Nr. 11. Gießen, Sonntag Reminiscere, den 19. März 1916. 5. Jahrgang. „Lelbileigne Pein". Psalm 139, 16. Deine 5lugen sahen mich, da ich noch unbereitel war. und waren alle Tage auf dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und derselben keiner da war. Lz ist jetzt viel Leid im deutschen vaterlande, besonders auch in unserer Gemeinde. Der Sturm auf Verdun hat viele Opfer gefordert, und täglich gelangen neue Trauerbotschaften aus dem Felde in die Heimat. Nun bann man aber häufig beobachten, daß die schwer geprüften Menschen sich einem fruchtlosen Grübeln hingeben und nach den Worten Paul Gerhardts „mit Sorgen und mit Grämen und mit selbsteigner Pein" sich das Leben noch schwerer machen. Zu der Trauer gesellen sich die Vorwürfe, die die Leidtragenden sich selbst machen, hätte ich doch meinem Sohn nicht erlaubt, als Kriegsfreiwilliger mit hinauszuziehen! hätte ich ihn doch einem anderen Negimente zugeführt! hätte ich ihm doch von seinen Vorgesetzten einen längeren Urlaub erwirkt! hätte ich ihn doch ermahnt, nicht zu waghalsig zu sein! So lauten die Fragen, mit denen die Trauernden Tag und Nacht umhergehen. wenn der Sohn oder der Ehegatte einer Krankheit erlegen ist, werfen sie sich vor: hätte ich doch besser für ihn gesorgt, ihm wärmende Unterkleider und Medikamente geschickt! hätte ich doch veranlaßt, daß er, da seine Gesundheit vorher schon angegriffen war, hinter die Front und in ein Lazarett oder in ein Erholungsheim gekommen wäre! Es ist nicht nur der Krieg, der solche Fragen hervorruft, wenn im Frieden jemand stirbt, der seinen Ungehörigen Steuer war, so heißt es: hätte ich doch noch einen zweiten Urzt hinzugezogen! hätte ich doch veranlaßt, daß der Kranke sich früher zu Bett gelegt und nicht weiter gearbeitet hätte, bis er umsank! hätte ich doch dafür gesorgt, daß er sich mehr geschont hätte! Und wenn jemand durch einen Unglücksfall um das Leben gekommen ist, so sagt man: hätte ich ihn doch vor der Gefahr gewarnt, ihn an dem verhängnisvollen Tage nicht Weggehen lassen, ihm größere Vorsicht eingeschärft! Buch wo man sich nicht eigentlich Vorwürfe macht, zermartert sich doch mancher Geprüfte die Seele mit unruhigen Fragen. Man denkt an die letzten Stunden eines auf dem Schlachtfelde Gefallenen, fragt sich, ob er wohl gleich Hilfe gefunden habe, ob er sachgemäß behandelt worden sei, ob ihm jemand noch vor seinem hinscheiden einen Liebesdienst erwiesen habe. Ulle, die so reden und fragen, machen sich selbsteigne^ Pein, und sie begehen damit ein Unrecht an sich selbst. Es steht nicht in der Macht des Menschen, die Zukunft Zug für Zug genau vorauszusehen und darnach seine Handlungsweise einzurichten, wir können uns nur für Fälle rüsten, die wir ganz genau voraussehen, derer sind aber nur wenige. Bllzu häufig treten in diesem armen menschlichen Leben Fälle ein, die niemand voraussehen konnte, was kommen wird in der iZukunft, weiß nur der große, allwissende Gott. Seine Bugen sähen uns und unsere Ungehörigen, ehe wir geboren waren, alle unsere Tage, alle die Wechselfälle unseres Schicksales sind in sein Buch geschrieben, er ordnet den Gang unseres Lebens, er sendet Lust und Leid, wir können nichts tun, als was wir im Augenblicke als unsere Pflicht erkannt haben, wenn wir die aber getan haben, wenn wir für die, die uns Gott zur Seite gestellt hat, nach besten Kräften und in reiner Liebe gesorgt haben, so wollen wir stille sein, wenn schweres Schicksal sich auf uns herabgesenkt hat, und wollen uns das Leben nicht noch durch „selbeigne Pein" verbittern. h. B. Vas Reformationsfest zu Siesten in den Jahren mi und \T\T. Hm 31. Oktober 1917 werden wir, so Gott will und wir leben und Frieden haben, im deutschen vaterlande festlich den Tag begehen, da Martin Luther vor 400 Jahren durch den Anschlag seiner 95 Thesen an die Tür der Schloßkirche zu Wittenberg das Werk der deutschen Neformation eröffnet hat. wer noch den 10. November des Jahres 1883 in seiner Erinnerung hat, den 400. Geburtstag Luthers, der weiß, wie dieser Tag in ganz Deutschland großen Jubel erregt hat. Es ist nun von Interesse, darauf zu achten, wie man in Gießen in den früheren Jahrhunderten das Neformationsjubelfest gefeiert hat. Sowohl 1617 als auch 1717 ist das geschehen, und bestimmte Nachrichten liegen uns noch darüber vor. Das Jubiläum der Neformation wurde 1617 in ganz Deutschland von den Evangelischen gefeiert. Mehrere sächsische Fürsten, vornehmlich auch die Neichsstädte, die einst in den Tagen Luthers die Neformation angenommen hatten, ließen für diesen Tag Denkmünzen prägen, von denen die meisten die Inschrift trugen: Verbum äomini manet in aeternum (Gottes Wort bleibet in Ewigkeit) oder die ähnlich lautende: - 42 (Bottes Wort und Luthers Lehr vergehet nun und nimmermehr. In den Hessen-Darmstädtischen Landen wurde auf Befehl des Landgrafen Ludwig V. oder des Getreuen am Nllerheiligentag (1. November) in den predigten der hundertjährige Festtag erwähnt, hiernach scheint es fast so, als ob man damals nicht den 31. Oktober, sondern, wie es jetzt in jedem Jahre, wenn ber 31. Oktober ein Werktag ist, geschieht, den Sonntag darnach als Neformationsfesttag gefeiert hat. In der Ltadtkirche zu Gießen hielt an diesem Tage der erste Superintendent und Professor Dr. Johann winckelmann die predigt, die Nachmittagspredigt hielt der Naplan Magister Johann Möller. In Darmstadt hielten die Jubelpredigt in der Ltadtkirche der Superintendent Dr. Heinrich Leuchter, in der Hofkirche der Hofprediger Magister Justus Dietor. Die Gießener Universität feierte am 2. November das Gedächtnis der Neformation durch eine Nede, welche der damalige Nektar Magister Christoph Lcheibler hielt. Nach ihm trat Magister Nonrad Nachmann auf und sprach der Litte der Zeit entsprechend in schönen und fließenden lateinischen Versen über die Neformation. hierauf wurde eine Nollekte für verwaiste Ninder gesammelt. Leider wurden diese Feierlichkeiten gestört durch den unangenehmen Eindruck, den die Streitigkeiten machten, die unter den Professoren der Theologischen Fakultät über die Nllgegenwart Christi ausgebrochen waren, hier stand auf der einen Leite der Professor Mentzer, dem sein Schwiegersohn, der Professor Feuerborn, zur Leite trat, auf der anderen Leite standen die beiden Professoren Winckelmann und Gisenius. Der Landgraf beschied die vier streitbaren Herren nach Darmstadt und brachte auch eine Vereinbarung zustande, allerdings kam der Streit kurz darnach wieder zum Nusbruch und wurde nun zu einem Nampfe, der hauptsächlich zwischen ber Gießener und der Tübinger Theologischen Fakultät geführt wurde. Feierlicher gestaltete sich das Neformationsfest des Jahres 1817. Landgraf Ernst Ludwig hatte selbst auf die Vorschläge des Oberhofpredigers Bielefeld, der zugleich erster Luper- intendent und Professor zu Gießen war, das Festprogramm entworfen und zwei Gedenkmünzen auf das Fest prägen lassen. Die größere Münze war zweilötig und hatte einen Lilberwert von ungefähr drei Gulden. Nuf der einen Leite befand sich das schön gearbeitete Brustbild des Landgrafen im Profil nebst seinem Namen und Titel. Nuf der anderen Leite war ein Opferaltar mit einem rauchenden Opsergefäß zu sehen. Nuf dem Nltar standen die Buchstaben: V. D. M. I. AE. (Verbum domini manet in aeternum), vor dem Nltar kniete eine mit einem Fürstenmantel umhüllte Gestalt, die eine Nrone an der Ltufe des Nltars niedergelegt hat. Die Umschrift lautete: Festum seculare secundum ecclesiae evang. Luther. 31. Oktober 1717 (Zweites Jubelfest der evangelisch-lutherischen Nirche). Unten stehen die Worte: Hassia votorum compos deo grata, d. h. in freier Uebersetzung: Das Hessenvolk hat seine wünsche erreicht und dankt Gott. Diese Medaille wurde an die zum Hofe gehörenden Personen und an die Beamten ausgeteilt. Die kleinere Münze hatte die Größe eines Lechskreuzerstückes. Nuf der einen Leite befanden sich das hessische Wappen mit der Umschrift: Ernest. Ludov. d. g. Landgrav. hassiae. 1717. 31. Get. (Ernst Ludwig, durch Gottes Gnade Landgraf von Hessen, 31. Oktober 1717). Nuf der anderen Leite stand in der Mitte: .lubila6um secundum ecclesiae Luther, die Umschrift lautete: Verbum domini manet in aeternum. Diese Münze wurde nach Beendigung des Nachmittagsgottesdienstes an alle Schulkinder im ganzen Hessenlande ausgeteilt. Ls ist anzunehmen, daß sich beide Münzen noch zahlreich vorfinden, die erste sicher in Sammlungen, die zweite wohl auch noch im privatbesitz. Diesmal dauerte die Feier des Neformationsfestes drei Tage. Sie wurde um 29. Oktober durch Geläute aller Glocken, das eine Ltunde dauerte, eröffnet. Der 30. Oktober wurde im ganzen Lande als Buß-, Fast- und Bettag gehalten. Die Texte sowie die Nltarlektionen waren von dem Landessürsten vorgeschrieben,- bekanntlich werden heute noch die Texte für den Buß- und Bettag von dem Großherzog bestimmt. Nuch für die eigentliche Neformationsfestfeier bestimmte ber Landgraf die Texte, diese Feier fand am 31. Oktober statt. Bielefeld hielt die Jubelpredigt. Nach Beendigung des Nachmittagsgottesdienstes wurde eine Nollekte für die hausarmen und die Waisenkinder erhoben und die schon erwähnte Denkmünze an die Schulkinder ausgeteilt. Montag, den 1. November, feierte die Universität das Fest. Der Nektar Liebknecht, ein Vorfahre des Neichstags- abgeordneten Liebknecht, der jetzt in so unrühmlicher Weise von sich reden macht, lud zum Gottesdienste (wahrscheinlich ein Gottesdienst für die Nngehörigen der Universität) ein durch ein Programm, welches den Titel führte: „De lacry- mis Pontifiziorum primo jubilaeo Lutherano profusis, nunc secundo hoc in immoderatum risum conversis," d. h. ,,Die Tränen, die die geistlichen Würdenträger bei dem ersten Lutherjubiläum vergossen haben und die jetzt bei dem zweiten in ein gewaltiges Lachen verwandelt worden sind." Nuch wenn man bedenkt, daß der Geschmack dieser Zeit ein anderer war als der der Gegenwart, so wird man doch dieses Thema als äußerst abgeschmackt bezeichnen. Der Professor Liebknecht scheint sich in genau so absonderlichen Gedankengängen bewegt zu haben als heute sein Nachkomme, und so findet das Gesetz von der Vererbung hier wieder einmal seine Bestätigung. Nach dem Gottesdienste wurde auf dem Nolleg- gebäude von dem Professor der Dichtkunst und Beredsamkeit Magister Northolt nach „Nufführung einer feierlichen Musik", wie es in einem alten Berichte heißt, die Jubelrede gehalten. Sie behandelte bas Thema „De Luthero, ecclesiae angelo, aeternum domini verbum annunciante“ (Luther, der Engel der Nirche, der das ewige Gotteswort ankündigt). Ueber das Neformationsfest des Jahres 1817 ist uns vorläufig nichts näheres bekannt, wir hoffen jedoch, darüber noch etwas in Erfahrung zu bringen. Die Nrt dieses Festes war durch den Großherzog genau vorgeschrieben worden, auch die Texte sowie die Lieder für das Fest waren von dem Landesfürsten ausgewählt worden, sie wurden in Gießen in der Lchröderschen Buchdruckerei gedruckt und kosteten ungeheftet 5 kr., geheftet 6 kr. Das Fest wurde in Gießen Freitag, den 31. Oktober, gefeiert, vormittags predigte (in der Burgkirche, da damals die Ltadtkirche im Bau war) Zuperintendent Buff, nachmittags Professor Dieffenbach. Nuch Lamstag, der 1. November, war noch ein Festtag,' für diesen Tag waren Lchulfeierlichkeiten vorgesehen und zwar bei ungünstigem Wetter in der Burgkirche, bei günstigem Wetter auf dem freien Platze vor dem Neuenweger Tor. Es scheint, als ob dieses Fest unter Beteiligung der ganzen Einwohnerschaft von Gießen als ein großes kirchliches Fest gefeiert worden sei. _ h. B4'ip Vas Zaniariterwejen vor J00 Zähren und jetzt. wenn man heute die großzügige Organisation der Nrankenpflege im Frontgebiet und in allen Teilen der Heimat sieht, dann macht man sich meistens keine Gedanken darüber, welchen weiten und beschwerlichen weg das Lamariterwesen 43 zu durchmessen hatte, ehe es aus einer solchen höhe stand, daß es derart ungeheuerlichen Anforderungen entsprechen konnte, wie sie die ungemessenen Verhältnisse der heutigen Kriegsführung ihm stellen. Man erschrickt, wenn man liest, wie kläglich für die wackeren verwundeten Krieger in früheren Schlachten, beispielsweise in der Völkerschlacht bei Leipzig, gesorgt war. Ein bedeutender Chirurg jener Zeit, der 1813 gestorbene Zoh. Christian Reil, schildert diese Verhältnisse nach der Leipziger Schlacht in einem Briefe an den Freiherrn von Stein folgendermaßen: „Nuf dem Wege begegnete mir ein ununterbrochener Zug von verwundeten, bie wie Kälber auf Schubkarren ohne Strohpolster zusammengeklumpt lagen und einzelne ihre zerschossenen Glieder, die nicht Baum genug auf diesem engen Fuhrwerk hatten, neben sich herschleppten. Noch an diesem Tage, also sieben Tage nach der ewig denkwürdigen Völkerschlacht, wurden Menschen vom Schlachtselde eingebracht, deren unverwüstliches Leben nicht durch Verwundungen, noch durch Nachtfröste und Hunger zerstörbar gewesen war. Sn Leipzig fand ich ungefähr 20 000 verwundete und kranke Krieger von allen Nationen. Die zügelloseste Phantasie ist nicht imstande, sich ein Bild des Jammers in so grellen Farben auszumalen, als ich es hier in der Wirklichkeit vor mir fand. Vas Panorama würde selbst der kräftigste Mensch nicht anzuschauen vermögen .... Man hat unsere Verwundeten an Grte niedergelegt, die ich der Kaufmännin nicht für ihren kranken Hund anbieten möchte. Sie liegen entweder in dumpfigen Spelunken oder in scheibenleeren Stuben und wölbischen Kirchen, in welchen die Kälte der Atmosphäre in dem Maße wächst, als ihr Verderbnis abnimmt, bis endlich einige Franzosen noch ganz ins Freie hinausgeschoben sind, wo der Himmel das Vach macht und heulen und Zähneklappen herrscht. Nn dem einen Pol tötet die Stickluft, am andern reibt der Frost die Kranken auf. Bei dem Mangel öffentlicher Gebäude hat man dennoch nicht ein einziges Bürgerhaus den gemeinen Soldaten zum Spital eingerichtet. Kn jenen Orten liegen sie wie die Heringe geschichtet in ihren Tonnen, alle noch in den blutigen Gewändern, in welchen sie aus der heißen Schlacht hineingetragen sind. Unter 20 000 verwundeten hat auch nicht ein einziger ein Hemde, Bettuch, Vecke, Stroh,ack oder Bettstelle erhalten. Keiner Nation ist ein Vorzug eingeräumt, alle sind gleich elend beraten und das ist das einzige, worüber die Soldaten sich nicht zu beklagen haben. Neil schildert dann grauenhafte Einzelbilder. Sm Hof der Leipziger Bürgerschule lag ein Berg, den Kehricht und die Leichen deutscher Krieger aufgetürmt hatten, die von Hunden und Naben angefressen waren. Nn Wärtern fehlte es ganz. vie Zustände haben, wie jedermann weiß, eine Wandlung sondergleichen erfahren. Sm Kriege 1866 befanden sich allerdings erst 282 ausgebildete viakonissen im Felde, 1870/71 bereits 764 und gegenwärtig zählt das Nufgebot allein der berufsmäßigen Viakone und Krankenpflegerinnen nach vielen Tausenden. Genaue Daten hierüber können natürlich nicht bekanntgegeben werden, doch kann man ohne Uebertreibung von einem Heer von berufsmäßigen Samaritern sprechen, die, Hand in Hand mit den Nerzten und unterstützt wiederum von ungezählten freiwilligen, wenn auch nicht beruflich ausgebildeten Helfern und Helferinnen, im vienste der Verwundetenpflege stehen. Ehrlich währt am längsten. Crzählung. (Fortsetzung.) Nein leider nicht, der Herr Pfarrer sei nicht zu Hause, er sei zu einem Schwerkranken gerufen worden. Gb es etwas ausrichten dürfe, fragte noch das Mädchen, und ob es den Namen der Frau wissen dürfe, um Bescheid sagen zu können, wer dagewesen, varauf schüttelte die Frau heftig den Kopf. Nein, sie wolle lieber wiederkommen. Freundlich ging das Mädchen die paar Schritte mit zur Türe. Nascher wie die Frau drinnen gewesen, war sie wieder draußen. Cilig, als jage man sie, eilte sie die Stufen hinab auf die Straße. Crst hier blieb sie stehen und atmete auf. Cs war ihr momentan eine Erleichterung, daß sie den Pfarrer nicht angetroffen und infolgedessen nicht hatte bitten können. Nber was nun? Ihr ganzes Unglück legte sich ihr doch bald wieder wie ein schwerer Nlp auf die Seele.-was sollte nun werden? So konnte es doch nicht weitergehen, sie müßten ja verhungern. Ganz Hoffnungslosigkeit, kam sie zu Hause an. Karl war schon da, sie machten im Geschäft Samstags früher Feierabend. Cr saß in dem kalten Zimmerchen, das nur von der Straßenbeleuchtung einen Schein von Licht erhielt, und wartete. Nls die Mutter eintrat, sprang er lebhaft auf. „Nch, da bist du endlich, Mutter! wie lange warte ich schon auf dich!" rief er voller Ungeduld. „Sch Hab' eine Ueberraschung, Mutter ! vie rätst du nicht nein, die rätst du nicht!" vie Frau hatte sich wie totmüde aus einen Stuhl sinken lassen, va saß sie nun ganz zusammengebrochen unter ihrer schweren Sorgenlast, hörte ihres Zungen Helle, freudige Stimme und verstand gar nicht, was er wollte, verstand nicht, daß er so laut, so freudig erregt sein konnte; sie hatten doch keinen Grund dazu, sie beide. „Nber Mutier, rate doch nur mal, was ich, heute bekommen habe! was ich hier in meiner Hand halte, Mutter!'' Karl war ganz dicht vor sie getreten, deren verzweifelten Gesichtsausdruck er in der halben Dunkelheit, die hier herrschte, ja nicht sehen konnte, und hielt ihr die fest zur Faust geschlossene Nechte, lachend, dicht vor die Nugen. „Nch, was denn?" sagte die Mutter müde, fast abweisend. „Nber so rate doch mal, Mutter! von meinem Prinzipal Hab' ich es bekommen!" rief Karl, immer dringender werdend, in seiner freudigen Ungeduld. „was hast du nur, Zunge?" sagte die Mutter ,die sich erhoben hatte und nach Zündhölzern suchte, um die Lampe anzuzünden. Shres Zungen freudige Erregtheit weckte sie doch mit der Zeit aus ihrer Lethargie. „hier! Meinen ersten Lohn, Mutter!" Nun brannte die Lampe, die Frau sah dem Zungen in das vor Freude strahlende Gesicht und dann fast mit Schrecken auf das Zehnmarkstück, das er in seiner offenen Hand ihr entgegenhielt. „Deinen Lohn?" wiederholte sie tonlos. „Za, Mutter, weil ich immer fleißig und strebsam gewesen bin, sagte mein Prinzipal. Und wenn ich mich so weiter hielte, bekäme ich sogar noch zugesetzt." Va lief ein solches Zittern der Freude der Frau durch die Glieder, daß sie sich setzen mußte. Neben konnte sie nichts, aber die Tränen liefen ihr nun über die schmalen Wangen. Karl erschrak, als er das sah. — 44 — „Uber Mutter, warum weinst du denn?" rief er, „bist du denn nicht froh?" Sie nickte. „Doch, Karl, eben weil ich gar zu froh bin, muh ich weinen." Da lachte Karl wieder. «Schluß folgt.) Uleine Mitteilungen. Km 12. März waren es 40 Jahre her, daß die Stabt Gießen wie auch die ganze Umgebung unserer Stadt unter einem furchtbaren Unwetter zu leiden hatte, wochenlang hatte es geregnet, die Witterung war so ungünstig, daß ängstliche Gemüter glaubten, die Welt werde untergehen. Da kam am 12. März4876 dieser Tag war auch wie in diesem Jahre ein Sonntag ein verheerender Sturm. Den ganzen Tag hatte schon der Sturm gewütet, er wurde nachmittags zwischen 5 und 7 Uhr zum brausenden Orkan. Diele Schornsteine wurden heruntergerissen, das Türmchen auf dem Kat- hause wurde so beschädigt, daß es einer Kuine glich, von dem Hause des Lehrers Jung (jetzt Gasthaus zum „Augustiner") am Ludwigsplatz wurde das Dach heruntergerissen und in die Wieseck geschleudert. Der Sturm war so heftig, daß sich kaum jemand auf die Straße wagte. Der Stadtkirchturm wurde so erschüttert, daß der Turmwächter Dauer eiligst seinen Posten verließ und herunterstieg, weil er fürchtete, daß der Turm einstürzen werde. Ueberall wurden die Telegraphenleitungen zerstört, in die Feuerung der Stadtkirche drang das Wasser ein, so daß nicht geheizt werden konnte. Große Verheerungen richtete der Sturm im Stadtwalde zwischen Gießen und Kodgen an. Da das Erdreich durch den vorausgegangenen Kegen gelockert war, so wurden die schönsten und stärksten Däume entwurzelt. Fast der ganze Wald wurde zerstört, infolgedessen war das Holz drei Jahre lang sehr billig. Man hatte für das Jahr 1877 dort den holzschlag vorgesehen. Diese Arbeit war nun nicht mehr nötig; denn der Sturm hatte sie ausgeführt. Unsere Kriegsbetstunden werden selbstverständlich auch in der Passionszeit weiter gehalten werden, sie werden dem Tharakter der Zeit des Kirchenjahres entsprechend zu Passionsandachten gestaltet werden. Mrchliche Anzeigen. Sonntag, den 19. März, Keminiscere. Kollekte für den pfarrhausbau zu Dretzenheim. Gottesdienst. In der Ztadttirche. vormittags 9y 2 Uhr: Pfarrer Mahr, vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeinde. Pfarrer Mahr. Abends 6 Uhr: Pfarrer Schwabe. Abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Markusgemeinde. Montag, den 20. März, abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Matthäusgemeinde. Dienstag, den 21. Märzl, abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Markusgemeinde. Mittwoch, den 22. März, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer Mahr. In der Zohanneskirche. Vormittags 9 l k Uhr: Pfarrer Bechtolsheims r. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für dise Lukasgemeinde. Pfarrer Dechtolsheimer. Abends 6 Uhr: pfarrassistent Hoffman n. Abends V28 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Lukasgemeinde. Abends 8 Uhr: Versammlung und Dibelbesprechung im Johannessaal. E Ankündigungen empfehlenswerter FirmenJ Carl Loos Kirchenplatz 13 :: Telephon 797 Manufaktur- unb Weißwaren £erren= u. Knabenkleiber Hof-Möbel-Fabrik Th. Brück Gießen, Ecke Schloßgasse- :: Kanzleiberg-Vrandplatz:: Ältestes u. größtes Möbel- Fabriklager Oberhessens Gegründet 1858 :: Mehrfach ausgezeichnet Vorhänge - Teppiche - Linoleum Spez.: Schlafzimmer-Einrichtungen mit patentamtlich gesch Matratzen D. G. M. Nr. 420 684 85 Allgemeine Rabatt- Spar - Marken neueste Finbände zu billig. Preisen Mäusburg 11 Edgar Borrmann, Giessen Neustaotll Eisenwaren,Haus-u. Küchengeräte Teleph.165 empfiehlt billigst Osten, Herde, kupferne u. gußeiserne Waschkessel, Haus- u. Küchengeräte,SolingerStahlwarenJandwIrtschaftl.Maschinenu.Geräte,Vogelkäfige u. Züchterutensilien, Fischereigeräte etc. etc. Waffen u. Munition. Glühlichtstrümpfe, elektrische Birnen, Fahnenhalter, Karbidlampen. CARL LUDWIG LEIB KUNSTHANDLUNG • BILDER-- EINRAHMUNGS - GESCHÄFT VERGOLDEREI kirchstr. z ANTIQUITÄTEN Musitslien Mikinllmmenle frnfl llhsllier, Siesten Kudolph's jflschf. lflkukmoeg 8 Lelkphon 571 Ibem Nacht. Modes Gießen, Plockstraße 5 empfehlen sich in allen in ihr Fach schlagenden Arbeiten. m- Auch andere Systeme stets auf Lager. Preislage MK. 60.- bis Mk. 180.- Nur bestbewährte Qualitäten Zr. Linker, Luöwigstr. J6 ReparaturwerKftattf.Nähmafchinen verantwortlichI füt den Wertteil Pfarrer »-chtolsh-im-r für den Anzeigenteil h. Bcd<; Druck und Verlag der SrühI'Ichen Univerfi.SK. Luch- und Steindruckerei N. Lange, sämtlich zu Gieken.