Gemeinöeblatt sUröie evangelische Kirchengemeinae Gieszew Nr. 24. Gießen, Sonntag Trinitatis, den 18. Juni 1916. 5. Jahrgang. Lebensgemeinschaft. Evangelium des Johannes 15, 5. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibet und ich in ihm, der bringet viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Huf Gemeinschaft ist das Ganze des Zeins aufgebaut. Hllc geheimen Lebenskräfte in Natur und Menschenleben zielen darauf ab. Schwerkraft wie Zentrifugalkraft bewirken den wunderbar harmonischen Zusammenhang des Kosmos, diesen großartigen Gemeinschaftsorganismus aller Welten und Gestirne des Universums, das in Trümmer ginge, sobald ein Glied sich aus dem Ganzen lösen wollte. Im organischen Leben unseres Erdballs ist es nicht anders. Lines hängt vom andern ab, könnte ohne das andere nicht bestehen. Das Tierreich nicht ohne das Pflanzenreich' und dieses ist schon wiederum durch tausend geheimste Beziehungen mit dem Mineralreich verknüpft. In jedem Einzelorganismus wiederholt sich derselbe Vorgang. ,,Der Bebe kann keine Frucht bringen von ihm selber, er bleibe denn am weinstock", der Einzelne nicht ohne Familie, der Staat nicht ohne deren Gesamtzusammenschluß. Das ist das große Gesetz, daß das HII durchzieht. Ulles vergängliche aber, sagt Goethe, ist nur ein Gleichnis, von einem Größeren ist ihm diese Erkenntnis geworden, von Iesus. In seinen einzig dastehenden Gleichnissen hat diese er uns recht eigentlich das Sein und die Gesetze des Gottesreichs enthüllt, das Ewige für unsern irdischen Sinn erschlossen. Däfür ist bas eben angezogene Gleichnis vom weinstock einer der köstlichsten Belege. ,,Bleibt in mir und ich in euch... Ich bin der weinstock, ihr seid die Beben, wer in mir bleibet, und ich in ihm, der bringet viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun!" Da ist es voll enthüllt, das große Gesetz der Lebensgemeinschaft im höchsten Sinne des Wortes. wir haben seit den Bugusttagen 1914 in unserm volksganzen wieder ein vorher ungeahntes Verständnis für das heilige der Lebensgemeinschaft schon hier auf Erden gewonnen. ,,Einer für alle, alle für einen", das ist die große Losung, draußen an der Front wie daheim, wir erleben, daß alles, des Vaterlandes heil und Bettung, einzig von diesem innersten, inwendigsten Zusammenschluß abhängt, wenn so alles Sein und Geschehen im weiten Weltenraum auf dieses eine Grundgesetz eingestimmt ist, könnte es da in unseren Beziehungen zum Ewigen, zu Gott, und dem, den er sandte, anders sein? Das Trinitatisfest feiern wir in diesen Tagen. Der heiligen Dreieinigkeit oder Dreifaltigkeit zu Ehren sind in alter Zeit viele Kirchen errichtet worden, im Namen des dreieinigen Gottes beginnen wir heute noch unsere Gottesdienste und kirchlichen Handlungen. Unser Fest weist uns auf die engste, erhabenste und geheimnisvollste Lebensgemeinschaft hin, die es nur gibt, auf die Gemeinschaft, die zwischen dem Vater, dem Sohne und dem heiligen Geiste besteht. Das Geheimnis dieser Lebensgemeinschaft werden wir nie ergründen, aber gerade in dieser Kriegszeit ist es uns ein reicher Trost, daß wir den Vater haben, der uns ge- schaften hat und allezeit noch schützt und versorgt, der Sohn, der uns durch sein Leiden und Sterben erlöst hat, und den heiligen Geist, der uns in alle Wahrheit leitet. Vas ttreuz im gelöe. vernichtend dröhnt des Krieges ehrner Schritt, Sein weg führt über Trümmer nur und Leichen. Bm Bbhang eines Schlachtfelds, blutgetränkt, wo so viel frisches Leben mußt erbleichen, Steht hoch auf Felsgestein ein Kruzifix, Bingsum die feindlichen Granaten mähen, Zertrümmernd endlich auch das morsche Kreuz, Doch die Gestalt des Heilands, sie bleibt stehen. Lin Wunder scheint's! nun ragt ins Kampfgewühl Ein Denkstein seltner Brt in diesen Tagen. Mit stummem und doch so beredtem Mund hat jenes Bild ein heilig Wort zu sagen: „wenn alles bricht, wenn ihr, fürs Vaterland verblutend, euer Leben gebt im Kriege, Ich bleibe, — der für euch sein Leben gab, Und bring euch ewgen Trost von meinem Siege!" Nun blicken sie auf ihn in letzter Bot Und sehen ihn, mit ausgestreckten Brmen, wie er sie alle, alle fest umfaßt In seiner Liebe göttlichem Erbarmen. — 94 Das harte Kreuz, - es liegt zu Füßen ihm, -- Er lebt, und mit ihm alle, die ihn lieben! Balb rühmen sie mit ungezählter Scfyar: „Das Kreuz zerbrach, — der Heiland ist geblieben! vorbei der Kampf, der letzte Feind besiegt, Weit unter uns blieb alle Leidensschwere, Die Last des Kreuzes, die uns wund gedrückt, Und. nur der Heiland blieb! Ihm sei die Ehre!" Und wir daheim? — wir legen alles Leid, Und dieses Weltenkrieges blutge Schmerzen Zu Füßen dem, der für uns überwand, Erbitten Stegeskraft an seinem Herzen. Wie bald ist dieses ganzen Lebens Kampf, Der Druck, der unsre Kräfte aufgerieben, vorüber! und dann gilt's in Ewigkeit: ,,Das Kreuz zerbrach, der Heiland ist geblieben!" Gräfin Helene Waldersee. Ein Brief von Missionar Heinrich Walther. Unsere Leser erinnern sich noch dankbar der schonen und anschaulichen Schilderungen, die unser Landsmann Heinrich Walther aus Beuern, seit 1911 als Missionar im Dienste der ,,Evangelischen Missionsgesellschaft in Lasel", vor dem Kriege im „Sonntagsgruß" über seine Rrbeit und über Land und Leute in Kamerun veröffentlicht hat. Leider haben wir seither seit Rusbruch des Krieges nichts von ihm gehört, wir erfuhren nur, daß er wie die übrigen Kameruner Missionare in französische Gefangenschaft geraten ist, und wir waren über sein Schicksal recht besorgt. Uun lesen wir im Organ der genannten Missionsgesellschaft, dem „Evangelischen Heidenboten", einen Brief, den Walther an den Herausgeber des Blattes, Pfarrer und Missionssekretär Hans Unstein in Lasel, gerichtet hat. Nach diesem Lriefe befindet sich Walther jetzt als Gefangener zu Mediouna in Marokko. Lein Brief, den wir mit freundlicher Erlaubnis des Herrn Pfarrers Unstein hier veröffentlichen, hat folgenden Wortlaut: Mir geht's gesundheitlich, Gott sei Dank, noch ganz gut. Krank bin ich bis jetzt noch nicht gewesen, und dieses treibt mich zum Loben und Preisen. Ich kann den Vers aus dem Lied „Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren" so ganz mitsingen. „Lobe den Herrn, der künstlich und fein dich bereitet, der dir Gesundheit verliehen, dich freundlich geleitet. In wie viel Lot hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet." - Um 4. Juli 1915 verließen wir Ubomey, um nach Marokko überzusiedeln. Da aber der Dampfer, der am 5. Juli von Totonou abging, nicht alle Kriegsgefangenen nehmen konnte (etwa 320), da noch französische Besatzung an Bord war, so mußten die Herren von den Buchstaben R —Z in Totonou Zurückbleiben. Zu diesen gehörte auch ich. Und so blieben wir noch fünf Wochen in Totonou liegen, bis am 9. Uugust ein anderer, kleiner Dampfer kam („Tibet") und uns nach Easablanca brachte. Un manchen französischen Häfen liefen wir an, und auch an der englischen Stabt Uccra, wo unsere Mission tätig ist, hielten wir für kurze Zeit. Wie wenig Verkehr fand ich da, welch ein Unterschied bei meiner Uusreise und jetzt. Wie mußte ich an unsere schöne Urbeit und an unsere Geschwister, die dort tätig sind, denken. Um 18. Uugust kamen wir abends gegen 9 Uhr in Dakar an. Unvergeßlich wird mir der schöne Ubendhimmel an diesem Tage sein. Nachmittags etwa um 3 Uhr hatten wir ein Gewitter. Nach demselben klärte sich der Himmel, vor der untergehenden Lonne stiegen Tausende von kleinen Wölklein am Himmel auf, die einer Lchafherde ähnlich "sahen. Die untergehende Lonne nun färbte diese Wölklein ganz rot, so daß man sich unwillkürlich in eine blühende Heidelandschaft versetzt meinte. Dazwischen war dann vereinzelt noch eine schwarze Wetterwolke z!u sehen, die dann die Bäume markierte, die in der Heidelandschaft sich erheben. Uuch andere Bilder waren zu sehen, wie eine brennende Stabt, ein Lee usw. Wie friedlich sah dieses aus, und meine Gedanken gingen wieder zu den Völkern, die in Unfrieden miteinander leben und sich zerfleischen. Möchte es bald Friede werden! — Um 26. Uugust kamen wir in Tasablanca an, von wo wir am 1. September hierher nach Mediouna übersiedelten. In einem großen Hofe, der von einer sehr hohen und dicken Mauer umgeben ist, sind wir in Zellen untergebracht. Diese Mauer kann schon einige hundert Jahre alt sein und wird wahrscheinlich von den Berbern erbaut sein. 33 Zelte an der Zahl sind hier aufgeschlagen worden. In jedem Zelt liegen etwa zehn Mann. Unser Lager liegt an einer großen Karawanenstraße, auf der man täglich große Karawanenzüge sieht. Die Kamele sind immer schwer beladen, viele Bilder erinnern uns ganz an die biblischen Bilder, da die Leute hier auch so ähnliche Kleider haben, wie im Morgenland. 5o sah ich einigemal einen Mann mit einem großen Kleid angezogen, mit Sandalen an den Füßen, auf dieser Straße einen Esel führend. Uuf diesem saß eine Frau ganz weiß eingehüllt, das Gesicht gänzlich bedeckt, in dem Urm ein kleines Kind haltend. Ganz die Flucht nach Uegyp- ten. Tin ähnliches Bild, wie die Jünger von Emmaus habe ich auch schon mehreremal gesehen und andere mehr. Im Feld ist eine großartige Blumenflora in det gegenwärtigen Zeit, fast wie zu Haus im Monat Mai. Es sind heimische Garten- und Wiesenblumen. Erstere wachsen hier wild. Da sind es die schönen Schwertlilien, Narzissen, Goldblumen usw. von den Wiesenblumen sind es die Gänseblümchen, Hahnenfüße, Wiesensalbei, Wiesenschaumkraut und andere mehr, welch eine Pracht! Ein kleiner Ersatz für die Heimat. Ruch heimische Vögel treffen wir hier, die nur vorübergehend hier sind, wie die schimmernden Lchwarzröcke, die Stare, Lerchen, Störche usw. Ruch treffen wir als heimischen Gesellen unfern heimischen Zperling hier an, der schon in früher Morgensonne seine Töne erschallen läßt. Die Nächte hier sind noch ziemlich kalt. In der letzten Nacht war wieder, wie schon einigemal, eine dünne Eisschicht auf dem Wasser. Ueber Tag ist es schon ziemlich warm hier. Der Gesundheitszustand war durch diese kühlen Nächte etwas besser geworden, vermute aber, daß, wenn die Wärme wieder zunimmt, die Krankheitsziffer wieder größer wird. - Rls Rrbeitsfeld ist mir wieder die Krankenbehandlung zugeteilt worden. Leit dem 3. Dezember 1914 darf ich den Kameraden dienen, vor einigen Tagen hielt ich meine 54. Nachtwache. Meistens waren es Lchwarzwasserkranke, bei denen sich diese Wachen vollzogen. Freilich ist Rbomey damit eingerechnet. Der Herr hat mir immer Kraft gegeben, daß ich dieses tun konnte. — Darum dürfen wir. auch hier Gottesdienste halten. In Rb- wechslung mit den Bremer Brüdern halten wir alle vier Wochen (im Rnfang alle 14 Tage) Gottesdienst. Leider ist das Bedürfnis nicht so groß! — Rllen Brüdern hier geht's so ziemlich gut. Herr Kaufmann und Becher haben ein Lchwarzwasser durchgemacht. Herr Link hatte Dysenterie. Leidet gegenwärtig noch am Herzen. Herr Nagel, Klotz, Messner, Nestele und Leithäuser waren fast noch nicht krank. — 95 — Herr Jungmann litt auch längere Zeit an Fieber, ist aber jetzt wieder ganz hergestellt. Buch den Bremer Brüdern geht's ganz gut. — würden Sie so freundlich sein und meinen Lieben in der Heimat Beuern bei Gießen (Hessen) mitteilen lassen, daß mir’s noch ganz gut geht. — Und nun Gott befohlen, Gott sei bei Ihnen und segne Sie! Grüßen Sie, bitte, Ihre Frau Gemahlin, sowie Ihre Lieben alle herzlich von mir, alle Herren des Komitees, Herrn Inspektor Dettli, alle Brüder, alle Hausgenossen im Missionshaus, meine Freunde durch den Heidenboten, seien Sk aber aufs herzlichste gegrüßt von Ihrem dankbaren Heinrich Walther. * * * Uebrigens möchten wir bei dieser Gelegenheit alle Freunde der Basler Mission, die hier und in Umgebung ja zahlreich vertreten sind, auf den „Evangelischen heiden- boten" Hinweisen. Das Blatt, das monatlich erscheint, bringt viele interessante Berichte aus den einzelnen Brbeitsgebieten der Basler Mission, die leider durch den Krieg sehr behindert ist. Erfreulich ist, aus dem Gabenverzeichnis des Blattes zu entnehmen, daß auch aus Deutschland während des Krieges noch recht viele Beiträge für die Mission eingehen. Sonnenandacht. Ueber den letzten Häusern der Stabt am Bande von Kartoffel- und Gemüseland . und grünen Bleichen ging die Sonne unter. Nicht als glühroter Ball, der mich stets an die „Luftbälle" erinnert, wie sie,' an dünnem Faden gehalten, gegen den Himmel stehen über den Kopsen glückseliger Kinder. Nein, die Sonne glich in dieser Scheidestunde einem wunderbar seelenvollen Buge, ausgießend einen Strom von Licht, das warme Schatten auf die grünen und braunen Bckerstücke legte, das die angrenzenden Felder mit Goldtupfen und Goldstreifen verzierte und in einen schimmernden Dämmerflor die Ferne hüllte mit der blauschwarzen Wälderkette im Hintergrund. Gottes Buge! — wie kann ich es mir anders denken, als in solcher Buhe und Schönheit über seiner Welt und seinen Geschöpfen wachend! Unsere Vorfahren haben die Sonne (im Sonnengott Baldur) heilig gehalten und angebetet. Ich kann solche Gottheitverehrung nicht als Götzendienst auffassen! Leben, dienen und opfern, heißt Gott dienen und opfern. Vor einem toten holzbild mit der Hohlheit vollkommner Ohnmacht Knien und bitten: das allein bedeutet Götzendienst! Denn die Natur, wie die Welt des Himmels, trägt und verkündigt Gottes Geist, lebendig und glaubwürdig. Die Blten Haben die ewige Wahrheit unmittelbarer besessen, als wir in unserer unruhigen Zeit, die die Gedanken treibt und jagt und vorwärts drängt, daß sie verwirrt und zerstreut sind vor Gottes Thron. Ls war menschlich begreiflich, meine ich, daß unsere Vorfahren viele Götter besessen haben! Bllvater Wodan wollten sie nicht nahen mit ihren kleinen und großen Böten des Blltags, aus Ehrfurcht und dem Gefühl menschlicher Kleinheit gegenüber seiner göttlichen Hoheit! So schüfen sie sich ihre Hausgötter, die mit ihnen weinten und litten und mit ihnen froh waren. Bus begrenztem Menschenkönnen und -wollen hervorgegangen, besaßen sie aber auch deren Schwächen und Fehler. Und was waren diese Götter anderes, als ein reines Bbbild ihres Menschentums! Bus eigner Machtvollkommenheit konnten sie das Korn nicht segnen, daß seine Behren voll goldner Körner wurden, und die Weinrebe, daß sie sich beugte unter der Last funkelnder Trauben, vor Krankheit und Tod konnten sie nicht schützen, weil sie selbst beidem unterworfen waren. Im letzten Grunde war doch Bllvater Wodan*) des Lrdenvolkes gewaltiger Schutzherr! Line Helle Sonnenseite besaß die Götterverehrung der alten Germanen doch : sie gewann dem Himmelsherrn ihre Seelen, ganz und ohne Falsch. Ungetrübt und unbeschwert vom Blltag, versammelten sie sich an geweihter, stiller Waldstätte ; im weiß wirbelnden Opferrauch, im Bosenschein der Gpferflamme erlebten sie ihre höchste und heiligste Gottheit und neigten, umbraust vom Orgelton der alten Buchen und Lichen, das Bntlitz vor ihm, wunschlos, glücklich, friedevoll. Das Kriegsschicksal schreitet jetzt durch die Lande,' an alle Herzen klopft es, Wunden schlagend, eine schmerzvolle Lrnte haltend und lehrt uns, aufmerksamer die gewaltigen Ereignisse schauen, gewisser und vertrauensvoller an Gott glauben, der in ihnen lebt und allmächtig herrscht. Line unschätzbar schöne Erkenntnis hat sich nach und nach in meinem Herzen eingewurzelt, daß, in der heiligen Schrift und in der Natur, deren unvergängliches inneres Wesen, von Tag zu Tag neue Lebenskraft empfangend, wir nicht wahrzunehmen vermögen, das lebendige Wort Gott ist, in seiner Baumweite und Bb- grundtiefe, in seiner Sonnenhelle und ernsten Größe! Ich schaue in das flammende Lichtmeer. Nur für einen Bugenblick, Menschenaugen können solchen Glanz nicht lange ertragen. Bber noch durch die geschlossenen Lider hindurch spüre ich die Pracht bis ins Herz hinein und erkenne und verstehe, nie wahrer als in diesem Bugenblick, das Jesus- wort von der Seligkeit des Nichtschauens und doch Glaubens! Ich habe Gott früher mit Händen greifen, meine Hand, wie der ungläubige Jünger, in seine Seiten legen und seine Hand fassen und fühlen wollen. Lin anderes Fassen und Fühlen hat mich die Menschenseele gelehrt: kann ich mir von ihr ein Bild machen, ein Menschenbild mit Leib und Gliedern ? Und doch nehme ich sie wahr im Lächeln des Mundes und der Bugen, im freundlichen Werk der Hände, im warmen Wohllaut der Stimme, die Seele, das zarte Gebilde des Lichts ! Sollte die Gabe nicht eine Bhnung einflößen können von der himmlischen Herrlichkeit des Gebers! — Lin lieber und werter Freund unseres Hauses hat einmal sehr schön und innig von unserem zukünftigen Leben gesagt, „daß wir aufgelöst werden sollen in Gott," die wir ein Teil von ihm sind, Kraft von seiner Kraft, Geist von seinem Geist! — Die Sonne ist hinabgesunken, von ihrer verschwenderischen Lichtfülle weilen noch Spuren allerorten: leuchtende Grüße vom Jenseits, wo der Friede daheim ist an den wassern ewigen Lebens. K. Worte zum Nachdenken in der Nriegrzeit. „Je mehr jetzt ein jeder in seinem engeren Kreise erschüttert ist und fühlt, daß dieser nicht für sich bestehen kann, desto mehr strengt auch jeder sich an, mehr ins Große und in die Ferne zu sehen,' je mehr alle Bücksichten auf das unmittelbar Nächste vergeblich werden, desto lieber sucht jeder seine Bestimmung und Haltung in den größeren Verhältnissen und lernt mutig die Grundgesetze der Weltregierung ahnen. - Je mehr die Bnhänglichkeit an die Kleinigkeiten des Lebens verschwindet, desto verständlicher wird die *) Lkandinavisch: Odin, bei den Oberdeutschen: Wuotan. - 96 — edle und große Handlungsweise der Frommen, und Aufforderungen auch zu den größten Aufopferungen und den schwersten Tugenden dürfen sich hervorwagen und einer freundlichen Aufnahme gewärtigen. So ist es hie und da wirklich, und so sollte und könnte es überall sein, wenn nur mit dem richtigen Geist und Sinn diese Zeit ausgesaßt würde. Ja, es wäre natürlich genug, wenn jetzt eine Stimmung herrschen würde, den größten und herrlichsten Zeiten des Ehristentums ähnlich." Schleiermacher. * * * Der Krieg, der nicht für Kaub und Eroberung geführt wird, sondern für das Vaterland und für die Freiheit, ist ein heiliger Krieg, und die Menschen müssen alle ihre Herzen und Gedanken zu Gott und zum Himmel erheben,- denn durch Frömmigkeit und Treue allein werden sie die Verruchtheit und Treulosigkeit besiegen. Dieses Vaterland und diese Freiheit sind das Kllerheiligste auf Crden, ein Schah, der eine unendliche Liebe und Treue in sich verschließt, das edelste Gut, das ein guter Mensch auf Erden besitzt und zu besitzen begehrt. Kuf denn, redlicher Deutscher! Bete täglich zu Gott, daß er dir das Herz mit Stärke fülle und deine Seele entflamme mit Zuversicht und Mut, daß keine Liebe dir heiliger sei als die Liebe des Vaterlandes, und keine Freude dir inniger sei als die Freude der Freiheit. Ernst Moritz Krndt. Uleine Mitteilungen. Unsere Kirchenbesucher seien darauf aufmerksam gemacht, daß die am Eingang unserer Kirchen aufbewahrten Gesangbücher nicht für unsere Gießener Gemeindeglieder, sondern für auswärtige Kirchenbesucher, besonders für Soldaten, bestimmt sind. Die gute, alte Sitte erfordert, daß jeder, der am Orte wohnt, sein Gesangbuch selbst mitbringt, und es ist jedem, der christlich empfindet, erfreulich, wenn er an Sonn- imd Feiertagen recht viele Menschen mit den Gesangbüchern in der Hand über die Straße gehen sieht. Ueber das Zahlenverhältnis der Konfessionen im Klick auf den Weltkrieg gibt die „Evangelische Kirchenzeitung" einige interessante Daten. Darnach zählte man im Jahre 1910 in Deutschland bei 64 925 933 Einwohnern 39 991 421 Protestanten und 23 821 453 Katholiken. 3n Gesterreich-Ungarn sind von 51 390 223 Einwohnern 39 305 470 Katholiken und 4 556 500 Protestanten, außerdem 4 479 646 Griechisch- Orthodoxe und 2 258 013 Juden. Daher gibt es in den verbündeten Mittelstaaten, in Gesterreich-Ungarn und Deutschland, zusammen 63 126 922 Katholiken und 44 547 921 Protestanten, also eine starke Mehrheit der Katholiken. 3m Vierverband ist das Zahlenverhältnis noch bezeichnender. 3n Frankreich 30 Millionen Katholiken gegen 650 000 Protestanten, in Belgien 7 Millionen Katholiken gegen 160 000 Protestanten, in Kußland (abgesehen von 116 Millionen Orthodoxen) 11 Millionen Katholiken gegen 7 Millionen Protestanten, in 3talien 35 Millionen Katholiken gegen 1 Million Protestanten, in England 38 Millionen Protestanten gegen 6 Millionen Katholiken. Zusammen also 89 Millionen Katholiken gegen 47 Millionen Protestanten. Nichts vermag somit das grundlose Gerede vom „Konfessionskrieg" besser zu entkräften als diese Zahlen. kirchliche Anzeigen. Gottesdienst. 3n der biadlkirche. Sonntag, den 18. Juni, Trinitatisfest. vormittags 8 Uhr: Pfarrer Mahr. Zugleich Thristenlehre für die Ueukonfirmierten aus der Matthäusgemeinde. vormittags 9 Y k Uhr: Pfarrer Schwabe, vormittags 11 Uhr: Militärgottesdienst. Pfarrer Schwabe. Nachmittags 2 Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde. Pfarrer Schwabe. — Mittwoch, den 21. Juni, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer Schwabe. 3n der Zohannestirche. Sonntag, den 18. Juni, Trinitatisfest. vormittags 8 Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. Zugleich Thristenlehre für die Neukonfirmierten aus der Lukasgemeinde, vormittags 9 V 2 Uhr: Pfarrer Kusfeld. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Johannesgemeinde. Pfarrer Kusfeld. Kbends 8 Uhr im Johannessaal: Versammlung und Bibelbesprechung. Samstag, den 17. Juni, abends 8 V 2 Uhr, in der Stadtkirche: Vortrag des Pfarrers hilbrandt aus heilsberg über Ostpreußen. f Ankündigungen empfehlenswerter Firmen ^ Carl Loos Kirchenplatz 13 :: Telephon 797 Manufaktur- und Weihwaren Herren- u. 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