Nr. 25. Bietzen, Sonntag 1. nach Trinitatis, den 25. Juni 1916. 5. Jahrgang. Martin Luther über das tägliche 6rot. Evangelium des Matthäus 6, l l. Unser täglich Brot gib uns heute. wie Martin Luther in seinem kleinen Katechismus, der hauptsächlich für Schule und Haus bestimmt ist, eine Reihe tief religiöser Gedanken entwickelt und sie unvergeßlich in das Herz des deutschen Volkes eingeprägt hat, so ist auch sein Großer Katechismus, der in erster Linie sich an die Theologen wendet, ein Zeugnis der religiösen Genialität unseres Reformators. Eine Fülle von Gedanken wird uns hier in anschaulicher Form und mit praktischer Kußanwendung gegeben. Luther schreibt: „hier denken wir nun an den armen Brotkorb, unseres Leibes und zeitlichen Lebens Notdurft.... Darum mußt du deine Gedanken recht auftun und ausbreiten, nicht nur in den Backofen oder den Mehlkasten, sondern ins weite Feld und ins ganze Land, welches das tägliche Brot und allerlei Nahrung trägt und uns bringt. Denn wenn es Gott nicht wachsen ließe, segnete und auf dem Lande erhielte, so würden wir nimmer Brot aus dem Backofen nehmen noch auf den Tisch zu legen haben- Nun gehört nicht nur das zum Leben, daß unser Leib seine Nahrung und Decke und andere Notdurft habe, sondern auch das, daß wir unter den Leuten, mit denen wir leben und im täglichen Handel und Wandel und in allerlei Wesen umgehen, in Nuhe und Frieden auskommen.... Venn wenn wir auch von Gott die Fülle aller Güter bekommen haben, so können wir doch nichts davon behalten, noch es sicher und fröhlich brauchen, wenn er uns nicht ein beständiges friedliches Regiment gäbe. Denn wo Unfriede, Hader und Krieg ist, da ist das tägliche Brot schon genommen oder ihm doch gewehrt. Darum möchte man billig in eines jeglichen frommen Fürsten Schild statt eines Löwen oder eines Rauten-> Kranzes ein Brot setzen oder es statt des Gepräges auf dis Münze schlagen, um beide, den Fürsten und die Untertanen, daran zu erinnern, daß wir durch das Fürstenamt Schuh und Friede haben und ohne es das liebe Brot nicht essen »noch behalten können.... Ruch soll man für sie bitten, daß Gott uns durch sie um so mehr Segen und Gutes gebe ... weiter auch, daß er uns behüte vor allerlei Schaden des Leibes und der Nahrung, vor Ungewitter, Hagel, Feuer, Wasser, Gift, Pestilenz, viehsterben, Krieg und Blutvergießen, vor teurer Zeit, schädlichen Tieren, bösen Leuten usw. Ts ijt gut, den Einfältigen einzuprägen, daß dies alles und dergleichen von Gott gegeben und von uns erbeten sein muß." Ulan meint beinahe, wenn man diese Worte liest, Luther habe unsere gegenwärtige Lage gekannt und eigens für sie seine Rusführungen über die vierte Bitte geschrieben, wahrlich nicht nur an den Backofen und Mehlkasten oder, wie es für Stadtbewohner heute besser heißen muß, an den Bäckerladen müssen wir jetzt denken, sondern wir müssen weiter schauen in das ganze Land, in dem jetzt Brot und Lebensmittel durch eine weitausschauende Organisation richtig verteilt werden. Ruch dafür haben die Menschen jetzt wieder ein Rüge bekommen, daß es Gottes Güte allein ist, wenn, wir unsere Nahrung haben. Durch unsere hochentwickelte Technik, eine Technik, die auch die furchtbaren Waffen dieses Krieges geschaffen hat, sind wir nicht imstande, auch nur ein einziges Getreidekorn herzustellen, wenn Gott es nicht wachsen läßt, so würden wir nimmermehr Brot aus dem Backofen nehmen. Zn diesen beiden Kriegsjahren haben wir auch kennen gelernt, daß das Vorhandensein des Brotes noch nicht vor Mangel und Teuerung schützt, wir haben 1914 lund 1915 keine Mißernten gehabt, aber der Krieg, insonderheit das Nb schneiden der Zufuhr durch unsere Gegner, hindert uns, daß Brotkorn in ausreichender Menge nach Deutschland eingeführt wird, wie hat Luther in so genialer weise gesagt: „Venn wo Unfriede, Hader und Krieg ist, da ist das tägliche Brot schon genommen oder ihm doch gewehrt." Sehr zeitgemäß ist auch das, was er über die Fürsten, die Obrigkeit und ihre Bemühungen um das Volkswohl sagt. Man hat in diesen Tagen allerlei Vorwürfe gegen die Behörden gerichtet, sie hätten die Organisation der Nahrungsmittelverteilung zu spät in die Hand genommen und manches in verkehrter weise angeordnet. Man soll doch nicht vergessen, daß unsere Behörden in dieser Beziehung vor eine ganz neue Rufgabe gestellt worden sind und vorher keinerlei Erfahrungen sammeln konnten. Daß auch bei gutem willen, an dem niemand zweifelt, vereinzelt Mißgriffe geschehen, ist begreiflich. Ist es, anstatt den Behörden Vorwürfe zu machen, nicht richtiger, es nach Luthers Rat zu halten: „Ruch soll man für sie bitten, daß Gott uns durch sie um so mehr Segen unb Gutes gebe."? — Die drei Wochen zwischen dem Sonntag Kogate und dem Trinitatissonntag waren für uns Wochen der Zorge. Ts regnete beinahe ohne Unterlaß, selten schien die Sonne durch die graue Wolkenwand hindurch, viele unter uns glaubten schon, daß nach dem hundertjährigen Kalender wieder das Kegen- und Mißjahr 1816 käme, was bas für unser in schwerem Kampfe stehendes Volk bedeutet hätte, wissen wir alle. Setzt verstehen wir Luthers Wort, daß Gott uns vor Ungewitter, Hagel und anderen Heimsuchungen bewahren möge, wir danken dem Kllmächtigen, daß nun die Sonne wieder scheint und die Saat dem Trntetag entgegenreift. Unter seinem Schutze werden wir in diesem Kriege den Sieg davontragen. H.D. Die Dienerin. Sn der Ueihe der Frauengestalten, deren Sein und wirken in unserem häuslichen Leben einen nicht zu unterschätzenden Platz einzunehmen berufen sind, steht auch die Gestalt der Dienerin. Ts ließe sich sicher sehr viel darüber sagen, ich möchte mich aber damit begnügen, sie darzustellen, wie sie mir aus meiner längst entschwundenen Kinderzeit in der Erinnerung fortlebt. Wohl waren damals andere Zeiten als jetzt, aber ich frage mich oftmals, ob wir alle, Hausfrauen und Dienerinnen, nicht viel glücklicher sein konnten, wenn etwas mehr Freudigkeit für die zu bewältigende Kr- beit und dem daraus folgenden Anerkennen und Dank für das Geleistete uns erfüllte. Sicher gibt es bei jedem Zusammenwirken Schwierigkeiten zu überwinden, das ist in diesem Leben hier nicht zu umgehen' vielleicht sind auch gerade diese Schwierigkeiten, notwendig für unsere innerliche Entwicklung,' sie sollen uns lehren, das wesentliche von dem Unwesentlichen zu unterscheiden, kleinen Dingen nicht den wert beizulegen, den Twigkeitssragen für uns haben sollen. wenn ich nun an mein Elternhaus zurückdenke, an das Leben und Treiben in diesem Kinder- und arbeitsreichen Landhause, so bin ich vor allem sehr dankbar dafür, daß wir in so großer Stille und Einfachheit erzogen werden konnten und daß die Hüterinnen unserer Kinderjahre nicht wechselten, wie treu besorgte die alte Kinderfrau alle Kinder, eins nach dem andern,' wie unermüdlich frisch und gleichbleibend war die kleine, zierliche Frau„ die ich nie ohne ihre weiße Haube gesehen habe, deren Eigenart eine steif gestärkte, in tiefe Tollfalten gelegte Krause war, die das Gesicht abstehend umrahmte, bei schneller Bewegung sich bewegte, in Kuhestellung aber dem kleinen alten Gesicht mit den munteren Kugen ein prächtig charakteristisches Gepräge gab. Sch erinnere mich nicht, je ein böses Wort von der guten Frau gehört zu haben, an der wir natürlich mit großer Liebe hingen. Uuch der übrigen Mitglieder des Haushalts entsinne ich mich einzeln noch sehr gut, daß ich Bilder von ihnen zeichnen könnte, beherrschte ich diese Kunst' sie sind verwachsen mit meinen Kindheitserinnerungen, ein Zeichen, daß sie viele Jahre hindurch im Hause waren. Ein Original befand sich unter ihnen, ein alter Diener, dessen Ehrgeiz darin bestand, sich einer sehr gewählten Sprache zu bedienen, auch schriftlich. So schrieb er einmal, als er das Haus allein hütete, an meine Mutter, die einigen bekannten Herren gern die Erlaubnis gegeben hatte, in Abwesenheit der Familie die Jagd auszuüben, und dem Diener geboten, ihnen dann etwas zu essen zu geben: „heute speiste ich drei Herren zum Mittagessen", ein Kusspruch, der natürlich zum geflügelten Wort wurde. Kührend war es, als ich jung das Elternhaus verließ an der Seite eine^ geliebten Mannes, wie einige dieser alten Leute, die noch lebten, es versuchten, mir Freude zu bereiten. So hatte die alte Kinderfrau, als ich nach der Trauung das Vaterhaus wieder betrat, meine, wie sie behauptete, ersten Kinderschuhchen auf einem Tischchen unter Blumen aufgebaut, daneben zwei brennende Kerzen,' mit einer kleinen Feierlichkeit wurden sie mir übergeben als glückverheißend,' viel wertvoller aber erschien mir das alte, nun so klein gewordene Gesicht der treuen Pflegerin meiner Kinderjahre. Jede Zeit hat zweifellos ihr Gutes, wenn ich aber einen Wunsch für die jetzt lebende Menschheit hege, so ist es der, daß wir wieder zu größerer Einfachheit des Lebens und der Sitten zurückzukehren vermöchten. Diese schwere Kriegs- zeit müßte uns den Uebergang erleichtern, wir dürften dann nicht darüber klagen oder seufzen, sondern sie geduldig und auf Gott vertrauend zu tragen uns bemühen, wie könnten wir daran erstarken, und der Segen dieser großen Heimsuchung würde uns bewußt werden in der größeren Befriedigung und Spille unserer Herzen, und dem Behagen, das sich ganz von selbst um uns und in unserem Hauswesen für jeden einzelnen fühlbar machen würde. Dabei dürfen wir eines nicht vergessen: wir sollen und wollen alle dienen und müssen das als ein herrliches Vorrecht betrachten auf dem Wege, den wir alle gehen: zum Vaterhaus. Sagen wir uns doch für alle Zeit: „Sch aber und mein Haus wollen dem Herrn dienen!" Baronin K. Die Hoffnungen des Gustav Adolf-Vereins. Die Erwartungen und Hoffnungen des Gustav-Kdolf- vereins kennzeichnen sich laut Ausführungen seiner neuesten Mitteilungen teils als gescheiterte, teils als freudig aufrecht erhaltene und neu belebte. vorwiegend betrübten Herzens blickt er auf das vor einem Jahre bundesbrüchig gewordene Stalien, das neuerdings besonders bittere Früchte seiner welschen Untreue zu ernten hatte, während freilich der als Freund des evangelischen Deutschland bewährte Waldenserpfarrer Paolo Tal- vino in Lugano die italienischen Zeitungen zur Berichtigung der Schauermär zwang, in Stresa am langen See habe man ein belgisches Kind gesehen, dem die deutschen Hunnen beide Hände abgehackt hätten, heißt es in einem vor allen Vertretern des italienischen Protestantismus gehaltenen Vortrag des Professors Tomba: „Sndem wir in diesen Krieg mit eingriffen, haben wir uns derjenigen kriegführenden Gruppe angeschlossen, di^e offenbar das gute Kecht, die Gerechtigkeit, die verletzte Wahrheit, die bedrohte Zivilisation verteidigt; wir haben uns auf jene Seite gestellt, die angegriffen wurde, ohne daß sie herausgefordert hätte,' auf jene Seite, die für die Erhaltung des Friedens und nicht für den Krieg war,' die andern waren für den Krieg!" — Bezüglich des uns verbündeten Oesterreich-Ungarn gehen die Nachrichten den umgekehrten weg: vom Unerfreulichen zum Erfreulichen. Die evangelischen Schulen, die von ihren Kirchengemeinden aus eigenen Mitteln zu erhalten sind, litten unter dem Krieg, so in der ältesten Pflegegemeinde Gosau am Fuße des Dachstein und deren Schwestergemeinde Eferding in Oberösterreich. Lehrer wurden zum Kriegsdienst einberufen, Kinder zur Feldarbeit herangezogen. Sn Kroatien — 99 — dagegen heißt es, die evangelische Gemeinde der Hauptstadt leuchte jetzt wie eine Stadt aus dem Berge. „Me mancher deutsche Soldat mag dort Erquickung und Trost gefunden haben." Trotz der steigenden Mindereinnahme der Kirchenkasse stieg in Bgram die Zahl der Schulkinder auf 320. Für unbesetzte Sehrerstellen fanden sich Hilfskräfte. Man hofft, im äußersten Süden des Reiches weiter treu Macht halten zu können. — Buch in Galizien und der Bukowina sieht man, „nachdem das Land durch deutsche Kraft und deutsches Blut wieder gewonnen ist", einer besseren Zukunft entgegen. Der Gustav-Bdolf-Verein ist gewillt, die deutschen Gemeinden, von denen nach der Flucht des Kinderheims aus Stanislau- unter Führung des wackeren Pfarrers D. Zockler und während dessen Hilfsunternehmung viel in die Öffentlichkeit gedrungen ist, in ihrer Zuversicht nicht zuschanden werden zu lassen. — Sn Bussisch-Polen ist es nach einem Beisebericht des Generalsekretärs Pfarrer Geißler beim Bückzuge der Bussen über unsre Volks- und Glaubensgenossen schlimmer als über die Polen und ebenso wie über die Juden hergegangen. Die blutigsten und ruchlosesten Frevel seien verübt. — Zu Mlawa, einer meist von Juden bewohnten Stadt, erkannte ein Feldprediger in dem kleinen, schlichten, etwas abgelegenen Gotteshaus die deutsch-evangelische Kirche, die ihre Entstehung größtenteils dem Gustav-Bdolf-Verein verdankte. Der Feldgeistliche trat an die Stelle des nach Sibirien verschleppten Pfarrers und hielt allabendlich Gottesdienst. Immer zahlreicher scharte sich eine Soldatengemeinde um die in vorbildlicher Treue sich einfindenden Deutsch-Bussen, deren pflege dem Nachfolger im Feldpsarramte warm ans Herz gelegt wurde. Besonders liebliche Friedenshoffnungen aber hegt der Gustav-Bdolf-Verein nicht nur im Hinblick auf das nach Not und Drangsal aufatmende Ostpreußen, wo die Gottesdienste zum großen Teil noch neben den Trümmern „der lieben alten Heimatkirche" abgehalten werden, sondern auch auf das „Gottesländchen Kurland". „Zwei Millionen Evangelischer wohnten dort, von denen der zehnte Teil auch deutschen Blutes war. Die Uebrigen wußten, wieviel sie dem Deutschtum und Luthertum verdankten." wie dann aber in den vierziger und besonders seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts gegen das evangelische Deutschtum gewütet worden, ist bekannt. Bun hofft man auf die Erfüllung der Inschrift auf dem Bbendmahlskelch, dessen oberen Teil man jetzt nach Vertreibung der Bussen von einem Dunghaufen aufhob: „Mas Menschen raubten, wird Gott ersetzen. Bnno 1723." — Mochte dieses Wort getroster Glaubenszuversicht hier und auf recht vielen andern Arbeitsgebieten des Gustav- Bdolf-Vereins herrlich und reichlich bewährt werden! Die Stadt Gieften am Anfang der XI. Jahrhunderts. Im Jahre 1613, also fünf Jahre vor dem Busbruch des großen Krieges, den man in der Geschichte den Dreißigjährigen Krieg nennt, hat ein gelehrter Mann, Konrad Dietrich mit Namen, ein lateinisch geschriebenes Werk *) herausgegeben, in dem er auch die Stadt Gießen beschreibt. Diese Beschreibung *) Konrad Dietrich lauch Dieterich und Dietericus) war 1575 zu Gewunden an der Wohra geboren, wurde Archidiakonus (Pfarrer) zu Marburg, 1607 Professor der Philosophie _zu Gießen, 1614 Superintendent zu Ulm, wo er 1639 starb. Seine Beschreibung der Stadt Gießen ist seinem Werke „Institutiones oratoriae" entnommen. Dieses Buch enthielt eine Mustersammlung lateinischer Beden zu Uebungszwecken für Schüler, daher rührt auch der einfache und knapp gehaltene Stil. Der Magister, der diese Beschreibung herausgegeben und mit Erläuterungen versehen hat, hieß Bambach. ist im Jahrgang 1771 des „Gießer Wochenblattes" in einer deutschen Uebersetzung von einem ungenannten Uebersetzer, der sich alz Magister B. bezeichnet, veröffentlicht worden. Magister B. hat diese Beschreibung mit einer Beihe von Erläuterungen versehen, wir geben im folgenden seine Uebersetzung wortgetreu und in der Schreibweise der alten Zeit wieder, um später auch das aus seinen Erläuterungen beizu- sügen, was für unsere Zeit noch interessant ist. Diese Beschreibung, die im Stil der klassischen Schriftsteller gehalten ist, hat folgenden Wortlaut: 1 . Der Ursprung der Stadt Gießen ist gantz unbekant, daß sie aber doch eine der ältesten Städte in Hessen sey, beweisen noch Ueberbleibsel von Blterthümern. Man kann dieses schließen aus einem lateinischen Diplom, das ihr Landgraf Otto im Jahr Thristi 1325 den 21ten Bugust ertheilt hat, worinn er eben die bürgerliche Privilegien denen (dies sind seine eigne Worte) die vor oder außer der Stadt Gießen, wohnen, verstattet, welche die Bürger innerhalb der Mauern genießen. Daraus ist also wahrscheinlich, daß die Stadt lange zuvor, und zwar zu den Zeiten der heil. Elisabeth schon ge-^ wesen sey, welches man auch aus dem Blterthum der Mauern urtheilen will. 2 . Die Stadt liegt an einem Grt, der ein alter Sitz unds wohnplatz der Tatten gewesen, .nämlich in dem Theil des Obernhessen, der an die wetterau grenzet, an einem ebenen und sumpfigten, aber doch sehr bequemen Grt, nämlich gegen Mittag 6 Meilen von Frankfurt am Mayn, gegen Bbend eine Meile von Wetzlar, gegen Mitternacht 3 Meilen von Marburg und gegen Morgen zwo Meilen von Grünberg. Diese Lage gibt ihr auch deswegen einen Vorzug vor den übrigen hessischen Städten, weil die Hauptstraße von gantz Hessen, die nach Franckfurt und Speyer führet, mitten durch die Stadt gehet, vermag welcher aus ganz Sachsen und den meisten umliegenden, so wohl mittägigen, als auch Bbend- und Morgendgegenden des gesamten Teutschlands, den Studenten und übrigen Einwohnern der Stadt wöchentlich Briefe durch die sichere Briefposten von ihren Eltern und Bnverwandten überschickt, andere Notwendigkeiten aber durch die postwägen ohne große Kosten zugeführt werden können. Bnfangs ist die Stadt rund und klein gewesen, wie die Merckmale der alten Mauern zu erkennen geben, welche von dem durch die Stadt hinfließenden Wasser eingeschlossen wurden. Sie ist aber hernach, vor dem Jahr 1325, durch räumliche Vorstädte so erweitert worden, daß ihr nun an der gehörigen Größe einer Stadt nichts abgehet. Sie hat 4 Thore nach den 4 Gegenden des Himmels, durch welche sie auch in eben so viele Ouartiere und Hauptstraßen eingetheilt wird. Markt und Bathhaus aber liegen in der Mitte, wie das Hertz oder der Magen in dem menschlichen Körper. Gegen Morgen ist das Nevrweger Thor angelegt, gegen Mittag das Franckfurter, gewöhnlich das Seltzerthor genannt, gegen Bbend das heuchelheimer oder Neustädter Thor, gegen Mitternacht das Marburger oder Wallthor. Ihr Umkreiß ist so groß, daß man die Schoren zu umgehen eine Stunde nothig hat. wegen ihrer vortheilhaften Lage hat sie Philipp der Großmütige im Jahr 1530 mit wall und Graben starck bevejtigen lassen, und dies aus wichtigen Ursachen. Denn es wollte dieser hochweise Fürst, daß Gießen dem gantzen Hessenland zu einer starcken Schutzwehr dienen sollte, wodurch allen Feinden der Zugang zu demselben gäntzlich abgeschnitten würde. Durch Ernst aber, den Grafen zu Solms, ist auf Befehl — 100 — des erzürnten Kaisers der wall und Graben zum Theil zerstört worden, als eben Landgraf Philipp im Jahr 1547 in kaiserliche Gefangenschaft gerathen war, welches an dem Franckfurter Thor ein in Stein unter dem Fürstl. wapen ein- gehauenes Lpigramma des Petri pagani folgendermaßen angezeigt: Nur List, nicht kühne Macht, hielt Philipp gefangen, Uls diesen vestungsbau Macht und Gewalt zerrieb. Doch Ludwig ließ ihn neu zu deiner Lhre prangen, Da man noch siebzig eins zu fünfzehn hundert schrieb, wie fürstlich ist der Uuhm, des Landes Uisse heilen! Herr Thriste, du wirst uns vor Unfall Schutz ertheilen ! zu bauen. Gegen Morgen liegt das alte Schloß, worinn der Hauptmann wohnt, vor einigen Jahren ist auch das Collegium Ludovicianum mit einer fast königlichen Pracht auf- geführet worden. Dieses herrliche Gebäude zieret, gleich dem Jaspis in einem goldenen Uing den ganzen Umkreis der Stadt. Ferner findet sich hier das neue Schloß, welches zum Fürstlichen Archiv gebraucht wird und endlich das mit grosen Kosten von Ludwig dem altern erbaute fürtreffliche Zeug- hauß, das mit allen Urten nöthiger wafenrüstung dergestalt angefüllt ist, daß ihm auch auswärtige Länder einen grosen Vorzug zugestehen müssen. (Fortsetzung folgt.) 3. Die Häuser der Stadt Gießen geben keinen Spanischen Uebermuth oder Italienische Pracht zu erkennen, sondern sind niedrig, von holtz, mit Leimen und Kalk beworfen, und mit Ziegeln gedeckt, haben aber doch wegen der alten vauart ihr Unsehn. Dies gereicht auch der Stadt so wenig zur Unehre, als es Wittenberg dazu gereichte, welches wie die histotie derselben Ukademie lehret, bevor es eine Universität worden, leimerne und mit Stroh gedeckte Häuser hatte, ob es gleich nun an prächtigen Häusern mit andern Städten um den Vorzug streiten kann. Und eben dieses können wir uns von Gießen gewiß versprechen, wenn die Einwohner in ihrem Fleiß, theils neue Häuser zu bauen, theils die alten zu verbessern und zu verschönern fortfahren werden. Ehedem sind zwo Kirchen hier gewesen, die eine, die dem heiligen Selicern gewidmet war, und außer der Stadt auf dem Seltzersberg, ohnweit der Ziegelhütte lag, die aber von Landgraf Philipp, damit sie der vestung, der sie si) nahe war, nicht schaden konnte, niedergerissen worden. Oie andre, welche dem heiligen pancraz gewephet worden, und mitten in der Stadt liegt, ist zwar niedrig und eng, aber doch mit einem hohen Thurn und wohlklingenden Glocken versehen. Indessen beratschlaget man sich eben jetzt bey Hof, einen neuen prächtigen Tempel kirchliche Anzeigen. Gottesdienste In der Ztadtkirche. Sonntag, den 25. Juni, 1. nach Trinitatis, vormittags 8 Uhr: Pfarrer Schwabe. Zugleich Christenlehre für die Ueukonfirmierten aus der Markusgemeinde. vormittags 9 V 2 Uhr: Pfarrer Mahr, vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeinde. Pfarrer Mahr. In der Johanneskirche. Sonntag, den 25. Juni, 1. nach Trinitatis, vormittags 8 Uhr: pfarrassistent h 0 f s m a n n. Zugleich Christenlehre für die Neukonfirmierten aus der Johannesgemeinde, vormittags 9Vs Uhr: Pfarrer Oech- tolsheimer. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer vechtolsheimer. — Mittwoch, den 28. Juni, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer vechtolsheimer. )m Konfirmandensaal (Liebigstraße 56). Sonntag, den 25. Juni, nachmittags 2 Uhr: Taubstummengottesdienjt. Pfarrer vechtolsheimer. T Ankündigungen empfehlenswerter Firmen ^ Carl Loos Kirchenplah 13 :: Telephon 797 Manufaktur- unb Weißwaren Herren- u. Knabenkleiber Irtiu (Italien iKlufifinRrumente ltrnfl illiallier, tfnefien ölutilllph'g Alachl. jjlfurnujpg 9 Lrlrphon 671 .____ in Kleider- r stoffen sowie “ Weißwaren Wollwaren Knrznaren Strickwolle etc. empfiehlt— K. Elle Nord-Anlage 35, Ecke Schottstraße CARL LUDWIG LEIB j KUNSTHANDLUNG • BILDER. : EINRAHMUNGS » GESCHÄFT | VERGOLDEREI KIRCHSTR.2 ANTIQUITÄTEN j A. Siöver, Gießen Seltersweg 16 Ifhren, Gold- u. 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