen, doch haben sie mich lange beschäftigt. hierauf erhielt ich Martinets „Katechismus der Natur", aus dem holländischen übersetzt von Cbert, 4 Bände mit Kupfern. Das Buch enthält Gespräche eines Geistlichen mit seinem Zöglinge auf Spaziergängen über alle diejenigen Naturerscheinungen in Wald und Flur, welche sich den Rügen darbieten, ungefähr in dem Sinne wie herveps „Betrachtungen über die Herrlichkeit der Schöpfung", welche ich später las. Martinet faßt die Natur vom religiösen Standpunkte auf und zitiert eine Menge von Bibelsprüchen, die er oft sehr schön verwendet, und er weiß, trotz einer gewissen Breite und Redseligkeit, zu erwärmen und zu interessieren. Das Buch gewährte meiner Phantasie einen weiten Spielraum, erklärte mir sehr vieles, machte mir anderes deutlicher, lehrte mich noch Unbekanntes und hat viel in mir gewirkt. Ich habe es — 56 — mehrmals., und zu verschiedenen Zeiten gelesen, zum Teil auf dem Friedhöfe unter einem Fliedergebüsch, die Beine in eine verfallene Grube hinabhängend. Buch einen Teil seiner Abbildungen habe ich nachgezeichnet, wenn ich jetzt noch diese Kupfertafeln ansehe, erregen sie in mir Empfindungen, die ich nicht in Worte fassen kann. Es ist, als ab mir die, Geister meiner abgeschiedenen Lieben verhallende warte aus der Ferne zuriefen. (Fortsetzung folgt.) Kleine Mitteilungen. Hm Palmsonntag wurde dahier auf dem neuen Friedhofe unter großer Beteiligung der langjährige Kirchendiener Christoph Wagenbach zu Grabe getragen. Er hat ein Hlter von 67 Jahren erreicht und ist am 29. März aus dem Leben geschieden. Geboren zu Hlten-Buseck, wurde er im Jahre 1870 Solbat in dem damaligen, zu Friedberg garnisonieren- den 1. hessischen Jägerbataillon, kam aber nicht mehr hinaus in das Feld, da der Krieg rasch zu Ende war. Frühzeitig kam er nach Gießen und war lange Jahre als Platzmeister in der Brauerei am Leihgesterner weg tätig. Nach der Erbauung der Johanneskirche im Jahre 1893 wurde für jede der beiden Kirchen ein Kirchendiener angestellt, Wagenbach kam an die Btadtkirche, er stand somit, da er erst am 1. Dezember des vorigen Jahres in den Nuhestand trat, 23 Jahre im Dienste unserer Kirchengemeinde. Wagenbach war ein ungemein fleißiger, strebsamer Mann, der seinen Dienst mit aller Treue tat und sehr zuverlässig war. Er war von einem gewinnenden und freundlichen Wesen und mit gutem Grunde bei jedermann beliebt. Bein Gesundheitszustand ließ schon seit mehreren Jahren zu wünschen übrig,' da es während des Krieges schwer war, für ihn Ersatz zu schaffen, so konnte seine Versetzung in den Ruhestand erst in diesem Winter erfolgen. Die evangelische Kirchengemeinde Gießen wird ihrem treuen Beamten ein ehrendes Gedächtnis bewahren. Mrchliche Anzeigen. Bo nn tag, den 8. Hpril. I.Gsterfeiertag. Kollekte zur Erhöhung des Kapitalvermögens der Kirche. Gottesdienst. )n der Btadtkirche. vormittags 9Vs Uhr: Pfarrer Mahr, vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Matthäus- und Markusgemeinde gemeinsam. Hbends 6 Uhr: Beichte für die Konfirmanden aus der Markus- und Militärgemeinde und deren Ungehörige. Pfarrer Bchwabe. — Montag, den 9. Hpril, 2. Dsterfeiertag, vormittags 9Vs Uhr: Konfirmation der Kinder aus der Markus- und Militärgemeinde. Feier des heiligen Hbendmahls. Pfarrer Bchwabe. Nachmittags 3 Uhr: Vorstellung und Prüfung der Konfirmanden aus der Matthäusgemeinde. Pfarrer Mahr. Hbends 6 Uhr: Pfarramtskandidat Bteubing. In der Johanneskirche, vormittags 9V? Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer. Hbends 6 Uhr: Pfarrer Husfeld. - Montag, den 9. Hpril, 2. Gsterfeiertag, vormittags 9 1 / 2 Uhr: Pfarrer Husfeld. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Johannesgemeinde. Pfarrer Husfeld. Nachmittags 2 Uhr: Vorstellung und Prüfung der Konfirmanden aus der Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer. » * vibettränzchen für Schüler höherer Lehranstalten. Je- den Mittwoch von 6—7 Uhr für die jünger« Hbteilung. Jeden Bamrtag von 6—7 Uhr für die ältere Hbteilung. vibettränzchen für Mädchen aus der Johannergemeinde. Jeden Dienstag von 6—7 Uhr. 5Ü1TENÖEWEHH PFLANZT AUF ! SO LAUTET DAS SI6NAL-WENN DRAUSSEN VOR DE* FEIND DER LETZTE STUR*ANGRIFF BEVORSTEHT-BLITZSCHNELL FLIEGEN DIE BLANKEN EISEN AUS DER/IsCHEIDE UND FIEBERHAFT WARTET JEDER AUF DA5/ / KO**ANDO J MMWMM!/ Imm U* AMT DONNERNDE* HURRA Den/ /GEGNER I* HAND GErtENGE ZU WERFEN 'AUCH IHR l*/ / ' /LANDE DIE IHR BIS HER IN RUHE EURE* GEWERBE/' / / NACHGEHEN KONNTET »TRETET ZU*/ . /ENDKA*PF AN I JEDEN PFENNIG / /HERAUS] SO LAUTET DASj ! 7NCHNET KRIEGSANLEIHE? DAS KO**ANDO • U* DRAUSSCN IN OST UND IN DER LUFT NEUE DEN FEINDEN ZU FINANZIELL NICKT UNSRE KÄMPFER Uli. SIE GESCHWOREN/^' HEIT I-"N FÜR* UND li iRl, UNSREN BRÜDERN DA WEST-AUF DER SEE UND KRAFT ZU VERLEIHEN UND ZEIGEN-DASS WIR AUCH NI EDER ZU RIN 6 EN SIND- GEBEN-GETREU DE* EID DEN FREUDIG LEBEN UND GESUND EUCH « EURE ZUKUNFT- IHR SOLLT JA GARNICHTS OPFERN NICHT LEBEN «.GESUNDHEIT-NICHT GELD o GUT-NUR EURE PFLICHT ^SOLLT IHR TUN DE* VATERLAND .«.DENEN GEGENÜBER DIE FÜR EUCH DEN FRIEDEN ERKÄ*PFEN ' DRU*: - g .irnrN pfennki heraus! »^ZEICHNET ItniDaANlfint' CIN FCLDORAUCR C Ankündign ingen empfehlenswerter Firmen } Carl Loos Rirchenplatz 13 :: Telephon 7S7 Mä Manufaktur- §p und Weißwaren Herren- u. Knabenkleider Heinrich Noll usburg Nr. 7 Telephon Nr. 202 ezial-Geschäft für Bureaubedarf - Schreibmaschinen Papierhandlung, Buchbinderei, Gesangbücher. Moderne Kunstarbeiten. Photographieohe Apparate und Zubehöre E.Stöver, Gießen Seltrrsweg 16 Uhren, Gold- u. 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