/> 1 Gemeinüeblatt fülöik evangelische Kircbengemtinüe Giefzeer Nr. 52. (Biefeen, Freitag, Silvester, den 31. Dezember 1915. 4. Jahrgang. Neujahr IM. von Generalsuperintendent v. K l i n g e ma n n - Koblenz. Evangelium des Johannes 9, 4. Ich muß wirken die Werke des, der mich gesandt hat, so lange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Gegen das Ende des Dreißigjährigen Krieges sang einst Paul Gerhardt im Neujahrsliede: Schleuß zu die Jammerpforten Und laß an allen Grten Nuf so viel Blutvergießen Die Friedensströme fließen. Es war ein müdes Geschlecht, das damals, um seine vaterländische Hoffnung betrogen, also sang und um den Frieden betete. Und als am Ende des furchtbaren Erschöpfungskrieges der Friede kam, brachte er deutschem Volk und Sand schweren Verlust, besiegelte er jene Machtlosigkeit, die immer neuer Kämpfe und immer neuen Elends Keim in sich trug. Buch unser hoffendes Gebet zum Neuen Fahre ist auf Frieden gerichtet; eher aber wollen wir neue Gpfer bringen, als in einen Frieden willigen, der nicht die Bürgschaft der Dauer darin erweist, daß er unverkürzten Siegespreis unserem Volke sicherte, Kaum zu neuer Entfaltung seiner gesunden Kraft, Macht als Bedingung seines Gedeihens nach innen und nach außen. Und über der Sorge, der Trauer, mit der wir des vergangenen Jahres und seines Blut- und Tränenopfers gedenken, vergessen wir nicht den Dank. Siege von wunderbarer Herrlichkeit sind erstritten worden, weithin nach Vst und Süden in Feindes Sand, bis in das Herz der Balkanlande sind unsere Streiter oorgedrungen, nicht um einen Schritt hat die Mehr im Westen gewankt. Ein Fahr des Nuhmes liegt hinter uns, das zu den entscheidenden Fahren in der Geschichte der Völker gerechnet bleiben wird. Mir hatten's freilich anders gcbacfjt; wir meinten wohl, als wir über des Fahres Schwelle traten, es sollte uns bald den Frieden bringen, die frohe Heimkehr unserer ruhmgekrönten Söhne und Brüder. Und dann hatte es ein Fubeljahr uns werden sollen, reich an großen vaterländischen Erinnerungen. Den Fahrhunderttag der Geburt unseres Bismarck hatten wir fröhlich feiern wollen, die Erinnerung an den Tag von Belle-Nliance, die Fünfjahrhundert-Feier ruhmvoller hohenzollernherrschaft wollten wir jubelnd begehen. Ueber das alles hat sich heiliger Ernst gebreitet, es war uns wohl, als sei das selbst Erlebte schier größer als alle Erinnerungen. Nun tragen wir die Hoffnung auf den endgültigen Sieg, den Frieden, in ein neues Iahr hinüber und grüßen noch einmal das scheidende Fahr in seiner erschütternden Größe, in seinem heiligen Ernst. Ls ist der Ernst der Zeit, der uns auch den ganzen Wert der Zeit ermessen lehrt. Die Größe unseres Erlebens muß uns auch den tiefen Sinn, den wert des Lebens erschließen. Näher als sonst ist uns in all den ergreifenden Bildern der Vergänglichkeit, in all der Zerstörung und Vernichtung die Ewigkeit mit ihrem Trost getreten ; wir wüßten ohne Ewigkeit die Schwere unseres Verlustes, unserer Entbehrung nicht zu deuten und nicht zu tragen. Uber des Glaubens Trost weist uns immer wieder in die Pflicht, in das Leben zurück. Bus Fesu Munde haben wir ein wort von wunderbar tiefer Diesseitigkeit: „Ich muß wirken die werke des, der mich gesandt hat, so lange es Tag ist' es kommt die Nacht, da niemand wirken kann." So wollen auch wir den Lrdentag mit seiner Pflicht verstehen, dankbar sein für das unserem Erdentag und seinem verordneten werk neu geschenkte Fahr. Das Uecht der Hoffnung auf unseres Volkes Zukunft ruht in dem Maß von pflichttreue, von sittlicher Kraft, das wir unserem Volke Zutrauen, und das ein jeder in sich selbst gestalten muß. Für das Gemeinwohl wissen wir uns haftbar, verantwortlich, und unseres Lebens köstlichen Inhalt weist uns die Urbeit, die Pflicht. Für schweren Verlust und hartes Entbehren muß innerer Keichtum uns entschädigen, der großen Zeit muß unser Leben sich wert erweisen, indem es großen Zielen sich hingibt, vielleicht, daß des Lebens Pflicht für manche in unseren Tagen kein geringeres Gpfer bedeutet als die Pflicht des Sterbens. Zum Jahreswechsel. Durch aller Iahre leisen Flug Uinnt hier schon ew'ges Leben, Den Seinen will davon genug Oer treue Heiland geben; Denn gehst du gläubig durch die Zeit, Lebst hier schon für die Ewigkeit, Und wanderst nach dem Himmel. wir stehen wieder an der Jahreswende, zum zweiten Male nach Entfesselung von Kümpfen, Stürmen und wirren, wie sie die Welt noch nicht sah. Wohl dachten wir vor einem - 206 — Jahre zu derselben Zeit, daß wir heute das schwerste überwunden haben würden, daß unsere Lieben nun daheim seien und wir nicht mehr mit angstvoller Erwartung von Tag zu Tag nach Berichten von da draußen von den zahllosen Stätten erbitterten Kampfes zu harren brauchten! Me anders ist es gekommen! Mr müssen uns sagen, daß in dieser schweren Zeit es ein Legen für uns war, nicht in die Zukunft schauen zu können,- denn wie hätten wir all die Fülle des sehnsüchtigen Wartens, der Trauer um uns her ertragen sollen, mit dem Bewußtsein, daß das Ende auch dieses Jahres uns noch nicht ein Ende unserer Sorgen bringen werde. So müssen wir vor allen Dingen an dem heutigen Tage dankbar sein, nicht nur für die großen Errungenschaften unserer Heere, auch dafür, daß wir die seelische Kraft behielten, zu hoffen, zu tragen und zu kämpfen,- denn auch wir hier in der Heimat, die wir nie den Donner der Kanonen hörten, nie den feindlichen Geschossen ausgesetzt gewesen waren, auch wir sollen einen Kampf kämpfen, einen Kampf, der allein einen jeden von uns in der Schwere dieser Zeit über das Kleinliche hinwegträgt, uns innerlich hebt und uns Kraft, Mut und Geduld zum Busharren gibt, den Kampf, der, von niemandem gesehen, doch Großes wirken kann: den Glaubenskampf! Dieser Kampf ist nicht leicht. Bedenken wir, wie schwer uns im täglichen Leben jede kleine Selbstüberwindung fällt. Dieser Kampf aber erfordert von uns weit mehr Hingabe, Busharren und Verinnerlichung. Mr müssen lernen, das laute Leben zu meiden und in der Stille uns zu sammeln, wir müssen versuchen, all unser Tun und Denken so zu leben, daß wir ohne Furcht es jederzeit vor das Bngesickft Gottes bringen können. Vermögen wir dies, so wird dieser Kampf uns täglich weiter bringen, mit ungeahnter Buhe und Zuversicht unsere Herzen erfüllen. Buch werden wir getrost dem Kommenden entgegensehen können,- denn wir wissen dann, daß, was auch geschehen möge, der allmächtige Gott all denen beisteht, die in Wahrheit allein auf ihn sich verlassen. Unsere Brüder gehen in das neue Jahr hinüber in dem alten Kampfe für Vaterland und Familie. Möge Gott sie darin segnen! Lasset uns ihnen zur Leite stehen im Geiste und hier in der Heimat den Kampf kämpfen für das himmlische Vaterland! Baronin U. Meine Erlebnisse in der französischen Fremdenlegion. von einem Gießener. (Fortsetzung.) Während der Fahrt auf dem Flusse wurden wir oft von den Bufständigen vom Ufer her aus sicherer Stellung beschossen, dann mußten unsere kleinen Kanonen in Tätigkeit treten, damit wir wieder ungestört weiter fahren konnten. Wir passierten Phu-Lp und kamen am l5. Bugust nach Hanoi. Hanoi ist eine große Stadt mit vielen europäischen Häusern, auch wohnen da viele reiche Thinesen, die dort einen ausgedehnten Handel treiben. Blle Waren werden auf Booten auf dem Flusse transportiert. Bls wir in Hanoi ankamen, war meine Gesundheit sehr angegriffen. Lin Bnamit sagte mir, ich solle die Speisen essen, die die Eingeborenen essen, dann würde es schon besser mit mir werden. Ich gab alles Fleisch und Brot fort und lebte nur von Ueis, aber mein Zustand besserte sich nicht, so daß ich gezwungen war, mich am 15. Bugust krank zu melden. Während ich nun viele Tage lang dahinsiechte, machte ich allerhand Beobachtungen über die Lebensweise der Bna- miten, die ich hier mitteilen will. Ls fiel mir auf, daß ich nicht einen der Landeseingeborenen sah, der das Brot, das wir ihnen schenkten, gegessen hätte,' im Stillen wunderte ich mich oft darüber, wo dieses Brot denn hinkäme. Eines Tages bekam ich hierüber Klarheit. Die Bnamiten haben Körbe, die den Spreukörben ähnlich sind, wie sie unsere Landleute da, wo man keine Windmühlen hat, gebrauchen, um die Frucht von der SpreuJu reinigen. Diese Körbe hatten sie gefüllt mit dem ihnen von uns geschenkten Brot, das sie in lauter kleine Scheiben geschnitten und in der Sonne hatten hart werden lassen. Bach diesem Verfahren wurde das Brot in einen Mörser getan, zu Mehl gestoßen, mit Beismehl vermischt, dann mit Saft von Zuckerrohr und anderen Zutaten zu einem Teig zusammengeknetet. Vieser Teig wurde gebacken, nachdem man ihn zu Plätzchen auseinander geteilt, wie sie in unseren Konditoreien hergestellt werden. Was aber nun das Merkwürdigste daran war, das war, daß die Bnamiten diese Plätzchen nicht selber gegessen haben, nein, sie haben ihre Zuckerplätzchen an unsere Soldaten verkauft, und diese haben diese Ware gern gekauft. Bllerdings konnten wir auch für wenig Geld bessere Dinge kaufen. Für einen Sou bekamen wir den größten und schönsten Bnanas, für 5 Sous einen ganzen Zweig Bananen, aber alle diese Früchte, so schön sie waren, konnten uns doch nicht unsere einheimischen Bepfel und Birnen ersetzen. Wie oft habe ich mich damals nach einem guten deutschen Bpfel gesehnt. Buch mit dem Fleisch sind die Landeseingeborenen in einer Weise verfahren, wie sie ein Europäer nicht abscheulicher finden kann. Wenn ich einem Bnamiten ein Stückchen Fleisch schenkte und ihm zu verstehen gab, er solle es essen, so klopfte er sich zum Zeichen des Einverständnisses auf den Bauch, nickte und verschwand. Eines Tages folgte ich heimlich einem der Leute, aber was sah ich! In einem Mnkel, den die Sonnenstrahlen nicht erreichten, hingen 4 -5 solcher kleinen Fleischstücke, die zum Teil schon voller Ungeziefer waren. Ich schenkte nun kein Fleisch mehr weg, obgleich sich der Mann bei jeder Mahlzeit einstellte. Ts dauerte zwei Tage, da merkte ich, daß er einen Mörser hatte und in diesem allerhand stieß. Bald sollte ich auch gewahr werden, was in dem Mörser zusammengestoßen wurde. Line Menge kleiner Tiere, so eine Brt Krebse ivohnen dort im Erdreich, machen sich Löcher wie die Mäuse und laufen im Gegensatz zu den Krebsen sehr schnell, von diesen Tieren nahm der Bnamit 5 bis 6 Stück, tat sie lebend in den Mörser und fing an zu stoßen. Bach einer Weile holte er auch das Fleisch, das voller Maden und Ungeziefer war, tat auch es in den Mörser, und nun wurde alles zusammengestampft zu einem Brei, dem noch Gewürz beigegeben wurde. Daraus wurden Kuchen geformt von der Brt unserer deutschen Kartoffelpfannkuchen. Freudestrahlend kam der Mann zwei Tage später und brachte mir einen von diesen Kuchen, den solle ich essen, dann würde ich wieder gesund werden, das sei ein ausgezeichneter Leckerbissen. Ich habe für diesen Leckerbissen bestens gedankt. Bm 24. Bugust kam ich nach ftanoi in das Lazarett. Doch bevor ich von meiner Leidenszeit im Lazarett berichte, will ich noch einiges von den Landeseigentümlichkeiten erzählen. Bls wir noch in Phu-Bho waren, war ein kleiner Trupp von uns, ungefähr 7 8 Mann stark, in ein entferntes Dorf gegangen, um Lebensmittel einzukaufen. Einer von uns, ein Elsässer, hatte sich die Knöpfe an seinem Mantel geputzt, was sehr stark von unseren nicht geputzten Knöpfen abstach. Wir gaben uns die erdenklichste Mühe, zwei kleine Spanferkel, die dort in großer Menge herumlaufen, zu kaufen. Aber trotz unserer Zeichen- und Gebärdensprache und trotzdem wir Geld und sonstige Sachen anboten, bekamen wir nichts, so daß wir schon unverrichteter Dinge nach unserem Esuartier zurückgehen wollten. Da kam aus der Menge, die uns nachfolgte, ein Mann in mittleren Jahren auf uns zu, deutete mit der Hand auf die geputzten Knöpfe unseres Elsässers und gab durch Zeichen zu verstehen, daß er uns für diese Knöpfe zwei kleine Spanferkel abgeben wolle. Nach einigem hin und her gab er uns für 6 blanke Knöpfe zwei Spanferkel. Nun liefen wir so schnell als möglich davon, damit den Mann sein Handel nicht gereuen solle. Es war uns strengstens untersagt, die dortigen Bewohner, zu deren Schutz wir angeblich da waren, zu übervorteilen oder uns ihnen gegenüber etwas zu schulden kommen zu lassen. Die Eingeborenen glaubten, in den blanken Knöpfen Gold zu bekommen, sie waren jedenfalls sehr enttäuscht, als nach einigen Tagen der Glanz entflohen war. Erst nach geraumer Zeit lernten sie einsehen, daß unsere Sous mehr Wert hatten als unsere Kockknöpfe. Uebrigens haben wir über diesen Handel noch lange gelacht, er war uns ein Lichtpunkt in der sonst so traurigen Zeit. (Fortsetzung folgt.) war der alte Vetter erzählte. Eine Erzählung aus der Franzosenzeit von Lugen Mayer. (Fortsetzung.) Der „alte Vetter" spielte mit dieser Bemerkung aus einen Vorgang an, der sich zur Zeit meiner psarramtlichen Tätigkeit in der Gemeinde zugetragen hatte. Nach jahrelanger Geldsammlung in und außer dem Dorfe und unter reicher Unterstützung des Gustav-Adolf-Vereins war nämlich in dem Walddorfe ein Kirchlein gebaut worden. Zwei Glöcklein wurden in den Dachreiter dieses Kirchleins gehängt, deren Töne mit der Gemeindeglocke im Einklang standen. Mit dieser Gemeindeglocke hatte es eine eigene Bewandtnis. Ein alter Presbyter (Kirchenvorsteher) hat sie mir, dem jungen Vikar, oft genug erzählt, wobei mir jedesmal sein Mienenspiel große Freude machte: „Ich bin in der ganzen Stadt herumgelaufen bei den reichen Leuten anfangs der vierziger Jahre, bis ich das Geld beisammen hatte. Die andern (er meinte die Katholiken) hättens ja nicht zusammengebracht; denn unsere besten Leute in der Stadt waren ja alle protestantisch und die haben inich gekannt und keiner hat sich zurückgestellt, als ich zu ihnen kam. Der Gemeindevorsteher bestellte die Glocke beim Glockengießer drunten in der Stadt. Aber als sie kam, waren wir ganz paff,' denn es war da eingegossen: „Eigentum der katholischen Gemeinde". Ich nichts wie auf und hinunter aufs Landkommissariat und sagte dem Herrn Landkommissär, wie das Geld zusammengekommen war, und ich gab nicht nach, bis das „katholischen" herausgehauen war. Sie Könnens jetzt noch sehen, Herr Vikar, wos früher gestanden hat." So erzählte wir der alte Presbyter und sein Gesicht glänzte dabei vor Genugtuung, seine Nasenflügel blähten sich auf vor Stolz über seinen Einfluß und er brachte sein Gesicht ganz nahe an das meinige, um den Eindruck zu beobachten, den seine protestantische Tat auf mich machte. So habe ichs mehr als ein dutzendmal mit angehört und angesehen und habe mich jedesmal mit dem alten Manü gefreut.^. Die Gemeindeglocke war nun ein halbes Jahrhundert von beiden Konfessionen für ihre kirchlichen Zwecke benutzt worden. Die Katholiken läuteten sie bei ihren Beerdigungen und bei ihrem täglichen Ave Maria. Letzteres mußte der Lehrer des Dorfes besorgen. Da nun die Schulstelle eine Wechselstelle war, so kam es vor, daß der protestantische Lehrer morgens, mittags und abends die Glocke zum Engelläuten anschlagen mußte. Tin Lehrer, der als ganz junger Mann ein paar Monate die Schulstelle verweste, hat mir erzählt, wie der bereits genannte alte Presbyter ihm die anfänglich nicht begriffene Kunst des „Zinkens" mit großer Geduld beibrachte. Sonderbare Zeit: ein protestantischer Presbyter unterrichtet einen protestantischen Lehrer in der Ausübung eines katholischen Brauches! Die Protestanten benützten die Gemeindeglocke bei ihren Leichen und zum vaterunserläuten bei ihren Gottesdiensten, die vor dem Lau des Kirchleins an den hohen Feiertagen im Schulsaal abgehalten wurden. Ja, diese Gottesdienste im Schulsaal wie stehen sie so lebendig vor den Augen meiner Erinnerung! Wie sehe ich sie vor mir, die alten Leute, die fast alle jetzt draußen am Waldesrand in kühler Erde den letzten Schlaf tun, wie sie andächtig in den engen Bänken saßen und aus der Faust die Lieder des alten Unionsgesangbuches schlecht und gerecht zuwege brachten! Und dann die predigt,' wie waren sie so mild und geduldig, die wetterharten Männer und die rauh und bloß gewöhnten Frauen, zu den Worten des unerfahrenen jungen Mannes, der ihnen seine Theologie vortrug und erst im Verkehr mit ihnen, den einfachen Leuten, die Freuden und Leiden des Menschenherzens kennen und praktisch verwerten lernte! Dann kam das Vaterunser. Während des ganzen Gottesdienstes hatte er schon auf der Lauer gestanden, der Mann, dem die Bedienung der Glocke von Gemeindewegen anvertraut war. Nun endlich sprach es der Geistliche: „Unser Vater in dem Pimmel ". Und hinaus stürzte der Biedere ans Fenster des Ganges und winkte seiner Ehehälfte, die drunten seit einer halben Stunde am Glockenhäuschen wartete, und bald darauf Klangs durch das Dorf, jedermann zum Gehör und zur Kenntnis, daß eben im protestantischen Gottesdienst das Gebet des Herrn gesprochen wurde. Ja, sie hielten etwas auf ihren kirchlichen Brauch, die Protestanten dort droben im Dorf im Wald, und es war gut so,' denn das hielt sie zusammen und wahrte ihnen ihre evangelische Art in katholischer Umgebung. Doch zurück zum Vorgang mit den Glocken, auf den der „alle Vetter" anspielte. Ls war dem katholischen Teil der Dorfbevölkerung nicht recht, daß die Protestanten eine Kirche und Glocken darauf hatten. Schon beim Bauen war es zu mancher Ueiberei gekommen, wovon vielleicht später einmal zu erzählen sein wird. Uun aber kam es wegen d'dr Glocken zum offenen Zwist. An einem Sonntagmorgen vor dem Gottesdienst standen die protestantischen Männer in großer Aufregung vor der Kirchentür und warteten auf ihren Geistlichen, der zum Gottesdienst aus der Stadt heraufkam. Vieser merkte sofort, als er die Leute sah, daß etwas nicht in Grdnung war. Auf seine Frage erfuhr er folgendes: Der Gemeindevorstand, der zu den eifrigsten Katholiken gehörte, hatte den Protestanten die Benutzung der Gemeindeglocke verweigert und den Schlüssel zum Glo-, ckenhäuschen an sich genommen mit der Begründung, die Protestanten hätten ja jetzt zwei Glocken, da brauchten sie die Gemeindeglocke nicht mehr und diese werde von jetzt an nur noch von den Katholiken zu ihren kirchlichen Zwecken 208 benutzt. Ls war nämlich bei den protestantischen Gottesdiensten und Beerdigungen nach dem Bau des Rirchleins so gehalten worden, daß das erste Läuten mit der Gemeindeglocke geschah, beim zweiten Läuten gesellte sich die kleinere Rirchenglocke zur Gemeindeglocke und beim dritten oder Zusammenläuten vereinigten alle drei Glocken ihre rufende oder begleitende Stimme. Die Protestanten wollten eben ihr altes Anrecht auf die Gemeindeglocke nicht aufgeben. Dieses Recht wollte ihnen der Gemeindevorstand jetzt nehmen. Mit Mühe ließen sich die aufgeregten Männer von einem unüberlegten Schritt zurückhalten und auf die Zeit nach dem Gottesdienst vertrösten, da der Geistliche versprach, die Sache energisch in die pand zu nehmen. Aber bei dem Gemeindevorstand nutzte kein Mahnen und kein Drohen. Er gab erst nach, als das Bezirksamt einschritt und ihm der Lezirksamtmann, der sehr deutlich zu reden verstand, klar machte, wo seine Befugnisse anfingen und wo sie aushörten. Linen solchen Schutz ihres guten Rechtes hätten die Protestanten vor der Franzosenzeit in der Pfalz nicht gefunden, damals, als man ihnen ihre Rirchen wegnahm oder den Ratholiken zur Mitbenutzung übergab und auf jede andere Weise sie fühlen ließ, daß der Landesherr von- den Jesuiten beraten wurde. Das war es, was der „alte Vetter" meinte, als er von der religiösen Freiheit redete, welche die Franzosen der Pfalz gebracht hatten. -- (Fortsetzung folgt.) Worte zum Nachdenken in der Nriegszeit. Die tiefste Freude, das größte Glück besteht nicht darin, daß man von Leiden und Rreuz nichts weiß, sondern daß man den himmlischen Vater Kennt, seinen Willen tut und seine Wege geht. Jede Treue, jede Selbstverleugnung, jeder Gehorsam gegen die Mahnungen des heiligen Geistes wird von Gott gesegnet durch eine Mehrung der Rraft, durch eine Bezeugung seines Wohlgefallens. R. Weng er. Kirchliche Anzeigen. Silvester, den 31. Dezember. In der Ztadtkirche. Abends 6 Uhr: Pfarrer Ri a h r. In der Johanneskirche. Abends 8 Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. Neujahr, !. Januar. Kollekte für die Armen. Gottesdienst. In der Stadtkirche. vormittags 9 Vs Uhr: Pfarrer Schwabe. vormittags 11 Uhr: Rinderkirche für die Markusgemeinde. Pfarrer Schwabe. Abends 5 Uhr: Pfarrer M a h r. In der Johanneskirche. vormittags 9Vs Uhr: Pfarrer A u s f e l d. vormittags l I Uhr: Rinderkirche für die Johannesgemeinde. Pfarrer A u s f e l d. Abends 5 Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. Sonntag nach Neujahr, 2 . Januar. In der Stadtkirche. . vormittags 9V? Uhr: pfarrassistent ljoffmann. In der Johanneskirche. vormittags 9Vs Uhr: Pfarrer A u s f e l d. Abends V 28 Uhr: Vereinigung der Konfirmierten männlichen Jugend der Johannesgemeinde. Am Kommenden Sonntag, den 9. Januar, wird nach allen Gottesdiensten eine RolleKte für die tjeidenmission erhoben werden. Carl Loos Kirchenplatz 13 :: Telephon 797 Manufaktur- und Weißwaren Herren- u. Knabenkleider Heinrich Noll Mäusburg Nr. 7 Telephon Nr. 292 Spezial-Geschäft für Bureaubedarf • Schreibmaschinen Papierhandlung, Buchbinderei, Gesangbücher. Moderne Kunstarbeiten. Photographische Apparate und Zubehöre E. Stöver, Gießen Seltersweg 16 Uhren, Gold- u. Silbermaren Destecke Reparaturen in eigener Werkstatt prompt und billig r Klelder-Sfoffe BIuFen - Stoffe Husffeuer-flrtikel Rehe außergewöhnlich billig Etagengerchdft. Geringe llnkolten Gemeinfchafflldier Ginkauf mit 3 Gefehdften zufammen Lina Bernard Gießen, Bismarddtraße 6 ' m, T' C. Röhr Sc Co. 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