Wichen, Sonntag Iudika, den 25. März 1917. 6. Jahrgang. ttriegswucher. Brief des Apostels Paulus an Timotheus 6,9. Die da reich werden wollen, die fallen in Versuchung und Stricke und viel törichter und schädlicher Lüste, welche versenken die Menschen ins verderben und Verdammnis. Cs geht ein böser Geist durch unser Land, es gibt etwas, das legt sich, gleich wie Nachtfrost sich auf die Maienblüte legt, auf die Seele unseres schwer kämpfenden, unerhörte Opfer bringenden Volkes. Vas ist der schändliche Kriegs- wucher, der jetzt getrieben wird. Unzählige deutsche Männer liegen seit Jahr und Tag im Schützengraben, marschieren über das Bergland Numäniens und durch, die weite, sandige Ebene Rußlands, fahren auf den Tauchbooten durch das Weltmeer, schirmen die Heimat mit starkem Rrm, lassen den Feind nicht durch. Verweil geht zu Hause das Geschäft zurück, der Betrieb wird lahmgelegt, es fehlt jede Unstellungsmöglichkeit, Frauen, Rinder und alte Leute müssen den Ucker bauen, das ersparte Kapital wird langsam verzehrt, während solche, in der Geschichte nie erhörte Opfer gebracht werden, benützen in der Heimat viele die Gelegenheit, um sich Rechte zu erobern, die sie früher nicht hatten, ihren Besitzstand zu befestigen und, was das verhängnisvollste ist, sich die Taschen zu füllen. Man wird dem ehrlich arbeitenden und ringenden Geschäftsmanne seinen Gewinn gönnen und wird es doch zugleich auf das äußerste verurteilen, daß jetzt mit schlechten Mitteln die Preise künstlich Hochgetrieben werden, so daß dadurch eine Teuerung entsteht, die viele zum Varben zwingt und der Verarmung preisgibt. So viele wissen jetzt nicht, wohin sie mit ihrem Gelde sollen; in Großstädten soll immer noch Luxus getrieben werden, große Summen gibt man dort für Schmucksachen und andere Nichtigkeiten aus, und so viele schauen bekümmert in die Zukunft, von der sie nur wissen, daß sie ihnen schwere Nahrungssorgen bringen wird. Ver Kriegswucher eröffnet uns höchst unerfreuliche Rus- sichten. Nach dem Kriege wird es eine Menge von Leuten geben, die gewissermaßen über Nacht reich geworden sind. Draußen auf den Schauplätzen des Kampfes Grab an Grab, in der Heimat Kriegsverletzte auf weg und Steg, trauernde Witwen und vaterlose Kinder in den Häusern, und die durch den Kriegswucher Reichgewordenen wohnen in eleganten Häusern, umgeben sich mit allen Rnnehmlichkeiten des Lebens. Vas wollten wir ihnen gern gönnen. Rber sie werden durch ihr Geld auch Einfluß auf das öffentliche Leben gewinnen. Vas ist einmal so: Geld regiert die Welt. Es werden die, die durch Kriegsgewinn reich geworden sind, in die kommunalen und staatlichen Körperschaften gewählt werden, sie werden - eine Ironie des Schicksals ! — in den vereinen eine Rolle spielen, die sich dem volkswohle widmen, und werden fleißigen Familienvätern, ehrlich arbeitenden und bescheidenen Menschen Vorschriften machen. Zum Tonangeben wird ihnen aber das beste fehlen: die Bildung des Geistes und des Herzens, vor allem die Gottesfurcht. Ich las dieser Tage die Erzählung „Vie Poggenpuhls" von Theodor Fontane. Da schildert der gereifte Seelenkenner das Leben einer Gffiziers- witwe mit ihren drei Töchtern. Der Vater ist bei Gravelotte gefallen, er hat sein Leben auch dafür hingegeben, daß viele im neuerstarkten deutschen Vaterland gewinnbringende Geschäfte treiben können, seine Hinterbliebenen schlagen sich junter großen Entbehrungen durch, seine Kinder müssen auf alle Lebensfreuden verzichten. wir zweifeln nicht daran, daß unsere Regierenden tun, was sie können, um dem Kriegswucher zu Leibe zu gehen. Diesem schleichenden Uebel gegenüber versagt jedoch alle äußere Gewalt, von innen her muß die Besserung kommen. Gewinn, der auf unredliche Rrt zusammengebracht wird, verleiht kein wahres Glück. Paulus sagt, daß die, die da reich werden wollen, in Versuchung und Stricke und viel törichter Und schädlicher Lüste fallen, und daß Habgier in das verderben 'und die Verdammnis führt. Unter der Verdammnis versteht der Rpostel hier die ewige Verdammnis, und im Briefe an die Epheser sagt er: ,,Das sollt ihr wissen, daß ckein Geiziger, welcher ist ein Götzendiener, Erbe hat in dem Reiche Ehristi und Gottes." h. B. Die ttinderkirche in Eichen. von Marie Gisevius. Hmll. Februar feierte die Kinderkirche in Gießen ihren Geburtstag. Seit 34 Jahren erfreuen sich die Kinder unserer Stadt des für sie eingerichteten Gottesdienstes, vie Rnregung zu diesem Gottesdienste liegt allerdings noch um einige Jahre zurück. In Rmerika und England waren schon seit dem Jahr 1780 die sogenannten „Sonntagsschulen" eingerichtet worden. Da fühlte der Rmerikaner Woodruff die Forderung — 46 — Gottes, auch auf dem europäischen Festlands für die Zonn- tagsschulsache zu werben. Er kam nach Deutschland, und es gelang ihm in Heidelberg, den deutschen Kaufmann Bröckel- mann zu begeistern. Mit diesem zusammen reiste er während der Jahre 1863—64 durch Deutschland und hielt überall Versammlungen ab, in denen er von der Notwendigkeit der Einrichtung von Zonntagsschulen sprach. Er kam auch nach Gießen, und es gelang ihm hier, einige Damen für seine Bestrebungen zu gewinnen. 3n der damals noch benutzten Hospitalkirche im Zeltersweg wurde „Zonntagsschule" gehalten. Es beteiligten sich daran die beiden Töchter des Superintendenten 5imon, Fräulein Uhrich und einige andere. Leider hatte die Zache keinen Bestand. Zie stieß auf den widerstand des Volkes, wie hauptsächlich der Lehrerschaft, die es beanstandeten, daß pädagogisch nicht gebildete Damen als Ke- ligionslehrerinnen auftraten. HIs ihr Wortführer veröffent- lichte vor allem der tüchtige und ehrenwerte Lehrer Philipp Jung scharfe Artikel gegen diesen Unfug im ,,Gießener Anzeiger". Die damaligen Pfarrer wagten nicht, für die Zache einzutreten. Zo wichen die verlassenen Damen zurück. Kur eine derselben konnte die Zache nicht aufgeben und sammelte die Kinder jeden Zonntag in ihrer Wohnung, wo sie mit ihnen sang und ihnen in schlichter weise vom Heiland erzählte. Leider wurde auch sie gezwungen, ihre Hrbeit aufzugeben, öa der haß des Volkes über dieses „Muckertum" zu groß war. 5o stand die Ungelegenheit, als Pfarrer Zchlosser als junger Geistlicher im Jahre 1873 nach Gießen kam. Bröckel- mann besuchte ihn oft und drängte darauf, er solle eine Zonn- tagsschule ins Leben rufen. „Zo warm ich mich dafür interessierte," schreibt hierzu Herr Geh. Kirchenrat v. Zchlosser, „so hielt ich es doch nicht für richtig, eine solche einschneidende Neuerung zu beginnen, so lange ich nicht in Gießen fest angestellt war, und nachdem das im Jahre 1877 erfolgt war, drängten sich mir zunächst so viele andere Kufgaben auf, daß ich nicht dazu kam. Erst als im Jahre 1882 Pfarrer Dingel- dey als Pfarrer der neubegründeten 3. Pfarrei einrückte, waren Kaum und Zeit dafür geschaffen. Inzwischen hatten sich auch meine Gedanken über diese Einrichtung geklärt. Zum großen Kummer des Herrn Bröckelmann hatte ich mich innerlich immer mehr davon überzeugt, daß die in England aus dem Mangel einer allgemeinen Volksschule erwachsene Zonntagsschule in Deutschland mit seinen guten Volksschulen und ihrem Keligionsunterricht keinerlei Berechtigung habe, während allerdings die Einrichtung besonderer Gottesdienste für Kinder einem wirklichen Bedürfnisse entspräche. Daraus erwuchs mir der Entschluß, aus diesen Kindergottesdiensten alles fern zu halten, was an schulmäßigen Betrieb erinnerte, unter anderem jegliche systematische Kontrolle des Besuches häusliche Kufgaben, Kuszeichnungen u. dergl., und ihnen durchaus den gottesdienstlichen Charakter zu wahren. Kuch die Kusgabe der Helfer und Helferinnen, um das gleich vorweg zu nehmen, sollte sich danach bestimmen. Nicht Lehrer M Lehrerinnen sollten sie sein, nicht Gehilfen oder gar Konkurrenten der Zchule, sondern Gehilfen des Elternhauses. Vater- und Mutteramt sollten sie üben, wenn sie die Kinder lehrten. Dabei sollte jeder nach seiner Eigenart frei walten. Einfach erzählen sollte der dürfen, der daran Lust habe, predigen und ermahnen, der, dem das mehr lag, katechisieren, wer dazu Geschick hatte. Für diese Gedanken gewann ich die Kollegen, und sie willigten ein, die „Kinderkirche" neu zu beginnen, wobei sie allerdings wünschten, daß ich sie ganz übernähme. Der Käme „Kinderkirche" anstatt des steifen „Kindergottesdienst" war mir aus einer Erzählung Kocholls in seinem „Ehristophorus" erwachsen. Darin schildert er so anmutig, wie Kinder in der Lüneburger Heide sich ein Kreuz machen und davor Kinderkirche halten." Die Kinderkirche begann am 11. Februar 1883 mit tausend Kindern, 8 Helfern und 26 Helferinnen. Pfarrer Zchlosser fährt fort: „Klles war wohl vorbereitet, im „Kn- zeiger" war dafür geworben, und "nun öffneten wir 'um 11 Uhr die Kirchentüren unserer alten Ztadtkirche, voller Erwartung, war werden würde, und siehe, es strömten von allen Zeiten aus allen Gassen die Kinder, Buben und Mädchen, kleine und große, meist in Trüpplein und Häuflein. Das Zchiff der Kirche füllte sich bald bis zum letzten Platz. Ls war keine kleine Kufgabe, Ordnung und Ztille in dies Getümmel zu bringen. Uber es gelang. Eine ziemlich große 5char von Helfern und Helferinnen stand bereit. Die Helfer waren zumeist Ztudenten. Kn ihnen hat es in den ersten 10 Jahren nie-, gefehlt. Unter den Helferinnen waren in der ersten Zeit immer viele gereiftere Persönlichkeiten, u. a. die beiden Schwestern Zimon, von denen die jüngere, die jetzt noch in Bielefeld lebende „Tante Kgnes" auch den Gr- ganistendienst übernahm. Denn zunächst war die Kinderkirche dem Kirchenvorstand gegenüber noch ein durchaus privates Unternehmen. Die Kirche war wohl dafür bewilligt worden, aber Mittel wurden nicht dafür hergegeben, und ohne Vergütung konnte natürlich auch der Organist nicht in Knspruch genommen werden. „Tante Kgnes" hatte ihren Platz deshalb unter der Orgel, zu der damals noch die Treppe direkt von dem Zchiff herauf führte. Es war ein recht beschwerlicher Dienst, immer von ihren Knaben zur Orgel und von da wieder herunter. Zie hat ihn aber mit großer Freude und viel Humor geführt. Etwas dünn war freilich ihre Grgelbeglei- tung, da sie das Pedal nicht spielen konnte, aber es ging doch und es half, auch bei jenem ersten Gottesdienst alsbald Kühe und gottesdienstliche Stimmung zu schaffen, was an Mitteln nötig war, lieferte zunächst Herr Bröckelmann durch wiederholte Beiträge. Davon waren zunächst Gesangbücher bescha,ft worden, damals das „Leipziger Kindergesangbuch", an dessen Stelle später das viel reichhaltigere „Deutsche Kindergesangbuch" trat. Kuch wurde von den Damen manches gesammelt, vor allem für die Weihnachtsfeier, bei der von Knfang an jedes Kind ein Büchlein geschenkt bekam. Kls nach dem Tode des Organisten Schmidt Herr Görlach das Grganistenamt übernahm, wurde es erreicht, daß ihm das Orgelspiel in der Kinderkirche einfach als Dienstverpflichtung zugewiesen wurde, womit die Knerkennung der Kinderkirche als einer festen Gemeindeeinrichtung glücklich vollzogen war." (Fortsetzung folgt.) Bilder aur dem hessischen vorfleben. von K. L — NN. (Fortsetzung.) 3n meiner Kindheit wurden alle verstorbenen noch nach dem Friedhofe getragen, ein Leichenwagen wurde erst viel später auf Gemeindekosten angeschafft. Dieses Ereignis interessierte einen kleinen Jungen aus meinem Bekanntenkreise so sehr, daß er zu seiner Mutter sagte: „Nicht wahr, Mutter, wenn du stirbst und auf den Friedhof gefahren wirst, dann darf ich neben dem Fuhrmann auf dem Bocke sitzen. 3n der früheren Zeit wurden die Särge nicht auf Bahren, sondern an henken, die rechts und links befestigt waren, hinausgetragen. Es war alte Sitte, daß die Kach- barsleute den Toten nach seiner letzten Behausung trugen. Damit die Träger unterwegs einmal ausruhen konnten, trugen zwei Knaben, von denen der eine vor dem Zarge, der — 47 andere hinter dem Zarge ging, Stühle, auf die die Träger ihre Last niedersetzen konnten, wie fern liegt mir nun diese alte Zeit und dieser eigentümliche Grtsbrauch, aber wie stolz war ich, als ich ungefähr in meinem elften Lebensjahre zu diesem Dienst bei dem Bbleben einer alten Frau aus der Nachbarschaft herangezogen wurde, es war das mein erstes öffentliches Buftreten. Es war üblich, daß am Leichenimse auch die Träger, natürlich auch die beiden stuhltragenden Knaben, teilnahmen. Ich ging nicht hin, aber am nächsten Tage sandte mir die Familie für mein Mühewalten eine ansehnliche und wahrlich nicht unwillkommene Menge Streuselkuchen. Bnders machte es in einem gleichen Falle mein Bruder. Die trauernde Familie hatte vergessen, ihn und seinen mitstuhltragenden Altersgenossen einzuladen. Da kamen die beiden überein, mein Bruder solle mit möglichst harmloser Miene in das Trauerhaus gehen und fragen, ob niemand seinen Kollegen gesehen habe,- diese List hatte den erwünschten Erfolg. Zand ein Begräbnis statt, so herrschte im Dorfe feierliche Stille. Die Straßen, durch die der Leichenzug sich bewegte, wurden zuvor gekehrt, wenn der Pfarrer angekommen war, so wurden ihm und den Trägern kleine Sträuße Rosmarin oder Lorbeer überreicht, dann ging der Zug bei vollem Glockenklang aus der hofreite. Eine Stunde und eine halbe Stunde zuvor hatte man schon mit einer Glocke die „Zeichen" geläutet. Schweigend gingen Männer und Frauen im Zuge einher, niemand sprach ein Wort. Bber auch niemand, der nicht sonntäglich angezogen war, zeigte sich auf der SKaße, kaum, daß jemand verstohlen hinter der Gardine hervorlugte. Etwa entgegenkommende Fuhrwerke hielten an, die Fuhrleute traten zu ihren Pferden und nahmen die Kopfbedeckung ab. war es möglich, so wich man mit dem Fuhrwerk noch in eine andere Straße aus. wer einmal beobachtet hat, wie es in Städten ^und großen Landgemeinden bei Leichenzügen von seiten der Entgegenkommenden so unfeierlich zugeht, der wird das Dorf mit seiner Stille und Pietät preisen. Buch auf dem Friedhofe meiner Dorfheimat herrschte tiefe Stille. Niemand hätte es gewagt, im Werk tag sgewande den Ruheplatz der Toten zu betreten. In den Städten sind die Friedhöfe fast zu Marktplätzen geworden. Menschen mit schlechten Lebensgewohnheiten unterhalten sich miteinander in schreiendem Tone, laufen gerade in den Leichenzug hinein und drängen sich in ungezügelter Neugier vor. Leider gilt das oft von dem Geschlechte, bei dem man nach Goethes Wort? anfragen soll, wenn man erfahren will, was sich ziemt. Dabei halten viele Stadtbewohner die ländliche Bevölkerung für dumfir und ungesittet. (Fortsetzung folgt.) Au§ der Jugendzeit eines deutschen Mannes. (Fortsetzung.) Bis zu meiner Krankheit waren Phantasie und Gedächtnis die einzigen Fähigkeiten gewesen, welche einigermaßen hervortraten. Mit den Masern änderte sich das, indem sich zugleich diese Bnlagen steigerten. In den ersten Wochen nach der Krankheit durfte ich auch nicht lesen oder die Bugen anstrengen. Das machte Mir Langeweile, und ich bat meine Mutter, mir so bald als möglich ein Buch zu geben. Dies überraschte sie, denn meist hatte ich mich zum Lesen treiben lassen. Sie hatte sich Eampe's Robinson Erusoe zu verschaffen gewußt und übergab ihn mir. Mit wahrem Heißhunger fiel ich über ihn her. Nie hatte ein Buch eine solche Wirkung auf mich gemacht. Jede Szene stellte sich mir plastisch dar, ich schwebte in Entzücken und beneidete die darin auftretenden Kinder um einen solchen Erzieher, und bald wurden sie mir so befreundet, als wären sie meine Geschwister. Besonders Fritz wurde mein Liebling. Blle Erklärungen verschlang ich förmlich und eignete sie mir auf das Genaueste an, um so mehr, als mir diese Brt von Belehrung völlig neu war,- denn außer der mütterlichen hatte ich ja niemals eine Erklärung erhalten. Die in den Gesprächen vorkommenden Lehren der Sittlichkeit, des Verhaltens gegen das Lernen und gegen die Menschen, kurz jede Maxime, prägte ich mir um so tiefer in das Herz, als ich ihre Wahrheit und Bngemessenheit im Innersten fühlte. Mir ging eine ganz neue Welt auf, ich hätte jede Szene bis ins Kleinste malen können - ich lebte mit Robinson, empfand mit ihm, er wurde mein anderes Selbst. Das war mir noch nicht begegnet! von einer Meeresgegend, von einem Schiffe, einer tropischen Landschaft hatte ich bis dahin sehr unklare Vorstellungen gehabt. Jetzt war es mir, als hätte ich darin gelebt- Welt-, Menschen- und Sachkenntnis hatten einen großen Zuwachs erhalten. Bber wie herrlich, wie rein und edel erschien mir immer wiederholt das Bild einer solchen Erziehungsanstalt in einer Familie, wie der Eampe'schen, in der die Zöglinge so wißbegierig waren und so verständig fragten, Eltern und Hausfreunde so gern und so schön belehrten und alle Mittel der Belehrung bei der Hand waren. Mir erschien dies jugendliche Leben so ganz anders, als das meinige! Ich hatte keine Vorstellung eines solchen höheren Daseins gehabt und ward nun erst inne, wie viel mir fehlte, welch eine edle Form das Familienleben, wie der Unterricht, gewinnen könne. Es war ein Blitzstrahl, der in eine dunkle Uacht fiel, aber sein Schein blendete nicht, er erleuchtete und hat mein ganzes Leben durchleuchtet. Ich konnte mich gar nicht von dem Buche trennen, und ehe ich es ausgelesen hatte, jammerte ich schon, daß ich das Ende erreichen würde. Es kam, und es war mir, als sollte ich nun von allen den mir so lieb gewordenen Personen und Gestalten scheiden. Das konnte ich nicht über das Herz bringen - ich fing sofort von vorn an. Der Beiz des Neuen war zwar dahin, aber nicht die Freude an allem Schönen und Guten, und diese ist mehr wert, als der flüchtige Neiz der Neuheit. Erfreuen wir uns doch am Dufte der Nose in jedem wiederkehrenden Jahre. Elfmal habe ich so das Buch hintereinander durchgelesen, ohne eine Silbe zu überspringen, und ich konnte es beinahe auswendig. Nicht ich hatte mich der darin enthaltenen Lebensregeln und Maximen, sondern sie hatten sich meiner bemächtigt - alle Erklärungen waren mir geläufig, alle Szenen gegenwärtig ; ich hatte aus jedem Worte Saft gesogen. Bußer der Bibel hatte kein Buch auf mich so mächtig gewirkt, keines mich so wesentlich gefördert und meinen Ideenkreis erweitert. Nun ging ich auch, weil mir kein anderes Buch zu Gebote stand, an den mir von meinem Gheim früher ge-, schenkten „Kurzen Inbegriff aller Wissenschaften". Es war eine Brt kleiner Encpklopädie in Fragen und Bntworten. Zu meiner Verwunderung verstand ich das Buch fast ganz und las es mit hohem Interesse. Ich bekam dadurch erst eine Uebersicht von den Hauptgegenständen des Wissens für den Menschen - ich sah, mit wie vielem der Geist zu beschäftigen war, wie ungemein wenig ich davon wußte, und brannte vor Begierde, mehr davon zu erfahren. Bchtmal wurde das Buch hintereinander durchgelesen, ohne die Repetitionen einzelner Bbschnitte zu rechnen- dann kam der Robinson wieder an die Reihe. Diese beiden Bücher Haben auf die Richtung meines Geistes den wesentlichsten Einfluß geübt. Ich gewann zlugleich die Ueberzeugung, daß es weit besser sei, zwei Bücher stationär und oft wiederholt zu lesen, als zehn flüchtig und oberflächlich, daß überhaupt der wert eines Buches für — 48 — den Menschen nicht an sich, sondern durch seine Wirkung auf den Menschen zu bestimmen ist. Line brennende wißbegierde verzehrte mich fast. Lam- pes Rat, zu lernen, was man nur irgend könne, weil man nicht wisse, wo einem das Erlernte zustatten käme, hatte einen zündenden Funken in meine Seele geworfen, und wie viel Wissenswertes sich in allen Gebieten zeige, hatte mich das zweite Buch gelehrt. Ich verschaffte mir Eampes Entdeckung von Amerika,' ich las sie mit großem Interesse und nicht ohne mannigfache Belehrung, auch wußte sich meine Phantasie die sonnebeglänzten Landschaften der bis dahin in jungfräulicher Verborgenheit belegenen Inseln sehr wohl vorzustellen,- durch die klangvollen spanischen Heiligennamen schienen mir diese Inseln eine eigene weihe zu erhalten - aber wie der Robinson fesselte mich das Buch nicht. Zum zweiten Male dürfte nicht leicht ein pädagogischer Schriftsteller einen so glücklichen Griff tun wie Lampe mit dem Robinson. Es hatte sich inzwischen nur zu deutlich herausgestellt, daß ich bei dem guten alten Kaplan nichts mehr lernen könne,- denn die zwei Dutzend lateinischer Sprichwörter konnte ich auswendig, und trotz meiner unendlichen Lust, lateinisch zu lernen, fehlte jede Gelegenheit dazu. Meine Mutter hatte mir alle Vokabeln hersagen müssen, deren sie sich noch aus der Zeit erinnerte, wo sie solche ihrem Bruder überhört hatte, Und ich memorierte sie fleißig. Selbst die Inschrift des Ordens pour le merite, die ich für Latein hielt und deutsch las, hatte ich auswendig gelernt. Endlich erborgte ich mir von einem Kürschner ein altes zerlesenes Buch ohne Anfang und Ende, von welchem ich erst später erfuhr, daß es der Orbis pietus des Rmos Lomenius war, in welchem ich einen reichen Schatz von Vokabeln fand. Ich lernte sie, doch merkte ich gar bald, daß es damit nicht genug sei. Daß ich noch eines anderen Unterrichts bedurfte, war mir und meinen Eltern klar, wo aber war er zu erhalten? Märkisch-Friedland hatte, wie erwähnt, einen gelehrten Uabbiner, unter welchem ein Seminar stand, in dem sich junge Juden zu Rabbinern und Lehrern bildeten. Liner dieser Bocher spielte den gebildeten Schöngeist, obwohl nicht in Gegenwart des Rabbiners. Lr war vorher Kaufmanns- diener in Berlin gewesen, kleidete sich anständig wie die Christen und sprach ein besseres Deutsch, als die meisten der dortigen Juden. Dieser Bocher nun hatte sich zu privatstunden erboten, und mein Vater entschloß sich, mich zu ihm gehen zu lassen; denn das muß ich ihm zu seinem Ruhme nachsagen, daß er, wenn es auf mein Lernen ankam, sich immer großherzig bewies und nicht knauserte. Ls war traurig und hat mich oft sehr betrübt, daß seine vielen guten Eigenschaften durch große Schwächen in einen so ungünstigen Schatten gestellt wurden. (Fortsetzung folgt.) Nieine Mitteilungen. Seither wurde zu unseren Gottesdiensten jedesmal eine Viertelstunde lang geläutet, in Zukunft soll nur noch zehn Minuten lang geläutet werden. * * « Für den kommenden Buß- und Bettag (Palmsonntag) hat der Großherzog folgende Texte bestimmt, für den Vormittagsgottesdienst: Psalm 25,2. Mein Gott, ich hoffe auf dich, laß mich nicht zu Schanden werden. Für den Uach- mittagsgottesdienst Römer l2,l2. Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, haltet an am Gebet. kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 25. März. Judika. In der Stadtkirche, vormittags 9 l / 2 Uhr: Pfarrer Mahr, vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeinde. Pfarrer Mahr. Rbends 6 Uhr: Pfarrer Schwabe. — Mittwoch, den 28. März, abends 8 Uhr: Passionsandacht (Kriegsbetstunde). Pfarrer Schwabe. In der Johanneskirche. Samstag, den 24. Mürz, nachmittags 2 Uhr: Beichte für die Konfirmanden aus der Johannesgemeinde und deren Ungehörige. — Sonntag, den 25. März, vormittags 97s Uhr: Konfirmation der Kinder aus der Johannesgememde. Feier des heiligen Rbendmahls. Pfarrer Rusfeld. Nachmittags 2 Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer. Rbends 6 Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. * * * Wartburg, evangel. Jünglings- und Männer-Verein, Kirchstr. 9. Sonntag, den 25. März, abends 8 Uhr: Vortrag. Gäste stets willkommen. * * * Sonntagsverein für Mädchen. Jeden Sonntag - Nachmittag Zusammenkunft, Diezstraße l5 p. Ankündigungen empfehlenswerter Firmen j Carl Loos Mrchenplatz 13 Telephon 797 Manufaktur- und Weißwaren Herren- u. Knabenkleider Heinrich Noil Mäusburg Nr. 7 Telephon Hr. 292 Spezial-Geschäft für Bureaubedarf • Schreibmaschinen Papierhandlung, Buchbinderei, Gesangbücher. Moderne Kunstarbeiten. Photographische Apparate und Zubehöre Hof-Möbel-Fabrik Th. Brück Gießen, Ecke Schloßgasse- :: Kanzleiberg-Brandplatz:: Ältestes u. größtes Möbel- Fabriklager Oberhessens Gegründet 1858 :: Mehrfach ausgezeichnet Vorhänge - Teppiche . Linoleum Spez.: Schlafzimmer-Einrichtungen mit patentamtlich gefch. Matratzen D. G. M. Nr. 420 684 85 Allgemeine Rabatt-Spar-Marken GL Stöver, Gießen Seltersweg 16 Uhren, Gold- u. Silberwaren Hestecke Reparaturen in eigener Werkstatt prompt und billig 1 CARL LUDWIG LEIB ! 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