Gemeinüeblatt süröie evangelische Kirchengemeinöe Gieszew Nr. 13. Gießen, Sonntag Palmarum, den 1. April 1917. 6. Jahrgang. Bußtag. von Generalsuperintendent DjKlingemann = Loblenz. Evangelium des Lukas 17, 5. Die flpojtel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben! von einer grundlegenden inneren Erneuerung, von einer Medergeburt unseres Volkes haben viele geträumt, als mit den lvogen der ersten gewaltigen vaterländischen Begeisterung auch die Anzeichen einer religiösen Vertiefung einhergingen. Ls fehlten nicht die Stimmen, die den Gedanken der Buße, der Büßpredigt von sich wiesen,' das tue einem Volke nicht not, das in Ernst und Beinheit seiner großen Aufgaben bewußt vor seinem Gott stehe. Die Ernüchterung ist gekommen, als mit der Dauer des Krieges das Alltagsleben wieder in sein Becht trat, als neben der Entfaltung von Kraft und Größe auch das Gemeine und Widerwärtige aufs neue in die Erscheinung trat. Und mit der Zeit mehren sich die stimmen, die der Enttäuschung darüber Ausdruck geben, daß die große Erschütterung doch kein neues Leben, keinen vertieften Glauben gebracht habe. Wiedergeburt — das hätte man sich von vornherein sagen können — ist freilich ein auf des Volkes Gesamtleben nicht anzuwendender Begriff,' sittliche Erneuerung eines ganzen Geschlechtes kann auch unter dem Eindruck gewaltiger Ereignisse nicht wie ein nach bestimmten Gesetzen meßbarer Vorgang sich vollziehen. Und wo es um Glauben sich handelt, versagt vollends jeder an sichtbares Geschehen gebundene Maßstab, wir werden im Urteil über die innersten Gestaltungen unserer Zeit Geduld üben müssen, und je weniger wir auf den ernsten Auf zur Buße, zur Sinnesänderung verzichten können, desto mehr kommt es auch auf besonnenes Urteil an über die Größe und Kraft, die unsres Volkes Seele in schweren Tagen betätigt hat. Wer sollte nicht in einer Zeit, wo wir so gern unser ganzes Volk auf der höhe gemeinsamer Aufgaben sähen, mit besonderem Schmerz über all die Schäden klagen, die schwerer noch und verhängnisvoller als die vom Krieg geschlagenen wunden am Marke seiner Kraft nagen? Ls ist und bleibt eine furchtbare Tatsache, daß weite Kreise aus der Gleichgültigkeit nicht aufzurütteln sind, daß neben dem Opfermut der Eigennutz, daß neben der Beinheit die Zuchtlosigkeit, daß neben der Lntsagungsfreudigkeit die gemeine Genußsucht in solchen Tagen einhergehen kann. Aber das wäre falsche Auslegung und Anwendung des Bußgedankens, wenn wir auf Klage und Anklage uns beschränken wollten. Die rechte Büßpredigt, die mit der Möglichkeit der Erneuerung, der Sinnesänderung rechnet, muß auf den Ton der Hoffnung gestimmt sein. Sie ist aus dem Glauben geboren und hat den Glauben zum Ziel, sie kündet den Gott der Gnade, sie weiß von der Erlösung zu sagen, die durch Jesus Ehristus den Herrn geschehen ist. So wollen wir an dem Tag, der uns mit unsrem ganzen Volk zur Einkehr gesetzt ist, auch für die großen, herrlichen Erscheinungen unserer Zeit ein offenes Auge haben, was unser Volk draußen im Streit und daheim geleistet hat, wäre nicht denkbar gewesen ohne die Kraft vorhandenen und der neuen Entfaltung und Vertiefung fähigen Glaubens. Noch vermögen wir nicht zu ermessen, was unsre Streiter an innerem Gut aus dem harten Bingen mit heimbringen werden. Aber die Empfänglichkeit der in schier übermenschlichen Kämpfen und Entbehrungen erprobten Männer für das wort vom Glauben, für die Frohbotschaft vom heil ist uns tausendfach bezeugt, und in den Zügen unserer aus dem Feld zu kurzer Bast heimkehrenden Jungmannschaft erkennen wir bei aller Fröhlichkeit den heiligen Ernst der durch gewaltiges Erleben gezeitigten Beife. Daß wir Daheimgebliebenen unsrer Streiter und ihres für uns gebrachten großen Opfers uns wert erweisen, daß wir, wenn die große Stunde ihrer Heimkehr schlagen wird, ihnen den rechten Empfang bereiten, daß unsres Lebens Läuterung ihrer Bewährung entspreche, daß unser vertiefter Glaube für ihre Fragen und Erfahrungen Antwort und Widerhall zu geben vermöge, das ist unsre große Aufgabe. Und aller gro^n Zeitaufgaben Lösung draußen und daheim liegt in vertieftem Glauben. Ts wird wohl in unsren Tagen von neuem Glauben in dem Sinne geredet, als müsse ein nach Inhalt und Form völlig neuer Glaube- sich gestalten. Des Glaubens Formen, die Art seiner Darbietung, unsrer Wortverkündigung, mögen wohl dem Wechsel unterworfen sein. Aber der in Jesus Ehristus, in seinem Evangelium und seinem heilswerk uns gegebene Inhalt des Glaubens bedarf — 50 keiner Veränderung. Nur auf die rechte Hebung des vorhandenen Zchatzes kommt es an. Die Wege der Einzelerfahrung sind mannigfaltig, aber der Weg zum Vater ist Jesus Christus allein. Und wenn viel gepriesener neuer Glaube den Anfechtungen einer langen, harten Zeit nicht Ztich gehalten hat, so dürfen doch die alle, die im Ernst des Glaubens die Not und die Größe dieser Zeit erlebt haben, von irgend welcher Vertiefung des Glaubens reden. Wir haben in des Glaubens Kraft neu beten gelernt, ernster, inniger, selbstloser als zuvor. Und wo unser Gebet mit den unsagbar schweren Fragen und Dunkelheiten dieser schweren Zeit ringt, lernen wir für uns und andre, für unser ganzes Volk in neuer Weise hoffen. Es kann nicht sein, daß solche Heimsuchung Gottes an uns verloren gehe. So klingt unser Denken und Zehnen an unsres Volkes gemeinsamem Buß- und Bettag in die Bitte aus: Herr, stärke uns den Glauben! Vas Vaterhaus. Uecht bewegt war ich kürzlich beim Lesen einzelner Berichte von fernen Kampfstätten, zum Teil aus Briefen an Ungehörige daheim,' in allen, so verschieden sie auch waren, zog sich ein Grundgedanke hindurch: die große, oft unausgesprochene, aber fühlbare Zehnsucht nach der Heimat! Ich sagte mir: wie viel muß das allen denen zu denken geben, die das lesen! Und doch sollte das eigentlich niemanden in Erstaunen zu setzen vermögen, daß ein jeder in der Fremde sich nach dem Grt zurücksehnt, in dem sein Vaterhaus steht, wo alle die aus- und eingehen, die ihm von Kindheit an vertraut sind, mit denen ungezählte Erinnerungen ihn verbinden. Wie viele hatten wohl schon vergessen, dieses Vaterhauses zu gedenken, bis der furchtbare Krieg sie aus dem zerstreuenden Leben herausriß und die Gedanken an Heimat und Vaterhaus neu erweckte! Das Leben, das Zehnen, das sich in den meistens so verwirrenden Reußerlichkeiten bewegte, drängte wieder zurück zu den ersten Lebenseindrücken,' so kam es wohl, daß trotz des Zturmgebrauses der ersten Kriegswochen in der Zeele so vieler wohl eine innere Stille entstand, in welcher der Gedanke an das Vaterhaus treu gehegt wurde, Licht und Kraft spendend. Und nun sage ich mir: sind wir alle nicht in der gleichen Lage? haben wir uns nicht auch von dem Wege zum Vaterhause abbringen lassen, haben wir denn noch die Zehnsucht darnach in unserm Herzen? Wir wissen es doch, oder sollten es wissen, daß hier auf Erden nicht unsere wahre Heimat ist, daß ein Vaterhaus unser wartet, wenn wir dereinst abgerufen werden, ein Vaterhaus, in dem kein Leid, keine Tränen mehr sein werden, aber eine unaussprechliche Herrlichkeit. Laßt uns nichts versäumen, damit wir einst eingehen können „ins große, freie, schöne Vaterhaus". Wenn nach der Erde Leid, Rrbeit und Pein Ich in die goldenen Gassen zieh' ein, Wird nur das Zchau'n meines Heilands allein Grund meiner Freude und Rnbetung^sein. Das wird allein Herrlichkeit sein, Wenn frei von Weh Ich sein Ungesicht seh'. Baronin R. Die Uinderkirche in Giehen. von ITT arte Gisevius. (Schluß,) Die Kinderkirche hat verschiedene Male Renderungen erfahren. Im Zommer 1888 fand das Lutherfestspiel in der Ztadtkirche statt. Während dieser Zeit wurde die Kinderkirche in der Friedhofskapelle gehalten. Im November 1893 wurde die Johanneskirche eingeweiht, die Kinder der Lukas- und Johannesgemeinde fiedelten dorthin über, es fand für die Kinder jeder Gemeinde getrennter Gottesdienst in der Johanneskirche statt. Die Kinder der beiden anderen Gemeinden blieben während der nächsten 4 Jahre unter der gemeinsamen Leitung von Herrn Pfarrer Zchlosser und Herrn Pfarrer Di*. Grein vereinigt. Erst als von Judika 1897 bis zum 30. Januar 1898 die Renovation der Ztadtkirche stattfand, vollzog sich auch hier die Trennung des Kindergottesdienstes für die beiden Gemeinden. In dieser Zeit wurde der Kinder - gottesdienst in die Gemeindesäle in der Kirchstraße verlegt. Die Mädchen wurden oben unterrichtet, die Knaben unten. Zum Zchluß vereinigten die Pfarrer die Gruppen im oberen Zaal zu einer Unsprache, Gebet und Gesang. Die Kinderkirche konnte für jede Gemeinde nicht mehr sonntäglich, sondern nur alle 14 Tage gehalten werden. Die Matthäusgemeinde hatte das Vorrecht, den warmherzigen Gründer des Kindergottesdienstes bis zu seinem Uusscheiden, Gstern 1815, als Leiter zu behalten. Die Einrichtungen für die Kindergottesdienste wurden in den einzelnen Gemeinden verschieden gehandhabt. Die Vorbereitung gehört mit zum Wichtigsten der ganzen Einrichtung und soll auch dazu helfen, aus dem Kreis der Helfer und Helferinnen verständnisvolle Mitarbeiter für die Gemeindearbeit überhaupt zu erziehen. Die Vorbereitung wurde anfänglich im naturwissenschaftlichen Zaal des Gymnasiums, dann teils im Pfarrhaus, teils in der Zakristei, später in den einzelnen Gemeindesälen gehalten. Bei der Liturgie, die wesentlich das gleiche geblieben ist, wurden früher statt des Zündenbekenntnisses auch die 10 Gebote oder die Zeligpreisvngen gesprochen und das Glaubensbekenntnis gesungen oder gesprochen. Das letztere ist jetzt in einigen Gemeinden fortgefallen. Neben den regelmäßigen Kindergottesdiensten wurden noch verschiedene andere Feiern veranstaltet. Rlljährlich um die Weihnachtszeit wird eine Weihnachtsfeier abgehalten, hierfür hat Fräulein Luise Ferber, die jetzige Frau Pfarrer Wagner in Darmstadt, ein schönes Transparent gemalt, welches jetzt in der Matthäus-und Markusgemeinde verwendet wird. Bei brennendem Ehristbaum werden abwechselnd vom Pfarrer und den Kindern biblische Zprüche vorgetragen, dazwischen singen die Kinder Weihnachtslieder, nach einer darauffolgenden Rnsprache des Pfarrers werden Bücher und Bilder an die Kinder verteilt. Einmal im Zommer machen die zur Kinderkirche vereinigten Kinder einen Rusflug in die Umgebung der Ztadt, meist in den Philosophenwald. „Das erstemal," so berichtet über diesen Zparziergang Herr Pfarrer Zchlosser, „zogen wir auf den Trieb. Dorthin war ein Milchwagen und Körbe mit Kirschen bestellt und es entwickelte sich ein fröhliches Treiben beim Spiel und beim Lagern in Gruppen. Das zweitemal brach ein schwerer Regen herein. Wir flüchteten uns davor in die Kleinkinderschale, wo die Kinder bei Gesang, Erzählung und Bretzeln sehr vergnügt waren,' als dann doch die Zonne wieder hervorbrach, machten wir uns zum Trieb auf. — 51 Aehnlich ist es noch das eine oder andere Mal gegangen. Meist aber ließ der liebe Gott seine Sonne scheinen. Allmählich gewann das Fest seine feststehenden formen, Spiele in dem Philosophenwald, dann Kaffee im Saal und daran anschließend Gesang, Ansprache, Rätselraten mit Bretzeln als Belohnung. Jedesmal war es ein großer Jubel." Außerdem führten die Helferinnen ihre kleine Gruppe mindestens einmal im Jahr, zur Kirschenzeit, spazieren. Ls wurde gewünscht, daß die Helferinnen Hausbesuche bei ihren Gruppen machen sollten. Fräulein Agnes Simon, welche die Gründungszeit der Kinderkirche mit erlebte, berichtet darüber: „Diese Besuche waren eigentlich das Schönste und Anregendste, man lernte auf ganz natürliche Weise das Leben und Treiben mancher Leute kennen und Einblicke in ihre Verhältnisse tun, und sah, wo und wie man helfen durfte." Neben der großen Schar von Helferinnen wirkten sehr im Legen auch viele Helfer, unter anderem Oberbibliothekar Dr. Heuser, der spätere Pfarrer in Baltimore Julius hoff- mann, der Pfarrer Andreds in Großkarben, der verstorbene Pfarrer Hofmann in Winnerod, Pfarrer Weinberger in Lardenbach, Oberlehrer Prof. Matthes und Oberlehrer Prof. Knoll, beide in Darmstadt, Pfarrer Zinn in Pfungstadt, Pfarrer Rudolf Schlosser in Chemnitz, Oberlehrer Hans Schlosser, gefallen 1914. Professor Köstlin, damals in Friedberg, hat wiederholt bezeugt, welchen guten Einfluß der Kinderkirche er bei seinen Kandidaten beobachtet habe. So hat die Kinderkirche in Gießen während der 34 Jahre ihres Bestehens viel Segen gestiftet an Groß und Klein. Möge Gott seinen Segen auch weiter auf dieser Arbeit ruhen lassen! vilder aus dem hessischen Vorsieben. von A. L— NN. (Fortsetzung.) Sch erwähnte schon, daß mein Geburtsort nicht an der Eisenbahn lag. von der Kreisstadt war er zwei und eine halbe Stunde entfernt, eine andere, bedeutendere Stadt lag noch näher, immerhin doch so weit entfernt, daß ein regelmäßiger oder gar täglicher Verkehr nach dieser Stadt nicht möglich war. Die Einwohner waren daher darauf angewiesen, ihre Einkäufe im Dorfe selbst zu machen. Es gab am Grte drei Spezereigeschäfte. Eins davon war in Wahrheit ein modernes Warenhaus; denn es gab in ihm alles zu kaufen, das man nur nötig hatte: Schippenstiele, Senf, Essig, Schuhwichse, Gelkuchen für das Vieh und Heringe für die Menschen. Die beiden anderen Geschäfte waren unbedeutend, ihre Inhaber trieben nebenher noch ein Handwerk. Größere Einkäufe mußten in den Städten gemacht werden. vielfach aber hatten es die Einwohner ganz leicht mit ihren Anschaffungen,' denn von weither kamen die Geschäftsreisenden, um ihre Artikel abzusetzen. Sch erinnere mich an einen unter diesen, der auf einem stattlichen Pferde von Grt zu Ort ritt. Lebhaft erregte es mein Interesse, als er eines Tages, von meinem Elternhause wegreitend, seinem Pferde einige Stücke Zucker zum verzehren gab. Das war mir damals neu, daß attd? die Pferde den Zucker liebten. Ueber-, Haupt wurde in der alten Zeit das Reitpferd viel mehr gebraucht als in der Gegenwart, da fast jedes Dorf von einer Nebenbahn erreicht wird, heute reiten eigentlich nur noch die Offiziere, damals ritten besonders auch die Aerzte, die große Landpraxis hatten, und in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts bedienten sich auch die Pfarrer vielfach des Reitpferdes, um am Sonntag zu ihren Filialgemein- den zu gelangen. Sch kenne ein hessisches Pfarrhaus, das neben der Haustür einen eisernen Ring aufweist. Sn meiner Kindheit sagten die Leute: „An diesen Ring hat der Pfarrer Böhme seinen Gaul gebunden." Einige Geschäftsreisende kamen mit dem Wagen, die meisten kamen zu Fuß, viele trugen selbst ihren schweren Musterkoffer von der Bahnstation nach den Ortschaften. Einige von ihnen kamen Jahr für Jahr und waren so bekannt, als ob sie im Dorf heimatberechtigt wären. Das galt namentlich von einem Schuhwarenhändler aus Pirmasens. Sn den ersten Jahren kam er mit der Kiepe auf dem Rücken, dann hatte er sich zu Pferden und Wagen aufgeschwungen und führte einen Fuhrknecht mit sich, schließlich kam er gar nicht mehr, er soll Fabrikant geworden sein. Immer wußte er von seinen Fahrten allerhand Interessantes zu erzählen, wobei Wahrheit und Dichtung sich ineinander mengten, die Dichtung soll aber bei weitem überwogen haben. Alljährlich, wenn ich nicht irre, im Winter, erschien die „Samenfrau", einen anderen Namen trug sie nicht. Sie war aus Württemberg und trug ihren Zwerchsack, in den verschiedene Arten von Sämereien gepackt waren, von Grt zu Grt. Man mußte über die Körperkraft der zart aussehenden Frau staunen. Sm vergleich zu den Stadtbewohnern von heute hatten damals die meisten Menschen doch ein sehr mühseliges Leben. Die Bürstenhändler brachten ihre Waren gleichfalls in der Kiepe. Alljährlich im Frühjahr erschien das „Wichsmännchen" und das „Wichsfrauchen", ein Ehepaar, das mit Schuhwichse handelte. Den Kindern sehr erwünscht waren die Lebkuchenhändlerinnen, die kurz vor Weihnachten erschienen und außer den Lebkuchen auch allerhand bunt gefärbtes Konfekt absetzten, das zur Schmückung des Ehristbaumes bestimmt war und nach dem Feste von den Kindern, die sich daran gründlich den Magen verdarben, gegessen wurde. (Fortsetzung folgt.) Aus der Jugendzeit eines deutschen Mannes. (Fortsetzung.) Sch ging zu dem Bocher täglich einige Stunden ins Haus und erhielt den Unterricht gemeinschaftlich mit einigen jüdischen Kindern beiderlei Geschlechts, hier lernte ich die Regel- detri und den Anfang der Rechnung mit Brüchen, aber nur mechanisch. Besonders war dem Lehrer aufgegeben, Briefschaften und Stilübungen mit mir vorzunehmen. Sch habe aber nichts anderes geschrieben, als Wechselschemata aller Art, die mir ganz unverständlich blieben, obgleich ich seine Erklärungen auswendig lernte. Der Unterricht im Briefstil bestand darin, daß der Bocher uns monatlich einen Brief diktierte, den wir nachher ins Reine schreiben mußten. Sch habe überhaupt nur zwei geschrieben, der letzte war ein Brief, der einen Vater über den Verlust seines Kindes trösten sollte und der mir übermäßig geschraubt vorkam. Die lieben Engelein spielen darin eine Hauptrolle und übernahmen das ganze Geschäft der Tröstung. Sn den Schreibstunden mußte ich eine ganz andere Handschrift zu erlernen suchen, als diejenige, an welche ich bisher gewöhnt war, und doch war diese offenbar die bessere. Daneben aber erlernte ich auch mit den übrigen Schülern zugleich die jüdisch-rabbinische Schrift, die von der hebräischen sehr abweicht, obgleich sie dieselben Buchstaben- Namen Aleph, Beth oder Beis, Gimel, Daleth usw. hat. tttan schreibt und buchstabiert jüdisch-deutsch von der Rechten zur — 52 Linkenes fordert Uebung, diese Zchrift fertig und sicher zu lesen und zu schreiben, doch gelang es mir bald. Ich sollte auch noch wöchentlich eine Stunde geographischen Unterricht erhalten, denn nach diesem sehnte ich mich sehr. Da aber kein anderer Liebhaber zu demselben weiter vorhanden war, so erhielt ich ihn allein, ohne daß die übrigen Schüler gegen-, wartig waren. Er bestand nur darin, daß der Lehrer mir den ersten Teil von der ältesten Rusgabe von Büschings Geographie in die !)ände gab, aus welcher ich laut vorlesen mußte, während er sich neben mir halbnackt vollständig wusch, rasierte, kämmte, seine Kleider ausbürstete und zum Sabbat vorbereitete. Dabei sprach er kein Wort, berichtigte nichts, nicht einmal die Russprache der Namen, die ich alle deutsch las, wußte meine Fragen nicht zu beantworten, besaß keine Karte, und wenn die Stunde aus war, nahm er mir das Luch aus der Hand, klappte es zu sagte: über acht Tage weiter. Der Unterricht war zwar wohlfeil, aber er kostete doch mehr, als er wert war. Ich habe ihn daher nur einige Monate benutzt. Für meinen Vater wurde ein neues Dienstgebäude erbaut unfern unserer bisherigen Wohnung. Ts arbeitete daran ein Tischlergeselle, der ein manierlicher Mensch war, mir wohlgefiel und an den ich mich anschloß. Ich hatte Lust, mitzuarbeiten, und da er eben am Behobeln von Dielen war, unterwies er mich, wie ich dabei zu verfahren hätte. Ich habe mit dem Schrupp- wie mit dem Schlichthobel gearbeitet ; aber nach wenigen Tagen war die haut vom Zeigefinger der rechten Hand, wo er am Hobeleisen liegt, herunter, und ich fand es für geraten, aufzuhören, weil ich nicht willens war, das hobeln so lange fortzusetzen, bis sich^ wie es geschehen muß, eine Schwiele gebildet hätte, von jenem jungen Gesellen erhielt ich den ersten und dritten Teil von Hübners Geographie geschenkt, ein altes Buch, das mir aber nützlicher wurde, als die geographischen Lehrstunden des Bochers. (Fortsetzung folgt.) Kleine Mitteilungen. von vielen unseren Kirchenbesuchern wird darüber geklagt, daß unsere Gottesdienste durch das husten der Kinder so sehr gestört werden, daß es oft schwer ist, dem Gang der predigt zu folgen. Ts ist in der Tat kaum glaublich, in welcher Meise schlecht erzogene und unaufmerksame Kinder im Gottesdienste darauf los husten, welchen häßlichen Eindruck macht dieses husten, wenn es genau in dem Augenblicke erfolgt, wenn der Geistliche am Rltar d-as Sündenbekenntnis oder den Gnadenspruch spricht. Witterung und Kohlenmangel bringen in diesem Winter ja mancherlei Erkältungen mit sich, man kann aber ruhig behaupten, daß das überlaute husten in der Kirche eine schlechte Lebensgewohnheit ist. wer sich absolut nicht in der Gewalt hat, tut besser, dem Gottesdienste fernzubleiben,- denn der unausgesetzt hustende hat von dem Gottesdienste nicht nur selbst keinen Segen, er bringt auch andere um die stille Sammlung und Erbauung, die sie im Gotteshause zu finden hofften. kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 1. Rpril. Palmarum. Landes-Buß- und Bettag. Kollekte für hilfsbedürftige evangelische Gemeinden in Hessen mit überwiegend katholischer Bevölkerung. Gottesdienst. In der Stadtkirche, vormittags 97 2 Uhr: Pfarrer Schwabe, vormittags l 1 Uhr: Militärgottesdienst. Beichte und Feier des heiligen Rbendmahls. Pfarrer Schwabe. Nachmittags 2 Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde. Pfarrer Schwabe. Rbends 6 Uhr: Pfarrer Mahr. Gründonnerstag, 5. Rpril, vormittags 9V* Uhr: Prüfung und Vorstellung der Konfirmanden aus der Markus- und Militärgemeinde. Pfarrer Schwabe. Rbends 6 Uhr: Pfarrer Mahr. Beichte und Feier des heiligen Rbendmahls für die Matthäus- und Markusgemeinde. Rnmeldungen werden vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. — Karfreitag, 6. Rpril. Kollekte für die evangel. Rnstalten im heiligen Land, vormittags 97 2 Uhr: Pfarrer Schwabe. Beichte und Feier des heiligen Rbendmahls für die Matthäus- und Markusgemeinde. Rnmeldungen werden vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten, vormittags 11 74 Uhr: Kinderkirche für die Matthäus- und Markusgemeinde gemeinsam. Rbends 6 Uhr: Geistliche Musikaufführung. In der Johanneskirche. vormittags 97s Uhr: Pfarrer Rusfeld. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Johannesgemeinde. Pfarrer R u s f e l d. Rbends 6 Fhr: Pfarrer Bechtolsheimer. Beichte und Feier des heiligen Rbend- mahls für die Lukas- und Johannesgemeinde. Rnmeldungen werden vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. - Gründonnerstag, 5. Rpril, abends 7 3 A Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. Beichte und Feier des heiligen Rbendmahls für die Lukas- und Johannesgemeinde. Rnmeldungen werden vorher bei dem Pfarrer jeder «Gemeinde erbeten. — Karfeitag, 6. Rpril, vormittags 97 2 Uhr: Pfarrer Rusfeld. Beichte und Feier des heiligen Rbendmahls für die Lukas- und Johannesgemeinde. Rnmeldungen werden vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten, vormittags 11 1 ,/ 4 Uhr: Kinderkirche für Johannesgemeinde. Rbends 6 Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. £ Ankündigungen empfehlenswerter Firmen ] Carl Loo- Kirchenplatz 13 :: Telephon 78 Manufaktur- und Weißwaren Herren- u. Knabenkleide ! CARL LUDWIG LEIB 17 KUNSTHANDLUNG BILDER» EINRAHMUNGS-GESCHÄFT j VERGOLDEREI kirchstr. 2 ANTIQUITÄTEN r : ] ßlWkslien | miufifijjltumentt ! frnft Ifjallitr, Biegen l Kudolph's^achf. r flfurnrorg 9 Lklkphan 871 verantwortlich: für den Textteil Pfarrer Lechtolsheimer, für den Anzeigenteil h. Leck; Druck und Verlag der Brühl'schen Univerfitäts- Vuch- und Sleindruckcrei R. Lange, sämtlich zu ließen.