Lonntagsgrusz Gemeinüeblatt für üie evangelische Kirchengememoe Gieszew Nr. 38. Bietzen, Sonntag 14. nach Trinitatis, den 24. September 1916. 5. Jahrgang. Line lehrreiche Geschichte vor 2V? Jahrtausenden. haggai 2, 23. Ich will dich wie einen Siegelring halten; denn ich habe dich erwählet. Es war im Jahre 537 vor Ehristi Geburt. Ein Jahr zuvor hatte der Perserkönig Eyrus die Herrschaft Kabylons gebrochen. Line seiner ersten herrschertaten war nun, einem ganzen, unglücklichen Volk, das Mebukadnezar 586 in die riesigen. Konzentrationslager Kabyloniens verschleppt hatte, die Freiheit wiederzugeben. Zunächst durften 42 000 Juden in die alte Heimat zurückkehren. Kber das Symbol ihrer einstigen inneren und äußeren Größe, den Salomonischen Tempel, fanden sie nur noch als wüsten Trümmerhaufen wieder, wenn heute Kölner vom und Ulmer Münster in Zchutt und Ksche lägen, würde dies nationale Unglück doch noch nicht entfernt das für uns bedeuten, was der zerborstene Tempel von Jerusalem dem Volke Juda. Uber, wie so oft: Es sind nicht die Glücks-, sondern die schweren Zeiten, in denen ein Volk sich auf sich selbst besinnen lernt. Und wunderbar: immer dann fand es den weg zur Keligion, zu Gott zurück. So auch damals. Uus der Monarchie, der Kirche und den wahrhaft frommen Kreisen des Volkes erstanden ihm Männer, welche das Herz der Nation in Schwingungen heiliger Ke- geisterung zu setzen vermochten: König Serubabel, der Hohepriester Josua und Propheten wie haggai und Sacharja. Fürst und Volk verstanden sich plötzlich wieder. Die Zeit eines beglückenden Kurgfriedens brach inmitten erschütternder Stunden an. Und im lodernden Feuer religiösen und nationalen Aufschwungs entzündete haggai die Tatkraft seines Königs mit den flammenden Worten im Kamen des Allmächtigen: „Ich, Gott, will die Stühle der Königreiche umkehren, und die mächtigen Königreiche der Heiden vertilgen,' und will beide, wagen mit ihren Keitern, umkehren, daß beide, Koß und Mann, fallen sollen, ein jeglicher durch des andern Schwert. Zur selbigen Zeit aber will ich dich, König Serubabel, meinen Knecht, nehmen, spricht der Herr Zebaoth, und will dich wie einen Siegelring halten, denn ich habe dich erwählet." Und im Jahre 516 schon war der neue Tempel von Jerusalem vollendet, der, in der Kömerzeil noch wunderbar verschönt, erst für immer zusammenbrach, bald nachdem das von unseligstem äußern und innern Parteifanatismus zerfressene Volk einen Jesus von Nazareth hatte ans Kreuz schlagen lassen; den, der seinem Volk mehr als ein Keformator bedeutet hätte! Auf die Dauer kann kein Keich und kein Irdischer bestehen ohne Ethik, ohne Keligion, ohne Gott, wo aber wahre Frömmigkeit, von innen heraus, sich findet, dahin fällt Gottes Wahl. Dann erfüllt sich das wundervolle Kild, weltgeschichtlich in seiner Wahrhaftigkeit erhärtet, daß Gott auf Führer und Volk sein Auge so dauernd und stolz gerichtet halten will, wie ein Fürst den Klick auf seinen Siegelring, das geheiligte Erbstück seiner Vorfahren. — wir denken wie an ein heiliges Vermächtnis gerade in unsrer Zeit oft an das Wort des Dichters: „Und es mag am deutschen Wesen einmal noch die Welt genesen!'' Eine Ahnung steigt in uns auf, daß wir noch einmal berufen seien, nicht zu einer Weltmachtstellung wie der des Kom der alten Eäsaren, aber zu einer ethischen Kulturmission für die Völker des Erdballs. Das kann sein. Uber nur, wenn Gott uns erwählt,' und dazu gehört, daß wir ehrlich und innerlich wahrhaftig auch ihn erwählen. So, wie es einst vor 2500 Jahren in Jerusalem geschah. Sonst kann uns leicht das Wort des Heilands an den Kreis seiner Jünger treffen: „Ich weiß, welche ich erwählet habe! Nicht sage ich von euch allen!" Venn unter ihnen war damals auch Judas Ischarioth, der ihn verriet!... Ist's nicht so, daß man meinen könnte, ganze Völker trügen heute den Typus von Personen aus Jesu Jüngerkreisen an sich? von einem unter diesen heißt es, „der Jünger, welchen Jesus lieb hatte." Möge das deutsche Volk sich seiner würdig zeigen! _ Erinnerungen an Julius Sturm. Zum 100. Geburtstage Julius Sturms, der neben Karl Gerok der hervorragendste deutsche Dichter geistlicher Sieder im 19. Jahrhundert ist, brachten wir vor zwei Monaten im „Sonntagsgruß" einen Artikel, dem auch einige Sieder des Dichters beigegeben waren. Die nachfolgenden, uns gütigst zur Verfügung gestellten Aufzeichnungen der Frau Prinzessin Elisabeth zu Solms-Kraunfels, eine Tochter des Fürsten Heinrich XIV. Keuß j. S., geben uns eine treffende Eharakteristik des Dichters, zugleich ein anschauliches Kild der freundschaftlichen Keziehungen des Dichters zum Keußi- schen Fürstenhaus. Die Frau Prinzessin schreibt: — 1 50 — Line meiner frühesten Kinbfyeitserinnerungen ist die an den liebenswürdigen Dichter Julius Sturm. Bis ehemaliger Erzieher meines Vaters und treuer Freund meiner Eltern kdm er oft und gern zu uns. Zeine Frau Klara war eine der liebsten Freundinnen meiner Mutter, die jüngeren Kinder waren meines Bruders und meine Spielgefährten. Da nahm uns unsere Mutter sehr oft mit, wenn sie nach Köstritz fuhr, um einige trauliche, schöne Stunden im dortigen pfarrhause zuzubringen. Line kleine Stunde im Wagen gebrauchten wir, um hinzukommen. Wie war das schön! Selbjt im Winter und bei Begenwetter war uns diese Fahrt lieb, nun aber erst im Frühling durch das blühende Elstertal. Wir sprachen nicht viel, wir schauten, wir freuten uns, die Mutter dichtete. Das Pfarrhaus in Köstritz liegt in einem lieblichen Garten, die Kirche am Bergesrand, unter dem sich der schöne park ausbreitet. Der Wagen hält am Gartentor, wir steigen aus, der Dichter eilt uns entgegen. Ich sehe ihn noch vor mir mit den fliegenden haaren, den gütigen Bugen, höre seine frische Stimme, mit der er uns freudig begrüßte. 3n der Kinderzeit benutzten wir die Stunden im Pfarrhaus zum Spielen und Toben in den Gängen und im Garten, selten nur hörten wir den Gesprächen der Erwachsenen zu. Doch wußte ich manches Gedicht des pfarrherrn auswendig, das ,,Gott grüße dich" sangen wir gern. Bn warmen Tagen wurde auch im park gewandert, dieser ist heute noch der Inbegriff der Schönheit für mich. 3n einem Sommer unserer Kinderzeit besuchten uns Sturms in heinrichsruhe, einem kleinen Landhaus unweit Schleiz. Meine schönste Erinnerung jener Tage ist diese: wir lagerten im Heu oder unter Bäumen, und der Dichter las uns Märchen vor, eigene und die von Brentano. So gingen die Fahre hin,- als ich heranwuchs, blieb der Verkehr ebenso traut und herzlich. Ich nahm an den Gesprächen der älteren teil, es kamen auch andere Pastoren in das Köstritzer Pfarrhaus, und da wurden zuweilen theologische Gespräche geführt. Einer Versammlung in der pfingstzeit erinnere ich mich genau. Man sprach» über das Wirken des heiligen Geistes in unserer Zeit und im täglichen Leben. ,,Wenn uns zu rechter Zeit ein Bibelspruch oder ein Lieder- vers einfällt, so ist das auch ein Wirken des heiligen Geistes," so ähnlich sagte Sturm, und dieser Busspruch bleibt mir unvergeßlich. Schön war es, wenn er seine Gedichte vortrug, ebenso schön, wenn er aus seinem Leben erzählte. Mit kindlicher Freude und Lebendigkeit kam er mit neuen Werken herbei- gejtürmt: ,,hören Sie mal, ich glaube, das ist mir gelungen!" Dabei kannte er die gewöhnliche Eitelkeit so mancher Dichter durchaus nicht. Noch erinnere ich mich genau seiner Schilderung der Zeit, da er in Württemberg Hauslehrer war und mit Kerner in Weinsberg verkehrte, dessen Geistererscheinun- gen miterlebte und daselbst auch den unglücklichen Lenau traf. Dieser war schon damals tief melancholisch, und Sturm konnte den Eindruck nie vergessen. Ich kannte wenige Menschen, die ihr Vaterland so mit Liebe umfaßten wie er, die die große Zeit 1870/71 mit solcher Begeisterung erlebten, die eine höhere Verehrung für unsere Helden aus jener Zeit an den Tag legten. Seine vaterländischen Gedichte sind wohl den meisten Gebildeten bekannt, vielleicht auch einige der politischen Lieder, die zuweilen satirisch gefärbt sind. Julius Sturm hatte meine Eltern getraut, es war damals eine stille Hochzeit mit wenigen Gästen, da mein Großvater, der Herzog Eugen von Württemberg, nicht lange vorher gestorben war. Diesen, den Heerführer aus den Befreiungskriegen, hat er aber im Fahre 1857 kennen gelernt und oft von seinen Gesprächen mit ihm erzählt. Sturm taufte später meinen Bruder und hielt die Bede bei der Silberhochzeit meiner Eltern. Diese war ein wundervolles Werk poesievollen Empfindens und machte tiefen Eindruck auf uns. Zu meiner Hochzeit erhielt ich eine schöne Sammlung Gedichte von dem lieben alten Herrn mit Widmung. So reiht sich eine köstliche Erinnerung an die andere, und unvergessen und lebensvoll steht das Bild des edlen, frommen Dichters Fulius Sturm vor meiner Seele, umrankt von frischem Grün der herrlichen Fugendzeit. Elisabeth, Prinzessin zu Solms-Braunfels, geborene Prinzessin Beuß j. L. Hungen, 1916 _ Vornamen der Ainder aus der Uriegszeit. Daß der Krieg, der auf so manchem scheinbar ganz daneben liegenden Gebiete sich in seinen Einwirkungen bemerkbar macht, auch in die Vornamen hineinspricht, ,jdie Eltern ihren eben geborenen Kindern geben, kann man hier und da wohl wahrnehmen,- es ist nur, schade, daß derartige Fälle nicht häufiger zur öffentlichen Kenntnis kommen. Einige derselben sind mir bekannt geworden, und es würde mich freuen, wenn ein Leser ähnliche hier veröffentlichen könnte. Schon im Kriege 1870/71 geborene Kinder haben die Erinnerung an die glorreiche Zeit ihr Leben lang in ihrem Barnen tragen müssen. So ist 1870, Bnfang September, in Friedberg einem Bürger eine Tochter geboren worden, die der Vater in der FIreude seines Herzens ,,Viktoria", d. i. Sieg, hieß. In dem gegenwärtigen Weltkriege, so erzählt man, wurde im Bnfang einem Süddeutschen eine Tochter geboren, die die Eltern: Friederike hießen. Bls aber der Krieg länger dauerte und diesen Eltern nach einem Fahr noch einmal ein Mädchen geboren wurde, da erschien der Vater auf dem Standesamt und hieß diese Tochter: Kriegsrike. Bn den Wunsch, daß bald Friede werde, erinnerte auch der Barne ,,Bringfriede", den ein hessischer Vater seinem Mädchen beigelegt haben soll. Buch der Barne ,,Wilfriede" gehört, xvie ich bestimmt weiß, dazu, der in Gießen einem Kinde gegeben wurde. Ein am 9. Bugust 1914 zu Gießen geborenes Kind erhielt die Vornamen ,,Viktoria Germania". In anderer Bichtung gehen Barnen, die von den großen Feldherren hergenommen sind. Man hat gelesen, daß in Ostpreußen ein Vater seinem Sohne den Vornamen ,,hinden- lburg" gab. Dasselbe soll in Baden geschehen sein. Ob Mackensen derselben Ehre teilhaftig geworden ist, weiß ich nicht, aber ich hoffe, daß seine Taten in der Dobrudscha recht starken Bntrieb dazu geben werden. Buch Kanonen, die in diesem Kriege berühmt geworden sind, sollen bestimmte Vornamen bewirkt haben. Man sagt, daß in Westfalen ein Eisengießer sein Mädchen nach der bekannten ,,dicken Berta" auch Berta geheißen haben soll, weil es einmal auch dick war und dann — auch so laut geschrien habe. Ob's wahr ist? Gr.-L. _ G.Sch. Aus der Jugendzeit eines deutschen Mannes. Für das heutige Geschlecht ist es sehr lehrreich, einmal zu erfahren, in welchen Verhältnissen die Vorfahren gelebt haben. Um das Fahr 1800 und auch noch lange nachher f 51 - ging es im deutschen Lande sehr einfach zu. voraussichtlich werden wir nach diesem Kriege wieder zur Einfachheit der Väter zurückkehren müssen. Unter solchen Umständen dürfte die Jugendgeschichte eines Mannes, der im späteren Leben zu hohen Ehren ausstieg, interessieren. Der Mann, um den es sich hier handelt, war ein deutscher Gelehrter, er hieß Karl Friedrich v. Kloden. Lr entstammte einem alten märkischen Udelsgeschlechte; durch die Ungunst der Verhältnisse hatte es der Vater nur zum Unteroffizier gebracht und ist später stets in untergeordneten Stellen beschäftigt gewesen. Kloben, der 1856 gestorben ist, hat sein Leben selbst beschrieben. Da sein buch längst im Buchhandel vergriffen und sehr selten geworden ist (die „Wiesbadener Volksbücher" brachten vor einigen Jahren einen kurzen Nuszug daraus), so wollen wir hier die Schilderung der Jugendzeit Klödens abdrucken, da diese Schilderung hohen religiösen und erzieherischen wert hat und das einfache, oft ärmliche Leben der alten Zeit treffend wiedergibt. * * * Hm 21. Mai 1786, mittags um 12 Uhr wurde ich geboren. Es war Sonntag und zugleich der erste Uevuetag, der während König Friedrichs Uegierung unabänderlich feststand. Mein Vater war, während ich geboren wurde, in Parade auf dem damaligen Exerzierplätze im Tiergarten. Der Grt, an dem ich zuerst das Licht der Welt erblickte, war die Kaserne Holzmarktstraße 21 (jetzt die Spaziersche Maschinenbau- Bnstalt) irn östlichen Flügel, zwei Treppen hoch, etwa das dritte oder vierte Fenster von der Straßenecke. Meine Eltern zogen aber bald nachher nach der sogenannten Baumgasse, der jetzigen Elisabethstraße. Um 17. Uugust starb der große König, und Friedrich Wilhelm II. trat die Uegierung an. Mit Friedrichs Tod schloß eine höchst merkwürdige Zeit ab, und eine vielleicht noch wunderbarere Periode begann, deren Uugenzeuge ich werden sollte. wenig mehr als anderthalb Jahr alt, erkrankte ich an den Frieseln. Die Krankheit aber kombinierte sich mit andern Uebeln und würde langwierig und gefahrvoll. Meine Mutter wachte weinend an meinem Bette in Gebet und Urbeit, mich auf das Sorgfältigste pflegend. Ich magerte bis zum bloßen Knochengerippe ab und der Urzt erklärte mich für aufgegeben. Der Gedanke, mich zu verlieren, war meiner Mutter zu fürchterlich, um sich daran zu gewöhnen,' sie hörte mit ihrer pflege nicht auf, selbst als der Urzt ihr sagte, sie möge das Kind nicht mehr mit Urznei plagen, denu es sei alles vergebens und keine Hilfe mehr möglich. Eine Nachbarin kam und deckte mich auf. Sie wollte an gewissen Merkmalen erkennen, daß die Hoffnung noch nicht aufzugeben sei. Meine Mutter ergriff diesen Strohhalm in ihrer Not begierig, und setzte die Pflege nach wie vor fort. 3n der Tat fing ich an, mich wieder zu erholen, und meine Mutter hatte die Freude, mich durch ihre treue, unermüdet sorgsame pflege und Wartung, wenn auch erst nach längerer Zeit, gerettet zu sehen. Ich ward gesund, hatte aber das Laufen, das vorher schon ziemlich gegangen war, gänzlich verlernt und mußte von neuem anfangen. Meine Erinnerungen reichen natürlich jo weit nicht zurück. Die früheste sehr dunkle und nebelhafte Erinnerung habe ich von einer Fahrt, bei der ich, auf dem Schoße meiner Mutter in ihren Mantel eingehüllt, zwischen Bäumen fuhr, durch eine Geffnung sah, und nur ein grauer Himmel, das plätschern des Begens und das Bollen des Donners ist mir als dunkler, stark verwischter Eindruck geblieben. Ich habe nachher erfahren, daß meine Eltern gegen Kbend mit mir während eines Gewitters von Pankow nach Berlin fuhren. Ich war drei Jahre alt. Mein ich muß jene dunkle Periode des unbewußten kindlichen Lebens übergehen bis zum Jahre 1790, als meine Eltern nach der Kaserne in der Großen Friedrichsstraße 102, vorn heraus, zwei Treppen hoch eine Wohnung bezogen, hier entwickelte sich mein Bewußtsein, und mannigfache Bilder aus jener Zeit treten in lebendigster Frische vor meine Seele. Noch heute sehe ich die durch das ganze Gebäude entlang ziehenden Korridore, zu deren beiden Seiten die Stuben lagen. Diese Gänge waren an jedem Ende und in der Mitte mit einem Fenster versehen, welche letzteren aber nur in der Mitte des Ganges zu erblicken waren, wo die Treppenflure lagen. Innerhalb der Korridore sah man nur die beiden Lndfenster, und mir erschien die Länge dieser Gänge viel größer als die des ganzen Gebäudes, ja fast endlos, wenn Weihnachten vorüber war, dünkte es mich bis zu dem nächsten Weihnachten ebenso lang, als von einem dieser Fenster bis zu dem andern. Sie waren mir der Maßstab für alles sehr Lange und weite. Unten auf dem Hausflure standen zwei Kanonen. Diese dienten uns Jungen zu Turnübungen, von denen, als solchen, man damals noch nichts wußte, waren wir müde, so setzten wir uns reitend auf Bohr und Lafette und sangen mit Heller Kehle: „Bus auf ihr Brüder und seid stark", oder andere Soldatenlieder, die wir aufgeschnappt hatten und die einer den andern lehrte. Sie gehörten oft nicht zur besten Sorte dieser Lieder, aber wir verstanden sie meistens nicht und hatten kein Brg dabei. Des Bbends wurde zum Zapfenstreich nach der wache am Dranienburger Tore gelaufen. Den Tambour begleitete der Helle Haufen auf seinem Gange, und so wie er fertig war, wurde mit einem gellenden Gejauchze die Mütze hoch in die höhe geworfen und dann fortgelaufen. Dies war herkömmliche Sitte, und bekanntlich werden alte Gewohnheiten von niemandem so fejtgehalten, wie von den Kindern. Ihre Spiele beweisen das: Murmel, Ball, Drachcnspiel, die stets in jedem Jahre zu derselben Zeit anfangen. Ich hätte auch gern meine Mütze in die höhe geworfen, aber ich hatte keine, und konnte nur die Hände in die höhe heben. Bis zum zehnten Jahre ist keine Bedeckung auf meinen Kopf gekommen; Kegen und Sonnenschein, Kälte und Hitze konnten ungehindert darauf einwirken, und ich schreibe es diesem Umstande zu, daß ich lebenslang frei von Kopfschmerzen geblieben bin. Uebrigens hatte ich lange hellblonde haare, die mir zu meinem großen verdrusse den Barnen Flachskopf erwarben. Km Tage wurde auf den Straßen, auf dem Kasernenhose, auf dem Flure oder Korridore oder in der Stube gespielt und gelobt, je nachdem die Jahreszeit und die Witterung es mit sich brachten und gestatteten, denn darauf wurde strenger gehalten, als auf geschriebene Gesetze. Man weiß, daß Kühler nur im ersten Frühlinge, Ball nur um die Gsterzeit, Drachenziehen im herbste gespielt werden, Zeck aber zu allen Zeiten. Die Musterung der Soldaten auf d?m Kasernenhofe, die dabei sehr häufig vorfallenden Stockprügel bei 6en Kanonieren und Fuchtel bei den Bombardieren, das Spießrutenlaufen ebendaselbst, das „In der Fiddel stehen" der Weiber in den Korridoren gaben der Schaulust viel Nahrung und Gelegenheit, die Zeit totzuschlagen. Bei alledem entwickelte ich ziemliche Nnlagen zum Straßenjungen. Oft wurde ich zu allerlei Besorgungen ausgeschickt, da meine Mutter sich möglichst zu Hause hielt. Nicht selten mußte —’f 52 — ich auch zu zwei Brüdern meiner Mutter, also meinen Oheimen, welche Goldarbeiter waren und an den Werder- schen Mühlen wohnten. Dies war einer der weitesten Wege für mich. Ich erinnere mich noch lebhaft eines Pfingst-Heilig- abends - ich war fünf Bahre alt —, an dem ich diesen Weg in strömendem Regen vormittags machte. Die an allen Baugerüsten angeschlagenen Maien, die vielen verkäuflichen Blumen, die Tulpen und die Düfte des Flieders, der Maiblumen und Narzissen stimmten mich überaus froh und festlich, obgleich mir das Wasser in Strömen durch die haare lief, und ich bin den Lindruck lebenslang nicht losgeworden. Die Erinnerung daran wacht jedesmal auf, sowie sich jene Gerüche wiederholen. (Fortsetzung folgt.) Kleine Mitteilungen. Die Rinderkirche der Lukasgemeinde braucht dringend noch einige Helferinnen, da einige der früheren Helferinnen durch häusliche Verpflichtungen und Betätigung in derRriegs- fürsorge und in der verwundetenpflege nicht mehr weiter Mitwirken können. Junge Mädchen aus der Gemeinde, die über 18 Jahre alt sind und Befähigung zum Unterrichten von Rindern haben, werden gebeten, Freitag, den 29. September, nachmittags Uhr im Ronfirmandensaal der Lukasgemeinde zu erscheinen, um an der Vorbereitung zur Rinderkirche am Erntedankfest teilzunehmen. Mrchliche Anzeigen. Gottesdienst. Rollekte für die evang. Bewegung in Oesterreich. Zn der Ztadtlirche. Sonntag, den 24. Septbr., 14. nach Trinitatis, vormittags 8 Uhr: Pfarrer Mahr. Zugleich Thristenlehre für die Ueukonfirmierten aus der Matthäusgemeinde. vormittags 9V2 Uhr: Pfarrer Schwabe. vormittags 11 Uhr: Rinderkirche für die Markusgemeinde. Pfarrer 5 ch w a b e. - Mittwoch, den 27. September, abends 8 Uhr; Rriegsbetstunde. Pfarrer Mahr. — Donnerstag, den 28. September, abends 8 Uhr: Versammlung des Frauenvereins der Markusgemeinde im Markussaal. )n der Johanneskirche. Sonntag, den 24. Sept., 14. nach Trinitatis, vormittags 8 Uhr: Pfarrer BechtolsHeimer. Zugleich Thristenlehre für die Ueukonfirmierten aus der Lukasgemeinde, vormittags 9Vs Uhr: Pfarrer Uusfeld. Beichte und heiliges Ubendmahl für die Lukäs- und Johannesgemeinde gemeinsam. Unmeldungen werden vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten, vormittags 11 1/4 Uhr: Rinderkirche für die Johannesgemeinde. Pfarrer U u s f e l d. Ubends 8 Uhr im Johannessaal: Versammlung und Bibelbesprechung. Nachmittags 2 Uhr: Taubstummengottesdienst im Ronfir- mandensaal (Liebigstraße). Pfarrer Bechtolsheimer. Nächsten Sonntag, den 1. Oktober, feiern wir das L r n t e d a n k f e st; an diesem Tage wird eine besondere Rollekte in sämtlichen Gottesdiensten für die Urmen erhoben werden. * * * Wartburg, eoangel. Jünglings- und Münner-Verein. Diezstraße 15. Sonntag, den 24. Sept., abends 8 Uhr: Vortrag. Dienstag, den 26. Sept., abends 8V2 Uhr: Bibelstunde. Mittwoch, den 27. Sept., abends 8Vs Uhr: Leseabend. Donnerstag, den 28. Sept., abends 8V2 Uhr: Turnabend. Samstag, den 50. Sept., abends 8Vs Uhr: Keltere Abteilung. Gäste stets willkommen. * * * Bibeliränzchen für Schüler höherer Lehranstalten. Für die jüngere Abteilung jeden Mittwoch von 6 bis 7 Uhr, für die ältere Abteilung jeden Samstag von 6 bis 7 Uhr im Johannessaal. VibeltrSnzchen für Mädchen aur der Johannergemeinde. Jeden Dienstag von 6—7 Uhr im Johannessaal. [ Ankündig ungen empfehlenswerte vc Firmen j Carl Loos Kirchenplatz 13 Telephon 797 Manufaktur- und Weißwaren Herren- u. Knabenkleider Heinrich Noll Mäusburg Nr. 7 Telephon Nr. 292 Spezial-Geschäft für Bureaubedarf • Schreibmaschinen Papierhandlung, Buchbinderei, Gesangbücher. Moderne Kunstarbeiten. Photographische Apparate und Zubehöre Hos-Möbel-Fabrik Th. 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