Äonntagsgrusz Gemeinöeblatt fürüietvangelischt Kircbengemeinöe Giehew Nr. 27 Bietzen, Sonntag 3. nach Trinitatis, den 9. Juli 1916. 5. Jahrgang. Gütergemeinschaft. Evangelium des Johannes 16, 15. alles, was der Vater hat, ist mein. Gütergemeinschaft - das läßt zum mindesten auf nahe gemeinschaftliche Interessen, wenn nicht auf ein wärmeres persönliches Verhältnis schließen, wir kennen sie insbesondere auf dem Gebiet innigsten Vertrauens, der Ehe; oft wird sie hier geschaffen aus dem echten Gefühl wechselseitiger Liebe heraus. Ls gibt auch eine, wenigstens teilweise Gütergemeinschaft, die auf größte Verhältnisse übertragen ist, wie sie der jetzige Weltkrieg offenbart. Entweder die gemeinsame Not schließt hier ganze Völker zusammen zu gegenseitigem Gebrauch bestimmter Güter, oder der gemeinsame haß. wir alle kennen diese weise aus eigenster täglicher Erfahrung. Durch Welten, ja durch die Ewigkeit davon entfernt, besteht aber noch eine Gütergemeinschaft einzigster Urt, die uns vor das größte Geheimnis des Leins stellt. In den großen 5lb- schiedsreden Jesu, wie sie uns Johannes bewahrt hat und über denen schon ein voller verklärungshauch ruht, findet sich das wunderbare Wort: ,,Alles, was der Vater hat, das ist Mein" (Joh. 16,15).' Dies Zeugnis, ganz für sich betrachtet, muß UNS geradezu zur Entscheidung unserer Stellung diesem Meister von Nazareth gegenüber drängen, welch Irdischer, und wäre er noch so hoch gestellt, könnte je wagen, eine derartige Gütergemeinschaft mit dem Allmächtigen, dem Schöpfer Himmels und der Erde, von sich zu behaupten! . wie eine geheime Ungst, sich steigernd, je länger man dabei verweilt, will es sich aus die Seele legen, wenn man dies Wort sich aus Menschenmund gesprochen denkt. Man wagt kaum, die letzten Folgerungen für den Sprecher daraus zu ziehen, so unerhört mutet es an. Uus dem Munde Jesu aber hören wir es nicht nur dies eine Mal, so daß es gleichsam als ein Irrtum in der Ueberlieferung aufgefaßt werden könnte, sondern es bildet, recht betrachtet, den Unterton seines gesamten Auftretens, Uedens und Handelns. Uein „Ueligionsstifter" hat je gewagt, den Allmächtigen mit dieser überwältigenden Selbstverständlichkeit als „Vater" anzureden und hinzustellen, wie es Jesus Zeit seines Lebens getan hat. Diese Stellung zu Gott, in die er dann durch sich die ganze Menschheit hineinbezogen wünscht, ist recht eigentlich der Gesamtinhalt all seiner Offenbarung. Uber gleichzeitig hebt sich seine Sohnschaft doch noch so urgewaltig über alles Uindschaftsverhältnis Erdgeborener zu dem Schöpfer alles Seins hinaus, daß jeder versuch, an der Hand der Schrift diesen Jesus nur als einen gotterleuchteten Menschen und genialen Lehrer hinzustellen, auf die Dauer zusammenbrechen muß. „Ulles, was der Vater hat, das ist Mein!" Diese Gütergemeinschaft, sie wandelt sich zu einer derartigen Geistes- und Gottesgemeinschaft, daß es die Seele wie Zittern befallen will, wenn sie ermißt, wie im Lauf der Geschichte sich die Menschheit wieder und wieder diesem Jesus gegenüber verhalten hat und noch verhält. Und es will uns, je länger der Weltkrieg dauert, um so mehr erscheinen, als berge sich hinter allem erschütternden äußeren Geschehen doch nur die eine große innere Seins- und Lebensfrage: „was dünket Euch von Ehristus, weß Sohn ist er?" _ Die Großmutter. vielleicht habe ich nicht gut getan, einer Gestalt in unserem Familienleben erst jetzt Erwähnung zu tun, die, nächst der Mutter, einen tiefen segensreichen Einfluß auf Uinderherzen auszuüben berufen ist. Ist nicht ein jedes Haus glücklich zu preisen, in dem eine Großmutter aus- und eingeht und Groß und Ulein um sich sammeln kann? Uuch diese Gestalt führt mich in Gedanken in meine frühen Uinderzeiten zurück, und da finde ich, daß meine Großmutter anders aussah, als heute die meisten Großmütter ausschauen. Diese sind oft noch recht jugendlich und «unterscheiden sich auch in Uleidung wenig von anderen Gestalten. Meiner Großmutter sah man es an, da . war kein Zweifel möglich, daß sie eben eine Großmutter war,' ich erinnere mich ihrer nur in einem bestimmten Uleide, woraus ich schließen möchte, daß die Mode mit ihrer äußeren Erscheinung nichts zu tun hatte, diese im Gegenteil von derjenigen anderer Frauen verschieden war. Großmutters Kommen war natürlich immer ein Fest, obwohl es damals noch nicht Sitte war, daß vesucher die Taschen voll Süßigkeiten für die Jugend mitbrachten. Der alten Dame lebhaftem Interesse an den Leistungen eines jeden in der Schule wurde zwar mit etwas Unruhe entgegengesehen,' denn Großmutter war energisch und gründlich, auch war sie gern anwesend bei den Unterrichtsstunden. Einzig schön war es dagegen, nachdem der Pflicht Genüge 106 getan, und wir uns vertrauensvoll um sie scharen durften, die in einem sogenannten Großvaterstuhl in Mutters blauem Zimmer am Fenster saß, ihren Strickbeutel in der Hand. Da gehörte sie ganz uns, da nahm sie teil an unseren kleineU Freuden und Leiden und wußte so gut zu fragen und ebenso zu antworten. Unvergeßlich ist es mir, daß unsere Mutter die eigene Mutter ,,5ie" nannte, und sie mit großer Ehrerbietung behandelte, wie man es jetzt nicht mehr kennt. Ist nicht überhaupt die Ehrfurcht vor allem Ulten in der jetzigen Zeit sehr geschwunden? Oftmals denke ich, es würde mehr Befriedigung und stilles Glück in Familien und Häusern geben, wollte man wieder die Ulten, Erfahreneren in den Mittelpunkt des Familienlebens stellen, sich um sie scharen und die Rinder schon von klein auf gewöhnen, die Freuden eines gemeinsamen Familienlebens den zersplitternden, zerstreuenden Vergnügungen außerhalb des Hauses vorzuziehen, die Seele und Gesundheit mehr schädigen als fordern. Ein ganz besonderes Fest war es, die Großmutter in ihrer Stadtwohnung, die sie die letzten Jahre ihres Lebens bewohnte, zu besuchen. Wie oft im Winter brachte der große Schlitten uns zu ihr, der für unsere Erwartung viel zu langsam war, wußten wir doch, welche Genüsse unser harrten. Zn der ,,Rohre" des großen Kachelofens im Wohnzim- mer waren die Bratäpfel schon bereit, deren Duft in den Vorplatz drang und mit Wonne gerochen wurde, während die kleinen Gestalten aus den hüllen herausgeschält wurden. Doch das Rllerschönste war, wenn Großmutter dann aus den Erfahrungen ihres wechselvollen Lebens erzählte und wir staunend lauschten. Großmutter war im Jahre 1783 geboren, und konnte darum wohl mancherlei erzählen, da sie in den Befreiungskriegen Schweres durchmachte. viel interessanter war es uns, von dem großen Fest zu Horen, das nach dem Kongreß zu Wien, in Breslau den drei vereinigten Herrschern von Preußen, Oesterreich und Rußland von der Provinz Schlesien gegeben wurde. Sie konnte anschaulich von der Pracht des Festes und von den Herrschern mit ihrem glänzenden Gefolge erzählen, die sie von Nahem gesehen,' ein Schmuckstück, das sie an diesem Rbende trug, ist noch in meinem Besitz. Noch jetzt, während ich dies schreibe, kommt mir die Erinnerung daran lebhaft zurück, und mit Dankbarkeit denke ich dieser schlichten Frau, die durch ihre Tatkraft, durch ihren klugen, praktischen und doch so frommen Zinn ihrem Manne und ihren elf Kindern ein großer Segen gewesen ist. Es erübrigt sich noch zu erzählen, wie wir nach solch herrlich verbrachtem Nachmittag von der treuen alten Dienerin gut eingemummt wieder in den großen Schlitten unter Obhut des alten Kutschers und einer Dienerin verpackt wurden, um den kurzen Weg nach Haus zurückzulegen. Die Sterne schienen oftmals schon über der tief verschneiten Ebene, die Schlittenglöckchen läuteten so traulich den müden Kindern den Heimweg entlang, bis sie plötzlich still waren. Rus der geöffneten Haustür trat die Mutter heraus, während der Vater mit einem hochgehaltenen Lämpchen die Gruppe beleuchtete, und ein Kind nach dem andern von Mutterhänden geführt, im Vaterhaus verschwand. Dann schloß sich die Tür. Baronin R. ttriegzgedanken. i. Ein jeder Leser des Sonntagsgrußes macht sich seine Gedanken über den Krieg. Rlle acht Tage kommt zu ihm der Sonntagsgruß in das Haus oder hinaus in den Schützengraben. Was liegt in einem solchen Zeitraum von einer Woche für eine Fülle von Gedanken, von Kriegsgedanken! Suche sie dir einmal zurückzurufen. Ruch das ist gut, sie einmal mit prüfendem Blick an sich vorüberziehen zu lassen. Du wirst jetzt zu manchen von ihnen eine andere Stellung einnehmen, als in dem Rugenblick, da sie sich dir mit zwingender Gewalt aufdrängten. Die Frage wird sich dir von selbst aufdrängen, ob sie alle gut gewesen sind, ob sie auch Gutes an dir geschafft haben. Rls gut werden sich nur die Gedanken ausweisen können, die sich in irgend einer Beziehung zum Ziel des Krieges ausweisen. Denn der Krieg ist dazu da, um durchgekämpft zu werden. Rllein die Gedanken aber sind wahrhaft dienlich, die zu diesem Zweck etwas beitragen. Es ist nicht zu leugnen, wir befinden uns alle jetzt in einer Zeit großer innerer Spannung. Rus den ländlichen Kellern wird jetzt an Vorräten alles herausgeholt, was dort entbehrlich erscheint, um in die Städte gebracht zu werden, damit dem dort von Tag zu Tag sich fühlbarer machenden Mangel abgeholfen werde. Wir machen uns unsere ernsten Gedanken darüber. Denn wir wissen, daß die zu solcher Unzeit herauzgeholten Vorräte zum größten Teil verdorben sein werden, wenn sie an dem Grt ihrer Bestimmung ankommen. Mußte das sein? Rls Rntwort auf diese Frage schwebt uns der unverfänglich erscheinende Grundsatz vor der Seele, der jetzt wieder in einer amtlichen Bekanntmachung betont worden ist, daß es sich empfehle, die Vorräte nach Möglichkeit in den ländlichen Kellern und in der Verfügung der ländlichen Besitzer zu belassen. Der Grundsatz scheint auch bei der kommenden Versorgung der Städte wieder seine Rolle spielen zu sollen. Er soll seine Berechtigung in der Unmöglichkeit haben, langfristige Vorräte im städtischen Gewahrsam unterzubringen. Sei dem, wie ihm wolle. Die jetzigen Erfahrungen belehren uns, daß es die Pflicht aller Beteiligten ist, auf Mittel zu sinnen, um diesem Grundsatz seine scheinbare Berechtigung zu entziehen. Es scheint, als könnten die Stadtverwaltungen gar keine ruhige Stunde haben, ehe sie alles bedacht und getan haben, um rechtzeitig ihren Bedarf sicher in ihre Hände zu bringen. Wieviel Sorge und Rot würde dann der ihrer Fürsorge anvertrauten Bevölkerung erspart. Es gibt ein höchst einfaches Mittel, um auch die gewaltigsten Vorräte auch ohne besondere Baulichkeiten zu lagern, das ist durch Einmieten in der Erde. Ruf dem Lande kann man dies in jedem Winter beobachten. Warum sollte es nicht gerade so gut auf städtischem Grund und Boden möglich sein? Die Versäumnis der rechtzeitigen Fürsorge für den städtischen Bedarf hat eine weitere in das Wirtschaftsleben tief einschneidende Maßregel nach sich gezogen, das verbot der Fütterung für den menschlichen Gebrauch noch verwendbarer Kartoffeln, das wohl nicht mehr zu umgehen war. Was bereits hinsichtlich des Brotgetreides seit langem in Uebung ist, ist jetzt auch auf die Kartoffel ausgedehnt. Damit ist die Hoffnung auf eine normalen Verhältnissen sich wieder mehr annähernde Gestaltung des Fleischmarktes wieder in ungewisse Ferne gerückt. Wieder haben wir Grund, um des Volkswohles und dessen willen, was auf dem Spiele steht, uns die ernstesten Gedanken zu machen. Sie erscheinen so ernst, daß den durch sie angeregten Fragen auch ein Sonntagsblatt ausnahmsweise seine Spalten wird öffnen dürfen. Freilich nimmt diesen Gedanken nichts an ihrer Peinlichkeit der Umstand, daß wir vor einer zwingenden Notlage 107 — stehen. Not kennt kein Gebot. Nber Not macht auch erfinderisch. Gott wird schon seine Gründe haben, um derentwillen er uns in diese Nöte geschickt hat, die uns neben der Kriegsnot extra beschweren sollen. Der Landwirt muß hier seine Erfindergabe beweisen, weil er am besten weiß, wo ihn der Schuh drückt. Zum Brotgetreide wird z. B. Hafer und Gerste nicht gerechnet, obwohl der Landwirt schon seit alters Gerste zur Schaffung seines Brotmehles mit verwendet. Buch in der Jetztzeit kann er die ihm staatlicherseits überlassene Gerstenmenge in der Hauptsache nur zur Streckung seines Brotquantums benutzen. Zur Schweinefütterung dagegen soll Gerste weniger tauglich sein. Gerste unterm Brot kann ebensowenig wie dem Bauersmann auch den unter der Fürsorge der Kommunalverbände stehenden Bevölkerungsteilen schaden. Der Gedanke liegt nahe, daß viel gewonnen würde, wenn die Behörde für Brotversorgung die den Landwirten gelassAne Gerstenmenge nach Belieben ganz oder teilweise gegen Korn eintauscht, das dann zur Beschaffung von Fleisch verwendet werden und der Viehzucht zugute kommen könnte. Kriegsgedanken. Nuch die scheinbar materiellsten Dinge läßt uns der Krieg in einem idealen Licht erscheinen, wir flehen jetzt täglich und stündlich um eine gesegnete, den wirtschaftlichen Bedürfnissen unseres Volkes entsprechende Ernte. Möchten wir uns bei unfern angelegentlichen Bitten den Gedanken gegenwärtig halten, daß der Mensch nicht eher das Necht hat, den Herrgott um seine Mithilfe zu bitten, als wenn er selbst alles getan hat, was in seiner Macht steht, die Nöte abzuwenden. N. G. Die Stoöt Metzen am Anfang des U- Jahrhunderts. (Fortsetzung.) wie wir schon in der vorigen Nummer bemerkt haben, so hat ein Magister N. die Beschreibung Dietrichs im „Gießer Wochenblatt" das Jahres 1771 abgedruckt und mit Anmerkungen versehen. Dieser Magister war der Magister Nam- bach, ein Sohn des berühmten Gießener Professors und Pfarrers Nambach, der hier am 19. Npril 1735 gestorben ist und dessen Grabstein noch, auf dem alten Friedhof zu finden ist. Nambach hatte am Ostersonntag, dem 10. Npril 1755, noch in der Stadtkirche gepredigt und am Ostermontag noch Kinder konfirmiert, am 13. Npril wurde er krank und erlag der Krankheit schon sechs Tage später. Sein Freund, der Pfarrer an der Burgkirche, Johann Philipp Fresenius (gebürtig aus Nieder-Wiesen im heutigen Nheinhessen, kam später nach Frankfurt, und ist der Pfarrer, der Goethe getauft hat), war damals von Gießen abwesend, kam aber auf die Nachricht von der Erkrankung Nambachs sofort zurück und stand ihm in seinem Sterben bei, hielt ihm auch nachher die Grabrede. Nambach starb im Nlter von 42 Zähren und hinterließ außer seiner Witwe mehrere kleine Kinder. Nls Fresenius gerade bei ihm war, weinte im Nebenzimmer der kleine zweijährige Jakob, der später als Magister Dietrichs Beschreibung übersetzt und veröffentlicht hat. Da sagte der sterbende Vater zu dem Freunde: „hörst du, wie mein kleiner Jakob so schön singt: er kann und wird dich lassen nicht, er weiß ja wohl, was dir gebricht." Nls die Glocke der Stadtkirche gerade den Nbend einläutete, verschied der junge Familienvater. Obwohl Jakob ohne die Führung des Vaters durch das Leben gehen mußte, wie jetzt so viele Kinder, deren Väter auf dem Felde der Ehre gefallen sind, so wurde er doch ein tüchtiger Mann. Er wurde von einer treuen und klugen Mutter erzogen, besuchte das Gießener Pädagogium (Gymnasium), studierte hier Theologie und Philologie, wurde dann Lehrer am Pädagogium und stand als solcher in hohem Nnsehen. vom Jahre 1765 an hielt er auch philosophische Vorlesungen an der hiesigen Universität und wurde außerordentlicher Professor der Theologie und Definitor. Der Definitor war in alter Zeit ein geistlicher Würdenträger, der die Kandidaten der Theologie zu prüfen hatte. 3m Jahre 1775 wurde Nambach Konrektor am Gymnasium_zu Frankfurt a. M., trat 1803 in den Nuhe- stand und starb am 11. Juni 1808. Liner seiner Gießener Bekannten nennt ihn den „Biederen, den Menschenfreund, den Treuen, den rastlosen und geschulten Lehrer der Jugend!" Nus den Erläuterungen, die Nambach zu dem ersten Nb- schnitt der Beschreibung Dietrichs gibt, teilen wir folgendes mit: ,,Den Namen Gießen schrieb man in den ältesten Zeiten Geyzen und Giezen, nachher Gießen und sagte stets- in der mehrern Zahl: die Gießen, zu den Gießen, woher die Stadt solchen Namen bekommen, ist ungewiß. Nbraham Saur und winckelmann glauben, daß sie von Ergiesung des hier zusammengeflossenen Negenwassers also benennt worden, welches ihnen die neueren häufig nachgeschrieben. Mir aber scheint dieses sehr zweifelhaft, weil so viele andre Städte, Flecken und Dörfer, wohin sich auch, wegen der tiefen Lage das Gewässer starck ergieset, dennoch den Namen Gießen nicht haben, wenn übrigens doch hierinnen nur Mutmasungen stattfinden, so scheint mir diese die wahrscheinlichste, daß sich etwa ehemals an dem Grte, wo itzo Gießen oder doch die Burg steht, eine angesehene Familie, die sich Gissonen (Gie- zonen) oder Gießen genant, aufgehalten habe, wovon hernach der Name der Stadt: die Gießen, und die Nedensarten zu den Gießen, bey den Gießen entstanden, gleichwie viele auch glauben, daß St. Goar von einem daselbst ^wohnhaft gewesenen Einsiedler dueses Namens benent worden." Zu dieser Deutung des Namens Gießen ist auf Grund der neueren Forschungen folgendes zu bemerken*): Der Name „ze den Gyezen" (zu den Gießen) hat mit den Gisonen nichts zu tun. Er bedeutet tatsächlich - zu den Bächen. Saur und winckelmann haben daher die richtige Deutung geahnt. Ueber die Entstehung der Stadt Gießen bemerkt Nambach Folgendes: „von dem Ursprung der Stadt schreibt Nbraham Saur, ein vormaliger Ndvokat zu Marburg, in seinem Nnno 1593 herausgegebenen Iheatro urbium parvo also: Gießen ist vorzeiten ein klein Nest oder Dorf gewesen, Demungen genannt, so in einem Schlampf oder Sumpf gelegen und nachmals vom Negenwasser, so hauffenweiß daselbst hingeflossen kommen, Gießen genannt worden. Es ist auf dem Markte so tief gewesen, daß die wagen bis an die Nxen seyn eingegangen. Man weiß aber nicht, wann es zu bauen fei angefangen. Johann Justus winckelmann aber gibt in seiner Hess. Thronik, die er 1697 geschrieben, folgende Nachricht: Der ursprünglichen Erbauung der Stadt Gießen ist man nicht gewiß. Glaubwürdig wird dafür gehalten, daß vor gar alten Zeiten drey Dörfer als Seltzer, da itzo das Selherthor, Gropbach, vor dem Neustätterthor, annoch das Gropacherfeld genannt, und Nstheim, wo itzo die Gasse der Nsterweg genannt stehet, allhier sollen gewesen seyn, darzwi- schen zunächst ein Burgschloß gestanden, itzo noch die alte Burg genannt, welcher Grt wegen des damalen umgebenen Morastes sehr fest gewesen, wie sich denn noch vor Zähren sehr *) Die Nachprüfung der Bemerkungen, welche Nambach gemacht hat, verdanke ich Herrn lvberbibliathekar Dr. (Ebel, der der beste Nenner der Geschichte der Stadt Gießen ist. 6- o- — 108 — \ tief unter der Erden ein auf starcken pfählen gepflasterter Steinweg vor dem Seltzerthor gefunden hat, welcher damaliger Zeit zu dem Ende, damit man die Straßen brauchen können, gelegt gewesen. Nus solchen dreyen Dörfern ist hernach ein Stäbtlein erbauet, welcher wegen Ergießung des zusammengeflossenen Wassers Gießen mag genennt worden seyn. Das Stäbtlein ist anfangs rund gewesen, wie dessen alte Mauern hin und wieder aufweisen." Nuch die Entstehung der Stadt aus den drei Dörfern ist von winckelmann richtig vermutet worden, nur daß das eine nicht Nstheim sondern Nchstadt hieß, und daß diese Dörfer nicht zusammengewachsen sind. Ihre Dewohner zogen vielmehr allmählich in den Schutz der Burg, und die Gemarkungen bildeten die Gemarkung der auf diese weise entstehenden Stadt. Uebrigens nahmen noch mehrere andere kleine Niederlassungen an diesem Prozeß teil. Die alte Burg reichte vom wallenfelsischen Haus hinter der Stadtkirche bis zum Kaffee Ebel, dessen hofreite sie noch mit umschloß. Ihre Gstmauer lief vor der Nück^ite der Häuser des Marktplatzes her. Die ältesten Stadttore waren am Einhorn und an der Mäusburg, da wo der im folgenden richtig beschriebene Lauf des Stadtbaches die Straße kreuzt. (Fortsetzung folgt.) «leine Mitteilungen. Anläßlich der Jahrhundertfeier der Provinz Nheinhessen hat Großherzogliches Gberkonsistorium an die evangelischen Pfarrämter des Landes folgende Verfügung ergehen lassen: ,,Nm 8. Juli d. 3. sind 100 Jahre verflossen, seitdem die Provinz Nheinhessen mit dem Großherzogtum Hessen vereinigt ist. wenn auch die Zeitverhältnisse eine größere Feier als ausgeschlossen erscheinen lassen, so halten wir es doch für selbstverständlich, daß dieser für die Provinz Nheinhessen wie für das ganze Land - wichtige und bedeutungsvolle Tag auch kirchlich nicht unbeachtet und unerwähnt vorübergehen kann, wir weisen Sie deshalb an, Sonntag, den 9. Juli, im Gottesdienst in geeigneter weise dessen zu gedenken, und empfehlen gleichzeitig die demnächst im Verlag von J. Diemer-Mainz erscheinende ,,Festschrift zur Jahrhundertfeier der Provinz Nheinhessen", die von Nrchivdirek- tor Dr. Dieterich-Darmstadt, Kreisamtmann Strecker-Darm- stadt und Pfarrer Dechtolsheimer-Gießen bearbeitet worden ist." kirchliche Anzeigen. Gottesdienst. 3tt der Stadtkirche, vormittags 8 Uhr: Pfarrer Schwabe. Zugleich Ehristenlehre für die Neukonfirmierten aus der Markusgemeinde, vormittags 9' .. Uhr: Pfarrer Mahr. Deichte und heil. Nbendmahl für Matthäus- und Markusgemeinde. Nnmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten, vormittags 11-, Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeinde. Pfarrer Mahr. )n der Johanneskirche. vormittags 8 Uhr: pfarrassi- stent hoffmann. Zugleich Ehristenlehre für die Neukonfirmierten aus der Zohannesgemeinde. vormittags 9'/ 2 Uhr: Pfarrer Dechtolsheimer. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Dechtolsheimer. Mittwoch, den l^Zuli, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer Nusfeld. Sonntag, den 16. Juli, findet im Hauptgottesdienst Deichte und heiliges Nbendmahl für die Lukas- und Zo- hannesgemeinde gemeinsam statt. Nnmcldungen werden vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. * * * Wartburg, evangel. Jünglingr- und Männer-Verein, Diezstraße 15. Sonntag, den 9. Suli, abends 8 Uhr: Vortrag. Nufnahme neuer Mitglieder. Dienstag, den 11. Juli, abends 8' , Uhr: Dibelstunde. Mittwoch, den 12. Juli, abends 8' Uhr: Leseabend. Donnerstag, den 15. Juli, abends 8' -> Uhr: Turnabend. Samstag, den 15. Juli, abends 8> Uhr: Neltere Nbteilung. Gäste stets willkommen. • * * vibelkränzchen für Schüler höherer Lehranstalten. Für die jüngere Nbteilung jeden Mittwoch von 6 bis 7 Uhr, für die ältere Nbteilung jeden Samstag von 6 bis 7 Uhr im Johannessaal. vibelkränzchen für Mädchen aur der Johannergemeinde. Jeden Dienstag von 6—7 Uhr im Johannessaal. [ Ankündi« jungen empfe hlenswertc >r Firmen ] Carl Loos Kirchenplatz 13 Telephon 791 Manufaktur- und Weißwaren Herren- u. 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