Nr. 23. Gissten, Pfingsten, den 11. Juni 1916. 5. Jahrgang. Pfingsten im zweiten Nriegsjahre. 2. Brief des Apostels Paulus an Timotheus 1, 7. Gott hat uns nicht gegeben bcu Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Zucht. Ernst denkende Leute unseres Volkes erwarteten vor dem Kriege das Anbrechen eines neuen Pfingstfestes. Der Wunsch war nicht unberechtigt. 5o, wie es war, konnte es nicht weiter gehen. Der Geist der Diesseitigkeit hatte' die Herrschaft im deutschen Volke und drohte, es seinem Untergang entgegenzuführen, Sinnenlust, Genußsucht in jeder Form, Materialismus gaben den Eon an. wenn es auf diesem Wege weitergegangen wäre, so wären Zeiten heraufgestiegen, wie sie dem Untergange des römischen Volkes vorangingen. Uber wie sich das ändern sollte, das vermochten jene Leute nicht zu sagen, wie man sich das Unbrechen des neuen Pfingstfestes vorstellen sollte, das war ihnen verborgen. Da kam der Krieg. Mit einem Schlage gewann das Antlitz unseres deutschen Volkes ein anderes Aussehen. Der Geist des Materialismus wich. Der höchste Idealismus trat an seine Stelle; denn der Kampf für das Vaterland ist der höchste Idealismus. Der Geist der Selbstsucht, der weite Kreise des Volkes beherrscht hatte, und zwar nicht hauptsächlich die wohlhabenden, sondern mindestens ebenso sehr die um ihr tägliches Brot kämpfenden, verschwand. Ls hob eine Gpferfreudigkeit ohnegleichen an. Männer und Jünglinge gaben Beruf und Familie auf und stellten sich dem vaterlande zur Verfügung. Mütter, Gattinnen und Bräute opferten das Liebste und Notwendigste, was sie besaßen, ohne Murren, ja mit Freuden als etwas Selbstverständliches. Der Geist der Diesseitigkeit, der sein Ulles sucht in dem Leben dieser Welt mit ihrer Schönheit, ihren Gütern, ihrer Urbeit, ihrem Genuß, auch mit ihren Leiden, war verschwunden, und Klänge wurden wieder angeschlagen, die aus der Ewigkeit herübertönten. Gedanken wurden wieder laut, die jahrzehntelang kaum heimlich gedacht worden waren. Eine Sehnsucht stieg wieder auf nach einem Lande und nach einem Leben, die man lange Zeit nur mit Spott oder mit bedauerndem Achselzucken vernommen, war dies das neue Pfingsten, auf das jene nachdenklichen Menschen unseres Volkes gehofft? Fast schien es so. Dankbar gedenken wir auch heute noch und werden immerdar gedenken der großen Augusttage des Jahres 1914 und all des vielen Großen und Gewaltigen, was wir seit jenen Tagen in unserem Volke erlebt haben. Es wird diese Kriegszeit trotz all des Schweren, was sie im Gefolge hatte, doch immer eine unvergleichlich große und herrliche Zeit genannt werden müssen. Aber das erwartete neue Pfingstfest mit seiner nochmaligen Geistes- ausgießung und Geisteserneuerung ist es doch nicht gewesen, auch nicht geworden. Es war nur ein Hervorbrechen der Geisteskräfte, die in der Seele des deutschen Volkes lagen, nur ein Forträumen des Schuttes, der die herrlichen Güter bedeckte, die unser Volk sein eigen nennt. Es war ein wiederaufglänzen der Flammen, die zusammengesunken waren und unter der Asche zu ersticken drohten. Eine neue Ausgießung des heiligen Geistes, wiie sie an jenem ersten psingsttage in Jerusalem erfolgte, ist es nicht gewesen. Eine solche wird nicht wiederkommen, braucht auch nicht wiederzukommen. Der Geist Gottes ist jetzt in der Welt. Er hat auch seine Kraft nicht verloren. Sie zeigt sich bei allem Guten und Großen, das es in der Welt gibt, auf welchem Gebiet es sich auch ereigne. Sie hat sich gezeigt in der Opferwilligkeit beim Kriegsausbruch. Sie zeigt sich in der Rückkehr Tausender von Männern an der Front zur alten Frömmigkeit und zum Glauben der Kinderjahre. Sie zeigt sich nicht minder in dem tapferen Aushalten aller Glieder unseres deutschen Volkes bis zu dem endgültigen Siege. Es kommt nur darauf an, daß dem vorhandenen und immer wieder sich offenbarenden Geiste Gottes die Bahn gemacht werde. Das können und das sollen wir tun. Daran mahnt uns das Pfingstfest, wir wollen nicht warten auf eine neue Offenbarung des pfingstgeiftes, sondern wir wollen nur dafür sorgen, daß dem vorhandenen eine reichliche Gelegenheit zur Auswirkung gegeben werde. Das Wort Gottes ist sein Träger, die Kirche ist sein Grt. Darum wenn die pfingstglocken über das Land klingen, wenn die pfingst- gemeinde sich in den Kirchen sammelt, so wollen wir dafür sorgen, so viel wir vermögen, daß dem Geiste Gottes in uns und in unserm Volke Bahn gemacht werde, und daß alles aus dem Wege geräumt werde, was seine Entfaltung hindert. - 90 — Psingstgeist. 2. Tim. 1. 7. Gott gab uns nicht den Geist der bangen Furcht, Der Rngst, die nimmer Großes lasset wagen, Den Geist, der nur das Feuer dämpfen kann, Vas brannte in den ersten Kampfestagen, Rls Deutschlands tapfre Heere losgestürmt, Den Rnprall kühn in Ost und West bezwungen, Und dank dem Mute der Begeisterung Mit Macht in Feindesland tief eingedrungen. Gott gab statt Furcht den Geist der Kraft, Der nicht gebunden sein muß an die Masse, Der alles niederzwingen, wälzen sollt' In wildem ungestümem Drang und Hasse, Im Osten kurz anfangs Erfolg erzielt Und laut gejubelt: alles sei gewonnen! Und doch im Grunde gleich die Zach' verspielt, weil nur mit Frevel ward der Kampf begonnen. Ruch weil der Geist der Liebe da gefehlt, Die schließlich doch das Beste hier auf Erden, Und opferwillig Herz und Zinn beseelt, Und durch nichts Besseres ersetzt kann werden, Die unserm Heer und in der Heimat auch Die Kraft gab, alles willig hinzugeben, Den wunderbaren Heldengeist erzeugt, Fürs Vaterland zu lassen selbst das Leben. auch hat die etwas ältere Zchwester dem jüngeren Bruder aus einer Klemme irgendwelcher Rrt geholfen,' wie oft wohl auch vor Torheit bewahren können, sie war ihm die vertraute, von der er Mußte, daß sie nicht nur Gespielin, sondern auch selbstlose Helferin in allen Zchwierigkeiten des Kinderlebens war. Rm schönsten ist wohl der aufopfernden Zchwesternliebe ein Denkmal gesetzt in dem Drama von Zo- phokles, der „Rntigone", der griechischen Königstochter, die sich für den toten, unbestatteten Bruder opfert, indem sie ihn heimlich bestattet und sich so die Todesstrafe von seiten des Herrschers Treon zuzieht. Rus ihrem Munde stammt das Wort: zum Lieben, nicht zum Hassen ward ich geboren. Diese Liebe hier schließt alles Begehren aus, sie will sich nur selbstlos betätigen, für die Geschwister zunächst, und in weiterem Zinne für die Brüder und Zchwestern, die ihrer im ganzen -großen Leben bedürfen, d. h. für alle Leidenden und Zchwachen. Zo ist der schöne Zchwestername übergegangen auf diejenigen, die es sich als Lebensberuf und Ziel setzten, der kranken Menschheit zu dienen. Mögen alle die, die diesen Zchwesternamen tragen, in Wahrheit eine Zchwesterseele in sich bergen, die nichts anderes begehrt, als in der einen großen Familie der Zchwachen und Kranken im Zegen zu wirken, nicht bloß in leiblicher Hilfe durch pflegen und verbinden von Wunden und Zchäden mancherlei Rrt, sondern auch in ber pflege irrender, Gott entfremdeter Zeelen. Baronin R. Gott gab den Geist der Kraft und Lieb' und Zucht, Der Disziplin, dem deutschen Heer zu eigen, vom Feind verspottet, doch im wert erkannt, Der nicht so leicht und schnell sich läßt erreichen. „Militarismus" hat man ihn genannt, Den „Preußengeist", der fähig macht zum Ziege, Und der allein dem deutschen Vaterland Durchhalf in diesem schweren Weltenkriege. Zo lange dieser psingstgeist weiterlebt In unsern Reih'n daheim und draußen, Zo lang er herrschen wird im deutschen Volk, Dies machtvoll feuerschürend Windesbrausen — Und wenn der Geist auch nach dem Frieden bleibt, — Dann Deutschland brauchst du nicht zu zagen, Dann führt dich Gott der Herr durch Nacht zum Licht, Zu neuen Zielen in der Zukunft Tagen! h- _ R. H. Die Schwester. Ein Bruder und eine Schwester, Nichts Treu'res trennt die Welt; Kein Goldtrettlein hält fester, Als eins zum andern hält. Zwei Liebsten oft sich scheiden, Denn Minne, die ist voll Wank'; Geschwister in Lust und Leiden Sich halten ihr Leben lang. Paul Heyse. Ist die Stellung der Zchwester im Familienkreise nicht eine einzig schöne, ja unersetzliche? Kann sie nicht oft mit einem Zonnenstrahl verglichen werden, der im ganzen Hause vom Boden zum Keller, bis in die Ecken und Winkel hinein leuchtet und frohe Herzen schafft? Vas Verhältnis der Geschwister untereinander kann lebenslang zu dem Beglückend- sten gehören, was es im Leben gibt. Zchon daß man demselben liest entstammt, die gleichen Kindheitserinnerungen durch das Leben trägt, verbindet für dies Leben, wie oft Erinnerungen eines alten Mannes. 25. Der Jugenheimer Tintenkrieg, von Generalarzt a. D. vr. Otto Kappesser in Varmstadt. lZchluß.) Nun kehre ich wieder zu meinem ersten Vorhaben zurück. Ostern 1848 habe ich die Landesuniversität Gießen bezogen. Das war eine verwunderlich neue Welt, die sich da ganz unvermittelt in den Gesichtskreis des aus ländlicher Umgebung stammenden, noch nicht l 8jährigen drängte, und von der Kinder unserer heutigen Zeit sich nur schwer ein Bild machen können. Fast urplötzlich war ein Zturm durch die Welt gebraust, der alles Bestehende in seinen Grundfesten erschütterte und alte, langvergessene Gedanken und wünsche wieder wachrief. Die ganze seitherige Weltordnung schien sich wieder als Thaos am ersten Zchöpfungstage in seine Elemente aufzulösen, da denn niemand wußte, was sich noch herauskrpstalli- sieren werde. Man denke nur und stelle sich das vor, wie vor unseren Rügen die ehrbaren Herren Professoren, ein Bischofs, Eredner, Liebig und wie sie sonst noch hießen, mit geschultertem Regenschirm mit andern in Reih und Glied draußen auf dem Trieb standen und sich von polternden alten Unteroffizieren in die Geheimnisse der Kriegskunst einweihen ließen! Eine Polizeistunde gab es schon gar nicht mehr, und ins „Loose Höfche" gab es keine Grenze zwischen Tag und Nacht. Zeit die akademische Gerichtsbarkeit zu den überwundenen Ztandpunkten gehörte und die weltliche Obrigkeit zögerte, den verlassenen Richterstuhl des braven Trpgopho- rus *) mit zu übernehmen, stand der Karzer plötzlich ver- lassen, so daß die Zpinnen ihre Werkstätte darin aufschlagen konnten. Rls ich nun im Herbst in meiner würde als Civis aca- demicus zum erstenmal in die Heimat kam, fand ich dort im *) Früher Universitätsrichler. — 91 (Engeren genau wieder, was ich draußen in der Welt gesehen und erlebt hatte. Kuch hier war alles Bestehende in Frage gestellt. Die Dorfschast hatte sich in zwei Parteien geteilt, eine schwarze, zu der wohl zumeist die Besitzer der besten Kecker und Weinberge sich bekannten und mit dem seitherigen einigermaßen zufrieden waren, und eine rote, zu der alle andern, insbesondere aber die Enterbten zählten, die ohne Kar und Halm, in den vorherrschend Weinbau treibenden Orten in den 20er bis 40er Jahren hauptsächlich infolge gesetzgeberischer Fehlgriffe aus dem Dorfinnern hinausgedrängt, vor den Toren recht klägliche Knsiedelungen gegründet hatten. Doch gehörten auch einzelne Vessergestellte zu ihnen, meist Heißsporne, die nach mehr Ellbogenfreiheit sich sehnten. Lin Hauptredner war der ,,scheel' Balser" von den eigenen Genossen so genannt, weil er, wie man zu sagen pflegt, mit einem Kuge übers Gerstenfeld sah, d. h. schielte. Der belehrte denn seine eifrigen Zuhörer: Die ganze jetzige Krmseligkeit mit dem vielen Bezahlen und den ewigen Steuern rühre allein von dem viel zu kostspieligen Kegie- rungswesen her. Da hätten sie in Darmstadt eine teure Kaserne für die ,,Schwoleschee" gebaut, wo doch jetzt kein Mensch mehr an Kriegführen denke. Kllein für das Futter, das die müßigen Gäule da verzehrten, was könnte man damit für Kühe halten und Schweine fett machen! So sehr war damals aller Kespekt aus der Welt verschwunden, daß der ,,scheel' Balser" sich eines Tags zu der Behauptung ver- stieg, das viele Geld, das der Großherzog allein für sein bißchen Begieren bekäme, wäre Verschwendung. Er selbst (Balfer) getraue sich, das alles für 20 000 Gulden zu leisten. Kuch an der engeren Heimat übte man strenge Kritik. So fand man, wie es nicht länger angängig sei, daß man dem Pfarrer im Grt, der selbst nur ein Bauernsohn aus dem Nachbarort sei, fernerhin für ein wenig Sonntagsarbeit mit die schönsten Kecker und Wiesen zur Nutznießung überlasse, wo es ohnehin bei dem starken Weinbau an Kckerfeld fehle. Da jetzt jeder von Staatswegen lesen lerne, so könne er seinen meisten Bedarf aus Gesangbuch und Katechismus sich selbst schöpfen. Es wurde ein richtiges Komitee gewählt, das in der Landeshauptstadt für diese Verbesserungen wirken sollte. Kls es aber zur Kusreise kam, waren einigen über Nacht Bedenken aufgestiegen, den andern kamen solche in der ersten Viertelstunde Weges, und die zwei letzten kehrten an der Elsheimer Steige um, weil sie nicht glaubten, es allein fertig zu bringen. Merkwürdigerweise war ein Hauptbetreiber des ganzen Unternehmens ein wohlangesehener jüdischer Grtsein- wohner, der Salme, der sogar bis zuletzt die Geschäfte des Hofjuden in der Pfarr-Gekonomie ausübte, ohne welchen ja solche nicht hätte bestehen können. Sch war später manchmal Zeuge, wenn er, als reuiger Sünder wieder ausgenommen, Neckereien über seine verunglückte politische Tätigkeit ein- sacken mußte. Weiter entdeckte man bei Prüfung des Gemeindehaushalts einen Posten von 2 oder 3 Talern, die der langjährige Lehrer Seebrich aus der Gemeindekasse als Sondervergütung erhielt. Dafür hatte er u. a. die sämtlichen Tintenfässer der Schulbänke gefüllt zu erhalten und für zwei Schreibübungen in der Woche für sämtliche Schüler die Federn, jede mit Namen des Eigentümers versehen, zu verwahren und aufs sparsamste im Schnitt zu erhalten, was nicht ganz leicht war, weil manche statt gezogener Kiele nur die Produkte des heimischen Gänsestalls benützten. Wirklich erinnere ich mich aus meiner goldenen K-B-E-Schühenzeit, daß auf einem Fach Über dem Pult des Herrn Lehrers neben einigen Büchern und einer Neihe weithalsiger Flaschen, in denen er seinen Niesenbedarf an Schnupftabak, mit allerlei Surrogaten angelängt, ,Destillierte", auch eine Flasche mit Tinte stand, die er nach eigenem, bewährten Nezept herstellte. Solche außerordentliche Belastung des Gemeindesäckels konnte natürlich nicht länger geduldet werden. Zumal ja auch jeder Schüler die wenigen Tropfen, deren er für seine Bildungszwecke bedurfte, von zu Hause mitbringen konnte. Es wurde also in wiederholt stürmischen Gemeinderatzsitzungen mit landesüblichem ,,Gekrisch" demgemäß beschlossen. Das hat aber unerwartete Folgen gezeitigt. Nur wenige, vom Glück begünstigte, waren im Besitz der üblichen Tintengläser mit trichterförmig eingebogenem Band. Die meisten brachten ihren Bedarf an Schwärze in den verschiedenartigsten Gefäßen mit: schon lange erblich in der Familie aufbewahrte Krzneigläser, Salben- und Wichstöpfe u. dgl. mußten dazu dienen. Sie alle teilten ihr gebrechliches Dasein mit den anderen Schätzen, die sich für gewöhnlich in den Hosentaschen eines Zungen ansammeln. Dazu kam noch die angeborene Kauflust, und das führte nur zu bald zu empfindlichen Vermögensverlusten mit nachfolgenden, oft unverdienten prügeln. Km schmerzlichsten empfunden wurden aber die unheilbaren Tintenflecke an den Kleidern und besonders an den Schnupftüchern, die jedes Schulkind nach unwandelbarem Beschluß vorzeigen mußte als Ersatz für die sonst zu solchen Zwecken benützten Wamsärmel. Da gab es erst ein dumpfes Gemurr bei den Hausfrauen beider Parteien, das sich bald zum Sturm und zuletzt zum Orkan steigerte, dem auch der freisinnigste Fortschritt auf die Dauer nicht gewachsen war, und so wurde dann, nach abermaligen, stürmischen Sitzungen, allen Krischern zum Trotz, der alte Leiter der Schule in seine vorigen Nechte wieder eingesetzt. Solches war nun gerade kurz vor meiner Heimkehr geschehen und die Wogen der Debatten dafür und dawider gingen noch hoch. Dabei hörte ich immer das vorher nie vernommene Wort vom Tintenkriege. Erst viel später las ich in einer geschichtlichen Kbhandlung, daß es so etwas wirklich schon früher gegeben, und zwar in öen 70er Zähren des 18. Jahrhunderts. Bei den vielen Erbverteilungen des linksrheinischen, nassau-oranischen Länderbesitzes gab es auch einmal in der zweiten Hälfte genannten Jahrhunderts eine Herrschaft Kirchheimbolanden, zu welcher auch einige Nachbardörfer, wie Dintesheim und Eppelsheim gehörten. Bei dem damals beliebten Experimentieren mit Verbesserung des Schulwesens hatte man solches auch dort geplant, was an sich vielleicht ganz löblich gewesen wäre, wobei die Gemeinden für die Kosten auskommen sollten. Die Bauern aber, durch üble Erfahrungen gewarnt, widerstrebten der Einführung jeglicher neuen Steuer und drohten selbst mit Gewalt. Das betagte herrscherpaar, das bis dahin ein behagliches Dasein in seinem Kirchheimbolander Schloß mit dem weitberühmten park geführt, hatte zu größerer Bequemlichkeit mit dem mächtigeren Pfälzer Nachbar eine Krt Erbvertrag geschlossen, wonach dieser ihre Beitragspflicht zum Neichsheer mit übernahm. Wegen kleiner gegenseitiger Häkeleien weigerte aber vorerst dieser Kontrahent den bewaffneten Beistand. Erst als die Kufrüher mit Gewalt vor das Schloß ziehen wollten, wurde eingeschritten und oie Frevler zu paaren getrieben, wobei dann, wie üblich, die Bauern haare lassen mußten. Die Hauptmissetäter wurden an Leib und habe bestraft, andere suchten, wie das ja damals dort zu Lande die Kegel war, ihr heil in Kmerika. Galten doch damals in den nordischen Häfen die Worte Pfälzer und Kuswanderer für gleichbedeutend. 92 — (Einer der Hauptführer war aber ein Schuster in Eppelsheim, und danach erhielt der ganze Putsch die Bezeichnung E p - pelsheimer Tintenkrieg. Vieser Sturm im Glase Wasser war dann bis selbst auf den Namen vor den wuchtigen Ereignissen um die Jahrhundertwende der Vergessenheit anheimgefallen. Und nun, bald 80 Jahre nachher, war fast 10 stunden davon in einem ebenfalls nassau-saarbrückischen Dorf das vergessene Wort wieder zum neuen Leben"erwacht. Vas hat dem braven, alten Hüter des vonnersberger Waldes doch recht gegeben. Und so will jetzt diese schon allzulange Epistel schließen mit den Worten des Dichters: Klles vergängliche ist nur ein Gleichnis,' Vas Unzulängliche, hier wirds Ereignis,' Vas Unbeschreibliche, hier ist es getan,' Vas Ewig-weibliche zieht uns hinan. Wenn aber ein ungeduldiger Leser zweifelnd mich fragen sollte, wie sich das zusammenreimt, dann kann ich ihm zum Trost nur sagen, daß es mir mit Goethes Faust, II. Teil, bisher nicht besser erging. Kleine Mitteilungen. Das am 27. Mai d. J. erfolgte hinscheiden des Land- gerichtsdirektors Schmeckenbecher bedeutet auch für die evangelische Gemeinde Gießen einen fühlbaren Verlust. Der Entschlafene ist lange Jahre hindurch Mitglied der Gemeindevertretung der Matthäusgemeinde gewesen. Bevor er im Jahre 1909 als Gberlandesgerichtsrat nach varmstadt versetzt wurde, um dann wieder alz Landgerichtsdirektor nach Gießen zu kommen, war er Vorsitzender des hiesigen Zweig- vereins des Evangelischen Bundes. 3n die Landesspnode ist er durch das vertrauen Sr. Kgl. Hoheit des Großherzogs berufen worden. Schmeckenbecher war ein Mann von echt evangelischer Frömmigkeit, und, wie schon seine Betätigung im kirchlichen Leben ausweist, ein Mann von regem kirchlichen Interesse. Vabei war er von sozialem Empfinden erfüllt, einer Neihe von gemeinnützigen Vereinen widmete er seine Kraft und seine durch Berufspflichten kurz bemessene Zeit. Wer ihn persönlich gekannt hat, weiß auch seine Güte und Freundlichkeit zu rühmen. Uls Nichter hat er in verschiedenen Stellungen sehr segensreich gewirkt. Er selbst hat als seine schönsten Nmtzjahre die angesehen, die er alz Nmtsrichter in Gberhessen zugebracht hat, wo er der Bevölkerung in Rechtssachen freundlich und bereitwillig mit seinem Rat gedient hat. Der Heimgegangene war auch ein treuer Sohn der hessischen Heimat, vor seiner Erkrankung weilte er noch einmal im vogelsberg, wo er einst gewirkt hatte. Dort suchte er nach Blumen, die nur in dieser Gegend Vorkommen' er gedachte sie seinem im Mai 1915 in Galizien für das Vaterland gefallenen Sohne auf das Grab zu pflanzen. Dieses Vorhaben ist leider nicht mehr zur Ausführung gekommen. kirchliche Anzeigen. 1. pfingstfeiertag, den 1 1. Juni. Kollekte für die hessische Lutherstiftung. Gottesdienst. In der Stadttirche. vormittags 8 Uhr: Pfarrer Schwabe, vormittags 9Vs Uhr: Pfarrer Mahr, vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für Matthäus- und Markusgemeinde gemeinsam, Pfarrer M a h r. In der Johanneskirche, vormittags 8 Uhr: Pfarrer N u s f e l d. Vormittags 9V? Uhr: Pfarrer B e ch t o l s - he im er. Beichte und heil. Abendmahl für Lukas- und Johannesgemeinde. Anmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten, vormittags 1iy.< Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer. 2. pfingstfeiertag, den 12. Juni. IN der Stadtkirche, vormittags 8 Uhr: pfarrassistent hoffmann, vormittags 91/2 Uhr: Pfarrer Schwabe. Beichte und heil. Abendmahl für Matthäus- und Markusgemeinde. Anmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. In der Johanneskirche., vormittags 8 Uhr: Siehe Stadt- Kirche. vormittags 9 1 2 Uhr: Pfarrer Nusfeld. Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Johannesgemeinde. Pfarrer Nusfeld. _ Mittwoch, den 14. Juni, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. pfarrassistent l) offmann. f Ankündigungen empfehlenswerter Firmen ^ Carl Loos Kirchenplatz 13 :: Telephon 797 Manufaktur- und Weißwaren Herren- u. Knabenkleider q- .^öhr & Co. 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Linker, Ludwigstr. 16 Reparaturwerkstatt f.Nahm aschinen verantwortlich: für den Textteil Pfarrer Vechtolsheimer, für den Anzeigenteil H. Beck; Druck und Verlag der VrühFschen Universitäts. buch- und Steindruckerei R. Lange, sämtlich zu Gieren.