Nr. 5. Giehen, Sonntag Septuagesimä, den 4. Februar 1917. 6. Jahrgang. Zufriedenheit. 5!irach 42, 4. Schäme dich nicht, zufrieden zu sein, du gewinnest viel oder wenig. vor Jahresfrist ist in einer rheinhessischen Landgemeinde ein Mann dahingeschieden, den ich durch manches Jahrzehnt hindurch gekannt habe. Er ist 75 Jahre alt geworden, sein ganzes Leben war nach dem Worte des psalmisten Mühe und Urbeit. Vas Gut, das er bewirtschaftete, war nur klein, er mußte, um, wie man in alter Zeit gern sagte, seine Lebsucht zu befriedigen, noch im Dienste anderer arbeiten. Km liebsten arbeitete er im Walde, da legte er unter der Uufsicht des Försters neue Kulturen an, er schälte Rinden, er fällte Bäume und half beim Ubholzen des Unterholzes, wo im Winter eine Pappel zu fällen war, da rief man ihn, oft ging er zu dieser Urbeit mehrere Stunden weit weg und hatte alsdann die Uxi über der Schulter hängen. Line leichte Urbeit war die waldarbeit nicht, der Zehnstundentag war den Holzmachern unbekannt. Morgens um drei Uhr gingen sie von ihren Behausungen weg, neben der Uxt hatten sie hierbei den Leinensack, in dem sie ihr Brot trugen, über der Schulter hängen, abends um neun Uhr, wenn die Glocke nach alter Sitte zum letzten Male läutete und zur Ruhe mahnte, kamen sie mit schweren, müden Schritten zurück, wenn die Ernte kam, so hieß es auch wieder, zu regen ohne Ende die fleißigen Hände. Ich habe manchmal, wenn ich mich vorübergehend auf dem Lande aufgehalten habe, meinen Freund noch abends um sieben Uhr in der Begleitung seiner Familie mit Strohseilen auf den Ucker gehen sehen, um Getreide zu binden. Den größten Teil des winters brachte er mit Dreschen zu. Da wurde in dei kalten Nacht um drei Uhr aufgestanden,' wenn andere Leute aufstanden und sich die festgefrorenen Scheiben ansahen, hatten die Drescher schon mehrere Stunden den Flegel geschwungen und begaben sich nun daran, mit der Windmühle das Korn von der Spreu zu sondern. Uls ich diesen Mann das letztemal sah, da saß der 74jährige neben einem kleinen Lnkelsohne auf einem Karren und lenkte sein Gespann nach der Mühle. Neue Urbeit war ihm, dem Großväter, aufgeladen worden,' seither hatte ihn der Schwiegersohn entlastet, nun war dieser, wie mir der Ulte auf der Landstraße traurig erzählte, für das Vaterland gefallen, und alle Last lag wieder auf ihm. „viel Müh' vom Morgen- zum Ubendrot", kein Wunder, daß die Fäuste des von Gestalt klein i n und nicht übermäßig kräftigen Mannes so hart waren wie Eisen und gelegentlich in froher, lebhafter Erregung wie Hammerschläge auf den Tisch niedersausen konnten. von den Freuden der Welt hat dieser Mann nicht viel erfahren. Lin einziges Mal ist er in einer großen Stadt, nämlich in Mainz, gewesen und hat von dieser Reise noch jahrelang erzählt. Er lebte einfach und bescheiden, die Genüsse Oec großen Welt waren ihm unbekannt. Dennoch war er allezeit fröhlich. Er konnte allerhand Erlebnisse in einer so anschaulichen, drastischen weise berichten, daß jedermann gefesselt wurde und lachen mußte. Der Wald war sein Leben. Ulles kannte er, was sich im grünen Revier regt und bewegt, die Bäume, die Pflanzen und die Tiere. Täuschend ahmte er den Schrei des Hähers nach, er machte es an einem Türpfosten nach, wie der Rehbock sein Geweih abstößt, er erzählte mit Stolz, wie er vom Oberförster beauftragt wurde, den anderen Holzmachern zu zeigen, wie man einen Baum fällt, wie die Katze über die Balken 0er Scheuer springt und dabei schreit, wußte er gleichfalls unnachahmlich vorzumachen. Und wie gern sang er im vertrauten Kreise alte, schelmische Volkslieder ! Ein frohes, kindliches Gemüt hatte dieser Mann, wenn ich diese seine harmlose Fröhlichkeit erwähne, so spreche ich damit auch schon aus, daß er ein zufriedener Mann war. Seine Heimat, in der er geboren ist und in deren Erde er jetzt ruht, liebte er über alles, sie war ihm das Paradies der Erde. Nie hat er über seine Urbeitslast geklagt, nie über Sorgen oder kärgliches Leben oder Verkennung von seiten seiner Mitmenschen. Solche Zufriedenheit geht aus einer Seele hervor, die, bewußt oder unbewußt, mit Gott ganz eins geworden ist. Die Unruhe des neuzeitlichen Lebens bringt es leider mit sich, daß dieses Linssein mit Gott immer seltener gefunden wird, da ist immer hasten und Laufen, Konkurrenzneid und Vergnügungsleben, das die Seele unfroh macht, wenn ich reiche Männer sehe, Männer in geachteter sozialer Stellung, die immer verdrießlich oder nervös sind, wenn ich Frauen beobachte, denen alles zur Verfügung steht, was das Leben an Unnehmlichkeiten bietet, und die dennoch nicht froh sind, so muß ich immer an meinen alten Freund denken, der von der Mühsal seines Erdenlebens nun auf dem Dorfkirchhofe ausruht und die Ruhe in Gott gefunden hat. h. B. - 18 Das kirchliche und religiös-sittliche Leben in den Gemeinden des evangelischen Dekanates Giehen im Jahre l9s5. (Fortsetzung.) 8. Innere Mission. wie überall, so ist auch in unserem Dekanate die Tätigkeit der Inneren Mission trotz des fortdauernden Krieges allmählich wieder in Fluß gekommen. Der Dberhessische Verein für Innere Mission hielt am 24. November 1915 seine Jahresversammlung ab, die erste in der Kriegszeit und die erste unter seinem neuen Vorsitzenden, Professor D. Schian. Allerdings fand die Versammlung gegen sonst in sehr gekürzter Form statt, von der gewohnten öffentlichen Versammlung am Abend hatte der Vorstand ganz abgesehen. Die Tagung bestand in der Hauptsache aus einem Neferat des Pfarrers Bechtolsheimer-Gießen über die Frage: „hat die evangelische Kirche im Kriege versagt?" Die Frage läuft im letzten Grunde auf die andere hinaus: „hat das Christentum sich im Kriege als wertvoll erwiesen, sind Krieg und Thristentum miteinander zu vereinbaren?" Allen Angriffen und einseitigen Darstellungen gegenüber kam der Neferent zum Schlüsse, daß die evangelische Kirche in der Kriegszeit alle Kräfte entfaltet hat, und daß die Gaben und Kräfte des Evangeliums, die Schätze ihrer Lieder, von vielen Kämpfern als wertvoll, ja als unentbehrlich, empfunden worden sind. Der von dem Unterzeichneten im Abendgottesdienste gehaltenen predigt lag Offenbarung Johannis 3 Vers 7 und 8 zugrunde. Ein Dekanatsfest für Innere Mission, wie es vor Jahren auf Anregung des vereinsgeistlichen Bräß von der Dekanats- spnode beschlossen worden war, fand allerdings auch im zwei- tcTt Kriegsjahre nicht statt. Es war schon vor dem Kriege schwierig, für jedes der drei Dekanatsfeste eine geeignete und willige Festgemeinde zu finden. Und die meisten Schwierigkeiten stellten sich stets dem Feste für Innere Mission entgegen. Doch ist geplant, noch im Laufe dieses winters eine Ueihe von Vorträgen über die Innere Mission, besonders aber über das Zeitgemäße und interessante Thema der Fürsorge für verkrüppelte und arbeitsunfähige Kriegsteilnehmer, durch den jetzigen vereinsgeistlichen in den Dekanatsgemeinden halten zu lassen. Die Verhandlungen sind eingeleitet und hoffentlich finden sich genügend Gemeinden, in denen der Uedner sprechen kann. Gewiß finden derartige Ausführungen aufmerksame Zuhörer, sei es nun in gottesdienstlicher Versammlung in der Kirche, sei es in irgend einem Verein, Frauenoerein oder dergl. Es soll hier noch nachträglich erwähnt werden, daß bereits 1914 im Zusammenhang mit dem Ausbruch des Krieges Ueiskirchen eine Kleinkinderschule neu entstanden ist und sich bis heute als lebensfähig und als ein Bedürfnis für die Gemeinde erwiesen hat. Im vorigen Bericht konnte hiervon noch keine Mitteilung gemacht werden, weil die Berichte der Kirchenvorstände über derartige Vorgänge in den Gemeinden dem Unterzeichneten nicht zugänglich waren. In der Erziehungs- und Fürsorgearbeit hat die lange Kriegsdauer mehr und erschwerte Hrbeit gebracht. Mehr: denn in nicht wenigen Fällen zeigte es sich, wie die lange Abwesenheit des Hausvaters und die mancherorts sich mehr und mehr hervorwagende Verwilderung der Jugend gar manchen Jungen sich von der Zucht der Mutter losreißen ließ. Pfarrer G r o t h - Uödgen. 9. Der Dustav-Adolf-Verein. Trotz der hervorragend friedlichen Tätigkeit, der er wie alle Vereinigungen, die der christlichen Liebesarbeit dienen, obliegt, umgibt den Gustao-Adolf-Verein wenigstens in seinem Namen ein gewisser kriegerischer Glanz. Unser Volk hat ihn sich um der alten ehrwürdigen Erinnerung willen, die sich an diesen Namen knüpft, gern gefallen lassen. Gott weiß es aber, wie diese in seinem Kerzen unter dem Einflüsse dieses Krieges ein besonders hell loderndes Feuer der Ehristenliebe hat entbrennen lassen. Das diesjährige Ergebnis der Leistungen straft das vorjährige, das schon ein so hervorragendes war, nicht nur nicht Lügen, sondern überbietet es sogar noch. Das sehen wir schon an dem Schoßkinde des Vereins, der Gustav-Adolf-Haus- kollekte. Mit 35 358,20 Mk. überbietet sie die vorhergegangene Kriegsgenossin und hält ihr einen lOprozentigen Ueber- schuß vor Augen, während diese schon mit ihren l3 QL Ztöver, Gieße 7 Settersweg 16 yijren, Hold- u. Silberwar Kestecke Reparaturen in eigener Werksta r prompt und billig n ßescbw. Holberg Nacht. en Modes Gießen, Plockstraßa 5 empfehlen sich inallen in ihr tt Fach schlagenden Arbeiten. imufifalicn imufifinfltumente Ernst Ehgllier, Siesten Kudotph's Nacht. Nruenweg 9 Telephon 671 verantwortlich: für den Textteil Pfarrer Bechtolsheim er, für den Anzeigenteil h. 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