Lonntaasarusz Gemeinöeblatt süröie evangelische Kirebengememüe Gieszew Nr. 14. Vieszen, Sonntag Iudica, den 9. April 1916. 5. Jahrgang. Der Retter in der Rot. Psalm 25, 15, 16, 19 und 22. Meine Rügen sehen stets zu dem Herrn; denn er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen, wende dich zu mir und sei mir gnädig; denn ich bin einsam und elend. Ziehe, daß meiner Feinde so viele sind und hassen mich aus Frevel. Gott erlöse Israel aus aller seiner Not! haben sich die Erfahrungen des Menschenherzens, sein Glück und sein Leid, im Wandel der Zeiten geändert? wir denken bei dieser Frage nicht an Jahrhunderte, sondern Jahrtausende, was bleibt vor solchem Riesenzeitraum wohl unverändert bestehen auf diesem Erdball? Wie hat sich selbst dessen eigene Gestalt, die Geschichte der Erdrinde, seitdem mannigfach geändert! welche seltsamen klimatischen Verschiebungen traten ein! welche Rassenvermischungen! Völker standen auf und versanken ins Richts; in Tier- und Pflanzenreich welch auf und ab! Und erst die Geschichte der menschlichen Rultur und Litte! Denken wir uns nur um drei Jahrtausende zurückversetzt in dieser Geschichte der Menschheit, wäre ihr Rntlitz für unser heutiges Empfinden nicht kaum noch erkennbar? vor rund dreitausend Jahren regierte in Jerusalem ein König, der zugleich ein königlicher Länger war. Der aber hat auch Urkunden der Erlebnisse des Menschenherzens hinterlassen, die zu den erhabensten Dokumenten nicht bloß der Poesie aller Rationen, sondern auch des Verständnisses aller innersten Regungen der damaligen Menschen- und Volkerseele gehören. Und wunderbar! Lie offenbaren uns mit zwingender Ueberzeugungskraft, daß durch allen Wandel der Zeiten das Menschenherz allein, sein Glück und sein Leid, sich gleich geblieben ist bis zur heutigen Stunde. Eines der ergreifendsten Zeugnisse hierfür ist der 25. Psalm, wir lesen in diesem ergreifenden Gottesliede:,, Meine Rügen sehen stets zu dem Herrn; denn Er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen, wende dich zu mir und sei mir gnädig; denn ich bin einsam und elend. Liehe, daß meiner Feinde so viel sind und hassen mich aus Frevel. Gott, erlöse Israel aus aller seiner Rot!" wir stehen in der Passionszeit 1916 mitten in einem Krieg, wie ihn die Weltgeschichte, seit der Erdball um die Lonne kreist, noch nie erlebt hat. was wollen die Kriege des kleinen Königreichs Israel gegen den augenblicklichen katastrophalen Zusammenprall der mächtigsten Reiche der Welt besagen! Uber, wenn wir das, was an Einzelnot und Volksnot durch die Seelen der gegenwärtigen Menschheit, insbesondere des deutschen Volkes und jedes einzelnen seiner Glieder, zieht, kurz und bis ins innerste Mark erschütternd in Worte, in ein Lied des großen Leids, das über uns gekommen ist, zusammenfassen sollten könnten wir es zutreffender, neuer prägen als in dem eben vernommenen Seufzen und Lehnen des uralten Davidpsalms? Unberührt durch jeden Wandel der Zeiten bleiben alle elementaren Regungen des Menschenherzens! 5o muß in ihm doch ein Funke des Ewigen glühen, der es hinaushebt über alle Vergänglichkeit ! $o wird auch, solange Menschenherzen schlagen, die Sehnsucht nach Gott und der Erkenntnis eigener Schwäche und Sünde nimmer schweigen! Über, sobald wir nun in die Cwigkeitsgeschichte des Menschenherzens eintreten, erfahren wir ein Neues auch von seinem höchsten Glück; ein Ewigkeitsereignis, das einst vom königlichen Sänger nur sehnsuchtsvoll geahnt, inzwischen aber inmitten allen Wandels der Zeit für immerdar erfüllt ward: und das ist die Geschichte von Golgatha! Sie ist in ihrer Größe doch mit nichts Irdischem vergleichbar ! wer sich in ihren ganzen Vollgehalt zu vertiefen vermag, dem können für sein persönlichstes, den Ewigkeits- funken, den jedes Menschenherz in sich trägt, auch selbst die Schrecken des Weltkriegs nichts mehr anhaben! halten wir unsere Rügen fest gerichtet auf diesen Herrn - er hat auf Golgatha unsern Fuß aus dem Netze gezogen für Zeit und Ewigkeit!_ Das tägliche Brot. Wir haben cs uns wohl noch nie recht klar gemacht, zu wie viel Dank wir verpflichtet gewesen sind an jedem Tage unseres Lebens, ehe dieser große, schreckensvolle Krieg Über uns kam! wurde uns nicht der Tisch täglich gedeckt, so daß wir ohne allzu große Mühe unser Leben, in vielen Zöllen sogar recht behaglich, uns gestalten konnten, oft vielleicht zu behaglich! Denn nur so war es möglich, des Gebers aller guten Gaben zu vergessen und alles so lDnzunehmcn, als wäre das selbstverständlich, als hätten wir ein Knrecht darauf, wir hatten, wie das Litten, so auch das Danken verlernt, wir waren es so gewöhnt, die Auswahl in allen verschiedenen 54 — Genüssen für unfern Gaumen und unsere Rügen zu haben, daß wir es oft als eine Beeinträchtigung unseres guten Rechts empfinden wollten, fanden wir einmal nicht das Gewünschte. Ging diese Anschauung nicht durch alle Klaffen, und war sie nicht auch bei allen Lebensaltern zu finden, besonders häufig auch bei jungen Menschen? Da fragt sich eine nachdenkliche Seele wohl: mußte denn erst dieser Krieg kommen, um uns aus ungesunden Träumen, aus einem gottfeindlichen Leben wach zu rütteln, zur Besinnung zu bringen, bedurfte es dieser Keulenschläge? Tine Antwort auf solche Frage ist nicht schwer, das tägliche Leben gibt sie uns ungefragt jeden Tag. Und doch kann diese schwere Heimsuchung, deren Ende nicht abzusehen ist, nur dann ihre heilsame Wirkung ausüben, wenn wir wieder beten lernen, bitten lernen um unser täglich Brot und es dankbaren Herzens aus des Vaters Hand nehmen. Jetzt, wo wir so vieles entbehren müssen, sehen wir erst ein, daß es ohne dieses recht gut geht, daß wir gelernt haben, manches gar nicht zu vermissen. Machen wir es uns nur immer mehr klar, wie bevorzugt wir sind im vergleich zu so ungezählten vielen, denen ihr Haus und heim genommen oder zerstört worden ist, besonders der Gedanke an unsere Gefangenen in der Fremde müßte uns aufrichtig dankbar stimmen. G möchten wir doch lernen, mit gläubigen Herzen unser täglich Brot aus Gottes Hand zu nehmen, leiten wir doch auch die Kinder dazu an, mit Bitten und Danken es täglich zü empfangen! wir müssen es uns nicht nur zu einer Gewohnheit werden lassen, sondern unsere Herzen müssen lernen, so von Dankbarkeit erfüllt zu sein für allez Gute, das uns geschenkt wird, und es als aus Gottes Vaterhand kommend hinzunehmen, daß, wenn auch einst dieser furchtbare Krieg ein Ende nimmt und wieder bessere Zeiten eingetreten sein werden, wir den Legen dieses Bittens und Dankens nie mehr lassen mögen, sondern als unveräußerlichen Gewinn einer schweren Zeit uns bewahren können. Baronin R. Gießen vor hundert Zähren. I. Die Gießener Familien am Rnfang des 19. Jahrhunderts. Bei geschichtlichen Rückblicken interessieren uns am meisten die Menschen, die früher gelebt haben. Sie haben für uns mehr Interesse als die Kleider, die Bücher, die Geräte, die man in alten Tagen benützt hat, mehr Interesse als alle die Gegenstände, die im Laufe der Jahrzehnte den Motten und dem Rost zum Opfer fallen. So wollen wir auch unsere Schilderung der Zustände, die in Rlt-Gießen geherrscht haben, mit einer Uebersicht über die damals hier bestehenden Familien einleiten, wir gewinnen unsere Rngaben aus den Verzeichnissen der Getauften, Getrauten und verstorbenen, die wir in den Jahrgängen 1816—1818 des Gießener Rn- zeigers (damals genannt „Gießer Rnzeigungs-Blättchen") finden. Leider können Mitteilungen über den Personenstand heute in den Zeitungen nicht mehr veröffentlicht werden. Das ist im allgemeinen wie im geschichtlichen Interesse sehr zu bedauern. Sollen die Menschen Gemeinschaftsgefühl und das Gefühl der Zusammengehörigkeit gewinnen und behalten, so müssen sie über Renderungen in dem Familienleben ihrer Bekannten orientiert sein. Für die geschichtliche Forschung, besonders für die heute so in Blüte stehende Familienforschung ist das Fehlen der Standesamtsnachrichten in den Zeitungen der Gegenwart sehr zu beklagen. von Familien, die heute noch in Gießen Vorkommen, finden wir in den Jahren 1816—1818 folgende Namen: Vogt, Stohr, Schmall, Spruck, Faber, Kohlermann, Simon, Lehrmund, Lampus, Rinn, Wallenfels (auch Wahlenfels und walenfels geschrieben), Flett, vetzberger, Noll, Möhl, Petri, Leib, weidig, Ferber, Sack, Krailing, Huhn, Jughardt, Loos, Löber, Tbel, Schwan, Sundheim, Reiber, Pistor, Seip und Walther. viele der heute Lebenden wird es interessieren, über die Veränderungen im Familienleben ihrer Vorfahren etwas zu hören. Rm 51. Dezember 1815 verheiratete sich der Burger (so hieß es damals und nicht Bürger) und Kupferschmied Kon- rad Balthasar Vogt, „Johann Balthasar Vogt, Burgers und Metzgers allhier ehelicher Sohn" mit Philippina, „Johann Peter Stohr, Burger und Wirts allhier ehelicher Tochter". Rm 7. Januar 1816 wurde dem Burger und Hutmacher Peter Schmall ein Sohn Karl Theodor getauft, am 16. Januar dem Burger und perruckenmacher Friedrich Kohlermann eine Tochter Marie Elisabeth Friederike Rugustine Thristine. In den Listen über die kirchlichen Rmtshandlungen wurden folgende Burger verzeichnet: Seifensieder Balthasar Schmall, Rothgerber Philipp Balthasar Simon, Bäcker wahlenfelz, Schuhmacher Friedrich Ludwig Flett, Ehirurgus Kohlermann, gestorben am 10. September 1816, Postmeister Kempf, Metzgermeister Georg Melchior Lonp, Stadtbleicher hilgardt, Bäcker Heinrich Daniel Noll, Metzger Rdolf Möhl, Weißbinder Rnton Petri, Schreiner Peter Lehrmund, Ratzdiener Peter Flett, Speisewirt Konrad Rnton Geißmar, Metzger Matthäus weidig, Sattler Christian Konrad Reiber, Nagelschmied Rn- dreas Noll, Blaufärber Heinrich Jughardt, Gasthalter zum Einhorn Wilhelm Christian Ferber, Küfer Johann Melchior Krailing, Kaufmann Gail, Kaufmann Gottfried Spruck, Hutmacher Philipp Moritz Schmall, Lisenhändler Joseph Markus Flett. Rm 18. November 1818 wurde in der Stadtkirche ein Mann getraut, der einmicht alltägliches Gewerbe hatte, nämlich der Scharfrichter Philipp North, „weilend Peter North, Scharfrichters allhier ehelicher Sohn". Er heiratete ein Mädchen aus Butzbach, das die Tochter eines Landwehrhauptmanns war. Da glücklicherweise in Gießen nicht allzu viel Hinrichtungen vorkamen, so betätigte sich Philipp North haupt- lächlich als Tierarzt. 1817 veröffentlichte er folgendes Inserat: „Da ich jetzt die Stelle meines verstorbenen Vaters angetreten und mich mit denen Kenntnissen, welche dieses Rmt erfordert, bekannt gemacht, auch die Tierarzneiwissenschaft studiert habe, welches meine Zeugnisse beweisen, so ersuche ich ein geehrtes Publikum, mir bei vorfallenheiten sein Zutrauen zu schenken. Meinerseits werde ich meine Pflichten mit aller Treue und Redlichkeit zu erfüllen mich bestreben und mir die Liebe der Bewohner meiner Vaterstadt sowohl als auch auswärts angelegentlichst zu erwerben suchen." Darunter stand „Philipp North, Scharfrichter und Tierarzt." Obwohl man damals, unmittelbar nach den Befreiungskriegen, gerade so wie jetzt einen scharfen Krieg gegen die Fremdwörter führte, so gebrauchte man doch allgemein in Deutschland ein der französischen Sprache entlehntes Wort, das leicht durch ein gutes deutsches Wort zu ersetzen war. In den Mitteilungen über die verstorbenen des Jahres 1816 heißt es, daß am 30. Oktober gestorben sei Johann Christoph 5ack, „Marquer im Tlubb". Statt „Marqueur" sagt man heute erfreulicherweise Kellner. 55 Alle Gießener Burger gehörten zur Ltadtkirchen- gemeinde, zur Burgkirche waren nur die Beamten und Militärpersonen eingepfarrt. Diese Gemeinde war nicht sonderlich groß, aber sie galt für vornehm. Das merkt man an der Titulatur. In den Mitteilungen über die vollzogenen kirchlichen Handlungen heißt es in.-der Regel, daß „dem Burger" R. R. ein Rind getauft worden sei, dagegen heißt es „Herrn Geheimenrath und Hofkammer-Direktor Johann Wilhelm Langsdorf eine Tochter Namens Auguste Juliane". Am lo.Juli 1816 wurde in der Ltadtkirche kopuliert „der Burger" Johann Philipp Lehrmund, am l4.Juli in der Burgkirche Herr Gberchirurgus Wilhelm Jakob Schimpf. Es hieß damals: der Burger und Bäcker Ronrad Noll, dagegen: Herr Hofgerichtsatvokat Lundheim. Die Bräute dagegen wurden unterschiedslos sowohl bei der Ltadtkirche wie bei der Burgkirche „Jungfer" genannt. Die Bezeichnung „Fräulein" war damals noch nicht allgemein und war nur dem Adel Vorbehalten. Während die Gießener „Burger" keinen Anspruch auf die Bezeichnung Herr hatten, wurde dieses Prädikat den Lergeant-Majoren ^Feldwebeln), Rantonssekretären, Rechnungsprobatoren und Hofgerichts-Akzes- sisten zugestanden. Loldaten, Sergeanten, hautboisten, Ba- taillonstamboure dagegen galten nicht als Herren. Oft wurden in Gießen Loldaten, die schon über 60 Jahre alt waren, und Frauen, die als Loldatenwitwen bezeichnet wurden, beerdigt. Dieses hohe Alter aktiver Loldaten erklärt sich daher, daß es sich um Einsteher handelte, die beinahe ihr ganzes Leben lang für andere um Geldeslohn dienten. vor hundert Jahren bestand schon in Gießen eine katholische Gemeinde, die nicht unbeträchtlich gewesen zu sein scheint; denn beinahe in jeder Woche werden Amtshandlungen aus dieser Gemeinde mitgeteilt, vermutlich kamen viele katholische Beamten nach Gießen, weil bis zum Jahre 1816 die Provinz Westfalen zum Großherzogtum Hessen gehört hatte. Am 9. August 1818 wurden in der Burgkirche getraut „Herr Landbaumeister Friedrich Ludwig Lonnemann, des Herrn Majors und Landbaumeisters Georg Friedrich Lonnemann ehelicher Lohn, und Jungfer Luise weiland Herrn Luperintendenten und Professors der Theologie Ludwig Benjamin Ouvrier, eheliche Tochter". Der Vater des Bräutigams war der Erbauer der im Jahre 1821 fertiggestellten Ltadt- kirche, die Braut war die Tochter eines bekannten Gießener Theologen. (Fortsetzung folgt.) vor sechsundvierzig Jahren. Dem Bericht eines Augenzeugen nacherzählt von Eugen Mayer. (Schluß.) Jetzt erst, da er auf diese weise in Bewegung gesetzt wurde, kam das Eis der Erstarrung, das sich um sein biederes Beamtenherz gelegt hatte, etwas ins Tauen. 3um erstenmal, seit unser Alleinsein so schnöde unterbrochen worden war, fand er wieder einen Blick für mich, seinen Freund, der einerseits an seiner Erstarrung geziemenden Anteil genommen und andererseits an seiner Verblüffung sich heimlich geweidet hatte. Mit einem bedeutungsvollen Achselzucken, das etwa sagen sollte: „Nun, wenn ers denn nicht anders will!" ging er zu seinem Pult, holte die verlangten Gegenstände hervor und breitete sie vor dem Offizier aus. während dieser sich sofort in ihren Inhalt vertiefte und das Ergebnis seiner Einsichtnahme mit den Aufzeichnungen seines Dienstbuches und seinem herbeigeholten Rartenmaterial verglich, winkte mir mein Freund in die entfernteste Ecke der Ltube und raunte mir zu: „Das wird ein schönes Durcheinander geben, wenn der — " hier machte er eine verständnisvolle Kunstpause, die er mit einem schlauen Augenzwinkern in der Richtung des Tisches verband, — „die Lache in die Hand nimmt! hat doch unsereiner gerade genug zu tun, um herumzukommen, obwohl wir schon jahrelang hier im Dienst stehen und uns hinreichend auskennen. Na, mir kanns recht sein. Er mag sehen, wie er fertig wird. Er hat ja Ordre." Obgleich dabei so etwas wie ein schadenfrohes Lächeln über sein Gesicht huschte, klang doch ganz leise, nur mir vernehmbar, der Ton gekränkter Unschuld aus seinen Worten heraus. Ich nickte meinem Freunde bestätigend zu, um ihn sein Leid nicht allein tragen zu lassen. Aber innerlich wagte ich an der Richtigkeit seiner Prophezeiung erheblich zu zweifeln ; ich mußte an einen Vorgang denken, den mir ein Bekannter erzählt hatte, der Forstbeamte drüben bei Hammelburg war und Anno 66 in seinem Walde von einer preußischen Patrouille eines Tages unerwarteten Besuch bekommen hatte. Der Patrouillenführer hatte ihn um eine Rarte seines Forjtbezirkes ersucht. Raum hatte er einen Blick auf die vorgelegte Rarte geworfen, als er mit einem gewissen Lpott ausrief: „Das soll eine Lpezialkarte sein für Ihr Revier, Herr Förster? wenn Lie keine bessere haben, so kann sie mir nicht dienen; denn sehen Sie her!" — und er breitete seine Generalstabskarte vor dem Forstbeamten aus. Staunend wurde der gewahr, daß der Preuße tatsächlich eine viel genauere Rarte besaß als er, der Tag für Tag in diesem Bezirk zu tun hatte. Der „preußische Windhund" hatte inzwischen still für sich gearbeitet. Nach kurzer Zeit richtete er ein paar Fragen an meinen Freund, aus denen hervorging, daß er sich bereits ausgezeichnet orientiert hatte, wir traten zu seinem Tisch und sahen, daß der Mann tatsächlich in kein unbekanntes Land gekommen war. vor ihm lagen mit größter Genauigkeit ausgearbeitete Pläne des Eisenbahnnetzes, von denen mein Freund sich eingebildet hatte, daß er allein hier ein Rundiger sei. Run war seine Hoffnung nur noch auf den Betrieb gerichtet ; denn er meinte, dieser müsse unbedingt ins Stocken geraten, wenn er nicht seine gebietende Stimme erschallen lasse. Aber auch hier erlebte er eine Enttäuschung nach der andern. Die „Pickelhaube" bewegte sich im Betrieb, wie wenn sie seit Jahr und Tag hier bedienstet gewesen wäre: es ging alles wie am Schnürchen und keine einzige Störung kam vor, obgleich in den nächsten Wochen der Betrieb einen Umfang annahm, wie ihn sich mein Freund nicht einmal im Traume hätte denken können, von Tag zu Tag machte die anfängliche Geringschätzung einem mehr und mehr sich steigernden Gefühle des Respektes Platz. Als wir einige Tage später wieder einmal unter vier Augen uns trafen und das gestörte Mittagsmahl jenes ersten Tages ungestört nachholten, vereinigten sich unsere Gedanken in dem Ausspruch, den mein Freund in die klassischen Worte kleidete: „Sie sind halt doch schneidige Rerle, diese preußischen Windhunde! Das muß ihnen der Neid lassen! Rammt diese Pickelhaube dahergeschneit und steckt ihre Rase nur so in dieses Loch und sofort ist sie auf der rechten Führte, ohne daß ihr auch nur jemand die Rase darauf zu stoßen braucht! Ja, ja, diese Preußen!" - 56 — Kleine Mitteilungen. Für den allgemeinen Buß- und Bettag, der nach alter frommer Sitte am Sonntag Palmarum wieder zu begehen ist, haben Seine Königliche Hoheit der Großherzog die nachstehenden Bibelstellen als predigttexte ausgewählt und zwar für den vormittag: Jeremia I I, 13 u. 14: „Sch weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, daß ich euch gebe das Ende, des ihr wartet. Denn so ihr mich von ganzem Kerzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen", für den Nachmittag: Jesaja 33, 22: „Der Herr ist unser Nichter, der Herr ist unser Meister, der Herr ist unser König, der hilft uns." * * * Die Feier des heil. Abendmahls findet in unseren Kirchen statt am Palmsonntag im Abendgottesdienst, am Abend des Gründonnerstages, sowie am Karfreitag im Anschluß in den Vormittagsgottesdienst. Am Nachmittag des Karfreitags findet in der Stadtkirche ein liturgischer Gottesdienst unter Mitwirkung des Kirchengesangvereins und der Thorschule statt. * » * Ueber die Frömmigkeit unserer Feldsoldaten ist schon viel geschrieben worden. Folgende Mitteilung kann als Beitrag zu diesem Thema angesehen werden. Tin Kriegsfreiwilliger (Student) schreibt aus Nußland: Einsam Hause ich mit noch zwei Kameraden in einer Artilleriebeobachtungsstellung, und so kommt es, daß ich schon über ein Vierteljahr keinen Gottesdienst besuchen konnte. Dafür habe ich aber reichlich Muße zu eifrigem Bibelstudium, besonders sind es die Psalmen, namentlich Psalm 18, 77 und 103, die ich oft und gern lese. , Der Soldat, der so schreibt, ist ein Gießener. Worte zum Nachdenken in der Nrtegrzeit. Nur der ist frei, der sich selbst beherrscht. Die Wahrheit zu nennen — ist Spiel, Die Wahrheit erkennen — ist viel, Die Wahrheit zu sagen — ist schwer, Die Wahrheit ertragen — ist mehr. Nach der Kraft gibt es nichts jo hohes, als ihre Beherrschung. Jean Paul. Vergänglichkeit ist auf allez Irdische geschrieben. Ts gibt nur ein Ding, das nicht vergehet, das ist das Wort unseres Gottes, Worte der höchsten göttlichen Liebe, der sichersten Verheißung, der ernstesten Drohng, der innigsten Mahnung. Diese Worte bleiben stehen als Felsengrund. Wohl dem, der hier seiiH Bleibestätte aufschlägt! Glücklich ist, wer andere glücklich macht. Ueich ist, wer für andere etwas übrig hat. Und in dieser weise kann jeder reich und glücklich sein, weil es nicht auf die höhe der Gabe ankommt, sondern auf die Liebe, aus welcher sie fließt. * * * wenn du im Leiden bist, so suche fleißig in deinem vergangenen Leben auf, was Gott schon an dir und den deinen getan hat; wo er schon geholfen, Trost gesandt, aus Gefahren errettet hat. Dann wirst du auch in deiner gegenwärtigen Not neues vertrauen zu ihm fassen und mit neuem Mut erfüllt werden. kirchliche Anzeigen. In der Stadttirche. Samstag, den 8. April: Nachmittags 2 Uhr: Beichtegottsdienst. Pfarrer Schwabe. Sonntag, den 9. April, Judica. vormittags 9 l h Uhr: Pfarrer Schwabe. Kollekte für die Armen. Konfirmation der Kinder aus der Markus- und Militärgemeinde. Feier des heil. Abendmahls. Nachmittags 2 Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde. Pfarrer Schwabe. Abends 6 Uhr: Pfarrer Mahr. Abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Matthäusgemeinde. In der JohannesNrche. vormittags 9 V 2 Uhr: Pfarrer Nusfeld, vormittags I! Uhr: Kinderkirche für die Johannesgemeinde. Pfarrer N u s f e l d. Nbends 6 Uhr: pfarrassistent Hoffman n. Nbcnds V28 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Lukas- und Johannezgemeinde. Mittwoch, den 12. Npril, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer Bechtolsheimer. Carl Loos Kirchenplatz 13 :: Telephon 797 Manufaktur- und Weißwaren Herren- u. Knabenkleider Edgar Borrmann, Giessen Neustadt 11 Eisenwaren,Haus-u. 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