Gemeinöeblatt fmöie evangelische Kirchengemeinoe Gieszew Nr. 40. Gießen, Sonntag 16. nach Trinitatis, den 8. Oktober 1916. 5. Jahrgang Hindenburg und Nietzjche. Evangelium des Matthäus 14. 14. Und Jesus ging hervor und sah das große Volk und es jammerte ihn derselben, und er heilte ihre Kranken. Ungefähr um das Iahr 1890 wurde der Name Friedrich Nietzsche in Deutschland immer mehr bekannt. Lin einsamer Mann, der schon jahrelang infolge Krankheit an der Kusübung eines Berufes behindert war und nun ein Wanderleben führte, bald in Italien, bald in der Schweiz sich aufhielt, ließ Bücher in die Welt hinausgehen, die in hohem Maße geistvoll waren, durch ihre Titel, aber auch durch ihren Inhalt Kussehen erregten. Nietzsches Schriften sehen sich zumeist aus Kusführungen zusammen, die miteinander nur in losem Zusammenhänge stehen — Kphorismen nennt man derartige Kusführungen. Unstreitig war ihr Verfasser ein Mann, der die ganze Geisteskultur seiner Zeit - mit Kusnahme der Naturwissenschaften in sich vereinigte. Ueber alles machte er seine Kusführungen, über die klassische Literatur und das Christentum, über Neligion und Mo. ral, Geschichte und Politik, Philosophie und Musik, und alles wurde in einer Sprache dargeboten, die Nietzjche zum lg roßen Dichter stempelt. Kber die Gesinnung, die sich in seinen Schriften ausprägt, ist nicht edel. Scheinbar ohne jegliches geschichtliche Verständnis überhäufte er das Christentum, insonderheit die alten Christen, aber auch Paulus und Luther, mit den gröbsten Schmähungen. Nicht dem Guten, Feinen, Cdlen in der Welt, nicht der Liebe und Selbstverleugnung redete er das Wort, sondern dem Brutalen, Gewalttätigen, Grausamen. Namentlich wollte er das Mitleid ausgerottet haben. Cr sagte: „Kch, wo in der Welt geschehen größere Torheiten als bei den Mitleidigen? . . . Mitleiden ist zudringlich. Klle Schaffenden sind hart." Man wird Nietzsche für diese und unzählige andere Keußerungen ähnlicher Krt nicht verantwortlich machen dürfen ; denn er war seit seinem 25. Lebensjahre ein schwer- kranker Mann. Kls er 45 Jahre alt war, brach der Wahnsinn bei ihm aus, darnach hat er noch elf Jahre in erbarmungswürdigem Zustande, ganz auf das Mitleid anderer angewiesenund von seiner alten Mutter, einer Pfarrerswitwe, gepflegt, zugebracht. Man tut dem geistvollen Manne unrecht, wenn man ihn wegen seiner seltsamen Keußerungen anklagt, aber unrecht tun auch die, die seine, eines Kranken, Gedanken in die Wirklichkeit umsetzen wollen, indem sie der „Herrenmoral" das Wort reden, die Kranken und Schwachen 'brutal unterdrückt sehen wollen und das Mitleid als eines ^Schaffenden", d.h. eines zielbewußten, energischen Menschen unwürdig ansehen. Unter solchen Umständen ist es von dem höchsten Interesse, auf einen Mann hinzuschuuen, dem keiner bestreiten 'wird, daß er ein „Schaffender" im Sinne Nietzsches ist. Vieser Mann ist hindenburg, der deutsche Feldherr, der die Nüssen mit eisernem Besen aus dem deutschen Lande hinausgefegt hat und von dem der Kaiser gefügt hat, daß er der deutsche Nationalheld sei. Einer Knzahl von Kriegsberichterstattern hat er vor kurzem gesagt, er bedauere von Herzen die Frauen, die jetzt stundenlang aus der Straße stehen und auf ein halbes Pfund Fleisch warten müssen, immer in Sorge um ihre Kinder zu Hause, die bei verschlossener Tür sitzen und vielleicht mit dem Feuer spielen. Und in einem Briefe an seinen Sohn schreibt der große Heerführer, es habe ihm leid getan, in Polen und Ostpreußen die Störche zu sehen, die ruhelos um die verkohlten Kamine der ausgebrannten Dörfer kreisten, wo sie früher ihr Uest gebaut hatten. was aus diesen Kussagen hindenburgs spricht, das ist Mitleid, schlichtes, herzliches Mitleid, wenn man sein Wort über die Störche hört, so denkt man an das schöne Wort des Kpostels Paulus: „wir wissen, daß alle Kreatur sehnet sich mit uns und ängstet sich noch immerdar." Der Mann, der Millionen von Soldaten leitet und in den Kampf für das bedrohte Vaterland führt, widerlegt in einzigartiger weise die Knsicht, die der nervenschwache privatgelehrte verbreitet hat und die unreife Menschen sehr zum Schaden des deutschen Kn sehe ns im Kurland - ihm nachgebetet haben, um sie, wo möglich, im Leben zu verwirklichen. Es ist uns deutschen Christen ein großer Trost, daß der Mann, in dessen Hand jetzt unser Schicksal ruht, ein schlichter, demütiger Christ ist, der es mit dem Heilande hält, den allemale das Mitleid erfaßte, wenn sein weg ihn an Kranken und Leidtragenden vorüberführte, und der durch die Gotteskraft, die in ihm war. den Gebeugten Trost und Hilfe brachte. h- B. 158 - Tagebuchblätter aus dem Süden. 2 . San Nemo. (Fortsetzung.) Hus dem schon winterlichen Norden kommend, sahen wir uns von Sonnenschein und blühender Natur umgeben. Wenngleich damals der Grt selbst noch klein, erst im Rufblühen war, so zeigte er doch das dem italienischen Volkstum eigene Leben, was uns Deutsche stets so anzog. Gb dieses Interesse nach Beendigung dieses Volkerkrieges je wieder in dem Maße wie bisher wird erstehen können, vermag wohl niemand zu ahnen, fest steht jedoch, daß sehr viele meiner Landsleute gleich mir Anregung und Genuß dort fanden, teren wir gern gedenken, und daß wir es stets aufrichtig bedauern werden, daß dieses Land, das des Schonen und Unvergeßlichen so viel bietet, nie mehr das sein kann, was es einst war. Im ganzen genommen ist der italienische volkscharakter gutmütig, besonders wenn ihm Vorteile winken,' aber schlau und unzuverlässig ist er auch. Dennoch war der längere Aufenthalt dort an jener schonen Hüfte des Mittelländischen Meeres damals wohltuend, insbesondere, nachdem wir eine kleine, eingerichtete Villa bezogen hatten und mit deutschen Mädchen eigenen Haushalt führten. Mit der Zeit wurden wir heimischer und fingen an, für die anwesenden Fremden Interesse zu haben. Da war zunächst die damalige Kaiserin von Rußland, die Gemahlin Alexanders II., eine hessische Prinzessin, die sehr leidend war. Sie bezog das neben uns belegene größere Hotel, und so bekam ich zunächst einen Einblick in das Leben und Treiben dieses Hofes, bis ich sehr bald die Damen und Herren desselben kennen lernte,' ich habe dann manche Stunde mit ihnen heiter und angenehm verbracht. Eine andere schwerkranke Frau war die Herzogin von Rosta, die mit ihrem Manne, dem jüngeren Sohn des Königs Viktor Emanuel II., und mit ihren drei kleinen Söhnen ein stilles, etwas abgelegenes Haus bewohnte. Sie war eine blühende Frau gewesen, hatte sich aber durch die Schrecken der Unruhen während des zweijährigen Königtums des Prinzen in Spanien von 1871 bis 1875 eine völlige Rervenzerrüt- tung zugezogen. Die Familie hatte, während der kleinste Prinz erst zehn Tage alt war, flüchten müssen, verfolgt von den Rufständischen, die auf den Wagen schossen, der die Ko- nigzsamilie fortführte. Kein Wunder, daß die arme Fürstin sich nie mehr erholte,' sie starb 1876. Ihre drei blonden Kaaben, die nun auch zu der Zahl unserer erbitterten Feinde gehören, habe ich oftmals mit Vergnügen bei ihren kindlichen Spielen beobachtet, auch mit ihrem Vater spazieren gehen sehen, wobei ein großer Hund sie stets begleitete. Damals war die Einkreisungspolitik noch nicht im Gange, wie sie später von Eduard VII. so erfolgreich betrieben wurde, die Deutschen waren im Gegenteil zu jener Zeit und noch lange nachher gern gesehene Gäste dieses Landes, und mein verkehr mit dem russischen sowohl als mit dem italienischen Hofe, sowie mit den mancherlei italienischen Familien war ein sehr angenehmer und freundlicher. Ruch hatte ich Gelegenheit, das italienische Volksleben kennen zu lernen, zunächst bei einem verkauf zu wohltätigem Zweck in dem dortigen öffentlichen Garten, wo in einigen kleinen Zelten von jungen Damen unter Aufsicht verschiedener Ladenbesitzer von diesen entnommene Sächelchen zu erhöhtem Preis verkauft wurden,' das Mehr kam der guten Sache zustatten. Eine besondere Vorbereitung oder Hrbeit dafür hatte niemand für notig befunden. Das gesamte Straßenvolk, das ja in Italien mehr wie überall wo anders seine Beschäftigung im Nichtstun findet, zog lärmend herum, dabei den einem Nordländer so schwer zu ertragenden Geruch mit sich führend, der so charakteristisch für das Volk ist, und der vorwiegend von dem häufigen Genuß von Knoblauch, verbunden mit mangelnder Sauberkeit, herrührt. Ein Interesse für die Veranstaltung und deren Zweck war bei keinem Menschen wahrzunehmen, es galt nur, ein Vergnügen nicht zu versäumen, dessen Höhepunkt das Erscheinen des Herzogs Rmadeus war, der, dicht umdrängt von einer schaulustigen Menge, einige Einkäufe machte, ebenfalls ohne sich weiter für die Sache zu interessieren. Baronin R. (Fortsetzung folgt.) Line deutsche Zrau in der lttiegszeit. Das Vorbild einer deutschen Frau für unsere Tage verdient Karoline von Humboldt, die Gattin des berühmten Diplomaten und Gelehrten aus der Zeit der Befreiungskriege, genannt zu werden, deren sterbliche hülle nun schon 87 Jahre im Frieden von Tegel bei Berlin ruht. Unlängst hat ihr Hanns Gisbert in der „Köln. Volkszeitung" ein Gedenkblutt gewidmet, dem wir nachstehende Gedanken der edlen Frau entnehmen. Rls sie damals ihr Vaterland in seinem Bestände bedroht sah, schrieb sie einmal: „. . . ich versank in ein tiefes und schmerzliches Sinnen über den ungeheuren Kampf der Kräfte, der helfenden und zermalmenden in dieser Zeit. Ich habe Stunden, wo mir das Leben in der unaussprechlichsten Wehmut zu zerfließen droht. Wenn ich ein Mann wäre, so würde dies Gefühl mich zur Tat, zum Sieg oder Tode führen, gleichviel . . ." - „Daß die Knaben für nichts ihr Leben opfern als für das Recht, daß die Mädchen einst nur Männern angehören, die ebenso gesinnt sind, das ist das einzige, wonach ich trachte. Denn einmal siegen ckuß doch dus ewig Wahre und Rechte. CD, daß ich den Beginn unseres Sieges mit meinem Herzblut erkaufen könnte! Die Natur hat es wunderbar im Weibe gemacht: so beschränkte Kräfte und so unbeschränkte Wünsche." — Rls sie ihren Sohn zum zweitenmal hinausziehen sieht, schreibt sie tziner Freundin: . . daß ich mit großherziger Ergebung und Ruhe an meines geliebten Kindes Schicksal denken kann. Wir stehen in Gottes Hand und das eigene Leben- geht zuletzt auf, ach nicht allein in den großen Weltbegebenheiten (das wäre doch zu zermalmend), sondern in der ewigen Harmonie der Schöpfung, zu der der Schmerz gehört wie die Freude, der Tod verschlungen ist mit dem Leben! Laß uns still diese ungeheuere Zeit ertragen,' die Wolken zerreißen endlich und gewähren uns wieder den Rnblick des ewigen Himmels — des Himmels, der nicht wanken und weichen kann, so schwere Gewitterstürme auch drohend an ihm vorüberziehen . . ." Und unvergessen bleibe ihr edles Wort gerade auch für die Frauen unserer Zeit: „Mein Glaube an Gott, an das glückliche Ende unserer gerechten Sache, verläßt mich nicht,' aber doch bricht mir das Herz im innersten Busen . . . Großer Gott! es ist eine ungeheuere Zeit! — Wird man sie überleben und zuletzt verlassen und vereinsamt von allen Geliebten stehen? G nein! man w!ird die lieben und sich mit aller Gewalt des Herzens an die halten, die übrig bleiben, siegend übrig bleiben!" — 159 - AU5 der Zugendzeit einer deutschen Männer. (Fortsetzung.) Kinder liefen bei einer solchen Gelegenheit die größte Gefahr, weil es bei dieser Krt von Leuten ein allgemeiner Aberglaube war: es sei eine geringere Zünde, ein Kind zu toten, als einen Erwachsenen, denn letzterer fahre in seinen Zünden in die Verdammnis dahin, ohne Zeit zu haben, sich vorher zu bekehren, während ein unschuldiges Kind sofort ein Engel werde und selig sei. Zeltsamer Widerspruch im menschlichen Kerzen! Während diese Unglücklichen sich zu dem grausamsten verbrechen entschließen, fällt doch eine Re- gung des Gewissens, ein Gefühl des Erbarmens, als letzter blasser Rbglanz des göttlichen Ebenbildes in den dunkeln Rbgrund ihrer Zeele. Zie mühen sich, das Unglück ihres Opfers und damit ihre eigene Zchuld zu vermindern, obgleich ihnen das Glück ihres Nebenmenschen völlig gleichgültig geworden ist. Zn diesen verwilderten Zeelen, in denen die alte Pflanze der Neligiosität vom bösesten Unkraut gänzlich überwuchert schien, dauerte also doch ein Keim derselben im Dunkeln fort, unzerstört und unzerstörbar; denn die Neligiosität ist nichts Gemachtes, sondern ein Geschenk des Fimmels und kann zwar sehr verkümmern, aber nicht in den Kerzen ersterben, so lange sie noch schlagen. Meine Mutier arbeitete inzwischen, so viel sie nur irgend vermochte. Leider waren nicht immer genug Bestellungen da, und wenn sie bloß auf den verkauf arbeitete, mußte sie die Waren oft so billig losschlagen, daß sie nicht imstande war, Zeide zu neuer Rrbeit zu kaufen. Indessen wäre es allenfalls noch leidlich gegangen, wenn mein Vater nicht unglücklicherweise „Fteiwächter" geworden wäre. Dies war auch eine von den schlimmen Einrichtungen jener Zeit, welche den Menschen zur Verzweiflung treiben konnten. Der Kompagnie-Ehef konnte nämlich einen Teil seiner Kompagnie, ich glaube den dritten, auf vier Monate beurlauben, und bezog inzwischen den Zold dieser Mannschaft für seine Privatkasse. Die Beurlaubten waren während jener Zeit dienstfrei. Die Landeskinder gingen dann nach Hause zu ihren Angehörigen und kehrten nach abgelaufener Zeit wohl ausgefüttert zurück. Diejenigen, welche ein Handwerk trieben oder Gegenstände zum verkauf anfertigten, arbeiteten dann zu Hause ungestört um so fleißiger. Wer aber in der Kaserne seine Heimat hatte, mußte bleiben, wo er war, behielt seine Wohnung, die Unteroffiziere auch meist ihre Schlafburschen, für deren Ueberwachung sie verpflichtet blieben,' aber sie erhielten in vier Monaten keinen Pfennig Zold. Dieses Los traf auch meinen Vater,' er wurde Freiwächter und konnte nun sehen, ob er von der Luft zu leben vermöchte. Die Unteroffiziere waren dabei viel schlimmer daran, als die gemeinen Soldaten' letztere konnten sich fa durch Handarbeiten als packträger, handlanger, Schuhputzer, Kleiderreiniger, Helfer beim Wäscherollen und auf mancherlei Weise Nebenverdienst verschaffen,' denn zu allen diesen Verrichtungen nahm man damals Soldaten an,' der Unteroffizier aber durfte dergleichen nicht tun. Das war eine schlimme Zeit,' da war es sehr schwer, sich satt zu essen. Meine Mutter mußte die ganze Wirtschaft erhalten, und mein Vater, dessen vergoldungsarbeiten längst aufgehört hatten, da sie aus der Mode gekommen waren, mußte notgedrungen stricken helfen, obgleich es ihm, trotz der guten Unweisung meiner Mutter, nicht sonderlich von Händen ging. Der Vater meiner Mutter, der sie von Zeit zu Zeit besuchte, war selber zu arm, um halfen zu können, und begnügte sich, sie zu erinnern, daß er all das Elend vorausgesehen und vorausgesagt habe, wozu freilich keine große Prophetengabe gehörte. Ihre zwei älteren Brüder konnten wenig tun, da auch sie nicht auf Kosen gebettet waren, die beiden jüngsten gingen noch in die Schule und vermochten gar nichts. Der älteste derselben besuchte das Berlinische Gymnasium und kam öfter mit seinen Büchern zu uns, um sich von meiner Mutter die lateinischen Vokabeln vorsagen und sie sich überhören zu lassen, wobei diese eine hübsche Menge behielt und noch viele Jahre nachher herzusagen wußte. Die mathematischen Figuren im Euklides starrte ich als rätselhafte Hieroglyphen an und verlangte von meiner Mutter eine Erklärung, was die Bilder vorstellen sollten. Meine Großväter liebte ich nicht, von dem Großvater väterlicherseits hatte ich kaum etwas vernommen, den mütterlicherseits mochte ich nicht gern. Er hatte beständig viel zu tadeln, und meine Mutter hielt mich seiner Ansicht nach nicht streng genug. Ich mußte mehr Prügel haben. Mit solchen Rezepten empfiehlt sich ein Großvater seinem Enkel keineswegs. Noch erinnere ich mich, wie er am ersten Weihnachtstage vormittags zu uns kam. Ich hatte eine kleine Trommel zum Thristfeste bekommen, war überselig, und huschte baldmöglichst auf den Korridor, um nach Herzenslust zu trommeln. Da kam mein Großvater die Treppe herauf, packte mich am Rrme, riß die Türe auf und zog mich ins Zimmer. Im heftigsten Rerger schalt er mich aus, tadelte meine Mutter, daß sie dergleichen erlaube, und schrie: ,,Was kann aus solcher Range anders werden, als ein Kerl, der dem Kalbfelle folgen muß, nichts als Futter fürs Kanonenpulver" usw. Um ihn zuftieden zu stellen, mußte ich schon einige hiebe mit der Rute hinnehmen, obgleich ich nicht wußte, was ich gesündigt hatte, da ich nur mit dem spielte, was meine Eltern mir geschenkt hatten, um damit zu spielen. Diese Ungerechtigkeit machte einen tiefen Eindruck auf mich. Lines Tages hatte mein Vater ein Kaninchen oder einen Hasen geschenkt bekommen. Ls sollte ein Wildbraten gemacht werden, und mein Großvater wurde dazu eingeladen. Der Braten war angegangen und hatte einen sehr starken Wildgeruch, der sich auch bei der Zubereitung nicht verleugnete, die gegen Übend erfolgte. Mir war der Geruch äußerst zuwider ; denn ich bin von jeher gegen Gerüche höchst empfindlich gewesen; da ‘mir aber nur eine Stube hatten, mußte ich darin bleiben. Ich konnte den Geruch nicht ertragen, und ekelte mich unsäglich. Daher verkroch ich mich in einen Winkel am Bette und hielt mir einen Zipfel des Bettvorhanges vor die Rase, dessen Stärkegeruch den Wildgeruch mäßigte. Man setzte sich zu Tische und mein Großvater lobte den Braten außerordentlich. Endlich wurde auch ich gerufen, zu Tische zu kommen. Ich weigerte mich, meinen Winkel zu verlassen, und erklärte: ich könne nicht essen, weil das Fleisch so übel rieche. Das nahm der Großvater sehr übel, nannte mich einen eigensinnigen Schlingel, dessen Starrsinn gebrochen werden müsse, und machte Rnstalten zu einer exemplarischen Züchtigung, der ich nur mit großer Mühe durch Fürbitten meiner Mutter entging. Seit dieser Zeit war mir der Wildgeruch so ungemein wider, daß ich mich noch jetzt in meinem Rlter mit demselben nicht vertragen kann und Wild nur esse, wenn es ganz frisch ist, und auch dann nur ungern. Kein Sinn wirkt bei mir so stark auf das Erinnerungsvermögen, als der des Geruches. Wo sich nur ein Geruch wiederholt, treten die Umstände, unter welchen ich ihn früher und bis zur frühesten Zeit hin empfunden habe, lebhaft ins Gedächtnis zurück,' unwillkürlich erscheint — 160 die ganze Szene vor mir mit allen Umständen und in lebendigster Frische. Mb e§ lauch anderen so «geht, ist mir unbekannt. Das lvesen meines Großvaters wirkte nicht wohltätig auf mein Gemüt. Zein grillenhafter, alles im schwärzesten Lichte sehender, stets tadelnder Zinn machte, daß ich ihn vermied, wo es nur möglich war. Wenn ich mich aber verkrochen hatte, bekam meine Mutter Vorwürfe, weil man den Jungen nie zu k)ause fände, sondern ihn sich umhertreiben und zum Gassenjungen werden ließe. Mir kam diese Zorge meines Großvaters sehr seltsam vor und nicht als ein Beweis seiner Zärtlichkeit. Zn Gedanken habe ich ihn nicht selten arg ausgeschimpft. (Fortsetzung folgt.) Kleine Mitteilungen. Die Termine zur Anmeldung der diesjährigen Ronfir- imanden sind bereits bekannt gegeben worden. Cs wird gebeten, daß, wenn möglich, Unmeldungen auch in der Zeit >von 11 bis 1 Uhr stattfinden, damit der Undrang in den Uachmittagsstunden nicht zu groß wird und Eltern und Rinder nicht zu lange warten müssen. verichtigung. Zn dem Gedichte „Leidender Heiland" von k)anna Krüger, das in der letzten Uummer zum Ubdruck kam, ist leider ein Druckfehler enthalten. Seite 154, 2. Spalte, 9. Zeile von unten muß es statt „Nachrichter tiefreifer Menschheit" heißen: „Nachrichter strafreifer Menschheit". kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 8. Oktober, 16. nach Trinitatis. Gottesdienst. Kollekte für den pfarrhausbau in Viernheim. Zn der Stadtkirche. vormittags 9Vs Uhr: Professor E). Schia n. vormittags 11 Uhr: Rinderkirche für die Matthäusgemeinde. Pfarrer Mahr. Ubends 6 Uhr: Pfarrer Schwabe. — Sonntag, den 8. Oktober, abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Matthäusgemeinde. — Dienstag, den 10. Oktober, abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Mar- 'kusgemeinde. - Mittwoch, den 11. Oktober, abends 8 Uhr: Rriegsbetstunde. Pfarrer Schwabe. Die diesjährigen Ronfirmanden werden Mittwoch, den 11. und Donnerstag, den 12. Oktober, vormittags von 11 bis 1 Uhr und nachmittags von 4 bis 6 Uhr angemeldet, und zwar die Ronfirmanden aus der Matthäusgemeinde bei Pfarrer Mahr, Rirchstraße 1, diejenigen aus der Markus- und Militärgemeinde bei Pfarrer Schwabe, Rirchstraße 5. Die feierliche Eröffnung des Ronfirmanden- Unterrichts, zu welcher die Eltern und sonstige Ungehörige der Ronfirmanden herzlich eingeladen werden, findet Sonntag, den 15. Oktober, statt und zwar für die Ronfirmanden aus der Markus- und Militärgemeinde im Vormittagsgottesdienst, für die Ronfirmanden aus der Matthäusgemeinde im Ubendgottesdienst. Der Unterricht beginnt Montag, den 16. Oktober. Näheres wird bei der Uufnahme mitgeteilt werden. Formulare zur Unmeldung sind bei den Gemeindepfarrern und dem Kirchendiener erhältlich. Zn der Johanneskirche, vormittags 9 Uhr: Pfarrer vechtolsheimer. vormittags 11 Uhr: Rinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer. Ubends 6 Uhr: pfarrassistent Hoffmann. Ubends 1 % Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Lukasgemeinde. Ubends 8 Uhr: Versammlung und Bibelbespre- chung im Johannessaal. — Sonntatz, den 15. Oktober wird in -beiden Kirchen die alljährliche Kollekte für den Gustav- Udolf-Verein erhoben. Die diesjährigen Ronfirmanden werden Mittwoch, den 11. und Donnerstag, den 12. Oktober, vormittags von 11 bis 1 Uhr und nachmittags von 4 bis 6 Uhr angemeldet, und zwar die Ronfirmanden aus der Lukasgemeinde bei Pfarrer Bechtolsheimer, Liebigjtraße 56, diejenigen aus der Johannesgemeinde bei Pfarrer Uusfeld, Südanlage 8. Die feierliche Eröffnung des Ronfirmanden- Unterrichts, zu welcher die Eltern und sonstige Ungehörige der Ronfirmanden herzlich eingeladen werden, findet Sonn- tag^den 15. Oktober, statt und zwar für die Ronfirmanden aus der Johannesgemeinde im Vormittagsgottesdienst, für die Ronfirmanden aus der Lukasgemeinde im Ubendgottesdienst. Der Unterricht beginnt Montag, den 16. Oktober. Näheres wird bei der Uufnahme mitgeteilt werden. Formulare zur Unmeldung sind bei den Gemeindepfarrern und dem Kirchendiener zu haben. L Ankündigungen empfehlenswerter Firmen J Carl Loos Kirchenplatz 13 :: Telephon 767 h Manufaktur- < und Weißwaren Herren- u. Knabenkleider Heinrich Noll läusburg Nr. 7 Telephon Nr. 292 Spezial-Geschäft für Bureaubedarf ♦ Schreibmaschinen Papierhandlung, Buchbinderei, Gesangbücher. Moderne Kunstarbeiten. Photographische Apparate und Zubehöre ßssobw. floiberg Nach!. Modes Gießen, Plockstraße 5 empfehlen sich in allen in ihr Fach schlagenden Arbeiten. E. 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