Nr. 31. Giehen, Sonntag 7. nach Trinitatis, den 6. August 1916. 5. Jahrgang. Line Geschichte von Zturm und Wellen. Psalm 89, 10. Du herrschest über das ungestüme Meer, du stillest seine Mellen, wenn sie sich erheben. Jahrtausende alt ist der vergleich des Menschenlebens mit einem Schiff in brandender See. Me viel Verständnis für unsere eigenen Beziehungen zum lveltganzen gewinnen wir überhaupt dach aus solchen der Natur entnommenen Bildern! 5ie ebnen uns im Gleichnis die Erkenntnis tiefster Geheimnisse, für die bisweilen die nüchterne Begriffssprache viel zu arm wäre! 3rt diesem Zinne ist die Natur noch ein besonderes Buch der Offenbarung göttlicher Dinge für den suchenden, ahnenden Menschengeist. Jetzt, im Weltkrieg, welch eine Fülle von Bildern drängt sich uns nicht auf vom Toben der Elemente, dem Beben aller Grundfesten der Erde, Orkan und Wettersturm, Zerschellen und Untergang! Und inmitten dieses wütens all die Millionen kleiner Menschengeschicke auf zerbrechlichem Kahn! Me ist es möglich, daß sie dem wilden Unsturm dennoch standhalten? Ja, woher kommt angesichts des unsagbar viel Schweren und Zermarternden, das schließlich an jedes Menschenherz herantritt, immer wieder jene schier unfaßliche Lebenskraft und Lebenslust, der Wille zum Leben? Im 89. Psalm steht ein schlichtes Wort, und doch birgt es die Erklärung auch für dieses Geheimnis in sich. Es heißt: „Du, Gott, herrschest über das ungestüme Meer,' Du stillest seine Wellen, wenn sie sich erheben." wenn wir das zum Gleichnis unseres Seelen- lebens nehmen, dann verstehen wir es sofort: hinter allem irdischen, vergänglichen Geschehen birgt sich eine ewige, unvergängliche Hand und Kraft. Buch unser kurzes Dasein hier mit all seinen Stürmen und dunklen Nätseln läuft nicht in sinnlosen Bahnen dem wilden Ehaos entgegen. Ein höherer plan steht dahinter, eine unsichtbare Macht hält und trägt,' eine urgewaltige Ahnung, daß aus diesem tollen Lebenswirrwarr doch noch ein klarer Zielgedonke, Leben höherer Urt, Stille nach dem Sturm, sich entwickeln und darstellen muß, hebt uns in eine Gewißheit geheimer Urt, an der alle Versuchung der Verzweiflung und des endgültigen Todesbegehrs zerschellt. Und für die, welche sich zu dieser Erkenntnis voll durchgerungen haben, bricht dann oft schon hienieden eine Zeit wunderbarer Sammlung und Nahe an, wie einst für die christliche, so überaus hart durch die Welt- Händel bedrängte Urgemeinde, von der es heißt: „So hatte nun die Gemeinde Frieden und baute sich und wandelte in der Furcht des Herrn und ward erfüllt mit Trost des heiligen Geistes." was damals möglich war, fürwahr, das ist es auch heute noch mitten in allen Stürmen des Weltkriegs, wenn wir es recht erfassen: „Du, Gott, herrschest über das ungestüme Meer!" Nriegrgedanten. 4. werte Schützengrabenbewohner! Ich schreibe an Euch, obwohl ich weiß, daß nicht alle, denen meine Worte gelten, im Schützengraben wohnen. Uber die das gegenwärtig nicht tun, sind doch nur der verschwindende Teil. Und wenn sie auch augenblicklich keine Bewohner des Schützengrabens sind, so sind sie es doch gewesen und kennen die geistige Verfassung dessen, der sich dort aufhält, nur zu gut. Sie wissen, daß der letztere, wenn auch nicht mehr Zuspruch, so doch mehr geistige Kost braucht, als sie selbst. Ihnen gibt die geistige Kost hinreichend das wildbewegte Spiel des Ungriffskrieges, die Notwendigkeit, zu wagen und zu siegen, die den ganzen Mann erfordert. Uber wer im Schützengraben liegt, der hat das Bedürfnis nach Ublenkung, nach Zerstreuung oder auch, wenn man will, nach Sammlung der Gedanken. Es soll nicht viel sein, womit ich Eure Gedanken diesmal ablenken will. Uber es ist vielleicht doch etwas, das der eine oder andere der Mühe des Nachdenkens für wert hält. Mir als Pfarrer hat der Krieg, das bekenne ich frei, den Dienst erwiesen, daß ich manches, womit ich mich beruflich beschäftige, jetzt besser verstehe, als vordem. Ich habe hier ein Wort im Uuge, das der Heiland Luk. 19, 40 geredet hat: wo diese werden schweigen, werden die Steine schreien. Mir ist das Wort immer als eine Uebertreibung erschienen, eine Uebertreibung, die verständlich ist im Hinblick auf den Zustand der Erregung, in welcher sich der Uedende in jenem Uugenblick befand, aber doch eine Uebertreibung. Jetzt denke ich doch etwas anders über die Sache. Ich weiß, daß Jesus in jenem Uugenblick schwere Gedanken 122 — in seinem Herzen gewälzt hat, in denen die Aussicht auf das Gericht, das über sein Volk ergehen sollte, sein Herz aufs tiefste ergriff. Jetzt stand noch alles im Bewußtsein satter Selbstgenügsamkeit um ihn her, der Tempel, die Stadt, die Mauern. Kber mit dem Kuge des Geistes sah er sie alle schon in Trümmern liegen. Kus diesen Trümmern heraus aber würde das vollstreckte Gericht die lauteste Sprache reden bis an das Ende der Erdentage. Mir sind im Saufe des Krieges viele Ansichtspostkarten mit verwüsteten Wohnstätten unserer Feinde zu Gesicht gekommen, darunter auch zerstörte Kirchen. Jedesmal, wenn ich ein solches in Trümmern liegendes Gebäude sah, mußte ich an jenes Wort des Heilands denken. Muß nicht der Knblick der umherliegenden Steine an den Stätten, da sich vorher der Sauf fruchtbringenden Sebens abgespielt hat, unseren Feinden die Anklage ins Ohr schreien über das, was sie in ihrer Verblendung, ihrem Größenwahn, ihrer Rachsucht angerichtet haben? Muß nicht diese Sprache sie verfolgen auch in ihre jetzigen Rachegedanken hinein, ihren Mut Kühlen, ihre Entschlüsse lähmen? Ich glaube, wenn Ihr nach Jahren wieder in Eurer Häuslichkeit sitzen werdet, und die Gedanken kommen Luch an den Krieg, dann wird das, was am deutlichsten vor Euch hintritt, die Erinnerung an die Steine des Feindeslandes sein, die auch Euch angeschrien, Euch das Herz oft genug schwer gemacht haben mögen? Soll uns nicht dieser Gedanke auch an die eigene Brust schlagen lassen? Wie gnädig hat es Gott mit unsrem Volke gemeint, daß die Gebiete nur verschwindend klein sind, in denen die Steine der Kulturstätten in die Sage gekommen sind, zu „schreien"! Ihr habt durch Eure Aufopferung das Vaterland vor diesem Schicksale bewahrt nun schon zwei lange, entbehrungsreiche Jahre hindurch. Mancher von Euch trägt das Kreuz aus Eisen auf der Brust. Mancher spürt es in den Gliedern, an der Sunge, am Herzen, daß er nicht mehr ganz so fest ist, wie damals, als er zur Verteidigung des Vaterlandes auszog. Er weiß, was es ihn gekostet hat,- jeder weiß es auch, der bis dahin keine Opfer an der Gesundheit hat bringen müssen. Kber wenn Ihr, will's Gott, bald nach Hause zurückkommt, dann werdet Ihr erst den Stolz empfinden, Kämpfer gewesen zu sein. Wir wollen dann Euren Stolz ehren und uns nicht in Euren heiligen Zirkel eindrängen. Kber wir wollen mit Euch zusammen das unsre tun, um das Vaterland davor zu bewahren, daß es jemals in den Zustand komme, die Steine schreien zu hören. (Schluß folgt.) K. G. Die Stadt Eichen im Anfang des fr. Jahrhunderts. «Schluß.) Ueber das von Dietrich erwähnte Schloß sagt Rambach: ,,Durch das alte Schloß wird sonder Zweifel die Eantzlep verstanden. Denn winckelmann sagt gantz deutlich: in dem alten Schloß wird die Fürstliche Eantzlep und Eonsistorium gehalten und von dem hessischen Kmtmann, so einer von Bdel bisher jederzeit gewesen, bewohnet und dieses wird mit dem schönen Eollegio vermittelst einer Brücken, die erst anno 1759 bei der französischen Einquartirung in die Stadt abgerissen, aneinander gehängt. Uebrigens scheint mir die jetzige Eantzlep aus der Ursache das alte Schloß zu heißen, weil hier in uralten Zeiten eine Burg, außer der von Schwal- bachischen, gestanden. Nicht nur der sehr alte Eantzleyturm, sondern auch, daß man die benachbarte Kirche, die Burgkirche und den jetzigen Kmtsgarten, den Burggarten genannt, auch daß dieser am Ende der alten Stadt liegende Platz (wo der alten Stadt Merckmale, wie Winckelmann sagt, zu sehen), sehr bequem zu einer Burg und Schutzwehr gewesen, dies alles machet mir diesen Gedanken sehr wahrscheinlich." Buch diese Feststellung Rambachs ist richtig. Das sog. ,,alte Schloß" oder die ,,Kanzlei" darf nicht verwechselt werden mit der früher genannten alten Burg hinter der Stadtkirche. Ls war ein Bau des 14. Jahrhunderts, der nach der Erwerbung Gießens durch Hessen (1265) errichtet und in die Stadtbefestigung einbezogen wurde. Sein Bergfrit heißt im volksmunde ,,der Heidenturm", weil er mehrmals wegen Kaubs verhaftete Zigeuner beherbergte. Bei Kufräumungs- arbeiten hat man auch noch eine Holztür gefunden, in welche sogenannte Gaunerzinken eingeschnitten waren. Der Hauptmann und der Kmtmann waren ursprünglich ein und derselbe Beamte, der als Befehlshaber der Besatzung den einen, als Vorsteher der fürstlichen Verwaltung den anderen Titel führte. Das Eollegium, das Dietrich erwähnt und das von 1607 bis 1611 erbaut wurde, war ein berühmter Kenaissancebau mit einer auf der Gartenseite errichteten Sternwarte. Kur wenige Kbbildungen von ihm sind erhalten, die schönste auf einer homannschen Karte von Gberhessen. Die Brücke, die während des Kufenthaltes Georgs II. hinüber nach dem alten Schloß geführt wurde, sollte den Verkehr des Landgrafen mit der Kegierung erleichtern. Das Lollegium fiel in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts ebenfalls wegen angeblicher Baufälligkeit demselben Vandalismus zum Opfer, dem 20 Jahre früher die alte Stadtkirche erlegen war. Kn seiner Stelle wurde die ,,Zigarrenkiste" aufgestellt, der der jetzige gefällige Knstrich nur wenig von ihrer Gede zu nehmen vermag. Wie reich könnte unsere Stadt an schönen Bauwerken sein, wenn in früherer Zeit nur ein kleiner Teil der Pietät geübt worden wäre, mit der man heute an die Erhaltung des Klten herangeht! Das Fürstliche neue Schloß ist das Gebäude neben der Zeughauskaserne, in dem sich zurzeit das Völkermuseum befindet. Ls stammt aus.den Jahren 1535 ff. und ist einer der letzten gotischen Bauten Oberhessens. Das untere Geschoß ist ein massiver Steinbau, der obere Teil l)olzfachwerk. In seinem künstlerischen wert lange verkannt und in ein unscheinbares Gewand gehüllt, hat der Bau in den Jahren 1899 ff. seine Wiedererstehung in alter Schönheit erlebt. Sein Wiederhersteller, der damalige Kegierungsbaumeister Wilhelm Jost, hat ihn mit hervorragendem Verständnis von allen Verunstaltungen, die er im Laufe der Zeit erdulden mußte, befreit und den ursprünglichen Bauplan wieder zu Ehren gebracht. In der Philipp-Festschrift 1904 widmet Jo.st bem Schlößchen eine eingehende Würdigung, in der er auf dessen auffallende Verwandtschaft mit den Rathäusern in Kls- feld und Schotten aufmerksam macht und die drei Bauwerke einem und demselben Meister, wenigstens aber einer Schule zuweist. Unseren Bau bezeichnet er ,,als eine der edelsten Schöpfungen hessischer Fachwerkkunst". „Nachdem im Jahre 1625," so berichtet Kambach, „die hiesige Kkademie nach Marburg verlegt worden, nahm Herr Landgraf Georg seine Residenz zu Gießen in dem Eollegio. Damals begab sich im Jahre 1636 dieser besondere Zufall darinnen, daß ein durch ein verborgenes Feuer sehr beschädigter Balcke, worauf eben der Fürst mit seiner Gemahlin und noch andre 4 Personen stunden, zerbrach und sie sämtlich mit ihm ein ganzes Stockwerk herunter in ein andres 123 - durchfielen, dennoch aber niemand durch die väterliche Obhut Gottes einen Schaden nahm." was den Ackerbau der Stadt Gießen in alter Zeit betrifft, so macht winckelmann nach Rambachs Angaben darüber folgende Bemerkungen: „Zur Nahrung der Einwohner ist sehr dienlich die herumliegende grose Feldmark an Reckern, wiesen, wepden, Gärten und Wäldern, auch Weinbergen auf dem Seltzersberg und Heuchelheim, wiewohl diese Weinberge mehrentheils in Rbgang kommen. Lin im Jahr 1611 hier studierender, Namens Nuchter, hat eine Lobrede auf Gießen in französischer Sprache gehalten, worin er den hier gewachsenen wein sehr rühmt. Gegenwärtig sind die Weinberge gantz ausgegangen. Doch hat wieder Jemand vor einigen Jahren angefangen Weinstöcke auf der hart anzulegen, die wohl fort kommen." winckelmann hat seine „hessische Chronik" 1697 herausgegeben, mithin sind die Gießener Weinberge in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ausgegangen,' denn in der Chronik des Dreißigjährigen Krieges, die wir 1913 14 veröffentlichten, ist noch vom Gießener Weinbau die Rede. Die an der Hardt neuangelegten Weinberge scheinen auch nicht lange Zeit bestanden zu haben. Der Gießener Doden, wohl auch das Gießener Klima sind dem Weinbau nicht zuträglich. Interessant wäre es, einmal festzustellen, was für eine Sorte der „Gießener." gewesen ist, es ist anzunehmen, daß er es, was die Säure betraf, mit dem bekannten weine aufnahm, der einst zu Grüneberg in Schlesien wuchs und von dem man scherzend sagte, daß man mit ihm die Kinder in die Schule schrecke. Ueber Gießens Umgebung schreibt Rambach folgendes: ,,Billig hätte hier auch des nahe bey der Stadt herfliesenden gar angenehmen Lahnflusses gedacht werden sollen, der außer vier Fruchtmühlen eine Schlag-, walck-, Pulver-, Lohe- und. Schneidemühl treibet und vielerlei) Fische, besonders aber hechte, und diese von der größten Gattung, führet, wie sich auch denn Reiher, Taucher, wilde Cnten, Wasserschnepfen und dergleichen dabei) aufhalten. Ueberdas machen die benachbarten Schlösser und Gerter Gleiberg, Vetzberg, Hohensolms, Königsberg auch das hauß Schiffenberg und viele umliegende Dorfschaften einen überaus feinen Prospect. was die schöne Waldungen betrifft, so ist nur sehr zu bedauern, daß sie durch das Franzosenvolck ruiniert worden, besonders aber das sonst so überaus angenehme philosophische Wäldchen und der alte schöne Fichtenwald, die fast ganz niedergehauen sind." hieraus erfahren wir mancherlei, was der heute lebenden Generation nicht mehr bekannt ist. Das Gasthaus „Pulvermühle" hat seinen Namen nicht von ungefähr, sondern es bestand hier früher wirklich eine Mühle, in der Pulver gemahlen wurde. Interessant ist auch, daß die Franzosen im Siebenjährigen Kriege den Philosophenwald ruiniert haben. Um so dankbarer können wir jetzt sein, daß unser tapferes Heer uns den westlichen Gegner von unseren Landesgrenzen ferngehalten hat. Rambach ist der Unsicht, daß Konrad Dachmann, Professor der Poesie zu Gießen, den Vers gedichtet habe: „Rn Gießens Unmut reicht kein Ort der Welt." wie Herr Gber- bibliothekar vr. Cbel festgestellt hat, so ist jedoch nicht Dachmann, sondern Johann Hartmann Langsdorfs, ein geborener Gießener, dieser „Poet". Cr hat die Schule zu Wetzlar besucht und dort beim Herbstexamen 1713 sein lateinisches Lobgedicht auf die Vaterstadt vorgetragen. Dieses Poem umfaßte nicht weniger als 9 Seiten Hexameter, wie werden sich bei dieser herbjtprüfung die Zuhörer gelangweilt haben, als der ehrgeizige junge Mann sein Machwerk vortrug. Zur Zeit, da Rambach lebte, also in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, war die Weberei in Gießen im Rückgangs denn Rambach schreibt: „Nachdem der Luxus überhand genommen, auch die Handlung und durch diese die Einführung des fremden Tuches beliebter und sehr gemein geworden, hat dieser Ruhm etwas gelitten und wird die Wollenweberep so starck nicht mehr getrieben." Sehr heiter ist die Bemerkung Dietrichs, die er über die „honetten und rechtschaffenen" Gießener Einwohner macht: „wird auch bisweilen ein und der andre nichtstaugliche und ausgeartete Mensch unter ihnen gefunden, so ist dies eben kein Wunder, weil sich immer schwer durch den Irrthum, Döses unter das Gute mengt." Diese schöne Rrt, wie er Nichtsnutzigkeit, die man damals bei einzelnen Einwohnern unserer Stadt fand, auf „Irrtum" zurückführt, ist wirklich erheiternd, Dietrich muß ein guter Mensch gewesen sein, heute würde man wohl anders urteilen. Uleine Mitteilungen. Nach Anordnung des Großherzoglichen Gberkonsisto- riums soll der kommende erste Rugust-Sonntag als Tag der Erinnerung an den Beginn des Krieges besonders ernst und feierlich begangen werden. Die Rnsprache, die die oberste Kirchenbehörde anläßlich dieses Gedenktages an die evangelischen Gemeinden des Landes richtet, lassen wir im Wortlaute folgen: Zum zweiten Male jährt sich in kurzer Frist der Rus- bruch des großen Krieges, wir gedenken der Rugusttage des Jahres 1914, die unser Volk äußerlich und innerlich in seinen Tiefen erschütterten, wie diese Zeit all' denen unvergeßlich bleiben wird, die sie miterlebt, so wollen wir auch die jetzt nahenden Tage mit besonderem Ernst durchleben, und wir wissen uns wohl eins mit unseren Gemeinden, wenn wir anordnen, daß der erste Rugust-Sonntag besonders ernst und feierlich begangen werde. Gemeinsam wollen wir uns demütigen und beugen vor dem Herrn, gemeinsam wollen wir ihm danken für all' das Große, das er seit jenen Tagen in schwerer Zeit an uns getan, gemeinsam ihn bitten, daß er auch fernerhin freundlich über uns walten und endgültigen Sieg und Frieden uns schenken möge. Zwei Jahre schweren Ringens mit übermächtigen Feinden ! Unsere Heere weit vorgedrungen in die feindlichen Lande! was sie geleistet haben und gegenwärtig leisten in kühnem Rnsturm und heldenhaftem Rushalten übermächtigen Druckes, der Sieg, den unsere junge Flotte errungen im Kampf mit der gewaltigsten Seemacht der Welt — es zählt mit zu dem Größten, was die Geschichte kennt. Indes auch zwei Jahre blutigen Ringens! viel Tausende gefallen, viel Tausende für ihr Leben geschädigt an Gesundheit und Kraft, so viel Hoffnungen zertrümmert, so viel Familien- und Lebensglück jählings vernichtet! wie aber hat dies alles auf uns gewirkt? hat unser. Volk den Ernst und die Güte Gottes darin erkannt? hat es den Dußruf vernommen, den der Herr so eindringlich an uns richtet? hat eine innere Erneuerung unseres Volkes sich vollzogen? haben die vielen, die ihren Gott verloren zu haben schienen, ihn wieder so gefunden, wie wir dies glaubten erhoffen zu dürfen? Gewiß sind die zwei Jahre mit ihrem Sieg und mit ihrem Leid an sehr vielen daheim und besonders draußen nicht spurlos vorübergegangen, doch im 124 Blick auf unser gesamtes Volk können wir diese Fragen nicht durchweg freudig bejahen. Unsere waffenfähigen Männer und Jünglinge stehen draußen im Feld. Sie kämpfen unter Gefahren, Mühseligkeiten und Entbehrungen aller Rrt, kämpfen für uns, und wir können und werden dies nie vergessen. Doch auch wir daheim haben zu kämpfen, zu sorgen und zu tragen, zumal der vernichtungsplan unserer Feinde schwere wirtschaftliche Nöte für einen jeden unter uns mit sich gebracht hat. Und viele fragen angesichts des herrschenden Mangels: Muß dies alles so sein, wie es gegenwärtig ist? Zst's recht, daß in ernster, schwerer Kriegszeit, da es sich um Zein oder Nichtsein unseres Volkes handelt, die einen sich auf Kosten der anderen bereichern, daß vermögen erworben werden und' damit anderen das Rushalten bitter schwer gemacht wird? Woran liegt es, daß die Rnord- nungen der Obrigkeit nicht immer das erreichen, was sie doch zum Besten unseres Volkes erreichen wollen? Gewiß sind solche Fragen wohl berechtigt, es wäre seltsam, wenn sie nicht die Kerzen bewegten, aber es ist schwer, die rechte Rnt- wort zu finden. Daß menschliche Fürsorge und Vorkehrung oft nicht das Gewollte erreicht, ist um so verständlicher, alz es sich hier um Rufgaben handelt, die noch nie in solcher Größe und Schwere zu lösen waren. Und wo ferner die Hauptschuld an der uns drückenden wirtschaftlichen Zage zu suchen ist, wir könnens mit voller Sicherheit und Klarheit jetzt nicht erkennen, und darum bescheiden wir uns dabei, mit allem Nachdruck zu sagen.° U)er gegenwärtig irgendwie dazu beiträgt, das zum Leben Erforderliche zu verteuern, der versündigt sich an seinem Gott, versündigt sich an seinem Volk und Vaterland! was im Frieden schon Unrecht ist, wird im Krieg, wird in diesem Kriege zum verbrechen! Darum mißachten und verkennen wir nicht den Bußruf, den Gott der Herr so ernst crn uns alle ohne Unterschied richtet: ist doch jeder Krieg auch ein siegreicher — mit all dem Schweren, das er zu tragen gibt, ein Gericht Gottes, das zur Buße führen soll. Großes ist unserem Volk bisher, unter der Hilfe des Herrn unseres Gottes, gelungen. Großes — draußen und daheim. Gerade die stille Rrbeit, das Sorgen daheim, die Opferfreudigkeit unserer Gemeinden wollen wir nicht vergessen. wir haben gezeigt, dajß wir ein starkes Volk sind, und ein starkes Volk wollen wir bleiben, stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke. Darum weg mit allem Kleinmut und mit aller Verzagtheit, wo sie auch immer sich regen wollen. Tragen wir mutig und stark, was es zu tragen gilt! Wir haben den Krieg nicht gewollt, mit reinem Gewissen zogen wir das Schwert. Und darum können wir Herzen und Hände emporheben zu dem Herrn. Nicht auf ,,Nosse und wagen" verlassen wir uns, sondern auf den „Namen des Herrn unseres Gottes!" Mrchliche Anzeigen. Gottesdienst. In der Stadttirche. Sonntag, den 6 . Rugust, 7 . nach Trinitatis. Kollekte für die Kriegsbeschädigten. Vormittags 8 Uhr: Pfarrer Schwabe. Zugleich Thriftenlehre für die Neukonfirmierten aus der Markusgemeinde, vormittags 9 l / 2 Uhr: PfarrerSchwabe. Nächsten Sonntag, den 13. Rugust, findet Beichte und heil. Rbendmahl für Matthäus- und Markusgemeinde im Hauptgottesdienst statt. Rnmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. In der Johanneskirche. Sonntag, den 6 . Rugust, 7 . nach Trinitatis. Kollekte für die Kriegsbeschädigten, vormittags 8 Uhr: Pfarrer Rusfeld. Zugleich Thristenlehre für die Neukonfirmierten aus der Johannesgemeinde. Vormittags 9Y 2 Uhr: Geh. Kirchenrat Professor v. E ck. — Mittwoch, den 9. Rugust, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer Rusfeld. Wartburg, evangel. Jünglings- und Männer-Verein, Diezstraße 15. Sonntag, den 6 . Rugust, abends 8 Uhr: Vortrag. Rufnahme neuer Mitglieder. Dienstag, den 8 . Rugust, abends 8 V 2 Uhr: Bibelstunde. Mittwoch, den 9. Rugust, abends 8 V 2 Uhr: Zeseabend. Donnerstag, den 10 . Rugust, abends 8 V 2 Uhr: Turnabend. Samstag, den 11 . Rugust, abends 8 V 2 Uhr: Reltere Rbteilung. Gäste stets willkommen. * * Vibettränzchen für Schüler höherer Lehranstalten. Für die jüngere Rbteilung jeden Mittwoch von 6 bis 7 Uhr, für die ältere Rbteilung jeden Samstag von 6 bis 7 Uhr im Johannersaal. Vibettränzchen für Mädchen aus der Zohannesgemeinde. Jeden Dienstag von 6 —7 Uhr im Johannessaal. L ^ kündig nngen empfehlenswert« ix Firmen } Carl Kirchenplatz 12 Man und A Herren- u. Loos Telephon 797 ufaktur- Zeißwaren Knabenkleider Edgar Borrmann, Giessen Neustadtll Eisenwaren,Haus-u. 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Lange, sämtlich zu Gießen.