Nr. 34. Eichen, Sonntag 10. nach Trinitatis, den 27. August 1916. 5. Jahrgang. Mitleid mit unseren verwundeten. 1. Brief des Kpojtels Paulus an die Korinther 12, 26. So ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit. Durch den grünen Wald, in dem die Vögel sangen und die Bäche rauschten, durch trauliche, deutsche Dörfer, deren Bewohner die Sensen dengelten oder auf dem Felde Harden banden, waren wir hindurchgeschritten, bis der weg sich in das tief eingeschnittene Seitental des Rheins heruntersenkte. Der Wald blieb zurück, und die Weinberge tauchten auf. Durch das lang gestreckte, enge Tal, über dem die Sonne stand, ging die Wanderung, bis ein alter Torturm erschien, eine wunderbare Kirchenruine seitwärts sichtbar wurde und das altertümliche Städtchen uns aufnahm. Da wurde auch der grüne Spiegel des Rheinstroms sichtbar, und nun fuhren wir auf dem Schiffe talwärts, vorüber an Rebenhügeln, an trotzigen Burgen, die das wittelalter aufgerichtet hat, vorüber an zerfallenem Gemäuer und an malerischen Städten. Tin reizendes Bild deutscher Sandschaft glitt an uns vorüber, nirgendswo war wahrzunehmen, daß Deutschland in einem großen Weltkriege steht und daß auf einer riesigen Front um die Zukunft unserer Nation gekämpft wird. Rber wir sollten doch an diesem Tage den Krieg noch sehen, wir waren in dem Bahnhofe der großen Stadt angekommen und erwarteten den Zug, der uns nach Hause bringen sollte, wie wir den Bahnsteig betreten wollen, hält uns der wachhabende Sandsturmmann zurück, aus unsere Frage erfahren wir, daß jeden Augenblick ein Sazarettzug, von der Westfront kommend, einlaufen wird und daß deshalb größere Menschenansammlungen vermieden werden sollen. Huf der Treppe, die zum Bahnsteig führt, bleiben wir stehen. Ts dauert nicht lange, so fährt der Zug, dessen wagen auf weißem Feld das rote Kreuz tragen, langsam ein. Rerzte und Krankenwärter steigen aus, Mannschaften der Sanitäts- kolonne kommen mit Bahren, hinter den Wagenfenstern werden die verwundeten sichtbar, müde und angegriffen ruhen sie auf den schmalen Betten und schauen hinaus auf das Treiben auf dem Bahnhofe. Drei unter ihnen werden aus- geladen. Langsam und behutsam werden die Bahren von starken Männerarmen herausgehoben und auf den Bahnsteig niedergesetzt. Diese drei verwundeten auf den Bahren, das ist ein Rnblick, der in die Seele schneidet. Ls sind keine jungen Männer mehr, augenscheinlich haben sie schon ein gutes Stück des Lebens hinter sich. Still und regungslos liegen sie da,' was am meisten an das Herz greift, das ist ihre vollkommene Hilflosigkeit. Sie, die für das Vaterland gekämpft und gelitten haben, sind jetzt ganz auf andere Menschen angewiesen, vielleicht sind es Männer, die sonst in dem Kreise, in dem sie lebten, den Ton angaben und nicht geleitet wurden, sondern andere leiteten. Ihm sind sie dem jüngsten Krankenwärter in gewissem Sinne untertan, andere bestimmen über sie, die vorher selbst an das Bestimmen gewohnt waren. Ich weiß nicht, ob alle in unserem Volke sich in die Sage unserer verwundeten hineindenken können. Fast hat man den Eindruck, als ob viele unter den zu Hause Gebliebenen es nicht für notig hielten, den verwundeten Achtung und Rücksicht entgegenzubringen. Das merkt man schon an der Rrt, wie die Kriegsverletzten auf der Straße und auf der Eisenbahnfahrt angeredet werden. Ich gewahrte doch höchst gleichgültige Mienen, als diese drei Männer weggetragen wurden, man lachte und scherzte ruhig weiter. Gft auch wird geklagt, daß das publikuni bei der Tinlieferung von verwundeten sich zu neugierig herandrängt. Das ist eines Volkes wie des deutschen nicht würdig. Die, die hilflos auf den Bahren liegen, sind unsere Volksgenossen, sie haben für uns gelitten, und wir sollen mit ihnen leiden nach dem Rpostelworte: So ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit. wir sollen unseren verwundeten auch mit Achtung und Ehrfurcht begegnen. Die Besten und Edelsten unseres Volkes stehen heute in Waffen, und Soldaten, die heute in zerrissenem und zerschlissenem Waffenrocke aus dem Felde kommen, werden in wenigen Jahrzehnten unseres Volkes Führer sein. Sollen sie heute hinter denen zurückstehen, die in der Heimat ungestört ihr altes Wesen weiter treiben und von dem Seid, das der Krieg bringt, seither verschont geblieben sind? - h. B. Ehrung unserer Gefallenen. In Nr. 32 des „Sonntagsgruß" teilten wir mit, daß man in einer Vorortgemeinde Rltonas die Gefallenen dadurch ehre, daß man für einen jeden von ihnen in der Kirche einen Kranz aufhängt. Das ist ganz gewiß eine sinnige Rrt der Ehrung, sie läßt sich auch in Gemeinden, die nicht allzu groß jinb, leicht durchführen. 3n vergangenen Zeiten hat man ja überhaupt in den Kirchen die Totenkronen zu Ehren der Dahingeschiedenen aufgehängt. Für unsere Gießener Kirchengemeinden ist dar allerdings nicht zu ermöglichen ; denn die Zahl der Kränze, die wir in einer jeden unserer beiden Kirchen aufhängen müßten, würde eine so große sein, daß die verfügbaren Wandflächen ganz bedeckt sein würden. Wenig empfehlenswert ist auch ein Vorschlag, der in einem Klatte gemacht wurde. Da hieß es, man solle auf den Friedhöfen der Heimat für die Gefallenen sogenanrkte ,,Kenotaphien", Leergräber, errichten, wie sie die alten Griechen gekannt haben. Dieser Vorschlag fügt sich aber ganz und gar nicht in unsere christliche Gedankenwelt ein. Wir wollen doch, daß auch auf unserem Gottesacker die Wahrheit herrschen soll. Ein Leergrab aber mit einem Gedenkstein setzt an die Steife der Wahrheit den Schein. Der Gefallene ruht weit draußen in fremder Erde, und in der Heimat wird der Schein erweckt, daß er hier seine Kühe gefunden habe. Wenn man auch in der Gegenwart noch genau Kescheid über die Lachlage weiß, so könnte es doch in der Zukunft sehr leicht Vorkommen, daß man im Zweifel ist, ob der. Tote wirklich hier ruhe oder nicht. Die Litte, Leergräber zu errichten, geht auch auf heidnische Vorstellungen zurück. Der Grieche war der Knsicht, daß die Seele eines Unbeerdigteft nicht in die Unterwelt, das Schattenreich gelangen könne, sondern ruhelos an den Ufern des Ltpx, des Flusses, der Ober- und Unterwelt voneinander scheidet, umherirren müsse. Starb deshalb ein Familienglied in der Ferne, so grub man für den Dahingeschiedenen in der Heimat ein Grab. Der Priester trat an das Grab, rief dreimal den Kamen des Toten und forderte diesen auf, von dem Grabe Kesitz zu nehmen. Man war der Meinung, daß der Kbgeschiedene nun Kühe habe. Diese Litte widerspricht, wie schon bemerkt ist, der christlichen Knschauungsweise. Unsere Toten ruhen, wo immer sie auch bestattet sind, auch dann, wenn sie nicht beerdigt sind, im Frieden Gottes. Dagegen kann man in der Heimat die Erinnerung an die Gefallenen auf eine andere Krt wach halten,' diesen Vorschlag machte uns die Mutter eines Gefallenen. Wohl jede Familie hat hier und anderwärts, auch wenn sie keine Familiengrabstätte besitzt, liebe Tote ruhen, deren Kuhestätte durch einen Denkstein geziert ist. Kuf diesen Gräbern könnte man eine Tafel zur Erinnerung an die Gefallenen anbringen, es müßte allerdings in jedem Falle dafür gesorgt werden, daß das durch einen wirklich kunstverständigen Kildhauer geschieht, damit die Symmetrie und Harmonie des Grabes nicht gestört wird. Diese Gedenktafel könnte etwa in folgender Form abgefaßt sein, wobei bemerkt wird, daß Käme und Jahreszahlen selbstverständlich ganz willkürlich angenommen sind' der mitgeteilte Käme ist der eines Könner Ltudenten, der 1870 bei der Erstürmung des Lpicherer Kerges schwer verwundet wurde und auf einem deutschen Friedhofe seine Kühe gefunden hat. * Zur Erinnerung an unseren geliebten Lohn und Kruder Karl Korger, Ltudent der Kechtswissenschaft, Unteroffizier der Keserve im Lnfanterie-Kegiment Kr. 116, geboren zu Gießen den l. Mai 1891, gefallen bei Knloy den 22. Kugust 1914. Jes. 55, 8 u. 9. Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr. Landern soviel der Himmel hoher ist denn die Erde, sind auch meine Wege hoher denn eure Wege und meine Gedanken denn eure Gedanken. Daß hier Käme, Ltand, Geburts- und Lterbedatum angegeben werden, hat seinen Grund darin, daß jeder, der an der Erinnerungstafel vorübergeht, sich ein ungefähres Kild von dem, an den sie erinnert, machen kann. Kn Stelle des mitgeteilten Kibelspruches können selbstverständlich auch andere Lprüche oder Verse aus dem Gesangbuche oder auch aus einem guten,sinnvollen, deutschen Gedichte stehen. Gleichmäßigkeit wäre hier unter allen Umständen zu vermeiden. Zollte diese Litte hier Eingang finden, so wäre gut, wenn die Ungehörigen, um Geschmacklosigkeiten zu vermeiden, sich vorher mit einem Lachverständigen besprechen würden. Leider stehen auf dem Gießener neuen Friedhöfe viele Verse gänzlich unbekannter Herkunft, die der Ltim- mung, mit der man auf den Gottesacker kommt, in keiner Weise entsprechen. Die Pfarrer sind selbstverständlich bereit, bei der Kuswahl der Lprüche und Verse mitzuwirken. Kuf alle Fälle aber soll später beantragt werden, daß nach dem Friedensschlüsse in unseren Kirchen Gedenktafeln mit den Kamen unserer Gefallenen angebracht werden. Wenn die Kachlebenden diese Tafeln, die leider sehr lang sein werden, lesen, so werden sie ermessen können, welche Opfer unser Volk in diesen schicksalzreichen Jahren hat bringen müssen. _ h. K. vor hundert Zähren. (Fortsetzung.) Mitteilungen über das Mißjahr 1816. Unterdessen muß der Lchmuggel eine immer größere Kusdehnung erlangt haben, von den Zeiten der Kontinentalsperre her, die ja nur um drei Jahre zurücklag, besaßen die Kheinschiffer die nötige Erfahrung in diesem Zweige des unerlaubten Verkehrs, aber auch nach Kheinpreußen und Khein- bapern wurden Lebensmittel verbotenerweise ausgeführt. Gegen den Lchmuggel erließ die Mainzer Kegierung ,,auf allerhöchsten Lpezialbefehl" am 26 . Mai 1817 sehr scharfe Kestimmungen. Ein empörender Wucher, slo hieß es da, halte eigene und fremde Vorräte zurück, um die hohen Fruchtpreise auf die Lpitze zu treiben und die Vorräte dann auszu- schwärzen. Der Großherzog habe bestimmt, daß der Schmuggel mit einer Gefängnisstrafe von zwei Monaten bis zu zwei Jahren bestraft werde, hierzu sollte Konfiskation der Vorräte und in besonders schweren Fällen noch Kusstellung am Pranger treten. Landdragoner, Hafenwächter, Damm- und Ehausseewärter und Feldschützen wurden angewiesen, die Defraudanten festzunehmen und dem nächsten Friedensgerichte oder der nächsten Kürgermeisterei zuzuführen. Jedenfalls muß bei dem Lchmuggel damals viel Geld verdient worden sein, sonst könnte man die Tollkühnheit nicht verstehen, mit der zur Kachtzeit die Kusfuhr bewerkstelligt wurde. 3n der Kacht vom 19./20. Juni gingen Fruchtfuhren von Weinsheim bei Worms über die pfalzbayerische Grenze nach Groß-Kiedesheim. Kuf hessischem Koden wurden sie von secks Kürgern angehalten, diese konnten jedoch nichts aus- richten, da fünfzehn bewaffnete Leute die Kedeckung bildeten. Ein Krigadier (Gendarmerie-Wachtmeister) wollte auf die Schmuggler schießen, aber sein Gewehr versagte dreimal' als er näher kam, wurde er mit einem Steinhagel empfangen. Keber die Kusfuhrverbote urteilte man in Hessen nicht günstig. Man sagte, in Zeiten, da Mangel an Lebensmitteln herrsche, müsse der Handel eher gefordert als gehemmt werden. Für Hessen waren die Ausfuhrverbote jedoch von Vorteil, da im Lande, wenn es auch in einzelnen Teilen sehr knapp zuging, doch so viele Lebensmittel vorhanden waren, als man brauchte. Der Handel kam in dieser Zeit natürlich nicht auf einen grünen Zweig. Zn weit höherem Maße als Lheinhessen hatten die benachbarten Länder zu leiden, namentlich Laden, Württemberg, Elsaß-Lothringen und der Hunsrück. Zm Mai 1817 herrschte in der Gegend zwischen Saarlouis und Weißenburg, also auf französischem Gebiete, unbeschreibliches Elend, viele Leute starben an Entkräftung. Die Kühe gaben keine Milch mehr, die hungernden gruben die eben gesetzten Kartoffeln wieder aus, stahlen Klee und jungen Kohl, um sich daran zu sättigen. Ganze Ortschaften sollen längs der lothringischen Grenze im Frühjahr von Brennesseln, die sie mit Erdschnecken schmelzten, gelebt haben. Für die notleidende preußische Lheinprovinz regte sich sehr die Wohltätigkeit. Zm Januar 1817 bereiste der Geheimrat von Klewiz aus Berlin die Provinz, um über den Getreidebedarf Erkundigungen einzuziehen. Daraufhin ließ die preußische Legierung Korn, das an der Ostsee aufgekauft war, nach dem Lhein bringen. Zn Koblenz gab man aus den Festungsvorräten Erbsen, Graupen, Leis und Loggen an die Lotleidenden in der Eifel, Privatwohltäter teilten Brot, Kartoffeln und sogenannte Lumfordsche Suppen aus. Und seltsamerweise hat man damals das Kriegsbrot gehabt, das wir nun nach einem Jahrhundert wieder essen, Brot, dem man Kartoffelmehl zugesetzt hatte. Luch Gerste und Hafer setzte man dem Loggen zur Brot- bereitung zu. Zn Hessen sorgte man in sehr vernünftiger weise dafür, daß die armen Leute Lrbeit bekamen und etwas verdienen konnten. Zur Lusführung von Straßenbauten bewilligte der Großherzog für Starkenburg und Gberhessen je 30 000 Gulden. Für Lheinhessen war das nicht nötig, da, wie schon erwähnt ist, die Branntweinbrenner und Essigsieder Lbgaben entrichteten, die 20 000 bis 30 000 Gulden ergaben und den lLrmen zugut kamen. Zehr groß war die Lrmut in der Stadt Mainz; dieser Notstand rührte, wie in einem früheren Kapitel ausgeführt worden ist, schon von den letzten Jahren der Franzosenherrschaft und der Zeit der Zwischenregierung her. Zm Lpril verteilte man dort an die Lrmen Brot und Kartoffeln. Lm 13. Lpril 1817 erließ der Großherzog der Stadt Mainz und der Festung Kaste! die Hälfte aller für das Jahr 1817 laufenden Grund- und Zenstersteuer. Das Elend in Mainz war so groß, daß ein württemberger, der mit seiner Familie nach Lmerika auswanderte, auf der Lheinbrücke zu Mainzer Bürgern sagte: „Beneidenswert seid ihr Mainzer nicht, wir wollen für euch einstweilen Ouartier in Leu-Mainz bestellen." Gerühmt wird wegen seiner Wohltätigkeit der katholische Pfarrer Kuhnmünch aus Lieder-Saulheim, der am 1. Juli 1817 verstorben ist. Er hatte Saatkorn ohne Schuldschein und ohne Verzinsung hergegeben und in seinem Testamente für 156 christliche und 4 jüdische Familien Geld und Brot bestimmt. Zn den Gemeinden Sprendlingen und St. Johann, die zu einer Bürgermeisterei vereinigt waren, hatte man 98 Gulden für die Lrmen gesammelt. Gerade in den Monaten der größten Lot faßten die Menschen wieder neuen Mut und neue Lebenshoffnung. Dem Geist der Zeit und der Volksstimmung entsprechend, forschte man allenthalben nach günstigen Vorzeichen für die neue Ernte. Zm Februar, so wurde berichtet, hatten sich bei Lschafsenburg bereits lebendige Maikäfer gezeigt. Luch Gewitterbildung beobachtete man im Februar, was man nach einer alten Bauernregel gleichfalls als verheißungsvoll ansah. Lus Tirol wurde in demselben Monat gemeldet, daß die Mandel- und pfirsichbäume schon geblüht hätten und daß bei Bozen die Leben bereits Sprossen zeigten. Llle diese durch Zeitungen verbreiteten Lachrichten belebten den Mut der gebeugten Menschen, die in den letzten 25 Jahren durch Krieg, Seuche, hohe Steuerlast, zuletzt durch Mißernte und Teuerung so viel zu leiden gehabt hatten. Trotzdem kamen noch einmal bange Tage, als im Mai 1817 wieder Unwetter mit heftigen Legengüssen kam. Schwer wurde am 27. Mai abermals Mannheim durch einen Wolkenbruch und einen 36stündigen Legen heimgesucht. Die Leckar- brücke wurde weggerissen, die Gärten am Leckar wurden völlig überschwemmt. Leute, die dort beschäftigt waren, mußten sich auf die Dächer retten und gaben Lotschüsse ab. Mit Lachen fuhr man nach Leckarau und halbwegs nach Schwetzingen. Bei Oppenheim trug sich die gleiche Naturkatastrophe zu. Die Früchte standen vorher schön, nun waren sie vernichtet. Die Weinberge waren dort im Juni noch so weit zurück, daß die Winzer nichts mehr erhofften. Unredlichen Menschen gelang es gerade in diesen Monaten, die Getreidepreise künstlich hinaufzuschrauben, so daß das Brot von Tag zu Tag teuerer wurde.*) Es fehlt in den Verordnungen der Behörden nicht an kräftigen Lusdrücken über diese Leute. Die Legierungskommission in Mainz sagte: „wer mit Hintansetzung der bestehenden Verordnungen und ohne Lücksicht auf die Loth seiner Mitbürger darauf ausgeht, diese um schnöden Gewinnes willen noch zu vermehren, dem Lrmen sein letztes Stück Brot vom Munde wegzunehmen und gegen ausländisches Geld habsüchtig umzutauschen, gehört nicht zu jenem ehrenwerten Handelsstand und verdient, daß das Gesetz, die Stimme des Volkes zu der [einigen erhebend, Handlungen jener Lrt mit infamierenden Strafen brandmarkt." Zn den rheinhessischen Zeitungen wurden diese Spekulanten „Blutige!" genannt. (Schluß folgt.) während wir bluten . . . Unter dieser Ueberschrift veröffentlicht die Westdeutsche Lehrerzeitung in ihrer Lr. 31 folgenden ernst eindringlichen Mahnruf eines im Felde stehenden Lehrers: Ja, während wir bluten, verzapft man in Deutschland Schund, literarisches Gift, so als wenn's gar keinen Krieg gäbe. Lls wenn da draußen ein paar Millionen Männer Schildwach ständen - ohne Lebensgefahr sich langweilten oder sich des Sommers freuten. Die Bühnen pflegen die geschlechtlichen Lngelegenheiten weiter, als lebten wir im schwülsten Sonnenlande des Friedens, umgeben von Weichheit und Genuß. Lls hätten in Deutschland nie Dichter gelebt, die Werke geschaffen, einer so großen und schweren Gegenwart würdig. Es widert uns an. wenn wir, in unseren Gräben liegend, in den Zeitungen die Lnzeigen über die heimischen Theateraufführungen lesen, wedekind, Strindberg, Schnitzler sind da Trumpf. Und manch einfacher Mann, der sich sonst um diese Fragen wenig gekümmert, sagt: „während wir bluten, macht man's daheim so!"... Doch davon wollt' ich nicht sprechen. Lin anderer Giftpilz ist ebenfalls noch nicht geschwunden. Zch meine die private Leihbücherei, wie sie in *) Wenn man an diese Zustände der alten Zeit denkt, so sieht man ein, wie wohltätig jetzt die Einführung von Brotmarken und die Festsetzung von Höchstpreisen sind. - 136 manchen Stabten von winkelbuchhandlangen gepflegt wird. (Es ist ungeheuerlich, was man dort dem lesehungrigen Volke bietet. Ganz ungeheuerlich! Neulich wurde einem Kameraden ein solcher Schmöcker ins Feld geschickt. „Der Theaterrüpel" hieß er und er kam aus einer Leihbücherei Kassels - durch die Hand einer höheren Tochter aus guter Familie. Der Kamerad, ein junger Student, kam ganz entsetzt und zeigte mir das Buch, dessen Inhalt ich hier nicht angeben kann und darf, wahrhaftig, ein ganz fürchterlich gemeiner Schmöker. Ehebruch über Ehebruch, Orgie über Orgie! Ich habe schon viel literarischen und moralischen Schund gelesen, lesen müssen- etwas Derartiges ist mir noch nicht in die Finger geraten. Soll das Lebensbesserung, Lebensverinnerlichung während des Krieges bewirken? Das lesen deutsche Mädchen während wir bluten?... Gibt's denn nun gar kein Mittel gegen dieses Giftzeug einer verbrecherischen Schriftstellerwelt? Kein Wunder, daß nachher niemand mehr Freude hat an Goethes Iphigenie, an Schillers Maria Stuart oder an Hebbels Rgnes Dernauer! Kein Wunder! Es muß besser werden - auch in dieser Hinsicht. Sonst ich fürchte es - fließt viel teures Blut umsonst. Sommerfomt tag. Sonntag ist's in Feindesland! Ein prächtiger Sommertag! Stahlblau wölbt sich der Himmel über das Städtchen. Einsam und still ist's um mich her. Die Natur mit all ihrer Pracht, Sie verkündet den Sommer in seiner herrlichsten Vollendung. Durchs weite, geöffnete Fenster eines alten, verlassenen Zimmers des Schlosses strömt Sommerfrische und Sommerlust herein zu mir. Es ist, als zög's mich mit unwiderstehlicher, unbezwingbarer Kraft hinaus hinaus in diese so schöne Gottesnatur. Die Vögel in den alten, dichtbelaubten Zweigen der Kotbuche vor meinem Fenster, Die saftig-grünen wiesen und bunten Blumenbeete des Schloß- parkes Dies alles lockt und ruft: ,,Komm heraus! du Menschenkind! verlaß die alten Käume! Komm und genieße, freue dich dieser Pracht! wir allein geben dir, was deine müde Sehnsucht hofft!" Ich könnte meinen, noch nie war's so schön auf dieser Welt! Und dennoch Krieg und Völkerringen. In weiter Ferne vernimmt man das dumpfe Köllen der Geschütze. Das Summen eines deutschen Fliegers reißt mich jäh aus all den süßen Träumen. Doch das Surren der Propeller wird immer schwächer und leiser. Frieden und Kuh' ziehen wieder still und zögernd ein in die Seele. Der Zauber der Uatur nimmt mich wieder gefangen. Er führt mich langsam ins Land der Träume zurück. Sonntag schönster und reinster Sonntag in der Uatur! Sonntag, tiefster Frieden auch in der Seele des müden Kriegers! Im Felde. Gberjäger Koschwitz. Meine Mitteilungen. Die Christenlehre wird in diesem Jahre für die Markus- und Johannesgemeinde am l7. September, für die Matthäus- und Lukasgemeinde am 24. September geschlossen werden. In der darauf folgenden Woche nehmen die Konsirmandenoer- einigungen, über deren Termin noch näheres bekannt gemacht wird, ihren Rnfang. kirchliche Anzeigen. Gottesdienst. In der Stadtlirche. Sonntag, den 27. Rugust, l0. nach Trinitatis, vormittags 8 Uhr: Pfarrer Mahr. Zugleich Christenlehre für die Ueukonfirmierten aus der Matthäusgemeinde. vormittags 9Vs Uhr: Pfarrer Schwabe, vormittags ll Uhr: Militärgottesdienst, Pfarrer Schwabe. Nachmittags 2 Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde. Pfarrer Schwabe. - Mittwoch, den 30. Ruguft, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer Mahr. In der Johannesfirche. Sonntag, den 27. August, 10. nach Trinitatis, vormittags 8 Uhr: Pfarrer Bechtols- heimer. Zugleich Thristenlehre für die Ueukonfirmierten aus der Lukasgemeinde, vormittags 9Vs Uhr: Pfarrer R u s = f e l d. vormittags l I Uhr: Kinderkirche für die Johannesgemeinde. Pfarrer Rusfeld. Rbends 8 Uhr: Bibelbesprechung im Johannessaal. — Sonntag, den 3. September, wird in beiden Kirchen die alljährliche Kollekte für die Kaiser-Wilhelm-Stiftung erhoben werden. L Ankündi gungen empfehlenswert« ;r Firmen ] Carl £oo< Kirchenplah 13 :: Telephon 7 Manufaktur- unb Weißwaren Herren- u. Knabenkleibt 3 Heinrich Moll 97 Mäusburg Nr. 7 Telephon Nr. 292 Spezial-Geschäft für Bureaubedarf - Schreibmaschinen Papierhandlung, Buchbinderei, Gesangbücher. Moderne IX Kunstarbeiten. Photographische Apparate und Zubehöre E. Stiwcr, Gießen Seltersweg 16 Uhren, Gold- u. Silbermaren Seftecke Reparaturen in eigener Werkstatt prompt und billig ßeschw. Holberg Mi. Modes Gießen, Plockstraße 5 empfehlen sich inallen in ihr Fach schlagenden Arbeiten. Edgar Borrmann, Giessen Neustadt 11 Eisenwaren, Haus-u. 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