Nr. 39. Gießen, Sonntag 15. nach Trinitatis, den 1. Oktober 1916. 5. Jahrgang. Der deutsche Landmann und die dritte ttriegsernte. (Zum Erntedankfest.) Buch des Propheten Daniel 6, 28. Gott ist ein Erlöser und Nothelfer. Er tut Zeichen und Wunder, beide im Ejimmel und auf Erden. HIs Jesus dem Fischer Simon nach der Seepredigt den Rat gab, auf die höhe des Sees Genezareth zu fahren und dort das Netz auszuw-erfen, gab ihm dieser zur Lntwort: „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts ge- gefangen!" — Nichts gefangen! Nichts erreicht, umsonst gearbeitet, wie oft tritt uns diese Klage im Menschenleben entgegen! ,,N)ie ein Knecht sich sehnet nach dem Schatten, und ein Taglöhner, daß seine Lrbeit aus sei, also habe ich wohl ganze Monate vergeblich gearbeitet," so klagte im Luche Hiob ein Mann, der des Lebens Not und die Enttäuschung vergeblicher Lrbeit am eigenen Leib gespürt hat. wenn einer hierüber aus Erfahrung sprechen kann, so ist es der deutsche Landmann bei seiner Lrbeit in der dritten Kriegsernte. Wie oft haben der Landmann und die Seinen vergeblich gearbeitet, besonders hier in den Dörfern in der Lähe unserer Stadt bei der Heuernte! Das Futter gewendet, auf Kegel gebracht, wieder ausgebreitet, und alle Mühe umsonst durch den Legen! Die Kleider durchnäßt bis auf die haut! Wie oft ist es dem Landmann so ergangen bei der Heuernte dieses Jahres! wohl fünf- bis sechsmal hat sich der geschilderte Vorgang auf mancher wiese wiederholt, bis das Heu endlich in entwertetem Zustand und dunkel die Farbe nach Hause gefahren werden konnte. Sn strömendem Legen und in eiliger Fahrt fuhr manchmal der heuwagen in die Scheune. Sn noch stärkerem Maße hat sich das bei der Grummeternte wiederholt, wenn mein Luge zum Fenster hinausschweift, trifft es auf dunkle, schwarze Kegel, die den Wiesengrund füllen. So sitzen sie schon 14 Tage lang, und fast täglich, wenn der Himmel einmal ein freundliches Gesicht macht, sehe ich alte Mütterchen, gebückte Greise, fröhliche Kinder um die Grummetkegel beschäftigt. Sie breiten das Futter aus, sie wenden es unermüdlich, sie bringen es wiederum auf Kegel. Lbends beim Uachhausegehen höre ich die Großmutter ermuntert und befriedigt zum müden Enkelkind sprechen: „Tummle dich, wenn es morgen hält, bringen wir das Grummet nach Haus, und du darfst auf dem wagen fahren!" Lm andern Morgen jagen dunkle Wolken am Himmel, nur zuweilen weichen sie einigen flüchtigen Sonnenstrahlen. Trotzdem eilt die Großmutter mit ihrer geschwinden Schar wieder auf die wiese, wieder wird das Grummet ausgebreitet, wieder bemühen sich fleißige Lrme um das Trocknen,' es scheint zu gelingen, schon wird das Futter auf große Haufen zusammengedrängt. Lber als eben die Kühe in schleppendem Gang den wagen auf die wiese bringen, bricht es wieder los in gewitterartigem Legenschauer, wieder war die Lrbeit zweier Tage vergebens, wieder zieht die fleißige Schar in eiliger Flucht vor dem Legenguß nach Hause, wieder vergebens ! Und doch nicht erbittert und verärgert ist das Herz der Landleute. Die Großmutter erzählt von manchem Jahr, da es noch schlimmer gewesen sei. Gottlob, sei in diesem Jahre doch noch kein Futter auf den wiesen verfault wie damals, als sie noch ein Kind gewesen. Daß man manches fünf- und sechsmal tun müsse, das sei der Landmann gewohnt, und deswegen dürfe man nicht unwillig werden gegen Gott. Der Stadtbewohner tadelt gern den Landmann, besonders jetzt in der Kriegszeit, wo so vieles mangelt. Lber warum sieht man bloß das Unerfreuliche, warum sieht man nicht die unverdrossene Freudigkeit, die der Lauersmann und seine kleinen und großen Helferinnen in unverdrossener Lrbeit beweisen, wenn sie auch zehnmal umsonst ist? wahrlich, das ist ein Heldentum, nicht kleiner als das Heldentum unserer Feldgrauen, die einen Schützengraben, den der Feind zehnmal zusammengeschossen hat, zum elften Male wieder Herrichten, heute am Erntedankfest, da darf einmal von diesem Heldentum die Lede sein. Lber nicht allein diese Unermüdlichkeit unserer Lauersleute ist von Gott gewirkt, ein „Wunder und Zeichen" von Gott, sondern auch die staunenswerten Lrbeitsleistungen unserer alten Frauen und ihrer bejahrten Männer. Sch könnte euch manche nennen, deren Lücken in der Kriegszeit noch gebeugter geworden ist, als er schon war. Sichtbar hat die vermehrte Lrbeitslast die Gestalten gekrümmt, wie der Westwind im nahen Kiefernwald die Läume alle nach Osten gedrückt hat. Einer steht mir vor Lugen. Er zählt demnächst 77 Jahre, die beiden Söhne stehen im Felde, einer ist an der Somme in Gefangenschaft geraten. Lber man will doch das — 154 — Erbteil der Kinder nicht verkümmern lassen, und so verrichtet der alte Landmann mit seiner nicht viel jüngeren Gefährtin jetzt schon in der dritten Kriegsernte die schwere Feldarbeit, kein Ncker ist unbebaut liegen geblieben, kein Halm auf dem Kcker, kein Gräschen auf der Wiese ist verdorben. In der 'heißen Lonnenglut, im dichten Staub beim Dreschen in der engen Lcheune, haben sie ihre Schuldigkeit getan, die Nlten, die Frauen und die Männer. Lolche unbegreifliche Nrbeits- leistungen, sind sie nicht von dem Gott gewirkt, der „Zeichen und wunder" tut, der „dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden" gibt? Es ist wirklich einseitig und undankbar, wenn der deutsche Landmann in der Kriegszeit stets nur mit billigem, unverständigem Tadel bedacht wird. Die Krbeitsfreudigkeit und die Aufopferung unserer alten, abgearbeiteten Landleute verdient alles Lob. Jetzt in der Kriegszeit gilt es doppelt, was der schlichte Mathias Claudius gesungen hat: „wie nützlich ist der Bauersmann, Er bauet uns das Feld. wer eines Bauern spotten kann, Das ist ein schlechter Held. Im Schweiße seines Ungesichts Schafft er für alle Brot, wir hätten ohne Bauern nichts, Die Städter litten Not." Uber Wunder und Zeichen hat Gott in diesem letzten Jahre noch mehr getan. Um zweiten pfingstfeiertage, den 12. Juni dieses Jahres, führte mich mein weg in aller Frühe über Land. Der-Johannistag in der Nähe, und welch ein kalter Nordwest streicht über das Gesicht! Kalte Kegen- schauer und am Himmel dunkelschwarze Wolken, als sei's November! Tief sinkt der Fuß ein in dem aufgeweichten Uckerboden! Seitwärts schweift der Blick über die Getreidefelder, und von selbst kommt die ängstliche Frage: wird diesmal die Saat reifen? hat sich auch Gott abgewandt vom deutschen Volke, da alles gegen uns in Waffen steht? Kaum war Pfingsten verstrichen, so ging das Gerede vom „Kornkäfer" durch das Dorf, von dem Käfer, der die Uehren frißt, so daß nichts übrig bleibt als eine kahle Strippe. Es war schon Ende Juli, da schritt ich über einen hügelrücken des Thüringer Waldes, prächtig standen rechts und links die Saaten, aber, so meinte mein Begleiter, ein alter verständiger Mann: „Es reift nicht, geben Sie acht, der Hafer wird nicht reif!" — heute sind wir nun acht Wochen weiter, und es ist alles reif geworden und alles geborgen, und reiche Erträge hat namentlich das Getreide gebracht. Zwar das Korn hat bei uns geringere Erträge geliefert infolge Ueberwucherung durch die Vogelwicke und anderes Unkraut. Uber anderwärts hat auch das Korn, ebenso wie Hafer und Gerste, einen vollen Ertrag geliefert. Ist das nicht ein Zeichen und Wunder? hat sich hier nicht erfüllt, was das Gesangbuch in einem schönen Ernteliede sagt: „Nun, Herr, wer kanns genug bedenken, Der Wunder sind hier gar zu viel, So viel, als Du, kann niemand schenken, Und Dein Erbarmen hat kein Ziel." Wir haben Brot und Getreide, Gbst und Früchte zur Nahrung für das deutsche Volk, für Heer und Heimat, Futter für das liebe Vieh, mehr als im vorigen Jahre. Gott hat uns nicht verlassen, er ist „ein Erlöser und Nothelfer". „Zein Erbarmen hat kein Ziel". Uuf Gott hoffen wir auch fernerhin. Nur Dankbarkeit müssen wir haben. Dankbarkeit für die Bewahrung und Hilfe, die wir reichlich erfahren haben im Felde: im Kriegsfelde und im Erntefelde. Dankbarkeit, die das Wort Jakobs nachempfindet: „Ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und Treue, die Du an mir getan hast", und das Wort des Hauptmanns von Eapernaum: „Ich bin nicht wert, daß Du unter mein Dach gehest." Dankbarkeit, die sich uns als haushalter Gottes fühlt und Nächstenliebe und Barmherzigkeit reichlich übt. Dann wird das Kriegsjahr 1916 ein Jahr, welches das deutsche Volk trotz aller Entbehrungen näher gebracht hat zu seinem Gott, reifer gemacht für Gottes Zcheunen. G. S. Leidender Heiland. 3u einem Bildwerk von Franz Scheiber - München. Lebensgroß, sitzende Figur, gebeugte Haltung, ichmerzerfüllier, hoheitsvoller Ausdruck, dornengekrönt, die Hand hält den Stab zwischen den Unieen. von Hanna Krüger (geboren den 24. Februar 1890, heimgegangen zu ihrem Heiland den 20. September 1916). Zchweigend stehe ich vor Dir, in Ehrfurcht, Der Du der Menschheit sündige Not Zu Deiner machtest, nicht ihr erliegend! Du neigtest nur, opfernd, der Zchuld, Die Körper und Zeele gleich scharf Dir durchbohrte, Den Leib und das wahrheitdurchleuchtete Nntlitz, Leidender Heiland! Die Hand, die den Ztab hält, das Königsszepter des Zpottes, Möchte ich fassen und ihre Heilkraft: Legen erteilend, erhobenen Fingers, Leben verheißend, Leben, das Gott heißt, Gott in Vollendung und Lchönheit, Lehnsuchtserfüllung, bebend erfahren! Die leidendurchfurchte Kechte, die Erdwärts herabhängt in schmerzlicher Lchwere, Betracht' ich gedankenvoll, anbetend göttliche Allmacht Im todbezwingenden Werke, Dein Werk, mein Heiland. Denn sie^e: Bilder in ewiger Gleichheit Erscheinend, so lange der Erdball Kingenden Lebens voll kreiset um himmlische Lichtflut, Gestaltet ihr Nnblick der Leele Luchender, Gläubiger! Frauen und Kinder und Greise, Mann erst Gewordene, Mädchen in erster Jugend Nahen der Hand sich, Gesundung suchend, Gebrochen und siech! In seligem Lchauer empfangen sie Größ'res im Gottpreisenden Schauspiel: Ewiges Leben, unendliche Güte Rafft sieghaft den Tod hin, Lächelnd ihn fällend mit Waffen der Liebe, des Lichts den Nachrichter tiefreifer Menschheit, der Lchlangengleich wühlend am Baum ihres Lebens genagt hat! Deine Kugen such' ich, mein Heiland, Ihres Kbgrunds Kätsel, Gedankentiefe Begreifend zu deuten! Doch unwissend bleib' ich vor Deiner Weisheit, Die, weil sie Gott trägt, Das Keich verkündigt und Welten zerbricht, Herr! So steh' ich vor vir in Demut, Der Du, mein Heiland, dornengekrönt, Unsäglich schmerzvoll, mein Leben erlöst hast! Und Größ'res empfang' ich als Wissen, Im Flügelrauschen des Geistes: Daß alles duldende Liebe Ullein mit Gott nur versöhnet, Dank Vir, mein Heiland! — Hanna Krüger f. Hm 20. September d. J. verschied nach achttägigem Krankenlager im Hlter von 26 Jahren Fräulein Hanna Krüger, Tochter des Herrn Geheimen Kirchenrates und Professors der Theologie v. Di*. Gustav Krüger und seiner Ehegattin Helene, geb. vermehren, Daß wir ihr hinscheiden in unserem Gemeindeblatte erwähnen, hat seinen guten Grund. Hanna Krüger hat viele Jahre an der Hrbeit in unserer Kirchengemeinde regen Hnteil genommen. Neun Jahre ist sie mit kurzen Unterbrechungen Helferin in der Kinderkirche der Lukasgemeinde gewesen, am 3. September d. J. hat sie sich zum letztenmal an dieser Hrbeit beteiligt. Für die Konfirmandenvereinigung der Lukasgemeinde hat sie vor mehreren Jahren ein Weihnachtsfestspiel gedichtet, das bei der Weihnachtsfeier aufgeführt wurde. Den Lesern unseres Blattes ist sie dadurch unvergeßlich, daß sie eine treue und eifrige Mitarbeiterin des ,,Sonntagsgrußes" war,' die mit ,,h. K." gezeichneten Hrtikel rühren von ihr her, ihre Zahl ist ganz stattlich. Wir erwähnen hier nur aus dem Jahrgang 1913 „Herbsteindrücke", aus dem Jahre 1914 die ergreifende, dem wirklichen Leben entnommene Erzählung „Frühlingswehen" und den Weihnachtsartikel „Vas Geheimnis der Weihnacht". Hus dem Jahrgang 1915 ist besonders die Skizze „Vas Vermächtnis" bemerkenswert, vor vier Wochen erst, in Ur. 35 unseres Blattes, erschien der Hrtikel „Unsere Ernte". Hlle diese Hrbeiten zeichnen sich durch hohen Schwung der Phantasie und große Kunst der Darstellung aus, vor allem aber dadurch, daß sie von einer tiefen Frömmigkeit und einem reichen Gemütsleben Kunde geben. Wie beweglich redet die Heimgegangene in ihrer letzten Hrbeit von dem Erntesegen, den Erntesorgen und den Erntesünden, um mit einem ernsten Husblick auf die große Ernte Gottes am jüngsten Tage zu schließen. Hanna Krüger hat durch diese ihre Hrbeiten bekundet, daß tiefer, reiner Glaube in ihr war. Ihr Glaube hatte, wie das bei allen reinen Menschen der Fall ist, das Gepräge des Kindlichen; man kann sagen, daß sie aus dem Kindschafts- verhältnis zu Gott nie her aus ge treten ist. Merkwürdig oft hat das junge Mädchen vom Tode geredet, man meint beinahe, sie habe ihr frühes Ende geahnt. Hber sie sprach vom Tode stets in der Hrt, wie das Christen tun, die durch Ehristus die Sterbensfurcht überwunden haben. Daß sie bis an ihr Ende im Glauben an ihren Heiland fest stand, beweist ihr letztes Gedicht „Leidender Heiland", das in dieser Nummer zum Hbdruck kommt. Unsere Leser werden dieses Gedicht gewiß gern als letzten Gruß der nun vollendeten entgegennehmen. War sie stark durch ihren Glauben, so war sie nicht minder stark durch ihre Liebe, die ihr schon aus dem freundlichen, seelenvollen Huge strahlte. Huf einem Grabstein fand man einst auf der Vorderseite geschrieben: Gott ist die Liebe, auf der Kückseite — es war das Grab eines jungen Mädchens las man: Sie war immer freundlich. Man könnte diese Worte auch Hanna Krüger auf das Grab schreiben. Den reichsten Segen von ihrer Liebe haben die Ihrigen gehabt, aber unvergessen bleibt uns auch die Hrt, in der sie in der Kinderkirche sich der Kinder ihrer Gruppe angenommen hat, selber mit ihnen fröhlich wie ein Kind, allen liebevoll und freundlich zugetan. In ihrem Hrtikel „Vas Vermächtnis" schreibt die Heimgegangene: „Jeder Mensch hinterläßt ein Vermächtnis, wenn er stirbt: eine große Not oder viel Sonne." Sie selbst hat nur Sonne hinterlassen. Ihr kurzes Leben glich dem schönen Herbsttage, an dem wir sie in das Grab gelegt haben,' gerade, als wir an ihrer Gruft standen, hatte die Sonne den dichten, grauen Nebelschleier durchdrungen, und mild, schön und verklärt leuchtete der Herbstsonntag. Ueber ihr früh zum Ziele gekommenes Leben schreiben wir das Wort, über das am Sarge geredet worden ist, das Wort des Heilandes: „Selig sind, die reines Herzens sind' denn sie werden Gott schauen". £)■ Aus -er Jugendzeit eines deutschen Mannes. (Fortsetzung.) Ein Halbjahr früher war mein Vater auf einen Tag nach Spandau kommandiert und nahm mich mit dahin. Davon erinnere ich mich aber einzig und allein der Gerüche des Malzes in dem Brauhause und des trocknen abgefallenen Eichenlaubes auf dem Hofe. Einer von den beiden Schlafburschen meines Vaters war ein Pole, der nur gebrochen deutsch sprach, ein gutmütiger Kerl, sonst aber eigentlich ein halbes Tier. Mit mir machte er sich viel zu tun, und ich hatte ihn gerne. Gar sehr oft aber war er so „sternhagelvoll" betrunken, daß er kein Glied rühren konnte, auf dem Korridor umfiel und brüllte oder einschlief. So lag er stundenlang, und wenn er den Kausch endlich ausgeschlafen hatte, gab es grimmige hiebe, die ihn nicht besserten. Er war auch wegen Diebereien mehrfach Spießruten gelaufen und behauptete, das wäre von Zeit zu Zeit einem Menschen nötig, weil die haut sonst jucke. Eines Tages äußerte er: „Juckt mir wieder mein Puckel so sehr, muß schröpfen lassen", und gleich darauf stahl er eine Kleinigkeit, worauf denn der gehoffte Erfolg nicht ausblieb. Solch ein Wesen war wirklich entmenscht und mußte es durch die unmenschliche Behandlung immer mehr werden. Man hat jetzt kaum eine Vorstellung von den Subjekten, welche damals unter den Soldaten steckten, aber auch ebensowenig von der Behandlung, die ihnen zuteil wurde. Nicht selten vermochten sie bei aller Gewöhnung an die unwürdigste Mißhandlung das Leben nicht mehr zu ertragen und schnitten sich den hals ab, aber fast alle nicht tief genug. Dann wurde die schmerzhafte Wunde zugenäht und geheilt, und war der Mensch wieder gesung, so mußte er zwölfmal Spießruten laufen. Welch eine Lust zu leben dadurch erweckt wurde, kann man sich denken. Manche ergriffen den Husweg und töteten ein Kind in der Verzweiflung, um als Mörder ergriffen und hingerichtet zu werden, und dies gehörte nicht zu den ungewöhnlichen Fällen, ja ich selber bin einmal, wie mir meine Mutter erzählt hat, einer solchen Gefahr kaum entgangen. Ich war zwei Jahre alt,' meine Mutter trug mich noch auf dem Hrme und ging mit mir vom Georgen-Kirchhofe durch den Gang am Hospitale nach der Landsberger Straße. Kaum tritt sie aus dem Gange heraus, so entdeckt sie, nickt 30 Schritte von sich entfernt, einen Soldaten mit einem langen Messer in der Hand, dessen furchtbar verstörtes Hn- 156 sehen die heftigste Exaltation verrät. Die Straße ist auf größere Entfernung menschenleer, ringsum aber liegen die Bewohner angstvoll in den Fenstern. Meine Mutter überblickt im Momente den Stand der Dinge- aus den Fenstern ruft man ihr zu: ,,Ketten Sie sich, retten Sie sich und das Kind." Umkehren konnte sie nicht, ohne den Menschen hinter sich her zu ziehen; ängstlich wagte sie es, an den Häusern herzuschleichen, und flüchtete sich dann in die nächste offene Haustür. Der Kerl hatte sie wohl gesehen, aber nicht verfolgt. Sie wurde mit einer Urt von Jubel empfangen, und erfuhr, daß der Mensch schon seit einer Viertelstunde in der Nähe auf entsetzliche Urt geflucht, getobt, und sein Messer aus den Steinstufen gewetzt, auch unter lauten Verwünschungen geschworen habe, den Ersten, Besten zu ermorden, weil er seines Lebens müde sei. Jeder habe sich daher geflüchtet, und man habe nur gewünscht, daß ihm niemand in den Wurf kommen möge, als zum Schrecken aller meine Mutter mit mir erschienen sei. (Fortsetzung folgt.) Kleine Mitteilungen. Sonntag, den 1. Oktober, nachmittags 3 Uhr wird in der Kirche zu Großen-Linden ein Missionsgottesdienst des Dekanats Gießen gehalten werden. Uedner sind Missionar Gsell-Frankfurt a. M. und Dekan Gußmann-Kirchberg. kirchliche Anzeigen. Gottesdienst. Sonntag, den 1. Oktober, 15. nachTrinitatis. E r n te d a n k fe st. In der StadMrche. vormittags 91/2 Uhr: Pfarrer Mahr, vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeinde. Ubends 6 Uhr: Pfarrer Schwabe. — Sonntag, den 1. Oktober: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Matthäus-Gemeinde. — Sonntag, den 1. Oktob., abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Markus-Gemeinde, Diezstraße 15. Uusweiskarten für die noch nicht 17 Jahre alten Mitglieder sind bei den Pfarrern in Empfang zu nehmen. Die diesjährigen Konfirmanden werden Mittwoch, den 11. und Donnerstag, den 12. Oktober, vormittags von 11 bis 1 Uhr und nachmittags von 4 bis 6 Uhr angemeldet, und zwar die Konfirmanden aus der Matthäusgemeinde bei Pfarrer Mahr, Kirchstraße 1, diejenigen aus der Markus- und Militärgemeinde bei Pfarrer Schwabe, Kirchstraße 5. Die feierliche Eröffnung des Konfirmanden- Unterrichts, zu welcher die Eltern und sonstige Ungehörige der Konfirmanden herzlich eingeladen werden, findet Sonntag, den 15. Oktober, statt und zwar für die Konfirmanden aus der Markus- und Militärgemeinde im Vormittagsgottesdienst, für die Konfirmanden aus der Matthäusgemeinde in dem Ubendgottesdienst. Der Unterricht beginnt Montag, den 16. Oktober. Näheres wird bei der Uufnahme mitgeteilt werden. Formulare zur Unmeldung sind bei den Gemeindepfarrern und dem Kirchendiener erhältlich. In der Johanneslirche. vormittags 9 V 2 Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer. Ubends 6 Uhr: Pfarrer Uusfeld. Ubends 7 V 2 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Lukasgemeinde im Lukassaal, zu der gleichen Zeit findet die Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Johannesgemeinde im Johannessaal statt. — Mittwoch, den 4. Oktober, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer Uusfeld. — Freitag, den 6. Oktober, nachmittags 51/2 bis 7 V 2 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Johannesgemeinde im Johannessaal. Die diesjährigen Konfirmanden werden Mittwoch, den 11. und Donnerstag, den 12. Oktober, vormittags von 11 bis 1 Uhr und nachmittags von 4 bis 6 Uhr angemeldet, und zwar die Konfirmanden aus der Lukasgemeinde bei Pfarrer Bechtolsheimer, Liebigstraße 56, diejenigen aus der Johannesgemeinde bei Pfarrer Uusfeld, Süd-Unlage 8. Die feierliche Eröffnung des Konfirmanden- Unterrichts, zu welcher die Eltern und sonstige Ungehörige der Konfirmanden herzlich eingeladen werden, findet Sonntag, den 15. Oktober, statt und zwar für die Konfirmanden aus der Johannesgemeinde im Vormittagsgottesdienst, für die Konfirmanden aus der Lukasgemeinde im Ubendgottesdienst. Der Unterricht beginnt Montag, den 16. Oktober. Näheres wird bei der Uufnahme mitgeteilt werden. Formulare zur Unmeldung sind bei den Gemerndepfarrern und dem Kirchendiener zu haben. ^ Ankündigungen empfehlenswerter Firmen j (fnrf 0^05 EdgarBorrmann,Giessen vv v J. Neustadtll Eisenwaren,Haus*u. 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