Nr. 48. Bietzen, Sonntag 1. Advent, den 3. Dezember 1916. 5. Jahrgang. Advent. von Generalsuperintendent v. R li n ge ma n n - Eoblenz. Evangelium des Matthäus 4, 17. van der Zeit an fing Iesus an. zu predigen und zu sagen: Tut Vutze; das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Rdvent feiern heißt warten und hoffen auf Gottes Reich. Und darin liegt in dieser Zeit für unsren Glauben eine große Aufgabe beschlossen. Cs will uns wohl bedünken, als sei im Rampfgewühl unsrer Lage Gottes Reich uns fern gerückt, als sei alles, was wir sonst vom Rommen dieses Reiches zu spüren meinten, jäh und gewaltsam unterbrochen. Und doch ist uns der Glaube an die Wirklichkeit der Herrschaft Gottes unentbehrlicher denn je, kein Gedanke unerträglicher als eine Verdunkelung der Wege und Ziele Gottes, die durch alles irdische Geschehen sich hindurchziehen, wir suchen für unser liebes Volk klar umrissene Ziele des harten Ringens, wir holten fest an dem Glauben an eine aus Rampf und Opfer sich gestaltende neue, gesegnete Zeit, wie viel mehr tut uns der Glaube an ein überzeitliches Ziel not, an das Rommen der Vollendung, auf die unser tägliches Gebet gerichtet ist: Dem Reich komme! Unlösbar ist dieser Glaube von unsrem Glauben an Jesu Person und Werk. Ls ist doch dieses Reich Inhalt seiner Rotschaft gewesen, die große Wirklichkeit, in der und für die er lebte, arbeitete, litt und starb. Grade darin aber unterscheidet sich Jesu Rlarheit über das werden des Himmelreiches von aller Ungeduld seiner Zeitgenossen, daß er nirgends von raschem, kampflosem Rommen dieses Reiches redet, daß er von gewaltigen Erschütterungen weiß, die der ersehnten Zeit der vollendeten Gottes- Herrschaft voraufgehen müssen. Die wundersüchtigen Pharisäer, die ungeduldigen Jünger lehrt Jesu auf die Zeichen der Zeit achten. Und zu diesen Zeichen der Zeit rechnet er auch Rrieg und Rriegsgeschrei. wir maßen uns nicht an, die gewaltigen Ereignisse unsrer Tage in ihrer Beziehung auf Gottes Reich zu deuten, aber wir wollen achten auf die Zeichen der Zeit. Sie mögen wohl an die furchtbaren Rilder der Offenbarung uns erinnern, an die über die arme Erde ausgegossenen Schalen des Zorns, an die über zerstampfte, verwüstete Fluren dahinbrausenden Reiter, in deren Hand alle Macht des Verderbens gelegt ist. Über wir lassen uns daran erinnern, daß Gottes walten auch in dem Zeichen des Zornes und des Gerichts uns offenbar wird. Es war uns wohl die Liebe Gottes zu einer allzu menschlichen Vorstellung geworden, zu einem Ruhekissen für unsre lässige Bequemlichkeit. In der Not des Rrieges hat der Maßstab versagt, den wir an Gottes walten anzulegen uns gewöhnt hatten. Gott ist uns wie den Vätern vor hundert Jahren, im Flammenglanz erschienen,' wir sehen seine Größe in Geschehnissen, die über all unser Verständnis und all unsre Deutungsversuche hinausragen, wir müssen darauf verzichten, seine waltende Gerechtigkeit nach unsren Maßen und Begriffen zu messen, wir sehen und erleben eine Fülle von Leid, die unsrer Erklärungsversuche und Trostgründe spottet. Und doch muß er es sein, der unsrem Glauben jolche Lasten auflegt, der Gott, der größer ist als unser Herz, dessen Gedanken und Wege soviel höher sind als unsre Gedanken, wie der Himmel höher ist als die Erde. Zorn und Gericht sind nicht Gegensätze zu der Liebe, an die wir glauben, sondern die Liebe, die uns helfen soll, kann nicht sein ohne Zorn und Gericht, wo Gott den zerstörenden Gewalten Raum läßt, müssen sie seine Befehle ausrichten und seinem Reich, seiner Herrschaft die Bahn bereiten. Und wir meinen schon zu spüren, wie unter der züchtigenden Hand Gottes nicht allein unsre Vorstellungen sich klären, sondern unsre Gedanken Und Hoffnungen sich reinigen. So sehr die Zeit mit ihren gewaltigen Ereignissen und Neubildungen uns gefangen nimmt, so sehr wir in der Zeit auf ein ersprießliches Ende des unsrem Volke verordneten Ramp- fes hoffen, lernen wir doch zugleich über die Zeit hinaus-, blicken. Es ist um Größeres uns zu tun als um das eigene Geschick, um Größeres noch als um den Rusgang des Weltkrieges und unsres Volkes neu errungene Weltstellung ; wir hoffen aus Gottes Reich, auf neue Gestaltung seiner Heilsgedanken an unsrem Volk und über alle Grenzen der Völker hinaus. wie wir im Rrieg auf Gott uns haben besinnen lernen, so können wir den Rrieg nur als ein Zuchtmittel in seiner gewaltigen Hand verstehen, als einen Uebergang zu einer Zeit neuen, vertieften Glaubens und neuer Werke der Liebe, die aus dem Glauben fließt. Mitten im Streit sind die Rräfte des Glaubens und der Liebe lebendig geworden, die im Streit 190 — bewährt nun des Friedens harren, um ihre Legenswirkungen zu entfalten. Zur letzten Anspannung aller Kraft unsres Glaubens hat der Krieg uns aufgerufen, aber diese Anspannung der Glaubenskraft soll ihre reichen Früchte bringen, wenn uns des Friedens stille Urbeit winkt. Gottes Reich, Gottes Herrschaft bleibt uns gegenwärtiger Besitz, unabhängig von allem Wechsel der Zeit, von Krieg und Frieden, Freud und Leid, Glück und Unglück. Uber das Reich Gottes ist ein ewiges Gut und weist unser Trachten und hoffen über diese Zeit hinaus. Mas immer die harte, Zeit von ungelösten Fragen, von zerstörten Hoffnungen, von zertrümmertem Glück uns hinterlasse, wir schreiten im Glauben über alles Zeitliche hinweg, wir schauen im Glauben Aber uns hinaus. Un Jesus, den vollendeten Herrn, im Glauben gebunden, seiner Zusage gewiß, warten wir des Reiches, da unser Lehnen in Erfüllung, unser Glauben in Schauen sich wandeln wird, da wir mit ihm leben und triumphieren werden in unaussprechlicher Freude. Vas Reformationssest in Grohen-Linden und ttlein- Linden im Zahre M7. (Schlüße Im letzten Teile seiner Schrift gibt hoffmann einige geschichtliche Notizen Über seine beiden Gemeinden. Großen- Linden ist hiernach einer der ältesten Orte in Hessen, sicher älter als Gießen,' denn der Name des Grtes wird schon in der Karolingerzeit genannt und die Unsiedlung bestand vielleicht schon in vorchristlicher Zeit. Im Mittelalter gehörte der Grt zum Lahngau, im elften Jahrhundert wurde er zur Grafschaft des Grafen Werner gerechnet. Später wechselte der Besitz unter verschiedenen Herrschern, bis Großen-Linden im Jahre 1604 zu Hessen-Darmstadt kam. Der Grt war ursprünglich von geringem Umfang. Er wird bis zum Ende des sechszehnten Jahrhunderts in Urkunden stets als Dorf (villa) oder auch als Dörfchen (villula) bezeichnet, erst im Jahre 1575 wurde er zur Stadt erhoben. Interessante Mitteilungen macht hoffmann über die Geschichte der Stadt Großen-Linden in neuerer Zeit. Er schreibt : „Bemerkenswert ist endlich, daß Großen-Linden im Dreißigjährigen Kriege, wie die ganze Gegend, aber besonders 1655 durch die daselbst herrschende Pest, vieles gelitten hat. von verheerenden Krankheiten wurde die hiesige Gemeinde in den Jahren 1685, 1706, 1715, 1714, 1750 und vorzüglich 1759 bis 1762, in welcher Zeit das Flekkenfieber wüthete, heimgesucht. Zn den Jahren 1797 und 1807 foderten die pokken unerhörte Opfer und die Drangsale von 1815 und 1814, wo fremde Kriegsheere die Stadt und Gegend heimsuch- ten, die Viehseuche herschte und das grausame Uervenfieber den meisten Familien dahier und zu Klein-Linden tiefe Wunden schlug, sind uns allen noch frisch im Gedächtnisse. Zu den Zeiten der Uoth möchte wohl auch gegenwärtiges Jahr des Hungers gezählt werden müssen, worin das Uchtel Korn, welches bis dahin nach einem zehnjährigen Durchschnitte c'ma 8 Gulden g kostet hatte, vor der Erndte den Preis von 26 Gulden erstieg, und auch jetzt, nach der Erndte noch 18 Gulden gilt. Welch ein auffallender Unterschied, wenn man damit die vor hundert Jahren übliche Preise vergleicht! Nach zehnjährigem Durchschnittspreise galt nämlich das Korn am Unfange des vorigen Säkulums nur 2 Gulden 48 Kreuzer. vielleicht wird unseren Nachkommen in hundert Jahren der gegenwärtige uns unerhörte Preis nicht in Verwundrung setzen." Diese Worte kommen uns in der gegenwärtigen Zeit wirklich prophetisch vor. hoffmann dachte immer an die Zukunft, namentlich an die Zeit.nach hundert Jahren, also an die Jahre 1916 und 1917. Was er vorausgesehen hat, ist eingetroffen, die hohen Lebensmittelpreise der Zeit vor hundert Jahren setzen uns jetzt in einer Zeit unerhörter Teuerung nicht in Verwunderung. Ulles kehrt auf Erden wieder, namentlich die Geißeln der Menschheit, Krieg und Hungersnot. Ueber Klein-Linden sagt der geschichtskundige Pfarrer: „Klein-Linden oder eigentlich Lindes bildete sich erst gegen 1580 bis 1590 zu einer Gemeinde, in welcher Zeit sich von Grosen-Linden aus einige Familien dort ansiedelten. Unno 1615 erbauten diese die dortige Kapelle, ohne jedoch den vortheil eines eigenen Gottesdienstes zu genießen, welcher ihnen zuerst durch einen Privat-Uccord mit dem Pastor von Linden und zwar unter denselben Einschränkungen, wie vorher dem Filiale Hörnsheim, zwischen den Jahren 1621 bis 1647 zu Theil wurde." Anton Ohorn. Von U. he pd i n g. Um 22. Juli feierte der Dichter und Schriftsteller Un - ton Ghorn in der Stadt Ehemnitz in körperlicher un$ geistiger Gesundheit und Frische seinen 70. Geburtstag. Professor Dv. Bernhard Rost, Lehrer an den technischen Lehranstalten daselbst, hat im Verlage von Pickenhahn und Lohn daselbst ein interessantes Gedenkbuch: Lammlung von Beiträgen reichsdeutscher und deutsch-österreichischer Dichter, Lchriftsteller und anderer, zu Ehren dieses Dichters herausgegeben, nachdem schon 1911 aus Unlaß des 40jährigen dichterischen Lchaffens Unton Ohorns von demselben Verfasser ein Buch mit dem Titel „Unton Ghorn, Lebensbild» eines Dichters der Gegenwart" erschienen war, in dem er in der Einleitung sagt, daß er hier Unton Ohorns Lebensge- schich'tc und zur Feier der 70jährigen Lebenszeit dessen Ltrebensgeschichte, d. h. eine eingehende Behandlung der Werke des Dichters geben wolle. Der Krieg, der auch den Verfasser des Gedenkbuchs ins deutsche Heer geführt hatte, ließ ihn aber nicht zur Uusfüh- rung der geplanten Urbeit kommen. Dagegen bat er, um Unton Ohorn zu dessen 70. Geburtstag mit einem literarischen Festgeschenk erfreuen zu können, Freunde und Verehrer des Dichters um Beiträge zu dem herauszugebenden Gedenkbuch, die, gern und zahlreich geliefert, zeigen, wie überhaupt Ohorns dichterisches Schaffen dankbare Unerkennung gefunden hat. Uus dem von Professor Rost verfaßten Lebensgang des Dichters erfahren wir das Folgende: Unton Ohorn ist am 22. Juli 1846 in Theresienstadt in Böhmen geboren, besuchte in Leipa die Volksschule und später das Uugustinergpmnasium daselbst, wo er die Werke der deutschen Dichter fleißig las und sich bereits dichterisch versuchte. 1865 trat er in das prämonstratenser Ehorherrenstift in Tegl bei Marienbad ein und würde 186) Kleriker. Nach zweijährigem Besuch der Universität Prag empfing er die höheren Weihen als katholischer Priester und würde von seinem Übte wegen seiner hervorragenden geistigen Fähigkeiten zum Lehrer des Gymnasiums in Pilsen bestimmt. Durch den Tod feiner Stiefmutter, die ihn zum katholischen Priester bestimmt hatte, für seinen Entschluß, aus dem Priesterstand auszutreten, freigeworden, reiste er 1872 nach Koburg, wo er an dem groß- denkenden Herzog Ernst II. einen hochherzigen Gönner fand, 191 der ihm bis zu dessen 1893 erfolgten Tode treu geblieben ist. In Gotha trat er am 28. Rugust genannten Jahres in der dortigen Schloßkirche zur evangelischen Rirche über,' Hofprediger Dr. Schweitzer hatte den heimatlosen mit großer Liebe ausgenommen, und in dessen Hause entstand sein erster Roman „Der Rlosterzögling". In demselben Jahre noch Lehrer an der Mädchenmittel- schule in Mühlhausen in Thüringen geworden, verheiratete er sich mit Jula Löschner aus Rujcha in Lähmen, kam dann 1874 an die höhere Mädchenschule in Themnitz, welche Stellung er 1877 mit einem Lehramt an den technischen Staats- anstalten daselbst vertauschte. Dr. Rojt ist sein Nachfolger geworden. hier neben seiner Lehrtätigkeit als Dichter und Schriftsteller überaus fleißig, erlebte er am 3. Rpril 1876 die Aufführung seines ersten dramatischen Werkes „Der Uhrmacher von Straßburg". Seit 1893 besitzt Ohorn in Themnitz sein eigenes heim, wo seitdem mancher Dichter und Schriftsteller aus- und eingegangen ist. 1904 entstand sein Rlosterschau- spiel „Die Brüder von St. Bernhard", das den dichterischen Ruhm Ohorns begründete, ein Werk, das in sieben Sprachen übersetzt, seinen Namen durch ganz Deutschland und über dessen Grenzen hinausgetragen. Seit 1911 im Ruhestand, ist der Dichter noch immer literarisch tätig und seine Leier hat auch in diesem gewaltigen Rriege treffliche Tone gefunden, die seine Treue zu Raiser und Reich und seine Hoffnung auf einen günstigen Frieden für das deutsche Vaterland offenbaren. von Rnerkennung und vielen Bezeichnungen des Dichters hat Rost in seinem Ruche berichten können, und das darin abgcbildete Rrbeitszimmer Ghorns läßt uns dies deutlich sehen. So möge denn auch Rost’s Gedenkbuch Zeugnis geben von des Dichters Leben und wirken für „Recht und Licht", von seinem freudigen Schaffen als Lehrer und Dichter! In dem Gedenkbuche bespricht Ernst Heerdegen, Schriftleiter der Rllgemeinen Zeitung in Themnitz, in einem trefflichen Rrtikel „Rnton Ohorn und das Themnitzer Theater" und erwähnt darin, daß siebzehn dramatische Werke bis jetzt der Feder Ohorns entflossen sind, die meist alle zuerst in Themnitz selbst das Rampenlicht erblickt haben. Um Ghorn als Dichter zu kennzeichnen, sei hier nur aus „Bremer und Fiedel" ein Gedicht abgedruckt: h e r b st. Die Blätter fallen. - ’s ist Herbsteszeit, Die Welt liegt traumverschwommen, In meine Locken hat's geschneit! . . . . will schon der Winter kommen? was tut’s? Noch steigt es von Liebeslust Rus dem Herzen mir in die Rehle, Noch fühl’ ich den Lenz in meiner Brust, Sei fröhlich meine Seele! Noch sei schließlich erwähnt, daß Geh. Rrchivrat Dr. phil. Gg. Schuster Ghorn als Historiker würdigt und der cand. phil. Josef Wolf einen Beitrag „Rnton Ghorn’s Probleme und Ziele" bringt. Das Gedenkbuch ist besonders durch seine vielen Gratulationsgedichte (so von Blüthgen, Dr. Fulda, Dr. Grabein, Dr. Rosegger, Prof. Sohnrep, Dr. zur. Sturmi-), zwei Musikstücke und achtzehn Rbbildungen interessant. Aus der Zugendzeit eines deutschen Mannes. (Fortsetzung.) Der gemeine Pole hält keine regelmäßigen Mahlzeiten. In Ramme hängt ein eiserner Grapen über dem stets brennenden Feuer, in welchem Essen, meistens Grütze, auch wohl Rartoffeln mit etwas Salz langsam brodeln. Eine hölzerne Kelle steckt darin, und wer Hunger spürt, geht hin, um sich etwas herauszufischen und ohne weitere Umstände zu verzehren. Dabei inkommodieren ihn die Tiere nicht. Die furchtbare Schmutzerei, welche überall herrschte, war uns allen schrecklich zuwider, und meine Mutter bekam Furcht vor dem Lande, in dem sie leben sollte. wir langten endlich nach fast sechs Tagen an dem Orte unserer Bestimmung an. Preußisch-Friedland ist eine kleine Stadt, die, mit einer altpolnischen hohen Mauer aus Bruchsteinen umzogen, auf etwas unebenem Boden liegt. Sie hat jeine lutherische und eine katholische Rirche mit Türmen. Die Brunnen sind ziemlich tief und mit Bruchsteinen aus- gesetzt. Oben sind sie überbaut und tragen eine Rolle, über welche eine eiserne Rette geht, an deren Enden die Wassereimer hangen, wird auf der einen Seite ein Eimer herab- gezogen, so geht auf der andern Seite der volle Eimer in die höhe. Daher muß jederzeit gewartet werden, bis sich zwei Leute bei dem Brunnen einfinden,' denn einer allein ist nicht imstande, die Rrbeit zu verrichten. Der Grt hatte vordem zu Polen gehört, und noch sahen viele Einwohner auf jene Zeit als auf eine gesegnete zurück, nach der sie sich sehnten. Die polnische Unsauberkeit aber war glücklich aus dem Grt verbannt. Uebrigens waren die Einwohner sehr religws, und die eine Hälfte bestand aus eben so strengen Lutheranern, als die andere aus eifrigen Ratholiken. Rm Sonntage holte kein Dienstmädchen einen Eimer Wasser, oder kochte irgend etwas, was man am Sonntage haben wollte, mußte am Sonnabend angeschafft werden, eine Einrichtung, die trotz Uebelstände dennoch beibehalten wurde, da sie hergebracht war. Die Rirchen wurden natürlich sehr regelmäßig besucht. Man sprach im Grte und in der Gegend nur plattdeutsch, aber in einem eigenen Dialekt desselben, der das sonst gewöhnliche „o" in „au" verwandelte und eine Menge von eigentümlichen Wörtern besaß, die im hochdeutschen fehlten. Daneben kamen auch viele polnische Worte vor. So führten z. B. alle Gbstarten polnische Namen. Es hat ziemlich lange gedauert, ehe wir imstande waren, die Einwohner zu verstehen,' dagegen zogen sie uns mit unserem Deutsch auf und fanden es höchst lächerlich. Besonders wurde ich mit meiner schnarrenden Bespräche des R (durch die Gurgel) von den Jungen so unbarmherzig geneckt, daß ich notgedrungen mich bequemen mußte, es mit der Zunge aussprechen zu lernen, was mir sauer genug geworden ist. Ueberhaupt hatte ich hier das Unglück, von allen Rltersgenossen geneckt zu werden, und befand mich wie die Eule unter den Rrähen. Dazu kam noch, daß die preußischen Beamten in der noch sehr polnisch gesinnten Stadt verhaßt waren und die Eltern solche Neckereien nicht ungern sahen. Das Dienstgehalt meines Vaters war sehr gering' die Emolumente, ohne welche die damaligen Rkzisebeamten nicht leben konnten, waren dürftig und beschränkten sich darauf, daß die Leute, wenn sie gebacken hatten, uns aus gutem willen ein Brod, wenn sie ein Schwein geschlachtet hatten, eine Wurst übersandten. Nur hier und da wurde auch wohl eine Rleinigkeit von anderen Lebensmitteln übersandt. Bare Einnahmen waren selten und gering. Der Haushalt war daher sehr knapp bestellt, und meist war käuflich nicht einmal etwas zu haben, wer nicht selber einschlachtete, Brot backte, wusch, webte und Gemüse zog, konnte sehen, wie er fertig wurde, wir waren außerstande, die nötigen Rnschafsungen dafür zu besorgen, selbst wenn meine Mutter es verstanden hätte, jene Rrbeiten zu verrichten. Es - 192 war alles so ganz anders als in Berlin, und die lieben Nachbarn, die sich wie in allen kleinen Btädten sehr genau um uns kümmerten, hatten es gegen meinen Vater kein hehl, daß meine Mutter keine Frau für ihn sei, da sie nicht einmal Brot backen könne. Es wurde ihm das so oft vorgesagt, daß er am Ende selber eine Rrt von Ueberzeugung davon erhielt, was meine Mutter sehr unglücklich machte. Das Brotbacken lernte sic freilich bald, aber das Mehl mußten wir kaufen, da mein Vater kein Korn nach der Mühle tragen konnte, weil wir keins besaßen. Es half indessen nichts: meine Mutter mußte suchen, sich so viel als möglich in die dortigen, so sehr abweichenden Wirtschaftseinrichtungen einzustimmen, wenn wir nicht schlechthin hungern sollten. Man lebte im Orte sehr »einfach. Eine Menge von Dingen, an welche wir in unserer doch so überaus bescheiden eingerichteten Wirtschaft zu Berlin gewöhnt gewesen, kannte man nicht. Fleisch war nicht zu kaufen, weil jeder selber schlachtete,- das Bier war nicht zu genießen. Zehr viele Gemüse waren unbekannt. wir hatten uns in einem Hause auf dem Markte bei einem Böttcher Zimmer und Kammer gemietet. Unsere Btube war von der des darunter wohnenden Wirts nur durch die Die? len mit drei darunter liegenden Balken getrennt. Eine andere "Bauart kannte man dort nicht. Man konnte daher im untern wie im obern Zimmer sehr deutlich hören, was in dem andern gesprochen wurde. Mein Vater hatte einen Zeidenschwanz geschenkt bekommen, den wir frei umherhüpfen ließen. Unten im Zimmer des Wirts hörten wir jeden seiner Tritte, wenn er oben hüpfte. Man mußte daher im eigenen Zimmer stets so sprechen, als ob alle Welt zuhörte, ein Zwang, von dem man kaum eine Vorstellung hat, besonders bei der Klatscherei der kleinen Btadt. Das Rusziehen hätte uns nichts geholfen,- denn es war überall nicht anders. Unser Wirt aber war ein sehr grober starker Mann, ein eifriger Katholik und Pole, und völlig rücksichtslos. Er ging fleißig zur Messe, und war er einmal abgehalten, so zahlte er einem Rrmen einen Groschen, um sie für ihn zu hören. Dabei war er ebenso unwissend als eingebildet. Er hatte eine gute stille Frau und eine Tochter, Regina mit Namen, ein sanftes Mädchen von elf Jahren, das oft in unserem Zimmer saß, und sich -gern mit meiner Mutter unterhielt, wenn der Böttcher Tonnenbänder biegen wollte, so mußte zwischen dem Fußboden und dem Balken mit starken Rxtschlagen ein tüchtiger pfahl eingestemmt werden, an welchem die krummen Lehrbogen befestigt waren. Dies machte jedesmal einen fürchterlichen Lärm, der in unserm Zimmer alles auf den Tischen zunl Tanzen brachte. Und doch fiel ihm manchmal ein, diese Rrbeit unangesagt um Mitternacht vorzunehmen. Dann fuhren wir, oft im ersten Bchlaf, mit gewaltigem Bchrecke in die höhe und konnten uns kaum erholen, vergebens bat ihn mein Vater, diese Rrbeit am Tage, oder doch nicht ohne vorhergehende Benachrichtigung vorzunehmen. (Fortsetzung folgt.) Uleine Mitteilungen. Die Feier des heiligen Rbendmahles in der Johanneskirche findet nächsten Bonntag, 1 . Rdvent, nicht im Rbend- gottesdienst, wie in der vorigen Woche in den kirchlichen Nachrichten irrtümlich mitgeteilt war, statt, sondern in Rn- schluß an den hauptgottesdienjt am Vormittage. «irchliche Anzeigen. Bonntag, den z. Dezember, 1 . Rdvent. Gottesdienst. In der Ztadtttrche. vormittags 9VZ Uhr: Pfarrer Mahr. Beichte und heil. Rbendmahl für Matthäus- und Markusgemeinde. Rnmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten, vormittags WU Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeinde. Pfarrer Mahr. Rbends 5 Uhr. Pfarrer Bchwabe. Dienstag, den 5. Dezember, abends 8 Uhr: Versammlung der Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Markusgemeinde. Mittwoch, den 6 . Dezember, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer Bchwabe. In der Johanneskirche. vormittags 97 2 Uhr: Pfarrer Bech tolsheimer. Beichte und Heil. Rbendmahl für Lukas- und Johannesgemeinde. Rnmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten, vormittags \\ l U Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer B e ch t o l s - he im er. Rbends 5 Uhr: Pfarrer Rusfeld. Rbends 8 Uhr: Versammlung und Bibelbesprechung im Johannessaal. Rbends V 28 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Lukasgemeinde. £ Ankündigungen empfehlenswerter Firmen j Carl L00; Kirchenplatz 13 Telephon 7 Manufaktur- und Weißwaren Herren- u. Knabenkleid« ; Heinrich Noll W Mäusburg Nr. 7 Telephon Nr. 2 1 Spezial-Geschäft für Bureaubedarf - Schreibmaschine Papierhandlung, Buchbinderei, Gesangbücher. Moderne ?? Kunstarbeiten. Photographische Apparate und Zubehöre Gesehw. 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