Äonntagsgrusz Gemeinöeblatt smöie evangelisch Kircben gemeinde Gieszerr Nr. 9. Gießen, Sonntag Reminiszere, den 4. März 1917. 6. Jahrgang. Line Zriedhofswanderung. Offenbarung Johannis 7, 9. Darnach sah ich, und siehe, eine große Schar, welche niemand zählen konnte, aus allen Heiden und Völkern und Sprachen, vor dem Stuhl flehend und vor dem Lamm, angetan mit weißen Uleidern und Palmen in ihren Händen. 5o oft ich die Stabt besuche, in der ich als Schüler die bedeutungsvolle Zeit vom 12. bis zum 19. £ebensjaf)re zugebracht habe, versäume ich nicht, auch auf den Friedhof zu gehen. Zum erstenmal habe ich ihn betreten, als einer meiner Mitschüler, einige Jahre älter als ich, zu Grabe gebracht wurde. Cs war eine schöne, hoffentlich noch heute bestehende Sitte, daß die Schüler des Gymnasiums jeden Morgen vor Beginn des Unterrichts zu einer Undacht zusammenkamen. Unter hamoniumbegleitung wurde ein Lied gesungen, und unsere Lehrer wechselten miteinander mit der Verlesung eines Ubschnittes aus der Bibel ab. Diese Undacht gab dem Tag seine weihe, stärkte das Gemeinschaftsgefühl und ist eine meiner liebsten Jugenderinnerungen. Jeden Montag hielt der greise, weißhaarige Direktor die Undacht, und einerlei, ob Sommer oder Winter, er ließ immer das alte Lied des Nikolaus Decius singen „G Lamm Gottes, unschuldig". Dieses machtvolle, ergreifende Lied, das uns anmutet wie die große Holzschnittpassion Ulbrecht Dürers, muß tief in der Seele unseres alten Lehrers gelebt haben. Damals aber, als unser Freund gestorben war, ließ er nicht das passionslied, sondern den Sterbechoral „wer weiß, wie nahe mir mein Ende" an- stimmen. was er dabei für einen Bibelabschnitt verlesen hat, weiß ich nicht mehr, ich weiß aber noch, daß seine Worte UNS tief in die Seele drangen, wir waren gekommen, wie Knaben zu kommen pflegen, laut und unruhig, aber wir gingen ganz still nach unseren Klassenzimmern, viele wischten die Tränen, und am nächsten Tage standen wir still am offenen Grabe. Den Tod, den wir jetzt tausendfältig um uns sehen, haben viele von uns damals zum erstenmale gesehen, doch ohne seinen Crnst zu begreifen. Der Friedhof, an den ich hier denke, liegt westwärts von der Stadt an einer alten Landstraße, vor 30 Jahren waren die Häuser von dem Grt, da die Toten ruhen, noch eine ziemliche Strecke entfernt, heute sind Stadt und Friedhof einander sehr nahe gerückt, und Kinderstimmen und Urbeitsgeräusch dringen bis zu den Tannen, die über den Gräbern stehen und, wenn der Wind erwacht ist, leise rauschen. von den vielen Grabinschriften sind mir einige besonders bemerkenswert. Unweit des mittleren Eingangs steht das Wausoleum einer Familie, die in der Stadt einst großen Besitz hatte, jetzt aber dort nicht mehr existiert. Ein künstlerisch ausgeführtes Belief zeigt eine sterbende Mutter mit ihrem neugeborenen Kinde,' die Inschrift lautet: „hier ruht Johanna Freifrau von Recum, geb. von Gemmingen, starb den 12. Dezember 1821, 30 Jahre alt, gebärend (Dtto, den holden Erstling, ihr Ebenbild, Trost des trauernden Gatten, hier Jugend, Liebe und Treue, dort noch Schutzgeist uns beiden." Dieser Grabstein spiegelt ganz die Zeit wieder, in der er hergerichtet wurde, es war die Zeit des Vernunftglaubens in Deutschland, ein Glaube, den wir, auch wenn wir anders denken, doch nicht verachten wollen,' denn, mögen uns seine Ueußerungen auch vielfach als rührselig Vorkommen, in den Menschen jener fernen Tage waren sie echt und lief, und das darf nicht vergessen werden, daß diese Richtung des religiösen Lebens ihren Anhängern ein mächtiger Untrieb war, einen reinen, unsträflichen Wandel zu führen. Un der Stelle, wo der Bretterzaun den Grt der Toten von den Uckerfluren scheidet, steht die Germania, die den palmzweig in den Händen trägt. Sie wendet sich nach den Gräbern der im Jahre 1870/71 dort in den Lazaretten verstorbenen deutschen Krieger. Gleich in der ersten Reihe liegt ein Bonner Student, auf seinem Denkstein stehen die Worte: „Wanderer, bete für mich, liegst du dereinst im Grabe, beten andere für dich!" Offenbar war der für das Vaterland gefallene Jüngling Katholik; denn frommer Brauch der Katholiken ist es, zum Gebete für das heil der abgeschiedenen Seelen aufzufordern. Man braucht dieser Gepflogenheit nicht zu folgen und wird doch die Bitte, die man dem Toten in den Mund gelegt hat, rührend finden. Uuch einige Grabsteine, die der neueren Zeit entstammen, tragen charakteristische Inschriften. Uuf einem schlichten Steine las ich: „Ueberwunden durch das Lamm." - 34 Das ist tiefernste evangelische Frömmigkeit, Frömmigkeit von der Art, wie sie der Graf Zinzendorf in sich getragen und weiter verbreitet hat, die Frömmigkeit, die in Thristi stellvertretendem Leiden Festigkeit in den Stürmen des Lebens und Duhe angesichts der Schrecken des Todes findet. Tinen Spruch, der auf einem Grabe als Psalm 33, 18 bezeichnet ist, habe ich an der angegebenen Stelle wie überhaupt in meinen Dibelausgaben nicht finden können, er lautet: „Diele Drangsale kommen über den Gerechten, aber der Herr errettet aus allen." Der Gerechte ist in der Bibel, vorab im Alten Testamente, stets der Fromme, sicherlich in dieser Fassung ein Trostwort ohnegleichen. Aus dem Umstande, daß ich das Mort in den mir zugänglichen Dibelausgaben nicht finde, schließe ich, daß hier eine Uebersetzung zugrunde liegt, wie sie Glieder kleiner, von den großen Kirchen losgelöster Gemeinschaften, kurz „Sekten" genannt, benützen. Tiner derartigen Gemeinschaft scheint der Tote angehört zu haben. Tief endlich prägt sich auf diesem Friedhofe das Wort eines unbekannten Dichters ein: „Flüchtig rinnt der Uhrensand Und reißt uns fort ins dunkle Land, 3m ewgen Kreislauf der Natur Bist du, o Mensch, ein Sandkorn nur." Der, der unter dem Steine schläft, und der, der ihm den Stein gesetzt hat, sie waren anscheinend Menschen von freierer Geistesrichtuung. vielleicht stand ihnen die Naturwissenschaft oder die Kunst an der Stelle, wo andern die Neligion steht, aber dieses Wort in seiner knappen Prägung, in seiner eindrucksvollen Schilderung menschlicher Vergänglichkeit, ist ein demütiges und ernstes Wort und stimmt ganz zu dem Orte, wo es zu lesen ist. - - habe ich die Stadt der Toten durchwandert, so schaue ich gern noch eine Weile über den Zaun oder die Mauer nach dem Sommerland, das sich jenseits ausbreitet, nach den Felbern, von denen der Uuf des Ackersmannes erklingt, nach den mit Neben bepflanzten, sanft aufsteigenden höhen, und da ist es mir, als stünden alle fünf, deren Grabsteine mir zu denken gegeben haben, vor mir: die Frau aus altem Adel, mit ihrem Glauben an Gott, Tugend und Unsterblichkeit der rheinische Soldat, der, als er noch lebte, in den herrlichen Domen seiner Heimat und vor den Kruzifixen am Wegrande betete der evangelische Thrist mit seiner herben, strengen, triumphierenden Frömmigkeit der nachdenkliche, sinnierende Sektierer und der Mann der Neuzeit, der es verlernt hatte, seine Erbauung in den Kirchen zu suchen. Wenn diese fünf, die ich im Leben nie gekannt habe, von deren Leben ich nur weiß, was mir der Grabstein berichtet, so am Friedhofszaune mit mir nach den Feldern sehen, so muß ich an die große Schjar derer denken, die nach der Schilderuung der Offenbarung Johannis niemand zählen kann, aus allen Heiden und Völkern und Sprachen, vor dem Stuhl Gottes stehend und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und Palmen in ihren Händen. Ts fällt mir dabei auch ein, daß das christliche Glaubensbekenntnis von „einer heiligen, christlichen Kirche" spricht, der alle angehören, die hienieden zu Gott in verschiedenen Formen beten, droben aber in seinem Deiche völlig miteinander vereinigt sind. h. 8. Bilder aus dem hessischen Vorsieben. von A. L— NN. (Fortsetzung.) Das also war die soziale Zusammensetzung meiner Heimatgemeinde. Was das Winterleben betrifft, so ftanden für uns Kinder die Wintervergnügungen im Vordergründe des Interesses. Vergnügungen dieser Art gab es nicht allzu viele, es waren nur zwei: Schleifen und Schleifkastenfahren. Schlittschuhe kauften damals auf dem Lande die Litern ihren Kindern noch nicht, man begnügte sich damit, auf den Schleifen, die sich auf den Gassen gebildet hatten, pfeilschnell dahinzufliegen. Jeden Abend wurde Wasser auf die Schleifen geschüttet, damit sie am nächsten Morgen eine spiegelblanke Fläche bildeten, vor allem lief man zum Schuhmacher und ließ sich die Schuhsohlen mit einer Menge von Nägeln beschlagen. Die hauptschleise lief am Nande eines Daches entlang, der an dieser Stelle von keinem Geländer eingefaßt, dessen Nett aber mit Sandsteinen ausgemauert war. Ich wundere mich noch heute, daß die Grtsobrigkeit das duldete,' denn wie leicht konnte man direkt in den Dach hineinfliegen. Zwar ertrunken wäre darin niemand; denn das Wasser stand in normalen Zeiten kaum drei Finger hoch darin, aber Knochenbrüche und schlimme Deulen hätte man sich bei dem Zusammenprall mit den scharfen Kantsteinen holen können. Cs ist mir übrigens kein Fall bekannt, daß ein Unfall vorgekommen ist. Duben und Mädchen flogen in bunter Deihe auf dem glatten Eise dahin, die verwegensten und gewandtesten an der Spitze. In den Abendstunden vergnügte sich die erwachsene Jugend auf der Schleife. Ts ist mir erzählt worden, als Ende Januar 1871 die Kunde kam, daß Paris kapituliert habe, da habe man dieses Fest gebührend auf der Schleife gefeiert. Das war wenigstens ein billiges Vergnügen. Schleifkasten nannten wir unsere kleinen Handschlitten, vor dem Dorfe lag eine mäßige Anhöhe, die für unseren „Dodelsport", wie man heute sagen würde, trefflich geeignet war. Unten floß allerdings der Dach, und es bedurfte ziemlicher Geschicklichkeit, um nicht mitten in das kalte Wasser hineinzusausen-. Unser Juchhe bei diesem Vergnügen war groß, aber sobald die Feierabendglocke läutete, war es aus mit dem „Lustgebrause", wir wußten, daß uns von der Schule und vom Tlternhause eingeschärft worden war, daß wir mit Einbruch der Nacht nach Hause zu gehen hatten. Während das Geläute über die verschneiten Dächer und Felder dahinging, zogen wir heimwärts. Der Fuhrwerksverkehr war in jener Gegend, die ohne Eisenbahn war, selbstverständlich viel stärker als in der unmittelbaren Nähe der Städte, an denen die Schienenstränge vorüberlaufen, hin und her gingen auch im Winter die schweren Fuhrwerke, und die Schlittengespanne klingelten durch das Land. Meine Eltern bewohnten damals ein Haus, das am Ende des Dorfes an einer Stelle gelegen war, wo fünf Straßen zusammenlaufen. Da kam es oft vor, daß die Fuhrleute, namentlich bei Schneegestöber und in dunkler Dacht, den Weg nicht wußten, da klopften sie mit dem Peitschenstiel an den Fensterladen, und der Vater stand auf, um ihnen die Dichtung zu bezeichnen. Wir Kinder fuhren dabei allemale erschreckt aus dem Schlafe. Diese Erlebnisse haben mir gezeigt, wie es den Menschen im Kriege zu Mute sein mag, an deren Haustür oder Fensterladen nachts Kolbenschläge donnern, damit ein Mann aus dem Hause aufsteht, um feindlichen Soldaten den Weg zu zeigen. - 35 Morgens früh und abends spät ging die Post durch das Dorf. Mancher postknecht so sagte man damals, als für großstädtische Dienstboten noch nicht der Nusdruck „Hausangestellte" erfunden war verstand es, das Posthorn zu blasen. Durch die engen Gassen polterte der wagen, und der Klang des Posthorns, den die Dichter Lenau und Wilhelm Müller so schon besungen und den Franz Schubert so schön in einem bekannten Liede zur Geltung gebracht hat, drang hinein in die Häuser. Die Nebenbahnen, die man heute überall hat, haben diese Nomantik der alten Zeit verdrängt. Wohl geht heute noch durch meinen Geburtsort der Postwagen, aber der postknecht oder Postillon, wie man auch sagte, hat längst den Titel „Landbriefträger" bekommen, und ein Posthorn hat er nicht mehr. Ich entsinne mich eines aufregenden Vorfalles, der mit dem Postwagen zusammenhängt. Tines Morgens im Sommer war ein jüdischer Geschäftsmann aus einem Nachbarorte ab- aereist. um seine kranke Frau in eine Irrenanstalt zu bringen. Die Frau war anfänglich ganz ruhig und ging willig mit, als sie aber in meinem Heimatorte angelangt war, sprang sie aus dem Postwagen, würgte den Mann, der ihr nachsprang und laut um Hilfe rief, am halse und lief vor den Ort, wo auf einem Schuttplatze ein großer Holunderstrauch stand, in den sie kroch. Dort fing sie an, ihre Kleider zu zerreißen. Schließlich wurde sie gebunden und auf einem Leiterwagen weiterbefordert. Ich sehe heute noch das Gesicht der armen, jammernden und mit Stricken gebundenen Frau, wie sie auf dem wagen weggeschafft wurde. Sie soll übrigens später ihre Gesundheit wieder erlangt haben. Besonders kalt war der Winter 1879/80, oft stieg die Kälte bis zu 20 Grad N. Ich hatte damals jeden Tag zu meiner Schule, einer privatschule, einen weg von ungefähr 3 1 , Kilometer zurückzulegen. Morgens um 7 Uhr, oft wenn es noch ganz dunkel war, trat ich den weg an und kam nachmittags wieder zurück. Es war keine Kleinigkeit für einen kleinen Jungen, über den festgefrorenen Loden und durch den stürmenden Nordost oder durch den tiefen Schnee der Schule zuzuwandern. Der Eintritt in die heiligen Hallen der klassischen Bildung ist mir wahrlich nicht leicht geworden, aber geschadet haben mir diese Wege nicht. Sie haben, wie man heute in gespreizten! Tone sagen würde, zu meiner körperlichen „Ertüchtigung" beigetragen. Die Höhepunkte im winterleben des Dorfes waren Weihnachten und Neujahr. Schon in der Ndventszeit gingen der Pelznickel (Nikolaus) und das Thristkind umher und brachten den Kindern Gaben: Nüsse, Nepfel und Lebkuchen. Es waren größere Kinder, die einem alten Brauche folgend, in dieser Verkleidung einhergingen. Ich erinnere mich noch sehr- gut, daß ich mit scheuer Nndacht eines Ubends von dem Thristkind meine Gabe in Empfang nahm, dann pfiff mein Vater eine Tanzweise, und Pelznickel und Thristkind tanzten durch das Zimmer. Dieses Tanzen war wohl unsprünglich im Programm nicht vorgesehen. Später artete der schöne, alte Brauch aus. Knaben, die den Familien entstammten, die nichts zu verschenken hatten, spielten in sehr primitiver Verkleidung die Nolle des Pelznickels und des Ehristkindes, und anstatt den Kindern etwas zu schenken, heischten sie selber Gaben von den Familien, die sie besuchten, hatten sie ihren Nundgang beendet, so trieben sie auf den Straßen allerhand Flegeleien, rauften miteinander, klopften den Leuten, die schon zu Bett gegangen waren, an den Fensterladen, und der polizeidiener, der sangeslustige, freundliche Mann, hatte seine Not, sie von der Straße zu verscheuchen. Weihnachten ging man zu den Paten, um das übliche Geschenk in Empfang zu nehmen. Es gab ein neues Taschentuch, in das allerhand Bilder eingewebt waren, und in das Taschentuch war, wie das auch in Gießen üblich war, Zucker zeug eingebunden. Lebkuchen, Nepfel und Nüsse waren eine Extragabe, hatte jemand seine Paten auswärts, so wartete er mit Spannung die Post ab. Die brachte die Geschenke, die in der Negel in eine Zigarrenkiste gepackt waren. Zu unterst lag der übliche Lebkuchen, in dem ein Geldstück, entweder ein Taler oder ein Fünfmarkstück steckte, oben lagen die Waffeln und Zuckerplätzchen, die meist so durcheinander gerüttelt waren, daß sie sich völlig zerbröckelt hatten. Zu Neujahr gab es eine große Puppe, das war ein Gebäck, das die Figur einer Puppe hatte. Ein Gebäck von ähnlicher Form brachten die Kinder in früherer Zeit zu Gießen am Martinstag ihrem Lehrer, man nannte dieses Gebäck die „Märtes- männer". (Fortsetzung folgt.) Aus der Jugendzeit eines deutschen Mannes. (Fortsetzung.) In Friedland waren einige Juden ansässig, welche das ganze Jahr mit einem Bündel unbedeutender waren von Grt zu Grt weit umher handelten und nur zu diesen beiden Festen in Friedland anwesend waren. Das Leben solcher „pündeljuden", wie sie gewöhnlich genannt wurden, die sich meistens über ihrem Bündel noch mit einem kleinen Kessel schleppten, in welchem sie die Speisen bereitetn, um sie koscher zu haben, war ein Leben voll der größten Entbehrungen mit allen möglichen Plagen von Hunger, Durst, Hitze und Kälte, von Müdigkeit, Krankheit, Ungeziefer, Verhöhnung und wegwerfender Behandlung, und dessen ungeachtet suchten sie die schweren Vorschriften ihrer Nabbiner genau zu erfüllen. Dazu gehörte in den meisten Fällen eine Stärke des Tharakters, die Bewunderung erregen mußte. Daß viele von ihnen Taugenichtse waren, konnte nicht befremden. Zu verwundern war es, daß es nicht alle wurden. Uls wir uns in dem neuen Wohnorte eingerichtet hatten, dachte mein Vater darauf, mich wieder in eine Schule zu bringen; hier aber trat eine große Verlegenheit ein. Ueber die Stadtschule lauteten die Nachrichten sehr ungünstig und niederschlagend. Sie wurde von dem Kantor Schuster gehalten, einem alten Manne, der ziemlich alle Tage betrunken war. Es herrschte der Sage nach weder Zucht noch Ordnung in der Schule, und es wurde eigentlich nichts gelernt. Etwas besser sollte die privatschule sein, welche der zweite Prediger hielt und welche nur eine kleine Zahl von Schülern beiderlei Geschlechts zählte. In diese brachte mich endlich mein Vater. Der zweite Prediger oder Diakonuz, namens Meerkatz, hieß gewöhnlich „der Kapellan", oder wie man es aussprach „Kaplan" und wurde auch so tituliert. Er war Frühprediger in der Stadt und Pfarrer in der eine Meile entfernten Filiale, dem Dorfe und Nittergute wordell. Er war ein hochbejahrter kleiner dicker Mann mit einem Hängebauche, sehr schwerem kahlen Kopfe, dicker Habichtsnase und weit herabhängender Unterlippe. Das stark markierte Gesicht hatte einige grünliche Flecke. Meerkatz' Stelle war außerordentlich dürftig dotiert und reichte kaum hin, ihn und seine Familie zu sättigen. Eben deshalb suchte er sich durch die Schule einen kleinen Nebenverdienst zu schaffen, der jedoch sehr unbedeutend blieb. Die Schule bestand aus etwa 18 Knaben und Mädchen, wir saßen zu beiden Seiten ein.'? langen Tisches auf Bänken ohne Lehnen. Der Kaplan hatte keinen Tische sondern ging umher, und noch habe ich ihn als unvergeßliches Bild lebhaft vor Uugen. Bekleidet war er mit einer sehr alten Pudelmütze, deren Farbe nicht mehr zu erkennen war und die er weder in der Hitze noch in der Kälte ablegte, einer alten weißen Flanelljacke, alten abgeriebenen manchesternen Hosen von unbestimmbarer Farbe, herabhängenden Strümpfen und Schlor- ren an den Füßen,' in der Rechten trug er einen abgeschälten haselstock, den er wie ein Gewehr an die Schulter legte. Der Rite war die Gutmütigkeit selber, und es mußte schlimm kommen, wenn er seinen haselstock gebrauchen sollte. Mit höchst gemütlichem Gesichte pflegte er sich hinter den Schüler zu stellen, der etwas aufsagte, und leise strich seine Sinke unaufhörlich die haare des Schülers, indem er zugleich jedes Wort mitsprach. Das war überaus bequem, weil einem auf die beste Weise eingeholfen wurde, und die Schüler hatten denn auch, seiner Meinung nach, immer sehr gut auswendig gelernt. So ging der gute Kaplan von Einem zum Undern, und ich darf wohl sagen, er hat keinem das Leben sauer gemacht. Seine haustracht legte er nur ab, wenn er eine geistliche Amtshandlung verrichten wollte, wozu das Schulehalten nicht gehörte. Lr hatte einen Sohn und eine Tochter, welche meine Schulkameraden wurden. Lin warmer Verehrer von Kunst und Wissen war Herr Meerkatz, doch sehr spärlich damit ausgestattet, und was er gewußt hatte, war wohl längst vergessen. Lr besaß ein altes Klavier; allein es hatte seit vielen Jahren nur noch die Hälfte der Saiten, und die vorhandene Hälfte war verstimmt,' es war daher nicht zu spielen. Uuch besaß er eine Geige, und auf dieser hat er mir oft etwas vorgespielt, aber niemals etwas anderes als: ,,Blühe, liebes Veilchen". Bei seinen Frühpredigten spielte er selber die Grgel, doch nicht den letzten Vers, während dessen er auf die Kanzel ging und die Gemeinde allein singen ließ, oder sie durch seine Stimme leitete. Zuhörer hatte er immer nur wenige, meistens alte Frauen. Seine predigten waren ein Kette von Bibel- und Gesangbuch- versen, welche die alten Weiber zum Teil laut mit beteten. Lr hatte übrigens das Unglück, sich sehr oft zu versprechen oder die Sätze umzukehren, z. B. „verlasset euch nicht auf Menschen, sie sind Fürsten, und können euch nicht helfen", was die Frauen ganz andächtig mit hersagten, ohne den Fehler zu bemerken. Dessen ungeachtet mußte man dem alten Manne gut sein,' denn seine Gesinnung war brav und wacker. Gar bald bemerkte ich, daß ich alles, was in dem Unterrichte vorkam, schon weit vollständiger wußte. Bibellesen, Katechismus, Schreiben und Uechnen, etwas biblische Geschichte, Uuswendiglernen von Gesangbuchversen und Sprüchen, darin bestand der ganze Sehrplan. Wir schrieben in der Schule nach der Vorschrift des Kaplans und hatten zuhause überhaupt nichts für die Schule zu tun. Mir wurde übrigens nicht bloß eine Zeile deutscher Schrift vorgeschrieben, sondern als dem Sohne eines Mannes, der gewissermaßen zu den Honoratioren gehörte, erhielt ich auch ein lateinisches Sprichwort zum Uachschreiben, deren er etwa noch zwei Dutzend auswendig wußte, z. B. Aurora, musis amica. Plenus venter non studet libenter. Laus propria sordet usw. (Fortsetzung folgt.) Uleine Mitteilungen. Was in den beiden ersten Kriegswintern nicht der Fall war, isf nun eingetreten: der Krieg hat hemmend auf unseren Konfirmandenunterricht eingewirkt. Durch den Kohlenmangel wurden je zwei Schulen in ein Gebäude verlegt, infolgedessen mußte der ganze Stundenplan umgestaltet werden, und der Montag- und Donnerstagnachmittag blieb für den Konfirmandenunterricht nicht mehr frei. Line weitere Schwierigkeit ist uns daraus erwachsen, daß wir jetzt nur einen Konfirmandensaal, den der Markusgemeinde, in dem aller Unterricht stattfindet, Heizen können. Uuch ist eine Ueihe von Knaben schon aus der Schule entlassen und in Werkstätten oder Fabriken, zum Teil außerhalb, beschäftigt, was dem Besuche des Unterrichtes störend entgegentritt. Wir bitten die Litern unserer Konfirmanden, den veränderten Verhältnissen Uechnuung zu tragen und auch weiterhin ihre Kinder zum regelmäßigen Besuche des Konfirmandenunterrichtes anzuhalten. * • * Die Kinderkirche der Sukasgemeinde, die für nächsten Sonntag angesetzt war, findet Sonntag, den 11. März, um 1 1 Uhr statt. • * * vom nächsten Sonntag an finden unsere Gottesdienste wieder in regelmäßiger Weise in beiden Kirchen statt,' nächsten Mittwoch ist Passionsandacht in der Iohanneskirche. kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 4. März. Ueminiscere. 3n der Stadtkirche, vormittags 9Vs Uhr: Professor I). 5 chian. vorm. 11 Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde. Ubends 6 Uhr: Pfarrer Mahr. Beichte und heil. Ubendmahl für Matthäus- und Markusgemeinde. Unmeldungen werden vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. 3n der Aohannestirche. vormittags 97, Uhr: Pfarrer Uusfeld. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Io- hannesgemeinde. Ubends 6 Uhr: Pfarrer Bechtols- heimer. Ubends 8 Uhr: Bibelbesprechung. Mittwoch, den 7. März, abends 8 Uhr: passionsandacht (Kriegsbetstunde): Pfarrer Bechtolsheimer. Um kommenden Sonntag wird in allen Gottesdiensten eine Kollekte für die evangelische Gemeinde Groß-Steinheim erhoben. £ Ankündigungen empfehlenswerter Firmen } Carl Loos Kirchenplatz 13 Telephon 79 Manufaktur- unb Weißwaren Herren- u. Knabenkleide s CAlfL LUDWIGTSn EINRAHMUNGS-GESCHÄFT • Erlist tWiM, ßlffifll : VERGOLDEREI kirchstr. 2 ANTIQUITÄTEN j Ruöoiptj’s JIarf)f. verantwortlich: für den Textteil Pfarrer vechtolsheimer, für den Anzeigenteil h. Beck; Druck und Verlag der vrühl'fchen Univerfitäts. Buch- und Zteindruckerei N. Lange, sämtlich zu Gießen.