Nr. 50. Gießen, Sonntag 4. Advent, 19. Dezember 1915. 4. Jahrgang A-ventshosfnmig. Icsaia 40, l,9u. 10. Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gvtt. Saget den verzagten Kerzen: Seid getrost, fürchtet euch nicht! Sehet, euer Gott, der kommt zur Rache. Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen. Die Dezembernebel wallen morgens und abends durch dasIlahntal und verbergen uns die Aussicht. Und an wie manchem Tag läßt der trübe Himmel das liebe Sonnenlicht nicht durch. Doch wir wissen es ja: Und ob die Wolke sie verhülle, Die Sonne bleibt am Himmelszelt. Wenn nur erst einmal Weihnachten da ist, dann wird die Sonne schon wieder Uraft gewinnen, die Uebel zu verscheuchen, und dann wird sie auch da, wo eben Blatt um Blatt von Baum und Strauch fällt, und bald der Tod sein weißes Leichentuch über alles Leben decken wird, neues Leben aus dem Erstorbenen erblühen lassen. Es wird, denn es muß auch wieder Frühling werden. So hoffen wir, wo die Hoffnung dem Unschein nach immer weniger Berechtigung hat, nur um so mehr auf die Zukunft. Uch, wenn die Hoffnung nicht wäre, wie könnten wir es überhaupt auf Erden aushalten? Etwas wünschen und -verlangen, Etwas hoffen muß das Herz, singt unser Dichter Bückert. Gott Lob! in uns allen lebt etwas Udventsstimmung. Die Sehnsucht nach einer besseren Zukunft hat der liebe Gott als ein unveräußerliches Stück der Menschennatur in uns hineingelegt, wie unsere Binder auf den strahlenden Ehristbaum in der Weihnacht, so warten wir Menschen aus das Glück. Der ausziehende Brieger hofft auf Sieg und ein frohes Wiedersehen in der Heimat, und noch am Grabe pflanzt der Mensch die Hoffnung auf. wir leben von der Hoffnung- und sie gründet sich auf den lebendigen Gott. Die Juden warteten auf den Messias. Beiner der großen Propheten hat dieser Hoffnung zuversichtlicher Busdruck verliehen, als der gewaltigste jener alttestamentlichen Gottesmänner, Jesaia. „Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott", so ruft er seinen Zeitgenossen in der Zeit tiefster Erniedrigung zu. „Saget den verzagten Herzen: Seid getrost, fürchtet euch nicht! Sehet, euer Gott, der kommt zur Bache. Gott, der da vergilt, kommt und wird euch Helsen." von dieser Hoffnung lebte das Volk Israel. Bber Jesaia und sie alle, die seine Wsorte tranken als Labsal ihrer Seele, sie durften die Erfüllung nicht erleben. wir leben im Lichte der frohen Botschaft des Evangeliums. Wir wissen: Gott hat Jesus von Nazareth zum Herrn und Ehrist gemacht. Wir haben den Heiland. Sollten wir nicht um so zuversichtlicher in der schweren Zeit, die über uns gekommen ist, in die Zukunft schauen, zumal wir es nunmehr fast Ist» Jahre haben erfahren dürfen, wie kräftig uns Gott geholfen hat! Unsere Gpser sind schwer, aber nicht vergeblich. Die Blutsaat dieses Weltringens wird reiche Frucht bringen, wenn es einmal wieder heißen wird: Friede auf Erden, hoffen wir auf den lebendigen Gott! Buch du, bangende Seele, die sich ängstet um den Lieben draußen vor dem Feind. Ja, auch du, bekümmertes Herz, dem alle Hoffnung in Scherben liegt, weil du dein Blies dahingegeben, auf dem Bltar des Vaterlandes geopfert hast. Er kommt und wird auch dir helfen - wenn nur einmal das Thristfest da ist, und du gläubig mit der Gemeinde an der Brippe kniest und mitsingst: Thrist, der Better ist da, freue, freue dich, 0 Ehristenheit! Dann wirst du es erleben und selbst erfahren, wie recht Jesaia hat, wenn er Gott nennt einen „Meister im helfen". D. Sin Brand in Gießen im Jahre J 822 . In Nr. 9 dieses Jahrgangs des „Sonntagsgrußes" haben wir einen Brief des Geh. Birchenrates v. Engel veröffentlicht, der seinem Gnkel, dem Pfarrer Göbel in Langenhain, von einem Brande berichtet, der am 9. Bugust 1822 zu Gießen in der Hintergasse, der heutigen Wetzsteinstraße, gewütet hat. Im Jahrgang 1822 der „varmstädter Zeitung" (damals „Großherzogliche hessische Zeitung" genannt) finden wir folgenden Bericht von dieser Feuersbrunst: „Bm verwichenen Freitag, Nachmittags gegen 2 Uhr, zog ein starkes Gewitter über die hiesige Stadt- der Blitz schlug in eine Scheuer, die mit Heu und Stroh angefüllt war,- in wenigen Ulinuten stand der Bau in Heller Flamme und in einem Bugenblicke ergriff das Feuer noch zwei andere daran anstoßende Gebäude. Durch die angestrengteste hülfe der Einwohner, der Studierenden und vieler herbeigeeilten 198 — Gemeinden, wovon sich einige ganz besonders ausgezeichnet haben, und denen der lebhafteste Dank hiermit öffentlich gebracht wird, wurde man in einigen Stunden Meister über das Feuer und so betraf das Unglück nur eine Scheuer, die ganz abbrannte und drei andere Gebäude, welche stark beschädigt wurden. Großes Lob verdienen indeß noch die drei hiesigen Brandmeister, Maurermeister Philipp Beider, Schmiedmeister Jacob Thomas und der Pumpenmacher Tonrad Balthasar Lang, ferner der hiesige Zimmermeister Jacob Herbert und die Zimmermeister Heinrich Werkmann von hier, Jacob Happel von Garbenteich, Ludwig 5tamm von Wieseck, Michael Krell aus herpf bei Sachsen-Meiningen und Nikolaus Zentgraf aus Bafel, sodann der Knopsmacher Philipp Kattrein und der Metzgermeister Georg Melchior Weidig von hier, und die Spritzenmeister Ludwig Kröck und Philipp Freitag von Heuchelheim und Tonrad vetzberger und Peter pistor von hier, welche sich mit Lebensgefahr stets an den gefährlichsten Orten befanden und deren außerordentlichen Anstrengung man es hauptsächlich verdankt, daß das Feuer sich nicht weiter verbreitete." Meine Erlebnisse in der französischen Zremdenlegion. von einem Gießener. (Fortsetzung.) Um 22. Juni landeten wir auf der Snsel pescadore in einem von Natur herrlichen und geschützten Hasen. Dort lagen mehrere Kriegsschiffe, auf einem von diesen fanden wir Unterkunft. Wie Formosa so wurde auch pescadore von den französischen Truppen geräumt und den Thinesen übergeben. Admiral Tourbet war Oberbefehlshaber über die gesamten französischen Streitkräfte in Thina. Weil nun nicht alles so geklappt hatte, wie man es gewünscht hatte, so mußte ein Sündenbock gesucht werden, das sollte nun der Admiral sein. Als es nach den Verhandlungen mit den Thinesen zum Waffenstillstand kam, machte er seinem Leben durch Selbstmord ein Ende. Sein Leichnam wurde aus dem Admiralsschiff aufgebahrt und nach Frankreich gebracht. Alle Schiffe waren halbmast geflaggt, alle Mannschaften waren auf den Schiffen angetreten, das Admiralsschiff mit der Leiche des Admirals fuhr an allen Schiffen vorüber, die letzten Ehrenbezeugungen wurden abgegeben. Ungefähr 35 Schiffe, Kreuzer und Kanonenboote, folgten nach, auch wir verließen nach diesem militärischen Schauspiel den Hafen und dampften nach dem Festland von Tonking ab. Daselbst kamen wir am 4. Juli 1885 an, wurden aus- geschifft, kamen auf ein kleines Kanonenboot, um den Fluß hinaufzufahren. Ts wurde uns mitgeteilt, daß die Tholera sehr stark ausgetreten sei und auch hin und wieder Opfer gefordert habe. Auch mir hatte das Klima bereits zugesetzt, ich bekam das Wechselfieber, aber meine Natur war noch stark und stark war auch in mir der Wille, die Heimat wiederzusehen. Am 7. Juni kamen wir in Phu-Lang-Thuong an und sahen dort noch die Spuren des französischen Nückzuges von der chinesischen Grenze her. Die Franzosen wurden dort durch feindliche Uebermacht zurückgedrängt,' was sie in sieben Monaten erobert hatten, mußten sie in zehn Tagen wieder preisgeben. Sn trauriger Verfassung kamen sie zurück, sie waren ohne Waffen, fast ohne Kleidung,' Kriegskassen und Geschütze hatten sie in den Fluß geworfen, um schneller sortzukommen, daher rührte auch der schnelle Waffenstillstand her und die Uebergabe der beiden Inseln Formosa und pescadore. Wir wurden nun in Tonking gegen die sogenannten „Schwarzslaggen" verwendet. Vas find aufständige Eingeborene, die von der chinesischen Negierung oder von den einzelnen Vizekönigen unterstützt wurden. Diese Landen hatten zum Ziel, alles zu vernichten, was vor sie kam. Gewöhnlich überftelen sie Dörfer, in denen Besatzung gelegen hatte oder noch lag, machten alles nieder und verschwanden wieder, nachdem sie alle Gebäude in Brand gesteckt hatten, wenn wir dann in diese Ansiedlungen kamen, so war nichts mehr da als Trümmerhaufen, vereinzelte dieser Banditen beschossen uns aus einem sicheren verstecke und brachten uns Verluste bei,' beim besten Willen konnten wir nichts dagegen ausrichten, es war ein Kampf, dem viele auf unserer Seite zum Opfer sielen. Sn dieser Gegend beftnden sich große Neisfelder, die aber kaum zu betreten waren, da sie bewässert waren, der Neis wächst dort zum größten Teil im Wasser. Ningsum um diese Felder ziehen sich Böschungen, auf denen wir marschierten,' denn Straßen und Wege gibt es dort kaum. Die Luft ist so schwer, daß sie wie ein bleierner Mantel auf einem ruht, auf den Fremden wirkt sie sehr gesundheitsstörend. Die Tonkinesen, die wir dort trafen, hatten noch nie solches Brot gesehen, wie wir es hatten, sie wollten es auch von uns nicht annehmen, weil schon viele von uns krank waren. Da wir keinen Hunger hatten, so kam vieles dort um. Trotz ihres ärmlichen - Lebens sind diese Menschen sehr arbeitsam, sie leben hauptsächlich von Neis. Die Mahlzeit wird in der Negel so bereitet, daß man Neis in einem Topfe dämpft, unten hat man Wasser, oben Neis, doch läßt man die Körner nicht verfallen. Man tut etwas Gewürz daran, dann wird das Ganze zu einem Ballen von der Dicke einer Faust zusammengeballt. An einem solchen Ballen hat ein Tonkinese den ganzen Tag genug. Mit den übrigen Speisen, von denen ich später noch etwas berichten werde, werden sich Europäer nie befreunden können. Die Tonkinesen sind von kleiner Statur, aber sehnig gebaut,' sie sind sehr schmutzig und hinterlistig und sehen in jedem Fremden einen Feind, daher auch ihr scheues Benehmen. Ihre Häuser sind zumeist aus Bambus hergestellt, es sind kleine Hütten, die durch eine Wand in zwei Näume geteilt sind. Diese Hütten erheben sich etwas über den Erdboden, damit die Luft durchziehen kann und damit man Schutz vor allerhand Getier, namentlich vor Schlangen, hat. Der vordere Naum dient als Wohn- und Aufenthaltsraum, der Hintere als Schlafraum. Seitwärts sind die Näume für das Vieh. Möbel nach europäischer Art gibt es nicht, nur eine Pritsche aus Bambus dient als Bett, einige Matten, die auf dem Boden liegen, sind die Sitzgelegenheiten. Den Einfluß der europäischen Missionare kann man dort sofort merken, wenn man besser eingerichtete Häuser sieht, in denen Tische und Stühle zu finden sind. Die Kleidung ist im allgemeinen bei Männern und Frauen die gleiche: kurze bis über die Knie reichende Beinkleider, eine Art Klittel, an welchem die Aermel bis zur Mitte des Unterarms reichen. Um die Hüfte schlingen sich diese Eingeborenen ein ungefähr zwei Meter langes Band, auf dem Kopse tragen sie den kleinen spitzen Hut, wie man ihn oft auf den Neklamebildern der Teegeschäste abgebildet sieht. Der Kittel der Frau ist etwas länger als der des Mannes. Wenn man das Gesicht der Leute betrachtet, so könnte man beinahe meinen, es seien lauter Frauen,' denn 199 es findet sich sehr seilen ein Mann mit einem Lart. vom fortwährenden vethelkauen sind die Zähne der Erwachsenen dunkel rotbraun gefärbt, im Unterschied von den Zähnen der Kinder, die blendend weiß sind, doch folgen die Kinder schon im Ulter von zehn Jahren in dieser unschönen Gewohnheit ihren Litern. In der ersten Zeit unseres Aufenthalts in Phu-Lyng- Thuong starb mein Freund B. an der Tholera, überhaupt chatten wir dort sehr viele Kranke, fortwährend gab es Abgänge von der Truppe, und unser Dienst wurde immer beschwerlicher. Um 29. Juni 1885 kam der Befehl, daß wir die ungastliche Stätte verlassen sollten, wir wurden auf ein kleines Kanonenboot verladen, und fort ging es auf einem großen Fluß, dessen Kamen mir entfallen ist. Um öl.Fuli kamen wir nach Phu-Uho, dort wurde ich ernstlich krank' denn die Dysenterie hatte sich bei mir eingestellt,' ich machte aber noch bis zum 15. Uugust Dienst mit' an diesem Tage kamen wir von Phu-Uho weg. Venn ich sage, daß es ein großer Fluß war, auf dem wir fuhren, so ist dieser doch nicht mit dem Uhein oder der Donau zu vergleichen,' denn erstens können nur Schiffe mit ganz geringem Tiefgang darauf fahren und zweitens ist fast immer das Wasser versiegt, auch sehr schmutzig. Uber an den Ufern stehen die herrlichsten Gewächse, es ist ein wahres Paradies, an dem man sich nicht satt sehen kann. Im Wasser finden sich ganze Herden von Krokodilen (Kaimon nennt man diese Urt), welche sich bis an die Schiffe heranwagen,' es sind ganz gefährliche Geschöpfe, mit denen nicht zu spaßen ist. Für alle die Lehenswürdigkeiten, die dort zu finden sind, hat jedoch ein Fremdenlegionär selten Verständnis,' er ist ja eigentlich lebendig tot. Und gerade damals, wo sich fast bei jedem heimtückische Krankheiten bemerkbar machten, war der Linn für Uaturschönheit ganz abgestumpft, Brütend saß man da und machte sich Vorwürfe, daß man sein Glück so leichtsinnig preisgegeben hatte. Immer und immer wieder kamen die Gedanken an die Heimat und an das Vaterland, an die Tltern und Ungehörigen. (Fortsetzung folgt.) was -er alte Vetter erzählte. Lins Erzählung aus der Zranzosenzeit von Lugen mannt.') Uls ich vor zwei Fahrzehnten in den Dienst unserer pfälzischen Kirche trat, war mir neben meinem Hauptberuf die pastorierung eines kleinen Gebirgsdorfes nahe bei der Stabt zugewiesen. Line von den liebsten Erinnerungen aus den Fahren meiner dortigen Wirksamkeit ist und bleibt mir der Verkehr in dem Hause von einfachen, biederen Uckerersleuten, die mit ihrem Kuhgespann ihr Feld bestellten, aber bei weiser Lparsamkeit es zu einem gewissen Wohlstand und infolge ihres ehrenhaften Lebens zu wohlverdientem Unsehen in der Gemeinde gebracht hatten. In diesem Hause lebte ein alter Mann im Vorbehalt, der von der ihm verwandten Familie, ja im ganzen Dorfe nur „der Vetter" genannt wurde. Uls ich ihn kennen lernte, war er bereits hoch in den achtzig, von morgens bis abends rauchie er sein Pfeifchen. Lein Platz war gewöhnlich aus der Ofenbank und mehr wie einmal saß ich dort bei ihm, wenn ich den ini kirchlichen Leben der kleinen Gemeinde einflußreichen *) Wir freuen uns, unseren Lesern diesmal die Erzählung eines bewährten süddeutschen Volksschriftstellers bieten zu können. Dekan Lugen Mager in Kaiserslautern spielt in dem kirchlichen Leben der Rheinpfalz Sägern eine bedeutungsvolle Rolle. Lr ist Herausgeber des evangelischen Sonntagsblattes „Union" und des „Pfälzischen protestanten-vereins-Kalenders". v. Red. Hausvater oder die freundliche, beredte Hausmutter nicht daheim antraf. Da war es mir ein Genuß, mir vom „Vetter" aus alten Tagen erzählen zu lassen, von der Vergangenheit des Walddorfes und Erinnerungen aus seinem eigenen Leben. Das meiste von dem, was ich damals von dem alten Manne hörte, ich mir in Vergessenheit geraten. Uber eines ist mir im Gedächtnis hasten geblieben. Das war, als er von seinem Bruder erzählte, dem großen, starken Hannes, der unter Uapoleon bei den Kürassieren diente und mit nach Uußland zog. Line stille Träne rollte dem Vetter in die weihen Bartstoppeln, während er von den Tugenden des älteren Bruders redete, und er ließ sie rollen und mühte sich nicht, sie zu verbergen oder wegzuwischen, heute tauchen die Worte des Greises wieder in meinem Gedächtnis auf und ich zweifle nicht, daß sie einem lebhaften Interesse begegnen werden, zumal sie eine Urt von Fahrhunderterinnerung bilden. Darum berichte ich, Wahrheit mit Dichtung vermengend, was der alte Vetter erzählte. Uls ich geboren wurde, war unser Dorf noch viel kleiner als es heute ist. Einige zerstreute Häuschen waren bewohnt von ein paar Holzhauern. Sie arbeiteten im Wald und bauten ihre mageren Ueckerchen, die in unserer Waldlichtung lagen. Wir waren damals französisch wie alles Land diesseits des Uheins, obwohl keiner von uns französisch sprechen konnte. Mein Vater erzählte uns oft, wie wir französisch geworden sind. In Paris hätten sie ihrem König und seiner Frau den Kops abgeschlagen und die Republik ausgerusen. Dann seien sie auch in die Pfalz gekommen, um die Leute frei zu machen. Diese hätten anfangs über die verzottelten Kerle gelacht, weil sie so zerlumpt dahergelaufen wären. Die „Herren Ghnehosen" hätten sie sie genannt. In unser Dorf sei lange keiner gekommen. Da, an einem regnerischen Uovembertage, hätte man ganz weit überm Wald drüben Kanonendonner gehört, die Leute seien zusammengelaufen und hätten gesagt, es werde eine Schlacht geschlagen. Ueber der Stadt drüben ständen Preußen und Gesterreicher und drüben bei der Burg und weiter hinaus bis ins Lautertal hätten sich die Franzosen aufgestellt. Drei Tage habe die Schlacht gedauert. Um letzten Tage sei ein versprengter Trupp aus dem Wald herausgebrochen, wilde Kerle mit zerrissenen Kleidern und pulvergeschwärzten Gesichtern. Einige hätten den Kops oder den Urm verbunden gehabt. Uls sie unsere Hütten sahen, hätten fie einen Uugen- blick gestutzt, dann seien sie vorsichtig herangekommen und hätten mit Worten und Gebärden zu essen und zu trinken verlangt. Ein blutjunger Offizier, so erzählte mein Vater, kam in unser Haus und bat in deutscher Sprache um Wasser. Er konnte sich nur noch mühsam aufrecht erhalten,' denn er war am Dein verwundet,' der Blutverlust, die Unstrengungen der dreitägigen Schlacht und die Schmerzen hatten ihn geschwächt. Meine Mutter hatte Mitleid mit dem jungen Menschen. Sie stellte ihm einen Stuhl hin und bot ihm, was wir im Hause hatten: ein Stück Brot und Speck. Er wies es dankend zurück und verlangte nur Wasser. Das Wasser war damals wie heute noch bei uns rar. Es wurde recht sparsam damit umgegangen. Ein Zuber voll stand in unserer Küche. Meine Mutter nahm ein kleines Gefäß, schöpfte aus dem Zuber und reichte es dem Fremden. Dieser griff gierig darnach und setzte es an die Lippen. Uber sofort ließ er ohne zu trinken die Hand sinken und sah meine Mutter halb mißtrauisch, halb drohend an, indem er ihr das Gefäß unter die Uugen hielt. - 200 „Was ist das? Wollt Ihr mich vergiften?" grollte es aus seiner lechzenden Kehle. Meine Mutter sah erschrocken hinein und bemerkte jetzt erst, daß das Wasser etwas trüb war und daß etliche weiße Flecken oben drauf schwammen. Sic wußte aber sofort, woher das kam. Beruhigend sagte sie zu dem Offizier: „Macht nix, 's war Millich im häbche."*) Da mußte der Herr lachen. Gr hatte es verstanden. Jedenfalls war er einer von den Elsässern, die ja auch früher schon einmal deutsch gewesen waren. Mit gierigen Zügen leerte er das Gefäß, das noch einmal und noch einmal gefüllt gefüllt werden mußte. Dann gab ihm meine Mutter die vor- cher zurückgewiesene Speise, die er in ein Tuch wickelte und mitnahm; auch ein Stück Leinwand, die meine Mutter hervorholte, lehnte er nicht ab' er wollte damit, sagte er, seine Wunde verbinden, wenn der jetzige verband zu blutig geworden sei. Bann drängte er seine Leute zum Uufbruch und bald waren sie wieder im Walde verschwunden. (Fortsetzung folgt.) Kleine Mitteilungen. Mit Rücksicht auf die vielen Gottesdienste in der nächsten Zeit sollen unsere Kriegsbetstunden, die ja eine sehr rege Beteiligung aufweisen, vorläufig ausfallen. Die nächste Kriegs- betstunde ist am 5. Januar in der Stadtkirche. kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 19. Dezember, 4. Udvent. Gottesdienst. In der Stadttirche. vormittags 9 % Uhr: Pfarrer ITT ahr. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeinde. Pfarrer Mahr. Uachmittags 2 Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde. Pfarrer Schwabe. Ubends 5 Uhr: Pfarrer Schwabe. Ubends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen und weiblichen Jugend der Matthäusgemeinde. In der Johanneskirche. vormittags 9)/» Uhr: pfarrassistent Hossmann. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Lechtolsheimer. Uachmittags 3 Uhr: Weihnachtsfeier für die Kleinkinder- Bewahranstalt. Pfarrer Uusfeld. Ubends 5 Uhr: Pfarrer Uusfeld. Ubends 1/28 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Lukasgemeinde. In der Stadtkirche. Donnerstag, den 2 3. Dezember. Uachmittags 3 Uhr: Weihnachtsfeier für die Kinderkirche der lUatthäusgemeinde. Pfarrer Mahr. Freitag, den 2 4. Dezember. Uachmittags 3 Uhr: Weihnachtsfeier für die Kinderkirche der Markusgemeinde. Pfarrer Schwabe. In der Johanneskirche. Donnerstag, den 2 3. Dezember. Uachmittags 3Fe Uhr: Weihnachtsfeier für die Kinderkirche der Johannesgemeinde. Pfarrer 5l u s f e l d. *) 3n der Pfalz und auch im südlichen Rheinhessen, besonders im Kreifc Worms gebraucht man für „Topf" den klusdruck „Hafen", davon abgeleitet „häbche" und „häwclche",. in Hessen sagt man „Oibbche". D. Red. Freitag, den 2 4. Dezember. Uachmittags 3 Uhr: Weihnachtsfeier für die Kinderkirche der Lukasgemeinde. Pfarrer BechtolsHeimer. f Ankündigungen empfehlenswerter Firmen ^ Carl Loos Kirchenplatz 13 :: Telephon 797 Manufaktur- und Weißwaren Herren- u. Knabenkleider Heinrich Nofl Mäusburg Nr. 7 Telephon Nr. 292 Spezial-Geschäft für Bureaubedarf • Schreibmaschinen Papierhandlung, Buchbinderei, Gesangbücher. Moderne Kunstarbeiten. Photographische Apparate und Zubehöre Große Auswahl in Weihnachtsgeschenken empfiehlt August Seip, Gießen Seltersweg 22. f Kleider-Stoffe 1 Blufen - Stoffe Husfteuer-Hrtikel Reife außergewöhnlich billig Elagengeftfidlf. Geringe Unkolten Gememfdiafdldier Einkauf mit 3 Gebückten zulammen bina Bernard Sishsn, Bismarckltraheb V— _— J Sa T"- C. 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Beck; Druck und Verlag der Nrühl'schen Universitäis- Bud)< und Steindruckerei R. Lange, sämtlich zu Gießen.