I Nr. 4. Metzen, Sonntag 4. nach Epiphanias, den 28. Januar 1917. 6. Jahrgang. Die größte Not des Lebens. Brief an die Galater 3,13. Christus hat uns erlöset von dem Fluch des Gesetzes, da er ward ein Fluch für uns. Der Weltkrieg hat uns in eine ganze Reihe von Nöten hineingestellt, die den meisten von uns vordem fast nur dem Namen nach bekannt waren. Nachdem der Zehnbund in schmählichster Weise die dargebotene Friedenshand des Vierbundes zurückgestoßen hat, werden unausbleiblich manche dieser Rriegsnöte sich noch steigern. Es ist eine Rllgemein- beobachtung, daß in schweren Zeiten zunächst alles Zinnen des Menschen auf Rbwehr der äußeren Nöte gerichtet ist, zur Zelbstbesinnung, zur Versenkung in die innere Not des Herzens sozusagen die Zeit fehlt. Rnders wird es zumeist erst, wenn die Zeit der Trübsal lange anhält, sich womöglich ständig steigert. Va kommt schließlich die große, schwere Frage nach dem inneren Warum alles Geschehens, die gebieterisch Rntwort heischt. Denn der Mensch ist viel zu sehr in eine wunderbare Ordnung und Gesetzmäßigkeit der Dinge verflochten, als daß er das scheinbar fortgesetzt Zinn- und planlose seines äußeren und inneren Erlebens ertragen könnte. Uns will nun bedünken, als sei für unser Volk und jeden, Einzelnen die Zeit reif geworden zu dieser Zelbstprüfung, die hinabgreist bis in die Urgründe unseres Zeins und Empfindens, die Zeit, wo man über alle Linzelnöte hinweg sich auf die große Urnot des Zeins und des Ich besinnt. Und wer diese entscheidende Prüfung alsdann unerbittlich vollzieht, auf den wird doch wohl die erschütternde Davidklage wie eine Bloßlegung seines geheimsten Zeelenschadens wirken: „Meine Zünden gehen über mein Haupt, wie eine schwere Last sind sie mir zu schwer geworden." — Mr wissen wohl, daß es manchen gibt, der sein Lebtag den Rusdruck „Zünde" Haßte und oft lediglich als eine Erfindung einer herrschsüchtigen Geistlichkeit betrachtete, die mit diesem Zchreckgespenst Zeelen- fang betreibe, um dadurch dauernd und bequem auf ihre geistige und materielle Rechnung zu kommen. — Merkwürdig bleibt dann nur, daß, seitdem die Erde steht, kein Volk je ohne ein ganz scharf umrissenes Schuld- und Zündenbewußtsein geblieben ist und bleibt. Daß jedes Volk — nur in der äußeren Rusgestaltung von einander unterschieden - daher zu einem unabweislichen Zühne- und Gpferbedürfnis gekommen ist, zu deren geregelter und weihevoller Befriedigung es sich eine besondere Vertretung, die Priesterschaft oder Rirche, schuf. Denn so naiv wird doch wohl niemand sein, zu glauben, daß zuerst die Priesterschaft da war, und sich dann ihre „Zchäflein" heranzog und anlockte! Einzelne Mißbräuche aber auf diesem Gebiete, die mit der menschlichen Natur ursächlich Zusammenhängen, stehen auf einem andern Brett! Zie können höchstens aus einer so allgemeinmenschlichen und so tiefgreifenden inneren Zeelennot um der Zünde willen erklärt werden, daß mancher fromme Betrug möglich war. Die Zünde selbst bleibt um deswillen doch die eigentliche und sogar alleinige innere Rot der Menschheit als Ganzes und jedes Einzelnen. — Was angesichts dessen die Erscheinung des Weltheilands, Jahrhunderte vorher schon mehr oder weniger klar von der nach Erlösung seufzenden Menschheit erhofft und erwartet, besagen will, was das wunderbar geheimnisvolle und doch von der inneren Herzensstimme als so wahr und beseligend vernehmbare Pauluswort offenbart: „Ehristus hat uns erlöset von dem Fluch des Gesetzes, da er ward ein Fluch für uns", dafür kann vielleicht keine Zeit mehr und eindringlicher als die jetzige Phase des Weltkriegs das Ghr des inneren Verständnisses öffnen. Es ist wahrlich tausendmal mehr als bloß fromme Phrase, wenn treueste Freunde des Volkes immer ernster darauf Hinweisen, daß von der inneren Ztellung des deutschen Volkes und jedes Einzelnen zur Zünde unmittelbar auch der äußere Verlauf dieses welterschütternden Rrieges abhängt. Denn Gott läßt sich nicht spotten! Der Morgenstern. Jeder, der in diesen kurzen Tagen Gelegenheit hat, am frühen Morgen einen Blick hinaus zu tun in die dunkle Natur, wird überrascht sein, mitunter am Firmament einen einzigen Ztern zu sehen, so groß, so hell und strahlend, daß er wie ein kostbarer Edelstein auf dunkler Fläche erscheint. Es ist der Morgenstern! Dadurch, daß die anderen Zterne die Dunkelheit mit ihrem Licht nicht zu durchdringen vermögen und er allein uns sichtbar ist, hat dieses einsame, wunderbar strahlend Gestirn etwas überwältigend Eindrucksvolles für den stillen Beschauer. 14 Wem käme da nicht der Ztern von Bethlehem in den Zinn, dem die Nugen all derer zugewandt waren, die sehnsuchtsvoll der Erfüllung aller Verheißungen entgegen sahen? Und kommt uns dann nicht auch der Gedanke, daß solch ein einsamer, großer Ztern, der über eine Welt von Unruhe und Ztreit leuchtet, einem jeden von uns viel, sehr viel zu sagen hat? Dieses Licht am Himmelsdom in dunkler Nacht, die sich eben anschickt, dem Morgendämmern zu weichen? Wir wissen, daß dieses Licht immer da ist, auch wenn wir es nicht zu sehen vermögen, es ist immer bestehend, wie alles Erhabene, Ewige und Unwandelbare, was Gottes Güte uns mit nimmermüder Hand schenkt. Doch ach! wie achtlos gehen wir oft daran vorüber, weil wir uns nicht die Mühe geben, uns darein zu versenken. Dieser Ztern erscheint mir darum so schön und herrlich, weil er Herz und Nuge ganz unmittelbar zum Himmel sich, zu wenden veranlaßt, als erstes nach dem Erwachen. Für alle die, die ihn der frühen Ztunde wegen nicht sehen können, muß es wertvoll sein, zu wissen, daß der Ztern da ist, ein Kuge Gottes, über uns wachend. Unser Morgen beginnt dadurch mit einem Lob- und Dankgefühl, das uns befähigt, mit freudigem Herzen dem Tag und seinen Unforderungen entgegen zu gehen. Wer des öfteren im Züden war und beobachtete, wie viel zahlreicher und größer die Zterne dort zu sehen sind, der versteht es, daß ihnen meist ein so großer Einfluß auf alles Lebende einst zugemessen wurde. Es liegt ein großer Zauber in dem Bedachten des südlichen gestirnten Himmels, eine Macht, der jede sehnende Zeele sich gern hingibt. Zie zieht uns aus der Erdenschwere in himmelsweiten und gibt uns ein Uhnen dessen, das unser wartet, wenn wir uns völlig von allem Irdischen gelöst haben. — „In ewigen Bahnen wandelt der Zterne Heer." Baronin N. Aur dem Leben eines Gießener Bürgers um dar Zahr |800. (Schluß.) Kohlermanns Aufzeichnungen über die Drangsale, die am Ende des 18. Jahrhunderts über die Stabt Gießen gekommen sind, sind recht anschaulich und ergänzen das, was seither schon darüber bekannt war, in wirkungsvoller Weise. Groß war die Linquartierungslast; wenn Kohlermann in einer Nacht für seine Zoldaten 8 Gulden aufwenden mußte, so war das nach dem damaligen Geldwert eine ansehnliche Zumme. Die Kugeln, mit denen die Franzosen am 16. Zep- tember 1796 die Ztadt Gießen beschossen haben, waren zum Glück eine sehr geringwertige Munition,' bei der Explosivkraft, die in diesem furchtbaren Kriege Nrtilleriegeschosse haben, wäre Gießen damals rasch ein Trümmerhaufen geworden. Daß kein einziger Mensch dabei ums Leben kam, war eine gnädige Behütung Gottes, wie sie die Ztadt bereits im Jahre 1646 bei einem Anstürme der Zchweden erfahren halte. Das Nähere darüber haben wir im „Zonntagsgruß", Jahrgang 1914, Nr. 4, mitgeteilt. Uebrigens waren die Gießener „Borger" damals rechte Männer, sie hielten auf dem Kirchenplatze trotz der Beschießung bei der Zpritze aus, bereit, wenn es nötig geworden wäre, entstandenes Feuer zu löschen. Wenn unser Gewährsmann dann schreibt, daß die Franzos. am 22. Zeptember 1797 auf der Hardt ihr Neujahrsfest gefeiert haben, so ist daran zu erinnern, daß nach dem Kalender der französischen Nepublik dieser Tag der erste Tag des Jahres war. Ts zeugt von der staatsmännischen Einsicht Napoleons, daß er diesen Kalender sofort, nachdem er Kaiser der Franzosen geworden war, wieder abschaffte und den Gregorianischen Kalender wieder einführte. Uebrigens ist die Schilderung dieser militärischen Feier sehr unleserlich geschrieben, so daß manches unklar bleibt. - von dem Leben und Ergehen dieses Gießener Bürgers erfahren wir somit mancherlei aus seinem Tagebuche. Ein tüchtiges, ehrenwertes Leben zieht in Lust und Leid an uns vorüber. Leider war es uns nicht möglich, etwas über die weiteren Schicksale und den Todestag Kohlermanns ausfindig zu machen. Die Zterberegister der evangelischen Gemeinde Gießen enthalten nichts über seinen Todestag, Ludwig An- dreas Kohlermann muß somit auswärts gestorben sein. Welche Schicksale den Mann in die Fremde verschlagen haben, oder ob er auf einer Neise gestorben ist, läßt sich nicht ermitteln, vielleicht hilft hier jemand von seinen Gießener Nachkommen weiter. Neußerst interessant ist jedoch der Umstand, daß die Spur eines Mannes, der sicher noch vor 100 Jahren in Gießen gelebt hat, so im Sande verrinnt. Wenn man das bedenkt, so braucht man sich nicht mehr darüber zu wundern, daß wir über die letzten Lebensjahre des Apostels Paulus und der übrigen großen Apostel ganz im Dunkeln sind, von diesen Männern trennt uns doch ein weit größerer Zeitraum, und die Ouellen, die über sie Auskunft geben könnten, sind völlig versiegt. h. Das kirchliche und religiös-sittliche Leben in den Gemeinden des evangelischen Dekanates Gießen im Zahre \ 9 \ 5 . (Fortsetzung.) 7. Heidenmission. Kein anderes Liebeswerk ist in seiner äußeren Arbeit so sehr durch den Weltkrieg erschüttert worden, als die Mission. Ls ist bekannt und soll nicht wiederholt werden, wie schändlich England die deutschen Missionen in unseren und in seinen eigenen Kolonien behandelt hat. Zum alten Uuhme hat es neue Kränze gewunden, als er vor kurzem die Familien der in Deutsch-Gstafrika segensreich wirkenden Brüdergemeinde auseinanderriß und in Gefangenschaft schleppte. Man bangt bei der Frage: „Was werden die Heiden denken über die im Massenmorde sich hinschlachtenden christlichen Völker Europas?" Werden sie die Politik christlicher Völker von dem Wesen wahren Ehristentums unterscheiden können? Sicher ist doch, nicht das Ehristentum hat in diesem furchtbaren Vernichtungskriege Bankerott gemacht, sondern eine in ihren Nuswirkungen brutale, egoistische Kultur. Die Missionen haben nicht nur blühende Arbeitsfelder verloren, die deutschen Missionsgesellschaften haben auch Verluste im tiefsten Zinne des Wortes erlitten. Ein großer Teil der Zöglinge und jungen Missionsarbeiter liegt auf den Schlachtfeldern begraben. Doch dieses Opfer teilen sie gerne mit anderen in unserem Volke. Wir könnten noch auf andere Zchwierigkeiten Hinweisen, es soll jetzt nicht geschehen. Wir wollen nicht kleinmütig sorgen und sagen : „Was wird es mit der Mission im Frieden werden?", sondern uns ruhig und fest auf den Boden des Glaubensgehorsams stellen und vertrauen: „Die Zach ist dein, Herr Jesu Thrist, die Zach, an der wir stehn, und weil es deine Zache ist, kann sie nicht untergehn." Wir und unsere Gemeinden sollen jetzt nichts anderes als diesem Werk des Herrn die Treue halten und — unsere Schuldigkeit tun. Es ist freudig anzuerkennen, daß die Arbeit für die Mission irt vergangenen Jahre von unseren Gemeinden neben 15 anderen drängenden Aufgaben nicht vergessen wurde. Zur die beliebten Missionsseste war allerdings die Zeit nicht geeignet, aber ein stilles, gut besuchtes Dekanatsmissionsfest fand am 26. September nachmittags in der Kirche zu Wieseck statt, wobei Missionar Gsell predigte und der Unterzeichnete den Jahresbericht erstattete. Jetzt zeigt es sich auch, wie wichtig es ist, während den Friedensjahren in den Gemeinden Missionsfreunde gesammelt und sie an regelmäßiges Geben (auch ohne Feste) gewöhnt zu haben. Leider ist es nicht in allen Gemeinden der Fall. Uber nur so kann das Werk fun- damentiert und von äußeren Erschütterungen frei gehalten werden. Die Gesamtsumme aller Missionsgaben im Dekanate beträgt 6577 Mk. und bleibt hinter Friedensjahren nicht zurück, ja übertrifft sogar manches Jahr in der Vergangenheit. hierfür sei den opferwilligen Gebern in unseren Gemeinden von Kerzen gedankt und zugleich die Bitte ausgesprochen für den weiteren schweren weg: „halte aus, halte aus, Zion, halte Deine Treu!" Dekan Gußmann-Kirchberg. (Fortsetzung folgt.) Aus der Jugendzeit eines deutschen Männer. (Fortsetzung.) Endlich waren die Parzen fertig, und die Proben in der Schule begannen. Die Bibelverse wurden von den Chören wechselweise abgesungen in der weise, wie der Geistliche die Intonationen und Nesponsorien vor dem Altar singt, was bei einem Chore ohne Noten und ohne Takt viele Uebung verlangt. Die meisten dieser Bibelverse wurden mit den Worten „Cia! Lia!" eingeleitet, was man aber dort ,,Cja! Cja!" aussprach, daher dieser Gesang auch kurz das „Cjasingen genannt wurde. Endlich war der Weihnachts-Heiligabend erschienen, und wir wurden beschieden, uns in der Nacht um halb vier Nhr mit Gesangbuch und Parze im Schulhause einzufinden,- auch sollte jeder ein möglichst großes Licht mitbringen und sich festlich zum ersten Thristtage anziehen. Mein bester Anzug war ein mehr als bescheidener. Line grobe wollene Jacke, in welcher die Arme aus den Aermeln herausgewachsen waren, bildete das wärmste der Kleidungsstücke. Das Schlimmste aber waren die Schuhe, mit denen ich ewig Not hatte. Sie waren schief und niedergetreten und saßen daher nicht fest. Beim Gehen klappte das hinterleder leicht nieder; der Schuh verwandelte sich nach eigener Laune in einen Pantoffel und ich verlor ihn vom Fuße. Der rechte war noch launischer als der linke. Um halb 4 Uhr war ich mit meiner Wachskerze im Schulhause. Mein Vater hatte sie für 4 Groschen erkauft, was mir ein großes Geld schien, und dennoch war meine Kerze eine der kleinsten. Der Himmel war bezogen, und es fiel ein leichter Schnee. Als es gegen 4 Uhr zum erstenmal läutete, setzten wir uns in Bewegung. Die Kerzen wurden angezündet, und paarweise nach der Nangordnung des Sitzens in der Klasse führte uns der Uektor zur Kirche, die bereits im Innern hell erleuchtet war. Teils der Wind, teil der Schnee verlöschten den größten Teil der Kerzen, die wir erst nach dem (Eintritt in das Kirchengebäude wieder anzünden konnten, wir mußten nun die Treppe zum Grgelchor hinaussteigen, was in großer Eile geschah. Diese Treppe war eigentlich eine Art von'Leiter mit breiten Stufen, hinten ohne Rückwand oder Verschalung. Bei dem eiligen hinaufsteigen verlor ich den einen Schuh, und der mir folgende Schüler stieß ihn mit dem Fuße fort, so daß er sich in einen dunklen Baum unter der Treppe verlor, wo es unmöglich war, ihn im Finstern zu finden. Ich hatte nicht einmal Zeit, ihn zu suchen,' denn ich mußte auf das Grgelchor, und saß nun da mit einem Schuh, den andern Fuß bloß mit einem Strumpfe bedeckt. Mein weinen erregte nur das Lachen der übrigen Schüler, und ich mußte mich beruhigen, so gut ich konnte. Die Kirche bot einen festlichen Anblick dar. Sie war gedrängt voll geputzter Menschen, und jeder ohne Ausnahme hatte ein Licht vor sich oder in der Hand. Cs begann das Lied : „Lin Kind gebor'n zu Bethlehem",' dann folgte: „vom Himmel hoch da komm ich her", hierauf verließen wir Knaben den Grgelchor, und die vier Schülerchöre verteilten sich in die vier Emporkirchen, deren vorderste Bänke für uns frei gelassen waren. Nunmehr begann das „Cjasingen" aus den Parzen, indem der erste Thor anfing : „Cja, Cja. Und du, Bethlehem Lphrata, die du bist die kleinste aus den Städten Juda, aus dir soll mir kommen der Herr" usw. Darauf antwortete der gegenüberliegende Chor mit einem anderen prophetischen Ausspruch,' dann kam der dritte und hierauf der vierte Chor. In dieser Ordnung wurden auch die übrigen Stellen aus den Parzen mit untermischten Liederversen aus Weihnachtsgesängen vorgetragen. Das Ganze wurde leise von der Orgel begleitet, um den Ton nicht sinken zu lassen. Bei den Liederversen sang die Gemeinde meistens mit, und mit einem Gesangbuchliede und der vollen Orgel schloß das Cja- singen, während dessen die Schüler sich wieder nach dem Grgelchore begaben. Jetzt hielt der Prediger die Frühpredigt, bei deren Anfang viele die Kirche verließen und nach Hause gingen. Nach der predigt schloß wieder der Gesang eines Liedes die Feier, und ich ging, um mit meinem wachslichte meinen Schuh zu suchen, den ich auch glücklich tief im Staube liegend, wiederfand. Diese Art des Gottesdienstes war damals schon in vielen Städten abgeschafft wegen des groben Unfuges, der sich überall bei nächtlichen Gottesdiensten einzustellen pflegt und den man nirgends hatte beseitigen können. In Friedland aber hielt sich alles Altkirchliche länger als irgendwo,' doch ist auch hier schon wenige Jahre später dieses Cjasingen abgeschafft. So kam das Jahr 1795 heran, wir hatten vergangene Ostern die Wohnung gewechselt,' aber da der Dienst meines Vaters immer weniger eintrug, war auch diese noch zu teuer, und zu Ostern 1795 mieteten wir ein kleines Haus, dessen Hof durch die Stadtmauer begrenzt wurde. Meine Mutter schaffte sich ezn halb Dutzend Hühner an und ließ einige Hennen brütend "Leider fanden wir eines Morgens die ganze Brut, über welche wir Kinder uns sehr gefreut hatten, vom Iltis erwürgt. Meine Lust zu zeichnen nahm immer mehr zu, aber nicht meine Geschicklichkeit, da mir auch die dürftigste Anleitung fehlte. Nicht einmal vorlageblätter existierten in Zriedland,' denn literarisch war die Stadt eine wahre wüste. Außer Bibel, Gesangbuch und den unter den Schulbüchern genannten Schriften, sowie dem Kalender waren wenig Bücher zu finden. Cs gab nur einen Buchbinder, der auch sehr wenig zu tun hatte, und wie er arbeitete, möge folgendes zeigen. Mein Vater hatte für mich Hübners biblische Historien gekauft und brachte sie zum Einbinden, wünschte aber einen dauerhaften Band. Der Buchbinder riet zu einem Lederbande, denn der sei unverwüstlich, und mein Vater willigte darein. Cs dauerte lanae, ehe das Buch fertig wurde: endlich erhielten wir es, aber beide Deckel hatten sich der Länge nach ausgekrümmt, 16 so daß das Luch, wenn man es auf den Tisch legte, halb aufgeschlagen erschien. Täglich nahm die Krümmung mehr zu, bis die Deckel wie halbe, der Länge nach durchschnittene Köhren erschienen, steif wie (Eifert, und nach dem angewendeten Kleister und schlechtem Leder lange Zeit abscheulich riechend. Der Luchbinder behauptete: das könne nicht anders sein, das Leder trockne zusammen und ziehe die Deckel krumme es ließe sich auch nicht ändern, weil es immer weiter trockne, und was so übel röche, das sei der Leim, den er nicht sparen könne. So stand es fast in jeder Beziehung mit der Kunstfertigkeit in der Stadt. Undere Lücher als die genannten fehlten fast ganz. Lange Zeit waren Leckers hausbackenes Not- und k)ilfsbüchlein und Till Eulenspiegels unflätige Späße, die wir uns geliehen hatten, unsere einzige Lektüre. Meine Mutter, die sehr gern las, entbehrte dies schmerzlich. Sie wagte es einmal, den Lektor zu bitten, ihr irgend etwas zum Lesen zu leihen. Der gab ihr: „Das Grab des Aberglaubens", hatte aber nachher gegen jemand geäußert: Eine Frau könne was Klügeres tun, als Lücher lesen,' das solle nur so was heißen, als wäre meine Mutter was Besseres als andere Weiber. (Fortsetzung folgt.) «leine Mitteilungen. Zur Ersparung von Licht sind wir genötigt, von jetzt an unsere beiden Kirchen erst eine Viertelstunde vor Beginn des Läutens, also in den Ubendgottesdiensten am Sonntag von 4 V 4 Uhr an, bei den Kriegsbetstunden von 7 3 / 4 Uhr an zu beleuchten. * » * Jeder Erwachsene gönnt gewiß der Jugend den Schlitt- schuhlauf und das Fahren auf den kleinen Hundschlitten, „Rodeln" nennt man das in der Gegenwart, nicht ohne eine gewisse Gespreiztheit. Die Jugend muß sich aber bewußt bleiben, daß sie bei all diesen Wintervergnügungen, zumal in der gegenwärtigen ernsten Zeit, Zucht und Sitte beobachten muß. Wenn Knaben jedes Dienstmädchen, das schwer bepackt mit Körben und Paketen seines Weges geht, oder jedes Kinderfräulein, das kleine Kinder an der Hand führt, sowie auch jedes kleine Schulkind in wüster Weise mit Schnee bewerfen, so sollte man ihnen begreiflich machen, daß dieses Verhalten der Ausfluß einer ehrlosen Gesinnung ist. Was soll man auch sagen, wenn Knaben eine Frau, die bei dem Fehlen männlicher Kräfte einen Wagen durch die Stadt lenkt, mit wohlgezielten Würfen belästigen? Wer kann es unseren Knaben nicht frühe genug einprägen, daß es ehrlos ist. Wehrlose zu mißhandeln. Und was fallen für Sememe, niederträchtige Uedensarten, wenn die Jugend sich auf der Straße mit Schlittenfahren vergnügt! Wehe dem Erwachsenen, der einen rohen Knaben auch nur zur Rede stellt, die allerunverschämteste Gegenrede wird ihm zu teil. Man beobachtet auf den Straßen unserer Stadt manchmal ein Treiben, daß man das wäre das einzig Richtige — am liebsten mit festem Griff zupacken möchte. Uber nein, das duldet unser Jahrhundert, „das Jahrhundert des Kindes" nicht. Wir dulden, daß jeder dreiste, unwissende Junge aus der Straße sich „aus- lebt", und meinen, daß das zur „Ertüchtigung" der Jugend beitrage, höher als der „Sport" — wann werden wir dieses undeutsche Wort loswerden? — steht das Geistes- und Gemütsleben unserer Nation. Mrchliche Anzeigen. Sonntag, den 28. Januar. 4. nach Epiphanias. Gottesdienst. )n der Ztadtlirche. vormittags 97 2 Uhr: Pfarrer Mahr, vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeinde. Pfarrer Mahr. Abends 5 Uhr: Pfarrer Schwabe. Abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Matthäusgemeinde. Abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Markusgemeinde, siehe Wartburgverein. von Sonntag, den 4. Februar an, beginnen die Abendgottesdienste um 6 Uhr. In der Johanneskirche. vormittags 97 2 Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer. Abends 5 Uhr: Pfarrer Ausfeld. Leichte und heiliges Abend- mahl für die Lukas- und Johannesgemeinde. Unmeldungen werden vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. Abends V 28 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Lukasgemeinde. Abends 1 / 2 S Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Johannesgemeinde. Mittwoch, den ZI. Januar: Kriegsbetstunde. Pfarrer Ausfeld. Carl Loos 4irchenplatz 13 Telephon 797 Manufaktur- und Weißwaren Herren- u. Knabenkleidei Heinrich Noil Mäusburg Nr. 7 Telephon Nr. 292 Spezial-Geschäft für Bureaubedarf - Schreibmaschinen Papierhandlung, Buchbinderei, Gesangbücher. Moderne Kunstarbeiten. Photographische Apparate und Zubehöre Hof-Möbel-Fabrik Th. Brück Gießen, Ecke Schloßgasse- :: Kanzleiberg-Brandplatz:: Midiärg Nacht. Modes Gießen, Plockstraße 5 empfehlen sich inallen in ihr Fach schlagenden Arbeiten. 1 CARL LUDWIG LEIB j KUNSTHANDLUNG • BILDER* EINRAHMUNGS - GESCHÄFT j \ VERGOLDEREI kirchstr.2 ANTIQUITÄTEN ♦ Ältestes u. größtes Möbel- Fabriklager Oberhessens begründet 1858 :: Mehrfach ausgezeichnet Vorhänge . Teppiche . Linoleum Spez.: Schlafzimmer-Einrichtungen mit patentamtlich gesch. Matratzen D. G. M. 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