Gemeinöeblatt sürüie evangelische Kircbengemeinöe Gieszew Nr. 3. Giehen, Sonntag 3. nach Epiphanias, den 21. Januar 1917. 6. Jahrgang. Mein Elternhaus. Psalm 37, 37. Bleibe fromm und halte dich recht; denn solchem wird es zuletzt wohlgehen. Mein Elternhaus ist nicht mehr vorhanden. Zwar das Gebäude, in dem ich, von fürsorgender Liebe umschirmt, mit den Geschwistern herangewachsen bin, steht noch, genau so, wie es schon seit achtzig Jahren steht, aber es wohnen in ihm jetzt fremde Menschen, und wenn ich in die Heimat komme, so gehe ich als ein Fremder an denn Hause vorüber, das mir einst so teuer war. Nur einen kurzen Blick werfe ich auf das eiserne Tor, durch das ich so oft hindurchgeschritten, auf die hohe Steintreppe, die ich als Rnabe in der Negel mit drei Lätze hinangestürmt bin, nur einen kurzen Blick auf das letzte an der Straßenfront gelegene Fenster, hinter ihm saß an manchem Winterabend, ganz im Dunkeln der Vater, wenn er wußte, daß ich aus der Fremde nach Hause kommen werde. Cr war kein Mann von vielen Worten, er verstand es nicht, seine Gefühle in einem großen Redeschwalle wiederzugeben, aber daß er im dunklen Zimmer ganz allein saß und wartete, bis mein Schritt, den er wohl kannte, auf dem Straßenpflaster klang, das werde ich nie vergessen. Nun ruht er seit manchem Jahr auf dem Friedhof der Heimat aus von seinen Werken,- Mutter und Geschwister sind weggezogen. Rber keine Macht der Welt kann mir das Erbteil entreißen, das mir das Elternhaus anvertraut hat. Obenan steht das Erbteil einer gottseligen Erziehung. Die Eltern gehörten nicht zu den Menschen, die beständig fromme Redensarten im Munde führten und die sogenannte „Sprache Ra- naans" redeten, aber stilles, christliches Leben erfüllte ihr Haus, demütiges Gottoertrauen ging mit ihnen auf allen ihren wegen. Ehrerbietige Scheu vor dem heiligen wurde den Rindern von frühester Jugend an eingepflanzt, Jesus wurde nie anders als mit der tiefsten Ehrerbietung genannt. Zum Besuche des Gottesdienstes wurden wir schon früh angehalten. vom Gottesdienst selbst habe ich in jener ersten Zeit nicht viel verstanden, aber es war doch so feierlich in der hoch auf einem Hügel gelegenen, ringsum von Buschwerk umgebenen Rirche, in der die schwarzgekleideten Menschen sich still bewegten. Ruch wenn ich während der predigt von der Orgelempore, auf der ich saß, durch die bunten Scheiben hinaus in das Freie sah, so war das doch keine Rblenkung meiner kindlichen Rndacht; die gelben, roten und grünen Scheiben trugen dazu bei, die Feierstimmung in mir zu erhöhen. was man so in der empfänglichen Rindheit in sich aufnimmt, das kann nie verloren gehen. Bleibe fromm! Mit diesem Wort entließ mich das Elternhaus, ohne es auszusprechen, hinaus in das Leben. Ruch die andere Mahnung des bekannten, herrlichen 37. psalmes: halte dich recht! geht seit meiner Rindheit Tagen mit mir. was war es, das im Jünglingsalter, wo zu leicht der wünsche Schwarm ins Freie bricht und das schlechte Beispiel ausgelassener, unbotmäßiger Rltersgenossen an allen Orten reizt und lockt, die Seele im ruhigen Gleichgewichte erhielt? wahrlich nicht die eigene Tugendhaftigkeit,- denn die stand nicht hoch im Rurse. Des Menschen selbsterworbene Tugend ist ein dürftiges, vielfach geflicktes Rleid und keinen Pfifferling wert, was die Seele bändigte und den Geist in Schranken hielt, das war der Gedanke an die Eltern. Du kannst Vater und Mutter nicht mehr unter die Rügen treten, wenn du auf schlechten wegen gegangen bist, du müßtest dich vor ihnen zu Tod schämen, wenn du ein schlechter Mensch geworden wärest. Denke daran, wie sie ihr Leben führten, schlicht und recht, in Treue und Selbstverleugnung, in Zucht und Sitte! willst du aus der Rrt schlagen? Diese Erwägungen waren es, die vor dem hinabgleiten in die Tiefe schützten. Der Segen des Elternhauses umgibt jetzt auch die, die vor dem Feinde stehen. Daß sie den Mut und das vertrauen auf Gott nicht verlieren, daß sie auch im Feindesland Christen bleiben und unter äußeren Umständen, da sich leicht die sittlichen Begriffe verwirren, dem deutschen Namen Ehre machen, verdanken sie allermeist der Ausrüstung, die ihnen die Eltern mit auf den Lebensweg gegeben Haben. Sm Wachen und Schlafen denken sie an den heiligen Ort, wo ihre wiege stand, wo sie heranwuchsen; und ob sie über Rumäniens Berge ziehen oder im Schützengraben an der Westfront liegen, sie schauen im Geiste stets das Elternhaus, das Haus, von Reb- laub umkränzt oder vom Rpfelbaum überschattet, das Haus, über dessen Lingangstür der Vorfahre, der es gebaut hat, Namen und Jahreszahl gesetzt hat, und liebe, vertraute Stimmen flüstern ihnen zu: Mein Rind vergiß meines Gesetzes nicht und dein Herz behalte meine Gebote wohl; denn sie werden dir langes Leben, gute Jahre und Frieden bringen, Gnade und Treue werden dich nicht verlassen. R.P. Aus dem Leben eines Giehener Bürgers um dar Zahr, 800 . (Fortsetzung.) Dick Menschen hoffen, wenn sie älter werden, daß sie nach den Jahren anstrengender Rrbeit und schweren Ringens noch ruhige und glückliche Tage erleben, daß auf den unruhigen Werktag des Lebens noch ein schöner Sonntag folgt. Sehr oft kommt es indessen anders. Leid und Trübsal stellen sich im vorgerückten Rlter ein, und von glücklicher Rlters- ruhe ist nichts zu spüren. So ging es auch mit Rohlermann. wir Haben im Geiste gesehen, wie er bei vielen frohen Tauffesten in der eigenen Familie und im Kreije verwandter und befreundeter Familien zugegen war, wie seine Rinder heranwuchsen, wie er zu einem eigenen Hause kam, nun sollen wir ihn auch noch durch schwere Jahre hindurchbegleiten. Leid in der Familie und Dermögensverluste bezeichnen seinen ferneren Lebensweg,- auch unter der Schickung, die jetzt auf uns ruht, hatte er zu leiden, unter den Röten des Rrieges. Zwar noch kurz, bevor das 18. Jahrhundert, in dem er geboren war, in das Grab sank, schon im Rlter von 48 Jahren hatte er die Freude, daß er Großvater wurde, hierüber schreibt er: „1799, den 4. Oktober ist meine Tochter, die Ruchbinder Friedrich S. mit einem Mädchen niederkommen und den 6. Oktober getauft worden. Die Taufzeugen (er schreibt: Taufzeien) sind gewesen ich, ihr vatter, ihre Schwiegermutter Ruchbinder h. Ehefrau, der Presbyter S., sein Onkel, und Frau Schuhmacher Dietz, des Lberhard Dietz Ehefrau und ihm den Ramen geben Helena Eleonora Lowisa. Gott gebe ihm Glück und Segen!" Die Freude des Großvaters dauerte nicht lange, schon am 27. Rovember des genannten Jahres mußte er von dem Enkelkind schreiben: „es ist an einem starken Fluß gestorben." Ruch das zweite Enkelkind, die kleine Johannetta Elisabetha Luise ist, wie oben mitgeteilt ist, früh verstorben, es ist nur sieben Monate alt geworden. vom Sterben ist auch weiter in dem Ruche zu lesen, wir lesen: „Rnno 1748 den 13. Rpril ist mein Rruder Ronrad Jakob geboren, den 27. Mai 1793 ist er an einer sehr heftigen, hitzigen Rrankheit gestorben Rbends um 7 Uhr und den 29. Mai 1793 morgens um 6 Rhr von den Rorger und Unteroffizier hinausgetragen worden. Gott habe ihn selig!" hier überrascht uns die ungewöhnlich frühe Stunde des Regräb- nisses. Es war übrigens bis zum Jahre 1875 und wohl noch darüber hinaus üblich, daß an Wochentagen die Reerdigungen zu früher Morgenstunde, etwa um 9 Uhr stattfanden. 3m Jahre 1812 verlor Rohlermann nach 36jähriger Ehe seine Gattin, sie ist 63 Jahre alt geworden. Er schreibt: „Samstag den 5. September 1812 ist meine Frau hart mit einer Lungenentzündung krank worden und ist Sonntag, den 13. September Mittags nach 11 Uhr gestorben und ist den 15. Mittags um 3 Uhr begraben worden. Gott gebe ihr die ewige Ruhe!" Rtit der Ehegattin scheint auch das Glück von dem Gießener Rürger, dessen Rufzeichnungen wir hier folgen, Rbschied genommen zu haben. Der Mann, der sich sein Leben lang anscheinend geplagt hat, macht am Ende seines 62. Lebensjahres folgende Rufzeichnung: „Mittwochen, den 6. Januar 1813 habe ich auf dem Rergen Ralatz (Rirchen- platz) mein Wohnhaus müssen verlassen, wo ich als Lehrjung und als Gesell und sechsunddreißig Jahre mit meiner selig verstorbenen Frau darin gelebt habe, Summa im Ganzen vertzig zwep Jahre, nun lebe ich, wie oben steht, seit dem 10 — 6. Januar ins Rempfs Haus auf dem Mark, und das habe ich meinem schönen Schwiegersohn zu danken, ist Herr Ruchbinder S., welcher schuld." Rus dieser Rngabe scheint hervorzugehen, daß der „schöne" Schwiegersohn ein leichtsinniger Mensch war, der den Schwiegervater so weit gebracht hat, daß er sein Haus veräußern und in Miete ziehen mußte. Man fühlt so recht, wie der Schmerz des treuen und frommen Mannes durch diese kurze, vielsagende Rotiz hindurchzittert. Rus dem Hause, das ihm von seiner Rindheit an vertraut war, in dem er gute und böse Tage verlebt, zuletzt noch die Gattin hatte sterben sehen, mußte er scheiden und eine Mietwohnung beziehen, was sicher den Stolz des Gießener „Rorgers" kränkte, vermutlich hat er seine letzten Lebensjahre in gedrückter Lage zugebracht, bemitleidet von verwandten und Freunden. wir deuteten schon an, daß Rohlermann auch über kriegerische Ereignisse Rufzeichnungen hinterlassen hat. von 1796 bis 1799 hatte Gießen unter den Franzosen zu leiden. Diese kämpften in wechselnden Rriegszügen in unserer Gegend mit den Gesterreichern und brachten am 11. und 16. September 1796 durch eine Reschießung vom hardtberge her die Stadt in große Gefahr. Reber diese Jahre teilt uns unser Gewährsmann folgendes mit: „Gießen den 8 ten Juli 1796, morgens früh um 6 Rhr sind die Franzosen nach Gießen gekommen, wo ich nachts um 11 Uhr 11 Mann bekommen habe bis morgens um 3 Uhr wo ich ales mußte geben, was sie essen und trinken wollten, nur keinen wein, den habe ich bittweise abgewandt, erst Raffee, Fleisch, Gemüs, Suppe, Rutter, Räs, Rier, Rranntwein und noch so viel auf den weg, ist uns aber sonst kein Leid widerfahren. Die eine Rächt kommt mich über 8 Gulden. Ris auf den 11. September habe ich alle Tag nur einen Mann gehabt, auch zuletzt habe ich nur 10 Tag um 10 Tag umgewechselt. Ren 11. September 1796 haben sie retirieren müssen, wo sie die Raiserlichen fortgejagt bis auf den Hardtberg bei Gießen, wo sie eine Stunde waren den Rachmittag um 2 Uhr, so beschossen sie die Stadt mit Rartätschenkugeln und Zwölf- pfündern bis 4 Uhr, hat aber weiter keinen Schaden getan, als in Schuhmacher Rönigs Stall hinter dem Stockhause hat eine Rugel entzündet und den Stall beinahe abgebrannt, wo sie ihre Rleider in das Heu verpackt hatten, welche auch mit verbrannt sind. Die mehrsten Rugeln flogen nach dem Stadt- thorn wo wir die große Gefahr hatten. Freitags den 16. September 1796, um 9 Uhr fing die Ranonade wieder an mit Haubitzen und Zwölfpfündern, wo ich meine Frau, Mutter und die vier Rinder in den hiesigen Schloßkeller schickte. Rachmittags mußten sie aber auf die Treppe, wo es nach dem Fruchtboden geht, wo wohl 100 Menschen waren. Sch aber mit meinen Rachbarn waren bey der Rirche gegenüber Rierwirts will Haus und hatten eine Spritze bei uns, wo wir nicht davongingen bis Rbends um 9 Uhr. habe als meiner Frau und meiner Mutter und den vier Rindern auf das Schloß zu essen und zu trinken gebracht und dann gleich wieder bei die Spritz, wo wieder die mehrste Ranonen auf dem Rirchenplatz versprungen sind auch über 100 Häuser beschädigt worden, gottlob aber kein Mensch und auch kein Vieh. Rber viele Einwohner der Stadt sind aus Gießen geflüchtet, beinahe ein viertel, so daß nur noch drei viertel in der Stadt wohnten. 3n der Rächt vom 17. September bis auf den 18. September 1796 zogen sich die Franzosen weg vom hartberg, wo ihnen die Raiserlichen auf dem Fuß nachfolgten, auch 11 viele Gefangene einbrachten und die Borger um drei Uhr Nachmittags die Thore wieder besetzten, wo wir nun sehr wenig Kaiserliche hier hatten. Bis den 27. April 1797 jagten sie die Kaiserlichen wieder fort, und die Franzosen kamen den Nachmittag wieder nach Gießen, wo ich gleich einen Unteroffizier und 4 Gemeine bekam. Die 4 Gemeine habe 14 Tage behalten, hernach habe 2 Mann bekommen, die habe ich 8 Wochen gehabt, und von da habe ich einen Mann, wo ich bald nicht wußte, wo ich es all her bekommen sollte, was es mich an Essen und Trinken kostet. Den 22. September 1797 Haben sie ihr Neujahr gefeiert, auf der Har6t haben sie einen Altar gebaut von Nasen, in der Mitte zwischen Vetzberg, im (Quadrat 40 Schuh rund herum, mit 8 Staffeln in der Mitte das Altar, auf beiden Seiten ein Pfosten mit einer Nauchflasche, in der Mitte das Nltar mit 4 Fahnen, standen Kanonen; alles, was zum Krieg gehört, war auf dem Altar zu sehen. Zweitausend Mann Kavallerie und Infanterie waren beisammen, wo General Sult (Soult) eine Nede hielt, und die Kanonen wurden während der Nede oft gelöst, weil zu der Zeit auch der General hose(?) in Wetzlar gestorben war, so machten sie am Fuße der Hardt ein falsches Grab und machten eine Prozession dahin und mußte ein jeder Kavallerist wie auch Infanterist über das Grab schießen und hernach zwei Gewehrsalven. Abends um 5 Uhr haben 200 Offiziere im großen Saal auf den Hlag (Anlagen?) gespeist, wo auch einige von der unserigen Munizipalität (Gemeinderat) mitgespeist haben. 1798, den 18. und 19. Dezember ist das Hauptquartier von hier gegangen, den 29. Expeditionsgeneral Gaget und Divisionsgeneral Bernadotte und Kommissär Bursuwa (Bourgeois?), wo ich noch ein (unleserlich, bezeichnet wohl eine Einquartierung) hatte, und das 8. Dragonerregiment nach Gießen kam, wo ich einen Mann bekommen habe, aber wir Borger haben die Tore besetzt den 19. Dezember zum erstenmal. Den 20. Dezember morgens um 729 Uhr ist das Dragonerregiment wieder fort nach Köln, und die Stadt hat keine Einquartierung mehr als die drei hauptkranke, welche in unserem Hospital liegen. 1798 Sonntag, den 16. Dezember hat General Bernadotte von den Studenten eine Fackelmusik bekommen und der (unleserlich) Musik von den Borger. Den 7. Januarp 1799 habe ich mit Herrn Nompf gelbe Dragoner zur Einquartierung bekommen, wo ich ihnen das Nachtlager und einen Tag zu essen und Herr Nompf zwei Tage zu essen. Den 16. Januarp um 9 Uhr morgens sind sie fort und von der Zeit kein gehabt. 1806 den 13. März haben wir wieder französische Einquartierung gehabt bis den 27. April 1806, wo sie von den Königlich Kaiserlichen kamen und zu uns als Freunde. Wir haben ohne Entgelt Essen und Trinken und Nachtquartier geben müssen und die Stadt an Unkosten Futter vor die Pferde und Botenlohn, Offiziere hinwegzufahren und Pferde zu transportieren, auf achttausend Gulden gekostet hat. (Schluß folgt.) Das kirchliche und religiös sittliche Leben in den Gemeinden des evangelischen Dekanates Gießen im Jahre M5. (Fortsetzung.) Gehen wir nun über zu den kirchlichen Handlungen der Taufe, der Konfirmation, der Trauung und der Totenbestattung ! Getauft wurden im gangen nur 1416 Kinder (1739).*) Taufverweigerungen kamen nicht vor. Konfirmiert wurden 1216 (1182) Kinder - darunter 19 (23) aus Mischehen. Konfirmationsentziehungen werden nicht gemeldet. Unter dem Einfluß des Krieges fanden nur 215 bürgerliche Eheschließungen statt gegen je 479 in 1913 und 1914. Die Zahl der verstorbenen Evangelischen beträgt 738 (725), wozu noch 16 (7) in den Kliniken, 21 (28) in der Prov.-Siechenanstalt und 43 in der heil- und Pflegeanstalt verstorben zu zählen sind. Diese letztgenannten 80 Personen und außerdem noch 731 (675) wurden kirchlich beerdigt,- andere 30 (40) nach Herkommen ohne Mitwirkung des Geistlichen. Zur erläuternden Vergleichung für alle diese Zahlen sei noch bemerkt, daß das Dekanat 61 034 (60 935) Seelen zählt, von der evang. Landeskirche getrennt sind 122 (101) Altlutheraner, 18 (72) „Apostolische" und 78 Methodisten, Baptisten und Darbysten, zusammen 218 (340) Personen. Ueber Sektiererei ist im allgemeinen nicht zu klagen, obwohl besonders die Neu-Apostolischen und die Adventisten die seelische Erschütterung für sich auszunutzen suchen, die der Krieg über viele gebracht hat. 6. Bauwesen, Kirchen- und pfarrvermögen An den Gebäuden ist in Gießen „alles in bester Ordnung". (Es wäre zu wünschen, daß manche Landgemeinde sich Gießen in dieser Beziehung zum Vorbild nähme. Doch konnten an einigen Orten die vorgesehenen Herstellungen aus Ursache des Leutemangels nicht ausgeführt werden. Gründlich erneuert war vor der Wiederbesetzung der Stelle das Pfarrhaus zu Leihgestern. Das Kapitalvermögen der Gesamtgemeinde Gießen ward durch zwei Schenkungen bereichert. Line Frau Hering in Nordamerika schenkte 500 Mk. zum Besten der Hinterbliebenen von im Kriege gefallenen Angehörigen des Gießener Negi- ments. Zu Ehren des scheidenden Geh. Kirchenrats D. Schlosser wurden der Kirche 3000 Mk. geschenkt, die in erster Linie Witwen und Kindern von Gefallenen zu gute kommen sollen. In Lang-Göns wurden 2OO Mk. zu gleichem Zwecke an die Kirchenkasse geschenkt. (Fortsetzung folgt.) Aus der Jugendzeit eines deutschen Mannes. (Fortsetzung.) Im herbste war Jahrmarkt, für den Grt wie für mich ein Tag von hoher Wichtigkeit. Die Schule fiel aus. viele polnische Bauern waren zu Markte gekommen, knieten trotz des Schmutzes nieder und küßten den vorüberschreitenden Cdelleuten, die oft nicht besser aussahen als sie selbst und kaum acht auf sie gaben, den Nockzipfel. Mein Vater hatte mir einen Bleistift gekauft. L§ war der erste, den ich jemals erhielt - denn im Schreibebuche hatte ich meine Linien bis dahin mit einer Stricknadel gezogen. Ich empfand über dies Geschenk eine so unmäßige Freude, wie ich sie selten im Leben wieder gefühlt habe. Meinen Bleistift nahm ich mit zu Bett und tat die ganze Nacht kein Auge zu. Nichts zog mich so sehr an, als Bilder, an denen der Ort wie an Büchern jedoch sehr arm war. Nichts schien mir schöner zu sein, als Bilder zu machen, und meiner Meinung nach gehörte dazu nichts, als ein Bleistift und Farben. Allein ich kam bald dahinter, daß dies doch nicht ausreiche- nur wußte ich nicht, was mir noch fehle? Meine Figuren genügten *) Die in Klammern gesetzten Zahlen beziehen sich auf das Jahr 1914. 12 — mir nicht - aber niemand konnte mir sagen, wie sie besser zu machen seien. Besonders quälte ich mich mit den Pferden ab; denn mit den Husaren fing ich an, weil ich sie für das Leichteste und Interessanteste hielt. Das Gangwerk, besonders die Hinterfüße wollten gar nicht werden, wie sie sollten, und blieben gerade Linien. Ich zeichnete mit dem größten Eifer, und wenn man sich Mühe gab, konnte man zuletzt einen hirscb schon von einem Pferde unterscheiden. Endlich schien mir nichts mehr zu fehlen, als die Farbe; hier war aber guter Rat teuer. Tuschkasten kannte man nicht, Nürnberger Muschelkasten waren zu teuer. Note Tinte und Grünspan in Essig aufgelöst mußte das Beste tun. Es war doch bunt. — Im Oktober strich ich mit meinem Vater einige Tage auf den Bergen umher, um Haselnüsse zu pflücken. Wir brachten jedesmal die Taschen voll nach Hause. Sie wurden zu Weihnachten aufgehoben. Ls war doch etwas, was an die Berliner Weihnachtsfeier erinnerte. Im November starb mein lieber Bruder Wilhelm. Lr war ein sehr guter, kluger Knabe geworden, den alle, die ihn kannten, sehr lieb hatten. Ls war für uns ein sehr schmerzhafter Verlust, und wir haben ihm viele Tränen nachgeweint. Lechs Wochen vor Weihnachten fingen wir bereits an, in der Schule uns zum Weihnachtsfeste vorzubereiten, und rüsteten uns, unsere „Parzen" anzufertigen. Eigentlich hätte es „partes" heißen müssen - das wußte aber niemand, höchstens der Rektor, und der sagte es nicht. Es wurden nämlich Schreibebücher in Ouer-Oktav angefertigt - die Schüler wurden in vier Thöre abgeteilt und jedem Thore einige Lieder- vcrse und eine Unzahl von Russprüchen der Propheten zugeteilt, die sich auf die Geburt Thristi bezogen. Diese Verse hatte sich jeder Schüler in seine Parze einzuschreiben, und es war herkömmlich, daß das mit allem Rufwande kalligraphischer Kunst geschah. Ruf jede Leite kam nur ein Spruch, und nur wenn er aus mehr als sechs Zeilen bestand, wurde die folgende Leite mit verwendet. Die erste Zeile mußte aus verzierter Frakturschrist bestehen, in den übrigen Zeilen wechselten die Schriftarten: Kanzlei, Lateinische Kursivschrift usw. Jede Zeile aber mußte mit Tinte von anderer Farbe geschrieben werden, was viele Kot machte, da dergleichen käuflich nicht zu haben war, und jeder, so gut er es vermochte, die Tinten selbst unfertigen mußte, wobei er aus seinem Verfahren ein Geheimnis machte. War die Schrift nach großer Mühe und vielem Kopfzerbrechen fertig und wohl geraten, dann wurden unter ~ ie schönsten Husaren, Hirsche, Soldaten, auch wohl Häuser, Landschaften, ganze Jagden usw. gemalt, je nachdem der Inhaber sich Geschick genug zutraute, etwas recht Schönes zu liefern. Dabei sparte man denn die Farben nicht. Während der Zeit wurde so viel darüber gegrübelt und gesonnen, daß niemand an etwas anderes als an die Parzen dachte,' wir gingen mit dem Gedanken daran zu Bett und standen mit ihm wieder auf. Täglich wurden die Parzen mit zur Schule gebracht und vorgelegt, um zu zeigen, wie weit man sei. Wem es nun gelungen war, etwas recht Schönes zu schaffen, der wurde von den andern gar sehr beneidet. Ich quälte mich arg damit herum,' denn die Ausführung blieb weit hinter meiner Vorstellung und meinen Wünschen zurück,' auch fehlte es mir allzusehr an Farben — allerdings weit mehr noch an Fertigkeit im Zeichnen. Meine Parze war daher auch keine von denen, welche besonderen Beifall erhielten. (Fortsetzung folgt.) llirchliche Anzeigen. Sonntag, den 21. Januar. 3. nach Epiphanias. Gottesdienst. In der Stadttirche. vormittags 97* Uhr: Professor D. 5 chian. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde. Pfarrer Schwabe. Rbends 5 Uhr: Pfarrer Mahr. - Montag, den 22. Januar, abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Matthäusgemeinde. Dienstag, den 23. Januar, nachmittags 4 Uhr: Frauenmissionsverein. — Dienstag, den 23. Januar, abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Markusgemeinde. — Mittwoch, den 24. Januar, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer Mahr. - Samstag, den 27. Januar, vormittags 10 Uhr: vereinigter Zivilund Militärgottesdienst zur Feier des Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers. Pfarrer Bechtolsheimer. In der Zohanneskirche. vormittags 97 2 Uhr: Pfarrer Rusfeld. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Johannesgemeinde. Pfarrer Rusfeld. Rbends 5 Uhr: Missionsprediger G s e l l aus Frankfurt a. ITT. Rbends 7s8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Lukasgemeinde. Rbends 8 Uhr: Versammlung und Bibelbesprechung im Johannessaal. — Freitag, den 26. Januar, abends 7s6 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Johannesgemeinde. Carl Loos kirchenplatz 13 Telephon 797 Manufaktur- und Weißwaren Herren- u. Knabenkleider CARL LUDWIG LEIB i KUNSTHANDLUNG • BILDER* | EINRAHMUNGS - GESCHÄFT r VERGOLDEREI kirchstr.2 ANTIQUITÄTEN ♦ s . Iflluflfalien jllWkinstrumente frnfl lltisllier, Ließen iRuöolptj’a fiadjf. ppurnrorg 9 Telephon 571 ®. 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