Nr. 13. Gichen, Sonntag Lätare, den 2. April 1916. 5. Jahrgang. Der Segen rechter Scham. Evangelium des Lukas 9, 61 und 62.) Der Herr wandte sich und sah Petrus an. Und Petrus gedachte an des Herrn wart, wie er zu ihm gesagt hatte: ,Lhe denn der.hahn krähet, wirst du mich dreimal verleugnen. Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich. 3m Laufe einer langjährigen Betrachtung haben wir uns ganZ daran gewöhnt, in dem Petrus, der seinen Heiland dreimal verleugnete, einen Busbund von Sünde und Verworfenheit zu sehen. Line solche Betrachtungsweise hat gewiß ihr gutes Uecht, aber sie ist einseitig, von dem Petrus, der seinen Heiland verleugnet, können wir mancherlei lernen. Lr war einmal anhänglich, er wollte seinem Herrn nahe sein in der Stunde der Not und Gefahr. Nutzer ihm hat es von allen nur noch ein Jünger gewagt, dem Heiland nachzufolgen in Not und Gefangenschaft, nämlich der Bpostel Johannes, wie wir das in seinem Evangelium (18, 15) lesen. Gewiß war das dem Heiland ein Trost, daß er in der schwersten Stunde seines Lebens zwei Menschen in seiner Nähe wußte, die sein Leid und seine Last mittragen wollten, wie viel Kranke sind uns schon begegnet, die gebeten Haben: bleibe bei mir! wenn der Todeskampf kam, oder wenn Einsamkeit und Schmerzen sie bedrückt haben! Oder wie ist das uns allen so wohltuend und erfreulich, daß in dem jetzigen Kriege so zahlreiche junge Deutsche aus dem Bus- lande sich unter vielen Gefahren und Entbehrungen durchgeschlagen haben nach der deutschen Heimat, um dem Vaterland beizustehen in seinem Kampfe aus Tod und Leben! wie mag sich Mutter Germania gefreut haben über die Treue und Anhänglichkeit so vieler ihrer deutschen Söhne! Die Anhänglichkeit des Petrus ist also anerkennenswert, und, so widerspruchsvoll das auch klingen mag, auch seine Ueue. Bus den meisten Bildern, welche es von Jesus und seinen Jüngern gibt, wird Petrus dargestellt als ein älterer Mann, dessen haar bereits leicht ergraut ist, als ein Mann etwa Mitte der vierzig. Uun heißt es von diesem Petrus: Tr ging hinaus und weinte bitterlich, wenn ein Mann in diesem Lebensalter etwas derartiges tut, wenn er abseits geht und bitterlich weint, weint über seine eigene Sünde und Erbärmlichkeit, sich schämt vor sich selber, dann kann dieser Mann noch nicht ganz verloren, noch nicht rettungslos gesunken sein. Ein Mensch, der sich seiner Sünde noch schämt, um den ist es noch nicht ganz und gar schlecht bestellt. Ls gibt noch etwas viel Schlimmeres, nämlich wenn sichrem Mensch seiner Sünde nicht mehr schämt, wenn er ihrer sich vor den Menschen noch rühmt und sagt, wie man es manchmal hören kann: was mache ich mir daraus, was ist mir daran gelegen! Sn den Zeitungen war vor einiger Zeit einmal von einer Frau zu lesen, welche im Eisenbahnzug die Beußerung getan haben soll, ihrethalben könne der Krieg noch 10 Jahre lang dauern; denn sie habe bisher nur Gewinn und Vorteil davon gehabt. Die Empörung unter den Mitreisenden war so groß, daß einer davon die Missetäterin derb gezüchtigt haben soll. Diese Frau hatte ganz die Empfindung, das Gefühl dafür verloren, wie niedrig und gemein ihre Gesinnung war. wer es verlernt hat, sich seiner Sünden vor sich selber und vor anderen zu schämen, über den kommt irgend wann einmal in seinem Leben das strafende Verhängnis. was ist nun eigentlich die rechte Scham und Ueue? worin besteht sie? Buch das bringt das Gotteswort kurz und schön zum Busdruck. Ls heißt: Der Herr wandte sich und sah Petrus an. Und Petrus gedachte an des Herrn Wort, wie er zu ihm gesagt hatte: Ehe denn der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen, hier ist kurz und schön angegeben, was die rechte Scham und Beue ist. Ls ist die Empfindung, daß man einem lieben, treuen Menschen, der es gut mit uns meint, bitter weh und unrecht getan hat. Der Herr sah den Petrus bloß an, er sprach kem Wort, aber mit unsäglicher Trauer und Wehmut. Und dieser eine Blick ging dem Petrus bis auf den Grund der Seele und schnitt ihm tief ins Herz. Lr brachte ihm mit furchtbarer Deutlichkeit zum Bewußtsein, wie schändlich und erbärmlich er gehandelt hatte, wie er seinem Heiland ein größeres Herzeleid angetan hatte, als seine schlimmsten Feinde. Behnliche Empfindungen hat schon mancher Mensch gehabt. Uicht bloß Kinder, auch erwachsene Menschen haben schon bittere Tränen geweint, weil es ihnen mit einem Male zum Bewußtsein kam, wie sie mit ihrer Sünde ihrer Mutter großes Herzeleid bereitet hatten. Gar manchem gehen erst die Bugen auf für seine Sünde, wenn er sieht, wie sie einem geliebten Menschen Tränen erpreßt. Zn einer Erzählung wird uns von einem Manne berichtet, der seiner Frau stets hart und rauh begegnete, den kein Vorhalt und kein Bitten von seinem Unrecht überzeugen 50 ) konnte. Da verließ eines Tages die 5 rau bie Stube, der Mann saß am Tische. Unwillkürlich, er wußte selber nicht, wie, fiel ihm der müde, schleppende Gang seiner Frau auf,' in dem Türrahmen hoben sich merkwürdig die abgezehrte Gestalt und das blasse, schmale Gesicht der Gehenden ab. Dieser eine Blick sagte dem Manne mehr als die längste Ermahnung, er brachte ihm die ganze Härte, mit der er seit Jahren seine Lebensgefährtin behandelt hatte, mit einem Male zum Bewußtsein. Das weckte in ihm die Reue, und von da ab wurde er anders. Ruch unserem himmlischen Dater, auch unserem Heiland, tut jede Sünde wehe. So wie der Herr hier nach Petrus sich mit Trauer und Wehmut umschaut, so hat er sich gar sehr oft auch nach uns umgesehen, wenn wir mit der großen Menge gewandert sind und so wenig Festigkeit und widerstand gegen die Sünde gezeigt haben. Ruch du, mein Sohn! So hat er manchmal geseufzt im Hinblick auch auf uns. Ls kommt unendlich viel darauf an, daß ein Mensch die rechte Scham, die rechte Empfindlichkeit bewahrt, ein feines Gefühl dafür, wie die Sünde uns allmählich umgarnt. Dafür gibt es in der Hauptsache zwei Mittel, nämlich einmal die Pflege des natürlichen Schamgefühles, welches unser Herrgott in jede Menschenbrust gelegt hat, und dann das Gebet. In unserem Gesangbuch steht die wunderbare Bitte: Jesu, hilf siegen, wenn in mir die Sünde, Eigenlieb, Hoffart und Mißgunst sich regt, wenn ich die Lust der Begierden empfinde, Und sich mein tiefes verderben darlegt. hilf dann, daß ich vor mir selber erröte Und durch dein Leiden die Sündenlust töte. G. G. war verletzte leisten können. ,,Nicht, daß ich nun nichts mehr verdienen, sondern, daß ich künftig nicht mehr arbeiten kann, das ist, was mir den Gedanken an die Zukunft so schwer macht!" So schrieb kürzlich ein schwer Kriegsverletzter, und ähnlich denkt gewiß so mancher der Ungezählten, die auf dem Schlachtfelde ihre Tapferkeit mit dem Verluste scheinbar unentbehrlicher Gliedmaßen bezahlen mußten. Und in der Tat ist häufig der Gedanke, in Zukunft untätig sein zu müssen, bei vielen Schwerverletzten das Schlimmste, das vor allem, was sie verzagt und mutlos in die Zukunft blicken läßt, vielleicht wird es da manchem ein Trost sein zu lesen, wie wenig oft der Verlust eines Rrmes, eines Beines oder gar mehrerer Extremitäten die Leistungsfähigkeit eines Menschen beeinträchtigt,' Voraussetzung ist allerdings ein fester Wille und ein zuversichtliches vertrauen. 3n den „Nachrichten der pfeifferschen Rn- ftalten" (Magdeburg-Erakau) findet sich die Rufzählung einer ganzen Reihe von derartigen, besonders bemerkenswerten Fällen, die in diesem Zusammenhänge gewiß von Interesse ist. wir entnehmen ihr folgende Beispiele: „Der armlose Thomas Schweicker zu Schwäbisch-Hall (1541 1602) konnte zeichnen und malen und war darin so tüchtig, daß man ihn zu den Stadtberühmtheiten zählte. Rls er gestorben war, räumten die Stadtväter ihm, dem Handwerkersohne, eine Patriziergruft in der Michaeliskirche ein. Zu Feldherrnruhm brachte es der französische Marschall Josias von Rantzau, ein Holsteiner von Geburt, dem das Unglück ein Rüge, einen Rrm und ein Bein raubte, und der doch zu Rosse steigen und Taten ausrichten konnte. Gleichfalls ein Kriegsheld war der Prinz von Hessen-Homburg, dem bei der Belagerung von Kopenhagen am 29. Januar 1659 eine dänische Kanonenkugel ein Bein abriß. Mutig durch- schnitt er mit eigner Hand die letzte Sehne, woran es noch hing. Er blieb weiter bei der Waffe, nachdem ihm ein Silberschmied ein künstliches Bein gefertigt hatte. Rn Händen und Füßen gelähmt war der Dichter Paul Scarron (1610 bis 1660), der trotz seines schweren Siechtums von sprudelndem Humor überfloß und eine Reihe humoristischer Werke verfaßte, von denen das Buch „Roman comique“ am bedeutendsten ist. Damit wurde kein Geringerer als Goethe zu seinem „Wilhelm Meister" angeregt. Zu gleicher Zeit lebte in Braunschweig der zwerghaft verkrüppelte Rechtsgelehrte und Rrzt Hermann Eonring, der nach gründlichen Studien in Helmstedt und Lepden in vier Fakultäten zum Doktor promivierte. Er erwarb sich große Verdienste um das Zustandekommen des westfälischen Friedens und schrieb eine Geschichte des Ursprunges des deutschen Rechtes. Ruch machte er Studien über den Blutkreislauf. Er starb zu Helmstedt am 12. Dezember 1681, ein Wunder der Gelehrsamkeit. Der ohne Hände am 10. Januar 1810 geborene Eäsar Ducornet brachte es bis zum französischen Hofmaler und schuf aus Rnlaß einer Preisbewerbung das Bild: „Benjamins Rbschied von seinem Vater Jakob". Namentlich wandte der Bürgerkönig Louis Philipp ihm sein Wohlwollen zu und unterstützte ihn durch zahlreiche Rufträge. — Gleichfalls ohne Rrme geboren war der belgische Maler Eharles Felu, der in Rntwerpen lebte, zahlreiche Kunstwerke täuschend kopierte und durch ein herrliches Porträt der bildschönen Schauspielerin Viktoria Lafontaine berühmt wurde. Er starb 69 Jahre alt am 5. Februar 1900. Der Maler Reimanns stellte ihn 6 Monate vor seinem Ende in seiner Tätigkeit auf einem seiner Gemälde dar. — Rls dritter der armlosen Maler verdient der 1851 zu Kurtenbachshof bei Düren geborene Rdam Siepen genannt zu werden, der, in Düsseldorf ausgebildet, später nach München ging, wo er eine Fülle hübscher Genrebilder, meist aus dem Zigeunerleben, schuf. Sie wurden mit Vorliebe zu hohen Preisen von Rmerikanern gekauft. Den Schluß der Reihe mag ein Mädchen bilden, das an Geschicklichkeit alle vorgenannten übertraf, die Zungenkünstlerin Selma Kuntze zu Wertheim am Main, die, am 8. Rugust 1870 geboren, in frühem Kindesalter an Gehirnentzündung erkrankte, welche zur Vertrocknung ihrer Hände und Füße führte. Sie lernte mit der Zunge selbständig Speisen und Getränke aufnehmen, einen Faden einfädeln, einen Knoten machen, die Nadel führen, sticken, schreiben perlen aufreihen, Figuren ausschneiden, Knäuel drehen usw. Ihre Zunge entwickelte sich derart, baß sie schließlich damit die Nasenwurzel unb die untere Stirn berühren konnte.-Trotz der großen Gebrechlichkeit blieb das Mädchen allezeit fröhlich und verstand andere, wenn sie betrübt waren, durch herzhaften Zuspruch und Hellen Gesang aufzuheitern." Giehener polizeiverordnnngen alter Zeit. (Schluß.) Rus einer der damals von der Gießener Polizeibehörde ausgegangenen Bekanntmachungen können wir einen Rückschluß machen, der kirchlich und kulturgeschichtlich nicht uninteressant ist. Rm 9. Dezember 1818 wird darauf hingewiesen, daß „durch das Rbschneiden der sogenannten Ehrist- kindchensbäumchen an den jungen Fichten- und Kiefern- stämmchen großer Schade" geschehe. Es wurde deshalb bestimmt, daß solche Bäume nur gegen Vorzeigung einer Legitimation von dem Oberförster abgegeben werden sollten. 51 Der Ausdruck „sogenannte Thristkindchensbäumchen" weist darauf hin, daß die Sitte, einen Thristbaum aufzustellen, damals in Gießen noch nicht alt war und erst in der Zeit nach den Befreiungskriegen allgemeine Verbreitung gefunden hat. 3m Jahre 1816 trug sich in Gießen ein Unfall zu. Beim Bierbrauen in der Brauerei des Wirtes Herbert stürzte der Brauknecht Dörr in den Kessel und verbrannte darin. Gb er, wenn auch schon tot, noch herausgezogen worden ist, ist nicht bekannt. Natürlich wollte niemand in Gießen dieses Bier trinken, und Herbert mag längere Zeit in seinem Geschäfte erheblich geschädigt gewesen sein. Wohl auf sein Ansuchen zeigte deshalb das Stadtamt, das unserem heutigen Kreisamt entspricht, an, daß das Bier, in welchem der Unglückliche seinen Tod gefunden hatte, in die Sahn geschüttet worden sei. Gießen war damals eine Kleinstadt mit vorwiegend landwirtschaftlichem Betriebe. Fast scheint es in den Straßen der Stadt zugegangen zu sein wie auf den Gassen eines weltabgelegenen Dorfes. Die Einwohner ließen, wie eine Polizeiverordnung rügt, ihre Chaisen, wagen und Karren auf der offenen Straße, sogar zur Nachtzeit und öfters längere Zeit hindurch, stehen. Diesen Einwohnern wurde gesagt, daß die offene Straße keine Nemise, sondern dazu bestimmt sei, das Publikum frei und ungehindert passieren zu lassen. Für den Fall, daß sie diese Warnung nicht beachten würden, wurde ihnen eine Geldstrafe in Aussicht gestellt. Ueberhaupt gab die Polizeibehörde sich große lUühe, die Straßen in einem geordneten Zustande zu erhalten. Gefters wurde eine Verfügung vom Jahre 1805 den Einwohnern eingeschärft, daß „jeder, wes Standes er auch immer seyn mag", wöchentlich dreimal und zwar Dienstags, Donnerstegs und Samstags, „nach dem Ausgang des Viehes" die Straße kehren und den Kehricht wegschaffen lassen solle. Im Weigerungsfälle gab es eine Strafe von drei Talern. Im Jahre 1818 teilte die Polizeibehörde mit, daß „mehrere Beschwerden über das Bellen und Saufen der Hunde des Nachts auf der Straße, wodurch die Nachtruhe gestöret werde", eingelaufen seien. Daher wurde verordnet, daß jeder seinen Hund des Nachts nach 10 Uhr bei Vermeidung einer Strafe von fünf Gulden im Hause einhalten solle. Die Knechte des Wasenmeisters wurden angewiesen, jeden Hund, der des Nachts auf der Straße gefunden werde, zu töten, wir gehen wohl in der Annahme nicht fehl, daß dieser strenge Befehl nicht ohne weiteres ausgeführt wurde, zumal man in der damaligen Kleinstadt nicht nur die Menschen, sondern auch die Hunde kannte. In dieser Zeit, unmittelbar nach den Befreiungskriegen, war in Deutschland allgemein nach dem Vorgang Jahns das Turnen aufgekommen. Der Stadtrat hatte den Studenten auf dem Trieb unterhalb des Exerzierplatzes einen Turnplatz angewiesen, der durch einen aufgeworfenen Graben einge- schlossen war. wie natürlich ist, so blieben die Gießener dort oft stehen, gingen auch über den thraben hinüber, vermutlich, um dem Turnen der Studenten zuzusehen. Das wurde ihnen verboten. Auch wurde auf dem Turnplätze jegliches Fahren, Beiten und viehtreiben untersagt. Zu den Leibesübungen gehört auch das Schwimmen. Schwimmen und Baden war in der offenen Sahn an den Bleichplätzen, der Brücke und der Pulvermühle „bis hinab zu den pfählen vor der untersten wehre" verboten. Die wache am Neustädter Tor, die Feldschützen und die Bleicher waren berechtigt, jeden, der gegen dieses verbot handelte, zu arretieren und zur Bestrafung einzuliefern. Als Strafe wurde angedroht die Zahlung von fünf Gulden oder eine „angemessene Seibesstrafe", die wohl in Stockschlägen bestand. An anderen Stellen des Flusses war das Baden gestattet. Körperliche Strafe war damals, obwohl man im Zeitalter der Humanität lebte, noch sehr gebräuchlich. Eine Verordnung vom Jahre 1817 besagt, daß Kinder, die nachts auf dem Felde, außerhalb der Wege oder bei Tage in fremden Gärten angetroffen würden, auch wenn sie nichts entwendet hätten, sowie Kinder, die beim Aehrenlesen, „Kartoffelstöppeln" und viehhüten auf Feldern, deren Ernte noch nicht eingetan sei, gefunden würden, in der Schule oder nach Umständen vor dem Bathause öffentlich gezüchtigt werden sollten. Aber auch das mittelalterliche Halseisen gab es damals noch in Gießen- denn es hieß in derselben Verordnung: „wer wiederholt Feld- und Gartenfrevel begeht, wird als ein Felddieb mit dem umgehangenen gestohlenen Gewächs auf den Wochenmärkten zur Schau ausgestellt, oder auch durch die Stadt ausgetrommelt werden." Das war barbarisch genug. Es gab damals in unserer Stadt nicht nur Felddiebe, sondern auch Entendiebe. Junge Leute hatten auf dem Stadtgraben zwischen Neuenweg und Seltersweg mit Angeln, an die sie Speck gesteckt hatten, Enten gefangen. Gesfentlich wurde bekanntgegeben, daß der eine Belohnung von fünf Beichstalern erhalten solle, der die Täter zur Anzeige bringen oder durch Angabe, wo „gestohlenes Federvieh verspeißt" werde, zur Ermittlung der Diebe beitragen werde. vor sechsundvierzig Zähren. Dem Bericht eines Augenzeugen nacherzählt von Eugen Mayer. Als der Krieg mit den Franzosen ausbrach, stand ich im Dienst der pfälzischen Eisenbahnen und war als Ingenieur in den Steinbrüchen bei Bammelsbach verwendet. Mein Freund h. war Bahnverwalter in Homburg. Bach der Kriegserklärung besuchte ich meinen Freund, der sich auf seiner Station als ein bedeutender Mann vorkam, um mich mit ihm über das zu unterhalten, was nun werden würde. „Das wird für uns ein gut Stück Arbeit geben," meinte er und warf sich im Bewußtsein seines gegenwärtigen und besonders seines künftigen wertes sichtbar in die Brust ; „denn von den Truppen, die voraussichtlich hier durchkommen werden, kennt sich ja niemand in unserer Gegend und in unserm Betriebe aus. Da werden wir wohl hinten und vorne dabei und beim Zeug sein müssen, sonst klappt die ganze Geschichte nicht." Und er kratzte sich im Vorgefühl der kommenden Arbeit bedächtig hinter den Ohren, während er mit gewichtigen Schritten den Dienstraum des Stationsvor- standes durchmaß. Ich saß, eine Zigarre rauchend, auf einem Stuhle in der Nähe des Fensters und nickte zum Zeichen der Uebereinstimmung mit seinen Worten hin und wieder mit dem Kopfe. Es mochte etwa eine Viertelstunde vor Mittag sein. plötzlich kam, fast zu gleicher Zeit, Stillstand in unsere Bewegungen. Mein Freund hemmte seine Stubenwanderung und mir blieb der Kopf im Nacken stehen, die Zigarre entfiel fast meiner Hand; denn auf dem Bahnsteig vor dem Fenster tauchte eine Pickelhaube auf, als deren Inhaber sich bei genauerem Zusehen ein preußischer Offizier entpuppte. Ohne im geringsten von unserm oder anderer Menschenkinder Dasein Notiz zu nehmen, schritt er draußen auf und ab, nur von Zeit zu Zeit schaute er nach der Uhr, die am Stationsgebäude, 03ic es die Vorschrift erheischte, angebracht war, und verglich nur einmal deren Stand mit dem Zifferblatt seiner Taschenuhr, die er natürlich zu diesem Zwecke sichtbar werden ließ. „was der preußische Windhund nur wollen mag," brummte mein freund, der nach pfälzerart in seinen Ausdrücken nicht wählerisch war. „Erstens geht in den nächsten zwei Stunden kein Zug und zweitens ist kaum anzunehmen, daß er mit seinem preußischen Erkennungszeichen eine Vergnügungsreise nach Frankreich machen will." Ueber dieser und ähnlichen Bemerkungen war der Zeiger der Uhr auf seinem höhenpunkt angekommen und zeigte die Stunde an, zu der die normal veranlagten Menschenkinder das befriedigende Gefühl zu haben pflegen, oaß sie jetzt einer notwendigen, nützlichen und angenehmen Beschäftigung sich hingeben dürfen. Buch wir mein Freund hatte mich zu Tisch geladen schickten uns an, trotz der ungewohnten und noch unaufgeklärten Erscheinung der Pickelhaube im Obergeschoß des Hauses lukullischen Genüssen uns zu überlassen. Da die Wanduhr Hub gerade jenes Geräusch an, das man Schlagen nennt öffnete sich die Tür des Vienstraumes und unsere Pickelhaube trat herein. Rn der „roten Internationale", die das Haupt meines Freundes zierte, erkannte er sofort den Bahnhofsvorstand, trat auf ihn zu, verbeugte sich mit militärischem instand, nannte einen Namen, der mir aber unter dem Druck des staunungs- vollen Augenblicks unverständlich blieb, und überreichte meinem Freund ein Papier, das dieser ahnungslos entgegennahm und einer wohlwollenden Einsicht unterwarf. Bber bald wich das Wohlwollen einer Brt von starrem Entsetzen. „ der Herr Leutnant sind — —", Kam es halb gestammelt von seinen sonst so beredten Lippen. „Meine Ordre lautet, daß von heute mittag 12 Uhr an der hiesige Bahnhof mit seinen sämtlichen Beamten und Bediensteten, seinem vollständigen Material und seinem ganzen Betrieb meinem Befehl unterstellt ist," klang es mit der bekannten, uns Süddeutschen damals noch weniger als heute angenehmen Schneidigkeit aus dem Munde des „preußischen Windhundes". Die geschriebene Ordre mußte wohl mir den Worten des Uedners im unzweifelhaften Einklang stehen und auch gehörig beglaubigt sein,- denn mein Freund gab mit einer Verbeugung, die in ihrer Linkischkeit seinem sonstigen weltmännischen Wesen wenig entsprach, das Papier seinem Eigentümer zurück. Dieser legte Helm und Degen ab und bat dann meinen immer noch ziemlich verdutzt dastehenden Freund mit der unschuldigsten Miene von der Welt, er möge ihm den Betriebsplan, das Inventar und was sonst zur Busübung des Dienstes erforderlich war, zur Einsichtnahme vorlegen. (Schluß folgt.) ttirchliche Anzeigen. Sonntag, den 2. Bpril, Lätare. In der Ztadttirche. vormittags 9>/ 2 Uhr: Pfarrer Mahr, vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeinde. Pfarrer Mahr. Bbends 6 Uhr: Pfarrer Schwabe. Vorstellung und Prüfung der Konfirmanden aus der Markus- und Militärgemeinde. Die Konfirmation findet am Sonntag Judica, den 9. Bpril, im Hauptgottesdienst statt,' in Verbindung damit Feier des heil. Bbendmahls. Die Beichte dazu wird am Samstag, den 8. Bpril, nachmittags 2 Uhr, gehalten werden. Montag, den Z. Bpril, abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Matthäusgemeinde. Dienstag, den 4. Bpril, abends 8 Uhr: Vereinigung der konsumierten weiblichen Jugend frer Markusgemeinde. Mittwoch, den 5. Bpril, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer Schwabe. In der Johanneskirche. vormittags 91/2 Uhr: Pfarrer B e ch t 0 l s h e i m e r. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für öfe Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer. Bbends 6 Uhr: Pfarrer Busfeld. Bbends 8 Uhr: Versammlung und Bibelbesprechung Ankündigungen empfehlenswerter Firmen Carl Loos Kirchenplatz 13 :: Telephon 797 Manufaktur- und Weißwaren Herren- u. Knabenkleider Hof-Möbel-Fabrik Th. Brück Gießen, Ecke Schloßgasse- :: Kanzleiberg-Brandplatz:: Ältestes u. größtes Möbel- Fabriklager Oberhessens Begründet 1858 :: Mehrfach ausgezeichnet Vorhänge . Teppiche . Linoleum Spez.: Schlafzimmer-Einrichtungen mit patentamtlich gesch. Matratzen D. G. M. Nr. 420 684 85 Allgemeine Rabatt-Spar-Marken Edgar Borrmann.Giessen Neustadt 11 Eisenwaren, Haus-u. 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