Äonntagsgrusz Gememöeblatt süröie evangelische Kirchengememöe Gieszew Nr. 45. (Sieszen, Sonntag 21. nach Trinitatis, den 12. November 1916. 5. Jahrgang. Zeit und Ewigkeit. Evangelium des Lukas 10. 20. Freuet euch aber, daß eure Namen im Fimmel geschrieben sind. vor dreißig Jahren bin ich in der Stadt, die sich in der Talniederung ausbreitet, auf die westwärts steil aufragende, grüne Berge herniederschauen, gut bekannt gewesen. Ich kannte die Däuser und kannte die Menschen. Sämtliche Firmenschilder der Hauptstraße hätte ich abends im dunklen Zimmer an den Fingern herzählen können. Die stadtbekannten, alten Originale, die Männer und Frauen, die durch ihr seltsames Gebühren und ihre abspurigen Gedanken auffielen, habe ich bis auf diesen Tag nicht vergessen. Von den meisten der damals dort lebenden Familien kannte ich zum mindesten die Namen. Ich wußte, was die alten, würdig wandelnden Herren für eine Lebensstellung hatten und was man in der Stabt von den jungen Leuten erzählte. Es gab keine Sackgasse und keinen noch so finsteren Mnkel, die ich nicht betreten habe, keinen Hof, in den ich nicht schon einmal hineingeschaut. von meinen Lehrern und Mitschülern will ich nicht weiter reden,' daß ich sie gekannt habe, wird mir jeder glauben. Ost hatte ich auf der Straße zu grüßen, die Lehrer durch Kbnehmen der Mütze, die Mitschüler weniger respektvoll, durch Kopfnicken und ein kurzes Wort. wenn ich nun wieder dorthin komme, so gehe ich als ein ganz Fremder durch die Straßen, die mich einst als Heranwachsenden gesehen haben, vieles ist mir noch innig vertraut: der hochragende Kirchturm mit dem großen Zifferblatt, die Schule, einst ein Zranziskanerkloster, wo aus drei Seiten des alten Kreuzganges die Klassenzimmer liegen, das nebenanliegende Hospital, wo Rite und Sieche Kühe nach der Unrast des Lebens gefunden haben, die eigenartigen Häuser auf den Brückenpfeilern, der Friedhof mit seinen rauschenden Bäumen, der Berg mit seinen Trümmerresten. Uber vieles ist anders geworden. Die Namen auf den Firmenschildern haben sich fast ausnahmslos geändert, winklige Häuser Haben stattlichen Neubauten Platz gemacht, neue Stratzenzüge sind zu der Stadt hinzug-ckommen, die alte Straße, die weit hinaus in die alte Kurpfalz führte, ist in ärgerlicher weise durch Lisenbahn- bauten verunstaltet worden, vor mehreren Iahren suchte ich den Turnplatz, auf dem ich in der Zeit, wo von den Leibesübungen noch nicht so viel und so laut geredet wurde als heute, manchen Nachmittag zugebracht habe; ich fand ihn nicht mehr, allerhand wirr durcheinander liegende Gebäude machten mich ganz unsicher, so daß ich den alten Platz gar nicht mehr bestimmen konnte. Bei meiner jüngsten Anwesenheit ließ ich im Gespräch mit einem Jugendfreunde die Familien und die Mitschüler chon ehedem an meinem geistigen Buge vorüberziehen. Man glaubt kaum, was für eine große Veränderung sich im Zeitraum eines Menschenalters in der Bevölkerung einer Stadt oder eines Dorfes vollzieht, viele Familien sind ausgestorben, andere verzogen, noch andere haben ein unrühmliches Ende genommen. Die meisten derer, die damals auf der höhe des Lebens standen, wohl alle, deren Pfad sich zum Tale neigte, ruhen von ihren Werken, wie der Pfarrer, der mir einst bei der Konfirmation segnend die Hände aufgelegt hat und dessen Grab an der Kirchhofsmauer ich nach langem Suchen gefunden habe. Und die einstigen Mitschüler sind in alle Welt zerstreut, in Ost und West haben sie sich angesiedelt, von vielen war überhaupt nichts mehr in Erfahrung zu bringen, der eine soll nach dem Kaplande ausgewandert sein, der andere nach Kustralien. ändere sind seit Jahren im deutschen Lande verschollen. Man braucht wahrlich nicht wie „Ehidher, der ewig junge", von dem Friedrich Kückert in einem tiefsinnigen Gedichte redet, alle fünfhundert Jahre an einen Ort zu kommen, um ihn von Grund aus verändert zu finden, es genügen schon Jahrzehnte, um dar Wort des Kpostels Paulus bestätigt zu finden: Das Wesen dieser Welt vergeht. Kamen verklingen. Kuf Firmenschildern, in den Bürger- ünd Steuerlisten, in den Kdreßbüchern unserer Städte kommen und verschwinden die Kamen wie Sterne, die eine weile glänzen und dann verlöschen. Oft werden Menschen von den Behörden bei den Wohnungsmeldeämtern gesucht, hin und her wechseln da die Schriftstücke, man fragt auch bei den Pfarrern an, ob die Kamen nicht in den Tauf- oder Konfirmandenbüchern stehen, aber die Spur ist verloren, wie die Spur eines Wagenrades in sandigen Boden, wenn man nach langem Zwischenräume wieder an einen Ort kommt, wo man einst heimisch war, so versteht man das alte, tiefe, weisheitsvolle Wort des psalmisten: Du lässest sie dahinfahren wie einen Strom, und sind wie ein Schlaf; gleich wie ein — 178 Gras, das da frühe blühet und bald welk wird und des Nbends abgehauen wird und verdorret. In diese Welt des Werdens und Vergehens hinein tönt bas Wort des Heilandes: Freuet euch aber, daß eure Namen im Himmel geschrieben sind. Wir sind Gottes Kinder. Weil wir seine Kinder sind, so kennt uns der himmlische Vater und umfaßt uns alle mit gleicher Liebe, vom Himmel schaut er herunter auf unseren Lebensweg und leitet ihn nach seinem guten und gnädigen Willen. Er hat seinen Lohn auf die Erde gesandt, daß es uns empor in sein Neich ziehe und uns ewig selig mache. Vieser Krieg vernichtet so viele Menschen,- sie werden im Graben verschüttet, im (Dzean versenkt, sie sterben in den Gebirgsschluchten und in den osteuropäischen Lümpfen, im Neiche unseres Gottes wachsen und reifen sie weiter dem Tag der Vollendung entgegen. Nus den Büchern der Menschen können unsere Namen verschwinden, im Buche Gottes sind sie geschrieben für und für. h. B. Vas Reformationsfest in Großen-Linden und Rlein- Linden im Zahre M?. Wenn wir im herbste des Jahres 1917 mit Gottes Hilfe den ehrenvollen Frieden erlangt haben, so wird man nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen evangelischen Welt das 400. Jubiläum der deutschen Neformation, die Feier des Tages, da Martin Luther durch seinen Thesenanschlag das Werk der Kirchenverbesserung begann, feiern. Lowohl 1617 wie auch 1717 und 1817 hat man das Jubelfest in Deutschland gefeiert. Besonders feierlich gestaltete sich das Nefor- mationsjubiläum im Jahre 1817,' denn damals war nach langen Kriegswirren der Friede wieder eingekehrt, Deutschland hatte zwei Jahre vorher Napoleon endgültig besiegt, ein hoher Geist des sittlichen Idealismus ging durch unser Volk. In Nr. 11 dieses Jahrgangs des „Lonntagsgrußes" haben wir bereits über die Gießener Feier der Jahre 1617 und 1717 berichtet, auch einige kurze Bemerkungen über die Feier des Jahres 1817 gemacht, heute wollen wir eine Schilderung des Festes, dcrs man 1817 in Großen-Linden und Klein-Linden gefeiert hat, hier veröffentlichen. Diese Schilderung findet sich in einem interessanten Lchriftchen, das von dem damaligen ersten Pfarrer von Großen-Linden, Thristian Uugust hoffmann, herrührt, und das den Titel trägt: „Die Feier des dritten Evangelischen Jubelfestes zu Gros- und Klein-Linden nebst einigen geschichtlichen Nachrichten über diese Grte. Leinen pfarrkindern in beiden Gemeinden und ihren Nachkommen gewidmet." Zwar war hoffmann darin ein Kind seiner Zeit, baß er ganz und gar Vertreter des damals herrschenden Vernunftglaubens, des Nationalismus, war, aber in seinem Verständnis für Geschichte, namentlich für Lokalgeschichte, ist er seiner Zeit vorausgeeilt und vertritt er Grundsätze, die erst in neuerer Zeit allgemein zur Geltung gekommen sind. Für uns, die wir uns jetzt schon zur Feier des 400. Neformationsjubiläums rüsten, ist seine Lchrift sehr wertvoll. Wir bedauern, daß die Gießener Geistlichen dieser Zeit, die bei der kleinen Zahl ihrer Gemeindeglieder reichlich Zeit dazu gehabt hätten, das Gießener Fest nicht beschrieben haben, wie überhaupt unser Kirchenarchiv sehr arm ist. hoffmann hat die Bedeutung seiner Lchrift richtig erkannt, wenn er in der „Vorerinnerung" schreibt: „Es war diese Lchilderung unserer Neformations-Jubelfeier nichts weniger als zum Druck bestimmt, vielmehr sollte sie nur, in den Pfarr-Ncten niedergelegt, meinen Nmts-Nachfolgern zur Notiz dienen. Da sich indessen von der vorigen Läeularfeier kaum eine Lpur von Kunde, und auch diese nur bei den Wenigsten von denen erhalten hat, deren Eltern dieselbe erlebt haben, und da in den hierin beschriebenen schönen Tagen jedes der vielen bewegten Gemüter den begreiflichen Wunsch hegte, daß das Andenken davon auf Kindeskind forterben möge,' so entschloß ich mich, dieses kleine Lchriftchen für meine Gemeinden dem Drucke zu übergeben. Es soll das Andenken an die Zeit, den Linn und die Art dieser Feier bei den Gemeinden erhalten. Lelbst das Kind, welches jenen Zinn zu begreifen jetzt noch außer Ltand ist, von welchem aber gerade am Ersten für die künftige Jubelfeier in seinen Löhnen und Töchtern sich Zeugen erwarten lassen, wird späterhin beim Lesen dieser Lchil- derung das dunkle Bild, welches sich durch die ihm unvergeßlichen sinnlichen Wahrnehmungen ungewöhnlicher Festlichkeiten erzeugte, vervollständigen, und das noch Unbegriffene wird ihm begreiflich werden. Buch die angefügten kurzen, geschichtlichen Bemerkungen, welche ich aus den von mir entworfenen Denkwürdigkeiten von Gros-Linden in der Pfarr-Nepositur ausgezogen habe, dürften von ähnlichem Interesse für beide Gemeinden sein." Die Beschreibung, die hoffmann von dem Feste gibt, hat folgenden Wortlaut: „Den großen Vorteil unserer Kirchenverbesserung unb das Verdienst ihrer Stifter und Beschüzzer um die Menschheit hatte ich im Verlauf des ganzen Jahres bei jeder schicklichen Veranlassung in meinen Kanzelvorträgen der Gemeinde anschaulich zu machen gesucht, und besonders zu der Zeit, als ich ihr die im Bezüge auf das Jubeljahr stehenden, durch unser n väterlich gesinnten Landesherrn veranlaßte Gründung einer Bibelgesellschaft in unserem vaterlande bekannt machte. Um 21sten Lonntage nach Trinitatis, den 26. (Dct. d. J. wurde nach der Morgenkirche der versammelten Gemeinde das am ZI.Gct. und I.Nov. zu feiernde Jubelfest der Kirchenverbesserung verkündigt, die Veranlassung zu demselben nochmals geschildert, die Art der Feier dieses erfreulichen Festes bestimmt, und die gesamte Gemeinde zur allgemeinen und andächtigen Theilnahme nachdrücklich ermuntert. Nachdem nun am 29 . und 30. (Dct., sowohl hier als zu Klein-Linden die Lchüler vorläufig im Lingen der vorgeschriebenen Lieder geübt, sowie über das Geschichtliche, das Bedürfnis und den Zweck der Neformation unterrichtet, die Gemeinde aber am 30. Gct. zum Genüsse des heiligen Abendmahls vorbereitet, und mit dem Ltadt- und Kirchenvorstande die nöthigen Nücksprachen genommen worden waren,' so wurde am Vorabende des Festes, Donnerstags den 30. Dct., durch stundenlanges Läuten mit allen Glokken^ die Feier des nächsten Tages nochmals verkündet. Hm 31. Gct Morgens halb neun Uhr, versammelte sich, nach gegebenem Glokken-Zeichen, die gesammte Gemeinde im Pastorei-Hofe, und um 9 Uhr zogen wir, der Lchullehrer mit den Lchülern voran, unterm Geläute aller Glokken und unter Absingung des Liedes „Lob, Ehr und Preis dem höchsten Gut" durch die ganze Ltadt, die Untergasse bis zur Gießer Pforte herab durch das große Thor des Kirchhofs nach der Kirche. Allgemein drückte sich unter den Anwesenden die freudigste und gerührteste Theilnahme aus, und gewiß hatte bis dahin ein so zahlreicher und gesummter Kirchgang noch nie in Großen-Linden statt gehabt. Alles hatte sich angeschlossen, ohne Unterschied des Alters. Lelbst der bejahrteste Mann von Großen-Linden, ein Greis von 82 Jahren (3oft Best, Naths- schöffe), und seinem Alter nach dem vorigen Jubelfeste vor allen am nächsten, war kräftigen Lchrittes und laut ein- T stimmend in den Gesang an meiner Seite von Anfänge bis zu Ende mitgezogen. Auch die Schuljugend von Klein-Linden nebst ihrem Lehrer hatte sich mit der hiesigen Schule vereint. Einen Beweis der allgemeinen und freudigen Theilnahme gab die reichliche Tollecte, welche durch zwei Kirchenälteste am grosen Eingänge gesammelt wurde und nebst dem Opfer, welches ebenfalls den Armen der Stadt wurde, 23 Gulden betrug. Luthers Lied „Ein feste Burg ist unser Gott" begann die gottesdienstliche Feier, nach deren Beendigung ich, zu Folge des vorgeschriebenen Textes, l. Eim. 2. 4, über den Satz: „Daß die Kirchenverbesserung eine göttliche Anstalt gestalt gewesen sei, zur Abhülfe von drückenden Beschwerden und zur Wiedererlangung einer richtigen Erkenntnis" einen 'Kanzelvortrag hielt, und alsdann unter Beihülfe meines Tollegen, des Herrn Pfarrers Snell den Eommunicanten, an der Zahl 238, die Kranken mitgerechnet, welche das Sacra- ment im krause empfingen, das heilige Abendmahl reichte. Ein „Herr Gott, dich loben wir" schloß den vormittäglichen Gottesdienst. Des Nachmittags erläuterte Herr Pfarrer Snell nach dem zu diesem Behufe angeordneten Texte, Joh. 8, l2, die Wahrheit des Sazzes: Daß das Licht einer richtigen Erkenntnis noch keine Gefahr, weder für den kirchlichen noch für den bürgerlichen Verein bringen könne." Zn feierlicher Stille ging dieser Tag hin, welcher blos der geistigen Betrachtung Und der Belebung guter Entschlüsse gewidmet blieb, die das Nachdenken über die Feier des Jubelfestes und der Genuß des heiligen Abendmahles erzeugt hatten. Darum hatte die Gemeinde es auch vorgezogen, die lauten Vergnügungen bis auf den nächsten, ohnedem durch die Art seiner Feier mehr zur Lust ermunternden, Tag zu verschieben. (Fortsetzung folgt.) Tagebuchblätter aus dem Süden. (Fortsetzung.) 4. Deutscher Basar in San Nemo. Die deutsche Fremdenkolonie San Nemos vermehrte sich von Jahr zu Jahr, da das dortige Klima für einen winter- aufenthalt Leidender und Schwerkranker sich als besonders günstig erwies. Da auch ein deutscher Prediger anwesend war, konnten allsonntäglich evangelische Gottesdienste stattfinden,' hinderlich war dabei das Fehlen eines hierfür geeigneten würdigen Naumes. Die englische Fremdenkolonie war dort, wie überall im Auslande, im Besitz einer hübschen kleinen Kirche,' am ersten Sonntage meiner Anwesenheit wurde sie unserer kleinen Gemeinde zur Verfügung gestellt, später aber nicht mehr. Den Grund hierfür vermag ich nicht mehr anzugeben. Unsere Versammlungen fanden nun in einem größeren, unfreundlichen Naume eines Hofes statt, in einer Art Schuppen, der kalt und düster war. Bezeichnend für die Feindseligkeit der katholischen Einwohner der Stadt war es, daß regelmäßig während unseres Gottesdienstes verschiedene Trommler ihre Bedungen auf dem Hofe machten, eine Störung, die erst nach vielen Schwierigkeiten abgestellt werden konnte. So erwachte in den Deutschen der Wunsch, sich zusammenzuschließen, um in gemeinsamer Arbeit dahin zu wirken, mit der Zeit ein bescheidenes, eigenes Kirchlein errichten zu können. Ls war ein kühner plan, jedoch standen an der Spitze des nun gebildeten Vereins einige energische Herren, die vor keiner Schwierigkeit zurückscheuten. So wurde denn beschlossen, einen Basar zum Besten eines Kirchenfonds abzuhalten, und alle evangelischen Deutschen und Balten begannen eine eifrige Tätigkeit hierfür. Auch viele englische Damen betätigten sich in dankenswerter weise dabei, ebenso der russische Hof, der eine Fülle hübscher Gegenstände gab, während der italienische Hof es völlig ablehnte, sich irgendwie für das Interesse Andersgläubiger zu bemühen. Diesem Beispiel folgte der größte Teil der besseren Bevölkerung der Stadt. Nach wochenlangen Vorbereitungen fand der verkauf in der Apotheke statt, die sich die Einnahme durch vermieten ihrer schönen Näume an Ketzer gern gefallen ließ. Auch das Nesultat, zu dem die Damen und Herren des russischen Hofes durch reichliche Einkäufe viel beitrugen, war ein überraschend günstiges; es gab die ersten Bausteine zu dem später, nach fast zehn Jahren dort erbauten deutschen Kirchlein. Dieses sowie ein noch später errichtetes deutsches- Krankenhaus wurde mit unendlicher Mühe und Arbeit von der dortigen deutschen Kolonie durch Schenkungen und Basare erhalten. Erschwert wurde diese Arbeit schon einige Jahre vor Ausbrrlch dieses Krieges durch den ungünstigen Einfluß einer neuen Stadtverwaltung, welche einer russisch-italienischen Strömung Vorschub leistete, die weniger auf Erhalten, als auf Zerstören deutscher Interessen bedacht war. Und was nun nach dem Ende dieses entsetzensvollen Krieges ihr Schicksal sein wird, ist wohl sehr zweifelhaft, wie so manche andere menschenfreundliche Schöpfung wird wohl auch dieses mit so viel Fleiß und ernster Arbeit für das Wohl kranker Deutscher geschaffene Werk ein Opfer der Stürme in dem Sonnenlande eines irregeleiteten Volkes werden. Baronin N. (Schluß folgt.) Aus der Jugendzeit eines deutschen Mannes. (Fortsetzung.) Meine Mutter hatte gehofft, mit dem verlassen der Kaserne dem Anblick der Prügelszenen aus dem Wege zu gehen, allein darin hatte sie sich geirrt. Unser Hauswirt war ein Bauinspektor, der zwei Töchter, kleine niedliche Mädchen von 7 und 9 Jahren, besaß, welche eine Mädchenschule besuchten, über Mittag in der Pension blieben, und pünktlich abends um 4 Uhr nach Hause kommen mußten. Die sehr strenge Mutter gab ihnen dann eine gewisse Zahl von Touren auf, die sie bis abends 6 Uhr abstricken mußten. Fehlte um jene Stunde etwas daran, und das geschah sehr oft, so wurde die Schuldige mit einer hölzernen Kelle erbärmlich, bearbeitet. Sehr gewöhnlich mußten beide Mädchen, eine nach der anderen heran, und ihr Geschrei tönte durch die ganze Nachbarschaft. — Auf dem Hofe wohnte ein Böttcher, der einen zehnjährigen Jungen hatte. Diesen jagte die Mütter oftmals unter gewaltigem Geschimpfe und Geschrei auf dem Hofe umher, das Ende eines hölzernen Tonnenbandes in der Hand, und wenn sie ihn erreichen ktonnte, versetzte sie ihm grimmige hiebe. Er lief dabei immer im Kreise umher undi sie ihm nach, bis sie schwindlig würde, war sie aber sehr giftig, so schrie sie: „Junge, die Jacke aus!" Dann wurde- im steten Laufen und heulen die Jacke ausgezogen und möglichst langsam abgeworfen. Schräg uns gegenüber wohnte ein Musikus, der seinem Sohn von 9 Jahren violinstunden gab und dessen Zählen: „Lins, Zwei, Drei!" und sonstige Zurechtweisungen wir deutlich hören konnten. Es wurde dem Jungen sehr sauer, sich mit der Kunst zu befreunden. Der Vater glaubte ihm also mit dem damals allgemein beliebten 180 Universalmittel, mit Schlägen, zu Hilfe kommen zu müssen, und ehe man es sich versah, erhob sich mitten im „Lins Zwei Drei" ein lautes Geheul noch von dem letzten Lone der Violine begleitet. Wo es Kinder und Soldaten gab, da gab es damals auch Prügel, und meistens ganz barbarische. Daß ich übrigens auch jetzt noch, an welchem Lore ich mich auch befinden mochte, beim Schlüsse des Zapfenstreichs mein Freudengejauchze erhob und allenfalls einem andern Knaben die Mütze vom Kopf riß, um sie hoch in die höhe zu werfen, versteht sich von selbst. Um das zu versäumen, dazu war ich ein viel zu ordentlicher Junge. Ls kamen aber auch traurige Momente. Lines Kbends in der Dämmerung war meine Mutter (wie wir es nannten) in die Stadt gegangen, um Arbeiten abzuliefern,- ich schleppte meinen kleinen Bruder auf dem Krme fort bis zur Ecke der jetzigen Kuguststraße, und setzte ihn dort auf die Lrde, da er mir zu schwer wurde. Meine kleine Schwester war hinterher getrottet, von dort mußte meine Mutter kommen, um zu unserer Wohnung zu gelangen. Mir schien es, als ob sie übermäßig lange ausbliebe. Es wurde dunkel; zum Spielen konnte man nicht mehr sehen,- ohnehin war ich durch meinen Bruder an die Stelle gefesselt. Plötzlich kam mir in meiner kindischen Ungeduld der Gedanke, meine Mutter könnte verunglückt sein. Betrübt hob ich die Kugen gen Himmel; da schien ein Stern zu wanken, und nun vom ich überzeugt, Gott habe mir ein Zeichen gegeben, daß meine Mutter tot sei. Ich fing an zu heulen, meine Geschwister halfen,- und schon kamen Leute und erkundigten sich nach dem Grunde unseres Jammers, da erschien meine Mutter und machte der Szene ein Ende. So weint der Mensch um eingebildetes Leid und läßt das wirkliche unbeachtet. Wie oft mögen höhere Wesen auf unseren Jammer mit ähnlichen Empfindungen blicken, wie wir auf diesen kindischen. Sind doch die Kinder von den Erwachsenen nur dem Grade der Erkenntnis nach verschieden. Endlich kam ein lang ersehnter Brief meines Vaters. Er fing an mit den Worten: „Km Bande des Grabes schreib' ich Dir." Der schreckliche Kückzug der Preußen aus der Champagne im gänzlich aufgeweichten Boden hatte bei fürchterlichem, unaufhörlichem Kegenwetter im herbst stattgesunden; das Lazarett war zu Bchiffe den Fluß, ich glaube die Mosel, hinab transportiert, aber von den Franzosen genommen worden. Mein Vater wurde als Gefangener nach Longwp geführt ; er kam dabei um alle seine Ersparnisse und konnte; keinen Brief absenden. Bei der Gefangennahme leicht ver- 'wundet, war er bald von dem herrschenden schrecklichen La- zarettpphus ergriffen worden. Kn dieser furchtbaren Krankheit starben die Gefangenen wie die Fliegen dahin, und auch die Ruhr räumte unter ihnen ganz gewaltig aus. Mein Vater hatte ebenfalls fast ein Vierteljahr lang daran gelitten und schrieb seine Kettung allein dem General-Ehirurgus Görcke zu, der sich seiner sehr angenommen hatte. Jetzt war er auf dem Wege der Genesung, war ausgewechselt worden und wollte zurückkehren und sich zugleich um eine Knstellung bewerben. Meine Mutter lebte bei diesen Nachrichten, so traurig sie an und für sich auch waren, dennoch neu auf. (Fortsetzung folgt.) Kirchliche Anzeigen. Sonntag, denl 2. November, 21.nachTrinitati s. Gottesdienst. In der Stadttirche. vormittags 97 2 Uhr: Professor D. S ch i a n. vormittags 11 Uhr: Militärgottesdienst. Pfarrer Schwabe. Nachmittags 2 Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde. Pfarrer Schwabe. Kbends 5 Uhr: Pfarrer Mahr. Montag, den 13. November, abends 8 Uhr: Versammlung der konfirmierten weiblichen Jugend der Matthäusgemeinde. Dienstag, den 14. November, abends 8 Uhr: Versammlung des Frauenvereins der Markusge- meind^ im Markussaal. Dienstag, den 14. November, nachmittags 4 Uhr, im Matthäussaal: Frauenmissionsverein. In der Johanneskirche. vormittags 97s Uhr: Pfarrer Kusfeld. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Io- hannesgemeinde. Pfarrer Kusfeld. Kbends 5 Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. Kbends 772 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Lukasgemeinde im Lu- kassaal. Kbends 77 2 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Johannesgemeinde im Johannessaal. — Mittwoch, den 15. November, abends 8 Uhr: Kriegsbet- ' stunde. Pfarrer Bechtolsheimer. — Freitag, den 17. November, nachmittags 572 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Johannesgemeinde im Johannessaal. ll nkünd igungen emp fehlenswerter Firmen j Carl £oo Kirchenplatz 13 :: Telephon Manufaktur- und Weißwaren Herren- u. Knabenklei 5 EdgarBorrmann Giessen Neustadtll Eisenwaren, Haus- u. Küchengeräte Teleph.165 empfiehlt billigst 1 Oefen, Herde, Ersatz für kupferne Waschkessel, Haus- und Küchen- I gerate,SolingerStahlwaren,landwirtschafl.Maschinenu.Geräte,Vogelkäfige u.Züchterutensilien, Fischereigeräte etc.etc.Waffen u.Munition der Glühlichtstrümpfe, elektrische Birnen, Fahnenhalter, Karbidlampen' Hos-Möbel-Fabrik Th. Brück Gießen, Ecke Schloßgasse- :: Kanzleiberg-Brandplatz:: Ältestes u. größtes Möbel- Fabriklager Oberhessens begründet 1858 :: Mehrfach ausgezeichnet Vorhänge - Teppiche - Linoleum Spez.: Schlafzimmer-Einrichtungen mit patentamtlich gcsch. Matratzen D. G. M. 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