Honnlagsgrujz Gememöeblatt fürüie evangelische Kirchengemeinoe Gieszew Nr. 37. Giehen, Sonntag 13. nach Trinitatis, den 17. September 1916. 5. Jahrgang. Unverlierbar. Psalm 97, 10. Der Herr bewahret die Seelen seiner Heiligen. Man hat schon oft von der Umwertung aller Werte gesprochen, die der Weltkrieg geschaffen hat. (Es ist sehr viel wahres daran. So auch, wenn man den Begriff „unverlierbar" ins Rüge faßt. Früher bezog man ihn vielleicht -auf eine wette, ein Wertpapier oder einen Prozeß, jetzt steigt vor dem Geiste der Gedanke an Entscheidungsschlachten und -Uriege, an Rronen und Weltreiche auf. Und während vordem oft die verzweifeltsten Rnstrengungen gemacht wurden, um ein Kostbares Menschenleben nicht zu verlieren, geben es jetzt Tausend und Rbertausende an der Front fast alltäglich freudig und ohne sich kaum noch zu besinnen dahin. Rnderseits aber kann nicht geleugnet werden, daß, namentlich daheim, die Zinne und Gedanken angesichts der gewaltigen Ereignisse, die sich auf dem Rriegsthcater abspielen, oder auch um der veränderten und vielfach eingeschränkteren Lebensverhältnisse willen vielfach nur noch ganz auf den Tag und die täglichen Sorgen sich erstrecken, und, während draußen mitten im Schlachtendonner Unzählige ihren Gott wiederfanden, hier im Lande manche Kerzen fast in Reinlichkeiten des Rugcnblicks sich verlieren oder im herben Schmerz um ein geliebtes Menschenkind an ihrem Glauben irre werden. Da gilt es mehr denn je, sich das p,almwort zu Mahnung und (Trost werden zu lassen: „Der Herr bewahret die Seelen seiner heiligen." Der psalmist läßt im Zusammenhang des herrlichen 97. Psalms keinen Zweifel, wen er unter diesen heiligen versteht: „Die ihr den Herrn liebet, hasset das Rrge. Oer Herr bewahret die Seelen seiner heiligen, von der Gottlosen Hand wird er sie erretten." Unverlierbar ist jede Men^chen- seele, die den weg zu Gott nicht verloren hat, das ist der große Trost, aber auch die große Mahnung, selbst über den gewaltigsten irdischen Umwertungen und Verwirrungen dies Eine, was not ist, nicht zu vergessen! Oer Heiland drückt diese große, trostreiche Wahrheit noch weit herzandringender im Rnschluß an das kostbare Gleichnis vom guten Hirten aus: „Oer Vater, der mir die Schafe gegeben hat, ist großer denn alles,' und niemand kann sie aus meiner Hand reißen!" wahrlich, es tut gut, daß wir uns dieser machtvollen Ewigkeitstatsache in den gewaltigen Stürmen der gegenwärtigen Zeit wieder einmal voll bewußt werden: Dieser sichere Schutz komme, was kommen mag! — in der Hand dessen, der größer denn alles ist! Rber gedenken wir auch dessen, daß Jesus in unmittelbarem Rnschluß daran das entscheidende Wort spricht: „Sch und der Vater sind eines!" hier liegen die tiefsten wurzeln unserer Rraft. Unverlierbar ist, für Zeit und Ewigkeit, die Seele dessen, die Gott und den Heiland sucht und liebt! Unverlierbar, unsterblich! welch allmächtiger Strom des Lebens mitten durch die weiten Todesgefilde des Weltkriegs! Sonnenuntergang. Sch schau ins Tal hernieder, wie stirbt der Tag so schon, RIs müßt der Sonne Leuchten Sn Rosen untergchn! Und jeden Wolkenstreifen Umrandet Purpurschein, RIs sollts für nächt'ge Schatten Noch die Verklärung sein. Oa falten sich die Hände, Gedanke wird Gebet: Oaß einst die Lebenssonne So schön auch untergeht,' Und durch die Todesschatten Ein Glanz von oben bricht RIs leuchtende Verheißung vom großen, ew'gen Licht! Gräfin Helene waldersee. Tagebuchblätter aus dem Süden. i. M i t dem Krankenwagen vor 40 Jahren an die Riviera. heute, wo man die Reise von Berlin nach Ronstanti- nopel machen kann, ohne nur einmal umzusteigen, wobei uns der I)-Zug mit all seinen bequemen und nützlichen Einrichtungen zu einem heim wird für die Dauer der Fahrt, kann 146 - man sich keine Vorstellung machen von den Schwierigkeiten, welche vor mehr als 40 Jahren mit einer Reife von Schlesien nach dem Süden verbunden waren. Line solche Reife war sogar recht beschwerlich, besonders wenn es galt, bei nahender Winterszeit möglichst schnell für eine kranke die Sonne und milde Luft der Niviera aufzusuchen. Dies war für meine schwerleidende Schwester im Gk- tober des Jahres 1874 notwendig geworden, als einziges Mittel nicht nur, ihre Leiden zu erleichtern, sondern auch, wie wir hofften, sie uns wenigstens noch einige Jahre erhalten zu sehen. Da für die Kranke ein Umsteigen von einem Schnell- zug in den andern unterwegs ausgeschlossen war, wurde ein Krankenwagen aus Dresden verschrieben, es war damals der einzig erreichbare. Er war praktisch und gut eingerichtet und wurde von einem sächsischen Schaffner begleitet. Uußer einem kleinen Ubteil für diesen barg der Wagen einen größeren bequemen Kaum in der Mitte für die Kranke und deren Pflegerin, dem sich ein kleinerer für mich und meine Jungfer anschloß. Line kleine Spiritusmaschine half uns, die verschiedenen kleinen Uebenmahlzeiten für die Kranke selbst zu bereiten, für welche wir alles Nötige mitführten, während die Mahlzeiten für uns alle die damals noch recht mangelhaften Bahnhofsrestaurationen lieferten. Um sicher zu sein, daß unser Eisenbahnwagen von den anschließenden Zügen auch mitgenommen wurde, mußten die betreffenden Bahnhofsverwaltungen vorher benachrichtigt werden; um ferner zu verhindern, daß er als letzter eines Zuges angehängt werde, halfen zwei meiner Mitreisenden Brüder stets den Wagen ab- und anzuschieben, verhüteten dabei auch harte Stöße, wie sie so leicht dabei oorkommen konnten. Wir fuhren die erste Uacht und den folgenden Tag durch mit häufigem Linhängen in verschiedene Schnellzüge und langten abends in München an, wo der Wagen unter der Gbhut des Schaffners mit uns vier Frauen in einem Güterschuppen untergebracht wurde. Die zweite Tagesfahrt ging über den Brenner bis Verona, die dritte mit mehrstündigem Aufenthalt in Mailand bis Genua. Dort verblieben wir in der glasgedeckten, für damalige Zeit sehr großen Bahnhofshalle, wo wir durch starken Sturm sehr beunruhigt wurden, der den Wagen hin und her schob, so daß wir keinen Schlaf fanden. Der vierte Neisetag endlich brach mit leuchtend blauem Himmel an, Land und Meer zeigten sich nach deni nächtlichen Sturm in ihrer ganzen großen Schönheit. Man fährt, wie jedermann weiß, am Strande entlang, der, unterbrochen von zahllosen Tunnels, bei jeder Bucht sich in immer neuer Schönheit zeigt und uns entzückte, die wir aus sonnenarmer, schon recht winterlicher Heimat kamen. Wie stach das leuchtende Grün der Zitronenhaine mit ihren lachenden Früchten so wunderbar ab gegen die vielen Glivenbäume ! Zwischen einzelnen Pinien und Palmen sahen Landhäuser und Villen hervor mit Grangengärten und Terrassen, alles überflutet von Sonnenschein. Dann wieder die kleinen hafenstädtchen mit ihrem nie rastenden Leben und den vielen an langen Ketten befestigten Booten, die sich fast rhythmisch in dem bewegten Wasser schaukelten, dabei halb zerfallene Häuser, darüber altersgraue Kirchtürme neben Mauern, die mit Tfeu und Zitronen bewachsen waren. Zn dem flutenden Sonnenschein die fröhlich lärmenden Menschen, und immer zur Leite das von dem Sturm noch aufgewühlte, rauschende Meer mit seinen weißen Wellenkronen, alles erfüllte unsere Herzen mit freudiger Hoffnung. Kur unsere arme Kranke, die erst vor anderthalb Jahren zur Heimat zurückgekehrt war, vermochte nicht dieses Wiedersehens der Wunder südlicher Natur sich gleich uns zu freuen, wenngleich der Sonnenschein ihr wohltat. Nachdem wir frühzeitig Genua verlassen hatten, langten wir mittags auf der sonnendurchglühten kleinen Station San Nemo an, wo unser Wagen abgehängt wurde. Baronin N. (Fortsetzung folgt.) vom Vau der Stadtkirche. Zn der letzten Nummer unseres Gemeindeblattes hatten wir ein von dem damaligen Kastenmeister Becker angefertigtes Verzeichnis der besonderen Ständen und Personen vorbehaltenen Plätze in der alten, 1809 abgebrochenen Stadtkirche mitgeteilt. Uls man an den Neubau der Stadtkirche ging, der sich übrigens sehr verzögerte - man hat nach Abbruch der alten Kirche länger als ein ganzes Jahrzehnt, nämlich von 1809 bis 1821 gar nichts zur Förderung des Baues getan da wurde die Frage aufgeworfen, in welcher Weise man in der neuen Kirche die ,,Stühle" anordnen solle. Am 12. Januar 1809 teilte der Großherzoglich hessische Kirchen- und Schulrat zu Gießen dem Lrbauer der Stadtkirche, dem Major (Zngenieurmajor) und Landbaumeister Sonnemann mit, es „sey der billige Bedacht darauf zu nehmen, daß bey der demnächstigen Austheilung der Stände man auch so vielen bisher in beyden Kirchen mit eigenthümlichen entweder den Häusern oder den Familien zugehörigen Ständen versehenen Einwohnern dergleichen Stände wieder anweisen könne, widrigenfalls man selbst auch bey der dermaligen Lauigkeit im Besuche des öffentlichen Gottesdienstes doch gewiß reclama- tiones genug zu erwarten haben würde, deren Unmöglichkeit zur Abhilfe alsdann Murren und Unzufriedenheit erregen müßte." hierauf hat Sonnemann am 18. Januar desselben Jahres berichtet: ,,Zn den Kirchen sind wir alle gleich. Der Minister und der Taglöhner, der Neiche und der Arme, ja der Fremdling wie der Lingeborene, haben gleiche Ansprüche auf jeden Stand einer Kirche. Denn warum sollte man, wie doch geschehen würde, den Honoratioren die besseren Plätze zunächst und der Kanzel gegenüber bestimmen, und die Bürger auf die von der Kanzel entfernteren und dieser nicht gegenüber liegenden Stände verweisen? Müßte dieses nicht den größten Unwillen bey dem Bürger erregen? Jeder geht hin wo er will, und die, welche früh kommen, erhalten die besten Plätze,' so bey den Katholiken, warum nicht auch bey den Protestanten? Daß die Weiber ihre besonderen Stände haben, ist schon in der Erklärung des neuen Kirchenrisses gesagt worden. Mein sehnlichster Wunsch geht daher bey der neuen Kircheneinrichtung dahin, daß die übrige vertheilung der Stände ganz eingehen möchte. Die meisten Menschen kleben freylich sehr am Ulten, indessen sollte ich denken, daß dieser Gegenstand durchzusetzen wäre, wenn mit Lrnst Hand an das Werk gelegt wird. Wie viele Gegenstände sind nicht verbessert worden, wie viele alte Nechte und Freiheiten nicht aufgehoben worden, warum sollte es nicht auch in dem vorliegenden Fall geschehen können. Findet keine Absonderung der Stände mehr statt, so fallen viele Bemerkungen und Zänkereyen weg, die bey der bisherigen Einrichtung statt gefunden haben, und wodurch die Andacht und der Eifer, in die Kirche zu gehen, gestört worden ist, der Bürger kann z. B. alsdann nicht beobachten, ob der Nath oder der Professor Stuhl leer ist, oder ob er von einem oder dem anderen 147 besucht wird. Die Siubenten, Handwerksgesellen usw. können keine Zänkereien anfangen, weil sie nicht wie jetzi beisammen, sondern getrennt sitzen, und hierdurch wird also die Bndacht des Gottesdienstes befördert. Zollte indessen dieser Vorschlag nicht auszuführen sein, so kann, wenn die Kirche einmal steht, eine verthrilung der Stände nach belieben vorgenommen werden, jedoch unter dem ausdrücklichen Vorbehalt, daß kein Stand mit Gitterwerk oder einer albernen Umschließung zugemacht werden darf, weil dergleichen Unlagen gegen allen guten Geschmack sind und den Kirchen ein finsteres Unsehn geben." Diese Ausführungen fanden nicht die Billigung des Kirchen- und Schulrates. In einem bericht an das Ministerium sagt diese Behörde: „daß wir der Idee des Groß- herzoglichen Majors Sonnemann darin nicht beppflichlen können, daß nach vollzogenem bau der Kirche keine Verkeilung der Stände an die Collegia und andere bis jetzt in beiden hiesigen Kirchen mit besonderen Kirchenständen versehenen Corpora und Tigenthümer statt habe, sondern auf der bühne und auf den weibsständen alle Zuhörer so, wie sie kommen würden, durcheinander stehen sollten, weil solches nicht allein zu großer Unordnung und Inconvenienz sondern auch zu gerechten Beschwerden der jetzt eigentümliche Stühle besitzenden Familien Gelegenheit geben würde, bei) welchem Vorschläge sich auch der Major Sonnemann auf ein ganz unrichtiges Suppositum gründet, als ob bep den Katholiken besondere Stände nicht gewöhnlich seyen, da solches vielmehr bloß bep Klosterkirchen nicht aber bei Stadt- und Dorf-Pfarrkirchen der Fall ist." Crotzdem hat Sonnemann recht behalten, in der neuen Ztadtkirche hat man keine besonderen Stände mehr eingerichtet. Uebrigens werfen seine Beußerungen ein Sicht auf die Zustände, die in der alten Stadtkirche zuweilen herrschten. Man stritt sich um die Plätze,' der Umstand, daß Handwerksburschen und Studenten nebeneinander saßen, führte zu Streitigkeiten, die wohl in der Kirche begonnen wurden, abends aber auf der Straße zum Bustrag gebracht wurden. Der Bndacht war das gewiß nicht förderlich. Interessant, wenn auch nicht erfreulich, ist die Bemerkung des Kirchen- und Schulrates, daß viele Bewohner der Stadt Gießen Lauigkeit im besuch des Gottesdienstes an den Cag legten. Sonnemann «muß übrigens ein Mann gewesen sein, der neuen Ideen zu- gewa,-.dt war und nicht mehr den alten Zopf des achtzehnten Jahrhunderts beibehielt. Obwohl er selbst zu den „Honoratioren" gehörte, die damals durch eine tiefe Kluft von den 'bürgern geschieden waren, so eiferte er doch entschieden dagegen, daß die „Honoratioren" in der Kirche bessere Plätze erhalten sollten als die Bürger. h- B* Mancherlei 05 ! CARL LUDWIG LEIB wh°n 797 ! KUNSTHANDLUNG ■ BILDER- s EINRAHMUNGS-GESCHÄFT en j VERGOLDEREI kirchstr. 2 ANTIQUITÄTEN rkleider :... Hof-Möbel-Fabrik Th. Brück Gießen, Ecke Schloßgasse- :: Kanzleiberg-Brandplatz:: Ältestes u. größtes Möbel- Fabriklager Oberhessens Gegründet 1858 :: Mehrfach ausgezeichnet Vorhänge - Teppiche - Linoleum Spez.: Schlafzimmer-Einrichtungen mit patentamtlich gefch. Matratzen D. E. M. Nr. 420 684 85 Allgemeine Rabatt-Spar-Marken ßHusikslii jiHufiHnficun frnfl llhgllier, l Vludolph's Rad Ulnmmjpg 0 Irlpp >n EdgarBorrmann.Giessen rlDtltö Neustadtll Eisenwaren, Haus-u. 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