Nr. 52. Gieszen, Sonntag Silvester, den 31. Dezember 1916. 5. Jahrgang. An der wende des Jahres. Von Generalsuperintendent D. Ktingemann = Toblenz. Psalm 73, 23. Dennoch bleibe ich stets bei dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand. Zum dritten Male im Weltkriege wenden wir uns sehnend und fragend einem neuen Jahre entgegen, was birgt die kommende Zeit in ihrem Schoße, neuen Kampf und neues Leid oder den Frieden, Heilung für unsres Volkes schwere Wunden, wir haben das Vorhersagen verlernt, unsre wünsche sind wieder und wieder in ihre Schranken verwiesen worden, unsres Höffens Ziel ist uns immer aufs neue in weite Fernen entrückt worden. Kber das wünschen und hoffen bleibt doch unser gutes Necht, wenn wir es aufbauen lernen auf des Glaubens sichrem Grunde. Kn der Zeiten wende wollen wir auch das Danken nicht vergessen, aus dem uns des Glaubens Kraft sich erneut. hinter uns liegt ein gewaltiges Jahr, unauslöschlich in die Tafeln der Weltgeschichte verzeichnet. Mit unsrem Volk haben wir dieses Jahr durchlebt, mit unsrem Volk haben wir gejubelt und getrauert, gesorgt und gelitten. Zn das eine große Erlebnis war unser ganzes Denken und Sein verwoben, wir wußten bei allem, was uns begegnete: Es geht um unsres Volkes Leben und Zukunft. Daß wir noch aufrecht stehen, daß wir mit sieghafter Kraft dem Feinde wehren, daß wir mit Entschlossenheit den bösen Feind im Innern, Not und Mangel, Verdrossenheit und Verzagtheit, niederringen durften, das ist im Nückblick auf die vergangene Zeit unsres Dankes Inhalt. Kuf Erreichtes, Errungenes schauen wir in Dankbarkeit, und wo unsre Hoffnungen nicht erfüllt werden konnten, lassen wir uns den blick für die erfahrene Hilfe nicht trüben. Gott, der Lenker der Weltgeschicke, ist mit uns gewesen, er gab uns die Männer, in deren Hand wir unsres Volkes Führung mit Zuversicht gelegt sehen, er gab unsren Streitern den Geist der Kraft und der Geduld, er gab uns das Maß von Erfolg, das uus frommte, er hielt uns aufrecht unter all den Lasten von Trauer und Sorge. wenn wohl auch sonst ein scheidendes Jahr uns dessen gemahnt, was es mit sich ins Meer der Vergangenheit führt, so steht das große Opfer dieses Jahres außer Verhältnis zu unsrem Messen und Nechnen. wir messen wohl die Zeit, und dann wird die Zeit selbst uns zum Maß unsres Erlebens, aber in diesen unsren Tagen versagt jedes gewohnte Maß. Unmeßbar groß ist, was wir erleben, unmeßbar schwer ist, was wir erleiden. Keine Zeit, keine Folge von glücklichen Jahren kann uns das verlorene wiederbringen, kann uns die dahingemähte blüte unsres Volkes zurückgeben, wir hoffen wohl auf Ersatz, auf neu sich gestaltende Kraft, auf neues Leben, das aus blutiger Saat uns ersprießen soll. Uber das große Opfer bleibt, und die ihr Teil davon dep großen Sache des Vaterlandes dargebracht haben, tragen mit der erhebenden Erinnerung auch ihre Last von einem Jahr ins andere. So groß und gewaltig lastet auf uns die Zeit, daß vielen der Glaube an den waltenden Gott zu verschwinden droht hinter dem bilde eines unerbittlichen Schicksals, das seinen weg verfolgt, unbekümmert um das unter seinem Schritt zertrümmerte Lebensglück, wir aber suchen besseres für die neue Zeit als stumpfe Ergebung in das Unvermeidliche, wir suchen die alte Kraft des Glaubens, die allem Unverstandenen und Unverständlichen zum Trotz ihr Dennoch spricht: „Dennoch bleibe ich stets an dir,' denn du hältst mich bei meiner rechten Hand." Uus dem alten Lund in den neuen ragt dieses Wort tröstlicher Glaubenszuversicht. Uber wie der alte bund in Jesus seine Vollendung findet, so ist auch solchem Gott-, vertrauen erst in ihm der sichere Grund gegeben. Und wie nach altem brauch der Kirche der Name Jesu an der Schwelle eines neuen Jahres steht, so soll Jesus der Herr aufs neue uns Führer zu Gott, bürge seiner Liebe, Mittler seines heiles sein. In ihm allein leuchtet das alles uns entgegen, was uns an Gottesliebe erkennbar ist, was persönlich in unser Leben hineingreift, was ein persönlich Verhältnis zu Gott uns schafft. Für neue Zeit, ein neues Jahr harten Kampfes, schwerer Urbeit, für alte und neue Sorge, für das aus einer Zeit in die andre uns geleitende Leid suchen wir neue Kraft. Ls ist der Glaube allein, in dem wir Kraft finden, in dem wir unsre Zuflucht nehmen zu dem lebendigen Gott. Nicht ein willenloser Spielball des blinden Geschickes, des grausamen Zufalls wollen wir sein, sondern im Glauben uns selbst und unsre Krbeit, unser Volk und seinen Kampf eingeordnet - 206 teilen in Gottes allweise Gedanken und Ziele. So schreiten wir über des neuen Jahres Schwelle mit neuer Hoffnung, mit neuer Entschlossenheit. Die stillen, feierlichen Stunden des Uebergangs aus dem alten Jahr ins neue sollen uns ein Atemholen sein. Wir sammeln uns zu neuer Kraft, zu neuem Entschluß, zu neuer Arbeit. Das Atemholen des Glaubens aber ist das Gebet. Gott, unserem Vater, befehlen wir mit der eigenen Sorge und dem eignen hoffen das Größere, unsres Volkes Kampf, seinen Sieg, seine Zukunft. Vus seiner Hand erhoffen wir, erflehen wir den Frieden, der das große Werk des heißen Streites krönen soll. Und vor seinem Ungesicht geloben wir uns aufs neue unsrem deutschen Volke. Zn des Glaubens Treue, in des Gebetes Kraft wollen wir unsere Urbeit tun und unsere tasten tragen. Eines frommen Preußenkönigs Wahlspruch: Meine Zeit in Unruhe, meine Hoffnung in Gott! weise uns den Weg zu treuem Dienst, zu hoffnungsfroher, geduldiger Urbeit. So warten wir im neuen Jahre neuen Segens. Jahresende. wird es uns nich t weh um das Herz, uns wiederum dem Ende eines Jahres zu nahen, während die Welt noch immer in Brand steht, ja, während wir ferner von dem heiß ersehnten Frieden entfernt zu sein scheinen, als im vorigen Jahre um die gleiche Zeit? Wir müssen uns sagen, daß die Zeiten schwer, sehr schwer sind, schwerer als je zuvor,' und niemand kann uns dafür eine Gewißheit geben, daß sie nicht noch viel schwerer kommen werden. Dabei regt sich in uns die Frage, ob wir in dieser langen Zeit gelernt haben, es einigermaßen zu verstehen, daß wir uns von allem frei machen machen müssen, was uns früher groß und wichtig schien, daß wir angesichts der unerhörten Tragödie, die sich um uns abspielt, wirklich lernen müssen, das Kleine gering zu achten, dem wir bisher oft übertriebenen Wert beimaßen, und dagegen das, was allein Wert für Zeit und Ewigkeit hat, in seiner hohen Bedeutung zu schätzen. Sind es doch die idealen Güter, die wir bisher gering achteten, und die sich nun in ihrer Größe und Unentbehrlichkeit uns in dieser schweren Zeit offenbarten. Zch denke, wir haben wohl erkannt, daß alles, was in der Welt schön und herrlich geachtet ist, uns nicht einmal eine Stunde lang über das herzweh hinweghelfen kann, das uns angesichts dieses großen Sterbens so oft befällt. Wir müssen uns noch mehr von vielem Irdischen lösen und den Unker tiefer in das Meer der Ewigkeit lenken, um uns den Ausblick nach der ewigen Stadt nicht zu trüben, die keinem Wechsel unterworfen ist. ,,Laß die Wellen sich verstellen, wenn du nur bei Jesu bist." Ruch brauchen wir starke, innerlich gereifte Menschen für die Friedenszeit, die ebenfalls manches Schwere für einen jeden unter uns mit sich bringen wird,' denn sie wird eine andere Erde finden, als sie zuvor war,' es ist alles, was fest stand, durcheinander gerüttelt worden. Ein jeder möge sich bewußt werden, daß niemand so unbedeutend oder verborgen ist, daß sein gutes oder sein böses Beispiel nicht irgendwo wirken könnte. So wollen wir an dem Ende dieses ernsten Jahres mutig vorwärts wandern, gläubig aufwärts schauen und uns täglich wiederholen: Ich weiß nicht, was der Tag mir bringt, Doch soll mir drum nicht grauen, Denn meine Seele hat gelernt, Dir, Jesu, zu vertrauen. Und so erwart ich froh und still Was, Herr, dein Wille von mir will,' Gewiß, du führst mich durch die Zeit Ruf sichrem Pfad zur Herrlichkeit. Baronin B. Uonfiriiiandentleider. Line recht äußerliche Sache kann doch eine recht ernste Sache sein,' denn auch im Ueußerlichen muß es sich zeigen, daß wir unsere Pflicht bis ins Kleine hinein erfüllen wollen. So war es recht, daß man auf ein würdiges Gewand der Konfirmanden von alters her Wert legte,' fast überall hat sich in evangelischen Kreisen die schwarze Farbe für das Konfirmandenkleid eingebürgert, nur daß sie bei den Knaben auch schon seit vielen Jahrzehnten an vielen Orten durch Dunkelblau ersetzt werden kann. Der Schnitt der Kleider folgte langsam dem Wechsel des Geschmacks. So ist heute der früher gebräuchliche lange Bock der Knaben fast überall durch die kürzere Joppe ersetzt,' der noch lange auf den Dörfern getragene hohe Hut hat dem kleinen runden Hut und der Schülermütze Platz gemacht. Ruch die Kleidung der Mädchen folgte, meistens etwas zurückhaltend, dem geltenden Brauch. Die Konfirmation in der kommenden Gsterzeit wird, wie schon die letzte, in vieler Richtung durch den Krieg ihre besondere Färbung erhalten. Die ernste Feier wird noch um vieles ernster. Das frohe Familienfest, das sonst mit ihr verbunden ist, erfährt wegen der Schwierigkeit der Beköstigung eine Einschränkung, die man als hart empfindet, auch wenn manche Ausschreitungen früherer Zeiten damit in Wegfall kommen. Und im vaterländischen Interesse scheint es geboten, daß auch bei der Kleidung unserer Konfirmanden dem Ernst der Zeit Rechnung getragen wird. Es kommt nicht darauf an, was Eltern nach dem Maß ihrer Mittel sich leisten können, sondern ob die für die Konfirmandenkleider gemachten Aufwendungen bei der bestehenden Knappheit an Stoffen unserm Vaterland gegenüber sich rechtfertigen lassen. In der Lukasgemeinde werden nächste Ostern 180 Kinder konfirmiert werden - in ganz Gießen nahezu 500. Die Zahl der Konfirmanden in Deutschland dürfte mehr als das Tausendfache davon betragen. Für alle diese Kinder sollen nun auf den Konfirmationstag neue Kleider beschafft werden zu erheblich höherem Preis als in Friedenszeiten und für viele nur als Festtagsgewand, das kaum mehr getragen wird. Erlaubt das unsre vaterländische Pflicht? Wenn man die Frage ausgesprochen hal, ist sie auch schon beantwortet. Rlso empfiehlt es sich, dem Konfirmandenknaben am Konfirmationstag fein gutes Sonntagskleid anzuziehen, und damit mag er auch während der Kriegszeit zum Rbendmahl kommen. Ruch die schwarzen Handschuhe könnten meines Trachtens diesmal ohne jeden Schaden bei der Feier wegbleiben. Schwieriger erscheint die Entscheidung bei den Mädchen. Der Farbenreichtum und putz ihrer Sonntagskleider dürfte oft nicht zu dem Ernst der Konfirmation und des Abendmahls passen. Da wäre es vielleicht angezeigt, der katholischen Schwesterkirche in dieser äußerlichen Frage zu beweisen, daß man nicht unnötigerweise vor einem Zusammengehen mit ihr sich scheut. Das weiße Kleid ist seit den ersten Zeiten der Kirche — 207 — das Taufkleid gewesen und ist in der katholischen Kirche noch heute das Kleid für die erste Kommunion. Tin einfaches weißes Kleid, wie es leicht zu beschaffen ist, wäre in dieser Kriegszeit der würdigste Schmuck unserer Konfirmandinnen und konnte auch späterhin, so lange der Krieg dauert, recht wohl als Rbendmahlskleid getragen werden. Damit würden gewaltige Zummen am vermögen unsres Volkes gespart. Solche vaterländische Pflicht ist auch eine Christenpflicht, auf deren Erfüllung gerade von kirchlicher Seite gedrungen werden Muß. Gscar holtzmann. Zum 2 \. Dezember 1870. Und sieh, da hat der Weltenraum Sich auch mit uns verbündet, Und unermeßlichen Weihnachtsbaum Uns über den Häuptern entzündet. Wie strahlen sie im festlichen Kleid, Die funkelnden zitternden Kerzen! Die alten vertrauten aus Kinderzeit, Die Tröster in allen Schmerzen. Saßt einen Weihnachtswunsch empor Mich senden, wie einst als Knabe G schließt der Bitte nicht das Ghr Um eine einzige Gabe. Nur eine Gabe sei Freund und Feind Rus eurem Glanze beschieden, Rach der wie ein Kind die Trde heut weint: Den Frieden, schenkt uns den Frieden! Wilhelm Jensen. Aus der Jugendzeit eines deutschen Mannest (Fortsetzung.) vorauszuschicken ist einiges über die evangelische Geistlichkeit des Drtes. - Prediger der lutherischen liirche war der Herr vohleder, «in Mann, der sich streng an den orthodox-lutherischen Lehrbegriff hielt, dessen lianzelgaben ich aber außerdem nicht zu beurteilen verstand. Er hat sich auch als Schriftsteller durch Verbesserungen des «lavier-, und der Stimmung, sowie anderer ähnlicher werke über Musik und Instrumente bekannt gemacht. Sein Sohn «arl, ein «nabe von etwa zwölf Fahren, besuchte mich öfter und schenkte mir Adelungs Auszug aus seiner deutschen Sprachlehre, den ich noch besitze. Ich freute mich zwar sehr über das Luch, verstand aber kein Wort davon. Als ich mich darüber verwunderte, sagte meine Mutter: ,,wenn du so alt sein wirst, als kohleders Kart, wirst du es wohl auch verstehen." Vas tröstete mich, und in der Stadtschule, welche übrigens nur ein« «lasse hatte, hoffte ich mir das fehlende wissen anzueignen. Vas Schulzimmer war von ziemlicher Grüße und bildete ein regelmäßiges Viereck. Ln drei Seiten liefen erhöhte Länke mit einer schmalen Fußbank versehen hin, vor ihnen, in einer solchen höhe, daß man bequem darunter sich bückend nach den Bänken gelangen konnte, die Schultische. Sie waren schrecklich zerschnitten, mit tiefen eingebrannten Löchern ^ersehen und sahen sehr schmierig aus. Ln zwei Seiten des Zimmers saßen die «naben, an der dritten die Mädchen. Die vierte Seite hatte keine Länke. hier befand sich di« Türe, der Gfen, und in der Mitte ein Tisch für den Lehrer, auf welchem der Kantschu, eine Kute, mehrere Stöcke und ein Lineal lagen. Die Schüler bildeten drei Abteilungen, deren Reihenfolge streng geordnet war, so daß jeder seinen bestimmten Platz in der Reihe hatte. Jede Abteilung hatte ihren Kustos, der sie beaufsichtigen mußte, und der, wie wir sehen werden, noch manches andere zu tun hatte. Die Kustoden wechselten wöchentlich, so daß nach Ablauf der Woche die zunächst folgenden drei Schüler an die Reihe kamen, bis man wieder von vorn anfing. Jeder Schüler saß fast frei, keiner deckte den andern,' der Rektor konnte vor jeden hintreten, und wurde einer hervorgerufen, so konnte er sich mit Leichtigkeit unter dem Tisch hervorschwingen. Indessen hatten sich unter den Ränken, zum Teil auch unter den Tischen große Rerge von Müll aufgehäuft,' denn diese Tiefen der Schule wurden jährlich nicht mehr als einmal ausgeräumt und gereinigt,' nur der innere Raum des Zimmers wurde wöchentlich ausgefegt. Die Schule begann das ganze Jahr hindurch um 7 Uhr und dauerte bis 10 Uhr, nachmittags von 2 bis 4 Uhr. Die Mittwoch- und Sonnabend-Nachmittage waren frei. Der einzige Lehrer oder vielmehr Monarch der Schule, - denn gelehrt wurde in derselben nicht — war der Rektor Frank, ein korpulenter Mann von Achtung gebietendem Reußern, mit rundem Gesicht und hängendem Unterkinn, zugleich Nachmittagsprediger an den Festtagen und Organist, von streng orthodox-lutherischen Grundsätzen, zu welche sich auch sämtliche lutherischen Einwohner bekannten und eifrig auf die Reinheit des Glaubens hielten. Rektor Frank trug, wenn er ausging oder predigte, eine gepuderte Perücke und den damals gewöhnlichen schwarzen Rock' in der Schule erschien er aber nie anders, als den runden kahlen Kopf mit einer weißen Zipfelmütze bedeckt, im weiten klein geblümten kattunen Schlafrock, der den starken Spitzbauch weit bedeckte, und mit Pantoffeln an den Füßen. So lange ich ihn gekannt habe, blieb es immer derselbe Schlafrock. Wenn er in die Schulstube trat, geschah cs mit Würde. Er riß die Tür weit auf,' sofort verstummte jedes Gespräch; alle Schüler standen auf, und die Kustoren reichten ihm das aufgeschlagene Gesangbuch hin, so, daß er es nicht umzudrehen brauchte. Ohne ein Wort zu sagen, begann er einen Liedervers zu singen,' wir alle sangen mit,' dann sprach ein Schüler ein vorgeschriebenes Gebet. Jetzt überreichten die Kustoden dem Rektor ihre Schiefertafeln, auf denen die Kamen derjenigen Schüler verzeichnet waren, die sich vor Reginn der Schule tadelhaft betragen hatten, mit kurzer mündlicher Angabe des Vergehens. Die Schuldigen wurden sofort, oft ohne ein Wort hinzuzufügen, bestraft. Zuweilen reichte ein kurzer verweis hin. Damit war die Schule eröffnet. Im Winter mußte jeder Schüler Releuchtungsmaterial mitbringen, weil es in der ersten Stunde noch nicht taghell war. Zu dem Ende schnitt jeder neben seiner Stelle eine tüchtige Vertiefung in den Schultisch, man brachte Talg und Docht hinein, und behandelte das Ganze als Lampe. Um 8 Uhr, wenn die Flammen verlöscht wurden, war ein trefflicher Oualm vorhanden, da in den Löchern die mannigfachsten Dinge brannten und mit hinzugegossener Tinte die interessantesten Experimente gemacht wurden. Alle Jahre zu Pfingsten kam der geistliche Inspektor spätere Superintendent) aus Eonitz und inspizierte die Kirche und Schule. Zur Vorbereitung fiel mehrere Tage der Unterricht aus, und sämtliche Schulkinder, besonders die Mädchen, mußten die Schule reinigen. Vas war keine kleine Arbeit, denn sie wurde, wie gesagt, nur das einemal im Jahre ordentlich vorgenommen. Unter den Bänken lag ITTüIl bis zu den Litzbrettern hinauf,- unter den Tischen konnte man die Lchuhc sehr wohl im Zchmutz verbergen. Zu dieser Feierlichkeit aber wurde die ganze Ltube möglichst gesäubert, obwohl die Tische nicht abzuwa^chen waren, denn das war wegen des Zcrschneidens unausführbar. Die Münde aber wurden mit aufgenagelten Blumengirlanden und mit Kränzen verziert, und jeder bemühte sich, das Beste dazu zu liefern, wir waren am Tage der Inspektion festlich gekleidet,- der Inspektor trat mit dem Prediger und Rektor in die Lchulstube ein, und es wurde eine Prüfung aus dem Buche: ,,Die christliche Lehre im Zusammenhänge", mit den Lprüchen abgehalten und dann unsere Fertigkeit im Aufschlägen von Bibelstellen gezeigt, die zugleich als Leseprüfung galt. Das Ganze war in sehr kurzer Zeit beendigt. (Fortsetzung folgt.) Gebet eines Siebenundachtzigjährigen. Rite Lieder heute klingen Unterm Tannenbaum. Mollen sie uns wiederbringen Goldner Jugend Traum? Uber ach, viel Tränen fallen heut am deutschen Herde Um die Teuren, die gefallen, Buhn auf fremder Erde. Für die Väter, Löhne alle Steigt zu Gott ein Flehn, Daß sein Lchutz sie treu umwalle, Mir sie Wiedersehn. Gott, von deinem himmelsthron Lchaue gnädig auf die Erde, Der du gabst den eignen Lohn, Gib uns, daß es Friede werde! Weihnachten 1916. Dr. Kappelser. Uleine Mitteilungen. Im Rlter von 77 Jahren verschied in der vorvorigen Woche zu Dieburg Kirchenrat Dr. Karl Naumann, von 1880 bis 1906 Pfarrer zu Gießen. In einer der nächsten Nummern unseres Gemeindeblattes soll ein Lebensbild des verdienten Mannes veröffentlicht werden. * * * Der Gymnasiast Gtto Henning, Liebigstraße 77, schickt seit 2 Jahren Zeitungen an Loldaten, die im Felde stehen. Die Zahl seiner Lendungen beträgt mehr als 1000, viele Dankschreiben von Offizieren und Mannschaften liegen vor. Der junge Mann, der so eifrig für unsere Feldgrauen sorgt, bittet, daß die Leser unseres Blattes ihm Zeitungsexemplare, die nicht mehr gebraucht werden, zur Verfügung stellen. Der Artikel „Nus dem Leben eines Gießener Bürgers um das Jahr 1800" wird in der nächsten Nummer fortgesetzt werden. Kirchliche Anzeigen. Gottesdienst. In der Ltadtlirche. Lonntag, den ZI. Dezember, Lil- vester, vormittags 97 2 Uhr: Pfarrer Hofsmann (Ub- schiedspredigt). Abends 6 Uhr: Pfarrer Lchwabe. Montag, den 1. Januar, vormittags 97 2 Uhr: Pfarrer Mahr. Abends 5 Uhr: Pfarrer L ch w a b e. Abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Markusgemeinde, siehe Martburgverein. Abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Matthäusgemeinde. In der Johannesttrche. Lonntag, den ZI. Dezember, Lilvester, vormittags 972 Uhr: Pfarrer Be ch tolsheimer. Abends 8 Uhr:. Pfarrer Ausfeld. Montag, den 1 . Januar, vormittags 9 l / 2 Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. Abends 5 Uhr: Pfarrer Ausfeld. Abends 728 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Johannesgemeinde. Mittwoch, den 3. Januar, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer Aus seid. [ Ankündigungen empfehlenswerter Firmen j Carl Loos Kirchenplatz 13 Telephon 797 k Manufaktur- { und Weißwaren Herren- u. Knabenkleider Heinrich Noll Iftusburg Nr. 7 Telephon Nr. 292 >pezial-Geschäft für Bureaubedarf • Schreibmaschinen Papierhandlung, Buchbinderei, Gesangbücher. 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