Gemeinüeblatt füröie evangelische Kirchengememöe Gieszew Nr. 1. Eichen, Sonntag 1. nach Epiphanias, den 7. Januar 1917. 6. Jahrgang. Lin Rat des alten für das neue Zahr. Psalm 62, 11. Fällt euch Reichtum zu. so hänget das Herz nicht dran! Vas Jahr 1916 liegt nun hinter uns und gehört der Geschichte an. welch eine Biesenkette der Ereignisse, weltgeschichtlicher und einzelpersänlichster, hoffnungsreicher und trauervollster, hat es uns gebracht,- Erlebnisse, wie sie sonst kaum an einem vollen Menschenleben vorbeirauschen — und doch! wie ist die Zeit dahingejagt, und wie dünkt es zumal uns Kelteren - kaum möglich, daß schon wieder ein volles Jahr den Lauf zur Ewigkeit hin beendet haben soll! Jahreswende! 3n -diesen Tagen horcht man doppelt aus, wenn es sich darum handelt: was hat das vergangene Jahr uns gebracht? was wird das kommende uns bringen? Und nun heißt die Losung für den Bnfang des Jahres: „Fällt euch Beichtum zu, so hängt das Herz nicht dran!" Sie ist dem 62. Psalm entnommen, der so recht für den heutigen Tag patzt. Gab chm doch Luther die Überschrift: „Stille Hoffnung zu Gott. Nichtigkeit der Menschen." 3st es nicht, als wäre solch Wort wie z. B|. der 4. Vers eigens für uns Deutsche im Blick auf das Biesenrudel unsrer Feinde im Weltkrieg geschrieben: „wie lange stellet ihr alle einem nach, daß ihr ihn erwürget - als eine Hangende wand und zerrissene Mauer?" Uber, so beginnt der herrliche Psalm: „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft." Das sei denn auch das große Leitmotiv für unser gesamtes deutsches Volk an dieser gewaltigen Jahreswende! Dann aber freilich, wenn wir Trust damit machen wollen, gibt es für die praktische Betätigung kaum einen wichtigeren Bat, als den dieses Schriftwortes. Soweit wir ehrliche Ehristenleute sem wollen, denen der Heiland noch etwas zu sagen hat, werden wir durch sie vor sein entscheidendes Entweder - oder für Zeit und Ewigkeit gestellt: „3hr könnet nicht Gott dienen, und dem Mammon!" wie erschütternd offenbart es gerade der gegenwärtige Weltkrieg! Vas innerste Motiv, das unsre Feinde, England vorweg, zum Vernichtungskampf gegen uns antrieb, ist: Weltherrschsucht! Mammonsdurst! Der Dämon, von dem die große „neutrale" Weltmacht Bmerika besessen ist und der sie fieberhaft antreibt, Europa Jahr um Jahr in einem Meer von Blut und Tränen zu ertränken - heißt Mammonismus, peitscht sie zum Knien vor dem goldenen Kalb! Und, um bei unsrem Volk zu bleiben, trotz all seiner Größe und Heldenhaftigkeit hat dennoch ein gähnender Bbgrund seines Wesens sich geöffnet in schmählichem Wucher- und hamstereidienst, im schnöden Baffen von Kriegsgewinnsten durch wenige, an denen die Bot und Entbehrung von Millionen klebt! Ja, es gibt, das Wort zu Ende gedacht, kaum einen wichtigeren Bat des alten für das neue Jahr, als: „Fällt euch Beichtum zu, so hängt das Herz nicht dran" - auch wenn wir an Kriegsziele und Friedensgewinn denken! wir haben sie bis zum herzzerbrechen vernommen, die große Schauersymphonie des Mammonismus, aus der es wie Götterdämmerung des Weltuntergangs emporklingt! Bein! wir Deutsche wenigstens wollen im neuen Jahr einer göttlicheren Lymphome lauschen, deren majestätische Bkkorde selbst ein Großmeister wie Johann Sebastian Bach noch nicht vollkommen genug zusammenzufassen vermochte,- die wir nur ahnen können beim siebenfältigen Lobpreis aller Engelchöre im Worte der Offenbarung angesichts derer, die da kommen sind aus großer Trübsal und haben ihre Kleider gewaschen und haben ihre Kleider Helle gemacht im Blut des Lammes: „Bmen! das Lob und der Preis und die Weisheit und der Dank und die Ehre und die Macht und die Stärke gebührt unsrem Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit! Bmen!" — Und damit ein gesegnetes neues Jahr! — Gott gebe es: das Jahr des Friedens! Gedanken zum neuen )ahr. wir haben das ernste, tränenreiche Jahr 1916 verlassen und möchten es nicht zurückhalten, obwohl es uns neben viel Schwerem viel Großes und herrliches gebracht hat. Vas Schwerste lag wohl in der Enttäuschung, die es uns bereitete- denn wir hatten alle ausnahmslos erwartet, daß es uns den Frieden bringen würde, den ersehnten Frieden. wir wollen diese Hoffnung nun in das soeben neu begonnene Jahr mit hinüber nehmen, und das vertrauen auf unsern Vater im Himmel nicht zu Schanden werden lassen, daß er eingreifen wird, wenn die Stunde hierfür gekommen. Bber andere Gedanken möchte ich heute berühren, Gedanken, die sich nur mit uns selbst beschäftigen sollen, und die uns das Jahr hindurch begleiten mögen. Bückschauend I — 2 Kommt es uns zum Bewußtsein, wie so manches ungetan blieb, das wir an Gutem hätten ausführen können und das wie eine leise Segensspur uns begleitet haben würde. Me achtlos auch gingen wir an vielem vorüber, was an unserm Wege lag, scheinbar zufällig; wir wissen aber, daß es keinen Zufall gibt. Durch eine kleine Handreichung, durch ein freundliches Wort hätten wir vielleicht etwas Sonnenschein in ein bekümmertes einsames Herz bringen können. Ebenso bedrückt es uns beim Rückblick schwer, daß nichts ungeschehen gemacht werden kann, was wir unbedacht oder aus Gedankenlosigkeit gesagt und getan haben. Ein Wort, gar nicht böse gemeint, aber unvorsichtig gesprochen, mußte verletzen, und wir wissen, daß wir es nie zurücknehmen, nie auslöschen können. Stimmt uns das alles nicht recht ernst und traurig? Ich meine, gerade diese ersten Tage eines neuen Zeitabschnitts sollten uns zur Einkehr in die Stille des Herzens und Hauses führen, nicht nur vorübergehend, sondern tauchend in die Tiefe der großen Barmherzigkeit unsres Gottes, der unser Zehnen, ihm näher zu kommen, versteht, und der allein uns helfen kann und will, dieses Ziel zu erreichen. Behalte mich in deiner Pflege, Rn deiner Hand, Und führ' mich deine Wunderwege Ins Vaterland! Baronin R. Aus dem Leben eines Giehener Bürgers um das Jahr 1800.*) Fortsetzung,) Im ganzen hat das Ehepaar Rohlermann 8 Rinder gehabt, davon sind 4 iu frühester Kindheit gestorben, nur die Rinder Katharina, gestorben 1849 im Rlter von 70 Jahren, Marie, Friedrich und der jüngste Sohn Jakob Ehristian haben die Eltern überlebt. Man weist in der Gegenwart darauf hin, daß früher mehr Rinder geboren wurden als heutzutage, man darf aber nicht vergessen, daß damals die Rindersterblichkeit viel größer war als jetzt. Oft ist es vorgekommen, daß ein Ehepaar, wie es hier der Fall war, nur die Hälfte der ihm geborenen Rinder groß gebracht hat. Hygiene und ärztliche Wissenschaft war damals noch lange nicht so entwickelt wie heute. Da damals viele Rinder geboren wurden, so kam der, der einen ausgebreiteten Bekanntenkreis und zahlreiche verwandte hatte, oft in die Zage, Taufpate zu werden. Das war auch so bei Rohlermann, er scheint es mit dem Taufpatenamt sehr ernst genommen zu haben,- denn gewissenhaft führt er Buch über die Rinder, bei denen er und seine Ehefrau Patenstelle vertraten. Diese Einträge gebe ich hier wieder, da sie für die Gießener Familiengeschichte Interesse haben. Die eigentümliche Orthographie des Schreibers habe ich etwas der modernen Form angepaßt, damit der Leser sich nicht auf das Erraten legen muß. Rohlermann schreibt: „Rnno 1775 den löten Februar habe ich meinem Schwager Ludwig Friedrich Geißmar einen Buwen gehoben mit Jungfer Glockin, des Herrn Jost Glock, Zechzehner **), hinterlassene Jungfer Tochter und Buchbinders Schads hinterlassenem Herrn Sohn und ihm den nahmen geben Ludwig Daniel Balser." *) 5. Nr. 49 u. 50 des vorigen Jahrgangs. **) „Sechzehner" war die Bezeichnung für die 16 Mitglieder des Stadirates, „Rnno 1776 hat meine Frau dem Vorher und Vüxen- macher Herrn Schell ein Mädgen gehoben mit Frau Balsern, des hiesigen Borger und Glasermeister seiner Hausfrau und der hiesige Borger und Weißbindermeister Herr Schneller." „Rnno 1776 habe ich meinem Schwager dem hiesigen Borger und Schuhmuchermeister einen Buwen gehoben mit Jungfer Schellin, Rndreas Schells hinterlassener Tochter und Herr Walter, Borger und Schnittmeister wie auch Frau Willin, dem hiesigen Borgers und Branntweinbrenners Herrn Will eheliche Hausfrau und ihm den Namen gegeben Johann Ludwig." „Rnno 1777 habe ich meinem Bruder einen Buwen gehoben mit Johann Bernhard Müller, Borger und Müller in Rlsfeld und Rmalia henschlin des dahiesigen Borgers und Perückenmachers wie auch Rmtsdieners bei dahiesigen Dber- amt seiner ehelichen Hausfrau und ihm den Namen gegeben Emanuel Bernhard Ludwig." „Rnno 1778 habe ich meinem Schwager Schneider, Freikorporal unter hiesigem Regiment ein Mädchen gehoben mit Elisabetha Jungfer Rohlermann des hiesigen Borgers und Rramers Rohlermann hinterlassener Jungfer Tochter und ihm den Namen gegeben Elisabetha Lowisa." „Rnno 1780 habe ich dem hiesigen Borger und Perückenmacher Ronrad Ehristian Feger ein Mädchen gehoben mit dem hiesigen Borger und Schneidermeister Thorn und Frau Fegern dem Borger und Perückenmacher in Butzbach seiner ehelichen Hausfrau und Maria Löwenstein, des Borgers und Perückenmachers Löwenstein in Frankfurt am Main seiner Jungfer Tochter und ihm den Namen gegeben Maria Lo- wiesa Johannetta Elisabetha." „Rnno 1780, den 25. Oktober hat meine Frau ihrer Schwester (das weitere ist nicht recht verständlich) ein Mädchen gehoben und ihm den Namen gegeben Elisabetha Jac- wena." „Rnno 1782 den 14. Ruguft habe ich meinem Bruder Ronrad Jakob einen Buwen gehoben mit der Junge Frau Jakob Rohlermanns Witwe und dem Herrn Johann Balser Roch, Borger und Bäckermeister allhier und ihm den Namen gegeben Ludwig Balser Ehristian." (von unbekannter Hand steht nach diesem Eintrag geschrieben: „Rnno 1816 den 8. September ist Ludwig Balthasar Ehristian Rohlermann Nachmittags um 1 Uhr gestorben und den 1. Oktober desselben Monats um 7 Uhr Morgens begraben worden.") (Fortsetzung folgt.) Das kirchliche und religiös-sittliche Leben in den Gemeinden des evangelischen Dekanates Gießen im Iahre, 9 ) 5 .*) 1. Rirchliche Personen. Geheimer Rirchenrat D. Schlosser zu Gießen schied am 18. Rpril aus dem Dienst seiner mannigfachen Remter und lebt seitdem in Frankfurt a. M., wo er sich noch freiwillig der städtischen Rriegsfürsorge und der Rrmenpflege widmet. Seine segensvolle 42jährige Mrksamkeit (seit 1873) im Pfarramt zu Gießen, in der Inneren Mission in Hessen und Südwestdeutschland und in der deutschen Rrmenpflege soll unvergessen sein. Seine Pfarrstelle an der Matthäusgemeinde *) N)ir entnehmen diese Mitteilungen dem Berichte, den der vekanatsausschuß der vekanatssynode Gießen zu ihrer Tagung am 14. November des Jahres erstattet hat. Einzelne Abschnitte, nament« lich solche statistischer Art, lassen wir weg. Der Bericht hat k)errn Pfarrer Weber, Lang-Göns, zum Verfasser, bei den Abschnitten, auf die das nicht zutrifft, ist der Name des Verfassers besonders genannt. ~r ward am 20. Juni mit Pfarrer Mahr von Langsdorf besetzt, der Vorsitz im Gesamtkirchenvorstand dem Pfarrer Schwabe übertragen. Km 3. Kdvent konnte Pfarrer Sommerlad zu Watzenborn auf eine 25jährige Tätigkeit in dieser Pfarrei zurücksehen. Km 26. September war Pfarrer Hainebach von Großen- Linden in sein neues Kmt in Leihgestern eingeführt, nachdem er nahezu ein Jahr diese 5teile als Spezialvikar verwaltet hatte. Für seine frühere Pfarrei Kllendorf (Lahn) ward der vom Heeresdienst bis auf weiteres beurlaubte und nach Kleinlinden zurückgekehrte Kssistent Bröckelmann mit dem Spezialvikariat beauftragt. In Kltenbuseck starben die Kirchenvorsteher Eberhard Doll (nach 44jähriger Kmtsführung), Theodor Krämer und Karl Hübner, letzterer auch Lehrer und Organist,' in Heuchelheim der Kirchenvorsteher Ludwig Kinn XIII., an dessen Stelle Fabrikant Ludwig Rinn XIX. gewählt ward; in Klbach der Kirchenvorsteher Kltbürgermeister Baiser. In der Johannesgemeinde Gießen ward Rechnungsrat Fischer in den Kirchenvorstand gewählt, an seine Stelle in die Gemeindevertretung Lehrer und Organist Habicht. Möge Gott der Herr den heimgerufenen Knechten in Gnaden lohnen mit ewiger Herrlichkeit, die zurückgebliebenen aber stärken mit Seinem Geist zu freudiger Fortführung des Tagewerks! 2. Kirchliche Ereignisse, kirchliche Ordnungen und Einrichtungen. Zu den gut eingewurzelten kirchlichen Ordnungen sind die Gottesdienste für äußere Mission zu zählen, wie solche von Lang-Göns, Leihgestern, Pohl-Göns, Watzenborn und Wieseck gemeldet werden. In Wieseck fand das Dekanatsmissionsfest statt. Der letzte Sonntag des Kirchenjahres brachte besondere Feiern auf den Friedhöfen in Gießen, Pohl-Göns und Watzenborn, Kbendgottesdienste in Rödgen und Knnerod, beides zum Gedächtnis der Entschlafenen und insonderheit der Gefallenen der betreffenden Gemeinden. Die Kamen der Gefallenen wurden im Gottesdienst in Kirchberg und Lang- Göns und wohl allenthalben an diesem Tage verlesen. Die wöchentlichen Kriegsbetstunden wurden an vielen Orten das ganze Jahr hindurch fortgesetzt, an andern, zum Teil wegen Petroleummangels, auf Sonntagnachmittag verlegt oder während des Sommers auch ausgesetzt. Elektrische Lichtanlagen entstanden in den Kirchen zu Rödgen und Knnerod, Steinbach, Kllendorf (Lahn), Pohl-Göns und Wieseck. In Rödgen und Knnerod sammelte hierfür der Kirchenoorstand rund je 500 Mk. an freiwilligen Gaben. Der kleinere Rest der Kosten wurde von den Kirchenkassen getragen. In Steinbach wurden 3OO Mk. durch Schenkungen dazu aufgebracht. Bei Treis a. d. Lumda ward als Kbschluß einer Morgenübung der vereinigten Jungmannschaft des Lumdatales am himmelfahrtsfest vom Grtspfarrer ein Feldgottesdienst abgehalten. 3. Kirchliche Vereine. Daß das kirchliche vereinsleben vielfach darniederlag, erklärt sich durch die Fortdauer des immer schärfer sich aus- wirkenden Krieges, von eigentlichen Festen nach früherer Weise konnte schon gar nicht die Rede sein. Man beschränkte sich allermeist auf Geldsammlungen, und es darf gesagt werden, daß ihre Ergebnisse im allgemeinen die höhe früherer Jahre erreichten. In Treis fand am Kbend des 3. Kdventssonntags in der Kirche eine Feier des dortigen Zweigvereins des Evangel. Bundes statt, wobei der Grtspfarrer einen Vortrag über „Luther und der Krieg" hielt und die Konfirmanden Gedichte aufsagten. Die Sache des Blauen Kreuzes ward in Lang- Göns durch einzelne predigten und Verteilung von Flugschriften vertreten. In mehreren Gemeinden wurden evangelisch-kirchliche Frauenvereine gegründet, die sich dem Klice-Frauenverein als außerordentliche Glieder anschlossen. 4. Religiös-sittlicher Zustand. hierüber liegen meist nur unbestimmte oder allgemein gehaltene Urteile vor. vier Kirchenvorstände geben gar keins ab. Diese Selbstbescheidung mag ihr Recht in der Tatsache finden, daß es — wie dem einzelnen Menschen — so auch einem ganzen Geschlecht oder einer Gruppe der Menschheit außerordentlich schwer wird, über den eignen Zustand in einem bestimmten Zeitabschnitt ein zutreffendes Urteil zu fällen. Der Mann beurteilt den Jüngling, der Jüngling den Mann wohl oft richtiger, als jeder sich selbst einschätzt. So wird auch wohl eine spätere Zeit klarer erkennen, wie wir schaffen waren. Die Mehrzahl der Kirchenvorstände bezeichnen den religiös-sittlichen Zustand ihrer Gemeinden als im ganzen gut, gut oder befriedigend,' Zwei betonen, daß er sich nicht auf der höhe des Kriegsanfangs gehalten habe,' einer klagt, daß viel zu wünschen übrig bleibe. Das richtigste wird derjenige treffen, der geschrieben hat: „Die lange Kriegszeit hat nicht nur das Gute in der Gemeinde geweckt, sondern je länger je mehr auch Eigenschaften, welche weniger erfreulich sind, wie Ueid, Eifersucht, Unzufriedenheit." Der Krieg mit seiner ungeheuren Knspannung menschlichen Strebens ruft eben eine ungemessene Steigerung aller menschlichen Eigenschaften hervor, der guten wie der bösen,' er offenbart und steigert die zuvor oft im Hintergrund verborgenen christlichen Haupttugenden des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung, die Treue mit eingeschlossen —, und deckt andererseits Kb- gründe der Selbstsucht, der Erbitterung, des Unglaubens und der Unsittlichkeit auf. Während viele den HErrn und seine Kirche finden oder wiederfinden, werden andere zu „Kindern der Bosheit" (Matth. 13, 38). So hegen wir unsrerseits die frohe Zuversicht, daß die Trübsalswetter unser gläubiges evangelisches Volk der Vollendung des Gottesreichs entgegenreifen lassen. (Fortsetzung folgt.) Aus der Jugendzeit eines deutschen Mannes. (Fortsetzung.) Indessen unsere Schülerverpflichtungen gingen weiter. Wir hatten auch kirchliche Funktionen. Die Kustoden mußten des Sonnabends nachmittags in der Kirche auf den aushängenden vier großen schwarzen Tafeln die Nummern und die Knfangsworte der morgen beim Gottesdienste von der Gemeinde zu singenden Lieder mit Kreide in schöner Frakturschrift anschreiben, wozu mehrere Stunden erforderlich waren. Dasselbe geschah an Festtagen auch zur Rachmittagspredigt. Km andern Tage mußten sie die Kirche auf- und zuschließen, waren auch beim Läuten behilflich und mußten an Feiertagen „beiern", das heißt, mit dem an einem Strick befestigten Klöppel die Glocken rythmisch abwechselnd anschlagen, so daß eine Krt von Melodie herauskam, was stundenlang mit Kb- wechslungen fortgesetzt wurde und wobei viele halfen, vor * — 4 dem Beginn des Gottesdienstes, der nicht nur Sonntags, sondern für uns Schüler auch in den Frühstunden des Donnerstags stattfand, mußten dann sämtliche Schulknaben auf dem Grgelchore in geordneten veihen versammelt sein, wenn der der Vektor kam, um neben uns die Orgel zu spielen. Wir wurden von ihm und den Kustoden scharf kontrolliert, und keiner durfte ohne gültige «Entschuldigung fehlen. Der Primus hatte bei dem letzten Derse jedes Liedes das ^pmbel- register der Grgel aufzuziehen und am Ende zu schließen zur Notiz des Predigers. Wir mußten mit Heller Stimme gemeinschaftlich mit der Grgel den Gesang der Gemeinde leiten. Ts war das Bollhagensche Gesangbuch eingeführt, eines der reichhaltigsten Liederbücher, in welchem sich eine große Menge von Liedern in eigener Melodie befand. Vllein, welche auch gewähti werden mochten, es gab wenige, die uns unbekannt waren, und einige Schüler wenigstens wußten auch diese unbekannten. wir lernten sie durch den Gebrauch nach dem Gehör singen,' denn daß es Gesangstunden und Noten in der Welt gäbe, war uns unbekannt. Noch jetzt ist die Zahl der Melodien, mit denen ich vertraut bin. eine ganz ansehnliche. Allerdings war unser Gesang kunstlos, oft nur ein Geschrei zu nennen,' allein wir machten es, so gut wir konnten, und wie oft bin ich doch dadurch erbaut und sehr erhoben worden, besonders wenn meine Lieblingslieder an den hohen festen, die Lob- und Danklieder und das ,,herr Gott, dich loben wir" gesungen wurden. Damit waren jedoch unsere kirchlichen Funktionen noch nicht abgeschlossen. Jede lutherische Leiche wurde mit Hilfe der Schule beerdigt, und da dies stets nach Tische geschah, so fiel alsdann die Nachmittagsschule aus. vor dem Leichenhause wurden von den Schülern unter Beistand und Mithilfe des Predigers und Vektors einige Lieder gesungen. Setzte sich der Zug in Bewegung, so trat die Schule paarweise demselben voraus, und es wurde bis zum Kirchhofe gehend ein Lied gesungen, dann auf dem Kirchhofe selbst, der vor dem Tore lag, nach den liturgischen Formalien ein ganzes Lied und nach dem Segen noch ein Vers. Bei schlechtem oder kaltem Wetter, bei Glatteis auf dem hügeligen Boden war dies oft sehr beschwerlich. Ich erinnere mich aber nicht, daß irgend ein Knabe, wenn er nicht etwa krank darniederlag, davon befreit worden wäre, von einer Dispensation wegen schwacher Brust, mangelnder Stimme oder Gehörs wußte man nichts, und wer damit gekommen wäre, hätte sich den hohn der ganzen Schule zugezogen, den selbst der Vektor nicht hätte abwenden können. Ts sangen alle und zwar möglichst laut. Vuch bei Trauungen wurde häufig die Schlule gefordert, wenn man die Hochzeit feierlicher machen wollte. Die Katholiken hatten nur eine kleine Schule, die bei ihren Leichenbegängnissen als zu unvollständig erschien. Daher wurde vor- kommendenfalls von der lutherischen Schule Hilfe erbeten, zu welchem Lnde dann zehn bis zwölf Schüler dahin abgeordnet wurden, meistens die älteren. Wir sehen hieraus, daß die Schule mit der Kirche förmlich verwachsen war, ja daß sie eigentlich nur der letzteren wegen da war und in dieser ihre Vollendung erhielt, ganz wie in den ersten fünfzig Jahren nach der veformation. Sie erschien durchaus wie eine Schule zu Vnfang des siebzehnten Jahrhunderts, die noch das Gepräge ihres Ursprungs aus der Kirche nicht verloren hatte. Der gesamte Unterricht bezog sich auf veliaion und Kirche und gewann dadurch allerdings eine seltene Einheit. Sogar der einzige Gebrauch, den wir von der Schreibkunst machten, war der, daß wir die Kirchenlieder anschrieben. Nur das vechnen war eine fremdartige Lektion. Vber dieses Gepräge des siebzehnten Jahrhunderts trug nicht bloß die Schule, sondern die ganze Stadt in ihren Einrichtungen, in ihren Lebensbedürfnissen, ihrem Kultur- zusiande, ihrer Sprache, ihrer überaus einfachen Häuslichkeit und nicht minder in ihren Anschauungen. Wenn das Leben in alledem der veformationszeit nahe stand, so hatte es sich andererseits doch ziemlich weit von derselben entfernt. (Fortsetzung folgt.) kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 7. Januar, l. nach Epiphanias. Kollekte für die Heidenmission. Gottesdienst. 3n der Stadtiirche. vormittags 97* Uhr: Pfarrer Schwabe, vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde. Pfarrer Schwabe. Vbends 5 Uhr: Pfarrer Mahr. Montag, den 8. Januar, abends 8 Uhr: Vereinigung der konsirmierten weiblichen Jugend der Matthäusgemeinde. Dienstag, den 9. Januar, nachmittags 4 Uhr: Frauenmissionsverein. Dienstag, den 9. Januar, abends 8 Uhr: Vereinigung der konsirmierten weiblichen Jugend der Markusgemeinde. — Mittwoch, den 10. Januar, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer Schwabe. )n der Johanneskirche. vormittags 97 2 Uhr: Pfarrer Vusfeld. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Johannesgemeinde. Pfarrer V u s f e l d. Vbends 5 Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. Vbends 7*8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Lukasgemeinde. Vbends 8 Uhr: Versammlung und Bibelbesprechung im Zohannes- saal. Freitag, den 12. Januar, abends 7s6 Uhr: Vereinigung der konsirmierten weiblichen Jugend der Johannesgemeinde. r A nkündigu ngen ein; )fehlenswert» >r Firmen } Carl Loos Kirchenplatz 13 Telephon 797 jjj Manufaktur- * und Weißwaren * Herren- u. Knabenkleider ^ Musikslien lusikinsimmen rnfl Lhüllier, ißieße öludolph's iflachf. rurnmrg U TTrfrp 1) 0 n 5 1, ßesctiw. Holberg Nach!. Modes .. Gießen, Plockstraße 5 '* empfehlen sich in allen in ihr Fach schlagenden Arbeiten. 71 ®. Stöver, Gießen Seltersweg 16 Pren, Gold- u. Silberwaren Beflecke Reparaturen in eigener Werkstatt prompt und billig verantwortlich: für den Textteil Pfarrer Bechtolsheimer, für den Anzeigenteil h. Beck; Druck und Verlag der Brühl'schen UniversUäts. Buch- und Steindruckerei R. Lange, sämtlich zu Giehen.