T T Nr. 49. Giehen, Sonntag 2. Advent, den 10. Dezember 1916. 5. Jahrgang. Die Kriegsbctjtunöc. Iesaia 50, 4. Der Herr hat mir eine gelehrte Zunge gegeben, daß ich wisse mit dem Müden zur rechten Zeit zu reden. Ls ist ein Wort voll stolzer Bescheidenheit, mit dem der Prophet von seiner Person und dem Aufträge, den er von Gott empfangen hat, redet. Vieser Kuftrag erscheint klein oder groß, je nach dem, von welcher Seite aus man ihn betrachtet. In den Kugen der Welt mag er klein und geringfügig erscheinen. Jedenfalls steht die Gelehrsamkeit, die ihm als Ausrüstung zur Seite steht, bei ihr in keinem sonderlichen Knsehen. Schon damals mag dies der Fall gewesen sein. heute ist das Urteil der Welt in gewissem Zinne verwirrt. Zie hatte sich daran gewöhnt, von dem Volk, das im Herzen Europas wohnt, als dem Volk der Dichter und Denker zu reden in dem Zinne, daß dieses für die Fragen «des praktischen Lebens wenig Verständnis und Geschicklichkeit besitze. Nun wird ihr klar, daß dieser ihr Glaube ein für sie selbst sehr schädliches Vorurteil gewesen ist. Mit einem Zchlage hat sich die als höchst unpraktisch verschriene Gelehrsamkeit des deutschen Volkes als eine solche ausgewiesen, die die Dinge des gewöhnlichen Lebens in der eingehendsten Weise zu meistern versteht. Das ist für viele, namentlich für unsere Feinde eine mehr als unliebsame Ueberraschung. Dem findigen Kopf, der fast für alle Kriegs- verlegenheiten eine Kbhilfe entdeckt, stellt sich die geschickte Hand zur Verfügung, die dessen Absichten auf die verständnisvollste Weise ausführt. Schon jetzt ist unser Volk dieses seines geistigen Kdels, der, aus Notzeiten geboren, in der Zeit der Not seine glänzende Probe besteht, voll bewußt, und die Zeit, in der die berufensten Federn sich seiner Verherrlichung zu Diensten stellen, wird nicht mehr lange auf sich warten lassen, hierin etwas vorwegzunehmen, ist nicht die Kbsicht dieser Zeilen. Zie lenken ihr Kugenmerk auf eine Gelehrsamkeit, um mit den Worten des Propheten zu reden, die ein so schlichtes Kuf- treten ist, daß sie leicht ganz übersehen wird. Kber doch schafft sie an ihrer Ztelle auch Segensreiches. Unsre Kriegsbetstunde ist seit Beginn des Krieges in Tätigkeit. Km Knfange befriedigte sie anerkanntermaßen ein öffentliches Bedürfnis und trug auch das Ihre dazu bei, die hochgehenden Wogen der anfänglichen Volksbewegung in eine ruhigere Gangart zu bringen, heute werden im allgemeinen ihre Dienste nicht mehr in dem Maße begehrt, wie in der Zeit, als die weiten volkskreise noch nach Fassung rangen und die Tempelpforten nicht weit genug sein konnten, um den herbeiströmenden Einlaß zu gewähren. Es ist anders geworden. Kn die Kirchentüren brandet nicht mehr der Ztrom des öffentlichen Lebens. Er sucht sich andere Kanäle. Was man jetzt darin verfchiwinden sieht, sind stille Beter, gefaßte Dulder, weinende Mütter. Kber gerade um deswillen, kann man sagen, ist die Kufgabe der Kriegsbetstunde eine noch heiligere geworden. Zie hat nunmehr die Kufgabe, sich derer anzunehmen, deren Geist von der langwierigen Last mürbe gedrückt worden ist, mit den den Müden zu rechter Zeit zu reden. Kann es eine schönere, heiligere, ernstere Kufgabe geben? K. G. Aus dem Leben eines Giehener Bürgers um das Jahr ,800. Ls ist allgemein bekannt, daß die Ztadt Gießen am Knsang des neunzehnten Jahrhunderts eine geringe Kus- dehnung hatte,' die heutigen Knlagen bezeichnen ihre Grenzen. In dem Bezirke, den diese Knlagen umschließen, wohnten einige Tausend Menschen, die einander alle kannten und miteinander ijm Verkehr standen. Gießen wjar damals eine Kleinstadt mit vorwiegend landwirtschaftlichem Gepräge, moderner Betrieb und moderne Ideen lagen den Einwohnern völlig fern, man kann sagen, daß die Ztadt erst nach dem Jahre 1 87 1 aus dem engsten Nahmen einer deutschen Kleinstadt herausgetreten ist und zu einer Provinzialhauptstadt, wurde, die durch die pflege des geistigen Lebens, durch industrielle Unternehmungen und Bürgerfleiß sich in Deutschland Geltung verschaffte, vorher waren die Verhältnisse in Gießen eng und klein, die Nedeweise der Einwohner derb, ihr geistiger Horizont eng begrenzt, die Zustände waren unerfreulich, das städtische Leben sehr rückständig. Laukhard sagt, daß es um das Jahr 1775 kein einziges schönes Haus in Gießen gegeben habe, und Karl Vogt entwirft in seinen Lebenserinnerungen, in denen er allerdings sehr übertreibt und in einzelnen Fällen mit der geschichtlichen Wahrheit auf gespanntem Fuße steht, aus seiner Jugendzeit sehr unerfreuliche Bilder aus seiner Vaterstadt, namentlich von dem Zustand der Straßen und Häuser. Diese alte Zeit hat aber auch ihre Vorzüge gehabt. Bei der Seßhaftigkeit der Bevölkerung herrschte ein ausgeprägter Familiensinn, wie überhaupt konservative Gesinnung in den alten Gießener Familien heimisch mar. Damit stand in Zusammenhang, daß die Bevölkerung von religiöser Gesinnung erfüllt war und an den kirchlichen Sitten festhielt. Was in unserer schnellebigen, überhasteten Zeit kaum noch geschieht, kam damals häufig vor, daß Gießener Bürger oder auch ihre Frauen Aufzeichnungen über Familienereignisse, auch über wichtige Ereignisse im Leben der Stadt, niederschrieben mit der Absicht, ihre Niederschrift den Nachkommen zu vererben. Im Jahre 1912 haben wir im „Sonntagsgruß" bereits derartige Aufzeichnungen — es waren die Aufzeichnungen der Frau Johannette Busch veröffentlicht, heute teilen wir unsern Lesern mit, was der Bürger und Perückenmacher Ludwig Andreas Kohlermann aus seinem Leben niedergeschrieben hat.*) Die Familie Kohler- mann gehört zu den ältesten Familien unserer Stabt, wenigstens wird sie schon zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges genannt. Ludwig Andreas Kohlermann berichtet in seinen Aufzeichnungen zuerst von seinen Eltern. Der Lebenslauf des Vaters, dessen Vornamen der Lohn nicht nennt, ist sehr interessant. Er war am 2. Juli 1700 hier geboren, 1724 ist er Solbat geworden, allem Anschein nach in dem in Gießen garnisonierenden Truppenteile. Es dauerte sieben Jahre, bis er es zum Gefreiten brachte. Im Jahre 1734 ist er unter dem Oberst von vogelsang zu Feld gezogen und hat die Belagerung von Philippsburg in Baden mitgemacht. Liebzehn Jahre hat er gedient, da wurde er erst Sergeant, als solcher beteiligte er sich an einem Kriegszuge nach Holland. Im Jahre 1750 kam er in das „Landbataillon". Leine aktive Dienstzeit scheint erst im Jahre 1770 ihr Ende erreicht zu haben. Zn diesem Jahre, als Siebzigjähriger, also in einem Alter, in dem sonst der Beamte in den wohlverdienten Buhestand tritt, wurde er Torschreiber. Kohlermann ist somit Berufssoldat gewesen, und das blieb er bis in das Greisenalter. Me ungeheuer langsam ging es mit seiner Beförderung in einem Jahrhundert, in dem ein junger Mann von 21 Jahren schon Geheimerat werden konnte, das Studium überhaupt mit dem zwanzigsten Lebensjahre in der Begel beendet war. Daß man die Berufssoldaten so lange im Dienste behielt, dauerte in Hessen bis nach den Befreiungskriegen. Wenigstens hat es in Gießen noch vor 100 Jahren Soldaten gegeben, die Hausbesitzer waren, auch sieht man aus den Kirchenbüchern, daß Soldaten oft in hohem Alter zu Grabe getragen wurden. Die lange Dienstzeit scheint der Gesundheit Kohlermanns nicht nachträglich gewesen zu sein. Noch 19 Jahre war er Tor- schreiber und wird als solcher am Selterstor oder Walltor ein scharfes Auge auf die Aus- und Linpassierenden gehabt haben. Im Besitz seiner Nachkommen in Frankfurt a. HT. befindet sich noch ein Bild von ihm, es ist eine kleine, aber sehr fein ausgeführte Aquarellzeichnung, die aus seiner Soldatenzeit stammt und ungefähr 180 Jahre alt ist. Ueber seinen Tod und sein Begräbnis schreibt der Sohn: ,,1789, den 26. Dezember nachmittags nach 2 Uhr ist er in dem Herrn seelig entschlafen an einer Entkreftung wo er ald ge- *) Ich verdanke die Einsichtnahme Herrn Rechnungsrat Pinkel in Frankfurt a. Main, dessen Gattin einer Gießener Familie entstammt. worden 89 Iahr 5 monat 24 tag, gott Derlei) ihm eine fröhlich auferstehung. Cr ist den 27. Dezember nachmittag 4 Uhr begraben worden, 10 Soldaten haben Ihn getragen, ich und Schwager Geißmar und alle Unteroffiziere die bepm Be- giment wahren sind mitgegangen." Auffallend ist, daß das Begräbnis schon 26 Stunden nach dem Tode stattfand. Die Mutter war wesentlich jünger, von ihr meldet Ser Sohn nur Geburt und Tod: „1719, den 50. August ist meine Mutter Llisabetha Tatarina, eine gebohrene Jughartin ge- bohren, sie ist den 4. September 1808 an Entkreftung gestorben, ihr Alter war 90 Iahr 5 Tag, den 5. September den nachmittag um halb 4 Uhr ist sie begraben worden, die treger wahren die Perrückenmacherzunft mit einem Marschall." Beide Ehegatten haben somit ein hohes Alter erreicht, in einer Zeit, in der Desundheitslehre und Hygiene noch sehr im Argen lagen. Der Sohn Ludwig Andreas Kohlermann, dessen Aufzeichnungen wir hier wiedergeben, ist am 22. Ianuar 1751, als sein Vater schon im 51. Lebensjahre stand, geboren. Seine Taufpaten waren der Studiosus Ludwig Balser Faber, Andreas Gregorius Daniel Kohlermann und Iungfer Anna Margaretha Köhler, hinterlassene Tochter des Sergeanten Kühler. Mit 14 Jahren, wie es in der Begel auch heute noch geschieht, scheint Kohlermann die Schule verlassen zu haben, da-er im Jahre 1765 in die Lehre trat. Ueber seine Lehr- und Wanderjahre berichtet er in seiner eigentümliäM Orthographie: „Anno 1765, den 27. August bin ich in die Lehr Jahr gekommen auf Trey Jahr bei) Herrn Johann Gregorius Boos Borger und peruquenmacher wo ich 1768, den 27. August Loosgesprochen bin worden wo ich 1 Jahr 24 Wochen bei) ihm als Gesell geblieben bis 1770 den 1. April Bin ich in die Fremte gegangen nach Franckfort bei) Herrn peruquenmacher Löwenstein wo ich 42 Wochen in arbeit gestanden Bis 1771 den 24. Januari) von da bin ich nach Hanau gekommen bei) Herrn peruquenmacher Schaffstett wo ich 1 Jahr 1 Woch in arbeit gestanden bis den 5. Februar 1772 von da bin ich wieder nach Franckfort In arbeit Kommen bey Herrn peruquer Krafft wo ich zwei) Jahr 56 Wochen Bis 1774 den 8. Februar wo ich von meinem Gewesenen Lehr Herrn Johann Gregorius Boos wieder nach Gießen berufen bin worden und habe bei) ihm in condicion gestanden." Der Werdegang des Mannes ist der in der Zeit des Zunftwesens übliche: drei Jahre Lehrzeit, dann Lossprechung durch die Zunft, hierauf mußte der Geselle seine Zeit „erwandern". Wir haben im Jahrgang 1915 des „Sonntags- grußes" in einem Aufsatze „Zur Geschichte der Gießener Gerberzunft" näheres über das Zunftwesen mitgeteilt. Ludwig Andreas Kohlermann scheint seine Lehr- und Gesellenzeit gut angewendet zu haben,' denn schon im Jahre 1776, als er 25 Jahre alt ist, wird er Meister und macht sich selbständig, indem er das Haus und Geschäft seines früheren Lehrmeisters Boos übernimmt, vermutlich hat ihn dieser von Frankfurt nach Gießen b.rufen, weil er ihm sein Geschäft übertragen wollte. Das Haus, das Kohlermann damals erwarb, lag, wie aus einer späteren Botiz hervorgeht, am Kirchenplatze. Das Abkommen, das die beiden Männer miteinander schlossen, ist klug ausgedacht. Der Käufer schreibt: „Anno 1776, den 1. abril bin ich mit Johann Gregorius Boos in Akkord getreten, ihm vor hauß und die conschafft (Kundschaft) so lange er lebet, jährlich 60 Gulden geben und nach seinem 195 — seeligen Todt seinen Kindern vor das hauß 600 Gulden, das erste vcrteljahr ZOO Gulden und nach Z folgenten Jahr Jedes Jahr mit 100 Gulden beinebst der Lntrese zu zahlen haben dieses alles ist den Koosischen Erben von mir zahlt worden." hiernach sicherte sich Koos eine lebenslängliche Rente und gab das Haus, so lange er lebte, nicht aus der Hand, vielleicht dachte der vorsichtige Mann, der schon mancherlei im Leben mitangesehen hatte, seine Kinder würden ihn um den Kaufpreis erleichtern, wenn er das Haus veräußern werde. Darum sorgte er dafür, daß sie das Geld erst nach seinem Tode bekamen. (Fortsetzung folgt.) Aus der Jugendzeit eines deutschen Mannes. (Fortsetzung.) Gr war Meister und Wirt und konnte tun, was er wollte. Dabei steckte er voll des krassesten Aberglaubens, wußte eine Menge Wundergeschichten und Gespenster-Historien, hatte den 'Teufel als einen Wirbelwind oder im Wirbelwinde gesehen, glaubte anhexen und an alle möglichen Albernheiten. Mit meinem Vater stritt er sich viel herum und tischte ihm seine Histörchen auf. Lin näheres Verhältnis war aber zwischen beiden unmöglich,und der Wirt legte uns gern etwas in den Weg. Da ich noch nicht lesen konnte, wurde ich in die Vorschule gebracht, welche von einer mehr als siebzig Jahre alle Frau gehalten wurde. Sie bewohnte ein kleines schlechtes Häuschen am katholischen Kirchhofe, das nur eine Stube und den Hausflur umschloß. Das Zimmer war auf dem Fußboden mit Ziegeln belegt, die kleinen Fenster befanden sich oben nahe der Decke und waren so blind, daß man nicht hinaussehen konnte. Lin großer Ziegelofen stand neben dem Kamine und vor diesem saß die alte Frau und spann den ganzen Tag, neben sich auf einem Schemel eine hölzerne Kelle und eine Nute, die einzigen und mir schon sehr wohlbekannten Lehrmittel. Drei freistehende rohe, doch glatt geriebene Bänke ohne Lehne nahmen die Schuljugend, Knaben und Mädchen, auf, bis sie notdürftig lesen konnten. Die eine Dank trug die Rbc-Schützen, die zweite buchstabierte, die dritte fing zu lesen an. Der Schulunterricht begann mit dem Gesänge eines feststehenden Liederverses, den man wie seine Melodie durch den Gebrauch lernte, und einem feststehenden kurzen Gebete, welches einer im Singsang hersagte, und hierauf ging einer nach dem andern zur spinnenden Frau und sagte aus der gewöhnlichen Fibel mit dem Hahne seine Buchstaben oder sein „a, b, ab" her. Die Rite sprach wenig; machte ein Kind Fehler, so schob sie ihr Spinnrad zur Seite, kippte mit einer Hand das Kind über den Schoß, hob mit der andern den Kock in die höhe, ergriff die Kelle oder Kute und bearbeitete nach Gutdünken das Sitzfleisch. Dann kam ein anderes Kind an die Keihe, bis man durch war. Koch nicht lange wohnten wir in Friedland, als meine Mutter gewahrte, daß ihr ein neues Unglück drohe. Der Dienst meines Vaters forderte, daß er beim Linmaischen des Getreides in den Branntweinbrennereien zugegen sei, um das Interesse der Rkzise dabei wahrzunehmen, und es gab solcher Brennereien, wenngleich nur kleine, in Friedland viele. Ohne Rusnahme wurde ihm beim Eintritt jedesmal zuerst ein Glas Schnaps vorgesetzt, und keine Weigerung, ihn anzunehmen, half. „Sie werden uns doch unsern Schnaps nicht verschmähen, das würden wir gar sehr übelnehmen!" hieß es stets,' denn es lag im Interesse des Rnbietenden, den Beamten betrunken zu machen. Mein Vater war zu höflich, um Leute, mit denen er stets zu tun hatte, zu erzürnen, um so mehr, als er wußte, wie wenig die Rkzisebeamten geliebt wurden. Wohl oder übel mußte er zugreifen. Lr war als Soldat nicht gerade ein Feind des Branntweins, hatte ihn aber nur sehr mäßig getrunken,' an diese Mengen, wie sie ihm jetzt geboten und fast eingezwungen wurden, war er nicht gewöhnt. Mit Schrecken sah meine Mutter, daß er betrunken nach Hause kam. Sie sparte nicht Bitten, nicht Vorstellungen, ihn abzubringen vom Trunk, auch sah er die nahende Gefahr wohl ein,' denn es fehlte ihm weder an Verstand noch an Gutmütigkeit,' er versprach alles mögliche und hatte gewiß den redlichen Willen, Wort zu halten. Rber die Verführung war zu groß,' die Gelegenheit wurde zu häufig geboten, und er durfte ihr amtshalber nicht aus dem Wege gehen. Ls hätte eines eisernen Willens und einer tüchtigen Menge von Grobheit bedurft, um sich die Verführer vom Leibe zu halten,' aber weder der eine, noch die andere gehörte zu meines Vaters Eigenschaften. Das Weihnachtsfest kam heran. Meine Mutter war traurig,' denn kaum ein bescheidenstes Spielzeug für die Kinder war in den wenigen Läden zu finden, da die Sitte des Weih- nachtsschenkens in Friedland unbekannt war. Pfefferkuchen wurde zwar von den Bäckern gebacken, war aber so hart, daß man ihn nicht zerbeißen konnte, und hatte gar keinen Geschmack. Er war völlig ungenießbar. Unser Wirt hatte sich zum Feste kannibalisch betrunken, was ihm sehr oft begegnete. Man tat dann gut, ihm aus dem Wege zu gehen, und mehrere Tage lang wußte er nichts von sich selbst. So kam das Jahr 1794 heran. Bald verkündigten die ersten Hellen Märzmorgen, daß der traurige Winter sich zum Rbzug rüste. Rls eines Tages die Sonne hell und freundlich schien, sagte mein Vater, daß er in Dienstangelegenheiten nach einem etwa anderthalb Meilen entfernten Dorfe gehen müsse und mich mitnehmen wolle. Wir gingen um Mittag fort; die Sonne schien hell und hatte den Schnee auf den Feldern zum Teil geschmolzen,' die Vertiefungen aber waren alle noch mit Eis bedeckt, zwischen welchem der unebene Rckerboden schwarz hervorsah und lang gekämmte Flecke auf weißem Grunde bildete. Ruch der Weg hatte noch viel Eis, und noch war keine Blume zu sehen. Nach zwei guten Stunden kamen wir im Dorfe an und kehrten bei den Leuten ein, mit welchen mein Vater Geschäfte abzumachen hatte. Wir wurden gut ausgenommen, bekamen Kaffee und, was bei keiner Gelegenheit fehlte, Schnaps mit Butterbrot, welches letztere ich mir sehr schmecken ließ. Ruch mein Vater hieb tapfer ein und sprach dem Schnaps wohl etwas über die Gebühr zu,' denn er war ins plaudern gekommen, und dachte gar nicht an das Kachhausegehen. Ich erinnerte endlich daran, als die Sonne sich zum Untergang neigte, und nun füllten die Leute einen leinenen Beutel mit einigen Metzen Kartoffeln, welche wir der Mutter mitbringen sollten. Ich bekam den ziemlich schweren Beutel zu tragen und wir machten uns auf den Weg. Mein Vater ging unsicher; es fror bereits wieder, und die aufgetauten Stellen übereisten aufs neue, so daß wir beide oft gleiteten und ich auch einmal hinfiel, wobei sich die Kartoffeln aus dem nicht zugebundenen Beutel ans Tageslicht begaben und wieder aufgelesen werden mußten. Mir kam der Weg, den wir jetzt machten, als ein anderer vor, henn der früher gesehene. Mein Vater aber meinte, wir gingen richtig. Inzwischen wurde es dunkler und dunkler, obgleich die Luft meist klar blieb. Endlich kamen wir an eine Stelle, wo der Weg auf eine große Strecke und in ziemlicher Breite ganz mit Eis überlegt war, und hier konnten wir 196 nicht mehr zweifeln, den rechten Weg verfehlt zu haben. Der Vater schalt mich, daß ich mir den weg nicht besser gemerkt hätte, während ich mich doch auf ihn verlassen hatte. Mir, dem der Gedanke an das verirrtsein schon schrecklich war, preßte die Zchelte bittere Tränen aus, und ich fing an jämmerlich zu weinen. Darüber wurde mein Vater böse, und drohte mir mit Schlägen, was freilich nicht zur Beruhigung diente. Ich schleppte mich halb verzweifelt mit dem großen Kartoffelsacke mühsam weiter,- denn meine Zchuhe waren schwer von der daran klebenden Erde und klappten ab. Wir konnten nicht auf dem Wege bleiben, der unter der erwähnten brüchigen Eisfläche hinführte, und mußten sie zu umgehen suchen. Das war ein schweres Ztück Urbeit. Wollten wir aber nicht gar zu weit gehen, so mußten wir zuletzt doch wagen, eine Strecke über das Eis zu gehen, das hier ziemlich fest zu sein schien. Da ich mich wegen des Uusgleitens fürchtete, so hockte mein Vater sich nieder, und befahl mir, ihn zu umklammern, weil er mich huckepack hinübertragen wolle. Den Kartoffeljack trug er selber. Uber mitten auf dem Eise ibrach er bis zu den Waden ein, ich plumpte eben so tief hinunter, und die Kartoffeln rollten auf dem Eise umher. Neues Fluchen, neues Zchimpfen, neues Weinen. Ein Teil der zerstreuten Kartoffeln mußte geopfert werden,- es hielt schwer, meine Schuhe unter dem Lise zu finden und herauszubringen, und wir waren froh, als wir wieder Boden unter den nassen Füßen spürten. (Fortsetzung folgt.) «leine Mitteilungen. pfarrassistent Hans hoffmann, der seit Oktober 1912 hier wirkt, ist zum Pfarrer der Gemeinde Westhofen bei Worms ernannt worden. * * * Bei den Weihnachtsfeiern unserer Kinderkirchen macht sich in jedem Jahre der Uebelstand bemerkbar, daß Kinder, die vorher niemals erschienen sind, sich herzudrängen, weil bei der Feier ein kleines Geschenk, meist eine kleine Drucksache, gegeben wird. Diese Kinder fehlen dann samt und sonders in dem ersten Kindergottesdienst nach Weihnachten, bei der Weihnachtsfeier aber drängen sie sich vor, so daß die übrigen Kinder nicht ihre gewohnten Plätze bekommen. Fügen wir noch hinzu, daß diese seltenen, nicht an Disziplin gewöhnten Gäste durch Unruhe, Unaufmerksamkeit und husten den Gottesdienst stören, so haben wir ein vollständiges Bild von diesem Uebelstande. kirchliche Anzeigen. 5 onntag,denl0. Dezember, 2. Udvent. Gottesdienst. In der Stadttirche. vormittags 9 { / 2 Uhr: Pfarrer Schwabe, vormittags 11 Uhr: Militärgotlesdienst (Feier des heil.' Ubendmahls). Pfarrer Schwabe. Nachmittags 2 Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde. Pfarrer Schwabe. Ubends 5 Uhr: Pfarrer Mahr. Beichte und heil. Ubendmahl für die Matthäusgemeinde. Anmeldungen werden vorher bei dem Pfarrer der Gemeinde erbeten. Um 3. Udoent findet im Ubendgottesdienste Beichte und heil. Ubendmahl für die Markusgemeinde statt. - Sonntag, den 10. Dezember, abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Markusgemeinde. Siehe Wartburgverein. Montag, den 11. Dezember, abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Matthäusgemeinde. Dienstag, den 12. Dezember, nachmittags 4 Uhr im Matthäussaal: Frauenmissionsverein. In der Johanneskirche, vormittags 97 2 Uhr : Pfarrer Uusfeld. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Johannesgemeinde. Pfarrer Uusfeld. Ubends 5 Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. Beichte und heil. Ubendmahl für die Lukasgemeinde. Unmeldungen werden vorher bei dem Pfarrer der Gemeinde erbeten. Um 3. Udvent findet im Ubend- gottesdienst Beichte und heil. Ubendmahl für die Johannesgemeinde statt. Ubends 7 2 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Lukasgemeinde im Lukas- saal und der konfirmierten männlichen Jugend der Johannesgemeinde im Johannessaal. — Mittwoch, den 13. Dezember, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer B e ch t o l s h e i - mer. Freitag, den 15. Dezember, nachmittags 7 2 6Uhr: Vereinigung der konfirmierten Mädchen der Johannesgemeinde im Johannessaal. [ Ankündigungen empfe hlenswerter Firmen J Carl Loos Heinrich Noll Kirchenplatz 13 :: Telephon 797 Mäu9burg Nr. 7 Telephon Nr. 292 Manufaktur- Spezial-Geschäft für Bureaubedarf - Schreibmaschinen und Weißwaren Papierhandlung, Buchbinderei, Gesangbücher. Moderne Herren- u. Knabenkleider Kunstarbeiten. Photographische Apparate und Zubehöre Hof-Möbel-Fabrik Th. Brück Gießen, Ecke Schloßgasse- :: Kanzleiberg-Brandplatz:: Ältestes u. größtes Möbel- Fabriklager Oberhessens Gegründet 1858 :: Mehrfach ausgezeichnet Vorhänge - Teppiche . Linoleum Spez.: Schlafzimmer-Einrichtungen mit patentamtlich gefch. Matratzen D. G. M. Nr. 420 664/85 Allgemeine Rabatt-Spar-Marken Kesttiw.Holberg Nachl. P jiuunrinfirumente Model * lklifl {ballier, Neffen ^ öludlllph's Alachl. Fach schlagenden Arbeiten V lflkuemoeg 8 Telephon K7! $ hoenix-Nähiaschine. uch andere Systeme stets auf Lager, reislage Mk. 60. — bis Mk. 180. - Nur bestbewährte Qualitäten r. Linier, Ludwigstr. fb eparaturwerkstattf.Nähmafchinen verantwortlich: für den Textteil Pfarrer Bechtolsheimer, für den Anzeigenteil h. Beck: Druck und Verlag der Brühl'fchen Univerfitäts- Buch- und Steindruckerei R. Lange, sämtlich zu Gießen.