Lonntagsgrutz Gemeinöeblatc sm üie evangelische kirchenaemeinoe Gieszew Nr. 50. Bietzen, Sonntag 3. Advent, den 17. Dezember 1916. 5. Jahrgang Adventssehnsucht und Weltkrieg. 2. Such der Könige 20, 5. Ich habe dein Gebet gehört und deine Tränen gesehen. Bewußt oder unbewußt geht jetzt durch hie ganze Menschheit eine geheime, aber große Zehnsucht, die Kaum packender ausgedrückt werden Konnte, als die nach dem Erleben des Wortes: „Ich habe dein Gebet gehört und deine Tränen gesehen." Es schlägt so leicht Kein Herz, und ganz gewiß in deutschen Landen zurzeit Keines, das nicht an einer tiefen Wunde blutete. Mag es den persönlichen Verlust teurer Lieben beklagen, mag es unter dem Druck sonstiger ernster Zorge für Gegenwart und Zukunft stehen, mag ganz allgemein die durch den Krieg heraufbeschworene, unheimliche Atmosphäre es wie Alpdruck pressen, wir leiden alle, auch wenn wir tapfer dies Gefühl zurückdrängen, ja, selbst die leiden, und wahrscheinlich am grausamsten, die sich frivol darüber hinwegzusetzen versuchen. Der Krieg hat eine vordem nicht gekannte Leidenssaat aufgehen lassen, deren Ernte viel offene und noch mehr geheime Tränen sind. Der Mensch aber ist eigentlich - das spürt er bisweilen in begnadeten Stunden zum glücklichfein geboren, vielleicht entsteht der allergrößte Teil alles Erdenleids und aller Menschensünde aus diesem ungesättigten Hungergefühl nach Glück! Und wir glauben darum auch, daß weit mehr Menschen, als wir uns nur träumen lassen, ob sie es nun eingestehen wollen oder nicht, einen Hunger nach Gott, nach einer höheren Macht haben, die in ihrem Inneren einmal die Gewißheit aufleuch- ten ließe: „Ich. habe dein Gebet gehört und deine Tränen gesehen." Es beten auch viel, viel mehr Menschen, als wir es nur entfernt wissen,' oft ganz im Zinne der Schrift: mit unaussprechlichen Seufzern. Uber dann kommt irgend einmal das große Unglück über sie: sie fanden ein tränenreiches Gebet nicht erhört. Und nun kommt das Schwerste ihres Lebens über sie: sie können nicht mehr glauben und beten. Gott hat sie, so zu sagen, zu schmerzlich enttäuscht. Gerade auch das mag jetzt im Weltkrieg öfters Vorkommen, als wir nur ahnen, wenn man es sich recht überlegt, muß über uns Menschen eine große, tiefe Uührung kommen, genau so, wie sie uns wohl bei kleinen Kindern packt, die sich von ihrer Mutter verlassen glauben. Und genau genommen, kommt die ganze Menschheit, verschwindende Ausnahmen abgerechnet, auch garnicht über solchen Kinderstandpunkt hinaus. Nur, daß sie weit mehr das Unartige, als das Liebenswerte der Kinder an sich trägt, wie das in erschütternder weise der Weltkrieg zeigt. Aber was ist das Große denn an wirklichen Kindern, so, daß Jesus sagen konnte: wenn ihr nicht werdet wie sie, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen? Es ist das einfach nicht wegzubringende vertrauen, auch da, wo sie Vater und Mutter nicht im geringsten verstehen, und es ist eine große, wunderbare Hoffnung, ein traumhaft schönes Sehnen nach einem Zukunftsreich des Lebens, das noch hinter dichten Schleiern verborgen vor ihnen liegt. Und da bleibt gewiß: will der Mensch glücklich werden, so kann er's nur, wenn er Gott, seinem eigentlichen Vater, vertraut, auch gerade da, wo er ihn nicht versteht, und wenn er sich die Sehnsucht nach dem großen, noch dicht verschleierten Leben der Ewigkeit durch nichts aus dem Herzen reißen läßt. Unser ganzes Erdensein ist Adventszeit und Adventssehnen. Ueber seinem geheimnisvollen Portal steht mit leuchtenden Buchstaben das Wort aus der Offenbarung geschrieben: „Der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es höret, der spreche : Komm!" wer aber diese allgewaltige Sehnsucht nach der Volloffenbarung des Göttlichen im Busen trägt, der vernimmt auch hier schon, selbst mitten in den Schauern des Weltkriegs, die innere Stimme einer heiligen Voroffenbarung: „Ich habe dein Gebet gehört und deine Tränen gesehen." _ Aus dem Leben eines Gietzener Bürgers um dns Jahr 1800 . (Fortsetzung.) So war Kohlermann Meister geworden, es fehlte nur noch die Frau Meisterin. Diese hat sich aber bald gefunden, am 18. Juli 1776 hat sich der junge Meister verheiratet. Seine Frau war die Jungfer Llisabetha Barbara Erb, Tochter des Bürgers und Bäckermeisters Johann Philipp Erb und seiner Ehefrau Anna Dorothea Scholl, die letztere wird von dem Schwiegersohn als hinterlassene Tochter des Bürgers und Sattlers Johann Georg Wilhelm Scholl bezeichnet. Gewissenhaft, als ob er ein Kirchenbuch führe, verzeichnet der junge Ehemann: „Anno 1749 den 24ten Mertz ist meine 198 - Frau gebohren Ihre Taufzeugen sind gewesen Johann Martin Schäffer Borger und Sepler allhier So dann Tlisabetha Barbara Schollin Herrn Kndreas Scholl Borger und Sattler hinterlassene Tochter so dann Maria Barbara Schollin des Herrn Georg Wilhelm Scholl Borgers und Sattlers hinterlassene Tochter und Ihr den Namen geben Llisabeta Barbara." Schon hieraus sieht man, daß Kohlermann seine Familienbeziehungen vorzugsweise in den Kreisen der Gießener Gewerbetreibenden hatte,' seine verwandten waren Perückenmacher, Bäcker, Seiler, Sattler. (Ein Jahr darauf wurde dem jungen paare das erste Kind geboren. Der Vater schreibt: „Knno 1777 den 2ten Juli) Nachmittags zwischen ein und zwei) uhr hat uns der högste gesegnet mit einem Mädgen und ist den 4ten Julp zur heiligen Taufe gelassen worden. Ihre Taufzeugen waren Johann Gregorius Koos Borger und Perrückenmacher und Latrina Tlisabetha Kohlermann, des hiesigen Borgers und Thorschreibers eheliche haußfrau und Ludwig Friedrich Geißmar Borger und Perrückenmacher und Margareta Erb, Johann Philipp Erb Borger und Becker meister allhier (Tochter) und Ihr den Namen gegeben Margreta Tlisabetha Johanneta Lowiesa Kohlermann." Man sieht, daß die Paten den Kreisen angehörten, mit denen das junge paar am engsten verbunden war. Km Taufbecken stand der frühere Lehrmeister Koos, dessen Geschäft Kohlermann übernommen hatte, seine Mutter, sein Schwager Geißmar und sein Schwiegervater. Da es für manche Gießener Familie interessant ist, den Spuren ihrer Vorfahren zu folgen, so seien hier die weiteren Kinder des Thepaares und deren Paten verzeichnet. Km 28. Februar 1779 wurde die Tochter Katharina geboren. Patin war Katharina Margareta Schneider, Tochter des Freikorporals im hiesigen Kegiment Johann Daniel Schneider und Konrad Jakob Kohlermann, Bürger und Barbier zu Gießen. Km 5. Juli 1781 erblickte der Sohn Jakob Ludwig das Licht der Welt. Paten waren Johann Kdam Jakob Kohlermann, „mein vatter und Thorschreiber am Selsserthor und meinem Bruder seine Frau Konrat Jakob Kohlermann, borger und Balwier und mein schwager Ludwig Friederich Geißmar Borger und peruquemacher allhier." Kus dieser Notiz erfahren wir, daß der Vater Kohlermann am Selterstor als Torschreiber fungierte. Die Paten des am 21. Oktober 1783 geborenen Sohnes Ludwig Friedrich gehörten ausnahmsweise nicht dem Bürgerstande an, es war die Gattin des Nektars „von Grollmann", wie Kohlermann schreibt, und der Sekretarius Faber. Km 31. Dezember 1784 „kortz vor Tin Uhr" wurde die Tochter Maria Johanneta Thristina geboren. Paten waren Konrad Lhristian Feger, Bürger und Perückenmacher dahier und Jakob Koch, Buchhalter dahier bei Herrn Buchführer Krüger junior und Frau Maria Magdalena Bott, des Herrn Johannes Gotthelf Bott, Borger und Perückenmacher in Marborg eheliche Hausfrau, ferner die Jungfer Johanneta Kmalia Benner, des hiesigen Katsdieners Benner hinterlassene Jungfer Tochter. Zum erstenmal erscheint hier ein Pate, der nicht in Gießen seinen Wohnsitz hatte. Km 13. Januar 1787 hat Gott das Thepaar gesegnet mit einem „Buwen", der schon am ersten Tage getauft wurde, wie überhaupt die Taufe der Kinder damals in den ersten drei Tagen nach der Geburt stattfand. Diesmal waren Paten „Herr Wilhelm Fieser auf dem Tohrn", also der Wächter auf dem Turm der Stadtkirche, ferner Tberhard Dietz, Frau willin (Will), des Bürgers und Branndweinbrenners Lhlige haußfrau und Frau Ferber, des hiesigen Weinwirts Thristian Ferber, Thlige Frau." Pate des am 25. Oktober 1788 geborenen Sohnes Friedrich Thristian Justus war Justus Daniel Kohlermann, Borger und Kramer und Branndweinbrenner, ferner Frau Tlisabetha Kohlermann und Friedrich Faber, Sohn des Goldschmieds Faber. Ueber die Geburt des jüngsten Sohnes macht der Vater ausführliche Kngaben: „1791 den 6ten map hat uns gott gesegnet mit einem Jungen oder Buwen und ist auch auf den nehmlichen Tag getauft worden den morgent ein vertel nach 4 Uhr und den abent um halber 6 Uhr getauft von Herrn Pfarrer Buff. Die Taufzeugen sind gewesen Jacob Geißmar peruquer gesell dermahl in frankfort in conticion bei) Herrn Buschell peruquer, meines Herrn Schwagers des peruquers Geißmar sein älster Sohn und Frau Fießern, des dahiesigen Thornmann seine Frau und ihm den nahmen geben Jacob Thristian." hinter dieser Kufzeichnung findet sich gleichfalls von der Hand des Vaters die Notiz: „den 10 Juni 1805 ist er zu Herrn Schneidermeister und casse Diener Wagner in der hinder Gaß in die Lehr gekommen, ist die dato (an demselben Tage) aufgedinget worden und habe an Herrn Zunftmeister Trle zahlt auf Ding gelt 6 Gulden 55 Kreuzer." (Fortsetzung folgt. Zwei Stimmen zur Zrage Stadt und Land. In seinen „Tisernen Blättern" (Ur. 56) schreibt D. Traub Unter der Ueberschrift „Bauer und Städter" u. a.. „Ts überfällt uns heute wie ein allgemeines Fieber, daß jeder nur für sich sorgen will. Wir müssen entbehren, und es wäre unrecht, die Kot zu verkleinern,' sie drückt immer die am meisten, die unten stehen. Kber wir sind alle selbstzufrieden mit uns selbst und unseren Opfern. Diese sind doch nur der selbstverständliche Dank dafür, daß unsere Felder unverwüstet bleiben und unsere Wälder nicht zusammengeschossen sind, und wir im Frieden unsere Straße ziehen. Trotz der Kot bleibt dieser Dank unser tägliches, heiliges Kecht. Unsere Väter machten noch größere Notzeiten durch und redeten weniger davon. Unsere Heere kriegt der Feind nicht unter, falber der kleine Beamte und das städtische Krbeits- und Krämervolk, das Luft und Sonnenschein weniger kennt, als der Bauer, muß arbeitsfähig erhalten bleiben. Vas erste Gebot lautet: Fest einzutreten für die Mehrung aller landwirtschaftlichen Trzeugnisse in Feld und Stall, aber der Zweck dieser Trzeugnisse bleibt der verzehr. Darum gebe das Land alles, was es entbehren kann, damit wir miteinander leiden und miteinander siegen. Der Franzose Barrez sagte kürzlich: „Der schwache Punkt bei den Deutschen ist ihr Bauch. Wenn wir der Bande den Brotkorb hoher hängen, dann werden wir ihr den Siegeswillen austreiben." Klso um unseres „Bauches" willen rechnet der Feind auf den Sieg. Merken wir's uns! In der Geschichte der Preußen steht der Spruch eingegraben: „Wir Preußen haben uns groß gehungert." heute spricht so ganz Deutschland. Der Feind wird zu Schanden." Und die ,Christliche Welt" (Kr. 44 vom 2. Kov.) veröffentlicht einen Brief aus Bochum, in dem es u. a. heißt: „In dem Verhältnis Stadt und Land ist jetzt das Land der entscheidende Teil, ja von ihm hängt meines Trachtens nicht weniger als alles ab. Im Feld können wir nicht besiegt 199 toßröen 6anfc Jjinbcnburg und unferm herrlichen Heer. Rber im Wirtschaftskrieg ist die Gefahr größer, wenn Stabt und Land nicht ebenso diszipliniert wie Rrtillerie und Infanterie Zusammenwirken. Bei diesem Zusammenwirken im Crnäh- lungskrieg ist der Rnteil der Stadt so gut wie sicher gestellt. Durch die Knappheit und Teuerung der Lebensmittel ist sie einfach zur Sparsamkeit und Einfachheit gezwungen. Rber des Landmanns Rnteil am Sieg ist in sein Belieben gestellt, zu einem recht großen Teil wenigstens. Teilt er seine Nahrungsmittel brüderlich mit dem Städter, so kommen wir glatt durch, gewachsen ist genug, um den Unterhalt des ganzen Volkes zu fristen. Läßt er aber dem Städter, besonders dem Industriearbeiter, nur widerwillig und nur wenig ab, dann kann dieser in demselben Maße als er zu wenig bekommt, auch zu wenig Kohlen, Munition und sonstigen Kriegsbedarf liefern, wir können aber gegenüber der Munitionslieferung der ganzen Welt nur standhalten, wenn unsere Industrie mit vollen Kräften arbeitet. Db und wie weit sie das kann, hängt davon ab, wieviel der deutsche Landmann diesen Winter an Rahrungsmitteln erübrigt. Und guter Wille kann da ganz ungeheuer viel ausmachen, so viel, daß Sieg und Niederlage jetzt geradezu in die Hand des deutschen Landmannes gelegt ist! Tine furchtbare Verantwortung!" Aus der Zugendzeit eines deutschen Mannes. (Fortsetzung.) Ich hatte eine Zeitlang barfüßig auf dem Eise gestanden, bis die Schuhe heraus waren. Ts war eine verzweiflungsvolle Szene. Diese kleinen Leiden des mensch- Uchen Lebens können in ihrem Zusammentreffen furchtbar peinigen, wir lenkten wieder nach dem Wege ein,' die schlimmste Stelle war umgangen, aber der Fahrweg hatte viel Eis. Neben ihm zog sich ein erhöhter schmaler Fußsteig an einem Graben entlang, der, weil er niedrig war, wenig Eis enthielt. Die aufgeworfene Erde des Grabens bildete den erhöhten Fußsteig, wir wählten ihn, hintereinander gehend, zum Fortkommen: ich humpelte in schrecklicher Seelenangst wegen des Verirrtseins mit meinem erleichterten Kartoffelbeutel hinter dem Vater her und bildete mir in der Rufregung ein, ich würde meine Mutter nie wieder sehen. Der Fußsteig war lehmig; unzähligemal gleitete ich von ihm hinab in den Graben, wobei der Kartoffelbeutel nachhalf und erkleckliche Proben aller Rrten des Lehms in reicher Fülle auf Hosen und Jacke sitzen blieben, und meinem Vater ging es nicht viel besser, obgleich er mir bei jedem hinabgleiten Ungeschicklichkeit vorwarf. Endlich konnten wir beim Sternenlichte unterscheiden, daß in einiger Entfernung ein Wald vor uns lag,' bis dahin hatten wir außer dem Erdboden gar nichts gesehen, weder ein Dorf noch einen Menschen. Ein sehr entferntes Geheul, von welchem mein Vater mir sagte, es seien Wölfe, machte keinen Eindruck auf mufft da ich! die Wölfe nicht kannte. Rber als ich hörte, daß wir in der Nacht einem Walde zuschritten, bekam ich einen gewaltigen Schreck, nicht um der Wölfe willen, sondern wegen der Räuber, die ich als Freunde nächtlicher Wälder zu kennen glaubte. Da mein Vater schon sehr ärgerlich war, wagte ich nicht, ihm meine Rngst zu gestehen, allein die haare sträubten sich mir, als wir in den Wald eintraten. Nicht weit waren wir gegangen, als wir in der Ferne zwischen den Bäumen ein Licht erblickten. Mein Vater begrüßte es freudig; meine aufgeregte Phantasie aber mair in Schreckbilder hinein geraten. Ich hatte gehört, daß in der Nacht die Löwenaugen leuchteten wie Katzenaugen, wer stand uns nun dafür, daß wir nicht einem Löwen in deu offenen Nachen liefen? Ruch konnte es ein Irrlicht sein, das uns in Sümpfe lockte. Diese Rngst währte so lange, bis endlich ein lautes gewaltiges Hundegebell erscholl. Das waren heimatliche Klänge; es war, als ob eine Ninde sich von dem Herzen löste und die Brust freier atmen könnte, wir näherten uns einem im Walde liegenden, mit hohem Gehege umschlossenen Gebäude und hörten, daß ein Mann den Hunden Nuhe gebot, dann durch den Torweg fragte, wer da sei, und, als er Rntwort erhalten hatte, aufschloß. Ts war eine Schäfern. Die warme Stube und das Helle Kaminfeuer verscheuchten augenblicklich alle Räuber- und Löwengedanken und taten uns ungemein wohl, wir wurden freundlich ausgenommen; 'man wollte uns zu essen vorsetzen, allein ich fühlte mich vom vielen Fallen am ganzen Leibe zerschlagen und totmüde. Der iSchäfer machte eine Streu zurecht, und ich schlief, fast ehe ich mich hingelegt hatte. Nie habe ich besser und süßer geschlafen. Mein Vater hatte in dem Schäfer einen Mann gefunden, der auch den Rückzug aus der Thampagne mitgemacht hatte. Run war für ihn noch an kein Zubettgehen zu denken. Bis nach Mitternacht saß er rauchend, mit dem Schäfer lebhaft plaudernd und in Erinnerungen verloren. Trotz der lauten Unterhaltung hatte ich kein Wort davon vernommen. Rm andern Morgen erfuhren wir, daß wir Friedland nicht näher gekommen waren. Man brachte uns auf den richtigen w.g, und um Mittag kamen wir, zur großen Beruhigung meiner Mutter, mit dem Reste der Kartoffeln dort an. Dies Rben- teuer prägte sich mir tief ein und steht mir noch heute lebendig vor Rügen. Im Mai begleitete ich meinen Vater auf einer Reise nach zweien, nur ein paar Meilen entfernten polnischen Dörfern. Lr fuhr mit Vorspann,' ich saß neben ihm auf einem heubündel in einem Korbwagen. Es war ein wunderschöner Frühlingsvormittag,' die Lerchen wirbelten im jauchzenden Thors über der grünen Saat,' eine Sonntagsfeier war über die ganze Natur gebreitet,' hier und da drängten sich gelbe Butterblumen an den Rändern der Saat hervor,' ich genoß nach dem öden Winter die Herrlichkeit des Frühlings mit allen Sinnen, wir kamen gegen Mittag nach dem ersten Dorfe,' es war warm, und mich dürstete sehr. Mein Vater ließ vor einem Hause halten,' ein erwachsenes Mädchen erschien, und wir baten um etwas Wasser. Sie verstand uns nicht, denn sie sprach nur polnisch. Ruch unsere Zeichen begriff sie nicht, und nur erst, als mein Vater das Wort „wodda" aussprach, brachte sie Wasser in einem Teller von der Form einer Untertasse, grün mit weißen, violett eingefaßten Blättern bemalt, wahrscheinlich, wenn man den Eimer ausnimmt, dem einzigen im Hause vorhandenen Gefäße. Roch erinnere ich mich eines schönen Rachmittags aus derselben Zeit, da meine Mutter mit uns Kindern zum Tore hinaus in die wirklich schöne Umgegend gegangen war und wir sämtlich im Grase saßen und Veilchen und Schlüsselblumen pflückten. Die letzteren sah ich bei dieser Gelegenheit zum ersten Male. Unsere Spiele wurden unterbrochen durch eine Uahe bei uns vorbeiziehende Zigeunerbande, welche, aus 70 Köpfen bestehend, Männer, Weiber und Kinder, durch die Stadt transportiert wurde, in der sie viel gestohlen und andern Unfug getrieben haben sollte. So fremdartig die Leute auch aussahen, hatte ich sie mir doch viel schlimmer vorgestellt, als ich sie fand. Die friedliche Zeit, in der wir bisher gelebt, sollte sich nur zu bald in eine recht unruhige und traurige verwandeln. Rm 23. März war die polnische Revolution ausgebrochen. - 200 Kosziusko stand an der Spitze, und in allen früher polnisch gewesenen Landen regten sich neue Hoffnungen und wandten sich die feindlichen Leidenschaften gegen Preußen. Ruch in Friedland gewannen die ehemaligen Polen neuen Mut mit -dem kommenden Sommer, und chatten es kein hehl, daß sie ihre Konföderierten Landsleute mit Sehnsucht erwarteten. Unser Wirt schrie: „Laßt sie nur erst hier sein, dann sollt ihr lutherischen Hunde schon sehen, wie es euch ergehen wird. Ich helfe mit totschlagen!" Rus der ganzen Gegend hatte man das Getreide weggeschafft, und überall fehlte es an den notwendigsten Lebensmitteln. Ls trat eine förmliche Hungersnot ein, und man fand vor der Stadt einen Menschen verhungert mit hechsel im Munde, vierzehn Tage lang lebten wir einzig und allein von Gerstengrütze mit Wasser und Salz gekocht, und mußten noch froh darüber sein,- denn viele hatten auch dies nicht einmal. Du große Gefahr bestand, daß die Sensenmänner sich unserer Stadt nahen möchten, so wurden die Rkzisebeamten beordert, die Tore zu besetzen: eine ganz überflüssige und unnütze Maßregel, welche höchstens dazu dienen konnte, den Sensenmännern das Finden der gesuchten Beamten zu erleichtern; denn was sollten zwei Mann an jedem Lore wohl für einen widerstand entgegensetzen? Mit Todesangst sahen wir jeden Morgen den Vater Weggehen und zum Tore eilen,- als einen uns wiedergeschenkten sahen wir ihn labends zurückkehren,- denn immer drohender lauteten die Nachrichten, immer größer wurden die Greuel, welche zu unserer Kunde kamen. In Hammerstein, drei Meilen von Friedland, hatten die Konföderierten den Rkzise-Linnehmer mit den Beinen an den Schweif eines Pferdes gebunden und ihn zu Tode geschleift, und ähnliche Schändlichkeiten wurden in Menge erzählt. Man male sich dazu die Szenen der Hungersnot aus, die Drohungen der wütenden polenfreunde in und außer der Stadt, die bösen Nachrichten Geflüchteter aus den von den Sensenmännern überschwemmten Gegenden, so wird man sich unsere Lage während der beiden Wochen denken können, in welchen wir hungernd zwischen Tod und Leben schwebten, besonders wenn man Zeuge des rohen Jubels war, mit welchem die polnischen Einwohner jede ihnen zusagende Nachricht aufnahmen und verbreiteten und an die jedesmal die empörendsten Drohungen gegen die „preußischen lutherischen Hunde" geknüpft wurden. Indessen auch diese ängstlichen Wochen gingen vorüber. Die Schlacht von Siedlce gab der Lage der Sachen eine andere Wendung,- die Konföderierten mußten unsere Nachbarschaft verlassen; wir lebten neu auf und die polenfreunde trauerten. Die Kriegssorge war vorbei, aber schlechte und teure Zeit blieb es noch lange, und in uns wirkte nicht minder lange das Gedächtnis nach an die überstandene drohende Gefahr. Zu Ostern wurde ich der Schule der alten Frau entnommen und in die Stadtschule geschickt, welche ein eigenes höchst altertümliches Gepräge hatte, das ich ausführlicher beschreiben muß, da man nicht wissen kann, ob nicht bei den stets wechselnden Rnsichten über Erziehung und Schuleinrichtung, von welchen ich schon eine hübsche Rnzahl von Phasen durchgemacht habe, einer oder der andere darin sein Ideal verwirklicht findet. (Fortsetzung folgt.) Mrchliche Anzeigen. Sonntag, den 17. Dezember, 3. Rdvent. Gottesdienst. In der Stadttirche. vormittags 9V 2 Uhr: Professor Dr. 5 ch i a n. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeinde. Pfarrer Mahr. Rbends 5 Uhr: Pfarrer Schwabe. Beichte und heil. Rbendmahl für die Markusgemeinde. Rnmeldungen werden vorher bei dem Pfarrer der Gemeinde erbeten. — 1 Sonntag, den 17. Dezember, abends 8V 4 Uhr: Vereinigung der männlichen und weiblichen Jugend der Matthäusgemeinde. Mittwoch, den 20. Dezember, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer Mahr. Samstag, den 23. Dezember, nachmittags 3 Uhr: Weihnachtsfeier der Kinderkirche der Markusgemeinde. Pfarrer Schwabe. In der Johannestirche. vormittags 97s Uhr: Pfarrer h o f f m a n n. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer. Nachmittags 3 Uhr: Weihnachtsfeier der Kleinkinderbewahranstalt. Pfarrer Rusfeld. Rbends 5 Uhr: Pfarrer Rusfeld. Beichte und heil. Rbendmahl für die Johannesgemeinde, wozu besonders die konfirmierte Jugend eingeladen wird. Rnmeldungen werden vorher bei dem Pfarrer der Gemeinde erbeten. Rbends 77z Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Lukasgemeinde. 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