Äonntagsgrusz Gemeinöeblatt für die evangelische Kirchengemeinüe Gieszew Nr. 7. Gießen, Sonntag Estomihi, den 18. Februar 1917. 6. Jahrgang. Gott, der Herr. Psalm 33, 8 u. 9. Alle Welt fürchte den Herrn, und vor chm scheue sich alles, was auf dem Erdboden wohnet. Venn so er spricht, so geschieht'? ; so er gebeut, so sleht's da. vor diesem Kriege haben viele in unserem Volke mit hochtönenden Worten die Technik gepriesen, „wie herrlich weit haben es die Menschen doch gebracht! Sie haben Maschinen erfunden, die viele Menschenkräfte ersetzen, sie leiten elektrische Kraft in die fernsten Dörfer, überbrücken reißende Ströme, legen Schienen über hochragende Berge, den ganzen Tag klingelt das Telephon, die Automobile rattern durch die Straßen, viesenschiffe durchqueren den Ozean, schon denkt man daran, daß das vadium in absehbarer Zeit alles Brennmaterial ersetzen wird." war es ein Wunder, daß sich unter solchen Umständen in vielen vöpfen die Meinung festsetzte: Der Mensch ist zum Herrn über die Natur geworden? Da kam der furchtbare Weltkrieg und hat uns die Kehrseite der Technik offenbart. Linsichtsvolle Menschen wußten schon vorher, daß die Technik wohl Annehmlichkeiten, Verkehrserleichterungen, Ersparung an menschlicher und tierischer Arbeitskraft, aber kein wahrhaftes Glück bringt. Im Kriege hat sich die Technik als eine entsetzliche Zerstörerin bewiesen. Mit ihren Mitteln überfliegt man die Städte und wirft die verderbenbringenden Bomben ab, mit ihren Mitteln werden die Schiffe in den Grund gebohrt, die Gasangriffe vorbereitet, die Handgranaten und Minen hergestellt, wurde nicht der Krieg von 1870/71 viel ritterlicher geführt als dieser Krieg, für den die Technik so furchtbare Waffen, besser gesagt, so furchtbare Kriegsmaschinen, geschaffen hat? Selbstverständlich bannen auch wir, wollen wir nicht zerrieben werden, auf diese Waffen nicht verzichten, aber keiner von uns wird das als einen Segen preisen, daß wir sie gebrauchen müssen. Nun ist zu dem Kriege noch dieser strenge Winter hinzugekommen. wochenlang sind die Fensterscheiben von einer dichten Eiskruste bedeckt, Bäche und Flüsse sind erstarrt, Gas- und Wasserleitungen frieren ein, rings um die skandinavischen Inseln und Halbinseln friert das Wasser zu, unter der Einwirkung des Frostes zerspringen Bäume mit lautem Knall. Gerade in dieser Zeit ist der Kohlenmangel eingetreten. Noch nie haben wir es erlebt, daß Kirchen und Schulen aus Mangel an Brennmaterial geschlossen werden mußten, daß die Eisenbahn in einem so weitgehenden Maße ihren Betrieb verringern mußte, daß Hunderte von Menschen wartend vor den Kohlengeschäften standen. Fast machtlos sind wir mit einem Male den Unbilden des winters preisgegeben, wo bleibt da die vielgerühmte Technik? wer bringt es da noch fertig, zu sagen, daß der Mensch der Herr über die Natur ist? Nein, Gott ist und bleibt der Herr auch über die Vatur, und die Natur ist das hat Napoleon im Jahre 1812 erfahren - viel stärker als der Mensch. Dieser Winter, der so streng ist, wie keiner mehr seit vieler Menschen Gedenken, treibt uns dazu, daß wir sagen: Alle Welt fürchte den Herrn und vor ihm scheue sich alles, was auf dem Erdboden wohnet. Denn so er spricht, so geschieht^,' so er gebeut, so steht's da. Und wenn die Menschen wieder ihre Ohnmacht einsehen und sich vor dem großen Gotte beugen, so werden sie auch getrieben werden, seine Gnade zu suchen und das heil anzunehmen, das er ihnen in seinem Sohne anbietet. H.B. -V Großmut zu rechter Seit. Lin ernstes Wort in ernster Zeit, von Generalarzt a. D. Dr. OttoKappesser in Darmstadt. In der Bibel ist zu lesen: Alles hat seine Zeit. Das gilt besonders auch von der Großmut, wo sie ausgeübt werden soll. 1 . Am 28. September 1796, als gerade eine französische Truppenabteilung durch das jetzt hessische Dorf Schwabenheim an der Selz marschierte, hörte man plötzlich einen Schuß. Niemand wurde davon getroffen, und bis zum heutigen Tage ist es nie ausgekommen, wer ihn abgefeuert hat. Am wahrscheinlichsten bleibt die Annahme, daß einem dieser liederlichen Sanskulotten sein Gewehr von selber losgegangen war, und er wollte es nur nicht gewesen sein. Da war aber der französisch" Gbergeneral Melac hätte er wohl heißen sollen sein Name bleibe vergessen bis zum jüngsten Tag, wo man seiner gedenken wird, der befahl, daß man alsbald das ganze Dorf mit Feuer vertilgen solle. Trotz der Fürsprache mehrerer Deputationen und der flehentlichen Bitten der Einwohner wurde das ausgeführt mit einer Gründlichkeit. daß man glauben könnte, die Nüssen bei ihrer jüngsten 26 Mordbrennerei in Ostpreußen hätten sich erst bei ihren Verbündeten jenseits der Vogesen das Muster abgesehen. Müßig mußten die Unglücklichen Zusehen, und durften bei Todes- drohung nichts von ihrer habe retten, während diese und der Väter Lrbe von den Flammen verzehrt wurde. Furchtbare Mißhandlungen wurden verübt von den Bringern von Freiheit, Gleichheit und Bruderliebe, besonders auch gegen wehrlose Frauen. Bcht unschuldige Menschen verloren ihr Leben, darunter zwei Kinder, die sich in der allgemeinen Verwirrung aus Bngst unter eine Kelter verkrochen hatten, wo man später unter dem Schutt ihre Beste fand, verkohlte Weißzeugreste und ein angesengtes Gesangbuchblatt wurden durch den wind eine Stunde weit nach dem Dorfe Bppenheim geweht. 2 . Bls wir 1871 nach eingetretenem Waffenstillstand wieder von der unteren Loire aus den Heimweg begannen und schon eine Strecke diesseits Orleans gekommen waren, da geschah es, daß von der hohen parkmauer eines herrschaftlichen Besitztums auf die unten vorbeiziehenden Truppenteile der Unseren geschossen wurde. Tine abgesandte Patrouille entdeckte da eine Gesellschaft junger Herren und Dämchen, die sich damit amüsierten besonders taten das die letzteren mit Vogelflinten nach den „Feinden des Vaterlandes" zu schießen. Sic wurden nicht, wie ihnen leicht, in klu^ranti ertappt, hätte geschehen können, von den mit Becht Erzürnten niedergeschlagen, sondern man verhaftete sie und machte ihnen förmlich den Prozeß, wozu sie täglich beim Weitermarsch vom Buditor verhört wurden. Bach einigen Tagen aber hatte unser Gberkommandierender ein menschliches Fühlen, indem er wohl glaubte, die törichten Gören seien für ihr unzeitiges Bmazonenspiel genug gestraft, und er befahl als Gerichtsherr, sie laufen zu lassen, wo es ihnen dann freistand, mit ihren feinen pariser Schuhen den weiten Heimatweg zu suchen. Ich hatte übrigens selbst Gelegenheit, eine ähnliche Probe französischer Selbstüberschätzung kennen zu lernen. In einem Bürgerhause der Staöt Sens war ich einquartiert, deren Vorfahren, die Lenonnes, schon Julius Täsar so hartköpfigen widerstand geleistet hatten, während ich mein frugales Bbendbrot verzehrte, war da eine „reifere" junge Dame, die mich damit zu unterhalten bemüht war, daß sie mich eindringlich belehrte, wie das gegen alle Kleiderordnung sei, wenn der deutsche Soldat über den französischen, und zumal über die herrlichen Zuaven gesiegt haben wolle, „car il est trop lourd (er ist zu ungeschickt!) sagte sie mit erhöhten Bugenbrauen. Bls dann noch einige der Unsern hinzukamen, gab sie ihrer Entrüstung Busdruck, weil, wie sie gehört habe, jüngst bei einem Busfall der Verteidiger von Paris, als einige Kompagnien der Mobilgarde (denen wohl die pariser Suppe zu mager geworden war) sich hätten ergeben wollen, man diesen die Gewehre und gefüllten Patronentaschen einfach abgenommen und sie wieder in das ausgehungerte Paris hineingejagt habe. Das sei doch eine unerhörte Barbarei! Da nahm unser Oberst v. B. sein allerschönstes Französisch zusammen und sagte in wohlwollend belehrendem Ton: wui Madam, il mangsch ossi! (die helfen hungern !) Z. vor Jahren hat sich einmal so einer der amerikanischen ^ollarkönige, der seine sechs Milliarden so ehrlich aus dem Lchweiß seiner Mitmenschen zusammengestoppelt hat, als ungebetener Gast bei der Kieler Woche eingefunden, und unser Kaiser hat ihn in angeborener Vornehmheit in Ehren empfangen, wohl weil er dadurch eine wohlwollende Gesinnung für unser friedliches, deutsches Beich fördern wollte. Jetzt ist derselbige nebst anderen Leinesgleichen, eifrig daran, neue Milliarden zusammenzuraffen, um unseren Feinden Kanonen und Gewehre und Munition, mit Sprengladung und Giftgasen gefüllt, in ungemessener Menge zu liefern und den nervus rerum dazu. Und der Präsident dieser seither „neutralen Nation", des jüngsten Kunstproduktes der Geschichte, zusammengebacken in den letzten zwei Jahrhunderten aus Bbschnitzeln der verschiedensten Menschenrassen, vom nasenweisen Bnglosachsen bis zum schwärzesten Nigger, schrieb bis zum Bbbruch der diplomatischen Beziehungen mit Deutschland, Krokodilstränen weinend, wortschaumschlägerische Noten, wohl zumeist zu dem Zweck, die milchende Kriegskuh recht lang am Leben zu halten, bis nach dortigem sicheren Erwarten die zehnschwänzige Meute das deutsche wild werde zu Tode gehetzt haben, da man sich seines Bnteils an der Beute sicher hielt, ohne die eigene haut zu gefährden. Selbft in amerikanischen Zeitungen kann man jetzt lesen, daß wohl 75 000 neutrale Bmerikaner, unter verschiedenen Masken als Kanadier usw., in den Beihen unserer Feinde gegen uns fechten, wie auch ein Viertelhundert Luftflugzeuge, die sogar das Haupt des wilden Skalpjägers als gemeinsames Bbzeichen führen. Dazu kommen noch die beauftragten Ingenieure, die im amerikanischen Konkurrenzauftrag im Osten die werte vor unseren Liegern vernichten Blle diese haben keine andere Entschuldigung für ihr Treiben, alz die Lust, einmal auf Menschen zu pirschen auf fremden Jagdgründen, wenn aber solche Dollar- und Lkalpjäger auf frischer Tat ertappt in die Hände der Unseren geraten, haben die mehr Bnspruch auf Großmut, als die belgischen und französischen Franktireure, die doch noch sagen können, es sei der Krieg, an dem sie sich beteiligen, ein Krieg von Volk wider Volk? Jetzt, in diesem Krieg des deutschen Volkes um sein Leben gegen eine Welt in Waffen, gilt nur noch das eine Wort: hilf dir selbst, daß Gott dir helfe! Darum nimmer verzagt, Trotz Hunger und Not, Bus die drückendste Nacht Folgt ein Morgenrot. hessische Heimatliteratur. Bus dem Gebiete der hessischen Heimatliteratur, die ungefähr seit dem Jahre 1900 größere Bedeutung erlangt hat, sind zwei Neuerscheinungen zu verzeichnen. Der verdienstvolle Herausgeber der „hessischen Volksbücher", Professor v. Dv. Diehl-Friedberg gibt als Nr. 28 bis 50 seiner Sammlung das Buch des Darmstädter Hofbibliothekars vr. Karl Esselborn „Pirmasens und Buchsweiler" heraus. Das Buch führt uns in das 18. Jahrhundert zurück. Landgraf Ludwig IX. war, als er noch Erbprinz von Hessen war, durch Lrbansall im Jahre 1741 in den Besitz der Grafschaft Hanau-Lichten- berg gelangt. Diese Grafschaft hat mit der uns benachbarten Staöt Hanau nichts zu tun, sie lag im heutigen Elsaß und in der heutigen Bheinpfalz Bayern und hatte Buchsweiler zur Landeshauptstadt. Ludwig IX., in vieler Beziehung ein Sonderling, verlegte seine Besidenz nach Pirmasens und blieb auch dort wohnen, nachdem er im Jahre 1768 Landgraf von Hessen-Darmstadl geworden war. Pirmasens wurde durch ihn zu einer Loldatenkolonie. Ts handelte sich bei ihm nicht darum, seine Loldaten kriegsgemäß auszubilden, sondern er begründete und unterhielt eine militärische Drillanstalt. Eine - 27 Eigentümlichkeit des sonderbaren Fürsten war, daß er Militärmärsche komponierte. Zeine Fruchtbarkeit auf diesem Gebiete war so groß, daß er schon im Jahre 1780 er starb 1790 52 365 (!) Märsche komponiert hatte. RIs die Wellenschläge der französischen Revolution auch nach den deutschen linksrheinischen Gebieten herüberkamen, ging die Grafschaft für Hessen verloren. Das ist der Rahmen, in dem sich Lsselbornz Rusfüh- rungen bewegen. Der Verfasser hat mit großem Fleiße allen erreichbaren Stoff zusammengetragen. Rus Rächern, alten Zeitschriften und ungedruckten Rufzeichnungen teilt er uns mit, was über das eigenartige Leben in jener Soldatenkolo- nie geschrieben worden ist. Da er in vielen Fällen Rutobio- graphisches mitteilt, so gewinnt sein Ruch an Farbe. Reson- ders interessant sind die Schilderungen der ersten Schreckens- jahre der französischen Revolution und der daraus hervorgehenden Kriege. So gibt uns bas Ruch ein anschauliches Rild von der Kultur jener weit hinter uns liegenden Zeit. Die Rnmerkungen, die sich zumeist auf die Geschichte hessischer Familien beziehen, legen von dem staunenswerten Fleiße des Verfassers Zeugnis ab. Die Rbbildungen und der Ruchschmuck, die von Rmalie Schaedel gezeichnet sind, passen, da sie auf Originale aus der dargestellten Zeit zurückgehen, trefflich zu dem Ruche, das die Reachtung aller, die Interesse an der Geschichte unserer Heimat haben, verdient und von der Hofbuchhandlung Schlapp in Darmstadt durch alle Gieße- ner Ruchhandlungen zu beziehen ist. Ebenfalls in das Gebiet der hessischen Heimatliteratur gehört die „Festschrift zur Hundertjahrfeier der Provinz Rheinhessen 1816 1916", die mit Unterstützung der Provinz von der historischen Kommission für das Großherzogtum Hessen herausgegeben und im Verlage von J. Diemer zu Mainz erschienen ist. Drei aus Rheinhessen stammende Verfasser : Pfarrer Heinrich Rechtolsheimer in Gießen, Rrchiv- direktor Dr. Julius Reinhard Dieterich in Mainz und Kreisamtmann Kurt Strecker, zurzeit beschäftigt im Ministerium des Innern, haben sich vereinigt, um die Geschichte ihrer Heimatprovinz in den letzten 130 Jahren zu schreiben. Der Reitrag des Erstgenannten trägt den Titel „Die Provinz Rheinhessen in den beiden ersten Jahrzehnten ihres Reste- hens", Dieterich behandelt auf Grund seither noch nicht benutzter Rrchivalien das Thema „Darmstadt auf dem Wiener Kongreß und die Erwerbung Rheinhessens", und Strecker schildert an der Hand einer von ihm entworfenen und gezeichneten Karte die „Gegend zwischen Rhein, Nahe und Donnersberg im Jahre 1787". Der Verleger Hat keine Kosten gescheut, um das Ruch, das in (Quartformat 389 Seiten umfaßt und broschiert 4,50 Mk., gebunden 6 Mk. kostet, in einer vornehmen Russtattung in die Welt hinausgehen zu lassen. Rus naheliegenden Gründen können wir in unserem Gemeindeblatt kein Urteil über das Ruch abgeben; wie stark aber das Interesse für Heimatgeschichte ist, geht aus der Tatsache hervor, daß die 2100 Exemplare starke Ruflage in vier Wochen nahezu vergriffen war. Aus der Jugendzeit eines deutschen Mannes. «Fortsetzung.) Lin Gegenstand besonderer Reachtung wurden für uns die zahlreichen Juden, deren Sitten, Gewohnheiten, Sprache und Religion uns ebenso neu als interessant waren. Da sie im Orte die Mehrzahl der Einwohner bildeten, so verfuhren sie sehr offen und verhehlten keine ihrer Eigentümlichkeiten. Sie gaben sich wie sie waren. Rlle sprachen damals noch den jüdisch-deutschen Dialekt, der durch ganz Polen und noch viel weiter geht, aus einer Menge verdorbener deutscher und hebräischer Worte, sowie seltsamer Redewendungen besteht und mit einer eigenen Rrt von Singsang gesprochen wird. Cs hielt anfangs schwer, diesen Jargon zu verstehen; allmählich gewöhnten wir uns daran, und endlich konnte ich ihn so gut sprechen, wie ein Jude. Die meisten Israeliten, trugen übrigens gewöhnliche Tracht,' nur ein Teil der älteren Leute kleidete sich nach Rrt der polnischen Juden mit schwarzen Talaren, Rärenmützen oder breiten hüten. In ihrer Religion waren fast alle sehr eifrig. Dazu trug insonderheit ihre gut geregelte Gemeindeverfassung bei. Rn ihrer Spitze stand ein strenger und eifriger Rabbiner, der später Oberrabbiner in Posen wurde. Tr war im Rufe eines großen Gelehrten und eines halben heiligen. Seine kleine Gestalt, sein blasses Gesicht widersprachen der Sage nicht, Laß er wöchentlich mehrere Tage faste und auf bloßer Diele schlafe. Lr war überaus gewissenhaft in der Refolgung aller talmu- dischen Vorschriften und Gesetze, namentlich auch der durch die polnischen Rabbiner noch hinzugefügten Vorschriften ; und wer da weiß, was diese fordern und dem Menschen anmuten, der kann sich vorstellen, welch' eine furchtbare Last auf seinen Schultern lag, aber auch durch ihn zugleich der Judenschaft aufgebürdet wurde. Dennoch wurde dadurch weder die Rchtung vermindert, die man ihm zollte, noch der Gehorsam gegen seine Refehle. Erst allmählich lernten wir die mannigfachen Gebräuche und Zeremonien kennen und verstehen, die hier üblich waren und von denen uns viele sehr befremdend erschienen. Sie vollständig zu beschreiben, würde ein eigenes Werk erfordern und ist nicht meine Rufgabe. Rur einiges will ich mitteilen, wie meine Erfahrungen es ergeben haben. Lins der ersten Feste, das wir, wenigstens oberflächlich, kennen lernten, war das purimfest. Rekanntlich wird es zur Erinnerung des Sieges der schönen Esther über die Umtriebe des bösen haman gegen die Juden gefeiert und ist ein großes Freudenfest. Schon einige Rbende vor demselben zogen junge Leute, welche sich unter Leitung des Rabbiners zu Lehrern und Reamten für die Synagoge bildeten sogenannte Rochers, d. h. jüdische Studenten oder Seminaristen verkleidet umher, um in den Familien dramatische Szenen aus jener Geschichte darzustellen. Zu einer solchen Vorstellung waren auch wir eingeladen. Es traten sechs junge Männer ins Zimmer, von denen der eine den König Rhasverus, ein zweiter den Mardochai, ein dritter die Esther, ein vierter den haman oorstellte,' die übrigen Personen weiß ich nicht mehr zu nennen. Rhasverus war bartlos,' er hatte seinen Rock mit goldpapiernen Tressen reich verbrämt, trug einen großen goldpapiernen Stern auf der linken Rrust und auf dem Kopfe eine Rrt von Krone, deren Form verunglückt schien. Die Gewänder Mardochais wichen nur wenig vom Gewöhnlichen ab, aber er trug einen mächtig langen Rart von Werg, ein kleines rundes rotes Käpsel auf dem Kopfe und stellte einen alten Mann dar. Esther war in weiblicher Kleidung mit langer Schleppe und einem Schleier. Das Drama wurde fast ganz sitzend oorgestellt. verstanden habe ich wenig, da mir das Jüdisch-Deutsche noch zu fremd war,' es mußten aber wohl viele Witze Vorkommen, da nicht wenig gelacht wurde. Indessen mochten diese Witze ziemlich wohlfeil sein,' denn als Mardochai einmal seinen Rart der Länge nach mit der Hand strich, erregte dies bei den Judenfrauen ein so großes Gelächter, daß sie sich gar nicht wieder zufrieden geben konnten, 28 und da Mardochai, aufgemuntert durch den gefundenen Beifall, seinen Witz öfter wiederholte, erneuerte sich jedesmal der Beifall und das Gelächter. Uebrigens währte die Szene keine Viertelstunde, woraus die Schauspieler sich ins Nebenhaus verfügten, um sie dort zu wiederholen. Rm Purimsabend ging ich mit nach der Synagoge, um den haman totschlagen zu hören, während einer Vorlesung der betreffenden biblischen Geschichte erhob sich nämlich mehrmals der Ruf: „Schlagt den Hamann taudt", und nun erhob sich ein greulicher Lärm, der teils mit eigentümlich gestalteten klappern hervorgebracht wurde, bei denen ein hölzerner Hammer auf ein Brettchen schlägt, teils mit Stöcken, die gegen die Bänke schlugen, und mit allem was sonst dienen kann, um Lärm hervorzubringen. Dies wiederholte sich mehrere Male. (Fortsetzung folgt.) «leine Mitteilungen. Im Januar dieses Jahres waren es 25 Jahre her, daß Rrchitekt Hans Meyer als Baumeister im Dienst der evangelischen Kirchengemeinde Gießen steht, während dieser Zeit hat der Genannte verschiedenfache Gelegenheit gefunden, sich praktisch und künstlerisch um das Bauwesen unserer Kirchengemeinde verdient zu machen. Rn dem Bau der Pfarrhäuser der Lukas- und Markusgemeinde war er beteiligt. Sein Werk ist der Umbau der Stadtkirche im Jahre 1898 sowie die Herstellung der Steinverwitterungen an der Johannes- Kirche im Jahre 1911 und die Renovation des altehrwürdigen Turmes der Stadlkirche im Jahre 1912. Daneben leistete er ehrenamtliche Arbeiten für den Allgemeinen Verein für Rr- men- und Krankenpflege, das evangelische Schwesternhaus und die Kleinkinderschule in der Diezstraße. Im 18. Jahrhundert hat der Schriftsteller Friedrich Christian Laukhard gesagt, es gebe in Gießen kein einziges Gebäude, das auf Schönheit Unspruch machen könne, wenn dieser Mann heute unsere Stadt wieder betreten könnte, so müßte er sein Urteil sehr abändern, Gießen zählt jetzt eine große Reihe stattlicher und künstlerisch vollendeter Gebäude. Zur Verschönerung des Stadtbildes hat Hans Meyer wesentlich beigetragen. Das volksbad, die höhere Mädchenschule, das Stadttheater, das Lupusheim und die Universitäts-Kinderklinik sind seine Schöpfungen, wer einmal diese Gebäude gesehen und betreten hat, der findet in ihnen den hohen Geist künstlerischer Vollendung und erkennt, daß der Raum hier auf das glücklichste ausgenützt ist. Ruch viele privatbauten gehen auf die Pläne unseres Jubilars zurück, das eigene Haus in der Westanlage kann als Muster künstlerischer Unordnung gelten. Indessen ging die Tätigkeit dieses hervorragenden Gießener Rrchitekten auch über die Grenzen seines nunmehrigen engeren Vaterlandes Hans Meyer ist aus Regensburg gebürtig hinaus. Tr ist namentlich bekannt als Erbauer von Schwimmbädern, auch hat er große hygienische Rnlagen, so Sanatorien, ausgeführt und ist bei vielfachen Wettbewerben erfolgreich gewesen und mit den ersten Preisen ausgezeichnet worden. Der Gesamtkirchenvorstand und die Gesamtkirchengemeindevertretung ehrten den Jubilar mit Worten warmer Rnerkennung. Reben seinem eigentlichen Berufe hat Rrchitekt Meyer immer noch Zeit gefunden, sich bei gemeinnützigen Unternehmungen zu betätigen, so hat er während des Krieges eifrig für das Rote Kreuz gearbeitet und auch sein künstlerisches Können in den Dienst dieser großen Organisation gestellt. * » * Dei herrschende Kohlenmangel hat uns dazu gezwungen, die Sonntagsgottesdienste vorläufig abwechselnd in unseren beiden Kirchen .abzuhalten. Kirchenvorsteher und Pfarrer haben diesen Beschluß nicht leichten Herzens gefaßt, es ging aber nicht anders, wenn unser gottesdienstliches Leben nicht plötzlich ganz still stehen sollte. Sonntag, den 18. Februar, ist um y 2 10 und um 6 Uhr nur in der Johanneskirche Gottesdienst, Sonntag, den 25. Februar, nur in der Stadtkirche. Nächsten Sonntag, den 18. Februar, ist um 11 Uhr für die Johannesgemeinde, um 2 Uhr für die Lukasgemeinde Kinderkirche. Rm 25. Februar ist um 11 Uhr für die Markusgemeinde, um 2 Uhr für die Matthäusgemeinde Kinderkirche. Die Eltern werden gebeten, das ihren Kindern mitzuteilen und die Kinder zum Besuch der Kinderkirche anzuhalten, weiteres wird noch bekannt gegeben werden. Große Schwierigkeiten macht vorläufig die Rnsetzung der Konfirmandenstunden, da je zwei der höheren Schulen in ein Gebäude verlegt werden und der Stundenplan hierdurch eine völlige Umgestaltung erleidet. Ls ist anzunehmen, daß unsere Gemeindeglieder, wie sie sich in so vieles gefunden haben, das der Krieg gebracht hat, auch in diese Umänderungen im kirchlichen Leben so finden werden, daß dieses keinen Schaden erleidet. ttirchliche Anzeigen. Sonntag, den 18. Februar. Estomihi. Gottesdienst nur in der Johanneslirche. vormittags 97* Uhr: Pfarrer Rusfeld. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Johannesgemeinde. Pfarrer Rusfeld. Nachmittags 2 Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer. Nachmittags 6 Uhr: (Kriegsbetstunde): Pfarrer Bechtolsheimer. Sonntag, den 25. Februar, finden Gottesdienste nur in der Sladl- Nrche statt. Rbendz 8 Uhr: Versammlung und Bibel- besprechung. £ Ankündigungen empfehlenswerter Firmen j Carl L00; Hirchenplatz 13 Telephon 7f Manufaktur- unb Weißwaren Herren- u. Knabenkleibe Heinrich No 7 Mäusburg Nr. 7 Tele Spezial-Geschäft für Bureaubedarf • Schreib Papierhandlung, Buchbinderei, Gesangbücher, r Kunstarbeiten. Photographische Apparate und II ßeschw. Holtierg Nachl. jphon Nr. 202 ModeS maschinen Oießen, plocltStraße 5 m nriarn* empfehlen sich in allen in ihr lYlOuerne Psch schlagenden Arbeiten. Zubehöre verantwortlich: für den Tertteil Pfarrer Bechtolsheimer, für den Anzeigenteil h. Beck; Druck und Verlag der Vrühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei R. Lange, sämtlich zu Gießen. \