(ÜISptTipiiiiWhiiltt ^4 4 / 4 & £ pltr surme evangelische mu ujoujuimtiut % 1 ’ Gleszew Nr. 20. Gießen, Sonntag Cantate, den 21. Mai 1916. 5. Jahrgang. Abschiednehmen. 1. Brief des Apostels Paulus an die Thessalonicher 4, 17.' Wir werden bei dem Herrn sein allezeit. (Es ist etwas Ernstes und Ergreifendes, wenn Menschen auseinandergehen und sich dabei sagen müssen, daß es vielleicht das letztemal ist, daß sie einander sehen. Eies und innig hat das deutsche Volkslied dem Bbschiedsschmerze Busdruck verliehen. „Bde zur guten Nacht, nun ist der Schluß gemacht, daß ich muß scheiden- Es trauern Berg und Tal, da ich viel tausendmal bin drüber gangen." „Bch, Gott, wie weh tut Scheiden, hat mir mein herz verwandt, ich trabe über die Haiden, bin traurig zu dieser Stund." So hat das deutsche Gemüt schon vor langer Zeit den Gram um das Buseinandergehen empfunden. Mr leben jetzt in einer Zeit, da allenthalben viel schmerzliches Bbschiednehmen zu beobachten ist. Man mag gar nicht mehr auf die Bahnhöfe gehen, weil man dort so viel sieht, das das Herz schwer macht. Es ist jetzt anders auf unseren Bahnhöfen als früher in der schönen Zeit des Friedens. Da sah man, wenn die Züge einliefen oder abfuhren, viel frohes Grüßen und Minken. Die Menschen, die durch die portale der Bahnhöfe gingen - diese portale sind jetzt die Tore, durch die der welt- verkehr ein- und ausflutet —, waren heiter und sorglos, das Leben lachte ihnen, sie hatten Freude am Leben. Es war auch im Beginn der Kriegszeit noch anders. Da widerhallten die großen Hallen und die Bahnsteige von brausendem Leben. Die wehrhafte Jugend, die zum Kampfe auszog, sang „Deutschland, Deutschland über alles", sie grüßte die Zurückbleibenden mit jubelndem Zurufe, sie schmückte sich mit Blumen, sie verlieh ihrem überströmenden Lebensmute in treffender Scherzrede Busdruck. Kun ist es still auf unseren Bahnhöfen. Ernst und schweigsam sind die Krieger, die zum zweitenmal hinaus in das Feld ziehen, sie wissen, wie ernst und schwer der Krieg ist. Und in der dichtgedrängten Menschenschar, die wartend auf dem Bahnsteige steht, sieht man so manche ergreifende Gruppe. Da haben sich zwei junge Ehegatten an der Hand gefaßt, viel sprechen sie nicht mehr miteinander, mühsam kämpft die blasse, junge Frau gegen ihre Tränen an. So warten sie, bis der Zug herandonnert. Dort steht ein Vater, umgeben von seiner alten Mutter, seiner Gattin und seinen Kindern. Leise reden sie miteinander, dann reicht der Vater allen die Hand, noch einmal preßt er seine Kinder an sich, noch einmal küßt er sie, dann steigt er ein zu seinen Kameraden. Der Zug setzt sich in Bewegung, noch gehen die Kinder einige Schritte neben ihm her, dann gleitet er aus der Halle hinaus, ein letztes Minken, und der letzte wagen hat sich der Sicht entzogen, weinend gehen die Kinder nach Hause. Und weinend kommen die Eltern, die den jungen Sohn, hinaus in das Feld geschickt haben, vom Bahnhofe nach Hause, um erneut an die Brbeit zu gehen. So ist jetzt viel Bbschiedsschmerz im deutschen Lande. Man denkt da an das ergreifende Kapitel der Apostelgeschichte, in dem der Bbschied des Bpostels Paulus von der Gemeinde zu Ephesus geschildert wird. Zum letztenmal redet der Gottesmann eindringliche und herzliche Morte zu den Seinen, dann kniet er nieder und betet mit ihnen, sie geben ihm bis an das Schiff das Geleite, dann bleiben sie noch lange am Strande stehen und sehen den blinkenden Segeln und dem immer kleiner werdenden Fahrzeuge nach. Ls ist ein tiefer Schmerz, der Bbschiedsschmerz, wie er jetzt unter uns Tag für Tag erlebt wird, was wird die Zukunft bringen? was hat Gott über uns beschlossen? werden wir noch einmal in Freude und Buhe Zusammenkommen? Diese Fragen erheben sich in den Herzen derer, die von- einandergehen. Bber auch die Frage entsteht: wo finden diese, die voneinandergehen und einer unsicheren Zukunft entgegensetzen, Trost? wir sagen: Nur in Gottes wort. Dieses heilige wort sagt uns, daß die, die hienieden im Heiland verbunden waren, nimmermehr voneinander getrennt werden können. Sie sind unauflöslich mit ihm, ihrem Haupte, vereinigt. Im Leben und im Sterben sind sie sein. Triumphierend über Tod und Bbschiedsschmerz sagt Paulus: wir werden bei dem Herrn sein allezeit. Läßt Gott die, die voneinandergehen, wieder auf Erden Zusammenkommen, so wer- - 78 den jie ihm aus Herzensgrund danken und sich eifrig bemühen, seinen willen zu tun. hat er es aber anders beschlossen, so tröstet sie die Zusage, daß es dort droben ein Wiedersehen gibt, eine Welt, in der man nicht mehr voneinander zu scheiden braucht. Man reicht sich wohl die Hände, Uls sollt's geschieden sein, Und bleibt doch ohne Ende Im innigsten Verein,' Man sieht sich an, als sähe Man sich zum letztenmal Und bleibt in gleicher Nähe Dem Herrn doch überall. h. B. Die Mutter. Da ich noch auf meiner Mutter Schotz satz, Da war es gut für mich, Da war es gut! Siebenbürgisches Lied. wie mag so mancher in den vergangenen Monaten schweren Bingens in der Fremde der Mutter gedacht, mit Zehnsucht und Dank sich erinnert haben, wie gut es damals war, als die Mutter noch ihn hütete und leitete, als noch Mutterhände ihn führten. Mir ist gesagt worden, daß viele unserer jungen Kriegsfreiwilligen, die so mutig und freudig in diesen Krieg hinausgezogen sind, wie es ja gottlob von jeher deutsche Urt gewesen ist, die Urt, die unser Vaterland so stark und schier unüberwindlich gemacht hat, daß diese teuren Jünglinge, die der Stolz und die Zukunstshoffnung ihrer Eltern und unseres ganzen Volkes waren, angesichts des Entsetzlichen, das sie sahen, nach der Mutter riefen! Gewiß ist der Gedanke an die Mutter daheim bei vielen das Letzte gewesen, was sie mit dem Leben verband, dem Leben, das sie bis dahin nur von der Sonnenseite gekannt hatten. wie manche Mutter, bei der Nachricht, daß ihr geliebter Sohn nie mehr heimkehren wird, mag sich in dem Bestreben, seiner so zu gedenken, daß sie ihn finden kann, sich zum Tröste sagen: er ist nach dem Sonnenschein dieses Lebens, nach kurzem Kampfe in das Neich des ewigen Lichtes versetzt, wo ich seiner Seele dereinst wieder begegnen werde. Und ihre treuen Mutterhände brauchen nicht zu ruhen, sie können weiter wirken, die Bugen brauchen nicht müde zu. werden; denn wenn dieser unerbittliche Krieg ihr auch Unersetzliches genommen, kann er ihr nicht auch etwas geben? Brauchen sie nicht alle, die da draußen treue wacht halten, alle, die drinnen ihre Wunden und Schmerzen ausheilen, ob in blühender Jugend oder in reiferen Jahren, bedürfen sie nicht alle treuer betender Herzen daheim, der Mutterherzen? welch seliges Vorrecht der Mutter, zu geben, unermüdlich zu geben, aus dem Schatz reiner Liebe, der in dem Herzen einer jeden echten Frau aufgespeichert ist! Die jetzige Zeit hebt manchen solchen bisher verborgenen Schatz auch bei denen, welchen von Natur der hehre Mutterberuf versagt war,' auch sie umfassen mit weichen Urmen alle, die sich darin bergen wollen. Und es gibt ja so viele, und wird es immer geben an Einsamen, verlassenen - seien es Kinder, die jetzt mit dem Verlust des Elternhauses vielfach jede Verbindung mit ihrer bisherigen Umwelt verloren haben, oder Erwachsene. Es gibt immer Seelen^ die für ein warmes Wort empfänglich sind, mit dem man ihnen die Erinnerung an die eigene Mutier zurückruft. wir wollen auch der Mütter gedenken, deren Sohne schon so lange in dem schwersten Kampfe stehen, den die Welt je sah, der immer erbitterter wird, je länger er währt, wir alle kennen die C)ualen der Sorge in schlaflosen Nächten, der Unruhe des Tages, wo alles Denken nur von einem Gedanken beherrscht wird. Gedenken wir dieser schwer Bedrückten in dem folgenden Verse, der in einem Lieblingslied der lieben Gräfin waldersee enthalten ist: Gott ist getreu in allen seinen Werken, Macht er mir gleich die Bürde noch so schwer, So kann er mich dabei doch wieder stärken, von ihm allein kommt Trost und Labsal her. Und wenn die Zeit vorhanden, So machet er mich frei von allen Jammerbanden. Gott ist getreu! Baronin U. Letzter Grutz. *) Ein eiliger Gruß auf schlechtem Papier, Mütterchen, sehn' dich nur nicht nach mir! warum auch, Lenztage kommen doch bald, Die Nächte sind nicht mehr so bitter kalt, Und alles steht gut! So muß es auch sein, Und nun hör' zu: ,,heut im Mondenschein, Huf Patrouille am Waldesrand, weißt du, Mütterchen, was ich da fand? Ein Veilchen, ein kleines blühendes Ding, In dessen Kelch sich ein Tränlein fing, Fast so, als hält' es im Traum schon gewußt, Daß es im Frühlicht sterben mußt'. — Ich brach's! Im Schlachtendonner dröhnte die Luft, Und doch der süße Blau-Veilchenduft Ließ eine Welt vor mir erstehn, Die ich seit Monden nicht mehr geseh'n, Ich war zu Haus war weit von hier, Mutterlieb du, ich war bei dir! Es war so wie einst, wenn der Frühling kam Und uns in die weichen Hände nahm,' Tausend Wunder wurden geweckt. weißt du noch, wie ich dich damals geneckt? Du seist doch der Wunder größtes für mich. In all deiner Liebe! und ich streichelte dich, Und ich küßte innig dein braunes haar Volk dankenden Glücks, weil es Frühling war. Und heut hält mich wieder der Lenz bei der Hand, Der Heimat fern, in Feindes Land. Sieh dir das Veilchen nur ordentlich an, Deines Jungen Küsse hängen daran! Den ersten Frühlingsgruß bringt es dir. Mütterchen, seh'n dich auch nicht mehr nach mir, Ein bißchen Geduld noch und unverzagt, Ein nächstes Mal keiner mit mir es wagt. Nun sei ganz ruhig, ich muß jetzt mit, Ich eile, wir sammeln uns gleich zum Uitt. vorwärts mit Gott! Der Sieg ist uns nah! Und ich bin dabei - Hurra! Hurra! *) Dieses Bedicht wurde mir von einer Freundin der Heimgegangenen Gräfin Waldersee zugesandt mit dem Wunsche, es zu verbreiten, damit es die Mutter des jungen Helden erreichen könne. Cs scheint demnach, als ob diese, deren Namen ich nicht kenne, noch nicht in den Besitz dieses letzten Trutzes ihres Sohnes gesetzt werden konnte. Baronin R. VK — 79 — Noch eins fast hält' ich nicht dran gedacht, Ich hab's auch zum Eisernen Kreuz gebracht, Und tat doch nur wie jeder die Pflicht, Lin Deutscher läßt seine Fahne nicht! Leb' wohl! Leb' wohl! Mit frohem Zchwung Nun schnell in den Zattel! Dein Frühlingsjung'. * * * Und dann verwischt von fremder Hand Darunter flüchtig geschrieben stand: ,,Gnädige Frau, wir fanden ihn abends — das Mondenlicht Umspielte sein jung-frohes Knabengesicht, Lin Lächeln irrte noch, weich und tief Um seinen Mund, wir glaubten, er schlief, Und daß ein Traum lindere bittere Not, Gnädige Frau, Ihr Lohn ist tot! Lr fiel als Held, als ein deutscher Mann, Mit Todesmut stürmte er allen voran, hoch trug er die Fahne schwarz-weiß-rot, Und daß sie uns blieb, bracht' ihm den Tod. Lin Zchuß durchs Herz. Lr hat nicht gelitten, Lächelnd ist er hinübergeglitten. Nun ist er am Ziel. In der kalten hanä Ich diesen Brief und ein Veilchen fand, Lin welkendes Veilchen, Gott tröste Sie! _ Oberleutnant T." Giehen vor hundert Jahren. tZortsetzung.) 5. vergnügungsleben. Zchwere Jahre lagen auch hinter den Einwohnern von Gießen, als die Befreiungskriege zu Lnde waren. War die Stabt auch nie in fremder Gewalt gewesen, wie das linksrheinische deutsche Gebiet, das von 1792 bis 1814 von den Franzosen in Besitz gehalten wurde, so hat sie doch auch das Elend des Krieges zu fühlen gehabt. Besonders waren die Jahre 1812 bis 1814 schwer für Gießen. Nls Nheinbund- staat mußte Hessen dem Kaiser Napoleon seine Militärmacht zur Verfügung stellen, als er den großen Krieg gegen Nußland unternahm, und viele Zähne unseres Landes fanden dort ihren Tod. Zähne hiesiger Familien sind allerdings wohl kaum in Nußland geblieben,' denn Nürgersähne waren damals noch vom Militärdienste befreit, aber Offiziere, die aus Gießen stammten oder dem hier garnisonierenden Negi- mente angehörten, haben ihren Tod in Nußland gefunden. Wie heute, so klagten viele Familien über Nngehörige, die vermißt waren. Zo wurden von dem Großherzoglich hessischen Leibregimentsgericht zu Gießen die Hauptleute Naabe und Gilbert, die Premier-Leutnants hallwachs und von Na- benau, die Leutnants Marburg, Gottwald, Zommer und Kempf, die vermißt waren, gesetzlich als tot erklärt. Wenn man bedenkt, daß die damaligen Negimenter viel schwächer als heutzutage unsere kriegsstarken Negimenter waren, so muß man die Zahl von allein acht vermißten Offizieren als sehr hoch ansehen, vermutlich haben diese bei dem Nückzug der großen Nrmee aus Nußland in der Zchneewüste ihren Tod gefunden. Im Jahre 1817 wurden die Erben der ,,im russischen Feldzuge zurückgebliebenen" Zoldaten Henrich Thristoph Gromm von Laubach und Iohannes Lckel von Gonterskirchen von dem Großherzoglich hessischen Gräflich Zolmsischen Justizamt in Laubach aufgefordert, sich zu melden. Nehnliche Mitteilungen finden sich in diesen Jahren vielfach in den Blät- tern. Nm Ende des Jahres 1813 kam die Zpitalpest nach Gießen, vermutlich handelt es sich bei dieser Krankheit, über die früher die Ansichten der Mediziner auseinandergingen, um den Flecktyphus, den in diesem Kriege die deutsche medizinische Wissenschaft so erfolgreich bekämpft hat. Nis weit in das Jahr 1814 hinein forderte diese Zeuche hier viele Opfer. Zomit ist es zu begreifen, daß die Bevölkerung, als diese Leidenszeit einige Zeit hinter ihr lag, wieder aufatmete. Das machte sich darin geltend, daß man sich dem Vergnügen eifrig widmete. Liegt es doch in der Natur vieler Menschen, ernste Zeiten und ernste Lehren bald wieder zu vergessen. In den Jahren 1816 bis 1818 wurde in Gießen viel getanzt. Gefters war Ball im Einhorn. Am 23. Februar 1818 war bei einer solchen Gelegenheit dem Hofkammer-Zecreta-- riats-Accessist Georg Muth, wohnhaft bei Goldschmied Mannberger am Nathaus, sein Hut mit einem paar grünen (!) Handschuhen, die sich in dem Hute befanden, verwechselt worden. Der junge Mann, der zweifellos sehr elegant war sonst hätte er nicht grüne, sicher damals sehr moderne Handschuhe getragen , bat um Nückerstattung seines Ligen- tums. Oft war Tanzmusik auf der Badenburg. Lin unternehmender Mann scheint der Gastwirt Alexander Dosse in Großen-Linden ,,in dem ersten Wirtshause links von der Lhaussee" gewesen zu sein. Lr veranstaltete am 3. pfingst- tage 1818 eine ,,vollstimmige" Tanzmusik und teilte mit, daß er in seiner Wirtschaft ,jedermann mit Zpeisen und Getränken zu bewirten im Ztande sey". Nicht überall scheint es bei der Tanzmusik in Gießen und Umgegend in Zucht und eitel Harmonie zugegangen zu sein. Zo machen Bürgermeister und Nat der Stabt Gießen am 2. Hugujt 1816 bekannt: ,,Man hat mit Befremden in dem Anzeigungs-BlättäM vom 27. Julius gelesen, daß der Johann Philipp Wagner im Zchieshaus, an dem Hohenwart-Brunnen, Tanzmusik halten wolle. Wenngleich es jeder soliden Gesellschaft zu allen Zeiten ohnverwehret bleibt, daselbst sich zu belustigen, so wird man um so weniger oben angeführte Tanzmusik gestatten, als solche sich lediglich nur zu Unfug und Zchaden für den Wald eignet." Im Tanzen unterrichtete die jungen Gießener neben anderen der Tanzmeister Moses. Karnevalsbelustigungen scheint es erfreulicherweise damals in Gießen nicht gegeben zu haben, aber in Wetzlar wurden solche veranstaltet und wohl auch von Gießenern besucht, sonst hätte sie der Wirt Daniel Zchmidt nicht hier angezeigt. Lr veranstaltete Nedouten (Maskenbälle) und erhob ein Eintrittsgeld von 48 kr. für die Person. Daß Wetzlar früher als Gießen den Karneval eingeführt hatte, ist wohl auf das Neichskammergericht zurückzuführen, das bis zum Untergang des Nömischen Neiches deutscher Nation dort seinen Zitz hatte und sehr viele Leute anzog, worunter auch vergnügungssüchtige Müßiggänger waren. (Fortsetzung folgt.) Lin ernster Mahnruf. Der Münchener Polizeipräsident, Freiherr v. Grundherr, hat in einer öffentlichen Versammlung in München die Zünden, die in dieser schweren Zeit von gewissen Kreisen in der Heimat begangen werden, rücksichtslos bloßgestellt und gegeißelt. Dieser Mahnruf verdient daher in weitesten Kreisen bekannt zu werden. Der Polizeipräsident führte, wie die ,,Tägl. Nundschau" schreibt, aus: Wie steht es in dieser ernsten Zeit mit der Wahrung guter Zucht und Sitte, wie mit dem Verantwortungsgefühl und der moralischen Kraft, wie mit der würdigen Zurückhaltung bei Vergnügungen und Lustbarkeiten? Wir wissen, daß in diesem furchtbaren Krieg der endgültige Sieg dem zufallen wird, der — 80 — bis zuletzt stark bleibt. Diese letzte Uusdauer und Zähigkeit entspringen aber dem guten Gewissen, den heiligen Gedanken und Idealen im Kerzen. Ist sich die Bürgerschaft voll bewußt, daß die Heimat der Rückhalt der Truppe ist, daß Geist und Seele der Daheimgebliebenen stets erneuernd und erfrischend auf die wirken müssen, die im Felde stehen? Legt das Münchener Leben nach außen Zeugnis ab von einer solchen Mitarbeit? Erst vor einigen Tagen sagte mir ein Feldgrauer, der auf kurzen Urlaub in München weilte: „Ich halte es hier nicht länger aus, ich kann das Lotterleben nicht mitansehen bei all den schweren Opfern, die wir draußen täglich bringen müssen!" Das Urteil des tapferen Feldgrauen klingt hart, aber seine Gefühle sind begreiflich. Die Truppen empfinden ihren Kampf als Kampf für höhere Güter, für Veredlung und Kultur. Er berührt sie peinlich, wenn sie in der Heimat das Gegenteil von dem wahrnehmen. Man darbt gern für Freunde der Einfachheit und Mäßigkeit, man stirbt gern für deutsche Schlichtheit und deutschen Idealismus. Uber für Wucherer und Genußjäger, für selbstsüchtige, oberflächliche Lebemänner und Hamster, für eitle, kokette Frauen Opfer zu bringen, fällt schwer, weil sie des Opfers nicht würdig sind. (Fortsetzung folgt.) Uleine Mitteilungen. Um 1. Juni d. I. werden 30 Jahre verflossen sein, daß die Stadt Gießen von einem schweren hagelschlag heimgesucht worden ist. Es war dieser Tag der 1. Juli 1886, am Mittwoch vor Thristi Himmelfahrt, nachmittags zwischen 2 und 3 Uhr brach das Unwetter aus, es nahm seinen weg von Süden nach Norden und fegte, von der Frankfurter Straße her kommend, über die Stadt hinweg. Es fanden sich Hagelkörner von der Stärke eines kleinen Hühnereis. In den Gärten war alles zerstört, Dohnen, Gurken und Gemüse mußten neu gepflanzt werden, die Felder sahen am nächsten Tage aus, als ob sie gemäht worden seien, der Schaden war sehr beträchtlich. » * * Um himmelfahrtstage findet wie alljährlich nachmittags um 2 Uhr in der alten Friedhofskapelle ein Gottesdienst statt. In einem Urtikel „Ullerlei Taufgeschichten" (Gießener Unzeiger, Ur. 114, 2. Blatt vom 16. Mai 1916) teilt Dr. Johannes Kleinpaul mit, daß Kurfürst Uugust von Sachsen im Jahre 1569 den Superintendenten Daniel Greser zum Paten für seinen siebenten Sohn erwählt habe. Es sei daran erinnert, daß Greser der erste evangelische Geistliche von Gießen gewesen ist. Er trat sein Umt Weihnachten 1532 an und wurde von Kurfürst Moritz von Sachsen 1542 nach Dresden berufen. ttirchliche Anzeigen. In der Stadtkirche. Sonntag, den 21. Mai, Tantate. vormittags 8 Uhr: Pfarrer Mahr. Zugleich Ehristen- lehre für die Ueukonfirmierten aus der Matthäusgemeinde, vormittags 91/2 Uhr: Pfarrer Schwabe, vormittags 11 Uhr: Militärgottesdienst. Pfarrer Schwabe. Nachmittags 2 Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde. Pfarrer Schwabe. — Die Versammlungen des Frauenvereins der Markusgemeinde finden wie seither wöchentlich an jedem Donnerstag, abends 8 Uhr, statt. In der Zohanneskirche. Sonntag, den 21. Mai, Tantate. vormittags 8 Uhr: Pfarrer Bechtolsheims r. Zugleich Thristenlehre für die Neukonfirmierten aus der Lukasgemeinde. vormittags 9Vs Uhr: Pfarrer Uusfeld. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für hie Johannesgemeinde. Pfarrer Nusfeld. Mittwoch, den 24. Mai, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde, pfarrassistent hoffmann. Nächsten Sonntag, den 28. Mai, wird in beiden Kirchen eine Kollekte für die Evangelischen im Nuslande erhoben. f Ankündigungen empfehlenswerter Firmen J Carl Loos Kirchenplatz 13 Telephon 797 Manufaktur- und Weißwaren Herren- u. Knabenkleider g. Stöver, Eichen Seltersweg 16 tjhren, Gold- u. Silberwaren Bestecke Reparaturen in eigener Werkstatt prompt und billig Ibern Hl. Modes Gießen, Plockstraße 5 empfehlen sich inallen in ihr Fach schlagenden Arbeiten. Heinrich Noll Mäusburg Nr. 7 Telephon Nr. 292 Spezial-Geschäft für Bureaubedarf • Schreibmaschinen Papierhandlung, Buchbinderei, Gesangbücher. Moderne Kunstarbeiten. 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