Nr. 51. Gießen, Sonntag Stephanus, 26. Dezember 1915. 4. Jahrgang heiliger Abend M5. Iesaia 54, 10. (Es sollen wohl Berge weichen und Hügel t)infallen ; aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein (Erbarmer. Das ist in diesem Jahre ein Weihnachtsabend, wie wir ihn noch nie, auch nicht im ersten Kriegsjahre, erlebt haben. Wenn sonst nach dem kurzen, trüben Tage die frühe Dämmerung hereinbrach, so zog es wie ein Gottesfrieden durch das Land. Die Straßen wurden menschenleer, das Arbeitsgeräusch verstummte, aus dem Innern der Häuser drang der Gesang von Weihnachtsliedern in das Freie, hier und da blitzte das Licht des Thristbaums durch die Fensterscheiben. Fröhlich waren Alt und Jung unter dem Tannenbaum versammelt, die Kinder freuten sich der Gaben, die die Liebe der Titern ihnen darreichte, und die Erwachsenen oergassen für kurze Zeit die Sorgen, die sie sonst bedrückten, auch die Alltagspflicht, die sonst auf ihnen lastete. Droben am Firmamente gingen die Sterne still ihre Dahn, dieselben Sterne, die schon in der Geburtsnacht des Heilandes auf die Weidetrift Judäas herabgeleuchtet haben. heute ist alles ganz anders. Zwar die Sterne schreiten noch weiter in ihren uralten Geleisen, aber ernste Sorge und schwere Not liegen, einer dunklen Wolke vergleichbar, auf dem deutschen Volke. Trotz der herrlichen Erfolge unserer Feldheere, trotz der Eingebung unserer Krieger merken wir jetzt nach siebzehn Monaten de^Krieges doch sehr, daß wir Krieg haben. Am 4. Adventssonntage, dem Tage, an dem die Epistel uns zuruft: Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich euch: freuet euch, erhielten wir die Trauerkunde, daß wackere deutsche Seeleute auf dem kleinen Kreuzer „Bremen" in den eisigen Fluten der Ostsee ihr Leben für das Vaterland gelassen haben und daß französische Flieger in der lothringischen Hauptstadt ein schönes Werk deutscher Kultur zerstört haben. Wohl will das Wort „Frieden" jetzt nicht mehr aus unseren Zeitungen verschwinden, allenthalben regt sich der Wunsch, daß Friedensverhandlungen angebahnt werden, unsere Negierung will gern die Hand dazu bieten, wenn für die Würde und die Sicherheit des Deutschen Neiches ausreichende Garantien geboten werden, aber noch herrschen bei unseren Gegnern Blindheit und Unvernunft, sonst würden sie nicht immer wieder von der Zertrümmerung des deutschen Militarismus als von ihrem Endziel reden. Wie schwer sind jetzt hunderttausend« unserer Familien getroffen, hunderttausende deutscher Frauen feiern Weihnachten allein mit ihren Kindern, der Vater steht in Flandern, Nordfrankreich, Serbien, in Grodno oder vor Dünaburg. Wie sehnsuchtsvoll werden die Gedanken unserer Kämpfenden am heiligen Abend aus dem Schützengraben, aus dem Unterstand und aus dem elenden Ouartier nach der lieben Heimat, nach dem trauten heim gehen. Sn der Ehrist- nacht werden unsere Tapferen scharf wie immer hinausspähen nach der Uichtung, von der der Feind möglicherweise erwartet werden kann, aber manche Träne wird dabei über das bärtige Gesicht und die wettergebräunte Wange rollen. Aus der Heimat, aus dem Zimmer, in dem kein Thristbaum leuchtet, gehen traurige Gedanken hinaus in die Fremde an die Gräber der Lieben, die für ihr Volkstum gestorben sind und nun Weihnachten im Himmel feiern. Es wäre diesmal ein trostloser Weihnachtsabend, wenn wir seine Feier nur im Geben und Nehmen von Geschenken, in dem Singen von Weihnachtsliedern, in stillem Ausruhen und im Schwelgen in Kindheitserinnungen begehen würden. Das alles ist uns diesmal verleidet. Aber gottlob unsere Weihnachtsfreude >und unsere Weihnachtsfeier haben tieferen Grund. Deshalb freuen wir uns, daß wir einen Heiland haben, der alle Not zu Ende bringt, der Sünde vergibt, traurige Herzen tröstet. Schwer ist der Druck, der jetzt auf uns lastet, aber Thrist, der Netter, ist da. Mögen die Kanonen donnern in der heiligen Nacht, mag der Feind unsere Stellungen mit Handgranaten bewerfen und auf Häuser, in denen kleine Kinder schlafen, Bomben schleudern, mag der weltbrand noch weiter durch Europa lodern, mögen Berge weichen und Hügel hinfallen, meine Gnade, so sagt der Herr durch den Mund seines Propheten, soll nicht von dir weichen und der Bund meines Fried.ms soll nicht hinfallen. Einst, nach der Sintflut hat Gott zum Zeichen seiner Barmherzigkeit seinen Ncgenbogen in die Wolken gesetzt, er wird auch der Sintflut dieses Krieges seinen Friedensbogen wied. am Himmel erscheinen -lassen,' denn der Herr ist ein König in Ewigkeit, der Herr wird seinem Volke Kraft geben, er wird sein Volk segnen mit Frieden. h. B. - 202 — Weihnachten IM in Rußland. von der Art, wie unsere tapferen Krieger im vorigen Jahre in kußland Weihnachten gefeiert haben, geben die im Nachfolgenden mitgeteilten, an einen Pfarrer im Odenwalds gerichteten Briefe Auskunft. Grt unbekannt, den 26. Dez. 1914. Km 23. abends feierten wir Weihnachten. Unser Herr Kompagnieführer hielt im Kreise seiner Kompagnie eine Ansprache, worauf die allbekannten Weihnachtslieder gesungen wurden. Darauf erhielten wir Zigarren und Tabak, solange der Vorrat reichte. Lin Kochgeschirr voll Tee mit Uum und Zwieback. Dann legten wir uns in einer Scheune nieder. Ulan muß nur zufrieden sein, wenn man unter Dach und Fach kommen kann. So bildet ein Ziegenstall, mit Stroh gedeckt, das beste Ouartier. Ls wird gehörig Stroh hineingebracht und das Lager ist fertig, heute, 24., gehts wieder weiter. Wer weiß, wo wir am heiligen Abend sind. „Wohlauf Kameraden, heraus, es ruft die Pflicht, eilt an die Gewehre, macht schnell, besinnt euch nicht. Ls droht Gefahr, die Waffe schnell zur Hand. Wir Kämpfen alle gern fürs Vaterland! Kanonendonner sausen durch die Lüfte." Geschrieben den 26. Dez. 1914. Am 24. abends rückten wir in die Schützengräben ein. Vas Lrste: „5. und T., ihr geht Patrouille!" Immer Kopf hoch und zusammengerissen. So verlebten wir den heiligen Abend im Schützengraben. Am 25. abends wurden wir wieder abgelöst. Wir mußten ungefähr zwei Stunden zurückgehen, daß wir doch etwas hätten von den Feiertagen. Der Divisionsprediger hielt eine ergreifende Nede. Wir waren in einer alten Scheune, das ganze Bataillon. Ls standen einem Jeden die Tränen in den Augen. Ich fühlte mich so wieder einmal zurückversetzt nach T. an dem heiligen Abend. Aber trotzdem, wenn wir auch dieses Weihnachten fern von der Heimat feiern müssen, wollen wir doch aushalten, daß Ihr, die Ihr zu Hause seid und nicht die Wacht halten könnt vor dem Feinde, ruhig Weihnachten feiern könnt. An Liebesgaben fehlt es ja nicht. Wir verleben den zweiten Feiertag im Ouartier. hoffentlich ist der Krieg bald zu Lnde und wir kommen auch wieder nach Hause. Alles andere dann mündlich. Linstweilen seid alle herzlich gegrüßt von W. 5. Gruß an meine Litern. Auf Wiedersehen!*) S., den 25. Dezember 1914. G. h. Psr.! „O du fröhliche, o du selige gnadenbringende Weihnachtszeit." Ja, wer hätte das geglaubt, daß wir Weihnachten 1914 im elenden Nußland feiern müßten und doch ist es tatsächlich der Fall. Aber trotzdem, trotz der Mühsale und des Lntbehrens haben wir alle ein Weihnachten gefeiert, wie vielleicht noch nie zuvor. Ich will nachfolgend unsere Feier schildern. Unseren Baum holten wir uns im nahen Walde. Ich und L. F. mit unserem Inspektor mußten Baum und Saal schmücken. Als Saal benutzten wir unseren Dperationssaal. Wände wurden mit Fahnen bedeckt und diese wieder mit Tannenzweigen und Bildern von unserem Kaiser und Großherzog. Der Baum war gerade nicht so schön, da die Post unsere Sachen nicht brachte. Aber 12 Lichter hatten wir und auch Watte, und so war auch diesem Uebel abgeholfen. Um 7 Uhr sollte die Bescherung stattfinden. Jetzt war der Saal fertig. Schnell heim, die Pferde gefüttert und wieder ins Lazarett. Nun klingelt es, und wir wurden *) Der Schreiber dieses Briefes ist am 5. Zebruar gefallen. D. Reb. hereingesührt, wo sich bereits unsere Offiziere versammelt hatten. Wie schön alles war und wie die Lichter strahlten. Ganz anders wie zuhaus. Wir sangen nun das Lied: „Stille Nacht." Dann hielt unser Thef eine Ansprache, wie wir heute fern der Heimat das schönste aller Feste feierten, daß wir gezwungen das Fest in Feindesland feiern müßten, und daß wir unserem Gott zu vielem Dank verpflichtet seien, der uns bisher so glücklich geführt. Jetzt sangen wir noch „G du fröhliche" und dann gings zur Gabenverlosung, denn jeder mußte ein Los ziehen und das Nummer einer zog, das paketchen erhielt er. Zum Schluß gabs einen Kessel mit Glühwein, und saßen wir so in froher Weihnachtsstimmung bis in die Nlitternacht beisammen. Ts war wirklich eine erhebende Feier, und manchem war wieder leichter ums Herz. Aber dazwischen brummten unsere schweren Geschütze, denn die Nüssen hatten unseren Kameraden die heilige Nacht verdorben und einen Angriff gemacht. Und was hat er genützt ? Tausende und Abertausende lagen nach dem Angriff auf dem Schlachtfeld, furchtbar zusammengemäht von unseren guten Nlaschinengewehren. Wollte Gott, daß dieses Menschen-- morden bald ein Lnde habe, und daß wir unsere Weihnachtslosung : „Lhre sei Gott in der höhe und Friede auf Lrden und den Menschen ein Wohlgefallen" mit Necht aussprechen können. L. h. Erinnerungen eines alten Mannes. von Generalarzt a. D. Dr. Otto Kappesser in varmstadt. 24. Fleck,höruf! Das 1. Großh. hessische Dragonerregiment (Garde-Dra- gonerregiment) Nr. 23, dem auch ich in den letzten 20 Jahren meiner aktiven Dienstzeit als noch althessischer Dberstabs- und Negimentsarzt angehört und das ich im Feldzug 1870/71 als solcher vom ersten bis letzten Tag begleitet habe, konnte im Jahre 1891 den hundertsten Jahrestag seiner Errichtung feiern. Als ich beim letzten Liebesmahl, dem damals durch Teilnahme Großherzog Ludwigs IV., unseres einstigen Führers in ernster Zeit, eine besondere Ehrung widerfuhr, aus dem Negiment schied, habe ich in meinen Abschiedsworten dem Bedauern Ausdruck gegeben, daß es mir nicht mehr vergönnt sein sollte, wie ich mir wohl gewünscht hätte, noch mit ihm sein hundertjähriges Wiegenfest zu feiern, daß aber meine besten Wünsche allezeit dem Negiment gehören werden, auf daß es im kommenden Jahrhundert nur Tage des Nuhms und der Ehre zu verzeichnen haben möge in althessischer Treue für Kaiser und Neich! Vieser mein, ich möchte sagen vorahnender Wunsch geht jetzt in Erfüllung, indem das Negiment jetzt blutige Lorbeeren sammelt, deren wir Daheimgebliebenen uns in stolzer Wehmut freuen. Unter den vielen, welche in der langen Zeit dem Negiment angehört haben, findet sich gar mancher Name mit Hellem klang, Hat doch der Feldmarschall Liman von Sanders, dessen Nuhm als Verteidiger der Dardanellen jetzt die Welt erfüllt, noch in der Zeit, als ich aktiv war, als einfacher Leutnant Liman aus Berlin und später noch als Adjutant bei unserem Negiment seine kriegerische Laufbahn begonnen und ich bewahre noch als wertvolles Andenken sein Bild mit eigenhändiger Unterschrift in dem Album, das mir von den Offizieren des Negiments als Andenken verehrt wurde. Aber auch unter den Subalternen und den Gemeinen, die hier ihrem Vaterland gedient haben, gab es viel brave Männer, deren Andenken in Ehren gehalten werden muß. Heute aber will ich nur eines unter ihnen aus der frühesten 203 — Zeit gedenken und erzählen, was ich aus mündlichen Ueber- lieferungen von ihm weiß, nämlich vom wackeren Stabs- trompeter Fleck. Geboren 1775 und gestorben etwa 1821, war er noch sehr jung als Trompeter in das damals neuerrichtete Land- gräflich Hessen-Darmstädter Reiterregiment eingetreten und dann mit diesem über manch blutiges Schlachtfeld in Europa geritten. Ruch an jenem blutigen ersten pfingsttag 1800 war er dabei, als die Hessendarmstädter, nur mit zwei rheinbünd- lerischen Bataillonen als Reserve, den furchtbaren Rampf um den Ruheplatz der Toten zu Rspern bestanden, der achtmal verloren und achtmal wieder erobert wurde, und die wichtigste Entscheidung für jenen Tag bildete. Rach seinem Ausscheiden als halbinvalide gehörte Fleck noch lange als Trompeter den „Garde-Reutern" an, den Vorläufern der jetzigen Garde-Unteroffizierskompagnie, freilich einer Reiterei ohne Pferde, diweil dieselben der Thurfürst- Erzbischof von Mainz zweimal mit Sattel und Zaum angekauft hatte, da er als Primas des Reichs bei den beiden letzten Raiserkrönungen zu Frankfurt ein fertiges Reitergefolge notwendig und alsbald brauchte. Sm Drang der Zeiten behalf man sich dann ohne Ersatz. Sch habe noch 1847 die Truppe mit langen Pallaschen und bespornten, hohen Reiterstiefeln nach Reiterkommando in den Wegen des herrn- gartens ihre Uebungen halten sehen. Bis zu seinem Ende und noch darüber hinaus war Fleck als^,E)of-Trom- und Gardepeter" eine volkstümliche Persönlichkeit. Gern erzählte er von seinen Erlebnissen, insbesondere aber, wie anno 1813 das Darmstädter Kontingent schon früh wieder, neu aufgerichtet, im Felde nach der Katastrophe von 1812 auf dem plan erschien, diesmal unter Führung eines Sprossen des Herrscherhauses, des Prinzen Emil, dem Fleck als Stabstrompeter beigegeben war. Fleck berichtete gern, wie die Hessen damals in zahlreichen Schlachten und Gefechten stets ihre Pflicht getan, der tapfere Prinz immer voran und gleich hinter ihm fein Stabstrompeter Fleck, der unverzagt zum Angriff und sein vorwärts blies. Auch bei Leipzig seien die Hessen dabei gewesen (leider auf der Seite Napoleons. D. Red.). Drei Tage hätten sie ihren Platz behauptet; wie aber der dritte Tag sich neigte und der Prinz im Umwenden sah, daß fast niemand mehr hinter ihm war als seinen Stabstrompeter Fleck, der gerade wieder die Trompete zum Mund führen wollte, da habe er gesagt: „Fleck, hör uf, mir zwaa allaans Packens doch nimmer!" Daraus hat sich dann im Hessenland das fliegende Wort gebildet: „Fleck, hör uf!" und weil das-so mancher in den Mund nimmt, ohne seine Bedeutung und Herkunft zu kennen, habe ich das jetzt zu bleibendem Gedächtnis ausgeschrieben. war der alte Vetter erzählte. Eine Erzählung aus der Franzosenzeit von Eugen Maper. (Fortsetzung.) Diese Guttat sollte uns später einmal Zinsen tragen. Dir. Franzosen, die damals geschlagen waren und weichen mußten, kehrten bald zurück und nahmen ungehindert das ganze Land in Besitz, da inzwischen Preußen Frieden geschlossen hatte und Desterreich im italienischen Land beschäftigt war. Jetzt waren die „Herrn Ghnehosen" Keineswegs die Friedensengel und Volksbeglücker, als die sie sich so gern ausgaben. Sie hausten gar wild in Stadt und Dorf. Sm Städtchen drunten richteten sie französische Verwaltung ein, nahmen von weltlichen und kirchlichen Gütern, was sie bekommen konnten, und es dauerte nicht lange, da kamen sie auch zu uns armen Leuten, nicht um uns reich zu machen, sondern um uns noch das Bißchen zu nehmen, was wir hatten. Wie oft hats uns unser Vater erzählt, wie das zuging! Als er eines Tages im Walde arbeitete, wurde er durch Flintenschüsse aufgeschreckt und meinte aus der Ferne schreiende Stimmen zu hören. Auch einen ungewöhnlichen Rauch glaubte er über den Bäumen wahrzunehmen. Sofort ließ er alles stehen und liegen und rannte zum Dorfe. Dort wimmelte es von Soldaten, die sich, wie er rasch übersah, als schonungslose Sieger aufführten. Als er zu seinem Häuschen kam, führten sie gerade seine zwei Kühe aus dem Stall und'schickten sich an, sie zu schlachten. Aus der Scheune hatten sie das Futt herausgeworfen. Beim Nachbar war es gerade so, und j.i.re Scheuer stand in Hellen Flammen. Aus dem Haus hö, : er die kreischende Stimme seiner Frau und seiner halbwüchsigen Tochter. Die Axt in der Hand stürzte mein Vater ins Haus, was sah er hier? Ein paar Kerle hatten die Frau und das Kind in eine Ecke gedrängt und griffen in unverschämter Weise nach ihnen. Andere hatten die Betten herausgerissen und stachen mit den Säbeln in die Kissen, daß die Febern in der Stube umherslogen. Mit vollen Backen bliesen sie hinein und johlten vor Vergnügen. „Sn dem verfluchten Deutschland schneit es mitten iw Sommer," schrie Einer, wohl auch ein Elsässer. „Da kann man bald mit den Weibern Schlitten fahren." Ein rohes Gelächter belohnte diesen schnöden Witz und verschiedene Hände streckten sich aufs neue nach den vor Angst laut aufkreischenden beiden Frauen. Mit einem Satze sprang mein Vater dazwischen, stieß dem einen der rohen Burschen die Axt in die Seite, daß er vornüberstürzte, den andern packte seine starke Linke im Genick und schleuderte ihn in die Stube hinein. Dann stand er mit drohend erhobener Axt vor seiner Frau und seiner Tochter. Doch mit dieser gewaltsamen Befreiung hatte er seine und seiner Familie Lage nur verschlimmert. Sofort ließen sämtliche Soldaten, die in der Stube waren, von ihrem zerstörenden Treiben ab und richteten ihre Wut gegen den Mann, der die Ehre seines Hauses so wacker zu wahren suchte. Eine Kugel pfiff dem Vater so dicht am Kopfe vorbei, daß die Frauen aufs neue hell aufschrien. Ein paar Kerle drangen mit oorgestrecktem Bajonett auf die Giruppe in der Ecke ein, und es drohte sich ein Kampf zu entspinnen, der in keiner Weise für die Angegriffenen gut ausgehen konnte. Sn diesem Augenblick trat ein höherer Offizier aus die Türschwelle. Ein scharfer Befehl aus seinem Munde brachte die Soldaten sofort von ihrem blutigen Vorhaben zurück. Darauf richtete er an einen der Soldaten eine Frage, jedenfalls nach der Ursache dessen, was er beim Eintreten gesehen hatte. Der Soldat wies eifrig nach meinem Vater und seiner Axt und erzählte mit vielen Gestikulationen, daß mein Vater mit seiner Axt einen Mann geschlagen habe, wobei er wohlweislich verschwieg, was dem Dazwischenspringen meines Vaters vorangegangen wir. Der Offizier warf einen langen Blick auf die Gruppe, die noch immer stand wie zuvor. Meine Mutter benützte die eingetretene Ruhe, um sich vor dem Offizier niederzuwerfen und seine Hilfe anzurufen, indem sie weinend ihre und der ihrigen Unschuld beteuerte und betonte, daß ihr Mann in der Notwehr gehandelt habe. Wieder schaute der Offizier ernst und lang die knieende Frau an. Ein neuer Befehl aus seinem Munde entfernte die Soldaten aus Stube und Haus. Dann erst wandte sich der Offizier auch redend zu der bedrängten Familie. Er lvrach 204 — sein Bedauern aus über den verwildernden Einfluß des fortwährenden Krieges und tröstete meine Eltern damit, daß er ihnen für die Zukunft, soweit es auf seine Truppe ankomme, Schonung versprach. Als meine Mutter ihm danken und seine l)and küssen wollte, zog er diese zurück und machte allen Dankesbezeugungen ein Ende, indem er lächelnd sprach: „Macht nix, 's war Millich im häbche." Damit verließ er die Stube und meine staunenden Eltern erkannten jetzt, daß der edle Mann der junge Offizier gewesen war, dem sie vor etwa einem Jahrzehnt Gutes getan hatten. Abgesehen von solchen Kriegsnöten, merkten wir wenig von dem Neuen, welches die Franzosen gebracht hatten. Drunten in der Stadt hörten unsere Dorfleute manchmal von der Freiheit erzählen und von der Gleichheit und von der Bruderliebe, welche mit der französischen Nepublik auch bei uns eingezogen seien. lVenn sie daheim davon redeten, schüttelte man den Kopf und wußte nicht, was das heißen sollte. Kur Etwas wurden auch wir gewahr von dem Neuen, das gekommen war: Mir Protestanten hatten es jetzt etwas besser als früher. Ehe wir französisch waren, fühlten wir oft, daß wir hinter den Katholiken zurückstanden. Man verfolgte uns zwar nicht, aber man merkte es überall, daß die Katholiken bevorzugt wurden. Das war der Wind, der damals durch die Pfalz wehte. Zu jener Zeit wäre unsere Glockengeschichte nicht so glatt abgelaufen wie letzthin. (Fortsetzung folgt.) kirchliche Anzeigen. l. Weihnachtsfeiertag, Samstag, den 2 5. Dez. Kollekte für die Kleinkinder-Lewahranstalt. Gottesdienst. In der Stadtkirche. vormittags 9Vs Uhr: Pfarrer Schwabe. Abends 5 Uhr: pfarrassistent posfmann. In der Johanneskirche. vormittags 9 V? Uhr: Pfarrer A u s f e l d. Beichte und heiliges Abendmahl für die LuKas- und Johannesgemeinde. Anmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. Abends 5 Uhr: Pfarrer Lechtolsheimer. 2. Weichnachtsfeiertag, den 2 6. Dezember. In der Stadtkirche. vormittags 9Vs Uhr: Pfarrer Mahr. Beichte und heil. Abendmahl für Matthäus- und Markusgemeinde. Anmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. Abends 5 Uhr: Liturgischer Gottesdienst. Pfarrer Schwabe. In der Johanneskirche. vormittags 9Vs Uhr: Pfarrer Bechtolsheim«r. Abends 5 Uhr: Siehe Stadtkirche. Abends 7Vs Uhr: Vereinigung der männlichen und weiblichen Jugend der Markusgemeinde im Gemeindesaal. Im Konfirmandensaal (Liebigstrahe 56). Nachmittag 2 Uhr: Taubstummengottesdienst. Pfarrer Vechta l s h e i m e r. Silvester, den 3l. Dezember. In der Stadtkirche. Abends 6 Uhr: Pfarrer Mahr. In der Johanneskirche. Abends 8 Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. Zur Beachtung. Die Fortsetzung des Artikels „Meine Erlebnisse in der französischen Fremdenlegion" mußte wegen Kaummangel bis zur nächsten Nummer zurückgestellt werden. f Ankündigungen empfehlenswerter Firmen ^ Carl Loos Kirchenplatz 13 :: Telephon 797 Manufaktur- und Weißwaren Herren- u. Knabenkleider Edgar Borrmann,Giessen Neustadt 11 Eisenwaren, Haus-u. Küchengeräte Teleph. 165 empfiehlt billigst Osten, Herde, kupferne u. gußeiserne Waschkessel, Haus- u. Küchengeräte, SolingerStahlwaren.Iandwirtschaftl.Maschinenu. Geräte, Vogelkäfige u. Züchterutensilien. Fischereigeräte etc. etc. Waffen u. Munition. Glüh.ichtstrümpfe, elektrische Birnen, Fahnenhalter, Karbidlampen. Ifliufif alten sülusikmstmmente frnfl llhallier, Giiefjen Ciuöolptj’s Aachs. Ijlruriuorg g Lolrphon 671 f Klelder-Storie 'j Blufen - Stoffe Husfteuer-flrtikel Reite CARL LUDWIG LEIB ! KUNSTHANDLUNG • BILDER= EINRAHMUNGS^ GESCHÄFT VERGOLDEREI kirchstr.2 ANTIQUITÄTEN | Hof-Möbel-FabriK Th. 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